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Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika

Chapter 7: d. 19. Juni.
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About This Book

A series of travel sketches and diary entries recounts a journey from Europe to East Africa, describing sea passages, stops at Mediterranean and Red Sea ports, and arrival in coastal African towns. The author records vivid port scenes, shipboard life and diverse fellow passengers, everyday practicalities of travel, climatic conditions, local costumes and street life, encounters with colonial officials and merchants, and impressions of cultural exchanges and tensions. The narrative alternates descriptive passages with personal reflections on colonial attitudes, hospitality, and the challenges of travel in tropical regions, concluding with notes on domestic arrangements and daily routines ashore.

The Project Gutenberg eBook of Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika

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Title: Reisescizzen und Tagebuchblätter aus Deutsch-Ostafrika

Author: Freiin von Frieda Bülow

Release date: February 7, 2021 [eBook #64483]
Most recently updated: October 18, 2024

Language: German

Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the Brigham Young University Library.)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISESCIZZEN UND TAGEBUCHBLÄTTER AUS DEUTSCH-OSTAFRIKA ***

Frieda Freiin von Bülow.

Reisescizzen
und
Tagebuchblätter
aus Deutsch-Ostafrika.

Berlin 1889.
Walther & Apolant.

Markgrafenstraße 60.

Alle Rechte vorbehalten.

Meinen
wackeren Freunden und Gefährten
in Ost-Afrika

mit herzlichem Gruße
zugeeignet.


Reise-Erinnerungen.

Der Markusplatz lag in hellem Sonnenglanz, welcher in all dem blanken Marmor und in der Goldmosaik der wunderbaren maurischen Kirche funkelte und blitzte. Auf den Marmorplatten wogte eine festtägliche Menge mit nur in Venedig möglicher Geräuschlosigkeit. Tausende von schönen Augen sahen erwartungsvoll nach der berühmten Uhr hinauf, die heute ihr schönstes Kunststück machte, denn es war am Tage der Himmelfahrt Christi. – Wir aber wandten uns, begleitet von einigen Kofferträgern nach der Piazzetta, von wo aus wir eine der langgeschnabelten schwarzen Gondeln bestiegen und nach dem Hafen hinausruderten. Dort lag, weit draußen, der große »Indienfahrer,« ein Dampfer der »Peninsular and Oriental Steam Navigation Company,« der uns nach Aden bringen sollte. Mein Onkel und seine junge Braut geleiteten uns noch an Deck, doch mußten sie uns bald das letzte Lebewohl sagen, denn die Abfahrtsstunde war gekommen. So lange wir die sich Entfernenden sahen, winkten wir mit den Tüchern. Dann nahm das Rasseln der Ankerkette, das Hin- und Herlaufen dunkelfarbiger Matrosen, die Commandorufe der Schiffsofficiere, der lange, klagende Pfiff und das Schnaufen der in Thätigkeit gesetzten Maschine unsere Aufmerksamkeit gefangen.

Schönes heiteres Wetter und ruhige See begleiteten uns bis Alexandria, wo uns dicht am Schiff bereits der Eisenbahnzug nach Suez erwartete. Wir hatten indessen bis zur Abfahrtszeit noch eine oder zwei Stunden zu warten. Sowie das Schiff still lag, kamen zahlreiche Aegypter an Bord, um uns ihre Dienste anzubieten, oder Waren feil zu halten. Ihr Mienenspiel und ihr gebrochenes Englisch erschienen mir überaus komisch. Einem englischen Oberst, der nach Indien reiste, fiel es ein, Volksreden zu halten. Damit schien er den Geschmack des braunen Auditoriums getroffen zu haben. Sie scharten sich um den Redner, lauschten seinen Worten mit Aufmerksamkeit und waren mit pfiffigen Gegenbemerkungen stets bei der Hand. Der würdige Oberst, ein vornehm und selbstbewußt dreinschauender alter Herr, sagte diesem »süßen Pöbel« übrigens keine Schmeicheleien. Er schalt sie vielmehr mit einer eines Bußpredigers würdigen Aufrichtigkeit aus wegen ihres Verhaltens gegen die Europäer während des letzten Aufstandes. Der Rede kurzer Sinn war ungefähr: »Ihr miserablen Kerls, schämt Ihr euch nicht, den Europäern das Geld abzunehmen und uns wie Fliegen zu umschwärmen, so lang ihr glaubt, noch etwas aus uns herausziehen zu können, und dann, wenn dieselben Europäer, denen Ihr Euren Lebensunterhalt verdankt, vor Euren Augen bedrängt werden, sie nicht mehr kennen zu wollen! Ihr nichtsnutzige Bande! Hat auch nur einer unter Euch Hand oder Fuß gerührt, um Euren Wohlthätern zu helfen?!« –

Der Oberst redete im Tone gerechtester Entrüstung und sparte nicht mit dem »for shame!« Seine Zuhörer, die von Zeit zu Zeit sehr intelligente Einwände laut werden ließen, lauschten im übrigen mit behaglichem Lächeln. Es war eine Scene, die in ihrer drastischen Komik einerseits, anderseits durch den historischen Ernst, den große Ereignisse wie einen Schatten darüber warfen, Shakespeare'schen Dramen entstiegen schien und zu mancherlei Betrachtungen Veranlassung gab.

Wir fuhren nun 12 Stunden lang per Schnellzug durch die Wüste, gegen deren gelben Sand wir uns vergeblich mittelst blauer Brillen und Tücher zu schützen suchten. In Suez angelangt, wurden wir bei sternenklarer Nacht auf einem Schlepper nach der weit außen liegenden »Malva« befördert. –

Das rothe Meer, in das wir am folgenden Tag gelangten, zeichnet sich, wie bekannt, durch eine Hitze aus, die nur noch von der Temperatur des persischen Meerbusens übertroffen werden soll. Die Herren suchten nachts auf dem Verdeck etwas Schlaf zu finden, die Damen auf der Tafel unter den »Sky lights«. Meine Gefährtin und ich hielten es in der Cabine aus und waren dabei doch die Einzigen, die schlafen konnten. – Ich habe auf dieser Reise übrigens die Engländer von der liebenswürdigsten Seite kennen gelernt. Unter den Passagieren befand sich ein Oberst, – nicht der Volksredner, – der ein und ein halbes Jahr als Gefangener des Königs von Abessynien in Ketten gelegen hatte. Dieser war auch vor Jahren einmal »political agent« in Zanzibar gewesen, hatte aber die Insel nicht in guter Erinnerung. Er beklagte mich meines Reiseziels halber und riet mir sofort und täglich Chinin zu nehmen. »Zanzibar is a sad place,« meinte er, »it has such a churchyardy feeling about it

Ein anderer Herr, von dem man mir sagte, er sei einer der ersten Rechtsanwälte in Bombay, wurde mir von den Officieren als »a radical man« bezeichnet. Die Dispute dieses Radikalen mit jenen, die äußerst loyal und conservativ gesinnt waren, amüsierten mich nicht wenig. Mir gegenüber liebte es der Radikale, Parallelen zwischen der deutschen und der englischen Nation zu ziehen und entwickelte dabei Ansichten, die mir bei einem Engländer neu waren. Er beklagte ernstlich, daß seine Landsleute an einem Uebermaß von Nationalgefühl krankten, welches schon mehr in verbohrte Beschränktheit ausgeartet sei. Engländer seien um kein Haar besser als irgend ein anderes Volk, vielmehr die menschlichen Fehler und Vorzüge überall die nämlichen. Ein vernünftiger Mensch müsse Kosmopolit sein, u. s. w.

Eines Abends zeigte mir der Oberst, der den Männern von Alexandria Moral gepredigt hatte, am Sternenhimmel das südliche Kreuz, welches ungefähr in der Mitte des roten Meeres zum ersten mal sichtbar wird. Ich erzählte ihm stolz und freudig, daß dies Kreuz auf der Flagge unserer Ostafrikanischen Kolonie prange. Da sah mich der Brite groß an und brach dann in lautes Lachen aus. Ich frug, warum er lache. »Sie haben Ihre Kolonialflagge ja recht bescheiden gewählt,« sagte er, und lachte von neuem. Ich erklärte ihm darauf sehr bestimmt, das Thema deutscher Kolonisation würde von nun an nicht mehr zwischen uns berührt werden, da ich Spott über diesen Gegenstand nicht annehmen könne und wolle. Der Oberst ließ es sich sehr angelegen sein, mich zu begütigen, aber ich blieb meinem Vorsatz treu. Im stillen dachte ich: Lacht ihr nur. Wer aber zuletzt lacht, lacht am besten.

Außer den Engländern befand sich ein Pfeifenhändler aus Ostfriesland, der seit Jahren in Indien lebte und naturalisierter Engländer geworden war, sowie der italienische Konsul Zanzibar's, Cavaliere Vincencio Filonardi, an Bord. Mit dem Friesen sprach ich so lange von seiner Heimat, bis er zu meiner Befriedigung den angenommenen Engländer fallen ließ, und die deutsche Eigenart vorkehrte. Er sang uns abends am Clavier deutsche Volkslieder vor und erntete allgemeinen Beifall.

In Aden trennten wir uns von den liebenswürdigen Reisegefährten, die ihren Cours nach Bombay fortsetzten und ließen uns in Begleitung des italienischen Konsuls nach dem Dampfer der British India Line fahren, der auf seiner Route nach Madagaskar Zanzibar anläuft. Leider machte sich das Schiff schon aus einiger Entfernung durch widerlichen Geruch bemerkbar. Diese nach Lamu, Mombassa, Zanzibar und Madagaskar fahrenden Dampfer nehmen für jene Orte in Aden eine große Ladung geräucherten Haifisches an Bord, von dessen üblem Geruch man sich kaum eine Vorstellung machen kann. Trotzdem ist der »papa« die Lieblingsspeise der Neger, Indier und Araber! Nun freilich, eine Schiffsladung aus Heringen und altem Käse bestehend möchte einen Nichtkenner dieser Delikatessen auch nicht durch ihr Parfüm anlocken. Während wir im Hafen lagen, kamen sieben algerische Mönche an Bord, die in langen, weißwollenen Gewändern, ebensolchen flatternden Mänteln, weiß überzogenen Korkhelmen und Kreuzen auf der Brust höchst malerische Gestalten waren. Wir begaben uns an Land, um uns die jetzt notwendig gewordenen Kork-Sonnenhüte zu kaufen. Der italienische Konsul, Herr Filonardi, bot uns Mangos an, eine beliebte Frucht, die leise nach Terpentin riecht und unter der dicken grünen Schale einen steifen, süßen orangegelben Crême enthält, den man mit dem Theelöffel ausißt. Wir konnten uns noch nicht mit dem Fremdartigen des Geschmacks befreunden.

