Der Richtige hatte sich indessen auf den Weg gemacht und wurde mit Sehnsucht zurückerwartet. Als er aber nach einer Stunde zurückkam, brachte er doch kein Eis! dieses sollte erst um neun Uhr zu haben sein.
Die Verzweiflung meines unglücklichen Patienten über dies verlängerte Warten ist nicht zu beschreiben und meine Kraft, sein Jammern anzuhören, ohne Hülfe schaffen zu können, war vollständig am Ende. Ich erlaubte Frau Glühmann aufzustehen, maß die Temperatur des Kranken, die wunderbarer Weise etwas gesunken war, gab ihm eine Gabe Chinin, die er nur mit großem Widerstreben nahm, und legte mich auf einen Rohrsessel in die nächste leerstehende Stube. Hier schlief ich sofort ein.
Mein Bruder weckte mich, als um neun Uhr der Arzt kam. Dieser war mit dem Zustand des Kranken sehr zufrieden und meinte, das Bedenklichste sei jetzt wirklich sein gänzliches moralisches Zusammenbrechen. Wenn ich ihn dazu bekommen könnte, sich etwas aufzuraffen und Mut zu fassen, so sei ein Besserwerden gar nicht ausgeschlossen. Als bald darauf der Diener das schmerzlich entbehrte Eis brachte, atmete ich auf. Es schien mir, als müsse nun Alles eine Wendung zum Guten nehmen.
Mein Bruder, dessen heitere Stimmung durch die unruhige Nacht durchaus nicht gelitten hatte, erzählte mir fröhlich, er habe vor einer Stunde etwa mit Schwester Auguste zusammen gefrühstückt. Sie sei sehr unterhaltend und liebenswürdig gewesen, also habe sie ihm seinen nächtlichen Überfall wol nicht übel genommen. Sie war, da sie den Kranken wohler gefunden hatte, nach Zanzibar zurückgekehrt.
d. 10. Januar 1888.
Das neue Jahr habe ich in heftigem Fieber angefangen. Mein Bruder ist nach der Station Petershöhe gereist, während ich noch zu Bett lag. Herr Dr. Peters ist heut in Begleitung der Herren Baron St. Paul und Regierungsbaumeister Hörneke auf der Zanzibar abgereist, um sich nach Berlin zu begeben. Mit dem Herrn Regierungsbaumeister Hörneke, der bis jetzt Chef der Station Pangani war, habe ich noch vom Bett aus eingehend über die geplante Einrichtung einer Pflegestation dortselbst sprechen können. Wenn ich Erlaubnis und Mittel zum Bau eines einfachen, auf Pfählen erhöht stehenden Holzhauses erlange, kann ich im Frühjahr, sowie der Südwestmonsum wieder eingesetzt hat, ans Werk gehen. Dazu helfe Gott. – Gegenwärtig bin ich matt, wie eine Fliege im Winter.
d. 12. Januar 1888.
Bertha, meine wackere Gehülfin, ist gleichzeitig mit mir in Dar-es-Salaam schwer krank gewesen. Sie hat sich indessen, Dank ihrer guten Natur, rasch wieder aufgerichtet und soll, sobald sie gute Reisegelegenheit findet, hierherkommen, um sich bei mir auszuruhen und zu erholen.
Glühmann, der schon wieder im Garten spazieren gehen durfte, ist leider aufs neue erkrankt, und zwar an einer Nierenentzündung. Dr. Marseille verordnete täglich ein heißes Bad und die äußerste Vorsicht gegen Zugluft. Genießen darf der Kranke nichts als Milch.
