10. Ein Ersatz.
»Großmutterle, denk dir nur, das Dorle kommt in die Hölle! Weißt du, das Dorle, das immer bei Wolfs im Stall ist und die Milch ausmißt!«
Agnes stellte ihren vollen Milchtopf sehr energisch auf den Tisch und atmete tief auf. Es war keine Kleinigkeit gewesen, diese wichtige Mitteilung bis ins Haus und noch zwei Treppen hoch zu tragen und dabei noch aufzupassen, daß man nichts verschüttete. Jetzt pflanzte sie sich mit blitzenden Augen vor der Großmutter auf.
»So, so,« sagte diese, »das ist aber sehr betrübt! Woher weiß man's denn so genau?«
»Wilhelm Schluchter hat's gesagt! Der geht schon in die große Schule. Sechs Junge hat Wolfs Katze gehabt, o so nette Tierlein, graue und schwarze und ein gelbes und dann noch ein schwarz und weißes. Das Dorle hat ihr aber alle genommen bis auf eines und hat sie in einen Sack mit Steinen getan und in den Neckar geworfen! Wilhelm Schluchter hat gesagt, es sei eine Sünde und eine Schande. Wenn man so etwas tut, kommt man in die Hölle, hat er gesagt. Und das geschieht ihr auch recht!«
Agnes hatte das alles hervorgesprudelt, ohne abzusetzen, denn die Sache lag ihr sehr am Herzen.
»Da bin ich nun gar nicht mit dem Wilhelm einig,« sagte die Großmutter bedächtig und strich dem aufgeregten Kind über das kurzgeschnittene braune Haar, das sich förmlich in die Höhe gestellt hatte vor Eifer.
»Siehst du, wenn nun diese Kätzlein alle am Leben geblieben wären und wären alle groß geworden, so hätte sie dann das Dorle auch alle füttern müssen. Denk einmal, wieviel Milch man da an jedem Tag gebraucht hätte und wieviel Brot!«
»Und es gibt so viel arme Kinder, die froh sind, wenn sie sich satt essen können. Da gibt dann das Dorle lieber den Kindern der armen Meierin eine Milch oder ein Brot und da tut sie ganz recht daran. Kätzlein gibt es auch so noch genug auf der Welt!«
Agnes hatte dieser Erklärung aufmerksam gelauscht und auch ein paarmal einverstanden genickt.
»So will ich das dem Schluchter sagen,« schlug sie vor. »Er wird's nicht so recht gewußt haben. Er hat keine Großmutter, nur seine Mutter und die ist fast gar nie daheim.« Aber dann stieg noch ein neuer Gedanke in Agnes auf, den der letzte Satz der Großmutter erweckt hatte: »Es gibt noch Kätzlein genug auf der Welt.«
»Großmutter,« fing sie wieder an, »wir haben aber keins. Das schwarz und weiße lebt noch. Es ist das nettste von allen, es hat so ein herziges rotes Zünglein. O wenn ich das nur hätte! Großmutter, glaubst du, daß die Mutter erlaubt, daß ich mir das Kätzlein holen darf? Das Dorle gibt mir's sicher! Es hat gesagt, an der alten Katze sei es ganz genug im Haus.«
Die Großmutter zweifelte nicht, daß die Mutter die Aufnahme des Kätzleins gestatten werde, und sprach das auch aus. In diesem Augenblick rief die Mutter auch schon nach der kleinen Tochter, und diese folgte dem Ruf diesmal sehr schnell und sehr willig, denn sie wollte gerne auch gleich ihre Bitte vortragen. Man hörte schon auf der Treppe ihre erregte Stimme: »O Mutter, das muß ich dir ganz zuerst sagen — — —«
Die Großmutter blieb allein zurück. Sie strickte an einem braunen Kinderstrumpf. Wer sie oft gesehen hätte, der hätte am Ende denken können, sie brauche sehr lang, bis dieser Strumpf fertig sei. Es war aber allemal wieder ein neuer, denn es waren so viele Füße zu bedenken, daß die Großmutter niemals mit Stricken fertig werden konnte. Da waren schon große Enkelsöhne, die nur in den Ferien nach Hause kamen, dann trippelte es im Hause selbst den ganzen Tag von Buben und Mädchen. Sie gingen zum Teil schon in die Schule, zum Teil waren sie noch klein und mußten gehütet werden. Aber alle wußten gut den Weg zur Großmutter, die im zweiten Stock wohnte und die immer für die Großen und für die Kleinen zu sprechen war.