Als wir uns abends auf unser Schiff zurückbegaben, hatte sich der große Sandplatz am Hafen in einen Schlafsaal verwandelt. Die Bewohner von Aden hatten dort ihre Betten aufgeschlagen, – nicht auf der Erde, sondern meist in richtigen Bettstellen – und lagen um uns her in guter Ruhe.

Am folgenden Morgen kamen mehrere deutsche Herren an Bord, die bis Aden mit dem Bremer Lloyd gefahren waren und nun in diesem schattenlosen Felsennest auf uns hatten warten müssen. Unter diesen Herren befanden sich der zur Vermessung der geplanten Eisenbahnlinie von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft ausgesandte Regierungsbaumeister Wolf und sein Adjutant, Herr von Hake, etwas Amerikaner im Äußeren, von Gesinnung aber so deutsch, wie nur diejenigen es werden, die im Ausland unter dem steten zu kurz kommen der Unsrigen zu leiden gehabt haben.

Auch unser Missionar, Herr Pastor Greiner, mit seiner Frau und Nichte kam auf die Mecca und noch ein schwindsüchtig aussehender englischer Missionar. Der Kapitän, ein sehr behaglicher, wohlwollender alter Herr, schüttelte den Kopf über so viel »Propheten« – es waren in der That neun geistliche Herren an Bord, – und sagte: »das wird eine stürmische Fahrt werden.« Als ich es mir mittags schmecken ließ, sagte er halb wehmütig: »Essen Sie nur, Baronesse; morgen werden Sie es nicht mehr können.«

Vorläufig beunruhigte meine Gefährtin und mich der Sturm weit weniger, als die Unsauberkeit dieses Schiffes. Besonders graute uns vor den Kokerutschen, einer etwa zehnfachen vergrößerten Auflage der heimischen Küchenschwaben, die raschelnd überall umherliefen, leider auch scharenweise an den Wänden unserer Kabine. Diese Ungetüme machten uns große Not und wir wurden obendrein noch ob unseres Entsetzens ausgelacht. Indessen zogen sich die Tiere etwas zurück, als wir, den Golf von Aden verlassend, die hohe See erreichten. Zugleich aber, nämlich am Cap Gardafui, kamen wir in den Südwestmonsum. Die Mecca tanzte zwischen Wellenbergen, die das Schiff von allen Seiten ansprangen, weshalb der Kapitän meinte, wir seien in die letzte Wellenbewegung eines Cyclon gekommen. Ich war so krank, daß ich zeitweise sogar die Besinnung verlor und dann glaubte ich mich stets in einer Waldschlucht meiner Thüringer Heimat. Eines Abends zogen mich der Kapitän und der Schiffsarzt fast mit Gewalt auf's Verdeck, wo ich in einen mit Tauen befestigten Schiffsstuhl gelegt wurde. Es bot sich mir ein ganz eigentümlicher Anblick. Rings um das auf und nieder steigende Fahrzeug standen dunkle Wasserberge, die den Horizont dicht vor uns abgrenzten. Sonst war nichts zu sehen. Sturzwellen kamen von allen Seiten über das Verdeck und spülten zahllose Silberfische an Bord, die von dem Kapitän und den Matrosen mit den Händen gefangen wurden zum delikaten Frühstück. Der Kapitän lief mit dick verbundenen Füßen umher. Er war so unvorsichtig gewesen, wegen des auf Deck stehenden Wassers und der Schlüpfrigkeit Stiefel und Strümpfe wegzulassen, aber ehe er sich dessen versah, hatte ihm die Tropensonne arg schmerzende Brandwunden zugezogen. Die Passagiere lagen in kläglichstem Zustand umher, besonders litten die weißen Priester stark durch die Seekrankheit. Am tapfersten hielt sich der Regierungsbaumeister Wolf aufrecht, doch meinte auch dieser, so schlecht sei es ihm in seinem Leben noch nicht ergangen. Einige junge Deutsche (nachmals Angestellte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft), die zweiter Cajüte fuhren, boten übrigens den Unbilden der stürmischen Fahrt mit beneidenswertem Frohsinn Trotz. Ich hörte sie täglich singen und jodeln. Jede Sturzwelle wurde mit ausgelassenem Hurrah begrüßt. Der erste Offizier, der die jungen Leute gelegentlich wegen der positiven Gefahr des Überbordgespültwerdens in die Cabine nötigte, konnte nicht umhin dieser unverwüstlichen Laune Bewunderung zu zollen. »'pon my word«, rief er aus, »I never saw such a jolly set!«

Am zehnten Tag unserer Fahrt langten wir vor Lamu an. Sowie die Schraube zu arbeiten aufhörte, fühlte ich mich frisch und munter, so daß ich mich ungesäumt auf Deck begab. Vom Lande her nahte sich ein Boot unter deutscher Flagge, das indessen des hohen Seegangs wegen nur langsam vorwärts kam. Bald konnten wir auch zwei weißgekleidete Europäer neben den schwarzen Ruderknechten erkennen. Es waren die Herren Gustav Denhardt und Lieutnant Ramsay, welche kamen, um ihre Postsachen zu holen. Sie konnten uns die neuesten Nachrichten von den Freunden in Zanzibar geben und wir mußten ihnen von Berlin erzählen.

Zwei Tage später machten wir noch eine Ruhepause in dem reizenden Hafen von Mombassa, um dann ohne weitere Unterbrechung unserem Ziele zuzusteuern.


Tagebuchblätter.

Zanzibar, den 16. Juni 1887.

Gestern Abend näherte sich unsere Mecca, nachdem sie am Morgen fünf Stunden auf einer Sandbank im Kanal von Pemba festgelegen, endlich der Stadt Zanzibar.

Stundenlang, ehe diese noch sichtbar, standen wir am Rande des Schiffes und sahen durch die Ferngläser nach dem bläulichen Küstenstreifen der Insel. Bald konnten wir Waldungen erkennen und die auf einem Landvorsprung errichtete Signalstange, deren Flagge dem Wächter auf dem Sultansturm unser Nahen frühzeitig ankündigte. Als es dunkelte, leuchtete vor uns das große electrische Licht auf, mit dem der Sultan in mondlosen Nächten seine Umgebung erhellt.

Kurz nach Sonnenuntergang ließ der Kapitän noch außerhalb des Hafens Anker werfen, da ihm das Einlaufen zwischen Korallenriffen und Sandbänken bei Nacht nicht ratsam schien. »The captain believes in safety«, sagten seine minder geduldigen Offiziere lächelnd.

Ich sehnte mich, festes Land unter den Füßen zu fühlen, aber von unseren Deutschen war nichts zu hören und zu sehen. Darum nahm ich es gern an, als Herr Filonardi dem Schiffsarzt, einem Irrländer namens Roß, und mir vorschlug, mit ihm an Land zu fahren, um wenigstens etwas spazieren zu gehn. Die italienische Kolonie, bestehend aus vier Herren, war pünktlich und vollzählig erschienen, um ihren Konsul zu begrüßen. In Gesellschaft dieser lebhaften Romanen ließen wir uns durch den Hafen rudern, wo zahlreiche Lichtchen auf den Schiffen grüßten, während die electrische Flamme auf dem Turm einen breiten Silberstreifen über die dunkle Wasserfläche warf.

Nachdem wir auf nassem Sand und Korallen gelandet, wurden wir durch die Stadt geführt. Die engen, krummen, dunklen und holperigen Gassen entsprachen nicht dem Bild, das die reich illuminierte Häuserreihe am Meer vom Hafen aus geboten. Ich war auch ermattet von der anstrengenden Seefahrt und stolperte jeden Augenblick über Schutt und Gerümpel oder versank bis zum Fußgelenk in irgend eine Vertiefung. Eingefaßt waren die Gassen von hohen, fensterlosen Mauern. Eine Seitenstraße, ebenso schön wie die anderen, wurde uns unter fröhlichem Lachen als »Boulevard des Italiens« vorgestellt. Wir bogen in dieselbe ein und befanden uns auf einmal in einem von hohen Mauern umgebenen Hof, der in dem matten Licht einiger durch eine halboffene Gallerie schimmernder Lampen ganz romantisch aussah. – Unter einem hohen Baum lagen Warenballen aufgeschichtet und eine Steintreppe führte von außen nach dem zweiten Stock des Hauses auf die einem Klosterkreuzgang ähnliche Gallerie. Ich sah mich verwundert um und frug, wo wir wären. Das ist unser Konsulat, sagten die Italiener. Ich forderte Mr. Roß auf, nun mit mir nach dem Schiff zurückzukehren, davon wollte aber der Konsul nichts hören. Ich müsse mich nach dem beschwerlichen Gang zunächst etwas ausruhen, meinte er, er werde uns dann selbst auf die Mecca zurückfahren.

Dr. Roß und ich freuten uns übrigens, bei dieser Gelegenheit gleich ein zanzibaritisches Intérieur kennen zu lernen. Wir stiegen unter Führung der Italiener die steile Treppe hinan und traten von der Gallerie aus in einen hellerleuchteten hohen Raum, dessen Einrichtung – buntgewirkte Teppiche und Decken, schwere seidne Vorhänge, große Vasen, indisches Schnitzwerk und bequeme Sessel aus Rohrgeflecht – ganz das von europäischem Geschmack durchsetzte orientalische Gepräge trug. Man rückte uns die behaglichsten Sitze zurecht und dann brachte ein schwarzer Diener auf den Wink des Hausherrn Champagnerschalen, in die unser Wirt italienischen Schaumwein goß. Zu meiner besonderen Freude machte ein schöner Bernhardiner, der dem Vicekonsul, Herrn Pietro Ferrari gehörte, seine Aufwartung. Erwähnter Herr, der uns durch den Konsul als Musikfreund und Inhaber einer schönen Stimme verraten wurde, mußte sich auf unsere Bitte an das Piano setzen und uns einige Arien vortragen, was er ungern, dann aber mit echt italienischer Lebhaftigkeit absolvierte. Nach einer auf solche Weise sehr angenehm verflossenen halben Stunde traten wir den Rückweg an. Noch einmal mußten wir beim Rascheln der Kokerutschen an Bord der Mecca übernachten und das sanfte Plätschern der an die Schiffswand schlagenden Dünung sang uns das Schlaflied.

