8. Gretels Ferientage.
Gretel stand im Hof hinter dem Haus, sah durch das Eisengitter in das trübe Gäßchen, das da vorbeiführte, und war beschäftigt, ihr rotes Zopfband immer wieder um den Finger und wieder herunterzuwickeln. Das war keine besonders vergnügliche Beschäftigung, es konnte einen nicht wundern, daß Gretel gar kein sehr heiteres Gesicht dazu machte. Sie hätte gern etwas anderes getan, wenn sie etwas gewußt hätte. Aber das war gerade das Traurige, daß ihr kein Mensch sagen konnte, was sie mit ihrem Vormittag beginnen sollte. Gretel hatte Schulferien, heute war der zweite Tag davon, und vier Wochen lang sollten sie dauern. Sie hatte sich schon lange auf diese Zeit gefreut und immer ausgerechnet, wie lang es noch sei, bis sie komme, und nun fing sie gar nicht schön an. Alle Leute im Haus hatten ihre Beschäftigung. Der Vater ging gleich nach dem Frühstück ins Kontor, Bruder Ernst gleichfalls; die Mutter war fast den ganzen Tag im Laden, bediente die Kunden und regierte die Ladenfräulein. Da hätte sich Gretel auch sehr gern aufgehalten, aber das war ihr verboten. Es war so nett, zuzuhören, was die Leute sagten, und zuzusehen, wie sie sich Stoffe vorlegen ließen, wie sie wählten und kauften. »Aber das ist kein Aufenthalt für Kinder,« sagten die Eltern, und dabei blieb es. In der Küche regierte die Christine. Es war alles hell und glänzend sauber darin, nur schade, daß Christine so bärbeißig war und für Gretels Wunsch, ihr manchmal ein bißchen Gesellschaft zu leisten, immer die gleiche Rede hatte: »Kann keine Kinder unter den Füßen herum haben, bin froh, wenn ich fertig werde.«
Dann war noch Lotte da, das Zimmermädchen. Die konnte ja nichts dagegen haben, wenn Gretel im Zimmer war. Aber heute war sie böse. Gretel hatte beim Aufräumen helfen wollen und dabei ein Glas vom Waschtisch zerbrochen und Wasser auf den frisch gewichsten Boden verschüttet. Und Lotte hatte gesagt: »Es gibt gewiß kein so unmüßiges, langweiliges Kind mehr, wie du eins bist. Wenn man so viel schöne Bücher hat und Spielsachen und so eine nette Häkelarbeit und es ist einem doch noch langweilig!«
Nun stand Gretel da und seufzte. Sie hatte ein gutes Vesperbrot neben sich liegen und ein neues Kleid an und ihre Backen waren rot und rund. Und doch kam sie sich ein wenig beklagenswert vor. Sie hatte wohl auch Freundinnen, aber die waren zum Teil verreist und zum Teil wohnten sie in einem ganz andern Stadtteil; zum Spielen zusammen kommen konnte man da nicht. Der Hausknecht ging vorbei, er hieß Frieder und war sonst ein ganz guter Freund von Gretel. Heute brummte er: »Du hast gewiß die große Papierschere verschleppt, Gretel. Man kann sie nirgends finden, und nun soll ich sie verräumt haben.« Gretel hatte die Schere nicht gehabt, und daß Frieder nun auch noch unfreundlich gegen sie war, machte sie nicht vergnügter. Und sie dachte im stillen, es sei noch lang nicht das Ärgste, in der dumpfen Schulstube zu sitzen. Dort wußte man wenigstens den ganzen Tag, was anfangen.