Meine Wasserträgerinnen haben heute gestrikt. Infolge ihrer Arbeitseinstellung wollte Frau Glühmann die männliche Dienerschaft veranlassen, Wasser zu holen. Aber es geht gegen das Ehrgefühl der Schwarzen, eine Weiberbeschäftigung, und als solche gilt das Wassertragen, zu verrichten. Die Schwarzen kamen zu mir, und hielten mir mit lebhaften Gesten und Mienenspiel einen Vortrag darüber, sie seien zum Stuben reinmachen, zum Fegen, Aufwarten bei Tisch, zur Küchenarbeit und zum Botengehen da, aber nicht zum Wassertragen, und das thäten sie nicht. Ich lachte sie aus, was bei den Schwarzen immer von vorzüglicher Wirkung ist, und frug, ob sie denn ebenso unverständig sein wollten, wie die Weiber. Mit jenen wollten wir uns schon auseinandersetzen, oder andere Tagelöhnerinnen mieten. Heute aber sei Wasser nötig, besonders für den Kranken, und ob sie denn wollten, daß Frau Glühmann und ich selber das Wasser aus der Cisterne holen sollten? Im übrigen würde ich jedem, der heute als Freiwilliger fleißig Wasser trüge, einige Pesa schenken. Damit waren die Schlingel zum Glück einverstanden, grinsten mich freundlich an und sagten: »Du hast wohl gesprochen, Bibi, wir werden thun, was Du willst.« Der treffliche Abdallah, der meine Leute musterhaft in Ordnung hielt, ist ernstlich krank. Er fehlt mir überall.
d. 15. Jan. 1888
Herr Leue und Bertha Wilke, unsere Pflegerin, sind über Bagamoyo nach Zanzibar gekommen, um sich hier etwas aufzufrischen. Das durchgemachte schwere Fieber hat weder Bertha noch mich grade verschönert, was ja vorauszusehen war; aber das lebhafte junge Mädchen war, als wir uns wiedersahen, so betroffen über die Veränderung in meinem Aussehen, daß sie in heftiges Weinen ausbrach. Ihre Nerven scheinen einen starken Stoß erlitten zu haben. Ich werde sie nun zunächst in jeder Weise schonen, damit sie sich ganz erholt.
Dagegen geberdet sich der aus Dar-es-Salaam ausgeführte Diener Boheti ganz unsinnig vor Freude, als er seinen »bana Rubwa« wiedersah. Die reine Pudelnatur! Er biß sich beinah in beide Ohren und sein dummes Gesicht strahlte in Seligkeit. Ich bot Herrn Leue, der, um nach meiner Schamba zu kommen, einen heißen Weg gemacht hatte, einen kühlenden Trunk an, deutsches Bier, Limonade oder Sodawasser, was ich alles auf Eis stehen hatte. Aber er verachtete diese Genüsse und fragte: »haben Sie keine Madafu?« Er zog thatsächlich den Saft der Kokosnüsse, der ihm noch vor wenig Monaten Widerwillen erregt hatte, den vaterländischen Getränken vor. Spricht dies nicht für die Fähigkeit des Deutschen sich zu acclimatisieren?! –
Herr Leue hat übrigens jenen entlaufenen Sclaven, für dessen Freilassung er sich seinerzeit beim Wali von Dar-es-Salaam verwendet, schließlich dem Anspruch erhebenden Besitzer abgekauft und als Hausdiener beschäftigt. Ich freue mich für den armen Burschen.
d. 21. Januar 1888.
Bertha erholt sich, Gott sei Dank, von Tag zu Tag und ihr lustiges Lachen und Schwatzen belebt schon wieder unser stilles Haus. Selbst die Niedergeschlagenheit der armen Frau Glühmann, deren Mann noch recht krank ist, hält dieser ungekünstelten Heiterkeit und Lebhaftigkeit nicht immer Stand. –
Mein Aufenthalt in Ost-Afrika naht sich leider seinem Ende. Nach den zwischen mir und meinem Vorstand in Berlin zu Tage getretenen Meinungsverschiedenheiten mußte ich dem letzteren die Alternative stellen, mir, was Einrichten neuer Pflegestationen betrifft, einigermaßen freie Hand zu lassen, oder mich meiner Verpflichtungen zu entheben. Denn ohne eine gewisse Freiheit der Bewegung bin ich bei der Schwerfälligkeit des schriftlichen Verkehrs zwischen Berlin und hier nicht im Stand, mit Aussicht auf Erfolg weiter zu arbeiten. Eine daraufhin in Berlin einberufene Generalversammlung hat, wie mir telegraphisch mitgeteilt worden, einstimmig gegen mich entschieden.