Zanzibar, den 17. Juni 1887.

Gestern Morgen beeilte ich mich an Deck zu kommen, da um unser Schiff her, in starkem Gegensatz zu der gewohnten Stille auf hoher See, ein gewaltiges Lärmen und Treiben herrschte. Wir waren beim ersten Morgengrauen in den Hafen eingelaufen und befanden uns zwischen einer Menge großer Schiffe, Daus und Boote, ziemlich dicht an der Landungstreppe. Stadt und Hafen glitzerten in einer Flut hellen Sonnenlichts. Es war ein Bild, in dem als Farbe ein blendendes Weiß vorherrschte, eine Landschaft wie Wereschagin sie malt. Die weißen algerischen Mönche von Zanzibar kamen angerudert, um ihre Ordensbrüder in Empfang zu nehmen. Auch andere Europäer in weißem Anzug und weiß umhülltem Korkhelm näherten sich. Ich stand in unbehaglicher Empfindung des Alleinseins am Schiffsrand und sah hinunter auf die sich andrängenden Boote mit ihren lärmenden schwarzen, braunen und gelben Insassen, als auf einmal eine mir wohlbekannte Stimme »guten Morgen, Baronin!« heraufrief. Da bemerkte ich in einem der Boote den Freiherrn von Gravenreuth, der mich mit seinen lustigen blauen Augen ganz so übermütig anlachte wie vormals in Berlin, wenn es galt eine Extratour zu tanzen. Meine trübe Stimmung war verschwunden. Es ist wahr, daß man sich sofort zu Hause fühlt, wo man Gesinnungsgenossen und Freunde findet.

Außer Herrn von Gravenreuth hatte Herr Dr. Peters die mir nur dem Namen nach bekannten Herren Braun und von St. Paul geschickt und das Konsulat seinen Dragoman, Mr. Michalla, der leider kein Wort deutsch spricht. Während sich nun die Herren Braun und von St. Paul der neuangekommenen Beamten und des nach der Duane zu dirigierenden Gepäcks annahmen, fuhren wir mit Herrn von Gravenreuth nach der steinernen Landungstreppe am Schloßplatz, von wo aus wir uns unter des Barons Führung nach dem einzigen anständigen Hôtel der Stadt begaben, dem am Meere gelegenen Hôtel d'Afrique Centrale.

Der Weg vom Landungsplatz zum Hôtel ist kurz, aber charakteristisch. Vor allem bietet er an Schmutz und Unordnung, was man von arabischer Straßenpflege irgend erwarten kann. Gegenüber dem Residenzschloß steht am Meere die Menagerie seiner Hoheit, bestehend aus sechs bis acht morschen Käfigen, in welchen sich ein ziemlich zahmer Löwe, eine Löwin, ein Stachelschwein, ein Jaguar und drei bis vier andere Tiere befinden. Die Straßenluft wird durch diese Sehenswürdigkeit natürlich nicht verbessert. Unter dem Schlafgemach des Sultans, einem frei, auf hohen Säulen stehenden Haus, ist ein Panther als Kettenhund angebunden, den die Vorübergehenden mit ihren Stöcken ärgern. An das Schlafhaus schließt sich der Harem, ein langer Bau mit himmelblau angestrichenen Fensterläden, der durch einen blütenreichen Garten von der Straße getrennt wird. Der Sultan läßt grade vor diesen Garten eine Mauer in Gestalt eines unförmlichen Schiffes bauen, die eine Wasserleitung in sich birgt mit nach der Straße gerichteten Krähnen zur Nutznießung der Gläubigen. Das ist einer seiner originellen Einfälle, der indessen in der Ausführung durch seine Geschmacklosigkeit gradezu erschreckt. Nasser Kalk, Lehm- und zackige Korallensteine, die zum Bau verwendet werden, bedecken den Weg in seiner ganzen Breite. Neben dem Harem steht noch ein Palast mit himmelblauen Fensterläden. Es ist die Residenz von Schwestern und sonstigen weiblichen Verwandten des Sultans. Auf der anderen Seite der Straße am und im Meer sahen wir eine Menge verrostetes Eisen liegen, Anker, Faßreifen, unbrauchbare Maschinenteile u. s. w., das wird hier abgelagert und dem rasch zerstörenden Einfluß der Witterung preisgegeben. Wir überschritten eine Art von Platz und kamen nun an die Fabriken Seiner Hoheit, eine für das electrische Licht und eine für die Bereitung von Eis. Diese Fabriken bestehen aus offenen Schuppen. Davor sitzen auf der Straße in Reihen oder Gruppen aneinander gekettete Neger, welche Holz spalten zur Heizung der Maschinen. Das sind Diebe oder Leute, die ihren Contract gebrochen haben oder ihrem Herrn entlaufen sind, kurz harmlose Übelthäter, die hier zur Strafe mit eisernem Ring um den Hals an die Genossen festgeschmiedet arbeiten müssen. Sie sehen sehr schmutzig aus, aber ganz vergnügt. Quer über die Straße laufen den Fabriken entfließende offene Abzugskanäle, die sich zu Pfützen von widerlicher Farbe und Geruch verbreitern. Man muß, um zu dem Hôtel zu kommen, über die schmutzigen Rinnsale voltigieren und dabei Acht geben, daß man nicht den dicht umherhockenden Sträflingen auf Hände oder Füße tritt.

Das Hôtel d'Afrique Centrale, gehalten von Mr. Chabot, einem Marseiller, ist ein Teil eines großen arabischen Privathauses. Wir traten von der Straße aus in einen kühlen, nach Sitte der Araber mit Marmor-Wandbänken versehenen Flur und gelangten, eine Holztreppe hinaufsteigend auf die Gallerie, die mit ihren auf massigen Steinpfeilern ruhenden Rundbögen einen Hof umschloß. In diesem Innenhof blüht ein alter Oleanderbaum und um ein Wasserbassin schwirrt es von allerhand Geflügel: Truthühner, Enten, Perlhühner u. s. w. Auch Affen verschiedener Größe und Art treiben ihr Spiel daselbst, so daß wir den kleinen Affen Hassan, den uns Herr Filonardi zum Schutz gegen die Kokerutschen in Mombassa gekauft, gleich in ein für ihn passendes Quartier bringen konnten. Von der mit schönen Blattgewächsen geschmückten Gallerie gelangt man in die Gaststuben, große isolierte Zimmer, deren es im ganzen nur vier giebt, abgesehen von zwei oder drei Holzbaracken auf dem Dach. Letztere werden von einigen Reisenden vorgezogen der frischeren Luft wegen; dagegen sollen dort fette Ratten sehr ungeniert ihr Wesen treiben.

Die Araber in Zanzibar scheinen ihre Häuser nach Art unserer alten Schlösser zu bauen. Zwischen dicken Mauern sind die Zimmer sehr hoch und mit kleinen Fenstern versehen. Auf diese Weise werden Räume geschaffen, in denen die Luft circulieren kann und die dabei von der Außentemperatur möglichst abgeschlossen sind. Kühlt abends die Luft ab, so öffnet man die Läden einer bis zum Fußboden reichenden Fortsetzung der Fenster, die mit zierlichem eisernen Schutzgitter versehen ist, und läßt den erfrischenden Seewind ein. Diese Bauart erscheint mir ebenso hübsch als zweckmäßig.

Zanzibar, den 18. Juni.

Gestern Abend ließen wir uns nach der Mecca hinausrudern, um dem freundlichen Kapitän und unserem besonderen Freund Dr. Roß vor ihrer Weiterreise nach Madagaskar noch einmal Lebewohl zu sagen. Dr. Roß hatte uns im Hôtel aufgesucht und erzählt, der Kapitän habe noch immer von den Brandwunden an seinen Füßen zu leiden, so daß er nicht in Stiefel, also auch nicht ans Land kommen könne. Wir waren aber kaum zehn Minuten an Bord der Mecca, als Herr von Gravenreuth uns nachgefahren kam. Er und Herr Dr. Peters hatten uns im Hôtel abholen wollen und nicht angetroffen. Nun ersuchte uns der Baron, unseren Besuch auf dem Schiff abzukürzen und ihn nach dem sogenannten neuen Usagarahaus zu begleiten, in welchem sich am Freitag Abend die ganze deutsche Kolonie zum offnen Abend einzustellen pflegte. Unsere englischen Freunde waren freilich nicht mit dieser Abkürzung unseres gemütlichen Beisammenseins zufrieden, dennoch zögerten wir nicht uns dahin zu verfügen, wo wir von rechts wegen hin gehörten, nämlich zu den Deutschen. Das neue Usagarahaus ist ebenso wie das Hôtel d'Afrique Centrale ein alter arabischer Steinbau, mit dicken Mauern, tiefen Nischen, umfangreichen Pfeilern, Rundbogen und verschiedenen Terrassen. Auch hier umgiebt den Innenhof eine halboffene Gallerie, die sich zur geräumigen Halle erweitert. Hier waren Wände und Säulen mit Flaggen geschmückt und an der Hauptwand befindet sich auf blumenumkränzter Console eine Büste unseres geliebten Kaisers.

Die deutsche Kolonie hatte sich ziemlich vollzählig eingefunden, wenigstens war sowohl unser Consulat, wie auch die verschiedenen Kaufmannshäuser: O'Swald, Strandes, Meyer und was noch hier haust, vertreten.

Ich erkundigte mich eingehend nach Dar-es-Salaam. Diesen deutschen Vertragshafen hatte man in Berlin als Centralplatz der auf dem Festland eingerichteten Stationen ins Auge gefaßt, daher gedachten wir dort die Einrichtung eines Krankenhauses zu beginnen. Inzwischen hatte sich aber Dar-es-Salaam als zu einem Verkehrsmittelpunkt ungeeignet herausgestellt, weshalb unser erster Plan geändert werden mußte. Indessen meinte Herr Dr. Peters, wenn wir auch von einem Haus in Dar-es-Salaam nunmehr absehen müßten, so sei eine geordnete Krankenbesorgung in der Hand einer gelernten Pflegerin dort sehr erwünscht, da grade jetzt in Dar-es-Salaam wegen der Mangrovensümpfe und der Umarbeitung des Bodens viel Krankheitsfälle vorkämen. Mit dem Quartier sei es vielleicht noch nicht so bestellt, wie er es für uns gewünscht habe, indessen riete er mir die nächste günstige Fahrgelegenheit zu benutzen, um mich selbst umzusehen und daraufhin weitere Dispositionen zu treffen.

d. 19. Juni.

Gestern Nachmittag besuchte mich auf Veranlassung des Kapitäns der Mecca die Leiterin der hiesigen englischen Missionsstation »Mkunazini« und lud mich ein, heute in der Mission zu dinieren. Ich frug, ob ich meine junge Krankenpflegerin mitnehmen könne, doch schien deren gesellschaftliche Stellung der schwerfälligen Britin nicht klar genug zu sein, und sie antwortete vorsichtig in verneinendem Sinn. Ich schickte daher Bertha, die ohnehin nicht englisch versteht, zu dem Missionar Greiner und dessen Familie, mit welcher sie auf der Reise schon gut bekannt geworden. Ich selbst wurde von einem jungen deutschen Kaufmann abgeholt, der viel bei den Damen von Mkunazini verkehrt, und dort »lieb Kind« ist. Wir durchwandelten die Stadt in ihrer Ausdehnung vom Meere nach dem landeinwärts vorgelegenen Negerviertel, wobei wir die mit den grellsten Farben bemalten Quartiere der reichen Indier passierten. Daß hier und in anderen Straßen ein Pflaster überhaupt existiert, verdankt die Stadt dem ehemaligen englischen Generalconsul Sir John Kirk. Dieser ließ eines Tages den indischen Unterthanen Ihrer Majestät sagen: Wenn nicht bis zum dritten Tag von heute jeder Hausbesitzer vor seinem Hause pflastern ließe, so würde er selbst es machen lassen, aber auf ihre Kosten. Das soll ungemein rasch gewirkt haben.

Aus den Indierstraßen gelangten wir zwischen die mit Palmzweigen gedeckten Hütten der Neger und bogen zuletzt in ein Mauerpförtchen ein. Mit dieser Biegung verwandelte sich die Scene vor uns wie durch Zauber. Mitten in Neger-Armseligkeit, indischen von Unsauberkeit strotzenden Kramläden und arabischen Schutthaufen sieht man auf einmal ein Stück Englands vor sich mit seiner blanken in voll entfalteter Blüte stehenden Kultur. Erstaunen, Bewunderung und nationale Eifersucht erfüllten mich bei dem überraschenden Anblick. »Wenn wir doch erst so weit wären!« rief ich. »Das wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern,« meinte lächelnd mein Führer, »hier steckt viel englisches Geld darin und jahrelange Arbeit.«

Links von uns stand eine schöne steinerne Kirche, ein durchaus vornehmer Bau, durch dessen gothisch verzierte Fenster Licht schimmerte. Im Innern erklang aus vielen Stimmen und mit Orgelbegleitung der bekannte rhythmische Hymnengesang. An dieser Kirche vorüber führt ein sehr sauber gehaltener Weg durch Gartenanlagen nach den Missionshäusern. Hier hatte das britische Vermögen, das Gepräge der eignen Art dem vorgefundenen Fremden aufzuzwingen, es fertig gebracht, arabische Bauten in heitere englische »cottages« mit Loggien, blumengefüllten Erkern etc. umzuwandeln. Auf der Freitreppe begrüßten uns die Damen der Mission, die mir mit der liebenswürdigsten Gastfreundschaft entgegenkamen. Sie trugen, dem Klima angemessen, leichte weiße Kleider mit schwarzen Gürteln. Geschmackvoll angebrachte frische Blumen erhöhten das freundliche dieses Anzugs. Die interessanteste unter den Damen ist Miß Allen, eine corpulente, behaglich aussehende Frau in mittleren Jahren, die eine seltene Sprachkenntnis besitzt. Sie schreibt, liest und spricht: Deutsch, französisch, englisch, italienisch, arabisch und Suaheli. Auch latein und griechisch soll sie beherrschen. Wegen der bei einer Europäerin seltenen Kenntnis des Arabischen verkehrt sie freundschaftlich mit der Sultanin. Auch erhält sie öfters Besuch von vornehmen Arabern, mit denen sie liest. Diese litterarischen Freunde haben ihr mächtige und kostbar eingebundene arabische Handschriften zum Geschenk gemacht. So hausmütterlich aber gerade diese Miß Allen aussieht, steht sie dem Hause nur geistig vor, während die Sorge für das Materielle der sehr mageren und thätigen Miß Smith überlassen ist, der Dame, die mich gestern aufsuchte. Außer diesen Pfeilern des Hauses sah ich eine ältliche Missionarsfrau mit Hörrohr und großer Brille bewaffnet, eine junge Lehrerin, die sich wegen eines hartnäckigen Fußleidens tragen lassen mußte und die liebenswürdige Krankenpflegerin, Miß Shaw.

Nachdem die Missionszöglinge, – die Station Mkunazini erzieht nur Knaben, – ihre Gesangsübungen in der Kirche beendet hatten, versammelte man sich in der im Hochparterre gelegenen Halle zum Diner. Auch die Väter der Mission, die ein Haus für sich bewohnen, waren in mönchartigen langen Gewändern erschienen. Diese Herren haben hier, unbeschadet ihres halb geistlichen Amtes, einen gewissen Ruf als Sportsmänner. Im tennis, kricket, football und im Schnelllaufen sind sie den anderen hiesigen Engländern über.

In der Halle waren drei lange Tafeln gedeckt, eine für die älteren Knaben, eine für die Kleinen und eine für die Hirten und Hirtinnen der Herde und deren Gäste. Die Zöglinge tragen sämtlich lange weiße Hemden und feuerrote Jäckchen, was zu der schwarzen Hautfarbe sehr gut aussieht. Reiche Damen in England nähen diese Anzüge in ihren Missionsmeetings und schicken sie in so großer Anzahl nach Zanzibar, daß die sämtlichen auf der Insel und auf dem Festland gelegenen Stationen der Missionsgesellschaft versorgt werden und Ueberfluß haben.

Es wird der englischen Mission in Zanzibar zum Vorwurf gemacht, daß sie die Schwarzen zu jungen Herren erzieht, statt zu tüchtigen Arbeitern oder Dienern. Die aus der Anstalt entlassenen Jünglinge gelten hier als privilegierte Nichtsthuer und Taugenichtse. Solange sie unter der liebevollen Pflege der Damen sind, fühlen sie sich allerdings sehr wohl und der Zweck der Missionsgesellschaft, »to make the negroes happy« ist momentan wenigstens erfüllt. »Our boys are very happy little chaps!« sagte Miß Allen, als sie mir nach der reichlichen und guten Mahlzeit einzelne ihrer Lieblinge vorstellte. Sie versicherte mir: »wir wollen die Neger keineswegs zu Engländern machen, sondern zu Christen. Im übrigen sollen sie die Eigentümlichkeit ihrer Race behalten. Wir studieren darum sorgfältig ihre Gebräuche und ihre Sprache. Allen Unterricht erteilen wir in Kisuaheli.«

Zanzibar, den 20. Juni 1887.

Jetzt haben wir das Ende des Ramadan, des mohamedanischen Bet- und Fastenmonats miterlebt. Es ist dies Ende der Fastenzeit, welches mit dem Erscheinen des neuen Mondes zusammenfällt, zugleich das Neujahrsfest der Araber. Gegen Sonnenuntergang marschierten des Sultans sämtliche Truppen heran mit klingendem Spiel oder rhythmischem Kriegsgesang und nahmen auf dem Schloßplatz und dem angrenzenden »Boulevard sur mer« vom Palast bis ziemlich zu unserem Hôtel Aufstellung. Einen schönen Anblick bieten die »irregulären« Truppen. Das sind junge, meist mit edlen Gesichtszügen und sehr schlanken Gestalten ausgestattete Araber in dem durch Illustrationen aus der Zeit der Kreuzzüge bekannten überaus malerischen Kostüme: um den Kopf die hellseidene Keffie die tief in den Nacken herabhängt, ein bis über die Kniee reichender, meist weißer Waffenrock, darüber in dem schärpenartigen breiten Gurt eine Menge von Dolchen, Messern etc. Übrigens trägt auch von diesen Irregulären jeder Mann ein Gewehr. Die Berittenen tragen den Burnus der Beduinen und jagen mit ausgelegter Lanze in gestrecktem Galopp meist auf wundervollen Vollblutpferden durch die Straßen. Wie sie das bei der hiesigen Pflasterung möglich machen, ist mir unklar.

Am Meeresstrande sind, soweit der Blick reicht, Kanonen aufgefahren. Die Sultansschiffe prangen im reichsten Fahnenschmuck und das Volk der Araber, Indier, Perser, Aegypter, Goanesen und Suaheli erfüllt im Festtagsgewand Straßen und Plätze. Ich sah vom Fenster aus Neger-Dandies in schneeweißem, wallendem Hemd mit kupferfarbener, rotgoldner oder grünspanfarbener seidner Weste. Von dem Glanz dieser aus Indien stammenden Farben macht man sich in Europa kaum einen Begriff. Dazu tragen die Neger weiße gestickte mit zahlreichen Löchern versehene Mützchen, ein kostspieliger Artikel, und Spazierstöckchen in der Hand.