Agnes war nun nicht mehr so klein, daß man sie hüten mußte wie die beiden jüngsten Schwesterlein. Für die Schule war sie aber auch noch nicht groß genug, da sollte sie erst nächsten Frühling hinkommen. So konnte sie sehr oft die Treppe zur Großmutter hinaufsteigen, denn diese wußte fast immer etwas, mit dem sich das lebhafte Kind unterhalten konnte. Und der »Sturmwind«, wie Agnes von den Brüdern geheißen war, weil sie so schnell hin- und herfuhr, konnte hier oben wirklich manchmal eine ganze Weile stillsitzen und sich auf ruhige Art beschäftigen.
Jetzt nickte die Großmutter ganz befriedigt vor sich hin. »Das ist ganz gut für das Kind, wenn es das Kätzlein zu versorgen hat,« sagte sie zu sich selbst, »das gibt eine gute Übung.«
Daß es eine gute Übung gäbe, daran hatte nun Agnes allerdings nicht gedacht. Sir hatte ein Wohlgefallen an dem munteren, zierlichen Tierchen gefunden, und sie dachte sich nun, solang sie zum Bäcker und Kaufmann unterwegs war, mit großem Genuß aus, wie man mit dem Kätzlein spielen könne, es im Puppenwagen ausfahren, mit einem Halsbändchen schmücken und — ja, wie konnte man es nur heißen? Das gab sehr vielen Stoff zum Nachdenken!
»Siehst du, Großmutter, da ist's! Ist es nicht herzig?« Agnes kam am andern Tag in aller Frühe mit strahlendem Gesicht an. Das Kätzchen, das sich noch ein wenig scheu und ängstlich zeigte, trug sie sachte im Schürzchen. »Man muß jetzt immer ›Mimi‹ zu ihm sagen, Großmutter. So heißt's jetzt, gelt, das ist ein schöner Name! Soll ich eine Taufe halten, was meinst du? Tätest du es bei dir in deinem Bett schlafen lassen, Großmutter, wenn du mich wärest?«
Die Großmutter hatte lächelnd all die vielen Fragen an sich vorbeischwirren lassen, jetzt sagte sie: »Das ist ein bißchen viel auf einmal gefragt, Kind! Eine Taufe hält man nicht bei Katzen. Ich habe einmal eine gehabt, die hieß Peter. Mimi ist aber auch schön. Ins Bett darfst du das Kätzlein aber nie nehmen, nicht einmal ins Schlafzimmer. Es könnte einmal dem Schwesterlein aufs Gesicht sitzen und es tot drücken. Aber ich weiß doch ein nettes Plätzchen. Sieh, da habe ich ein altes Körbchen, das darfst du halb mit Spreuer füllen auf der Bühne. Und dann legen wir noch ein kleines Deckchen aus der Puppenwiege hinein, das ist dann ein prächtiges Bett. Und dann stellen wir's in die Kammer, wo die Kleiderkästen stehen, da kann das Kätzlein —« »Großmutter, du mußt jetzt immer sagen: die Mimi«, fiel Agnes ein, — »da kann die Mimi nichts verderben,« vollendete die Großmutter gelassen ihren Satz. »Und siehst du, jetzt muß ich dir gleich noch etwas sagen,« fuhr sie fort, »du hast jetzt die Mimi ganz allein zu versorgen. Das ist noch ganz anders, als wenn man Puppen hat, die nie Hunger bekommen. Katzen sind etwas lebendiges und müssen ihr Futter haben. Und an das mußt du immer denken. Sieh, da habe ich ein ganz nettes Schüsselchen. Es hat nur keine Handhabe mehr, aber es sind Rosen darauf gemalt. Das soll der Mimi ihr Trögchen sein, und eh' du dich ans Essen setzt, mußt du immer denken, daß dein Pflegling auch etwas braucht. Und immer das Bettchen und das Schüsselchen sauber halten und« — »Ja, ja, das tu' ich ganz gewiß immer,« versicherte Agnes, »und ich tue sonst noch vieles mit der Mimi, ich hab' mir schon alles ausgedacht.«
Mimi hatte sich bald im Hause eingelebt und wuchs schnell heran. Bei Kätzlein dauert es nicht sehr lang, bis sie alles gelernt haben, was sie wissen müssen. Mimi konnte sehr hübsch mit einem Ball spielen und ihrem eigenen Schwanz nachjagen und wenn man sagte: Gib ein Pfötchen! so streckte sie ihr weiches Tätzchen aus und man konnte es dann in die Hand nehmen. Agnes war sehr beglückt von ihrem Pflegling und die Großmutter freute sich im stillen über das Kind, denn es vergaß nie, für Mimis Futter zu sorgen und hob auch sorgfältig übrige Fleisch- und Brotbröckchen dazu auf. Nur konnte sich Agnes oft recht schwer von dem interessanten Spiel mit dem Kätzchen trennen, wenn die Mutter rief oder die kleinen Schwestern gerne ein wenig unterhalten sein wollten.
Eines Morgens kam sie aber sehr erstaunt aus der Kammer, in der Mimis Bettchen stand: »Mimi ist nicht da und ihr Schüsselchen ist von gestern Abend her noch voll!« Und nun begann ein großes Suchen, Rufen und Locken durchs ganze Haus.
»Wenn du deine Katze suchst,« sagte Gottlieb, der Knecht, »die habe ich auf der Gartenmauer gesehen. Ich glaube, sie geht auf die Vögel, sie lauert, das sieht man ihr an!«
»O, o,« rief Agnes entrüstet, »meine Mimi braucht nicht auf Vögel zu lauern und das tut sie auch nicht! Ich habe ihr gestern Abend mein Wursträdchen gegeben und überhaupt, so ein liebes Kätzchen, wie sie ist! Es fällt ihr nicht ein, so etwas zu tun!« Es war aber doch so. Mimi ging auf die Jagd nach Vögeln, und alle Bitten ihrer kleinen Pflegerin konnten sie nicht davon abhalten. Wenn sie entwischen konnte, huschte sie auf die Mauer und horchte in den Nachbargarten hinüber, wo die Vögelein ganz fröhlich in den Zweigen sangen und an keine Gefahr dachten. Einmal hatte sie einen Blutfleck an dem schönen schwarz und weißen Pelz und der Vater sagte, als er zum Mittagessen kam: »Du mußt die Mimi gut hüten, Agnes. Der Nachbar hat gesagt, er wolle sie schon abhalten, seine Finken zu ermorden. Er wisse schon ein Mittel.«
Aber es half alles nichts. Eines Morgens saß Agnes im Gärtchen hinter dem Haus. Sie hatte zwei Freundinnen bei sich und einen großen Korb voll Feuerbohnen neben sich. Es war eine sehr nette Beschäftigung, die glänzenden, gesprenkelten Kerne, die die Mutter zu Samen fürs nächste Jahr aufheben wollte, aus den dürren Hülsen herauszuschälen und die Kinder waren ganz vergnügt dabei. Plötzlich knallte im Nachbargarten ein Schuß. Und als die kleinen Mädchen erschreckt aufsahen, konnten sie eben noch sehen, wie Mimi auf der Mauer einen hohen Sprung machte, und dann, sich überpurzelnd, herunterfiel, gerade in den Rosenbusch, der unter der Mauer stand. »Meine Mimi, mein Kätzlein!« schrie Agnes entsetzt und stürzte sich auf den Rosenbusch. Da war nun nichts mehr zu machen. Mimi hatte ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen.
Agnes war in großem Jammer. Die Freundinnen waren nach Hause gegangen und hatten dort erzählt, daß »Mimi Schieber« gestorben sei, und daß man sie morgen im Hof begraben wolle. Und das Begräbnis war auch noch ein wichtiges Ereignis, auf das es sehr viel vorzubereiten gab. Aber dann war alles aus und Agnes saß schon eine ganze Weile still auf ihrem Schemelchen bei der Großmutter und seufzte zuweilen tief auf. Das ging der Großmutter zu Herzen. Sie hatte schon versucht, das Kind auf ihre liebreiche Art zu trösten; es wollte aber nicht recht gelingen. Jetzt fiel ihr ein guter Gedanke ein. »So, nun mußt du nicht immer an das tote Kätzlein denken,« sagte sie freundlich, aber entschieden. »Es gibt sonst noch genug zu schaffen auf der Welt, als nur die Mimi zu besorgen.« »Ich will keine neue Mimi,« sagte Agnes kläglich. »Des Wolfen Katze hat schon wieder Junge, ich könnte alle haben, aber ich will keins davon. Sonst werden sie auch groß und stehlen auch Vögel und werden auch erschossen!«
»Das meine ich auch gar nicht,« sagte die Großmutter und mußte ein wenig lachen. »Ich weiß etwas ganz anderes. Denk einmal, die Leute im Hinterhaus haben ein kleines Kindchen! Ein ganz kleines, in einem Tragkissen und mit winzigen Fäustchen und blauen Äuglein.« »Das man herumtragen muß und ihm die Milch geben und so?« Agnes sah ganz begierig auf.
