Mein Heimweh und meine Liebe,
Der Welt und allen Lärm entfloh’n,
Hat sich in Deinen dunklen Augen
Erbaut einen heimlichen Königsthron.
Der Straßenkehrer.
Auf schlanken Rößlein reiten,
Den Degen an der Seiten,
In mitten der Allee,
Das wär’ für mich ein köstlich Metier.
Und Handschuh flämischledern
Und einen Büschel Federn
An meinen Hut gesteckt,
Darnach das Frauensvolk die Hälse reckt.
Im Sattel voltigieren,
Paradelang charmieren
Mit Damen fein und schmal,
Und „Küß die Hand“ beim Abschied am Portal.
Mit einer schönen Frauen
Und nicken einen Gruß,
Wenn der Soldat uns salutieren muß.
Ich würd’ ein Trinkgeld geben
Den Fegern in den Gräben
Und dächte mir dabei,
Wie übel dran doch so ein Feger sei.
Königskind.
Wenn alle Nachbarn schlafen gangen
Und alle Fenster dunkel sind,
Bin ich noch wach mit heißen Wangen,
Das heimatlose Königskind.
Dann schmück’ ich mich mit Purpurträumen,
Mit Gürtel, Krone und Geschmeid,
Dann rauscht mit goldverbrämten Säumen
Um meine Knie’ das Königskleid.
Und meine Seele reckt sich mächtig
In Lust und Sehnsucht, stark und bleich,
Und schafft sich stumm und mitternächtig
Ein mondbeglänztes Heimwehreich.
Ein Traum pocht an die Pforte mir.
Tritt ein, mein Gast! Ich bin allein
Wie jedesmal, und bin bedürftig Dein.
— Du?! Du, Elise? — Grüß Dich, Kind!
Wie lang, daß wir zur Plauderzeit
Nicht mehr beisammen gewesen sind!
Weißt Du, weißt Du noch, Elise?
Verglimmend hing die Sonne noch am Wald,
Kein Mensch auf der Wiese!
Ein Birnbaum breit und wohlgestalt
Verbarg dem Himmel unsre Lust. Nur fern
Vom Berge klomm empor ein früher Stern
Ein naseweiser Abendwind
Verstohlen aus der Hecke kroch
Und lachte, lachte wie ein Kind.
Weißt Du noch?
Ja, das war eine Flitterzeit,
Alle Welt in Rosen!
Du warst so lieb,
Und kamst zur Nacht- und Tageszeit
Über mich mit Kuß und Kosen,
Hinterrücks wie ein Dieb
— Du warst so lieb!
Und nun, mein Blondchen, sag!
An jenem heißen Sommertag
— Ich suchte Dich mit wildem Sinn
Und lauschte lang und rief nach Dir —
Wo warst Du hin?
Nun sitzest Du wie sonst bei mir
Und machst das Herz mir weich
Und liederreich,
Und siehst mich an und schmeichelst mir
Wie damals unterm Birnenbaum . . .
War das auch nur — ein Traum?
Sommerruhe.
Der Wind ruht in den Ästen
Und schaukelt sich müde nur,
Es klingt wie von fernen Festen
Eines Liedes schwindende Spur.
Mein Glück ist schlafen gangen
Und lachet nur halb im Traum
Mit schönen, schmalen Wangen
Und schönen Lippen kaum.
Meine Liebe legt sich nieder
In meines Liedes Schoß
Und dehnt ihre feinen Glieder
Und machet die Augen groß.
Der Verse leichte Zügel
Fallen mir aus der Hand,
Mein Lied lenkt seine Flügel
In ein grünes Schlummerland.
Eine rote Sonne liegt
In des Teiches tiefen Fluten,
Ein verirrter Falter fliegt
Über Schilf und Weidenruten.
Alles, was mein Herz verlor,
Jugendmut und Kinderfrieden,
Schlummert hier im gelben Rohr
Einsam, stumm, weltabgeschieden.
Wie ein breites Abendrot
Liegt mein Leben und mein Leiden,
Ruhig wie ein dunkles Boot
Meine Träume drüber gleiten.
Über meinen wilden Sinn
Ist ein Frieden ausgegossen;
Was ich war und was ich bin,
Ist in einen Traum zerflossen.
Komm mit!
Komm mit!
Mußt Dich aber eilen —
Sieben lange Meilen
Mach’ ich mit jedem Schritt.
Hinter Wald und Hügel
Steht mein rotes Roß.
Komm mit! Ich fasse die Zügel —
Komm mit in mein rotes Schloß.
Dort wachsen blaue Bäume
Mit goldenen Äpfeln dran,
Dort träumen wir silberne Träume,
Die kein Mensch sonst träumen kann.
Dort schlummern selt’ne Genüsse,
Die noch kein Mensch genoß,
Unter Lorbeern purpurne Küsse —
— Komm mit über Wald und Hügel!
Halt fest! Ich fasse die Zügel,
Und zitternd entführt Dich mein rotes Roß.
Angst.
Verglimmende Fackelbrände
Vermooste Stufen und Wände —
Mein Traum ging schauernd durch’s Haus,
Und streckte die ängstlichen Hände
Empor und löschte die Fackeln aus.
In’s Haar den welken Kranz
Gedrückt und noch im Aug’ den Glanz
Gefeierter Feste, stand ich schmal
Mit herbem Mund und müd vom Tanz
Allein und wie ein Geist im Saal.
Der Traum schritt mir vorüber,
Er war so blaß wie ich, —
Ich hörte wohl, wie sein trüber
Gang durch die Halle schlich.
Und ich fürchtete mich.
Da stand der Traum und bog die Hand
Nach mir. Die Hand war kalt und schwer.
Und da er meine Rechte fand
Erklang er schrill, und schrak, und schwand,
Und war nicht mehr.
Die Halle scholl. In meinem Haar
War noch der Kranz,
In meinem Auge war
Von gefeierten Festen ein Flackerglanz.
Ich fürchtete mich — es war so nacht!
Da ward von Händen muttersacht
Des Schlummers Pforte aufgemacht.
Mansarde.
Es war so warm. — Die Ampel hing
An der Decke meiner Mansarde.
Du lasest aus einem Buche vor.
Ich war so krank. — Ein Schmetterling
Flog immer wieder zur Ampel empor.
Es träumte mein Ohr und mein Auge starrte.
Es träumte mein Ohr den silbernen Laut
Italienischer Terzinen.
Mein Auge träumte: Es lehnt meine Braut
Am Geländer, von Sonne beschienen,
Und liest vita nuova mir vor.
Die Ampel ging aus. Der Schmetterling
Stieß surrend an die Gardinen.
Mein Auge an Deinem Antlitz hing.
Du warst vom Monde beschienen
Und warst so bleich. Deine Rechte sank
Vom Simse zitternd. In Deinen Mienen
Lag unser Leid. Mir drang an’s Ohr
Dein Stöhnen. Ich raffte mich halb empor,
Und konnte nicht helfen. — Ich war so krank.
„Ich habe den Fuß an jene Stelle des Lebens gesetzt, über welche keiner hinausgehen kann, der die Absicht hat, wiederzukehren.“
Dante.
Wendet die Blicke, Fragende, wendet
Von mir das Haupt!
Wo das Leben in lichte Geheimnisse endet,
Dahin zu treten,
Dort anzubeten
Ward mir vom Liebesgotte erlaubt.
Wendet den Blick!
Suchend tastet mein Herz
Den verlorenen Pfaden nach.
Wem aller Sinne Brücke zerbrach,
Dem führet in’s Leben niederwärts,
Kein Weg zurück.
Frau Gertrud.
Frau Gertrud mir am Bette stand,
Eine helle Theerose in der Hand,
Eine helle Theerose im braunen Haar.
Ihre Stimme wie ein Lächeln war
Und floß so weh und wankte so —
Sie sang ihr altes Long ago!
„Fern steht Dein graues Schloß am Meer,
„Wie kamest Du nach Deutschland her?
„Wie lang doch ist’s, daß Deinen Sarg
„In lauter Theerosen ich verbarg,
„Und daß ich Dich vergessen hab’!
„Wie kamst Du her aus Deinem Grab?“
Ich reicht’ ihr fragend meine Hand
Und lächelte, und griff — die Wand,
Dran weiß ein Flecken Mondes stund’ . . .
— Fernher kam zart und liebeswund
Ein schlanker, kranker Geigenstrich,
Der schluchzend in der Nacht verblich.
Und floß so weh und wankte so —
— Long, long ago!
Frühsommernacht.
Der Himmel gewittert,
Im Garten steht
Eine Linde und zittert.
Es ist schon spät.
Ein Wetterleuchten
Beschaut sich bleich
Mit großen, feuchten
Augen im Teich.
Auf schwanken Stengeln
Die Blumen steh’n,
Hören Sensendengeln
Herüberweh’n.
Der Himmel gewittert,
Schwül geht ein Hauch.
Mein Mädel zittert —
„Sag, spürst Du’s auch?“
Levkoyen und Reseden.
Auf dem Tisch ein kleiner Strauß
Von Levkoyen und Reseden
Lockt mein Sinnen weit hinaus
Aus der Stadt nach fernen Beeten.
Beeten, die voll Veilchen sind,
Von Syringen überhangen;
Und ein blondes Nachbarkind
Kommt den Zaun entlang gegangen.
Nahe ist ein Brunnen laut,
Tief in seinen Mauern schäumend,
Und ein Flug im Bienenkraut.
Sonst ist alles stumm und träumend.
Aller Friede, der mir fehlt,
Den ich zwischen Städtemauern
Früh verlor im Kampf um’s Geld,
Schlummert dort und macht mich trauern.
Im Scherz.
Meine Lieder stehen
Vor Deiner Thür,
Sie klopfen an und bücken sich:
Öffnest Du mir?
Meine Lieder haben
Einen seidenen Klang,
Dem Rauschen Deines Kleides gleich
Im Treppengang.
Meine Lieder kleidet
Ein schweres Rot,
Das Deinem seid’nen Kleide gleich
Knistert und loht.
Meine schönsten Lieder
Gleichen ganz Dir.
Sie steh’n an der Pforte und bücken sich:
Öffnest Du mir?
Maria.
I.
So schön bist Du!
Ein Lieblingstraum, aus goldnen Nächten
Vortretend, schlank, in ernster Ruh’,
Den Zauberschleier in der Rechten —
So schön bist Du!
Mein Blick erstaunt und muß sich senken,
Mein Herz schließt alle Thore zu,
Dem Wunder heimlich nachzudenken —
So schön bist Du!
II.
So ziehen Sterne —
So ziehen Sterne ihre Bahn,
Unwandelbar und unverstanden!
Wir winden uns in hundert Banden,
Du steigst von Glanz zu Glanz hinan.
Dein Leben ist ein einzig Licht!
Ich muß aus meinen Dunkelheiten
Sehnsüchtige Arme nach Dir breiten,
Du lächelst und verstehst mich nicht.
III.
Du aber.
Der Meister schwieg und that die Geige aus der Hand.
Uns schlug das Herz! Du aber mußtest
Die Hand ihm geben. Ob Du wußtest,
Daß Ihr Glückskinder seid aus Einem Vaterland?
IV.
Ich fragte Dich.
Ich fragte Dich, warum Dein Auge gern
In meinem Auge ruht,
So wie ein reiner Himmelsstern
In einer dunklen Flut.
Du sahest lang mich an,
Wie man ein Kind mit Blicken mißt,
Und sagtest freundlich dann:
Ich bin Dir gut, weil Du so traurig bist.
V.
Wenn doch mein Leben —
Wenn doch mein Leben fürder geht
Und manchmal noch aus reichen Ranken
Ein reifes Lied mir niederweht,
Ich hab’s auch Dir zu danken.
Du weißt es nicht, denn ich begrub
Dein Bild in meiner Nächte Schweigen.
Und was mein Lied zu Tage hub,
War schon zuvor Dein eigen.