Zwölftes Kapitel.
Eine schwierige Versöhnung.
Lieber Himmel ja, ist das eine schwere Sache, Friedensengel zu sein! Gundel und Trinle merkten das bald. Vier widerborstige Buben zu versöhnen, ist nicht leicht, zumal wenn die Buben, wie Veit und Steffen, nicht einmal anhören, was die Schwester zu sagen hat. »Entweder du läßt von Hinkegundele, oder mit uns ist's aus!« erklärten sie, als Trinle ganz gespickt mit guten Versöhnungsgedanken heimkam.
Kasperle nahm der Schwester Partei, denn Trinles Tränen rührten sein weiches kleines Herz. Und Trinle weinte und weinte, als müsse sie der Frühjahrsüberschwemmung neues Wasser zuführen. Zum Abendessen erschien sie mit so dick verweinten Augen, daß die Mutter erschrak. »Ja, Trinle, was fehlt dir denn, was hat's denn gegeben?«
Nun verpetzt sie uns, dachten die Buben, aber Trinle tat das nicht. Nur ihre kaum versiegten Tränen flossen aufs neue, und Frau Grill, die merkte, hier stimmt etwas nicht, fragte nicht weiter. Sie sah nur Veit und Steffen forschend an, und die senkten verlegen die Köpfe. Trinle tat ihnen ja selbst leid, aber warum schloß sie auch mit Hinkegundele Freundschaft, das mußte bestraft werden! Sie verschliefen auch über Nacht ihren Groll nicht und rannten am nächsten Morgen der Schwester davon. Zum ersten Male mußte Trinle allein den Schulweg machen, ohne die Brüder. Kummerschwer trat sie den Weg an, und auf der Löwengasse traf sie Gundele, die auch allein ging. Die Sternbübles hatten wieder einmal vergessen, daß sie mit der Schwester gehen wollten. Gundel war zu sehr daran gewöhnt, um sich besonders zu grämen, und sie tröstete auch Trinle in ihrem Leid. Trinle Grill trug ihr Herz auf der Zunge; sie verriet, warum Veit und Steffen ihr davongelaufen waren, aber gleich darauf tat ihr ihr vorschnelles Wort leid, denn Gundel seufzte schwer. Leise, traurig bat sie: »Laß mich lieber allein; um meinetwillen sollst du net mit den Buben in Unfrieden sein.«
»Nein, ich laß dich net,« rief Trinle rasch, »das wäre feige.« Sie nahm Gundels Arm, und alle zwei gingen sie einträchtig zur Schule. Unterwegs berieten sie, wie sie die Buben versöhnen sollten. Sie schmiedeten allerlei wundersame Pläne und dachten sich schöne Reden aus, die sie halten wollten, und so langten sie sehr lieb und versöhnlich gestimmt in der Schule an.
Aber Friedensengel sein ist nicht leicht. Die Bübles setzten alle miteinander ihre dicksten Köpfe auf, sie wollten nicht. Die Grillschen sagten, die Sternbübles taugen doch nichts, und die wieder redeten denen aus der Linde nach: »Sie sind eingebildet und hochmütig.« Die beiden Schwestern hatten ihre liebe Not, aber wie es manchmal so geht, der gemeinsame Kummer brachte sie noch näher zusammen, und je trotziger die Buben wurden, je fester schlossen sie Freundschaft miteinander.
Zwei Tage in Unfrieden und Hader waren vergangen, und wo auch immer sich die Lindenbuben und die Sternbübles trafen, fuhren sie aufeinander los wie zornige kleine Hähne. Nur vor der Rose nahmen sie sich in acht, denn Alette Amhag lag noch immer sehr krank, und noch immer sahen die Kinder scheu zu den verhüllten Fenstern hinauf: Würde Alette nicht bald gesund sein?
Trinle und Gundel hatten sich immer neue seltsame, wunderbare Ereignisse ausgesonnen, die zur Versöhnung führen könnten; an zerrissene Bubenhosen hatten sie nicht gedacht. Aber wie es so kommt! »Kleine Ursachen – große Wirkungen,« pflegte Frau Tippelmann in solchen Fällen zu sagen. Gundel war bei Trinle, das erste Mal in Trinles Stübchen, um der Freundin Besitztümer zu bewundern, da tat sich die Türe auf, und Kasperle erschien. Er setzte eine geheimnisvolle Miene auf und sagte: »Trinle, sollst mal geschwind zum Räuberschlößle kommen.«
»Was soll ich da?«
»Sollst kommen – und dein Nähtäschele mitbringen.«
»Mein Nähtäschele? Die Buben haben sich wohl was zerrissen?« rief Trinle ahnungsvoll.
Kasperle nickte betrübt, und er antwortete so geheimnisvoll, als handle es sich um eine Staatsangelegenheit: »Die Hösles haben sie zerrissen!«
»Beide,« schrie Trinle, »und die guten?«
»Beide!« Kasperle seufzte schwer. »Sie sind im Räuberschlößle vom Turm gefallen.«
»O je!« Trinle kreischte entsetzt, das war eine schlimme Sache. Veit und Steffen hatten, das wußte sie, ihre guten Anzüge an, weil sie nachher ihren Lehrer besuchen sollten. Die Mutter war nicht daheim, und mit Berta, des Hauses Stütze, war in diesen Tagen nicht gut reden, die dachte nur an das große Frühlingsscheuerfest, das nächstens beginnen sollte.
»Gute Hösles kann ich net flicken,« klagte Trinle, »das gerät mir net.«
»Darf ich helfen?« fragte da Gundel sanft. Sie konnte das Hösleflicken besonders gut; ihre Brüder sorgten für die rechte Übung.
»Ja, hilf du,« rief Trinle froh. Daran, daß Gundel eigentlich mit Veit und Steffen nicht gerade auf dem Fuß des Hösleflickens stand, dachte sie nicht. Sie vergaß auch im Eifer, den Brüdern zu helfen, den eigenen Groll und packte ihr Nähtäschele zusammen, tat hinein, was nur irgend gebraucht wurde, und zog mit Gundel und Kasperle nach dem Räuberschlößle.
Potzwetter, sah es da innen wüst aus! Herr Baldans lang vorausgesagter Einsturz war wirklich erfolgt. Die Turmtreppe war halb eingestürzt. Veit und Steffen saßen in ziemlich kläglicher Lage auf einem Trümmerhaufen, und wer sie nicht kannte, hätte sie gut und gern auf den ersten Blick für Räuberbuben halten können. »Hu,« kreischte Trinle, »wie seht ihr aus! Und die guten Sachen habt ihr an?«
»Sei froh, daß wir net was gebrochen haben,« brummte Veit. Er betrachtete tiefsinnig ein großes Dreieck auf seinem Knie. Steffen rieb sich den linken Arm; da klaffte ein Loch, und er fragte kleinlaut: »Hast du dein Nähtäschle mit?«
»Freilich,« rief Trinle, »und Gundele auch; Gundele hilft flicken.«
»Hm,« brummelten die Buben verlegen. Gundels Hilfe war ihnen nicht recht, sie sahen aber ein, daß zwei Flickerinnen schneller schaffen konnten, und eilig war es. Also taten sie, als wüßten sie nichts von einem Streit der letzten Tage, und Steffen zog als erster seine Jacke aus. Dabei stand er auf, und Trinle schrie erschrocken: »O je, hinten hast du aber ein Rißle, das schaff' ich nimmer!«
»So schlimm ist's noch nicht!« Steffen seufzte und tastete nach der verletzten Stelle. Da sagte Gundel tapfer: »Ich flick's schon, nur ausziehen mußt du die Hösles.«
Freilich, das mußte geschehen. Es war aber nicht gerade warm im Räuberschlößle, und sonst war es auch nicht angenehm, ohne Jacke und Hose dazustehen. Aber da wußte Trinle Rat. »Dort im Schränkle liegen die Gartendecken, nehmt die um,« riet sie, »und da im Eckle zieht ihr euch aus.«
Veit und Steffen sagten nicht »Unsinn« wie so manchmal bei der Schwester Ratschlägen; sie holten rasch die Decken heraus, und wenige Sekunden später lagen Hosen und Jacken vor den Mädels. Veit und Steffen aber saßen, in rotkarierte Decken gehüllt, auf einer alten Gartenbank. Sie schauten ziemlich kläglich drein, denn Trinle jammerte verzweifelt über die großen Löcher, an denen ihre Flickkunst zu scheitern drohte. Gundel sagte nichts; die ging tapfer an die Arbeit, und die Nadel flog so flink auf und ab, daß Trinle voll Bewunderung rief: »Du kannst es beinahe so gut wie Mutter!«
Gundel seufzte. »Ja, aber ein Stündele wird's dauern,« sagte sie bedrückt, »und – – –«
»Ha, ich weiß,« Trinle entsank gleich vor Schreck die Nadel, »du willst ja mit deinen Brüdern in die Bachmühle gehen!«
»Ja,« flüsterte Gundel, »die warten wohl schon auf dem Gäßle!«
Ein paar Augenblicke war es ganz still im Räuberschlößle. Veit und Steffen sahen ein, daß Gundel um ihrer Hösles willen nicht auf ihren Spaziergang verzichten konnte, sie ahnten aber dumpf, Trinle schaffe es nicht allein, und Trinle erkannte das selbst. Sie begann kläglich zu weinen: »Ich werde net fertig, wenn du gehst.«
Gundel überlegte. Sie wollte gern helfen, aber die Brüder so einfach im Stich lassen wollte sie auch nicht, und sie schlug schließlich vor: »Ich gehe aufs Gäßle und sag' es ihnen.«
»Nein, dann kommst du net wieder, ich – ich sag's ihnen,« schrie Trinle ängstlich. »Kasperle geht mit.«
»Ja,« riefen Steffen und Veit, »sag du's!« Sie spürten es nämlich beide, Gundel verstand das Flicken besser als Trinle; die brachte in fünf Minuten so viel fertig wie die Schwester in einer Viertelstunde. Da war es schon besser, sie blieb.
»Ich geh!« Trinle sprang jäh auf; ihr war plötzlich etwas eingefallen, und sie nahm Kasperle bei der Hand, zog ihn mit hinaus und rannte eilig durch den Garten dem Hause zu, ohne auf Gundels und der Brüder Rufen zu achten.
Die Sternbübles warteten wirklich schon in der Löwengasse auf die Schwester, und sie waren höchst verwundert, als Trinle statt dieser auf sie zukam. Trinle hatte sich gedacht: Ich hol die Sternbübles schwipp schwapp hinein. Jetzt können Veit und Steffen net ausreißen, weil sie keine Hösles haben, und da versöhnen sie sich. Aber so schwipp schwapp ging das nicht; die Sternbübles wollten nicht. Die stellten sich ganz widerborstig vor Trinle hin und erklärten: »Nein, zu euch in die Linde kommen wir net, ihr seid zu wüst.«
Das war arg, und Trinle sah ein paar Herzschläge lang gar nicht wie ein Friedensengel aus, sondern viel eher wie ein kleiner Kriegsteufel. Sie schnappte nach Luft, wollte bitterböse Worte sagen, besann sich aber noch rechtzeitig und rief: »Wir sind doch net im Haus, wir sind im Räuberschlößle, und Gundel – ja Gundel will euch was sagen!«
Im Räuberschlößle! Den Sternbübles blinkerten die Augen. Sie hatten schon viel von dem Grillschen Räuberschloß gehört, hätten es himmelgern längst gesehen, und nun sollten sie hinein, wurden sogar darum gebeten. Sollten sie da nein sagen? »Na ja,« brummelten sie endlich, »wenn Gundele will.« An ihren Nasenspitzen konnte man es ihnen freilich ansehen, daß sie selbst wollten, denn sie trabten höchst vergnügt neben Trinle und Kasperle durch das Haus in den Garten hinein. Und da war das Räuberschlößle und – –
Die Überraschung war auf beiden Seiten groß. Die vier Buben starrten sich sprachlos an, und Trinle, das hinterlistige Trinle tat, als wäre alles in schönster Ordnung. Sie sagte zu Gundel: »Da sind die Bübles, sie warten, bis du fertig bist.«
Veit und Steffen hatten just gedacht: Wir werfen sie hinaus, da fielen ihnen die ungestopften Hosen ein. Ja, wenn sie die Brüder rauswarfen, dann ging auch Gundel, und dann – – –
»Wie fein du das machst!« rief Trinle schlau und voller Bewunderung. »Ich brächt's net in drei Stunden so gut fertig.«
Gundel flickte in tödlicher Verlegenheit, so schnell sie konnte. Die Anwesenheit der Brüder bedrückte sie. Wenn es nun Streit gab! Doch es gab keinen Streit. Mathes und Peter waren so entzückt von dem Räuberschlößle, das mit seiner eingepurzelten Treppe mehr als je einer Rumpelbude glich, daß sie beide sagten: »Hier ist's fein.«
Diese Bewunderung erfreute Veit und Steffen sehr, auch erzählten sie gern, wie die Treppe eingefallen war, sie beinahe herabgestürzt wären und eigentlich von rechtswegen jetzt halb tot daliegen müßten. Ein überstandenes Abenteuer zu erzählen, ist immer sehr vergnüglich, namentlich wenn zwei so mit Lust zuhören wie die Sternbübles. Denen wieder tat die Erkenntnis sehr wohl, daß die braven Lindenbuben sich auch einmal die Hösles zerrissen, auch dumme Streiche machten, und am meisten gefielen ihnen die umgehängten Tischdecken.
Mathes sagte: »Ich glaub', wie ihr haben die römischen Kaiser ausgesehen.«
Das war ein Wort. Darüber flog alle Feindschaft zum Fenster hinaus, denn allen vier Buben fiel ein, sie könnten einmal gut Römer spielen; das Räuberschlößle konnte das Kapitol sein, das verteidigt wurde. Trinle redete eifrig mit, Kasperle schrie, er wolle auch Römer sein, nur Gundel schwieg. Als sie aber aufatmend Veits Hösle fortlegte und sagte: »Die sind fertig,« riefen die Buben begeistert: »Gundele wird dann die Mutter der Gracchen.«
Die hohe Ehre ließ Gundel tief erröten, und wenn möglich nahm sie sich noch eifriger Steffens Hösles an, denn Trinle erklärte: »Ich bring das Löchle net zu, es ist zu groß.«
Gundel aber brachte das Löchle zu, gerade noch zur rechten Zeit. Zwei Minuten blieben Veit und Steffen noch, um sich wieder aus römischen Kaisern in zwei Breitenwerter Schulbuben zu verwandeln. Dann aber war es die höchste Zeit; zum Abschiednehmen blieb keine Zeit. Im Davonrasen rief Veit nur noch: »Morgen spielen wir.«
»Ja, morgen,« schrieen die Sternbübles zurück.
»Kommt vorbei, wenn ihr in die Schule geht,« brüllte Steffen. Da schlug die Gartentüre hinter ihm zu, und Gundel, die Trinles Nähtäschele eingepackt hatte, sagte sanft: »Nun müssen wir uns aber eilen, sonst wird's zu spät.«
»Wir begleiten euch ein Stückle, Kasperle und ich,« sagte Trinle rasch, und dann wanderten sie alle fünf einträchtig die Löwengasse entlang. Dabei trafen sie Frau Tippelmann, die eben von Veit und Steffen beinahe umgerannt worden wäre. Als die Trinle, Kasperle und die Sternkinder so einträchtig daherkommen sah, blieb sie stehen und fragte erstaunt: »Je, ihr seid wohl jetzt gut miteinander?«
»Ja,« antwortete Trinle geschwind, »wir haben uns versöhnt.«
»Und deine Brüderles, warum sind die denn ausgerissen?«
»Ausgerissen sind die net, die machen nur einen Besuch.« Und geschwind erzählte Trinle die Geschichte von den zerrissenen Hösles, rühmte Gundels Flickkunst und schloß zufrieden: »Nun sind wir alle Freunde.«
»Ist recht,« sagte Frau Tippelmann, »vertragt euch miteinander. Haß und Streit bringen nur Leid. Ich will's Alette erzählen, vielleicht freut sie sich über eure Versöhnung.«
Die letzten Worte sagte Frau Tippelmann mit einem tiefen Seufzer, denn noch immer zeigte Alette keine Teilnahme für irgend etwas. Sie lag meist mit geschlossenen Augen da, nichts freute sie, und selten, ach, sehr selten sprach sie einmal. »Viele Grüße für Alette,« riefen die Kinder, »wir besuchen sie bald, sobald wir dürfen.« Dann rannten sie, so schnell Gundel vorwärts kam, weiter. Frau Tippelmann ging in das Haus und betrat innen Alettes Zimmer. Beim Anblick des blassen, stillen Kindes tat ihr das Herz wieder weh, und Laura sah ihr auch kummervoll entgegen. »Sie hat die ganze Zeit, während Sie fort waren, kein Wort gesprochen,« klagte sie traurig. »Wenn ich nur wüßte, was ihr Freude macht!«
Frau Tippelmann trat an Alettes Bett, beugte sich über die Kleine und erzählte der, so heiter sie es vermochte: »Die Sternbübles haben sich nun mit deinen Freunden aus der Linde ausgesöhnt; soll ich dir erzählen, wie das kam?«
»Ja,« flüsterte Alette und schlug die Augen auf, »wo sind sie denn?«
»Spazierengelaufen.« Frau Tippelmann rückte sich einen Stuhl zurecht und erzählte die Geschichte von den zerrissenen und wieder geflickten Hösles, und daß nun die Grills mit den Sternkindern Freundschaft geschlossen hätten. Und zum erstenmal lächelte Alette ein wenig, und als Frau Tippelmann schloß: »Sie wollen dich alle gern besuchen,« fragte sie rasch: »Dürfen sie?«
»Freilich, sobald du nur erst ein bißchen gesünder bist, dürfen sie kommen, sooft du sie haben willst!«
»Alle – auch die Sternbübles?«
»Gewiß doch, alle, und die Sternbübles erst recht, und Gundele dazu, und wenn du erst wieder gesund bist, gehst du mit Trinle in die Schule.«
»In die Schule!« Alette richtete sich plötzlich auf, und ihre Augen strahlten. »Dann darf ich doch hier bleiben?« fragte sie atemlos.
»Freilich, solange du willst! Nur dein Vater darf dich holen, niemand sonst. Aber Kind, Herzenskind, um Gotteswillen, was hast du?«
Alette hatte mit einem Jubelschrei Frau Tippelmann umschlungen, und an dem Halse der alten treuen Frau weinte sie heiße, heiße Tränen.
»Das Kind wird kränker,« schluchzte Laura, »Herr Häferlein muß den Doktor holen.« Sie rannte hinaus, lief zu dem Nachbar hinüber, und der eilte wirklich, wie er ging und stand, und holte den Arzt herbei. Er traf ihn unterwegs, und der gute, freundliche Doktor, der nicht mehr so jung und etwas wohlbeleibt war, kam völlig außer Atem in der Löwengasse an, denn Herr Häferlein trieb unablässig zur Eile. Und zuletzt zerrte und zog Laura den Arzt noch die Treppe hinauf, daß der meinte, Alette Amhag sei nun wohl schon tot. Als er aber das Zimmer betrat, fand er die Kranke in Frau Tippelmanns Armen liegend, ein glückseliges Lächeln auf dem blassen Gesichtchen.
»Sie wird gesund, nun gewiß,« rief Frau Tippelmann dem Arzt entgegen.
»Ja, das scheint mir auch so,« sagte der heiter. »Da hätte ich freilich langsamer gehen können. Herr Häferlein hat wohl gedacht, ich wäre ein Automobil geworden und könnte so flink rennen?«
Alette Amhag lachte ihr frohes Glöckchenlachen, über das sich Frau Tippelmann am ersten Tage so gefreut hatte, und der Doktor lachte herzhaft mit. »Na, mir ist die Rennerei schon recht; wer erst wieder lachen kann, der spaziert der Gesundheit entgegen. Aber nun fein brav sein, damit – – –«
»Ich Ostern in die Schule gehen kann,« flüsterte Alette. »Ach, ich freu' mich so!«