Fünftes Kapitel.
Um von Europa nach Asien zu kommen, muß man den ganzen atlantischen Ocean durchschiffen und dann von diesem, indem man um das äußerste südliche Vorgebirge Afrikas, das sogenannte Cap, biegt, in den großen indischen Ocean übergehen. Am Cap oder, wie es auch genannt wird, dem Vorgebirge der guten Hoffnung, mußte man anlegen, um Wasser und Lebensmittel einzunehmen, weil die Vorräthe, die man von Hamburg mitgenommen, nicht weiter reichen wollten.
Wie wohl that es unserm jungen Seemanne, als er, nachdem er so lange nur das bewegliche Element des Wassers unter sich gehabt hatte, endlich den festen Boden wieder betrat! Wie lange hatte er kein grünes Blatt gesehen, keinen Vogelgesang gehört, in kein anderes Menschen-Antlitz geschaut, als in das der Matrosen und des Capitains, die die Reise mit ihm gemacht! Wie ein junges Füllen, das nach langen Wintertagen aus dem Stalle hervorgeholt, zuerst die grüne Weide wieder betritt, sprang er am Ufer umher und jauchzte laut auf vor Freude, als er den ersten, grünen Baum wieder erblickte. Ueberdies bot dieser ihm einen ganz neuen, überraschenden Anblick dar, denn es war eine Palme, die er zwar bereits in Abbildungen, aber noch nie in der Natur gesehen hatte. Er lief in vollen Sprüngen auf den herrlichen Baum zu und umfaßte den knotigen Stamm desselben mit seinen beiden Armen, wie er sonst in der Freude seines Herzens oft bei seiner lieben Mutter gethan hatte. Dabei liefen ihm die hellen Thränen über die Wangen; sie flossen diesmal aber nicht dem Schmerze, sondern dem Entzücken.
Nachdem sich dieses einigermaßen gelegt hatte, sah er sich weiter um und gewahrte in einiger Entfernung eine Gruppe von Bäumen, deren Kronen ziemlich rund, wie die der in seiner Vaterstadt gesehenen Kugel-Akazien, waren. Er eilte darauf zu und wurde schon aus der Ferne durch den lieblichen, fast betäubenden Duft der schneeweißen Blüten auf die Vermuthung gebracht, daß er Orangenbäume vor sich habe. Als er näher kam, sah er an den goldgelben Früchten, womit diese Bäume bedeckt waren, daß er sich in seiner Meinung nicht geirrt habe. Nicht nur die Zweige waren mit Blüten und reifen und halbreifen duftigen Früchten bedeckt, sondern sie lagen auch in Massen abgefallen am Boden, wie bei uns Aepfel und Birnen, wenn der Sturm die Fruchtbäume im Herbste geschüttelt hat. Viele davon waren noch frisch und gut, andere aber schon verfault, weil sich Keiner darum zu bekümmern schien, sie aufzulesen. Unser William hatte zwar großen Appetit, seinen brennenden Durst durch diese eben so duftigen als saftigen Früchte zu löschen; da ihm aber seine Mutter die größeste Ehrfurcht vor dem Eigenthume Anderer eingeflößt hatte, wagte er es doch nicht, sich zu bücken und einige von den herrlichen, am Boden liegenden Orangen aufzuheben, bis andere Matrosen von dem Schiffe sich zu ihm gesellten und, indem sie sich die Taschen und Mützen mit Orangen füllten, ihm sagten: daß es hier Jedem erlaubt sei, so viele Früchte zu nehmen, als ihm beliebe, indem sie wild wächsen und Allen gleichsam zugehörten. Sie konnten das wissen, da sie schon mehrere Male das Vorgebirge der guten Hoffnung besucht hatten und hier eben so gut Bescheid wußten, wie in ihrer Heimath. Er ließ sich das nicht zwei Mal sagen und erquickte sich jetzt auch an den duftigen Früchten.
»Komm nur weiter mit uns,« sagte jetzt Jakob, ein bereits ziemlich alter Matrose, dessen stark gebräuntes Gesicht verrieth, daß er schon lange zur See gefahren; »komm nur, wir wollen Dir etwas noch Besseres zeigen, als diese süßen Orangen. In dieser Gegend wächst eine Rebe, deren Früchte nicht Ihresgleichen in der ganzen übrigen Welt hat. Der davon gewonnene Wein wird, nach dem Weinberge, von dem man ihn erzielt, Constanzia genannt und so theuer in Europa verkauft wie kein anderer Wein; die Trauben aber sind das Köstlichste, was der Mensch nur genießen kann.«
»Gehört denn auch dieser Weinberg Niemanden an und darf man auch von ihm Trauben pflücken, ohne Jemanden nahe zu treten?« fragte William, als man bei demselben angelangt war.
»Das nun wohl nicht,« versetzte Jakob, durch diese unerwartete Frage des Knaben etwas in Verlegenheit gesetzt; »vielmehr würde der Besitzer, ein Holländer, es sehr übel vermerken, wenn er uns dabei ertappte, daß wir von seinen Trauben nähmen, aus denen er einen so großen Gewinn zu ziehen versteht; wer aber würde sich wohl daran kehren, wo es etwas so Gutes zu erhaschen gibt?« fügte er hinzu.
»Ich werde mich wohl daran kehren,« versetzte William; »fern sei es von mir, mir das Geringste mit Unrecht anzueignen. So hat meine brave Mutter es mir gelehrt und dabei will ich, so lange ich lebe, bleiben.«
»Thue das, mein Sohn!« ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen, die, Allen ganz unerwartet, hinter einer dichten Hecke hervorkam, und zu gleicher Zeit erhob sich ein menschliches Antlitz hinter derselben. Die Andern, welche sich schuldig fühlten – sie hatten ja stehlen wollen – ergriffen erschrocken die Flucht; unser William, dessen Gewissen völlig rein war, blieb aber stehen und sah den alten Mann, der ihr Gespräch belauscht hatte, furchtlos an.
»Ich habe Alles gehört, mein Sohn,« sagte der Besitzer des Weinbergs – denn er war es selbst – »und freue mich, die Bekanntschaft eines so braven jungen Menschen gemacht zu haben. Bleibe bei Deinen guten Grundsätzen und es wird Dir stets wohl ergehen. Warte aber einen Augenblick: ich will Dich für Deine Redlichkeit belohnen, indem ich Dir die sonst fest verschlossen gehaltene Pforte meines Weinbergs öffne und Dich in denselben führe, damit Du Dich nach Herzenslust an meinen guten Trauben sättigest; denn für einen so braven, redlichen Burschen habe ich immer noch einige davon übrig. Den andern aber würde es schlecht bekommen sein, wenn sie, über den Zaun steigend, auf anderm Wege in meinen Weinberg gedrungen wären. Ich muß auf solche ungeladene Gäste gefaßt sein, da Jeder, der hier landet, von meinen weitberühmten Trauben naschen will, und würde wohl schwerlich eine einzige davon in die Kelter bringen, wenn ich nicht die gehörige Vorsicht angewendet hätte. Zu dem Ende ließ ich mir Fußangeln aus Europa herüberkommen und legte sie dicht an der Hecke rund um den Weinberg. Von Zeit zu Zeit habe ich Warnungstafeln aufgestellt, auf denen in allen lebenden Sprachen zu lesen ist, welches Unheil die häßlichen Näscher in meinem Weinberge erwartet; denn ungewarnt sollten selbst diese nicht in ihr Unglück gehen.«
Als er diese Worte geendet hatte, öffnete er mit einem schweren Schlüssel, den er bei sich trug, die große und hohe eiserne Pforte und lud unsern William zum Eintritt, zugleich aber auch zum Genusse seiner herrlichen Trauben ein, wobei er ihm seine Lebensschicksale erzählte, die seltsam genug waren. Als ein armer Knabe war er aus Holland, seinem Geburtslande, auf einem großen Handelsschiffe nach dem Cap gekommen und Krankheits halber daselbst zurückgeblieben. Ein Deutscher nahm sich des Verlassenen an, weßhalb er auch die deutsche Sprache vollkommen gut sprach und verstand. Durch Fleiß und Redlichkeit erwarb er sich im Laufe der Jahre einiges Vermögen, kaufte darauf den Weinberg, dessen Werth man damals noch nicht kannte, für eine geringe Summe an, kultivirte die üppig wachsenden Reben desselben, grub und düngte den sehr steinigten, trockenen Boden gehörig und sah sich nach einigen Jahren in dem Besitze eines Weinbergs, um den jeder ihn beneidete und der ihn nach und nach durch seinen Ertrag zum reichen Manne machte.