»Ja,« bestätigte die Großmutter, »aber die Leute können gar nicht vergnügt sein darüber. Die Frau ist so krank, daß man noch gar nicht weiß, ob sie nur wieder gesund wird, und niemand ist da, der das Kindlein ein wenig wiegt, wenn es schreit, und ihm die Milch gibt, wenn es Hunger hat, und der ein wenig auf das größere Büblein achtgibt.« »Warum haben sie keine Magd?« wollte Agnes wissen. Sie fing schon an, über den Fall nachzudenken.
»Ja, siehst du, das ist gerade das Traurige,« sagte die Großmutter. »Die Leute haben kein Geld dazu. Der Mann kann selber nur ganz wenig verdienen, und jetzt muß man noch Arznei holen und den Herrn Doktor zahlen und die Milch für das kleine Kindlein.«
»So will ich das Kindlein zu uns herüberholen,« schlug Agnes vor. »Ich möchte schon lang gern ein Schwesterlein, ein ganz kleines, das noch nicht laufen kann und noch gar nichts als lachen und schreien.«
»Das geht nicht nur so, wie du meinst,« sagte die Großmutter. »Glaubst du, die Leute geben ihr liebes Kindlein her das ihnen der liebe Gott erst geschenkt hat? Und glaubst du, deine Mutter wolle noch so ein winziges Schwesterlein besorgen? Sie weiß selber kaum, wo anfangen mit euch allen! Nein, nein, so macht man das nicht! Aber siehst du, ich gehe nachher ein wenig hinüber, und da könntest du mich begleiten. Und ich will dir dann zeigen, wie du ein wenig helfen kannst, das Kleine zu versorgen und das größere Büblein zu hüten und noch allerlei!«
Agnes war sehr einverstanden. Sie zog die Großmutter noch am Kleid voran, als diese unterwegs ein wenig mit dem Vater sprach, der eben zur Haustüre hereinkam, so wichtig war es ihr, schnell ins Hinterhaus und zu dem kleinen Kindlein zu kommen.
Da war nun freilich für die Großmutter vieles zu tun. Der Mann war heute nicht in die Fabrik gegangen, weil er die Frau zu pflegen hatte. Er stand aber eben am Ofen, der mächtig rauchte, und hielt ein Pfännchen in der Hand, aus dem ein ganz angebrannter Geruch kam. »Gottlob!« sagte er, als er die Großmutter sah, »ich habe meiner Frau die Suppe aufwärmen wollen, die noch von gestern Abend da ist. Aber es hat sich alles am Pfännchen angehängt. So kann man die Suppe nicht mehr essen und ich weiß nicht, was ich anfangen soll.«
Er sah ganz sorgenvoll und bekümmert aus, Agnes mußte ihn mit rechtem Mitleid betrachten.
»Für heute habe ich nun schon eine Suppe besorgt, die für alle reicht,« sagte die Großmutter freundlich. »Und für morgen und die ganze nächste Zeit muß eben Rat geschafft werden. Jetzt wollen wir zuerst das Kleine besorgen, das wird nicht umsonst so schreien.«
Damit nahm sie auch schon das großgeblumte Tragkissen mit dem laut schreienden Kindlein aus der Wiege, packte dieses in saubere, trockene Windeln, wärmte ihm die Milch und zeigte dann Agnes, wie sie dem Kleinen das Fläschchen hinhalten solle. Diese war auch bald mit rechtem Eifer bei der Sache und vergaß für jetzt ganz den Kummer um die tote Mimi.
Das kleine dreijährige Büblein, das bisher trübselig in einer Ecke gesessen hatte, wackelte jetzt auch herbei und sah dem merkwürdigen Vergnügen zu.
»Gibst du mir dein Schwesterlein?« fragte Agnes, als das Kleine seine Milch getrunken hatte und sofort wieder die Augen schloß.
»Nein,« sagte Ernstchen entschieden und schüttelte den Kopf.
»Ich möcht's aber gern,« sagte Agnes, »ich gebe dir, was du willst, dafür.« Statt aller Antwort fing Ernstchen an, ganz jämmerlich zu weinen, daß die Großmutter nur schnell kommen und trösten mußte.
»Gehet ein bißchen miteinander hinaus, ihr zwei,« sagte die Großmutter dann. »Spiele du ein wenig mit dem Büblein, Agnes, man muß jetzt hier ein wenig Ruhe haben.«
Das war nur gar nicht nach Agnes' Geschmack. Sie hätte viel lieber das kleine Kindlein gewiegt oder gar ein wenig herumgetragen, und jetzt fiel ihr plötzlich Mimi wieder ein. Sie setzte sich auf die Treppe und seufzte.
»Jetzt spiel mit mir!« begehrte Ernstchen.
»Ich mag nicht spielen, meine Mimi ist gestorben,« sagte Agnes und seufzte wieder.
»Wer ist das, deine Mimi?« fragte der Kleine.
»Das ist so ein nettes Kätzlein, wie du noch gar keins gesehen hast,« fing Agnes an, und ehe sie sich's versah, war sie mitten drin, dem mäuschenstill aufhorchenden Ernstchen alles zu erzählen, was man nur von der Mimi sagen konnte, und auch ihr trauriges Ende. Die Großmutter fand die beiden einträchtig auf der Treppe sitzend und sagte wohlgefällig: »So ist's recht, so gefällt mir's, Agnes, das kannst du noch öfter tun.«
Dann gingen die beiden wieder zusammen ins Vorderhaus.
»Großmutter, das möchte ich lieber nicht noch öfter tun,« fing Agnes an, als sie am nächsten Morgen ihren Besuch bei der Großmutter abstattete.
Diese wußte zwar nicht gleich, um was es sich handelte, aber sie wußte schon, daß es noch kommen werde, und so strickte sie ruhig weiter. »Großmutter,« sagte Agnes ein wenig dringlicher, »ich möchte viel lieber das ganz kleine Kindlein herumtragen und ihm seine Milch geben und zusehen, wenn man es badet, als mit dem Ernstchen spielen. Das ist ein bißchen langweilig!«
»So?« Die Großmutter sah das Kind freundlich an, dann sagte sie: »Wenn aber das ganz Kleine schlafen soll und die kranke Frau auch und der Ernstchen ist unruhig und stört sie alle beide? Gelt, dann willst du gern ganz vernünftig und lieb sein und aufpassen, daß der kleine Bub' ruhig ist, und ein wenig mit ihm spielen?«
Agnes zögerte ein wenig. »Ja, schon,« sagte sie, »aber das Kleine ist viel netter!«
»Jetzt muß ich dir etwas sagen« — die Großmutter legte ihr Strickzeug einen Augenblick in den Schoß und hob das Gesichtchen, das im Augenblick ein wenig finster aussah, in die Höhe. »Weißt, liebes Kind, das müssen schon kleine Leute lernen, daß man nicht nur immer so tun kann, wie man möchte. Und das mußt du auch! Ich möchte gern, daß du mir ein bißchen hilfst, den armen Leuten da drüben zu helfen. Und ich will dir auch sagen wie?«
Agnes sah erwartungsvoll aus. Sie mochte immer sehr gern neue Pläne machen.
»Die kranke Frau hatte nichts Ordentliches zu essen,« fuhr die Großmutter fort, »und der Mann und Ernstchen auch nicht.«
»So will ich gleich zur Mutter sagen, daß sie hinüberschickt,« sagte Agnes schnell. Der Gedanke war ihr sofort gekommen, denn es durfte doch nicht sein, daß jemand nichts zu essen hatte.
»Nein, nein,« beschwichtigte die Großmutter. »So alle Tage kann die Mutter doch nicht für die ganze Familie kochen! Denk' einmal, wie große Schüsseln voll ihr selber brauchet! Da müßte man reicher sein, als wir sind, um noch eine Familie versorgen zu können, aber —«
»Ich weiß was,« fiel das Kind wieder eifrig ein, »das Dorle soll wieder seine Kätzlein ins Wasser werfen und alle Milch und alles Brot dafür hergeben!«
»Jetzt mußt du mich einmal sagen lassen, was ich für einen Plan habe, und mich nicht immer unterbrechen,« sagte die Großmutter. »Sieh, weil es soviel arme Leute gibt, denen man helfen möchte, haben sich wohlhabende Frauen zusammengetan, die wechseln dann miteinander ab im Kochen. So kann man dann am Montag bei der einen das Essen holen, am Dienstag bei der andern und so fort bis zum Sonntag. Und am Montag fängt man wieder vornen an.«
Das konnte Agnes sehr gut verstehen und es gefiel ihr auch wohl. Aber es kam noch etwas nach.
