13. Augenblicklich.
»Else, Kind, es ist Zeit zum Tischdecken! Fang gleich an, du weißt, der Vater ärgert sich, wenn er nach Hause kommt und es ist nicht fertig!« Die Mutter steckte einen Augenblick ihr vom Herdfeuer erhitztes Gesicht durch die Türöffnung. »Gleich, Mutter, im Augenblick,« antwortete Else, die an einer zierlichen Handarbeit stichelte, ohne damit aufzuhören. Die Mutter ging wieder an ihre Arbeit zurück. Else sah nach der Wanduhr. Erst halb zwölf! Und fünf Minuten nach zwölf kommt der Vater nach Hause, zehn Minuten allerhöchstens brauche ich zum Tischdecken, also kann ich ruhig noch die Schleifen an das Kissen nähen. Was sich nur Mama denkt, wie lang' ich brauche?
Else war schon zwölf Jahre alt, die Älteste von fünf Geschwistern, und fand, daß sie's im allgemeinen doch recht unruhig habe! Alle Augenblicke begehrte jemand anderes ihre Dienste, von einer schönen Geschichte konnte sie wohl zehnmal abgerufen werden. Sie wußte keine von all' ihren Freundinnen, der so viel zugemutet wurde. Heute war sie mit einer Geburtstagsarbeit für Alice Baumann, ihre liebste Freundin, beschäftigt; sie wurde so hübsch, Else mochte sich nicht von dem zierlichen Nadelkissen trennen, eh' es fertig war. Blaue Seide mit weißen Spitzen und Schleifchen! Sie hob wieder den Blick zur Uhr. Dreiviertel! Da reichte es gut auch noch zur Aufhängeschnur. Nein, wie diese dumme Schnur sich verwickelte! Einen so aufzuhalten! Und nun hatte sie dieselbe gar auf die verkehrte Seite genäht vor Aufregung und Eile! Wenn man sich auch so abhetzen muß! Else hatte ordentlich Mitleid mit sich selbst. Zwei Minuten bis zwölf! Jetzt galt es aber, voran zu machen. Schnell das Tischtuch aus dem Schrank, die Teller vom Büffet, wie dumm das Salzfaß im Wege stand, es fiel bei der kleinsten Berührung mit dem Ellbogen um und streute seinen Inhalt auf den Fußboden! Zum Aufkehren hatte man jetzt keine Zeit, nur schnell das ganze Häufchen unter den Schrank, gleich nach Tisch wollte Else es wegnehmen. Da, ein Geschrei im Nebenzimmer. Natürlich, nun mußte Hans aufwachen, er wachte ja immer auf, wenn er möglichst ungeschickt kam. Else hatte das Amt, ihn alsdann in sein Kleidchen zu stecken und ihm, ehe sich die Großen zu Tisch setzten, seine Suppe zu geben. Das hatte sie vorhin in ihrer Zeitrechnung vergessen, wer kann aber auch an alles denken? »Sei still, Hänschen,« rief sie eilig ins Schlafzimmer hinein, »ich komme im Augenblick.« Der Kleine fuhr aber fort zu schreien und die Mutter ließ ihre Küche im Stich, um nachzusehen, wo es fehle. In diesem Augenblick ging die Haustür, der Vater trat ein, gefolgt von einem Herrn, den er als Gast mitbrachte. Er ließ auch zugleich Max und Konrad, die aus der Schule kamen und Klein-Gretchen, das sich im Garten vergnügt hatte, herein. »Else, weshalb siehst du nicht nach dem Kleinen?« rief die Mutter; aber sie schwieg traurig, als sie den ungedeckten Tisch sah, der erst schwache Anfänge zu einer Eßgelegenheit zeigte. Nun wußte sie schon, woran sie war. »Komm Konrad, hilf schnell, den Tisch zu decken, aber sieh, daß nichts fehlt,« damit eilte die Mutter nochmals in die Küche, um dem Mädchen die letzten Anweisungen zu geben, und dann zu Hänschen, um ihn zu beruhigen und anzuziehen. Der Vater war mit dem Gast eingetreten. Er liebte es sehr, wenn er in den wenigen Stunden, die er im Kreis seiner Familie zubringen konnte, alles gemütlich und hübsch in Ordnung, die Kinder fröhlich, den Tisch gedeckt und seine Frau »für ihn zu haben« fand. Und dazu heute, wo er einen Jugendfreund, den er lange nicht gesehen hatte, mitbrachte! So zog er unwillig die Augenbrauen zusammen, als im Wohnzimmer ein Gelaufe, wie im Ameisenhaufen, war. Konrad vollzog seine Mithilfe an der Arbeit mit großem Geräusch und nicht ohne anzügliche Bemerkungen gegen Else. »Wieder einmal gelesen?« fragte er sachverständig. Else hatte aber nicht gelesen, sondern fleißig gearbeitet und brauchte sich derartige Bemerkungen nicht gefallen zu lassen. Sie war überhaupt aufgeregt, gab dem Bruder eine heftige Antwort und zerbrach auch ein Glas, eins von den geschliffenen, die Mama zu Ehren des Gastes herausgegeben hatte.