Dieses Alles erzählte der freundliche Greis unserm William, während dieser sich, auf seine Einladung, an Trauben sättigte, von deren Köstlichkeit und Würze man in Europa keinen Begriff haben kann. Als William nicht mehr zu essen vermochte, füllte er ihm Mütze, Taschen und sein Sacktuch auch noch mit Trauben an, ermahnte ihn dringend, auch ferner stets auf Gottes Wegen zu gehen, und entließ ihn endlich mit seinem Segen.
Dieses Abentheuer war das angenehmste, das unser junger Freund noch in seinem, freilich kurzen, Leben erlebt hatte und selbst noch als Greis erinnerte er sich desselben mit großer Freude, indem er zugleich behauptete, ihm habe nie wieder etwas so geschmeckt, wie diese ihm mit so großer Liebe und Freundlichkeit geschenkten Trauben.
Als er endlich zu seinen, ihn in einiger Entfernung erwartenden Genossen zurückkehrte, erzählte er ihnen, was ihm begegnet war und vertheilte die ihm mitgegebenen Trauben an sie.
»Wetter!« rief der alte Jakob, als William ihm von den von dem Holländer gelegten Fußangeln erzählte. »Da hätten wir schön ankommen und uns vielleicht für unsere ganze Lebenszeit unglücklich machen können; denn mit den Dingern ist nicht zu spassen und wer zufällig darauf tritt, wird leicht zum Krüppel, weil sie tief in den Fuß eindringen und oft unheilbare Wunden zurücklassen.«
Man hatte wirklich Gott für die Abwendung einer so großen Gefahr zu danken; unser William ging für die Mittheilung seiner auf rechtlichem Wege erworbenen Trauben auch nicht leer an Dank aus und Alle waren höchlichst zufrieden.
Es war bereits ziemlich spät, als man von diesem, mit Erlaubniß des Capitains unternommenen Ausfluge zurückkehrte und Capitain Hansen donnerte und fluchte schon über das allzulange Ausbleiben. Er besänftigte sich indessen, als er William, den er schon gar nicht mehr entbehren konnte, mit zurückkehren sah. Er hatte sich nämlich selbst Vorwürfe darüber gemacht, daß er diesem erlaubt hatte, mit den Andern ans Land zu gehen, da er fürchten mußte, daß der auf so hinterlistige Weise Angeworbene ihm entfliehen und Schutz bei der Behörde gegen ihn suchen würde; er war daher herzlich froh, als er ihn wiederkommen sah. An dergleichen dachte aber Williams redliche, arglose Seele nicht einmal; auch hatte er sich jetzt bereits an das Seeleben gewöhnt, um so mehr, da Capitain Hansen ihn wider seine sonstige Gewohnheit ziemlich gut behandelte.
Für einen jungen, strebsamen Menschen, der sich gern in der Welt umsieht und auf Alles merkt, muß eine Reise in so entfernte Gegenden auch immer einen großen Reiz haben. Jeden Tag, ja jede Stunde, gab es da etwas Neues und die Quelle der Belehrung versiegte keinen Augenblick. Bald war es ein Delphin, der neben dem Schiffe herschwamm, bald ein fliegender Fisch, der sich in seinem silbernen Schuppenkleide aus der grünen Tiefe emporschnellte; bald ein gräulicher Hayfisch, der seinen gestachelten Rachen weit öffnete, um seine Beute zu erhaschen, der seine Aufmerksamkeit und Wißbegierde auf sich zog. Bald sah man in großer Entfernung graue, gezackte Nebelwölkchen am Horizonte aufsteigen und die erfahrenen Seeleute erklärten ihm, daß es die Berge der entfernten Küste wären, die er erblickte, bald ließ sich ein Wandervogel, ermüdet von der weiten Reise über das unendliche Meer, auf die Spitze des Mastes nieder, um auszuruhen und wurde mit lautem Jubel von der Mannschaft begrüßt; bald warf man, bei Windstille, Netze und Angelhacken aus, um die Bewohner der kühlen Tiefe zum leckern Mahle zu fangen; bald schwammen die Trümmer gescheiterter Schiffe an ihnen vorüber und gaben reichlichen Stoff zu Erzählungen von Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See; bald endlich theilte der alte Jakob, der ein lebendiges Magazin von Sagen und Mährchen war, der aufmerksamen ihm zuhörenden Mannschaft die allerschönsten Sagen mit; kurz, es fehlte weder an Unterhaltung, noch an Abwechslung an Bord, und so gefiel sich endlich unser William gar sehr in seinen neuen Verhältnissen; ja, hätte der Gedanke an den großen Kummer, den seine gute Mutter erdulden würde, seine Heiterkeit nicht oft getrübt, so würde er sich vielleicht vollkommen glücklich gefühlt haben.
Sechstes Kapitel.
Nach dem ersten glücklich abgelaufenen Versuche, den der Capitain mit unserm William gemacht hatte, stand er nicht an, diesem ebensowohl als der übrigen Mannschaft die Erlaubniß zu ertheilen, die sogenannte Capstadt zu besuchen. Hier bekam unser junger Freund viel Merkwürdiges zu sehen, unter andern sah er dort auch die Hottentotten, wie die Holländer diese, an der Südspitze Afrika's lebende Nation nennen, die sich selbst Quanquis nennt. Die gelbbraune Farbe derselben, ihr der Wolle ähnliches, schwarzes Haar, ihre großen Mäuler und eingedrückten Nasen, mehr aber noch ihre höchst seltsame Sprache, die mehr einem Schnalzen, denn einer menschlichen Sprache glich, waren für unsern Neuling so auffallende Dinge, daß er sich nicht satt daran sehen konnte und oft vor Verwunderung außer sich war. Von ihrem Schmutze, der selbst den der Grönländer noch übersteigt, von ihren höchst seltsamen Sitten und Gebräuchen, wußte man ihm viel zu erzählen und er hörte dem Erzähler mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu. Dieses Volk ist übrigens gutmüthig und friedlich, mit Ausnahme eines Stammes, den man die Buschmänner nennt, weil sie in einer waldigen Gegend wohnen. Diese sind tückisch, räuberisch und oft sogar grausam; sie machen auf die europäischen Ansiedler oder Colonisten förmlich Jagd, wie wir auf wilde Thiere, und wehe dem, der in ihre Hände fällt!
Sie treiben durchaus keinen Ackerbau, sondern leben fast nur von der Jagd und dem Raube; sie berauben aber nicht blos die Europäer, die sie mit Recht als ihre Feinde ansehen, sondern die ihnen verwandten Stämme der Hottentotten und Kaffern, wie eine andere, gleichfalls in der Nähe der Südspitze von Afrika wohnende Nation heißt. Wie die Thiere, denken die Buschmänner nicht an den folgenden Tag, sorgen auch niemals für die Vermehrung ihres Viehstandes. So wie sie ein Stück Vieh geraubt und in Sicherheit gebracht haben, schlachten sie es und verzehren es, größtentheils roh, auf der Stelle; sie haben so wenig Eckel, daß sie selbst die Eingeweide zur Nahrung nicht einmal verschmähen. Haben sie sich recht satt gegessen, so legen sie sich hin und schlafen, bis der Hunger sie wieder weckt und zu neuen Raubzügen anspornt. Können sie nichts erhaschen und quält der Hunger sie allzusehr, so schnallen sie sich mit breiten Lederstreifen den Magen und Unterleib ein und sollen dann sehr lange hungern können.
Sie sind überaus wild, grausam und rachsüchtig und vergiften die Spitzen ihrer Pfeile mit dem Safte von nur ihnen bekannten giftigen Pflanzen, so daß jede Wunde, die sie damit beibringen, sogleich tödtlich wird.
Dieser Buschmänner werden aber immer weniger, da die Colonisten genöthigt sind, Militär gegen sie auszusenden und gegen sie eine Art von Vertilgungskrieg zu führen. Wie schrecklich! daß Mensch gegen Mensch auf diese Weise verfährt.
Von allen diesen, für unsern William fast unglaublichen Dingen hörte er in der Capstadt erzählen und konnte nicht satt werden, sich davon erzählen zu lassen. Ja, er trug sogar kein geringes, wenn gleich mit Furcht gemischtes Verlangen, einmal einen Buschmann von Angesicht zu Angesicht zu sehen, was ihm freilich wohl sehr übel bekommen seyn würde.