»So habe ich denn unsere armen Leute auch dazu angemeldet,« fuhr die Großmutter fort. »Die Mutter macht den Anfang und dann habe ich noch sechs andere Frauen aufgeschrieben. Es ist aber niemand, der das Essen holen könnte, denn der Mann muß in die Fabrik und das Ernstchen ist noch zu klein.«
Agnes merkte allmählich, was kommen sollte, und rückte unruhig auf ihrem niedrigen Stühlchen hin und her.
»Und da möchte ich nun, daß mein großes Mädele den armen Leuten ein wenig helfen soll. Was meinst du, wenn du alle Tage um zwölf Uhr den netten emaillierten Einsatz nähmest und das Essen holtest? Und dann würde der kranken Frau das gute Essen so schmecken, daß sie vielleicht bald wieder aufstehen könnte. Und der Mann könnte sich freuen, wenn er heimkäme und wüßte, daß etwas da ist für seinen großen Hunger. Was meinst du?«
»O Großmutterle, das kann ich doch nicht! Das kann ich gewiß nicht!« Agnes war ganz erregt aufgestanden und sah sehr kläglich aus. »Ich geniere mich so und vielleicht verschütte ich fast alles, weil du immer sagst, daß ich so schnell laufe. Und ich muß auch den Tisch decken!«
»Dann kann eben die arme Frau ihr Essen nicht haben, und die guten Frauen kochen alles umsonst,« sagte die Großmutter ruhig. »Du mußt aber nicht, wenn du nicht kannst, ich habe nur geglaubt, du wollest mir helfen.«
Agnes zupfte unruhig an den Fransen der Tischdecke. »Ich muß jetzt schnell auf die Gasse, die Mutter hat's gesagt. Ich soll nur vorher ›Guten Morgen‹ sagen,« brachte sie dann heraus.
»Ja, dann mußt du freilich gehen,« gab die Großmutter in unveränderter Freundlichkeit zu. »Sei nur recht vergnügt und lieb und erzähle mir nachher auch etwas Nettes.«
Agnes ging. Sie war aber nicht so lustig wie sonst. Zuerst besuchte sie Mimis Grab. Die hineingesteckten Blumen hingen welk die Köpfe, und das schöngeschriebene Kärtchen mit der Aufschrift: »Hier ruht Mimi,« war vom Regen, der in der Nacht gefallen war, durchweicht.
Es waren schon allerlei vergnügte Kinder auf dem großen Spielplatz in der Nähe des Hauses, wohin sich Agnes nun begab. Ein paar kleine Mädchen kamen ihr sogleich entgegen. »Komm, wir wollen Seil springen; wenn du willst, darfst du anfangen.« »Es ist mir gleich,« sagte Agnes in so freudlosem Ton, daß man gut merkte, daß sie etwas drücke.
»Ist's wegen deiner Mimi?« fragte ihre allerbeste Freundin Lydia teilnehmend. »Nein,« sagte Agnes, »wegen gar nichts.«
Sie konnte nicht gut sagen, was ihr fehlte. Jetzt fing eine Glocke an zu läuten. »Ist das zwölf Uhr?« fragte Agnes erschrocken. »Behüte, erst elf Uhr,« sagte Lydia, »und überhaupt, dir ruft man ja immer, wenn du kommen sollst.«
»Elf Uhr,« dachte Agnes. »Da kann ich mich schon noch ein Weilchen besinnen. Und das Essenholen ist das Allerärgste, was es gibt, ich möchte lieber weiß nicht was tun!«
Es gibt viele Leute, auch manchmal große, die lieber — weiß nicht was — täten, als was sie jetzt gerade tun sollen. Das ging Agnes nicht allein so.
Und sie konnte auch keinen Augenblick mehr so recht vergnügt spielen. Sie mußte immer den leeren Tisch vor sich sehen, den der Mann beim Heimkommen finden würde, und dann dachte sie an das gute Essen, das nun umsonst auf dem Herd stand und das der kranken Frau nichts helfen konnte.
Und plötzlich konnte sie es nicht mehr aushalten. Mit einem großen Satz sprang sie aus dem Seil, in dem noch mehr Mädchen im Takte hüpften, und lief schnell davon, ohne sich noch einmal umzusehen.
»Wohin? Warum gehst du?« rief es ihr von allen Seiten nach, aber Agnes hörte schon nicht mehr viel. Sie wollte sich jetzt nicht über die Sache besinnen.