Die Mutter erschien, als sie den Kleinen endlich beruhigt und sich selbst und Hänschen etwas präsentabel gemacht hatte, müde und abgespannt bei Tisch und mußte Hänschen auf dem Schoß haben, weil er seine Suppe nun erst mit den Großen essen konnte.
Schade, es war lang nicht so gemütlich wie sonst, der Gast hätte einen besseren Eindruck vom Hause bekommen können, und das bedrückte die Mutter, die wohl wußte, wie viel der Vater darauf hielt. Die Herren mußten auch gleich nach Tisch wieder fort, es hatte vorher so lang gedauert; nun war auch das behagliche Viertelstündchen nach Tisch, das der Vater so liebte, für heute verscherzt. Else ging mit unglücklichem Gesicht umher, sie hätte gern gewußt, ob es noch jemanden gehe wie ihr. Immer kam alles Unangenehme zusammen! Die Mutter hatte nicht gescholten, sie hatte nur gesagt: »Wann wirst du je anfangen, zuverlässig zu werden?« Und Else leistete doch so viel für ihr Alter, nur allerdings nicht immer gerade das, was man von ihr voraussetzte und nicht immer genau zu der Zeit, wo man es erwartete.
Es war am Nachmittag, der heute schulfrei war. Auf vier Uhr war Else zu der Geburtstagfeier eingeladen. Das Kissen lag hübsch verpackt in Seidenpapier, warum war ihr nur die ganze Freude daran verdorben? Elsens Blick fiel auf den Bücherschrank. Eigentlich hätte sie jetzt ihre Aufgaben machen sollen, ja so, und die Mutter hatte sie gebeten, Hänschen ein wenig zu beaufsichtigen, da sie ein Weilchen ruhen wollte. Aber da war noch das Buch, das Max, wie er sagte, heute abend seinem Kameraden zurückgeben wollte, und Else hatte solch eine schöne Geschichte darin angefangen. Das ließ sich ja auch alles ganz gut vereinigen. Mit den Aufgaben wurde sie noch lange fertig und im Notfall konnten sie auch abends gemacht werden. Ausnahmsweise, gewöhnlich sollte das ja nicht sein. Und Hänschen? Nun der krabbelte vergnüglich am Boden umher und konnte sich ganz schön selbst beschäftigen. Else fand, daß er viel liebenswürdiger war, wenn man ihn sich selbst überließ. So konnte sie gut ein Weilchen lesen. Einen Augenblick hatte sie zwar ein unbestimmtes Gefühl, als ob es vorher noch etwas Dringendes für sie zu erledigen gäbe; was war es nur gleich? Ach richtig, das Salzhäufchen unter dem Schrank! Das mußte weg, gleich nachher. Dann war sie mitten im Urwald, unter Schlangen und mutigen Reisenden, die große Taten vollbrachten. Was waren das für herrliche Menschen! Else wollte später auch viel Gutes und Schönes ausführen, sie wußte nur für den Augenblick nicht recht, was? Aber das fand sich!
Aus der einen Geschichte wurden zwei. Else saß mit glühendem Gesicht und atmete kaum. Es waren zu schöne Geschichten! Und Hänschen war so artig und still, wunderbar! Aber jetzt war's halb vier Uhr. Und Else mußte sich noch umziehen, die Mutter hatte das neue Sonntagskleid gestattet. Flugs hinein, das Kissen zur Hand und dann fort! Denn Alice wohnte ziemlich weit weg und Else wollte nicht zuletzt kommen.
So ganz behaglich war's ihr diesmal nicht in der fröhlichen Gesellschaft. Erstens hatte sie einen ganz heißen Kopf und erregte Sinne von dem hastigen Lesen, dann waren auch noch die Schulaufgaben sämtlich unerledigt und dann, sie hatte gar nicht gemerkt, daß Mama das am Ofen sitzende Hänschen mit beschmutztem Kleidchen und schwarzen Händchen weggenommen und stillschweigend gereinigt hatte. Sie hatte es erst nachträglich durch Max erfahren, natürlich nicht ohne brüderliche Seitenhiebe. Aber es war doch nicht ganz angenehm. Wenn Mama nicht schalt, war sie traurig, und merkwürdig, das war noch viel unbehaglicher, obgleich sich Else nicht gern schelten ließ.