Auf dem Turm des Sultans, von den Europäern seiner Form und Beleuchtung wegen, der Weihnachtsbaum genannt, stand der Wächter und schaute nach der Himmelsgegend, in welcher der neue Mond sichtbar wurde. Unten herrschte große Aufregung, denn wenn sich der Mond an diesem Abend nicht sehen läßt, müssen die Gläubigen noch vierundzwanzig Stunden länger fasten und beten.

Wir überschritten gerade in Gesellschaft von Herrn Dr. Peters, Herrn Braun und Baron Gravenreuth den Schloßplatz, als vom Turme aus der Signalschuß gegeben wurde, der das Erscheinen des ersehnten Gestirns ankündigt. Sofort begannen die sämmtlichen Kanonen zu donnern, auch von den Schiffen her, und die gesammte Reichsarmee schoß die mit Pulver überladenen Gewehre auf einmal ab. Einen schlimmeren Lärm habe ich in meinem Leben nur einmal gehört, als ich, per Courierzug durch den Gotthardttunnel fahrend, auf der Außengallerie des Eisenbahnwagens stand. Damals fürchtete ich ernstlich für mein Gehör; aber auch heute verging mir im ersten Moment Hören und Sehen.

Bald nach Sonnenuntergang, sowie die frühe Tropennacht das groteske Straßenbild verhüllte, wurden die Schiffe illuminiert, so daß die Formen des Takelwerks sich in weißen Lichtperlen von dem Wasser abzeichnen. Das Schießen dauert immer fort.

Den 21. Juni.

Heute ist erster Neujahrsfeiertag. Wir haben in Gesellschaft der deutschen Herren einen Spaziergang landeinwärts gemacht, um die Tänze der Schwarzen zu sehen. In den Straßen wird fortwährend geschossen.

Den 22. Juni.

Heute, am zweiten Feiertag, war großer Empfang beim Sultan für die Europäer. Wer im Besitz eines schwarzen Überrocks oder Fracks ist, macht in Begleitung des betreffenden Konsuls dem Sultan seine Aufwartung und wünscht Glück zum neuen Jahr. Nach beendigter Audienz besprengt ein Hofbeamter die Gäste mit Rosenöl. Man riecht es in Folge dessen den Europäern meist noch tagelang an, daß sie an Hof gewesen waren. Als Nachspiel erhält jeder Besucher eine Schüssel Confect in's Haus geschickt. Die Herren aus dem Usagara-Haus überließen mir liebenswürdig einen Teil der ihnen gewordenen Geschenke, allein da diese arabischen, aus Sewsam, Honig und Mandel bereiteten Süßigkeiten in Hammeltalg gebacken sind, konnten sie mein Herz wenig erfreuen.

Den 23. Juni.

Miß Shaw, die in ihrer Apotheke jeden Morgen und jeden Abend schwarze Patienten empfängt, hat mir bereitwilligst Erlaubnis erteilt, ihr mit meiner Gefährtin bei diesem Vornehmen zu assistieren. Heute Morgen wanderten wir zu diesem Zweck, geführt von einem unserer schwarzen Kellner, nach der Mission. Die Apotheke im Missionshaus ist ein hoher Raum, in welchen das Licht durch ein fast an der Decke befindliches Fenster fällt. Der Fußboden ist mit Steinplatten ausgelegt, auch befindet sich ein Wasserbehälter mit Hahn und Schlauchspritze da.

Die zu Miß Shaw pilgernden Patienten litten, so viel ich ihrer heute gesehen habe, an durch Unsauberkeit verschleppten Geschwüren oder offenen Wunden.

Zu meiner Verwunderung zeigten sie sich bei den durch Schneiden, Auswaschen und Verbinden verursachten Schmerzen sehr tapfer. Kaum daß Einer zuckte, oder das Gesicht verzog. Ein etwa sechsjähriges Kind litt an den Augen und erhielt Einspritzungen. Er war erst seit acht Tagen in Mkunazini. Wie alle Missionszöglinge hier, war auch er ein kleiner Sclave, den englische Kreuzer (die eigens zu diesem Zweck das Meer absuchen) arabischen Sclavenschiffen weggekapert und der Mission überantwortet hatten. Am Tage seiner Ankunft, erzählte Miß Shaw, hatte sie ihn sofort seiner sehr entzündeten Augen wegen vorgenommen. Abends bekam er dann zum Nachtisch eine Apfelsine. Anstatt diese aber zu essen, bat er vor Schlafengehen seine Wärterin, die Apfelsine der Dame zu bringen, die ihm »Daua« (Medizin) für seine Augen gegeben habe. – Es ist gewiß irrtümlich, den Negern Undankbarkeit vorzuwerfen und ich glaube keinesfalls, daß dieser Mangel eine Charakteranlage ist. Wenn Europäer sich über Undankbarkeit der Schwarzen beschweren, so hat es wahrscheinlich meistens den Grund, daß die vermeintlich erteilten Wohlthaten nicht als solche empfunden worden sind.

Heute Nachmittag holte mich Herr v. Gravenreuth zu einem Besuch im französischen Hospital ab. Diese Schöpfung des Ordens vom heiligen Geist und vom heiligen Herzen Mariä hat ein viel ernsteres Gepräge, als die anmutige Niederlassung der Engländer. Das Kloster liegt dicht am Meer, dessen Brandung hier an Korallenriffe schlägt, so daß das dumpfe Brausen der anprallenden Wellen die Kranken in den Schlaf singt. Eine einsame Palme neigt die schönen Zweige wie trauernd dem Wasser zu. In dem ernsten, fast düsteren Klosterhof steht ein Gartenhäuschen nahe der Eingangspforte, dessen innerer Raum mit Heiligenbildern und Holzstühlen ausgestattet ist, wie ein Beetsaal. Das ist das Empfangszimmer. Die Schwestern in ihrer schwarzen Nonnenkleidung treten leise auf und sprechen mit gedämpfter Stimme. Sie sind zum größten Teil Creolinnen aus St. Mauritius und daher an das Klima besser gewöhnt als wir Nordländerinnen. Dennoch erzählen ihre bleichen, eingefallenen Gesichter und die tiefliegenden Augen von Nachtwachen und Betübungen, die den Geist vielleicht auf Kosten des Körpers fördern. Aber dies Kloster ist für alle in diese Landstriche verschlagenen Europäer zu einer Stätte des Segens geworden, von der sie mit inniger Dankbarkeit und Ehrfurcht sprechen. Wie manches Mal hat mein Bruder hier schon Heilung von schwerer Krankheit gefunden!

Die Oberin ist eine zarte, distinguirte Erscheinung, »petite, avec de grands yeux«. Sie stammt aus altfranzösischer Adelsfamilie und ist schon dreizehn Jahre im Dienst der Krankenpflege thätig. Wir sprachen über die Gefahren des Klimas und sie resümirte ihre Erfahrungen in dem Ausspruch: »l'énergie, c'est tout. Avec de l'énergie on vit ici, sans cela, on meurt«.

d. 24. Juni.

Heute Morgen, als ich aus meinem Zimmer trat, um zu frühstücken, stand auf der Galerie ein Herr in Joppe, Kniehosen und Gamaschen, dem Costüm, in dem die Herren auf dem Continent zu reisen pflegen. Ohne näher hinzusehen, wollte ich an ihm vorüber zu dem Kaffeetisch, als er mit einer mir sehr vertrauten Stimme: »Guten Morgen, Frieda,« sagte. Da erst erkannte ich meinen Bruder, den ich seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen hatte. Und heute ist gerade sein Geburtstag! Albrecht hat einen par force-Marsch von Usungula nach Bagamoyo gemacht. Er befindet sich körperlich und geistig sehr wohl und äußert sich durchaus zufrieden mit den Schwarzen, mit denen er jetzt, nachdem er ihre Eigentümlichkeiten kennen gelernt hat, gern verkehrt und leicht fertig wird. Das Kisuaheli spricht er zwar nicht so correct wie Baron St. Paul, der in alle Feinheiten der Grammatik eingedrungen ist, aber geläufig und mit echter Neger-Betonung.

d. 25. Juni.

Miß Shaw hat uns diesen Morgen in Hütten einzelner weiblicher Patienten mitgenommen.

Man mußte sich bücken, um durch die Thür in den dunklen Raum zu gelangen, der das Innere der Hütten bildet. Den Fußboden darin bildet die festgetretene Erde; die Einrichtungen, die wir heute sahen, bestanden aus einer einzigen Kitanda. Das indische Holzschemelchen, auf dem Miß Shaw bei ihrer Arbeit zu sitzen pflegt, trugen wir mit umher. Die Patientinnen boten ziemlich schwere Fälle von durch Unreinlichkeit und unordentliches Leben entstandenen fressenden Geschwüren, deren energische Behandlung aber auch diese Weiber mit dem größten Stoicismus über sich ergehen ließen. Wenn der active Mut den Suaheli-Negern fehlt, so scheint dafür der passive, der sich im Dulden äußert, desto reichlicher vorhanden.

Den 26. Juni.

Gewöhnlich gehen wir nachmittags mit Herrn von Gravenreuth oder meinem Bruder spazieren, aber zuweilen hat keiner der Herren Zeit für uns, und allein wagen wir uns nicht auf die Straße. Um uns dann die in diesem feuchtheißen Klima unerläßliche Körperbewegung zu verschaffen, klettern wir, wenn die Sonne untergeht, auf das flache Dach unseres Hôtels. Dies ist von so hohen Mauern umgeben, daß man nach keiner Seite hin Aussicht hat, also auch selbst nicht gesehen wird. Wir exercieren dann ganz stramm und machen turnerische Freiübung, was uns vortrefflich bekommt. Unterhaltender und reizvoller sind freilich die Gänge durch die Stadt, besonders abends. Ich habe als Kind mit Vorliebe die Märchen von tausend und einer Nacht durchblättert, die mein Vater in einer vier Foliobände starken Prachtausgabe mit unzähligen Illustrationen besaß. Jetzt scheint mir diese orientalische Märchenwelt vor meinen Augen lebendig geworden, so oft ich Gelegenheit habe, nachts die Gassen zu durchwandern. Wir biegen dicht bei unserem Hôtel in eine enge, finstere Gasse ein. Die altersgeschwärzten Hausmauern zu beiden Seiten sind ganz fensterlos. In einem tiefnischigen Pförtchen steht unbeweglich eine weiß verschleierte Araberin. Sie scheint jemanden zu erwarten. Wir gehen an ihr vorüber, ohne daß sie uns zu beachten scheint. Hinter uns ertönt, aus einer Seitengasse sich nahend, der einförmige rhythmische und gellende Wechselgesang schwarzer Lastträger und das gleichmäßige Getrappel ihrer nackten Füße. Sie holen während des Singens rasch und mühsam Atem, weil sie mit der schweren Last nicht gehen, sondern laufen.

