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Romantische Lieder

Chapter 44: Angst.
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About This Book

The collection gathers lyrical poems that move between wistful nostalgia, romantic yearning, and contemplations of art and mortality. Vivid natural and urban images—woods, a pond, dance halls, ships—frame scenes of lost youth, unfulfilled love, and exile from home. Musical forms and rhythms recur, evoking waltzes, lullabies, and songlike refrains, while voices alternate between playful irony and sincere confession. Short narrative fragments, mythic motifs, and intimate monologues create a mood of elegiac beauty and reflective solitude.

Mein Heimweh und meine Liebe,

Der Welt und allen Lärm entfloh’n,

Hat sich in Deinen dunklen Augen

Erbaut einen heimlichen Königsthron.

Der Straßenkehrer.

Auf schlanken Rößlein reiten,

Den Degen an der Seiten,

In mitten der Allee,

Das wär’ für mich ein köstlich Metier.

Und Handschuh flämischledern

Und einen Büschel Federn

An meinen Hut gesteckt,

Darnach das Frauensvolk die Hälse reckt.

Im Sattel voltigieren,

Paradelang charmieren

Mit Damen fein und schmal,

Und „Küß die Hand“ beim Abschied am Portal.

Ich würd’ ein Trinkgeld geben

Den Fegern in den Gräben

Und dächte mir dabei,

Wie übel dran doch so ein Feger sei.

Königskind.

Wenn alle Nachbarn schlafen gangen

Und alle Fenster dunkel sind,

Bin ich noch wach mit heißen Wangen,

Das heimatlose Königskind.

Dann schmück’ ich mich mit Purpurträumen,

Mit Gürtel, Krone und Geschmeid,

Dann rauscht mit goldverbrämten Säumen

Um meine Knie’ das Königskleid.

Und meine Seele reckt sich mächtig

In Lust und Sehnsucht, stark und bleich,

Und schafft sich stumm und mitternächtig

Ein mondbeglänztes Heimwehreich.

Ein Traum pocht an die Pforte mir.

Tritt ein, mein Gast! Ich bin allein

Wie jedesmal, und bin bedürftig Dein.

— Du?! Du, Elise? — Grüß Dich, Kind!

Wie lang, daß wir zur Plauderzeit

Nicht mehr beisammen gewesen sind!

Ich ward gewohnt der Einsamkeit;

Laß seh’n, ob ich noch plaudern kann —

Hör’ an!

Weißt Du, weißt Du noch, Elise?

Verglimmend hing die Sonne noch am Wald,

Kein Mensch auf der Wiese!

Ein Birnbaum breit und wohlgestalt

Verbarg dem Himmel unsre Lust. Nur fern

Vom Berge klomm empor ein früher Stern

Ein naseweiser Abendwind

Verstohlen aus der Hecke kroch

Und lachte, lachte wie ein Kind.

Weißt Du noch?

Ja, das war eine Flitterzeit,

Alle Welt in Rosen!

Du warst so lieb,

Und kamst zur Nacht- und Tageszeit

Über mich mit Kuß und Kosen,

Hinterrücks wie ein Dieb

— Du warst so lieb!

Und nun, mein Blondchen, sag!

An jenem heißen Sommertag

— Ich suchte Dich mit wildem Sinn

Und lauschte lang und rief nach Dir —

Wo warst Du hin?

Nun sitzest Du wie sonst bei mir

Und machst das Herz mir weich

Und liederreich,

Und siehst mich an und schmeichelst mir

Wie damals unterm Birnenbaum . . .

War das auch nur — ein Traum?

Sommerruhe.

Der Wind ruht in den Ästen

Und schaukelt sich müde nur,

Es klingt wie von fernen Festen

Eines Liedes schwindende Spur.

Mein Glück ist schlafen gangen

Und lachet nur halb im Traum

Mit schönen, schmalen Wangen

Und schönen Lippen kaum.

Meine Liebe legt sich nieder

In meines Liedes Schoß

Und dehnt ihre feinen Glieder

Und machet die Augen groß.

Der Verse leichte Zügel

Fallen mir aus der Hand,

Mein Lied lenkt seine Flügel

In ein grünes Schlummerland.

Eine rote Sonne liegt

In des Teiches tiefen Fluten,

Ein verirrter Falter fliegt

Über Schilf und Weidenruten.