In der Gesellschaft war viel die Rede von einem großen Zirkus, der für einige Zeit in der Stadt war. Else wußte auch davon, der Vater hatte so halb und halb versprochen, einmal mit seinen drei größeren Kindern und der Mutter hinzugehen, und sie freute sich längst darauf. Sie nahm sich auch vor, gleich heute noch beim Abendessen den Vater darum zu bestürmen, es war ein großartiges, anziehendes Programm, das mußte man gesehen haben.
Ganz hingenommen von diesen Gedanken kam sie nach Hause.
Die Brüder hatten Sonntagskleider an, blätterten in merkwürdiger Eintracht in dem großen zoologischen Atlas des Vaters und machten dazu eifrige Bemerkungen. Else wunderte sich darüber, bekam aber sogleich die Mahnung: »Leise, Hänschen ist krank, Mama sitzt bei ihm am Bettchen.«
»Du kannst dein Sonntagskleid anbehalten, Else,« empfing die Mutter das Töchterlein, »Papa will mit euch dreien und seinem Freund, der auch ein Töchterlein mit hierher gebracht hat, in den Zirkus gehen.«
»Deine Aufgaben sind ja doch wohl fertig? Eigentlich sollte ich dir heute das Vergnügen nicht gestatten, denn du versäumst jetzt gerade so oft deine kleinen Pflichten, aber ich hoffe, du merkst dir's endlich — ich kann ja leider auch nicht mitgehen. Hänschen ist nicht wohl, ich weiß nicht, was mit dem Kind ist, es muß etwas Unpassendes gegessen haben.« Else wurde es heiß und kalt! Erstens keine Möglichkeit, mit in den Zirkus zu gehen, denn die Aufgaben standen noch riesengroß da zur Erledigung. Und der Vater, wie würde der unzufrieden sein! Und die Brüder würden spotten! Und auf morgen früh verschieben ging nicht, das gestatteten die Eltern nie.
Und zudem! Was hatte Hänschen wohl geschluckt? Else erinnerte sich jetzt deutlich, daß sie während des Lesens immer ein Gefühl gehabt habe, als stecke der kleine Bursche etwas ins Mäulchen, das nicht hineingehöre, es hatte so geknirscht! Ja richtig, das Salz! Else stürzte fort, die Mutter kam ihr erstaunt nach. Da kniete sie am Boden und brachte die Reste des Häufchens zum Vorschein, den weitaus größten Teil hatte der Kleine geschluckt.
Erstaunt und betrübt hörte die Mutter den Bericht mit an, den Else gab. Es war eine Kette von kleinen Versäumnissen. Else hatte alles tun wollen, was sie sollte, »im Augenblick,« nur nicht im zunächstliegenden, und so war es dann gar nicht geschehen.
Das war ein gestörter Abend. Der Vater ging mit den Brüdern allein, er hatte nur gesagt: »Hoffentlich muß der arme kleine Kerl nicht zu sehr den Leichtsinn seiner Schwester büßen,« nichts davon, daß es ihm leid sei, Else nicht mitnehmen zu können.
Das war dieser noch das härteste. Sie saß im einsamen Wohnzimmer und schrieb und rechnete, aber dazwischen tropften schwere Tränen auf die Hefte. Da trat die Mutter ein. »Hänschen schläft jetzt,« sagte sie, »ich hoffe, es schadet ihm weiter nichts; nun ich wußte, womit er sich den Magen verdorben, konnte ich dagegen wirken.«
Dann gegenseitige Stille. Else kämpfte mit sich. Eigentlich hatte sie doch nichts verbrochen, es war nur ungeschickt gegangen! Nein, doch, sie wußte es ja besser, gewiß, es sollte anders werden.
»Mama,« Else hob das verweinte Gesicht. »Ja? Was ist's?« fragte die Mutter ein wenig müde, sie hatte heute schon so viel Aufregung gehabt. »Ich möchte, — ich will gewiß, — ach, Mama, kannst du mich denn noch lieb haben?«
Jetzt war Else ein ganzes Kind, reuig, trost- und liebebedürftig; sie hatte den Kopf in der Mutter Schoß gelegt und schluchzte sich alles vom Herzen herunter, was Drückendes, Unartiges, Störendes drin war. Und die Mutter tröstete jetzt das große Kind, wie vorher das kleine, und half ihm mit mütterlichen Worten ins rechte Geleise. Denn es ist bei der Mutter gleich, ob sich die Kleinen oder die Großen verirren, die Hauptsache ist, daß das Kind den Heimweg sucht und dazu nach der Hand der Mutter greift.
Und als Else hernach beschwichtigt und erleichtert in ihrem Bett lag, gab ihr die Mutter noch als Schutz- und Trutzmittel für den neuen Weg, den sie wandern wollte, ein Verslein mit, »das bete jeden Tag von Herzen, so wird dir's der liebe Gott gelingen lassen: