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Röschen, Jaköble und andere kleine Leute cover

Röschen, Jaköble und andere kleine Leute

Chapter 5: 3. Wer die Mutter am liebsten hatte.
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About This Book

A collection of short, domestic tales focused on children and other small figures in a village, each episode depicting everyday adventures, acts of generosity, mischief, holiday preparations, and quiet moments of care. The stories present moral and emotional lessons through simple incidents—sharing food, resolving childish disputes, looking after family or animals—and balance playful episodes with reflective scenes. Written for young readers, the pieces emphasize community bonds, resourcefulness, and kindness, using vivid household and rural detail to create approachable, episodic narratives that illustrate character and consequence without elaborate plotting.

3. Wer die Mutter am liebsten hatte.

In einer großen, freundlichen Schlafstube standen vier Bettchen, immer eins etwas größer als das andere. Und in den Bettchen lagen vier Kinder, auch immer eins größer als das andere. Sie schliefen aber noch nicht, obgleich sie schon ihr Nachtgebet gesprochen hatten, sondern jedes sah ganz erwartungsvoll nach der Türe. Denn die Mutter war von Kathrine, der Köchin, in die Küche geholt worden, und ehe man einschlief, mußte sie noch einmal kommen und jedem Kind einen Gutenachtkuß geben. Das konnte man sich gar nicht anders denken. Hänschen, der kleinste, rieb sich immerfort die Äuglein, denn die wollten ihm zufallen; da kam die Mutter herein. »Wer wacht noch von meinen kleinen Schelmen?« fragte sie. »Ich, ich,« riefen alle und jedes wollte die Mutter zuerst bei sich haben. »Mütterlein, ich habe dich doch am aller-allerliebsten,« sagte Gustav. Er war schon zehn Jahre alt und ein fleißiger Schüler. Und er machte heimlich einen schönen Lampenschirm für die Mutter, den sollte sie morgen bekommen; deshalb dachte er, er habe die Mutter am liebsten, denn so etwas konnten die Kleinen nicht tun. Aber diese wollten sich's nicht gefallen lassen; sie wollten die Mutter auch am liebsten haben, und es hätte beinah' Streit gegeben unter den Geschwistern.

Da sagte die Mutter: »Für heute seid ihr nun alle zusammen ganz still und schlafet flugs ein! Morgen am Tag will ich's dann sehen, wer mich am liebsten hat!« Und sie küßte ein jedes Kind und ging hinaus. Gustav mußte leise vor sich hinlachen. »Das wird sich freilich zeigen morgen!« dachte er. Aber die andern besannen sich auch, jedes für sich, wie sie es anstellen könnten, daß die Mutter es merke, und darüber schliefen sie ein. Nur Gretchen, das siebenjährige Schwesterlein, konnte noch nicht gleich einschlafen. Es war heut am Tage unartig gewesen, hatte den kleinen Hans geschlagen und trotzig mit dem Fuß gestampft, weil es nicht mit Kathrine zum Kaufmann gehen durfte. Das fiel ihm jetzt ein und es dachte: »Da glaubt's dann die Mutter freilich nicht, daß ich sie am liebsten habe! Und ich habe sie doch so lieb, daß ich's gar nicht sagen kann, wie. Aber morgen will ich gewiß sehr lieb und folgsam sein!« Und Gretchen drehte sich auch gegen die Wand und schlief ein. Weil die Mutter aber gesagt hatte, daß man ganz zuletzt vor dem Einschlafen noch beten sollte, so legte es noch die Händlein zusammen und fing an: »Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich — —.« Da schlief sie schon.

Am andern Tag war ein Sonntag. Da mußte man nicht in die Schule und der Vater nicht aufs Kontor, und Vater und Mutter gehörten, wenn sie von der Kirche kamen, den ganzen Tag ihren Kindern. Am Sonntag war es doch am allerschönsten! Die Mutter brachte schon früh die Sonntagskleider an die Bettchen und dann wollte jedes Kind zuerst fertig sein, und das summte und wimmelte durcheinander, wie bei den Bienen und den Ameisen. Heute war Moritz zuallererst fertig. Er hatte das Amt, die Milchbrote beim Bäcker zu holen, und Sonntags gab es da allemal eine Brezel für ihn als Dreingabe. Mit dieser hatte er heute etwas Besonderes vor. Ganz verstohlen legte er die glänzend-braune, schön gezuckerte Brezel auf die Tasse der Mutter. Da würde sie dann schon merken, daß er sie am liebsten habe. Inzwischen hatte Gustav schon den bunten Lampenschirm, mit einer Winterlandschaft darauf und verschneiten Häuschen und einer Kirche, über die Hängelampe gestülpt; er konnte kaum erwarten, bis ihn die Mutter entdecken würde. Gretchen hatte nichts zu verschenken. Sie merkte auch gar nicht, daß die Brüder etwas hatten. Sie hatte sich leise und schnell angezogen und kein einziges Mal »au« geschrieen, als ihr die Mutter die Haare kämmte. Das tat sie sonst sehr oft. Und dann machte sie sich daran, Hänschen anzuziehen, der erst fünf Jahre alt war und noch nicht allein fertig wurde. Die Mutter sah es wohl, aber sie sagte nichts darüber. Sie sah auch, daß Hänschen sehr mutwillig war und das Schwesterlein an den Haaren zog und in die Arme kniff, und daß Gretchen nur ganz verständig sagte: »Du mußt auch lieb sein, Hänschen; weißt du, nachher läßt Vater dich auf der Achsel reiten!«