Da hörte sie auf einmal ein lautes, klägliches Geschrei. Es kam aus dem Gäßchen, das Gretel kaum je betrat, und in dem lauter alte, ärmliche Häuser standen. Ein kleines Geschwisterpaar kam aus dem nächsten Haus heraus. Es war ein Bube und ein Mädchen, und alle beide waren etwas schmierig anzusehen. Das Mädchen konnte etwa sechs Jahre alt sein und zog aus Leibeskräften das dreijährige Brüderlein hinter sich her, das auf krummen Beinen mühsam daher wackelte. Oben herunter schallte aus einem geöffneten Fenster eine scheltende Stimme: »Daß ihr mir nicht mehr unter die Augen kommt, bis ich euch rufe! Es ist ein Elend mit euch unnützen Dingern.«
Und dann fingen alle beide Kinder wieder an zu weinen und aufs Geratewohl in das Gäßchen hineinzulaufen. Gretel mußte genau hinsehen. Sonst hatte sie sich nie um die Bewohner des Gäßchens bekümmert; vorne lag ihr Elternhaus an einem schönen, freien Platz, wo in gelben Sandwegen unter grünen Büschen gut gekleidete Kinder spielten, und wo hübsche Häuser standen, deren Bewohner ganz anders aussahen, als die »Gäßlesleut«. Aber heute war das anders. Gretel wußte ja auch nicht recht, wo sie hingehörte, da konnte sie mitfühlen. Sie drängte ihr Gesicht dicht an das Gitter und fragte das Mädchen: »Warum weinet ihr alle zwei?« Die Kinder blieben erstaunt stehen. Der Kleine rieb sich mit beiden Fäusten die Tränen im Gesicht herum, und das Mädchen sagte: »Weil wir immer auf d' Gaß sollen, und mein Fritzle hat so Hunger und ich einen bösen Finger.« Das war viel Jammer auf einmal. Gretel vergaß ganz, Mitleid mit sich zu haben. Sie streckte ihr Butterbrot durchs Gitter hinaus. »Da,« sagte sie, »ich kann mir wieder eins holen. Wenn ihr wollet, dann könnet ihr ein wenig in den Hof herein kommen. Der Tyras tut euch nichts.« Der Tyras war ein großer Hofhund, der in seiner Hütte an der Kette lag und verdächtig damit rasselte. Aber Gretel gab ihm nur im Vorbeigehen einen kleinen Schlag auf den zottigen Kopf. »Sei fein still,« sagte sie, »sonst haben die armen Kinder Angst.« Dann ging sie und öffnete das Türchen. Merkwürdig, auf einmal kam es ihr wieder in den Sinn, wie viel Gutes sie habe. Da war das kleine Gärtchen, das an den Hof anstieß. Es war nicht sehr sonnig, und viel Blumen gab es auch nicht darin. Aber es hatte eine Laube, und darin stand ein Tisch mit einer Schublade voll alten Spielzeugs, das längst unbeachtet dalag. Dorthin zog sie ihre Schützlinge. Fritz hatte längst seine Tränen getrocknet und sah mit großen Augen auf die neue Herrlichkeit. Gretel gab ihm einen Haufen farbiger Bauklötzchen und rückte ihm ein Kistchen vor die Bank hin. »Da, nun baust du einen Turm,« sagte sie. »Vorher kannst du noch das Butterbrot essen.« Das ließ sich der kleine Bursche nicht zweimal sagen. Das Mädchen hieß Sofie. Es sah fröhlich zu, wie der Kleine in sein Brot einbiß und wickelte daneben die Schürze um den entzündeten Finger.
Gretel kam sich wie ein Mütterlein vor. »Bleibt einmal ruhig sitzen,« sagte sie. »Lotte hat eine gute Salbe, und ich will dir den Finger verbinden. Dann hole ich einen ganzen Pack farbige Flecke, und wir machen miteinander ein Kleid für meine Ida.« Letzteres war eine alte Puppe, die auch in der Schublade des Gartentisches lag und allerdings ein neues Kleid nötig hatte.
Sofie kam sich vor wie im Traum. Sie ging noch nicht in die Schule, und es war jeden Tag ihre Pflicht, das Brüderlein zu hüten, und gezankt wurde sie auch jeden Tag. Die Mutter nähte Handschuhe für eine Fabrik, und der Vater war auch in einer Fabrik, und eigentlich sollten die Kinder nur zum Essen und Schlafen heimkommen. Da saßen sie denn meistens miteinander auf einer Hausstaffel und sahen zu, was sich auf der Straße ereignete, und das war nicht gerade viel. Und jetzt saßen sie in dem Gärtchen, das ihnen wunderschön vorkam, und das Mädchen in dem schönen blauen Kleid spielte mit ihnen, und man wußte gar nicht, was nun alles noch kommen würde.