Wir biegen aber bald in eine belebtere Straße ein. Aus einer Moschee ertönt der Chorgesang andächtiger Mohamedaner. Wir erlauben uns vor der offenen Eingangspforte des Tempels einen Augenblick Halt zu machen. Da knieen die Betenden in langen Reihen dicht hintereinander, d. h. sie hocken auf den kreuzweis untergeschlagenen Beinen und singen unter beständigen Verneigungen und nach Vorschrift ausgeführten eigentümlichen Handbewegungen ihre Responsen ab. Zahlreiche Krystall-Lampen, die von der Decke hängen, beleuchten scharf die schwarzen, braunen und gelben Gesichter. Die Schwarzen haben übrigens unbeschadet ihrer Andacht sämtlich die Gesichter uns zugekehrt und betrachten uns mit derselben Neugier, wie wir sie. Um sie nicht ferner zu zerstreuen, setzen wir unsern Weg fort. An der nächsten Straßenecke strömt uns süßer Blütenduft entgegen. Es ist die sogenannte Jasminecke. Hier werden in den Abendstunden auf niederen indischen Holzschemeln große Haufen von Jasminblüten feilgehalten. Die vornehmen Araberinnen bestreuen mit diesen Blüten vor Schlafengehen ihr Lager. Ihre Kopfnerven müssen anders geartet sein, als die der Europäerinnen. Wir befinden uns an der Jasminecke auf einem mit wildem Grün überwucherten Platz. Vor uns steht als malerische Ruine ein zerfallenes Araberhaus; einzelne maurische Bögen sind erhalten. Was hier zusammenfällt, bleibt als Trümmerhaufen liegen und wenn's in der belebtesten Straße der Stadt ist. Auf dem Gemäuer wachsen schlankstämmige Melonenbäume, »papaï«, unter deren zierlicher Blätterkrone die melonenförmigen Früchte hängen, hier eine beliebte Speise. Stammartige Wurzeln klettern außen an dem Gestein herunter auf die Straße nieder. Nicht weit von uns sitzen indische Jungen um ein kleines Holzkohlenfeuer, auf dem sie in einem Pfännchen Weihrauch verbrennen. Die Indier haben regelmäßige Gesichtszüge und träumerische zuweilen sehr schöne Augen. Aber die schlotterige Gestalt, die schlechte Haltung und die trägen Bewegungen tragen den Stempel der Weichlichkeit in unangenehmer Weise. Die männlichen Indier tragen weiße bis an die Knöchel reichende Hosen, Westen und kurze weiße Jacken. Nichts sitzt bei ihnen malerisch, oder zeigt hübschen Faltenwurf, wie es bei den Schwarzen häufig und bei den Arabern fast durchgängig der Fall ist. Auch sind ihre in's Auge fallenden Charakterzüge, Habgier und Geiz, auf den Gesichtern der älteren Männer mit erschreckender Deutlichkeit ausgeprägt. Die Knaben vor uns sehen freilich im rötlichen Schein ihres Feuerchens hübsch genug aus. An einem anderen Feuer sitzen alte Weiber und rösten Erdnüsse. Der vor uns hergehende Diener läßt sich für ein paar Pesa sein rotes Fez damit anfüllen. Man entfernt die geröstete Schale und der Kern schmeckt unseren Haselnüssen ähnlich, nur darf er nicht beim Rösten angebrannt sein.

Den 29. Juni.

Ich habe nun auch die zwei einzigen deutschen Damen hier in Zanzibar kennen gelernt. Frau Strandes, die nach dreijährigem Aufenthalt hier jetzt zum ersten mal unter dem Klimafieber leidet, hat einen prächtigen blonden und blauäugigen kleinen Sohn. Dem Kind scheint die Tropenluft vorläufig ganz vortrefflich zu bekommen. Freilich ist seine Mama auch eine musterhaft verständige kleine Frau, deren consequentes Erziehungssystem mir Achtung abnötigt.

Am vergangenen Sonntag haben wir schon zum zweiten mal Morgengottesdienst im Usagara-Haus gehabt. Starke Gewitterregen haben die Gassen Zanzibars unter Wasser gesetzt. Man hat nur die Wahl von Stein zu Stein zu voltigieren oder durch die Wasserbäche zu waten.

Unser Geistlicher, Herr Missionar Greiner, erschien deshalb am Sonntag in kurzer Joppe, in die Stiefel gesteckten Beinkleidern und hohen Reiterstiefeln von gelbem Leder. So angethan, stand er vor der kleinen Gemeinde und las die milden Worte des Gleichnisses vom verlornen Sohn. Man glaubte sich in eine Hussiten- oder Hugenottenandacht aus den Zeiten der Glaubenskriege versetzt, als der Prediger des lauteren Wortes ritterlich gewappnet, die Bibel in der einen und das Schwert in der anderen Hand seiner Herde voranzugehen hatte. Wir sangen wieder den Choral: »Nun danket alle Gott«, dessen großartige Melodie immer und überall die Herzen erhebt.

Nun ist Pastor Greiner mit seiner Frau und Nichte per Dau nach Dar-es-Salaam gesegelt, ein kühnes Unterfangen in Hinblick auf die Frauen, denn wir haben noch vollen Süd-Westmonsum. Der Sturmwind weht grade von der Richtung, nach welcher das Segelbot seinen Cours halten muß, es kommt daher unter beständigem Kreuzen im besten Fall nur sehr langsam von der Stelle, und die Reisenden riskieren, tagelang in dem schmutzigen, cajütenlosen Segelboot auf den Wellen herumgeworfen zu werden. Was mich betrifft, so würde ich mich einer Daureise gegen Wind und Wellen nur im äußersten Notfall aussetzen. Ich habe die Ärmsten mit inniger Teilnahme zur Einschiffungsstelle begleitet, wo sie, der Ebbe wegen, auf den Schultern schwarzer Lastträger nach dem elenden Fahrzeug geschleppt wurden. Möchten sie die Reisetage erst überstanden haben!

Den 30. Juni 1887.

Gestern fanden auf der großen Wiese an der Mnasimoja turnerische Spiele statt, ausgeführt von der Mannschaft des hier liegenden englischen Kriegsschiffes zur Feier des Regierungsjubiläums der Königin von England. Wir waren in der höflichsten Form von dem englischen Generalconsulat eingeladen. Mr. Holmwood ließ Herrn Dr. Peters in seiner eigenen Equipage abholen, was Aufmerksamkeit erregte. Die ganze beau monde Zanzibars war auf der mit zahlreichen Flaggen geschmückten Festwiese erschienen.

»Wer kennt die Völker, zählt die Namen,
Die gastlich hier zusammen kamen?!«

Man sah die Vertreter der europäischen Regierungen, von Deutschland, England, Frankreich, Italien, Portugal, Belgien, wie auch von Amerika; die Vertreter der Handelsgesellschaften und kaufmännischen Firmen, die verschiedenen Missionen, die Truppen seiner Hoheit, die reichen Indier mit ihren in goldleuchtenden Seidenfetzen eingewickelten Weibern und Kindern, die ernst dreinschauenden Parsen mit Brillen auf der Nase und hohen Mützen, ähnlich denen griechischer Popen u. s. w.

Unter den Spielen interessierte mich ein Wettrennen, das zwischen englischen Matrosen und schwarzen Sultanssoldaten stattfand.

Die Schwarzen liefen gleich beim Starten die Bahn dahin wie ein Trüppchen flüchtiger Antilopen und gewannen sofort einen ganz bedeutenden Vorsprung. Bald aber blieb einer nach dem anderen zurück. Die Engländer änderten ihr weit mäßigeres Tempo nicht. Sie hatten bald die sämtlichen Schwarzen eingeholt und erreichten lange vor jenen das Ziel.

Auch mein Bruder, dessen Muskelkraft einen gewissen Ruf hat, und der turnerisch sehr gewandte Herr Consul O'Swald beteiligten sich an einigen der Spiele mit den englischen Marine-Offizieren.

Der Generalconsul, Mr. Holmwood stellte mir die beiden indischen Geldfürsten vor, die der englischen Regierung 100000 Rupies überwiesen haben, zur Errichtung eines Hospitals für Arme. Wir hatten übrigens an diesem Nachmittag die Genugthuung wahrzunehmen, daß wir Deutschen zur Zeit hier die bevorzugteste gesellschaftliche Stellung einnehmen. Die besonders gegen Herrn Dr. Peters und seine Gesellschaft offiziell bekundete Zuvorkommenheit der hier immer noch dominierenden Engländer ist geradezu staunenerregend.

d. 2. Juli.

Mein Bruder ist mit der Wolf'schen Eisenbahnexpedition abgereist, zunächst nach Dar-es-Salaam, wo er die nötigen Träger mieten soll. Vielleicht sehen wir uns dort bald wieder.

Nacht vom 7. zum 8. Juli.