Beim Frühstück entdeckte die Mutter die Geschenke und freute sich sehr darüber, und als Hänschen das sah, schleppte er sein großes Bilderbuch und seinen Frachtwagen herbei: »Da, Mutter, das schenke ich dir! Nimm's nur, das Christkindlein bringt mir dann schon wieder einen neuen!« Er wollte von allen am meisten geliebt sein und streckte sein rotes Mäulchen zum Kusse her, noch ehe er sein Geschenk losgelassen hatte. Gretchen war ein wenig still, weil ihr im Augenblick nichts zu verschenken einfiel; denn so groß war sie schon, daß sie wußte, die Mutter könne nichts mit Puppen und Bilderbüchern anfangen.

So ging sie nach dem Frühstück mit Hänschen in den Garten, zog sich und ihm große Schutzschürzen an und fing an, mit ihm ein Gärtchen aus Sand und Steinen und mit Gänseblümchen anzulegen. Das mußte man sie sonst sehr oft heißen, weil sie viel lieber mit andern Kindern spielte, als mit dem kleinen Bruder. Aber sie wollte ja nicht mehr unfolgsam sein, der Mutter zulieb. Sie wurden beide ganz vergnügt und merkten kaum, daß schon die Kirche aus war und die Mutter hinter ihnen stand und ihnen zusah.

Die großen Brüder aber hatten die freie Zeit dazu benützt, Seifenblasen zu machen, und sich sehr mit Kathrine herumgestritten, die das nicht in ihrer schön gefegten Küche gestatten wollte. Und zum Schluß hatten sie gar noch miteinander Streit bekommen und die schöne, große Porzellan-Waschschüssel zerbrochen, in der sie ihren Seifenschaum angerührt hatten, obgleich das verboten war. Sie hätten ein irdenes Schüsselchen nehmen sollen. Die Mutter hörte den Lärm und das Klirren im Garten und kam herein. Da hatten sich die beiden gerade an den Haaren und jeder rief: »Du bist schuld, ich nicht!« Und als die Mutter den Streit schlichten wollte, blieb jeder dabei: »Er hat die Schüssel umgestoßen, ich nicht!«

Es war kein schöner Sonntag, denn die zwei Brüder machten gegenseitig Trotzköpfe aneinander hin, und es dauerte lang, bis sie wieder einig waren. Gretchen mußte den kleinen Hans allein unterhalten, die Großen saßen jeder für sich in einer Ecke und lasen. Und die Eltern konnten gerade heute nicht mit den Kindern spielen, denn es kam Besuch zu Vater und Mutter.

Aber als am Abend die Kinder in ihren Bettchen lagen und die Mutter zu ihnen kam, fragte sie: »Wer hat denn nun die Mutter am liebsten?« Und nur der kleine Hans rief laut und fröhlich: »Ich!« Denn Gretchen wollte nichts sagen; es dachte, die Mutter sollte es selber spüren, daß es ihm ernst sei. Und das tat sie auch. Die Brüder waren ganz still, denn es fiel ihnen auf einmal ein, daß man den ganzen Tag über nicht viel von ihrer Liebe gespürt hatte, und sie hatten doch beide am deutlichsten zeigen wollen, jeder für sich, daß er die Mutter am liebsten habe. Und sie merkten es der Mutter gut an, daß sie nicht mit ihnen zufrieden sei, trotz des Lampenschirms und der Brezel.

Aber sie horchten hoch auf, als die Mutter das Gretchen küßte und sagte: »Du hast mir heut' Freude gemacht, so ist's recht!« »Mich auch Freude gemacht,« rief Hänschen. Er wollte immer von allem seinen Anteil haben. Und den bekam er auch. Gustav und Moritz aber zogen ein jeder die Mutter zu sich herab und flüsterten: »Sicher, ich will auch nicht mehr streiten, ich will auch morgen den ganzen Tag brav sein, nicht nur morgens!« »Das ist recht,« sagte die Mutter, »denn wenn die Mutter keine Freude an euch haben kann, kann's der liebe Gott auch nicht!« Das Gretchen war schon fröhlich eingeschlafen, da sagte Gustav leise zu Moritz: »Du, hör', ich habe die Schüssel doch umgestoßen!« »Ich auch,« sagte Moritz. Dann schliefen sie auch ein, sie wollten ja morgen früh gleich damit anfangen, auch auf Gretchens Weise die Mutter lieb zu haben.

Und morgen am Tag wollen wir sehen, ob sie Wort halten!