Für einmal begann nun ein fröhliches Spiel der drei miteinander. Fritzchens trübseliges Gesicht leuchtete hell auf, als ihm Gretel einen hohen Turm bauen half, den er dann mit glatten Kieselsteinen wieder einstürzen durfte. Und Sofie drückte die Puppe Ida so zärtlich an sich, daß Gretel großmütig sagte: »Du kannst sie behalten, ich habe noch viele.« Das neue Kleid war etwas mangelhaft geraten, man mußte es hinten künstlich zusammenbinden, daß es hielt, aber dem armen Kinde dünkte es ein Prachtstück zu sein. »Ja ganz behalten und mit heimnehmen?« fragte Sofie zaghaft. »Ja, freilich.« Gretel mußte ein wenig lachen. »Und heute Nachmittag kommet ihr wieder und alle Tage, so lang ich Vakanz habe.«
Da ertönte im Haus die Essensglocke, Gretel mußte hinein, und aus dem hochgelegenen Fenster des trübseligen Hauses, in dem die Kinder wohnten, rief eine Männerstimme: »Wo steckt ihr nur auch? Flugs zum Essen!«
Man konnte es kaum glauben, daß der Vormittag schon vergangen sei, der so trüb und langweilig begonnen hatte. Die armen Kinder waren noch nicht leicht so vergnügt ihre Treppen hinaufgestolpert wie heute, und sie hatten immer noch etwas zu erzählen und dann noch etwas, als sie dann mit Vater und Mutter am Tisch saßen. Die Mutter hatte das kleinste Brüderlein aus dem Wagen genommen. Sie sah auch ein wenig aufgeheitert aus, denn sie hatte heute vormittag so ungestört arbeiten können, wie schon lang nicht mehr. Der Kleine hatte geschlafen, und die beiden größeren Kinder hatten sich auch nicht blicken lassen. Und daß diese jetzt so vergnügt heimkamen, freute die Mutter auch. Sie wollte ja nicht böse sein und hatte ihre Kinder auch lieb, aber sie mußte helfen, Geld zu verdienen, da wußte sie oft nicht recht, wo anfangen, und schob dann die Kinder aus dem Weg, wo sie nur konnte.
»Und heut nachmittag dürfen wir wieder kommen und alle Tage,« schloß Sofie ihren Bericht, und Fritz fügte hinzu: »Ja und ein Gesälzbrot kriegen wir; die Gretel hat's gesagt.«
Daheim hatte man sich nicht wenig gewundert, als Gretel so vergnügt zum Essen kam. Sie hatte den ganzen langen Vormittag niemand belästigt und keinerlei Unfug angestiftet, und nun erklärte sie, daß sie auch am Nachmittag so viel zu tun habe, daß sie kaum wisse, wo beginnen. Die Mutter sah erfreut auf ihr Töchterlein. Sie war selbst so viel in Anspruch genommen, und es bedrückte sie oft, daß sie sich nicht mehr um Gretel annehmen konnte, und über diese Vakanzzeit hatte sie sich schon viele Gedanken gemacht. Jetzt sagte sie liebreich: »Das ist recht, Gretel, daß du so ein nettes Amt gefunden hast. Ich komme dann einmal zu euch hinaus und sehe nach, was das für Kinder sind und was ihr treibet. Und an einem Vesperbrot soll's auch nicht fehlen.« Das war der erste schöne Tag, und ihm folgten noch viele. Gretel hat niemand mehr langweilig und verdrießlich gesehen. Denn früh am Morgen mußten die Aufgaben gemacht werden, darauf hielt die Mutter streng. Und dann ließ sich Gretel mit großer Bereitwilligkeit zum Bäcker und Metzger schicken, denn es lag ihr daran, die mächtige Christine gut zu stimmen; es gab so oft etwas Gutes, das sie gern ihren Schützlingen bringen wollte.