Von ärztlicher Seite wird mir dringend ein baldiger Klimawechsel empfohlen, ich gedenke daher, obwol ich es weit vorziehen würde, bei meinem Bruder zu bleiben, mit dem nächsten Sultansdampfer über Indien nach Europa zurückzukehren, um, so Gott will, in nicht zu ferner Zeit die mir ans Herz gewachsene Thätigkeit hier unter günstigeren Bedingungen wieder aufnehmen zu können.
Ungern freilich lasse ich das kaum erst begonnene Werk im Stich und thue es nur »der Not gehorchend, nicht dem innern Triebe.« – Der Vorpostendienst unserer Landsleute hier, er sei von welcher Art er wolle, scheint mir für die Gewinnung und Festigung deutschen Einflusses von großer Wichtigkeit. Es liegt auf der Hand, daß in diesen ganz unfertigen, in den ersten Anfängen einer gesunden Entwickelung stehenden sozialen Verhältnissen das Einzelwesen noch eine ganz andere Bedeutung hat, als in den Kulturstaaten Europas. Darum möchte man auch nur die Besten der Nation, hier, wo noch jeder Deutsche mehr oder minder als Repräsentant des Deutschthums empfunden wird, beschäftigt sehen. Ich scheide mit dem Wunsch, daß mein Platz im Interesse der Weiterentwickelung unserer Sache nur durch eine wirklich gute Kraft ausgefüllt werden möge. Dann kann und wird aus den von meiner Hand gelegten schwachen Keimen ein segenspendendes Werk emporwachsen zur Ehre der deutschen Nation. Das walte Gott. –
J. S. Preuß, Berlin C., Jerusalemerstr. 21
Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Fraktur gesetzt. Markierung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua.
Die Darstellung von Ortsbezeichnungen wie "Dar-es-Salaam", "Ismaïla", "Kiloa", "Kisuani", "Kisuindje", "Kiungani", "Mtoni" sowie von Namens- oder Titelbezeichnungen wie "Dr.", "Madjid", "Père", "Said" bzw. "Sejid" ist im Original teilweise in Antiqua, teilweise in Fraktur, und wurde in dieser Transkription grundsätzlich beibehalten; "Dr." wurde davon abweichend stets ohne gesonderte Markierung wiedergegeben.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "December" – "Dezember", "Hôtel" – "Hotel", "Kisuindje" – "Kisuindji", "Kockerutschen" – "Kokerutschen", "Kokosnus" – "Kokosnuß", "Lieutenant" – "Lieutnant", "Namens" – "namens", "obwohl" – "obwol", "Sclaven" – "Sklaven", "sowohl" – "sowol",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 6:
"Minenspiel" geändert in "Mienenspiel"
(Ihr Mienenspiel und ihr gebrochenes Englisch)
Seite 11:
"Nichkenner" geändert in "Nichtkenner"
(möchte einen Nichtkenner dieser Delikatessen)
Seite 11:
"," eingefügt
(ebensolchen flatternden Mänteln,)
Seite 15:
"Bot" geändert in "Boot"
(nahte sich ein Boot unter deutscher Flagge)
Seite 30:
"rhytmische" geändert in "rhythmische"
(der bekannte rhythmische Hymnengesang)
Seite 34:
"rythmischem" geändert in "rhythmischem"
(rhythmischem Kriegsgesang und nahmen auf dem Schloßplatz)
Seite 38:
"," entfernt vor "arabischen"
(das Meer absuchen) arabischen Sclavenschiffen weggekapert)
Seite 53:
"veranstatlen" geändert in "veranstalten"
(Heute veranstalten die Indier ein glänzendes Fest)
Seite 59:
"c' est" geändert in "c'est"
(»c'est la mail!«)
Seite 66:
"Übungen Mnasimodja" geändert in "Mnasimodja Übungen"
(auf der Wiese an der Mnasimodja Übungen machen)
Seite 67:
"Bismark" geändert in "Bismarck"
(das Bild des Fürsten Bismarck)
Seite 68:
"graulichen" geändert in "greulichen"
(in einem greulichen Durcheinander)
Seite 69:
"dorhin" geändert in "dorthin", "übergesiedet" in "übergesiedelt"
(ist dorthin übergesiedelt, aber sofort wieder erkrankt)
Seite 75:
"Rentch" geändert in "Rentsch"
(Einstweilen muß sogar Schwester Rentsch)
Seite 75:
"." geändert in ":"
(und erhielt die Antwort: »Ich hab' zwar)
Seite 76:
"Rentch" geändert in "Rentsch"
(der Sorgfalt der Schwester Rentsch zu danken)
Seite 80:
"fränzöschen" geändert in "französischen"
(den französischen Arzt, Dr. Marseille, consultiert)
Seite 81:
"," eingefügt
(Er riet mir übrigens dringend, nicht gleich in)
Seite 85:
"langeschwänzter" geändert in "langgeschwänzter"
(Äffchen Hassan, ein langgeschwänzter Nachtaffe)
Seite 86:
"Suhaelidamen" geändert in "Suahelidamen"
(Deutsche, Araberinnen und Suahelidamen unterschiedslos)
Seite 87:
"," entfernt hinter "sein"
(hatte der Wali sein Reiseziel erreicht)
Seite 87:
"," eingefügt
(fuhr mit unseren Herren, die er)
Seite 92:
"Schaafe" geändert in "Schafe"
(und Schafe ihr Wesen, nicht zu vergessen)
Seite 96:
"Baumwollsträuche" geändert in "Baumwollsträucher"
(dazwischen blühende Baumwollsträucher, kandelaberähnliche)
Seite 100:
"«" entfernt hinter "gethan."
(wie er es dem Sultan gethan.)
Seite 109:
"," entfernt vor "mit"
(hat er (oder einer seiner Ahnen) mit Zinnen)
Seite 113:
"," eingefügt
(fürchteten wir schon, seine Insassen)
Seite 113:
"," eingefügt
(größer war die Freude, als sie schon)
Seite 114:
"," entfernt vor "veranstaltet"
(eine große »ngoma« (Musik und Tanz) veranstaltet)
Seite 115:
"," eingefügt
(Schwert aus der Scheide, um in höchst eigener)
Seite 117:
"," eingefügt
(hat mich bewogen, hier zu bleiben)
Seite 117:
"," eingefügt
(weiß nicht, ob ich recht gethan habe)
Seite 119:
"," eingefügt
(Dar-es-Salaam, d. 29. August.)
Seite 125:
"," entfernt vor "haben"
(Wir (die Haushälterin und ich) haben ein)
Seite 129:
"Ouaken" geändert in "Quaken"
(das Quaken des Ochsenfrosches)
Seite 139:
"," eingefügt
(als ich mich aufrichtete, schon in weiter Ferne)
Seute 148:
"," eingefügt
(Abdallah (Karl Schmidt), ein Juwel von einem Diener)
Seite 152:
"»" eingefügt
(sagte er, »aber noch Keinen am Chinin)
Seite 153:
"Dar-es-Saalam" geändert in "Dar-es-Salaam"
(dem ich in Dar-es-Salaam während eines)
Seite 153:
"Experementieren" geändert in "Experimentieren"
(im Allgemeinen zum Experimentieren nicht aufgelegt)
Seite 164:
"Ismalia" geändert in "Ismaïla"
(seiner in Ismaïla zurückgelassenen Familie zu erhalten)
Seite 167:
"," entfernt hinter "Aufseher" und vor "sei"
(der Aufseher (ein Thüringer, namens Frey) sei plötzlich)
Seite 168:
"," entfernt hinter "Ausbleiben"
(kaum dreiviertelstündigem Ausbleiben kam mein)
Seite 179:
"," eingefügt
(»Du fantasierst ja!«, ich habe aber nicht)
Seite 180:
"ausgewordene" geändert in "aus gewordene"
(von Zanzibar aus gewordene Teilnahme)
Seite 184:
"O'swald" geändert in "O'Swald"
(Herr O'Swald kam Nachmittags mit seinem Wagen)
Seite 193:
"«" eingefügt
(und fragte: »haben Sie keine Madafu?«)
Seite 194:
"Dar-es Salaam" geändert in "Dar-es-Salaam"
(beim Wali von Dar-es-Salaam verwendet)
Seite 194:
"Aufenhalt" geändert in "Aufenthalt"
(Mein Aufenthalt in Ost-Afrika naht sich leider)
Seite 194:
"das" entfernt hinter "ich"
(mußte ich dem letzteren die Alternative stellen)