Ich sitze am Lager einer fieberkranken jungen Östreicherin, deren Mann im Innern zum besten der Wissenschaft Schmetterlinge fängt. Sie ist ihm voll Enthusiasmus hierhergefolgt mit der Absicht, ihn auf allen seinen Streifzügen zu begleiten. Nun haben Entbehrungen und Anstrengung in dem ungewohnten Klima die Arme niedergeworfen. Die Hütte, in der sie wohnt, liegt im Garten eines Portugiesen von Goa. Sie enthält, wie die Negerhütten, einen einzigen Raum, dessen Plafond das Dach und dessen Parket der Erdboden ist. Fenster sind nicht vorhanden, deshalb steht auch nachts die Thüre auf, so daß ich von meinem Sitz am Krankenbett hinaussehe in die »mondbeglänzte Zaubernacht – die den Sinn gefangen hält.« Draußen stehn mächtige Kokospalmen mit felsblockartigen Stämmen; dem Pförtchen gegenüber eine Banane, deren schöne Riesenblätter der Nachtwind raschelnd durcheinanderwirft. Auf einem steinernen Tisch unter den Bäumen steht ein Thonkrug, wie eine etruskische Vase geformt, mit Trinkwasser. Die Portugiesin, der der Garten gehört, hat es für mich hingestellt. Auf einer Steinbank liegt vor der Hütte schlafend ein etwa zehnjähriger Negerknabe. Er muß gelegentlich für die Kranke einen Gang thun. Dann wecke ich ihn, und er springt dienstbereit auf die Beine, ohne sich einen Augenblick zu besinnen. Zu meinen Füßen liegt ein wackerer Rattenfänger, ein kluges, freundliches Tier. Iessy, so heißt er, schläft auch; aber wenn eine Ratte ihre Aufwartung macht, ist er schnell genug bei der Hand. Ich habe, auf dringendes Bitten meines Bruders, einen geladenen Revolver neben mir liegen, aber ich kann mich noch immer nicht mit dem Gedanken vertraut machen, zu einer derartigen Waffe meine Zuflucht nehmen zu müssen. Wir deutschen Frauen sind gewohnt, unsere Sicherheit gerade in unserer Waffenlosigkeit zu sehen.

Meine Kranke habe ich mit einem Palmenwedel gefächelt, bis sie eingeschlafen ist. Lange wird der ihr so nötige Schlummer, fürchte ich, nicht dauern. Mittlerweile habe ich beim sanften Schein des Nachtlämpchens mein Tagebuch vorgenommen, um durch Schreiben die Schläfrigkeit zu überwinden. Ein Kanonenschuß am Hafen verkündet eben die zehnte Stunde, (vier Uhr morgens.) Muskitos umschwärmen mich mit singendem Sausen und erregen durch ihre Hartnäckigkeit meinen grimmigen Zorn. Diese blutgierigen Ungeheuer nötigen mich beständig um mich zu schlagen, wobei ich gewöhnlich mich selbst, aber nicht die Muskitos treffe. Eben läuft ein grünes Eidechschen die weiße Wand entlang, und nicht weit davon bewegt eine Riesenspinne ihre dicken haarigen Beine, ein greulicher Anblick.

d. 8. Juli. Vormittag.

Herrlich war der Morgenhimmel vor uns nach Sonnenaufgang im Garten des Portugiesen. Ganz prächtig zeichneten sich die edlen Linien der Palmen von dem lichtgoldenen Hintergrund ab. Die Hähne krähten in den benachbarten Gehöften, da sprang der kleine Diener von seinem harten Lager auf, wusch sich an der nahen Cisterne und kehrte dann die Wege des Gartens. Dann machte er ein Holzfeuerchen auf dem Kochherd, der unter einem Schutzdach von Palmzweigen an der Hinterwand des Hauses im Freien angebracht ist. Bald kam auch die Portugiesin aus dem Vorderhaus und kochte Kaffee, der meiner Kranken ebenso gut schmeckte wie mir. Gegen sieben Uhr kamen zwei von den französischen Klosterschwestern und versicherten mir, trotz des momentanen verhältnißmäßigen Wohlbefindens der jungen Frau könne dieselbe an diesem ungesunden Aufenthaltsort das Fieber nicht loswerden. Sie wollten die Kranke daher gegen Mittag in das Hospital bringen lassen und sie dort bis auf weiteres verpflegen.

Um acht Uhr kam dann meine junge Gefährtin, Bertha, und löste mich ab.

Heute veranstalten die Indier ein glänzendes Fest zu Ehren der Königin von England bez. Kaiserin von Indien. Die ganze Stadt ist zur Illumination mit bunten Lämpchen versehen; man hat zahlreiche Triumphbögen und Transparente angebracht, eine Schiffsladung voll Feuerwerk von Bombay kommen lassen und die sonst so schmutzigen rumpelkammerartig zugerichteten Verkaufsstraßen gleichen heute Laubengängen aus Palmzweigen.

Ich sagte zu dem französischen Viceconsul und dessen Freund, die mit uns im Hotel essen, die Engländer zeigten sich heute wieder als loyale Nation, worauf die Franzosen antworteten: »Die haben eine Königin. Sie sollten einmal sehen, was wir thun würden, wenn wir eine Königin hätten!«

Ich mußte an Marie Antoinette denken. –

Übrigens habe ich ein starkes Verlangen nach Schlaf und werde den abendlichen Zauber Anderen überlassen.

Den 9. Juli.

Ich habe meinen Vorsatz doch nicht ausgeführt, mich vielmehr mit Bertha den Franzosen: Dr. Marseille und seiner Frau und den Herren vom Konsulat angeschlossen. Wir gingen am Sultanspalast vorüber zwischen der alten Festung und der Duane nach dem umzäunten Festplatz. Jetzt entstieg starker Kokosnuß-Ölgeruch den tausenden von brennenden Lämpchen. Eine große Menschenmenge umringte uns, die sich aber weit stiller verhielt, als daheim das brave Volk bei ähnlichen Gelegenheiten. Man belästigte uns nicht im Geringsten. Andere Europäer fanden sich bald mit uns zusammen. Am Meere stand eine große überdachte Festhalle. Dort hatte vormittags der englische Generalconsul Mr. Holmwood auf einem prächtigen goldenen Thronsessel sitzend, großen Empfang abgehalten und eine Festansprache geredet. An dem wie ein Triumph-Bogen hergerichteten Eingangs-Thor standen parsische und indische Comitee-Mitglieder, die der andrängenden Menge von Schwarzen den Eintritt verwehrten, Indier, Parsen, Goanesen und Europäer dagegen einließen. Die Europäer wurden als Ehrengäste ganz besonders höflich eingeladen, doch näher zu treten. Meiner bemächtigte sich ein vornehmer Parse, den eine rotblauweiße Schleife als zum Festcomitee gehörend bezeichnete. Er nötigte mich in die Halle nach einer Reihe von Stühlen, die den ersten Rang vorstellte. Dort wies er mir einen Sitz an neben drei Damen, die er mir mit Stolz als »parseen ladies« vorstellte, die hübscheste und jüngste als seine Frau. Diese Parsinnen sind klein. Ihr Anzug gleicht der indischen Nationaltracht, nur zeigt er einen besseren Geschmack. Meine Nachbarinnen trugen weiße reich mit weißem Schmelz benähte Unterkleider von Seidendamast mit in sehr bunter Seide kunstvoll gestickten Bordüren. Darüber shawlartige Überwürfe von schwerem gelben Seidenstoff, die den Hinterkopf bedeckten und die glänzend schwarzen Scheitel freiließen. Die hübsche Frau meines Führers begann in fließendem englisch Conversation zu machen. Sie habe mich neulich bei den Spielen auf der Mnasimodja gesehen, sagte sie, und den Wunsch gefaßt, meine Freundin zu sein. Deshalb habe ihr Mann mich hergebracht so bald sie mich am Eingang bemerkt habe. Sie sei jung verheiratet und erst seit wenig Wochen von Bombay herübergekommen, da fühle sie sich in Zanzibar noch recht einsam u. s. w. Zuletzt frug sie: are you english or french. Ich versicherte ihr mit Selbstgefühl, daß ich eine Deutsche sei, was sie einen Augenblick zu überraschen schien. Sie faßte sich aber sogleich und bemerkte: »O, wenn Sie eine Deutsche sind, dann sind Sie natürlich sehr musikalisch.« Also von dieser Seite kannte sie uns.

Mittlerweile hatte sich um uns her die ganze europäische Gesellschaft eingefunden, so daß man nach links und rechts und ringsumher Grüße und heitere Bemerkungen auszutauschen hatte. Auch die Consuln waren erschienen und zwar in Uniform. Mr. Holmwood hatte die Consuln und Herrn Dr. Peters zu einem feierlichen Diner bei sich gehabt. Als die glänzendste Erscheinung unter ihnen fiel der junge Herr O'Swald auf, der in der roten Uniform der kaiserlich österreichischen Konsuln mit dreieckigem Hut und stolzem weißen Federbusch an einen englischen General aus der Zeit des Herzogs von Wellington erinnerte und den Orientalen gewaltig imponierte. Vor uns am Strande des Meeres wurden nun Raketen und Mongolfieren steigen gelassen, und sprangen Frösche, Feuerräder etc.

Zum Schluß spielte die Goanesenkapelle des Sultans: Heil dir im Siegerkranz, bez. God save the queen. Man führte schließlich die Damen an ein Büffet und bot ihnen in Eis gekühlten Champagner, Thee und Confect. Es herrscht bei solchen Festen seitens der Festgeber unbeschränkte Gastfreundschaft.

Ich war schon recht ermüdet, als wir den Heimweg antraten in Gesellschaft unserer deutsch-ostafrikanischen Herren, und der Herren vom italienischen Consulat.

Unterwegs trafen wir die Damen der englischen Mission, die ebenfalls mit befreundeten Herren lustwandelten. Miß Smith rief uns zu, wir möchten ja nicht versäumen das Haus des Pira Dawtchee (Oberhof- und Küchenmeister Seiner Hoheit) zu besuchen, es sei der Mühe wert. Wir ließen uns wirklich verlocken den Engländerinnen dorthin zu folgen. Gruppenweise schlenderten wir durch die phantastisch erleuchteten Laubengänge, Palmblätter über uns, Palmblätter an beiden Seiten und Palmblätter unter den Füßen.