Alles, was mein Herz verlor,

Jugendmut und Kinderfrieden,

Schlummert hier im gelben Rohr

Einsam, stumm, weltabgeschieden.

Wie ein breites Abendrot

Liegt mein Leben und mein Leiden,

Ruhig wie ein dunkles Boot

Meine Träume drüber gleiten.

Über meinen wilden Sinn

Ist ein Frieden ausgegossen;

Was ich war und was ich bin,

Ist in einen Traum zerflossen.

Komm mit!

Komm mit!

Mußt Dich aber eilen —

Sieben lange Meilen

Mach’ ich mit jedem Schritt.

Hinter Wald und Hügel

Steht mein rotes Roß.

Komm mit! Ich fasse die Zügel —

Komm mit in mein rotes Schloß.

Dort wachsen blaue Bäume

Mit goldenen Äpfeln dran,

Dort träumen wir silberne Träume,

Die kein Mensch sonst träumen kann.

Dort schlummern selt’ne Genüsse,

Die noch kein Mensch genoß,

Unter Lorbeern purpurne Küsse —

— Komm mit über Wald und Hügel!

Halt fest! Ich fasse die Zügel,

Und zitternd entführt Dich mein rotes Roß.

Angst.

Verglimmende Fackelbrände

Vermooste Stufen und Wände —

Mein Traum ging schauernd durch’s Haus,

Und streckte die ängstlichen Hände

Empor und löschte die Fackeln aus.

In’s Haar den welken Kranz

Gedrückt und noch im Aug’ den Glanz

Gefeierter Feste, stand ich schmal

Mit herbem Mund und müd vom Tanz

Allein und wie ein Geist im Saal.

Der Traum schritt mir vorüber,

Er war so blaß wie ich, —

Ich hörte wohl, wie sein trüber

Gang durch die Halle schlich.

Und ich fürchtete mich.

Da stand der Traum und bog die Hand

Nach mir. Die Hand war kalt und schwer.

Und da er meine Rechte fand

Erklang er schrill, und schrak, und schwand,

Und war nicht mehr.

Die Halle scholl. In meinem Haar

War noch der Kranz,

In meinem Auge war

Von gefeierten Festen ein Flackerglanz.

Ich fürchtete mich — es war so nacht!

Da ward von Händen muttersacht

Des Schlummers Pforte aufgemacht.

Mansarde.

Es war so warm. — Die Ampel hing

An der Decke meiner Mansarde.

Du lasest aus einem Buche vor.

Ich war so krank. — Ein Schmetterling

Flog immer wieder zur Ampel empor.

Es träumte mein Ohr und mein Auge starrte.

Es träumte mein Ohr den silbernen Laut

Italienischer Terzinen.

Mein Auge träumte: Es lehnt meine Braut

Am Geländer, von Sonne beschienen,

Und liest vita nuova mir vor.

Die Ampel ging aus. Der Schmetterling

Stieß surrend an die Gardinen.

Mein Auge an Deinem Antlitz hing.

Du warst vom Monde beschienen

Und warst so bleich. Deine Rechte sank

Vom Simse zitternd. In Deinen Mienen

Lag unser Leid. Mir drang an’s Ohr

Dein Stöhnen. Ich raffte mich halb empor,

Und konnte nicht helfen. — Ich war so krank.

„Ich habe den Fuß an jene Stelle des Lebens gesetzt, über welche keiner hinausgehen kann, der die Absicht hat, wiederzukehren.“

Dante.

Wendet die Blicke, Fragende, wendet

Von mir das Haupt!

Wo das Leben in lichte Geheimnisse endet,

Dahin zu treten,

Dort anzubeten

Ward mir vom Liebesgotte erlaubt.

Wendet den Blick!

Suchend tastet mein Herz

Den verlorenen Pfaden nach.

Wem aller Sinne Brücke zerbrach,

Dem führet in’s Leben niederwärts,

Kein Weg zurück.

Frau Gertrud.

Frau Gertrud mir am Bette stand,

Eine helle Theerose in der Hand,

Eine helle Theerose im braunen Haar.

Ihre Stimme wie ein Lächeln war

Und floß so weh und wankte so —

Sie sang ihr altes Long ago!

„Fern steht Dein graues Schloß am Meer,

„Wie kamest Du nach Deutschland her?

„Wie lang doch ist’s, daß Deinen Sarg

„In lauter Theerosen ich verbarg,

„Und daß ich Dich vergessen hab’!

„Wie kamst Du her aus Deinem Grab?“

Ich reicht’ ihr fragend meine Hand

Und lächelte, und griff — die Wand,

Dran weiß ein Flecken Mondes stund’ . . .

— Fernher kam zart und liebeswund

Ein schlanker, kranker Geigenstrich,

Der schluchzend in der Nacht verblich.

Und floß so weh und wankte so —

Long, long ago!

Frühsommernacht.

Der Himmel gewittert,

Im Garten steht

Eine Linde und zittert.

Es ist schon spät.

Ein Wetterleuchten

Beschaut sich bleich

Mit großen, feuchten

Augen im Teich.

Auf schwanken Stengeln

Die Blumen steh’n,

Hören Sensendengeln

Herüberweh’n.

Der Himmel gewittert,

Schwül geht ein Hauch.

Mein Mädel zittert —

„Sag, spürst Du’s auch?“

Levkoyen und Reseden.

Auf dem Tisch ein kleiner Strauß

Von Levkoyen und Reseden

Lockt mein Sinnen weit hinaus

Aus der Stadt nach fernen Beeten.

Beeten, die voll Veilchen sind,

Von Syringen überhangen;

Und ein blondes Nachbarkind

Kommt den Zaun entlang gegangen.

Nahe ist ein Brunnen laut,

Tief in seinen Mauern schäumend,

Und ein Flug im Bienenkraut.

Sonst ist alles stumm und träumend.

Aller Friede, der mir fehlt,

Den ich zwischen Städtemauern

Früh verlor im Kampf um’s Geld,

Schlummert dort und macht mich trauern.

Im Scherz.

Meine Lieder stehen

Vor Deiner Thür,

Sie klopfen an und bücken sich:

Öffnest Du mir?

Meine Lieder haben

Einen seidenen Klang,

Dem Rauschen Deines Kleides gleich

Im Treppengang.

Meine Lieder tragen

Ein Düften lind,

Ganz wie in Deinem Lieblingsbeet

Der Hyazinth.

Meine Lieder kleidet

Ein schweres Rot,

Das Deinem seid’nen Kleide gleich

Knistert und loht.

Meine schönsten Lieder

Gleichen ganz Dir.

Sie steh’n an der Pforte und bücken sich:

Öffnest Du mir?

Maria.

I.
So schön bist Du!

Ein Lieblingstraum, aus goldnen Nächten

Vortretend, schlank, in ernster Ruh’,

Den Zauberschleier in der Rechten —

So schön bist Du!

Mein Blick erstaunt und muß sich senken,

Mein Herz schließt alle Thore zu,

Dem Wunder heimlich nachzudenken —

So schön bist Du!

II.
So ziehen Sterne —

So ziehen Sterne ihre Bahn,

Unwandelbar und unverstanden!

Wir winden uns in hundert Banden,

Du steigst von Glanz zu Glanz hinan.

Dein Leben ist ein einzig Licht!

Ich muß aus meinen Dunkelheiten

Sehnsüchtige Arme nach Dir breiten,

Du lächelst und verstehst mich nicht.

III.
Du aber.

Der Meister schwieg und that die Geige aus der Hand.

Uns schlug das Herz! Du aber mußtest

Die Hand ihm geben. Ob Du wußtest,

Daß Ihr Glückskinder seid aus Einem Vaterland?

IV.
Ich fragte Dich.

Ich fragte Dich, warum Dein Auge gern

In meinem Auge ruht,

So wie ein reiner Himmelsstern

In einer dunklen Flut.

Du sahest lang mich an,

Wie man ein Kind mit Blicken mißt,

Und sagtest freundlich dann:

Ich bin Dir gut, weil Du so traurig bist.

V.
Wenn doch mein Leben —

Wenn doch mein Leben fürder geht

Und manchmal noch aus reichen Ranken

Ein reifes Lied mir niederweht,

Ich hab’s auch Dir zu danken.

Du weißt es nicht, denn ich begrub

Dein Bild in meiner Nächte Schweigen.

Und was mein Lied zu Tage hub,

War schon zuvor Dein eigen.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

  • ... Und ich darf sein, der ich vor Zeiten vor. ...
    ... Und ich darf sein, der ich vor Zeiten war. ...
  • ... Aus Bogenfestern schauen ...
    ... Aus Bogenfenstern schauen ...