Endlich hatte Capitain Hansen die nöthigen Vorräthe eingenommen und wartete nur noch auf einen günstigen Wind, um wieder unter Segel und seinem Bestimmungsorte, der, wie schon gesagt, die den Holländern gehörige Insel Java war, entgegen zu gehen.
Dieser mit so großer Sehnsucht erwartete günstige Wind stellte sich endlich ein und die Hoffnung verließ mit geblähten Segeln den Hafen. Bald schwamm das Schiff jetzt im großen indischen Weltmeere und steuerte den sogenannten Sunda-Inseln, wovon Java eine ist, zu; die drei andern zu dieser großen Inselgruppe gehörigen Inseln heißen Borneo, Sumatra und Celebes; außer diesen vier großen Sunda-Inseln gibt es noch eine Menge kleinerer, mit deren Aufzählung ich Euch aber nicht belästigen will.
Die Fruchtbarkeit dieser Inseln ist außerordentlich groß und der Handel derselben beträchtlich. Die edelsten und von den Europäern am meisten gesuchten Produkte wachsen dort und werden durch die Handelsschiffe nach allen bewohnten Theilen der Erde ausgeführt. Aus Java, besonders aus der Hauptstadt Batavia, erhält man Reis, Kaffee, Tabak, etwas Indigo, Baumwolle und Gewürze. Hier, wo so viele treffliche und nützliche Produkte wachsen, findet man aber auch den so vielbesprochenen Giftbaum, den Bohan-Uzas, von dem ich Euch, da Ihr wohl schon oft davon gehört haben werdet, etwas Näheres mittheilen will. Er wächst in waldigen, nicht zu hoch gelegenen Gegenden auf den Sunda- und Philippinischen Inseln, die in der Nähe der erstern liegen, besonders aber auf Java. Er wird an hundert Fuß oder fünfzig Ellen hoch und hat einen geraden Stamm, mit knochenartigen Auswüchsen. Die Blüten sind gelb mit grüner Blütendecke; die Blätter oval-länglich mit feinen Härchen besetzt. Man hat diesem, allerdings überaus giftigen Baum doch weit mehr Böses nachgesagt, als er verdient, wie z. B. daß darüber hinfliegende Vögel, von den Ausdünstungen des Uzas berührt, sogleich todt aus der Luft zur Erde niederfielen und Menschen und andere Säugethiere, die sich in seine Nähe wagten, dasselbe Schicksal erlitten; ja, man nannte ein Thal auf Java, wo ein solcher Bohan-Uzas stand, sogar das Thal des Todes, weil von den giftigen Ausdünstungen desselben sogleich alles Leben ersterben sollte. Dieses alles gehört nicht der Wahrheit, sondern allein der Fabel an. Der Baum ist allerdings sehr giftig; aber die Wilden gewinnen das Gift für ihre tödtlichen Pfeile allein dadurch, daß sie den Stamm des Bohan-Uzas mit einem Messer oder scharfen Steine ritzen, woraus ein milchiger Saft aus der Rinde hervorquillt, der schnell zu einem Gummi-Harze gerinnt. Diesen Saft vermischen die noch wilden Javanensen mit andern giftigen Substanzen und tauchen ihre Pfeilspitzen hinein, worauf jede damit gemachte Wunde auf der Stelle tödtlich wird. Der giftreiche Uzas hat übrigens ein sehr schönes Ansehen und ist ein kräftiger Baum mit einer wohlgewachsenen, herrlichen Krone. Er trägt eine steinigte Frucht. So viel von dem Uzas.
Auf Java, und überhaupt auf den Sunda-Inseln, besonders auf Borneo, findet man auch das dem Menschen so ähnliche Thier, den Urang-Utang, den die Ureinwohner für einen wirklichen Menschen halten, der aus Trägheit weder sprechen noch arbeiten wolle; man nennt den Urang-Utang auch den Waldmenschen. Er geht, wie Euch schon bekannt sein wird, aufrecht und hat oft einen Knittel als Spazierstock oder als Waffe in einer seiner Vorderhände; denn daß die Affen vier Hände haben, werdet Ihr schon wissen. Wenn er angegriffen wird, vertheidigt er sich wacker und soll ein gefährlicher Feind sein, wenn man ihm allein begegnet.
Unser William würde, wenn er nach Java gekommen wäre, dieses Alles und noch viel Merkwürdiges gesehen haben; allein das Schicksal wollte es anders und er sah diese Insel nur aus weiter Ferne, ohne sie je zu erreichen, wie ich Euch nachstehend in dieser wahrhaften Geschichte erzählen werde.
Wind und Wetter blieben zu Anfang der Fahrt vom Cap der guten Hoffnung ins indische Weltmeer hinein durchaus günstig, und wie ein großer Vogel mit seinen weitausgebreiteten Schwingen die blaue Luft durchschneidet, so durchschnitt die mit schönen weißen Segeln bespannte Hoffnung den Ocean. Stolz und herrlich mußte sich das Schiff ausnehmen, indem es so sicher durch die bewegte Wasserfläche hinglitt. Wie lustig flatterten nicht die hochrothen Wimpel, die schöne Flagge mit dem königlichen Wappen im Winde! Wie glänzte und schimmerte Alles am Bord, wo eine wahrhaft musterhafte Reinlichkeit und Ordnung herrschte; denn das mußte man dem Capitain Hansen, trotz seiner sonstigen üblen Eigenschaften, lassen, er war ein ganzer Seemann und hielt in allen Dingen auf die strengste Ordnung; nicht ein einziges Endchen Tau durfte am unrechten Orte umherliegen und die erste Putzdame konnte nicht eifersüchtiger über ihren Staat wachen, als unser Capitain über die Sauberkeit seiner schönen Hoffnung.
Endlich an einem Morgen, als es eben Tag zu werden begann, rief der Matrose, der oben im Mastkorbe saß, mit lauter und freudiger Stimme »Land!« aufs Verdeck hinunter. Der Capitain kam auf diesen Ruf schnell aus der Kajüte hervor und befahl William, der ihm gefolgt war, das prächtige, weitsehende Fernrohr zu bringen, damit er untersuchen könne, ob der sich im Nord-Ost am fernen Rande des Horizontes zeigende, graue Nebelstreif wirklich Land, und, wie er vermuthen durfte, die Küste von Java sei. Er richtete lange das Fernrohr, das er auf Williams Schulter gelegt hatte, auf den grauen Streif; denn die Entfernung war noch so groß, daß man nur mit Mühe unterscheiden konnte, ob man wirklich Land oder nur eine Wolkenschicht vor sich habe. So wie aber die Sonne etwas höher gestiegen war, unterschied er mit dem Fernrohr deutlich die hohen Bergspitzen Java's und sagte jetzt freudig: »Es ist wirklich Land und bald werden wir am Ziele sein.«
Dieser Ausspruch erfreute die Herzen Aller, die ihn hörten. Wenn man so lange auf der See geschwommen und nichts als Himmel über, als Wasser unter sich gehabt hat, dann sehnt man sich endlich doch wohl nach einem festen, grünen Boden unter seinen Füßen, und wenn man so lange nichts als gepöckeltes Fleisch und trockene Hülsenfrüchte, wenn es hoch kömmt, eine Mehlspeise oder Fische gegessen hat, nach frischem Fleische und grünem, saftigem Gemüße.
Es herrschte also über diesen Ausspruch des Capitains große Freude am Bord: wußte man doch, daß man sich auf ihn verlassen konnte, besonders, da es nicht das erste Mal war, daß er diese Reise machte. Eine so glückliche, ungetrübte Fahrt, wie diese, hatte man noch nicht gemacht; so behauptete selbst der älteste Matrose am Bord, der alte Jakob, der von seinem fünfzehnten, bis zu seinem fünfzigsten Jahre fast immer auf der See gewesen war.
Indeß sollte die große Freude der Mannschaft und des Capitains bald getrübt werden. Die bisher so ruhige, gleichsam spiegelglatte See fing an, sich zu kräuseln; es tauchten immer größere Wellen, als ob das Meer unten koche, aus der Tiefe empor; zwar verspürte man auf dem Schiffe noch keinen Wind, vielmehr schwieg dieser gänzlich, als wolle eine Windstille eintreten; allein das Meer braus'te hohl und gab ein Getöse von sich, wie wenn in weiter Ferne der Donner rollt.