Diese standen, wenn Gretel hinunterkam, allemal schon wartend am Gitterpförtchen, jetzt immer mit glänzend sauberen Gesichtern und reinen Schürzen, und dann ging das Freudenleben immer wieder von neuem an. Das einjährige Brüderlein war jetzt auch oft dabei. Sofie hatte es eines Tages auf dem Arm gehabt und zaghaft gefragt: »Dürfen wir mit dem Kleinen auch noch herein? Ich muß ihn jetzt auch hüten!« Sie hatte nicht begreifen können, daß Gretel in hellen Jubel ausgebrochen war. Ihr kam es nie so besonders nett vor, den schweren Paul zu schleppen, und sonst wußte sie nichts mit ihm anzufangen. Gretel hatte sich aber schon lang ein kleines Brüderlein gewünscht, und nun trug sie in lauter Freude den kleinen Buben ins Gärtchen, spielte mit ihm am Sandhaufen, ließ sich die Haare von ihm zausen und erfand immer wieder neue Belustigungen. Sofie hatte nur zu staunen. So unterhaltend war ihr das Brüderlein noch nie vorgekommen. »Mutter,« sagte sie eines Tages beim Heimkommen, »die Gretel sagt, Paul sei das nettste Kindlein, das es geben könne, sie möchte es nur ganz behalten.« »Das glaube ich,« sagte die Mutter, »daß sie das möchte.« Sie nahm den Kleinen auf den Schoß und zog eins seiner blonden Löckchen über den Finger: »Aber wir geben's nicht her, gelt?«
Die Mutter war überhaupt viel vergnügter seit einiger Zeit. Sofie fürchtete sich gar nicht mehr vor dem Heimkommen. Sie wußte nicht, daß die Mutter oft dachte, wenn andere Leute so eine Freude an ihren Kindern haben, so könne sie es wohl auch, denn ihr gehören sie ja doch zuerst. Und der Vater sah auch heiterer aus, wenn er heimkam, und jedes etwas Vergnügliches zu erzählen wußte, und die Kinder so sauber aussahen, und die Stube aufgeräumt war. —
Es war an einem der letzten Ferientage, da kam Sofie eines Nachmittags allein an. »Wir können heut nicht kommen,« sagte sie. »Der Vater hat im Geschäft frei und jetzt machen wir einen Spaziergang alle miteinander. Man nimmt den Kinderwagen mit, und dann kommen wir vielleicht bis in den Wald.« Sofie sah stolz und glücklich aus und sprang lustig davon. Merkwürdig, Gretel war gar nicht betrübt, daß heute ihre kleine Gesellschaft nicht kam. Sie hatte heute morgen eine ihrer Schulfreundinnen entdeckt, die von der Reise zurück war, und es gelüstete sie nun stark, einmal wieder mit Mädchen ihres Alters zu spielen und zu plaudern. Sie war doch auch schon zehn Jahre alt, und den armen Kindern gegenüber war sie immer so eine Art von Mütterlein gewesen. So sah sie ganz vergnügt zu, wie die Familie drüben miteinander auszog, und als bald nachher die Freundin kam, meinte sie, noch nie so vergnügt gespielt zu haben, wie heute. Aber als Klara, so hieß die Freundin, von den Freuden ihrer Reise erzählte und ein wenig mitleidig sagte: »Dir wird's auch oft langweilig gewesen sein!« da schüttelte Gretel den Kopf. »Behüte,« sagte sie, »ich habe so viel Nettes erlebt, man kann es gar nicht aufzählen. Aber auf die Schule freue ich mich doch auch wieder.«
Jetzt hat die Schule schon lang wieder angefangen, und wer weiß, ob Gretel nicht die nächste Ferienzeit irgendwo auf dem Lande verlebt. Denn eine liebe Tante hat sie schon lang eingeladen. Aber so oder so, vor Langeweile braucht sie sich nie mehr zu fürchten. Es gibt überall große oder kleine Leute, denen man eine Freude machen kann, es müssen nicht gerade ein paar arme »Gäßleskinder« sein. Und wer andern Freude macht, wird selber auch vergnügt, das weiß man schon lang, und Gretel weiß es auch.