»Großmutter,« rief sie schon auf der Treppe, »wo ist der Einsatz? Es ist gewiß gleich zwölf Uhr, ich muß schnell gehen.«
Die Großmutter sah das Kind mit strahlendem Gesicht an; sie hatte schon gewußt, daß es noch so weit kommen werde.
»Ja, so geh,« sagte sie nur. »Heute ist die Frau Rektor Pfaff dran, die kennst du gut! Sag ihr einen recht schönen Gruß, und komm, du kannst ihr auch ein paar Äpfel mitnehmen. Das sei ein Muster von den diesjährigen Fleinern.«
Agnes zog ab. Zu Frau Rektor Pfaff wollte sie gern gehen, das war eine ganz gute Freundin der Großmutter und ebenso liebreich und freundlich wie diese.
Sie kam strahlend zurück. »Gut ist's gegangen,« sagte sie schon unten zur Mutter und dann oben noch einmal zur Großmutter. »Das sei aber recht, daß ich selber komme, hat die Frau Rektor gesagt. Und ob ich schon in die große Schule gehe, hat sie gefragt. Vielleicht hat sie gedacht, daß ich gut hinein könnte, wenn ich schon den großen Einsatz tragen kann.«
Noch viel größer war der Jubel, als Agnes aus dem Hinterhaus wiederkam, wo der reichliche Inhalt der Schüsseln so dankbar aufgenommen worden war, daß es ihr nun erst recht leicht wurde. Es war zwar immer noch ein wenig schmerzlich, daß keine Veranlassung mehr vorlag, das Rosenschüsselchen mit Suppe zu füllen, aber Agnes hatte nun wieder so viel anderes zu denken, daß die Trauer um Mimi doch ziemlich in den Hintergrund trat.
Der Vater wußte auch von der Unternehmung mit dem Einsatz und sagte zufrieden: »Man kann dich scheint's doch schon zu etwas brauchen, das ist recht.« Ein väterliches Lob war selten, das tat Agnes in allen Tiefen wohl.
Die erste Woche war glücklich vorbei. Es war je länger, je besser gegangen. »Es war nur, bis ich mich nicht mehr geniert habe,« gab Agnes selber zu. Im Hinterhaus waltete jetzt einige Stunden am Tage eine freundliche Diakonissin, Schwester Margarete. »Ich könnte ja gar nicht fertig werden ohne mein kleines Mägdelein,« sagte diese oft. Damit meinte sie Agnes, die es schon lang nicht mehr langweilig fand, mit Ernstchen zu spielen. »Er ist so drollig, du glaubst nicht, wie,« versicherte sie der Großmutter eines Tages.
»So, aber das freut mich,« sagte die Großmutter, »so war es zuerst nicht, gelt?«
»Nein,« sagte Agnes nachdenklich, »gar nicht. Am Anfang hat er mich gar nicht gern gehabt und jetzt läßt er mich fast nicht mehr von sich weg.« Die Großmutter konnte sich wohl denken, wodurch sich der kleine Bube so verändert habe. Sie sagte aber nichts, denn Agnes dachte gar nicht daran, daß sie selber jetzt so nett und heiter mit Ernstchen verkehrte, wie sie vorher nie getan hatte.
Das gute Essen und die sorgfältige Pflege hatten bei der kranken Frau sehr gut angeschlagen. Sie konnte wieder aufstehen und als Agnes eines Morgens hinüberkam, saß sie unter der Haustüre im warmen Herbstsonnenschein und hatte das kleine Kindlein auf dem Schoß.
»O, darf es jetzt spazieren getragen werden?« rief Agnes fröhlich. »Darf es auf die Gasse, daß es alle anderen Kinder auch sehen?« Sie bewunderte das kleine Kindlein immer noch so sehr wie im Anfang oder noch mehr, und sie hätte den Anblick auch andern gegönnt.
Die Frau lächelte vergnügt und sagte: »Komm, setz dich ein bißchen her zu mir, Kind, ich muß dir etwas sagen!«
Agnes wollte aber nicht sitzen, sie stellte sich erwartungsvoll vor der Frau auf und diese begann: »Es ist jetzt schon vier Wochen alt, das Kleine. Und es gedeiht, siehst du, wie dick und rund seine Bäckchen sind? Aber es ist ja noch nicht getauft. Das muß jetzt sein, man hat's nur immer hinausgeschoben, weil ich so krank war. Und jetzt soll am Sonntag die Taufe sein, das habe ich dir sagen wollen.« Agnes nahm diese Nachricht sehr wichtig auf, aber die Frau fuhr noch fort:
»Ich habe gedacht, du könntest, wenn du gerne wolltest, das Kindlein in die Kirche tragen. Schwester Margarete geht dann mit dir und nimmt es gleich, wenn dir's zu schwer wird.«
»O, das wird mir nicht zu schwer,« rief Agnes in lautem Jubel. »So ein kleines Dinglein ist nicht schwer. Der Einsatz ist auch nicht so leicht,« setzte sie mit bescheidenem Stolz hinzu.