Die Mannschaft kannte so etwas und Alles wurde still, als sich diese Boten eines herannahenden Sturmes kund thaten. Je größer die vorhergehende Stille gewesen war, je mehr hatte man von jenem zu fürchten. Ein anderes, Allen wohlbekanntes übles Zeichen waren die über das Schiff hinfliegenden großen Wandervögel, die ein klägliches Geschrei in der Luft erhoben und statt sich zum Ausruhen auf die Masten und Segelstangen nieder zu lassen, im schnellsten Fluge vorüberschossen. Das thaten sie, um wo möglich noch vor dem ausbrechenden Orkane das Festland zu erreichen.
Die See färbte sich immer dunkler; die Wellen wurden mit jeder Stunde größer und begränzten sich mit schneeweißen Rändern von Schaum. Der Capitain verließ das Verdeck nicht und schaute sich mit ernster Miene und ohne ein Wort zu sagen nach allen Seiten um, ob er nicht noch andere Zeichen des nahenden Sturmes entdecke. Endlich erblickte er, gerade in der Richtung, von welcher der Wind herkam, ein kleines dunkles Wölkchen am Himmel, und sich an den Steuermann wendend, sagte er:
»Jetzt kommt es! Aufgepaßt!«
Er ertheilte dann der Mannschaft die nöthigen Befehle, um auf das Kommende bereit zu sein, ließ einen Theil der Segel einziehen und befahl die größeste Vor- und Umsicht.
»Das Wetter wird wahrscheinlich sehr schlimm werden und wir haben uns zu früh über die glückliche Fahrt gefreut,« sagte er mit bedenklicher Miene. »Von Glück werden wir zu sagen haben, wenn wir mit leidlichem Schaden davon kommen. Habt ihr das dunkle Wölkchen da unten,« – er zeigte gen Westen mit der Hand – »wohl gesehen?« wandte er sich an den neben ihm stehenden Untersteuermann; »das bedeutet nichts Gutes und wird schnell genug, Tod und Verderben in seinem Schooße tragend, heraufkommen. Dazu wird es bereits Abend; es darf Keiner diese Nacht zu Bett gehen, denn wenn uns das Unwetter im Schlafe überraschte, könnte das Unheil groß werden. Daher aufgepaßt! sage ich nochmals und keiner verlasse seinen Posten!«
William, der neben dem Capitain stand und jedes seiner Worte vernahm, hatte denn doch ganz seltsame Empfindungen in seiner Brust, als er von Sturm und Unwetter reden hörte und, wie es sehr wahrscheinlich war, sie selbst mitbestehen sollte. Er hatte bereits oft von Schiffbrüchen und andern Unfällen zur See gehört oder gelesen; das aber erfüllte ihn nur mit einem gewissermaßen angenehmen Grausen und stachelte blos seine Neugierde auf den Ausgang der Sache; jetzt aber, wo er selbst daran und eine mitspielende Person in dem großen Drama sein sollte, war ihm ganz anders zu Muthe und trotz der drückenden Schwüle des Abends rieselte ihm von Zeit zu Zeit ein kalter Schauder durch die Glieder.
Indeß begriff er doch noch nicht, wie das bezeichnete kleine dunkle Wölkchen am fernsten Rande des westlichen Horizontes so verderblich für Schiff und Mannschaft werden könne; war es doch noch so fern und kaum wenig größer, als daß er es mit seinen beiden ausgebreiteten Händen hätte bedecken können. Er wagte es mit einiger Schüchternheit, seine bescheidenen Zweifel nicht gegen den Capitain selbst, wohl aber gegen den ihm befreundeten Obersteuermann zu äußern; dieser aber belehrte ihn eines Bessern, indem er zu ihm sagte:
»Die Wolke da drüben scheint nur klein, ist es aber nicht. Nur die außerordentlich große Entfernung und der große unermeßliche Raum, in dem sie schwimmt, läßt sie unsern Blicken so unbedeutend erscheinen. Du wirst schon selbst bemerkt haben, lieber William, wie sehr die Entfernung zur scheinbaren Verkleinerung der Gegenstände beiträgt. Wenn man z. B. auf einem Berge, auf einem hohen Thurme oder auch nur auf dem Dache eines Hauses steht, erscheinen die unten wandelnden Menschen und Thiere uns in fast zwerghafter Gestalt. Eben so ist es mit den Gegenständen, die wir am Horizont erblicken. Nimm nur einmal die Sonne oder den Mond, deren Scheibe man fast mit der Hand bedecken kann, und doch ist die erstere 113 Mal großer als unsere Erde, obgleich diese eine Masse von 2659 Millionen 310190 kubischen Meilen hat; eine kubische Meile ist aber eine, die eine Meile lang, breit und hoch ist. Bedenke, wie groß also die um 113 Mal so große Sonne sein muß und doch macht die außerordentliche Entfernung, daß sie uns nicht größer erscheint, wie der innere Theil eines mäßigen Tellers. Hiernach wirst Du schließen können, daß auch jene, jetzt so klein scheinende Wolke sehr groß sei und uns, wenn sie sich über uns ausbreiten sollte, Gefahr und Verderben bringen könnte. Alles wird für uns davon abhängen, ob der Wind in seiner jetzigen Richtung bleibt, oder davon abspringt; ist das letztere der Fall, so dürfte die Gefahr minder groß werden.«
William, der dem unterrichteten Manne mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört hatte, dankte für die ihm ertheilte Belehrung und richtete jetzt auch seine Blicke fast unausgesetzt auf die kleine dunkle Wolke.
Siebentes Kapitel.
Der Wind stand indeß noch immer aus Westen und die Wolke, von ihm getrieben, kam immer näher und näher; so wie sie aber heraneilte, wurde sie größer. Noch hohler als früher schon ging die See; die Wellen schlugen gegen die Seitenwände des Schiffs, als wollten sie sie zerschellen; der Schaum spritzte, so wie der Kiel die Wogen durchschnitt, so hoch empor, daß er auf's Verdeck niederfiel. Jetzt ließen sich auch bereits einzelne, noch in ziemlich großen Pausen kommende Windstöße verspüren; die freien Zwischenräume wurden immer kürzer, die Stöße selbst anhaltender. Endlich war der vollständigste Orcan da. Der Himmel hatte sich schwarz bezogen; es donnerte aus den Wolken; Blitze zuckten, die ganze Natur schien in Aufruhr zu sein. Die Wellen gingen so hoch, daß sie über das Verdeck stürzten und von demselben Manches mit sich in die Tiefe hinabrissen. Dazu kam die Nacht, die das Grausenhafte der Scene noch vermehrte.
Der Capitain war dem Anscheine nach ruhig, aber sehr bleich; ein Beben seiner Stimme, so oft er einen Befehl ertheilte, verrieth, daß er seine innere Furcht nur bemeisterte, vielleicht, um die Mannschaft nicht zu erschrecken: war diese doch ohnehin, trotz ihres Muthes, schon erschrocken genug, indem sich kaum einer erinnerte, je einen solchen Orkan erlebt zu haben.
Die ältesten und verwegensten Matrosen, Männer, denen sonst immer, nach der schlechten Gewohnheit der Soldaten und Seeleute, Flüche auf den Lippen schwebten, ließen alle Augenblicke ein: »Gott steh' uns bei!« oder: »Gott sei uns armen Menschen gnädig!« hören. Man vernahm weder mehr ein fröhliches Singen noch Pfeifen am Bord; Alles verrichtete seine Arbeit still; nur die Stimme des Capitains wurde von Zeit zu Zeit, Befehle ertheilend, gehört; oft übertobte der Sturm sie.
Die Gewalt desselben nahm mit jedem Augenblick zu, und obgleich die meisten Segel eingerefft waren, wurde das Schiff doch pfeilschnell vorwärts getrieben. Der Steuermann vermochte das Steuer nicht mehr zu regieren, sondern mußte das Schiff dem Winde und den Wellen fast gänzlich überlassen. Menschenmacht und Menschenhülfe vermochte nichts mehr: man mußte sich in Gottes Hand geben und glaubte dem Ende seiner Tage nahe zu sein.
Um das Unheil zu vermehren, brach endlich auch noch das Steuer entzwei, indem eine Stoßwelle dagegen schlug; jetzt gab es keine Lenkung des Schiffes mehr, und Luft und Wasser hatten freies Spiel.
Selbst dem Capitain entsank der Muth; bis dahin hatte er einen wirklich bewunderungswürdigen gezeigt. Sein Ansehen hatte etwas Furchtbares; sein Gesicht war todtenbleich, und sein krauses Haar sträubte sich auf dem Haupte empor; in seinen Mienen lagen Furcht und Entsetzen; allein kein Wort, das Furcht verrathen hätte, entfuhr seinen Lippen. Nur als er an William vorüberging, der in der Kajüte auf seinen Knieen lag und, wie seine fromme Mutter es ihm im Glück und Unglück gelehrt hatte, zu Gott um Rettung emporflehte, sagte Capitain Hansen wie vor sich hin:
»Armer Junge! Dein Leben habe ich auf dem Gewissen! Ich beging ein schweres Unrecht, das ich vor Gott zu verantworten haben werde, indem ich Dich Deiner Heimath und einer minder gefahrvollen Beschäftigung entriß.«
Obgleich nun die Gefahr mit jedem Augenblick höher stieg und Alle sich ihres Lebens begaben, war doch durch das Gebet eine größere Ruhe über das Herz des armen William gekommen. Wie oft hatte er seine gute Mutter in Augenblicken der Noth die Worte sagen hören:
»Nicht wie ich, sondern wie mein Vater im Himmel will?« und dieser sich jetzt erinnernd, sagte er sie auch, wodurch eine wahrhaft himmlische Ruhe über sein Herz kam. Zwar erfüllte ihn der Gedanke mit Betrübniß, schon so jung, so fern von der theuren Mutter und der geliebten Heimath sterben zu sollen, in die grausenvolle Tiefe des Meeres hinabsinken zu müssen; allein Schrecken oder wohl gar Entsetzen flößte er ihm nicht ein: wußte er doch, daß es nach diesem Leben noch ein anderes, wie die heilige Schrift verhieß, besseres geben würde; wie hätte er sich also wohl vor dem Tode fürchten sollen? Daß er aber zu leben wünschte, wie natürlich war das nicht?
So beschämte dieser Knabe in seiner durch wahrhafte Frömmigkeit und Gottergebenheit hervorgegangenen Ruhe die ältern Männer. Trotz derselben ließ er aber doch die Hände nicht in den Schoos sinken, sondern verrichtete mit Kraft und Besonnenheit die ihm aufgetragenen Geschäfte.
Die grauenvolle Nacht ging endlich vorüber und der Himmel klärte sich etwas auf. Von Zeit zu Zeit fiel ein Sonnenstrahl durch den dunklen Wolkenschleier, womit er überzogen war; aber der Sturm legte sich nicht und trieb das Schiff wie ein Spielwerk vor sich her. Wo man war, wußte man nicht, da eine Sturzwelle den Kompaß über Bord gerissen hatte, folglich der Capitain seine Beobachtungen nicht anstellen konnte; gelenkt konnte das Schiff auch nicht mehr werden, weil das Steuer zerbrochen war. Man sah kein Land mehr, nichts als das Wasser unter, den Himmel über sich.
Dies war, obwohl an sich schrecklich genug, doch gewissermaßen ein Trost für die armen Schiffbrüchigen, indem die größeste Gefahr ihnen von der Nähe des Landes kommen mußte. In dieser Nähe ist nämlich das Meer gewöhnlich mit verborgenen oder offenbaren Klippen und Felsenriffen besät, an denen steuerlose Schiffe unfehlbar scheitern müssen, wenn der Wind sie gegen dieselben treibt. Daher war es für unsere Seefahrer tröstlich, daß sie nirgends Land zu erspähen vermochten. Legte sich der Orcan nur bald, so durfte man sogar noch auf Rettung hoffen: das Schadhafte konnte ausgebessert, die zerrissenen Segel konnten geflickt werden und man, wenn gleich nur nothdürftig und mit großer Anstrengung, doch noch einen rettenden Hafen erreichen.
So betete jetzt Alles am Bord, ganz im Gegensatze zu früher: »Nur kein Land! Nur kein Land!« Der Sturm konnte, mußte sich ja endlich doch legen; wenn aber das Schiff auf Klippen stieß, dann war keine Rettung mehr möglich.
Allein auch die letzte Hoffnung sollte zu Trümmern gehen. Nachdem das Schiff noch einige Stunden, vom Sturme gepeitscht, gegen Osten getrieben worden war, erblickte man ganz deutlich, und bereits mit bloßem Auge, den bewußten grauen Streif am Himmel, der auf Land deutete, und der Wind trieb das Schiff in gerader Richtung darauf zu.
Jetzt verstummte Alles vor Schrecken; der Capitain selbst bewahrte seine äußere Fassung nicht mehr und sagte der erschrockenen Mannschaft geradezu heraus, daß sie ihre Seele Gott befehlen möchten.
Immer deutlicher trat die Küste hervor – ob es eine Insel oder ein Festland sei, vermochte man nicht zu entscheiden, da man nicht wußte, wo man sich befand – und um den Schrecken noch zu vermehren, sah man, daß sie bergig war. Wenn sich aber Berge am Lande befanden, so durfte man schließen, daß sie bis ins Meer hinein sich erstrecken würden. Die Erfahrung lehrt nämlich, daß jedes Gebirge drei Abstufungen hat: das höchste oder Hauptgebirge; das Mittel- und endlich das Vorgebirge, welches letztere gewöhnlich sich in Klippen und Felsenriffen im Meere endigt. Letztere hatte man also jetzt auch an der Küste zu erwarten, auf die das steuerlose Schiff zugetrieben wurde.
Der Capitain ertheilte jetzt keine Befehle mehr; denn wie hätte man sie ausführen sollen? Die Mannschaft arbeitete nicht mehr; denn wozu konnte die Arbeit noch nützen? Eine tiefe, lautlose Stille herrschte am Bord; nur von Zeit zu Zeit stieg der Schiffszimmermann mit einer Laterne in den Raum hinab, um nachzusehen, ob auch kein Leck entstanden sei und das Schiff Wasser schöpfe. In dieser Hinsicht brachte er immer tröstliche Nachrichten mit herauf: der Boden des Schiffes war noch fest und kein Leck zu entdecken.
Da, als eben der Zimmermann wieder die Leiter hinan stieg, um sich aufs Verdeck zu begeben, erhielt die Hoffnung, Allen unerwartet, einen furchtbaren Stoß, so daß ihre eichenen Rippen erkrachten und Diejenigen, welche standen, in Gefahr waren umzufallen.
»Nun ist das Unglück da!« rief der Capitain aufspringend. »Es kann nicht fehlen, der Stoß muß einen Leck gegeben haben. Schnell hinab, Zimmermann!« herrschte er diesen an, »schnell hinab und nachgesehen, was es da unten gibt.«
Er hatte kaum diese Worte ausgesprochen, so erfolgte ein zweiter, noch weit heftigerer Stoß; dann stand das eben noch pfeilschnell dahinschießende Schiff plötzlich still, woraus man schloß, daß es sich zwischen zweien im Meere verborgenen Felsenriffen festgeklemmt habe.
Achtes Kapitel.
Die Blässe des Todes hatte alle Gesichter überzogen, so wie das Schiff plötzlich still stand; es war, als wäre das eben noch so lebendige zur Leiche geworden. Die tiefste Stille herrschte an Bord; dann brachen einige in laute Klagen aus, die der Capitain dadurch zu beschwichtigen suchte, daß er zu ihnen sagte:
»Was hilft das Wimmern und Klagen? Es steht nun einmal im Buche des Schicksals geschrieben, daß wir in der salzigen Fluth unsern Untergang finden sollen, und dabei ist es denn doch einigermaßen ein Trost, daß wir auf ächt seemännische Weise umkommen. Der Tod wird hier wahrscheinlich nur ein Augenblick sein; wären wir am Lande gestorben, so hätte es vielleicht länger gedauert, bis wir damit durch gewesen wären.«
Dieser Trost wollte aber bei Keinem Eingang finden; mehrere der Matrosen waren noch jung und liebten das Leben und selbst die älteren unter ihnen mochten nicht an den Tod denken.
In der Seele unsers Williams gingen seltsame Dinge vor, als er den Capitain also reden hörte und die hellen Thränen schossen ihm aus den Augen, indem er an die theure Mutter und ihren Schmerz, an die Heimath und seine Gespielen dachte, die er nun wahrscheinlich nicht wieder sehen sollte. Dieser Schmerz war so natürlich und er hatte sich seiner nicht zu schämen, um so weniger, da er noch ein Knabe und kein gereifter Mann war.
Der tiefen Betrübniß und dem thatenlosen Schrecken der Mannschaft folgte bald ein anderer Zustand und die Hoffnung, daß dennoch vielleicht Rettung möglich sei, blitzte in vielen Herzen, gleich einem Stern in dunkler Nacht, auf. Die Thätigkeit erwachte wieder: man sah sich nach Rettungsmitteln um; das große Boot war noch da; man konnte sich, wenn das Schiff wirklich sinken oder in Trümmer gehen sollte, zum Theil auf diesem, zum Theil durch Befestigen an den Schiffstrümmern vielleicht noch retten.
Der in den Raum hinabgestiegene Schiffszimmermann kam wieder herauf; seine Miene verkündete nichts Gutes; die Blicke Aller richteten sich ängstlich und erwartungsvoll auf ihn.
»Es sind schon sechs Fuß Wasser im Raume,« sagte er mit fast tonloser Stimme, »und es wächst mit jeder Minute; ein großes Leck muß da sein: wo aber? vermag ich nicht zu entdecken, da das Wasser schon so hoch gestiegen ist.«
»An die Pumpen! An die Pumpen!« erscholl es jetzt aus dem Munde der Matrosen und Alle stürzten, ohne erst den Befehl des Capitains abzuwarten, in den Raum hinab, um die Arbeit zu beginnen.
»Arme Jungens!« sagte der Schiffszimmermann mit einem schmerzlichen Lächeln um den bleichen Mund, »arme Jungens, es wird Euch nichts helfen: das Leck ist zu groß und Eure Kräfte werden nicht ausreichen, das Wasser im Raume zu bewältigen.«
»Ist das Eure feste Ueberzeugung, Meister?« fragte ihn der Capitain, der aus einem dumpfen Dahinbrüten plötzlich zu erwachen schien.
»Ja,« versetzte der Gefragte, »und wenn ihrer zweimal so viele wären, so würden sie nicht Herr des Wassers werden.«
»So sollen sie die Zeit nicht mit unnützer Arbeit verlieren,« sagte der Capitain und ließ einen Ruf erschallen, auf den Alle wieder auf's Verdeck kamen.
»Meister Steffen sagt,« nahm der Capitain das Wort, als die Matrosen ihn umstanden, »daß es mit dem Pumpen nichts sei und wir eine wahrscheinlich sehr kostbare Zeit nur damit verlieren würden. Wir dürfen seinem Worte vertrauen, da er ein geschickter, vielerfahrner Mann ist und sich schon oft den Wind um die Nase hat wehen lassen. Denken wir also auf eine andere Rettung. Laßt das Boot ins Meer hinab; vielleicht legt sich der Sturm in Kurzem und wir können mit dem Boote See halten. Die Küste kann nicht fern sein! Gott könnte sich unser erbarmen und uns an dieselbe führen. Wendet also Eure Kräfte darauf, das Boot ins Meer hinabzulassen und sobald sich der Sturm nur in Etwas legen sollte, wollen wir es besteigen.«
Gehorsam diesem Befehle machten sich die Matrosen an die Arbeit und schon nach Verlauf weniger Minuten schauckelte sich das Boot auf den bewegten Wellen. Nur kurz dauerte aber die Freude: eine ungeheure Sturzwelle kam und riß in ihrem Anprall das Boot mit sich fort; ihre Kraft war so groß gewesen, daß sie das starke Tau zerrissen hatte, als wäre das Fahrzeug an einem Zwirnsfaden befestigt gewesen.
Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei diesem Anblick dem Munde Aller; der Capitain aber sagte, wie vor sich hin, mit dumpfem Tone:
»Nun ist's aus! Gott erbarme sich unser!«
In dem Augenblicke fing das eben noch ganz fest liegende Schiff an, eine schwankende Bewegung zu machen, ein Krachen, wie vom Einsturz eines großen Gebäudes, ließ sich vernehmen und zugleich stieg das Wasser von unten herauf aufs Verdeck. Das Schiff war geborsten und bestand nur noch aus Trümmern.
Jeder wußte jetzt, was es galt und griff nach einer rettenden Planke. Der große Mast, der bereits geknickt gewesen war, begrub in seinem Umsturze zwei Matrosen, die in der Richtung standen, in der er fiel. Ob sie dadurch getödtet wurden, oder erst in den Wellen ihr Ende fanden, ist nicht zu bestimmen, denn Jeder dachte in dem Augenblick nur an sich und an die eigene Rettung.
Unser William, noch ein Neuling auf dem Meere, wußte nicht, was er thun, was er beginnen sollte. Er stand neben dem Capitain, rang die Hände und schickte Gebete für seine Rettung zum Himmel empor. Zufällig fiel der Blick des Capitains auf den armen Knaben und, trotz der eigenen Noth und Gefahr, jammerte sein Schicksal ihn; es war sein Gewissen, das ihm Theilnahme und Mitleid für ihn einflößte.
»Komm,« sagte er zu unserm William, indem er ihm die Hand reichte; »komm, wir wollen zusammen unser Heil versuchen, und sollten wir untergehen, so vergib mir Deinen Tod, an dem ich schuld bin.«
Er zog ihn mit sich fort, zum großen Maste hin, der bereits auf dem Verdeck im Wasser schwamm, denn so hoch war dieses bereits gestiegen, ergriff ein starkes Tau und befestigte mit diesem den halbtodten Knaben an den Mast. Darauf suchte er ein zweites Tau, umschlang sich damit und befestigte es gleichfalls daran. Kaum war dies geschehen, so schwamm der Mast von den Schiffstrümmern ins Meer hinab und die Wogen schossen darüber hin.
Was weiter mit ihm vorging, vermochte unser William nicht zu sagen: die Sinne hatten ihn verlassen und er hing wie schon todt an dem Maste, der, der Richtung des Windes folgend, an eine unbekannte Küste trieb, wo er, von einer ungeheuren Welle hoch aufs Land hinaufgeworfen, am Ufer liegen blieb.
Der Ton einer Stimme erweckte William aus seiner Betäubung; er erkannte die des Capitains, aber sie war so schwach, daß er sie kaum zu unterscheiden vermochte.
»Lebst Du noch?« fragte diese Stimme.
William riß die Augen auf und sah sich um.
»Was gibts? und wo sind wir?« fragte er verwundert.
»Am Lande,« versetzte der Capitain, »und vielleicht gerettet,« fügte er hinzu, »wenn Du nämlich noch so viele Kraft hast, Dein Messer nehmen und erst Dich, dann mich losschneiden zu können, damit wir uns vor der nächsten Sturzwelle höher auf das Ufer hinauf retten. Bleiben wir aber hier, so führt sie uns wohl wieder ins Meer hinab und dann Ade, Leben!«
William hatte jetzt seine volle Besinnung wieder und da seine Arme frei waren, zog er das große, an einem Bande um seinen Hals hängende Messer aus seinem Busen hervor, öffnete es mühsam mit seinen vom Wasser ganz erstarrten Händen, schnitt die ihn an den Mast befestigenden Stricke entzwei und machte den Versuch, sich zu erheben. Allein er war wie ein Betrunkener und taumelte gleich wieder zur Erde nieder.
»Mach schnell oder wir sind verloren!« rief der Capitain mit schon ersterbender Stimme. »Ich kann mich nicht rühren,« fügte er hinzu, »und habe wahrscheinlich etwas an meinem Leibe zerbrochen, auch strömt mir das helle Blut über das Gesicht.«
William raffte jetzt den letzten Rest seiner Kräfte zusammen und taumelte zu seinem Leidensgenossen hin. Der Anblick desselben war ein entsetzlicher. Das Blut rieselte, wie aus einer Quelle, aus einer großen Kopfwunde hervor und hatte sowohl sein Gesicht, als seine Kleidung überströmt. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr bei dem Anblick den Lippen des Knaben; aber trotz dem verließ ihn seine Geistesgegenwart nicht. Er ging zu dem Kapitän, zerschnitt die Bande womit er an dem Maste befestigt war, und zog ihn, da er erklärte, nicht gehen zu können, höher auf den Strand hinauf, um ihn vor den Sturzwellen in Sicherheit zu bringen. Es war die höchste Zeit damit gewesen, denn keine halbe Minute verging, so riß eine mächtige Welle den rettenden Mast wieder in das Meer hinab und würde folglich auch unsere Beiden mit sich fortgerissen haben, wenn sie sich nicht zuvor weiter entfernt hätten.
Schrecklich war es anzuhören, wie der Capitain ächzte und stöhnte, als William ihn fortzog; der Unglückliche hatte den Schenkel zerbrochen und war überdies mit Wunden bedeckt, worunter die große Kopfwunde die gefährlichste war. Er hatte diese schrecklichen Verwundungen dadurch erlitten, daß das Ende des Mastes, an das er sich befestigt hatte durch die Gewalt der Wellen gegen ein Korallenriff getrieben wurde, und der Stoß war so heftig gewesen, daß er ihm das Bein zerbrach; überdieß hatten die spitzig hervorragenden Zacken des Riffs ihm mehrere Wunden beigebracht, die alle stark bluteten.
Der Anblick dieses unglücklichen Mannes preßte William heiße Thränen aus und ließ ihn sein eigenes Unglück vergessen. Wie es uns in Augenblicken großer Gefahr zu ergehen pflegt, erging es auch unserm William: Gott hatte ihm größere geistige Kräfte, denn je zuvor verliehen und diese machten es möglich, daß er mit Besonnenheit handeln und überlegen konnte, was er zu thun habe, um die Leiden und Schmerzen seines Genossen zu lindern.
Dieser redete schon nicht mehr und lag mit festgeschlossenen Augen da; der letzte Rest seiner Kräfte hatte ihn verlassen und er schien bereits eine Beute des Todes zu sein.
Trotz dem gab William den Versuch seiner Rettung nicht auf. Er entkleidete sich und zog sein Hemd aus, um durch Zerreißen desselben die nöthige Leinwand zum Verbinden der großen Kopfwunde zu erhalten. Er machte aus diesem Hemde, das natürlich vom Seewasser ganz durchdrungen war, ein starkes Polster und eine Binde, legte das erstere auf die Wunde und befestigte es mit der letztern um den Kopf. Kaum aber berührte das mit salzigem Wasser getränkte Polster die Wunde, so schrie der arme Verwundete vor Schmerz laut auf und fuhr mit der Hand nach dem Haupte, um es wieder abzureißen.
Trotz dem, daß der Schrei und die heftige Bewegung des Leidenden ihn erschreckten, freute er sich doch über dieses neue Lebenszeichen, denn er hatte den Capitain schon todt oder doch im Sterben begriffen geglaubt.
»Was machst Du? und weßhalb thust Du mir weh?« rief der Capitain, ihn mit zornigen Blicken anstarrend.
»Lieber Herr Capitain,« antwortete ihm der zitternde Knabe, »ich wollte Ihre schwere Wunde verbinden und bin vielleicht nicht vorsichtig genug gewesen. Ach wie leid thut es mir, Ihnen wider meinen Willen wehe gethan zu haben,« fügte er, vor Angst und Wehmuth schluchzend, hinzu.
»Laß es gut sein,« sagte der Capitain mit bereits ersterbender Stimme, »laß es gut sein und mache mir keine Schmerzen mehr. Mit mir ist es aus, und ich bin ein Mann des Todes,« fügte er mit einem schweren Seufzer hinzu, der fast wie Aechzen klang.
»Das wolle Gott verhüten!« versetzte William; »sind wir doch am Ufer und gerettet!«
»Ja, Du bist, dem Himmel sei gedankt! wahrscheinlich gerettet,« erwiederte ihm der Capitain; »aber ich werde nicht mit dem Leben davon kommen; rieselt es mir doch schon wie Todesschauer durch Mark und Bein und umflort sich mein Blick, so daß ich Deine Gesichtszüge kaum mehr unterscheiden kann. Das ist, wie ich glaube, der Tod,« fügte er mit ersterbender Stimme hinzu.
William, der selbst glaubte, daß es bald mit dem armen Manne aus sein würde, konnte ihm vor Weinen nicht antworten. Sein Schmerz war so groß, als aufrichtig, und er dachte in diesem Augenblick nicht mehr daran, wie dieser Mann gegen ihn gehandelt, und daß er ihm sein trauriges Schicksal zu verdanken hatte.
Nach einigen Minuten, während welcher William weinend neben ihm kniete, öffnete der Capitain wieder die Lippen und schien sprechen zu wollen; allein seine Kraft war dahin, und nur wie ein leiser Hauch ertönte das Wort: »Wasser!« von seinem blassen Munde. William, der sich zu ihm niedergebeugt hatte, vernahm es und erhob sich, um das Verlangte zu holen. Jetzt aber fiel plötzlich der Gedanke seiner Hülflosigkeit und seiner ganzen schrecklichen Lage auf sein Herz. Großer Gott! woher Wasser nehmen? und wenn er auch wirklich welches fände, in welchem Gefäße es schöpfen und zu dem vor Durst Verschmachtenden bringen?
Er stand wie erstarrt da und wußte sich weder zu rathen noch zu helfen.
»Wasser! Wasser! Ich verbrenne!« rief jetzt der Sterbende mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte, und William stürzte, ohne zu wissen, was er that, von ihm fort, tiefer in das Land hinein.
Bald betrat er einen grünen, mit starkem, in großen einzelnen Büscheln stehenden Grase bedeckten Boden und schaute umher. Hie und da erhob sich ein Baum aus dem Erdreiche, dessen seltsam geformtes, unserm Farrenkraute ähnliches Laub ihm aufgefallen sein würde, wenn seine Gedanken nicht gänzlich darauf gerichtet gewesen wären, Wasser zu finden. Dieses aber zeigte sich seinen Blicken nicht, so ängstlich sie auch darnach umherspähten. Fast eine Viertelstunde war er gelaufen und seine nur noch so schwachen, vom heißen Sonnenbrande noch mehr aufgezehrten Kräfte drohten bereits zu erliegen, als er den Boden unter sich weich werden fühlte. Er bückte sich und faßte mit der Hand darnach, und, o Freude! er war feucht! Wo sich aber ein feuchter Boden zeigte, da mußte auch Wasser in der Nähe sein.
Dieser Gedanke stärkte und ermuthigte ihn und er schritt vorwärts. Es dauerte auch nicht lange, so vernahm sein sorgsam lauschendes Ohr ein leises Rieseln; er stand still, um zu horchen und vernahm dieses erfreuliche Geräusch jetzt ganz deutlich in der nächsten Nähe. Ein in dichteren Büscheln stehendes Gras, dessen Farbe überdies frischer, als die des übrigen Grases war, fiel ihm auf; er bückte sich darnach nieder, bog es auseinander und, o Entzücken! ein schmaler Silberstreif des allerhellsten Wassers zeigte sich zwischen dem saftigeren Grase.
»Worin es aber schöpfen, um es dem armen Verschmachtenden zu bringen?« werdet Ihr, meine Geliebten, jetzt gewiß fragen.
Unser William, den ich Euch als einen klugen und sinnreichen Knaben geschildert habe, wußte das bereits: er hatte seine Tasche zum Wassergefäße ausersehen.
»Seine Tasche?« werdet Ihr wieder rufen; »seine Tasche? Du willst uns wohl zum Besten haben, liebe Amalie? Wissen wir denn nicht, daß Leinwand eben so gut wie ein Sieb ist und die Flüssigkeit hindurch laufen läßt? Da würde also der arme Verwundete keinen Tropfen erhalten und vollends verschmachten müssen, um so mehr, da der William fast eine halbe Stunde zu laufen hatte, bevor er wieder zu ihm gelangte.«
Ganz recht, meine lieben Kinder; aber unser William brachte trotz dem das Wasser in seiner Tasche zu dem armen Sterbenden und erquickte ihn damit. Diese Tasche war aber nicht von Leinewand, sondern, wie es bei den Matrosen Sitte ist, von Leder, das, wie Ihr wissen werdet, so leicht das Wasser nicht hindurch läßt. Der gescheidte Knabe hatte sich dieses Umstandes erinnert, und auf dem Wege bereits diese lederne Tasche aus seiner Hose geschnitten, um sie, sobald er Wasser fände, als Schlauch zu gebrauchen. Auf diesen Gedanken war er gekommen, weil er sich erinnerte, in einer Reisebeschreibung gelesen zu haben, daß die Spanier ihren Wein zum Theil in Schläuchen von Ziegenleder aufbewahren. Hieraus könnt ihr ersehen, wie förderlich es ist, wenn man beim Lesen guter Bücher auf Alles merkt und das Gelesene seinem Gedächtnisse einzuprägen sucht.
William hatte jetzt also nicht nur helles, kühles, köstliches Wasser, sondern auch, Dank seiner Aufmerksamkeit und Besonnenheit, ein Gefäß, um es zu schöpfen und fortzutragen. Er schöpfte es aber nicht ohne weiteres in seinen ledernen Schlauch oder vielmehr Beutel, sondern reinigte die Tasche erst gehörig von dem salzigen Seewasser, von dem sie fast durchdrungen war; dann löschte er erst selbst seinen brennenden Durst und als er fand, daß das Wasser in seinem Beutel völlig geschmacklos war, schöpfte er ihn wieder voll und kehrte zum Strande zurück, wo der arme Verwundete nach einem kühlenden Trunke schmachtete. Die Menschenliebe, dieses wahrhaft göttliche Gefühl, verlieh ihm eine ungewöhnliche Kraft, und schneller als er selbst gedacht hatte, langte er bei dem Sterbenden an.
Dieser lag mit todtenbleichem Antlitze und festgeschlossenen Augen da; William glaubte, daß er bereits verschieden sei und wollte sich eben weinend neben ihn niedersetzen, als ein Seufzer den Lippen des Sterbenden entfuhr und wieder glaubte William das Flehen um Wasser zu hören.
»Hier ist Wasser, Gott sei gedankt!« rief er laut und mit freudig bewegter Stimme.
Der Sterbende vermochte ihm nicht zu antworten; aber er öffnete, zum Zeichen, daß er ihn verstanden habe, die Lippen, als begehre er zu trinken. William flößte ihm mit der größesten Vorsicht einige Tropfen Wasser ein. Diese brachten eine so große Wirkung auf den Capitain hervor, daß er schon nach wenigen Minuten die Augen aufschlug und seinen jungen Wohlthäter mit dankbaren Blicken ansah.
William, welcher bemerkte, daß der Leidende sehr schlecht und unbequem mit dem Kopfe lag, was ihm noch mehr Schmerzen verursachen mußte, sann auf Mittel, ihm eine bequemere Lage zu geben, ohne seinen armen zerschlagenen Körper zu bewegen. Bald hatte sein erfinderischer Geist das Nöthige erfunden: er erinnerte sich des hohen Grases, womit der Boden in einiger Entfernung vom Strande bedeckt war, eilte fort und schnitt mit seinem Taschenmesser so viel davon ab, als er mit beiden Armen zu fassen vermochte. Dies gab ein weiches, kühles und köstliches Kopfkissen ab, indem er es behutsam unter das Haupt des Verwundeten schob.
Dieser schien jetzt, nachdem er sich gehörig an dem köstlichen, krystallhellen Wasser gelabt, völlig wieder zur Besinnung gekommen zu sein. Reden konnte er zwar noch nicht; allein er schaute seinen jungen Wohlthäter mit liebevollen Blicken an und drückte ihm von Zeit zu Zeit die Hand, zum Zeichen seiner Dankbarkeit; William bemerkte, daß ihm dabei die hellen Thränen über die Wangen liefen.
Obgleich selbst entkräftet und fast todtmüde, dachte der gute Junge doch nicht an sich und seine eigenen Leiden und Entbehrungen, sondern allein an den armen Mann, der tausendmal größere Schmerzen zu erdulden hatte. Er dachte auch nicht daran, daß eben dieser sein Feind die Ursache seines gegenwärtigen Mißgeschicks war, sondern allein daran, wie er ihm helfen, auf welche Weise er seine Leiden lindern könne.
Nur einige wenige Minuten ruhte er aus, nachdem er ihm das weichere Lager für sein Haupt bereitet hatte, dann erhob er sich wieder, um einen Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen für seinen lieben Kranken zu suchen. Auf diesem Wege fielen ihm die Bäume mit dem farrenkrautartigen Laube auf. Er eilte auf sie zu und schnitt eine Menge von den über eine Elle langen und halb so breiten Blättern ab, die er auf einen Haufen legte, bis er eine gehörige Menge von Stöcken geschnitten haben würde, von denen er eine Art von Hütte aufbauen und diese mit dem breiten Laube des Farrenkraut-Baumes bedecken wollte. Denn Ihr müßt wissen, geliebte Kinder, daß die Pflanze, welche bei uns an feuchten und schattigen Stellen niedrig am Boden wächst und kaum eine Höhe von einem Fuße erreicht, in Australien zum stattlichen, überaus schönen Baume gedeiht. Solche Farrenkraut-Bäume hatte nun unser William vor sich; da er aber von der Pflanzenkunde wenig oder gar nichts wußte, konnte er diese herrliche Pflanze nicht benennen; nur so viel sagte er sich, daß sie zu dem beabsichtigten Zwecke ganz vortrefflich passe.
Vermittelst seines starken und zum Glücke sehr scharfen Messers – es war ein Geschenk von dem armen alten Jakob, der wohl jetzt tief im Meeresgrunde lag und den ewigen Schlaf schlief – schnitt er eine Menge Stecken ab und trug sie zum Strande, wo er sie ziemlich tief in den sandigen Boden einsteckte und über dem Körper des Verwundeten eine Art von Gerüst davon aufbaute. Er hatte zwar weder Hammer, Bohrer noch Nägel, um die Stöcke aneinander zu befestigen; allein er wußte sich trotz dem zu helfen. Er hatte nämlich bemerkt, daß die Frucht tragenden Halme des Grases, wovon er für seinen lieben Kranken ein Lager für das Haupt gemacht hatte, sehr stark und zäh waren, und so bediente er sich derselben statt der Stricke, um die Stäbe aneinander zu binden. Dabei kam ihm wieder die Aufmerksamkeit zu statten, die er von jeher allen ihm begegnenden Dingen und Sachen schenkte. Seine Mutter war früher mehrere Male um die Erndtezeit mit ihm ins Feld gegangen und da hatte er bemerkt, daß die Garbenbinderinnen eine Handvoll Stroh zusammendrehten, um damit die Garben zu binden. Ebenso verfuhr er mit den ziemlich langen und sehr zähen Grashalmen, die auf solche Weise behandelt, die ihm fehlenden Stricke vollkommen ersetzten.
Als sein Gerüst aufgebaut war, holte er das Farrenkraut und bedeckte seinen Bau mit den breiten Blättern desselben. Es nahm sich fast so aus, wie die Lauberhütten der Israeliten und gewährte nicht nur dem Leidenden Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen, sondern auch, als die Sonne untergegangen war, gegen die eintretende Kühle der Nacht.
Unter diesen liebevollen Bemühungen des guten Knaben war es Abend geworden. Die Sonne hatte bereits ihre Laufbahn vollendet und war am westlichen Rande des Horizonts ins Meer hinabgesunken. Der Verwundete lag in einer Art von Halbschlummer, aus dem er aber von Zeit zu Zeit erwachte, um Wasser zu fordern. Daß er dem Schmachtenden dieses immer geben könne, auch dafür hatte unser William auf eine sinnreiche Weise gesorgt, indem er an seiner Ledertasche einen Stiel befestigte; er hatte nämlich oben am Rande zwei Löcher hineingebohrt, durch die er einen ziemlich langen Stecken schob, und indem er das untere Ende des Steckens schräg in die Erde steckte, erhielt sich sein Wassergefäß schwebend, so daß kein Tropfen verloren ging.
Auf diese Weise hatte unser Freund nun freilich für das nächste Bedürfniß seines lieben Verwundeten gesorgt; allein wer sorgte für das seinige? Es meldete sich nämlich bald ein böser Gast bei ihm: der Hunger, und er hatte nichts, um ihn zu befriedigen. An einer reichlich besetzten Tafel ist der Hunger ein höchst willkommener Genosse, der alle Speisen würzt; allein in der Einöde, wo es an allen Mitteln fehlt, ihn zu befriedigen, da macht er sich nicht wenig unangenehm.
Dies empfand unser William jetzt, und er faßte oft an seinen armen Magen, der anfing, gewaltig zu knurren.
»Ach!« seufzte er, den Blick auf das schöne Gras werfend, welches in reichster Fülle rund umher stand, »wie glücklich, wer doch hier ein Pferd wäre!«
Es war indeß schon zu spät, noch auf die Entdeckung eines menschlichen Nahrungsmittels auszugehen und so legte er sich mit dem frommen Spruche: »der liebe Vater im Himmel wird schon helfen!« auf den Sand neben seinen Kranken nieder und schlief bald ein.