Der edle Pira ist im gewöhnlichen Leben neben seinem Hofamt Besitzer eines großen Eckladens mit offenen Bogenthüren nach zwei Gassen hin. Jetzt zeigte sich uns statt des Ladens ein glänzender Salon im indischen Geschmack. Der Fußboden mit kostbaren Teppichen ausgelegt, an den Wänden blumenumgebene Transparente, in der Mitte des Raumes als Prunkstück eine Drehorgel. Rings herum eine Reihe europäischer Rohrstühle. Wir folgten gleich Schafen immer mechanisch denen, die vor uns hergingen und kamen so in den Salon, wo wir zu unserer großen Belustigung halb Europa schon versammelt fanden. Da saßen sie ernst, mit heldenhaft verhaltenem Lächeln, die Herren vom deutschen, vom französischen, vom belgischen Consulat, die Kaufherren, die englischen Marine-Offiziere, und was von Damen vorhanden ist. Wir setzten uns mit Würde dazu. Sogar der vielbeanspruchte Mr. Holmwood beglückte den Pira durch seine Gegenwart. Letzterer, ein dicker und kolossaler Indier stand majestätisch in der Mitte seiner Besucher, angethan mit langem weißen Kaftan, kirschrotem Überkleid, welches vorn auseinander fällt und goldverbrämtem festen Turban. Grabesernst und im erhebenden Bewußtsein der ihm werdenden Auszeichnung überwachte er die Schwarzen, die den distinguirten Gästen Thee, Kaffee und feines Gebäck herumreichten.

Erst nach Mitternacht gelangten wir in unser Gasthaus zurück.

Den 13. Juli.

Das Essen hier im Hôtel läßt viel zu wünschen übrig. Wir stehen oft so hungrig vom Tisch auf, wie wir uns hingesetzt haben und würden diese Mängel noch mehr empfinden, wenn unsere Tischgenossen, die Franzosen, es nicht meisterhaft verständen, durch geistvolle und liebenswürdige Conversation ein kärgliches Mahl zu würzen.

Als wir heute um zwölf Uhr beim Frühstück saßen, ertönte draußen der dumpfe, langgezogene und heulende Ton eines Signalhorns. Die Herren fuhren von ihren Sitzen auf mit dem einstimmigen Freudenruf: »c'est la mail!« Die freudige Erregung, die sich sofort auf meine Bertha und mich fortpflanzte, bemächtigt sich bei diesem an sich greulichen Signalgeheul der ganzen europäischen Einwohnerschaft Zanzibars. Der Wächter auf dem Sultansturm hat die Signalflagge auf der entfernten Landzunge gesehen, die der guten Stadt meldet, daß der europäische Postdampfer in Sicht ist. Etwas später wird auf dem »Weihnachtsbaum« eine weiße Flagge mit drei schwarzen Kreuzen gehißt zum Zeichen, daß der entfernte Wächter in dem nahenden Dampfer wirklich das Postschiff erkannt hat. Es dauert dann noch beinah vier Stunden, bis die »mail« im Hafen eintrifft. Immer wieder bin ich in den Salon gegangen, der mit sechs Fenstern das Meer beherrscht, und habe erst durch das Opernglas, dann mit unbewaffneten Augen nach dem schwarzen Punkt am Horizont gesehen, der auch gar nicht größer werden wollte! Als dann endlich gegen vier Uhr der brave British-India-Dampfer sich bedächtig zwischen im Hafen liegende Schiffe schob und seinen Salutschuß abfeuerte, empfanden wir Beide ein so heftiges uns selbst unerklärliches Gefühl der Freude, daß uns die Thränen in die Augen traten. Das Schiff kommt eben aus der Heimat und war für uns der erste Gruß.

d. 14. Juli.

Da das Postschiff um vier Uhr erst gekommen, durften wir unsere Briefe nicht vor heute Morgen erwarten, was uns recht langweilig erschien. Dafür kamen gegen fünf Uhr die Herren Consul O'Swald und Baron Gravenreuth und forderten uns auf, mit ihnen eine Bootfahrt nach Mtoni, einem zerfallenen Sultansschloß, zu unternehmen. Wir waren mit Vergnügen bei der Partie, und bestiegen von der steinernen Sultanstreppe aus das mit der östreichischen Flagge geschmückte Boot des Consuls. Der Himmel war bedeckt, und es wehte ein leiser angenehmer Seewind. So glitt das Boot, welches mit vier schwarzen Ruderern bemannt war, an der Insel hin, zuweilen auf so seichtem Wasser, daß man meinte mit ausgestrecktem Arm den Meeresboden erreichen zu können. Diese flachen Stellen zeichnen sich als milchiggrüne Flecke von der metallfarbenen Wasserfläche ab.

Mtoni ist bekannt durch die Schilderungen der Frau Ruete, »Bibi Salime«, die dort ihre Kindheit unter den zahlreichen Frauen ihres Vaters und noch zahlreicheren Geschwistern verlebte. Jetzt freilich heißt es auch von diesem Palast:

»seine Dächer sind zerfallen
und der Wind streicht durch die Hallen.«

Die Ruine des wahrhaft fürstlichen Baus liegt etwa zwanzig Schritt vom Meeresufer entfernt in einer Wildnis von Grün. Ein alter Araber, der hier als Burgwart haust, schloß uns das Eingangspförtchen auf und ließ uns ein in das Labyrinth halbverfallener Gemächer, in deren Mauern Bäume Wurzel geschlagen haben und deren Wände die prächtigste Naturtapete aus blühenden Schlingpflanzen zeigen. Wir kletterten steinerne Treppen hinauf bis zu den höchsten Terrassen und hatten von dort in der Umrahmung eines erhaltenen Bogenfensters einen Blick auf die ferne Stadt, die mit ihren weißleuchtenden Häusern und Palästen auf weit in's Meer ragender Landspitze sich in scharfen Contouren von dem metallfarbenen Hintergrund abhob, ein wunderbares und ganz ideales Landschaftsbild.

Unter dem Dach fanden wir eine Menge umfangreicher Glaskruken in halb verwitterten Flaschenkörben steckend. Herr von Gravenreuth konnte nicht umhin zu bedauern nicht wenigstens einige derselben mit Münchener Hofbräu gefüllt zu sehen. Weil wir alle mehr oder minder durstig waren, pflückten wir von einem herrlichen mit Goldorangen überladenen Baumriesen, der im Hofe stand, einige der Früchte, aber einer nach dem anderen warf mit verzogenem Angesicht die lockenden Apfelsinen in's Gras. Sie waren verwildert und schmeckten bitter wie Chinin.

Zanzibar d. 15. Juli.

Ich war nachmittags im Usagara-Haus und habe mich dort länger als zwei Stunden aufgehalten, da es eine Menge Neuigkeit aus der Heimat zu berichten und Meinungen darüber auszutauschen gab. Auf den einen Tag nach Ankunft des Postschiffs häuft sich alles Interessante, was es für die im Herzen noch mit der Heimat zusammenhängenden Europäer in Zanzibar giebt, und dieser eine Tag erscheint nur einmal in vier Wochen. Dafür ist die gegenseitige Teilnahme eine so warme und natürliche, wie sie in Deutschland längst nicht mehr existiert.

Herr von Gravenreuth ist heute Morgen abgesegelt, um eine Besichtigung der Kinganistationen vorzunehmen. Es thut mir sehr leid, daß dieser tactvolle und stets hülfsbereite Freund uns nun auch verlassen hat. Mit ihm würde der Kaiser Mark Aurel zufrieden gewesen sein, denn nie hören seine Freunde das gebräuchliche: »ich habe keine Zeit.« Er selbst war gestern sehr vergnügt. Bei seiner Beweglichkeit und der Vorliebe für das Umherstreichen in Wald, Feld und Bergen, zieht er die Unbequemlichkeiten einer Daufahrt und den Fußmarsch durch die Rufu-Niederungen der Büreauarbeit weit vor. Ich habe ihm gestern noch seinen Korkhelm mit einem dichten und auch das Genick schützenden Schleier umnäht. Dabei saßen wir zwischen wahren Gebirgen von Zeitungsblättern. Ich finde es sehr beklagenswert, daß hier so oft die Notwendigkeit vorliegt, wertvolle Kräfte um irgend einer kleinen Sache willen Gefahren an Leben und Gesundheit auszusetzen. Herr Dr. Peters meinte freilich, das sei ebenso unvermeidlich als natürlich und selbstverständlich, aber er ermahnte doch in meiner Gegenwart den Baron aufs ernstlichste, keine der gebotenen Vorsichtsmaßregeln außer acht zu lassen. »Wir können Sie vorläufig nicht entbehren,« sagte er in seiner verbindlichen Weise.

d. 17. Juli.

Jetzt machen sich hier die Portugiesen breit. Ein Kriegsschiff liegt im Hafen; mit der letzten Post von Süden ist ein außerordentlicher Bevollmächtigter hier eingetroffen und in unserem Hotel logiert ein portugiesischer Afrikadurchquerer, Mr. Capello, mit einem sehr liebenswürdigen Begleiter italienischer Abstammung. Jeden Abend, wenn wir beim Essen sitzen, stürmt es mit großem Gepolter die Treppe hinauf. Das sind der Viconte de Castilho und der Kommandant des Kriegsschiffs, die ihre Landsmänner besuchen. Diese Portugiesen zeichnen sich gesellschaftlich durch ein sehr ungezwungenes Wesen und Beweglichkeit aus. Ihre Redeweise übertrifft an Verbindlichkeit noch die der Franzosen. Die Unterhaltung ist immer allgemein, so lange ich anwesend bin wenigstens, und wird in französischer Sprache geführt.

Heute, am Sonntag, habe ich dem Gottesdienst in der katholischen Kapelle beigewohnt. Die Stille in dem halbdunklen bis auf den letzten Platz gefüllten Raum, der Chorgesang und das sanfte Spiel einer nicht sichtbaren Orgel wirkten wohlthuend und stimmten zur Andacht. Chorsänger und Chorknaben waren schwarze Missionszöglinge.

Nach der Kirche besuchte ich die kranke Östreicherin im Hospital und da ich grade ihren portugiesischen Arzt, den Dr. Augusto Bras de Souza fand, der als Goanese nur englisch spricht, konnte ich Dragomansdienste thun. Was die Kranke deutsch sagte, wiederholte ich dem Doktor englisch und übersetzte dessen englische Vorschriftsmaßregeln der Klosterschwester ins französische.

Herr von St. Paul rüstet eine größere Expedition in die entlegensten Teile des deutschen Gebietes aus.

d. 18. Juli.