»Ja, ich weiß,« sagte die Frau. »Den brauchst du jetzt aber auch nur noch diese Woche zu holen. Dann kann ich wieder selber kochen. Gott Lob und Dank für alles! Und dir danke ich auch für alles!«
Agnes wurde rot; es brachte sie in Verlegenheit, daß die Frau so sagte, so kürzte sie das Gespräch ab und hüpfte weiter. Die Freundinnen mußten es ja auch gleich wissen, daß sie das Kindlein tragen dürfe. Und dann war es noch der Mutter zu erzählen und der Großmutter und dann noch den Geschwistern und Mina, der Magd, und Gottlieb, dem Knecht. Dem Vater konnte man es erst am Mittagessen sagen, er war nicht früher zu Hause.
Diese Mitteilung war am Mittwoch gemacht worden und Agnes konnte den Sonntag kaum erwarten.
An Mimi zu denken, war gar keine Zeit mehr. Sie konnte sogar ohne Schmerz die netten, übereinander purzelnden Kätzlein ansehen, die das Dorle noch immer am Leben ließ, vielleicht in der Hoffnung, daß jemand das eine oder das andere aufziehen wolle. Denn das Dorle war eine große Tierfreundin und Wilhelm Schluchter hatte ihr damals sehr Unrecht getan. Am Samstag traf Agnes diesen, der ein großer, kräftiger Bube war, im Stall, als sie die Milch holte.
Er hatte eben zwei Kätzlein auf dem Arm. »Wohin damit?« wollte Agnes wissen. »Das Dorle hat sie mir geschenkt,« sagte er.
»Ich verhandle sie in der Schule um Äpfel.« »Au, du drückst sie ja ganz zusammen,« rief Agnes. »Du plagst die Tierchen. Und in der Schule plagen sie die Buben gewiß auch.«
»Das geht dich nichts an,« sagte der große Bube. »Umbringen tue ich keins!« Damit rannte er davon. Agnes gelüstete es stark, die andern Kätzlein mit nach Hause zu nehmen, denn sie wollte gern ein jedes beschützen, daß es nicht in die Hände der Buben falle.
»Aber ich kann gewiß keins brauchen,« dachte sie und trat mit ihrem Milchtopf den Heimweg an. Sie hatte noch so viel zu tun, daß sie nicht wußte, wo anfangen, und die Mutter hatte schon oft gesagt, daß man nicht so vielerlei auf einmal beginnen solle.
Der Sonntag kam und auch die Zeit des Kirchgangs. Agnes schritt stolz und glücklich mit ihrer Last zur Kirche. Ein bißchen schwer wurde ihr das Kindlein doch nach und nach, aber sie hielt wacker aus. Erst in der Kirche nahm es Schwester Margarete auf den Arm. Sie war die Patin und das Kindlein bekam auch ihren Namen, und seine Mutter sagte: »Wenn es nur so geschickt und fromm und fröhlich wird wie seine Patin, dann kann man zufrieden sein!«
»O Großmutter,« sagte Agnes am Abend, als sie miteinander von dem Festkaffee, den die Großmutter gespendet hatte, nach Haus gingen, »o Großmutter, manchmal denke ich, daß es immer netter wird! Zuerst habe ich immer nur die Puppen gehabt, dann die Mimi, das war auch sehr nett! Und jetzt habe ich das kleine Margretle! Seine Mutter sagt, es gehöre mir auch mit! Und man kann noch gar nicht wissen, was dann noch kommt!«
»Das ist wahr,« sagte die Großmutter. »Es kommt gewiß noch viel Schönes.« Und Agnes legte sich glücklich und froh zur Ruhe und dachte noch im Einschlafen daran, daß gewiß noch viel Schönes komme. Und es kam auch eins nach dem andern. Man sah nicht immer gleich, daß es schön war, man mußte oft etwas hergeben, aber dann gab der liebe Gott etwas zum Ersatz dafür und das war allemal schöner als das vorige.