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Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend cover

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Chapter 14: Dreizehntes Kapitel. Was aus Frau Tippelmann wird.
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About This Book

The narrative sketches daily life in a small town around an old house called the Rose, where an elderly resident who has long lived alone prepares for the arrival of relatives. Neighborhood gossip, children's quarrels, and the townspeople's reactions create a tapestry of local custom and curiosity. Episodes alternate between domestic detail and lively street scenes, introducing unexpected visitors, moments of gentle humor, and quiet changes in community ties. Presented as short, illustrated vignettes aimed at young readers, the story emphasizes belonging, intergenerational connections, and the small dramas that shape everyday communal life.

Dreizehntes Kapitel.
Was aus Frau Tippelmann wird.

Herr Häferlein fragt nicht nach den Zeugnissen. Die Sternbuben finden, die Uhren hätten es eilig, aber Alette Amhag meint, sie gingen im Schneckengang. Es ist Feiertagswetter, und Gundel erzählt Märchen. Jemand findet Breitenwert sehr häßlich. Herr Häferlein rennt noch einmal zum Doktor, und Frau von Bachhoven redet mit Frau Tippelmann; sie ärgert sich über das deutsche Gemüt, und die Sternbuben müssen erzählen, und schließlich sind alle froh über den Besuch.

»Jetzt wird unsere Alette bald gesund; heute hat sie geschlafen wie ein Murmeltier,« erzählte Laura am nächsten Tage Herrn Häferlein. »Nun werfe ich Ihnen keinen Stein mehr an das Fenster.«

»Ei, was das Steinwerfen anbelangt, das war nicht schlimm,« sagte der höfliche Kaufmann, »aber das Gesundwerden freut mich und sicher alle Leute in der Löwengasse!«

Damit sagte der gute Herr Häferlein nicht zu viel. Die ganze Löwengasse freute sich wirklich über Alette Amhags Genesung, am meisten aber Linde und Stern. Frau Grill ging jeden Tag in die Rose; die Sternwirtin schickte dies und das, und die Kinder stürzten wie Habichte auf Frau Tippelmann oder Laura zu, wenn sich eine von ihnen blicken ließ. »Wie geht's Alette? Steht sie bald auf? Dürfen wir sie bald besuchen?«

»Ja, bald, bald; sie freut sich schon auf euch!«

Es vergingen aber immer noch etliche Tage, ehe Trinle Grill als erste Besucherin das Krankenzimmer betreten durfte, just am ersten Ferientag dazu. Als Trinle eintrat in das Zimmer, dessen Fenster offen standen, um die Sonne, die heute wieder frühlingslustig schien, einzulassen, hörte sie lauten Lärm. Sie blieb erschrocken stehen und sah scheu nach dem Bett hin, in dem Alette noch blaß wie ein weißes Blümchen lag. »Die Bübles schreien so arg,« stammelte Trinle.

»Das klingt lustig!« Alette streckte der Freundin die Hand hin, und da vergaß Trinle den Lärm draußen in der Freude, die Kameradin wiederzusehen.

Ein Viertelstündchen war ihnen beiden nur vergönnt, da mußte sich Trinle arg sputen, um nur ein Hundertstel von allem, was sie auf dem Herzen hatte, herauszuschwätzen. Die Viertelstunde tat einen Hopser – aus war sie. Beim Abschied aber konnten doch beide sagen: »Morgen.« Am nächsten Tag hieß es dann: »Und morgen bringe ich Gundele mit.« Und Gundel kam, und die Buben alle, Kasperle zuerst; der wollte gar nicht wieder fort. Gundel war schüchtern, aber gegen Mathes und Peter war sie fast geschwätzig. So etwas! Die Sternbübles taten den Mund nicht auf, aber am nächsten Tage kamen sie doch wieder, sogar eine halbe Stunde zu früh. Da wanderten sie vor der Rose auf und ab und unterhielten sich mit Herrn Häferlein genau so, als wären sie nie die schlimmen, gefürchteten Sternbübles gewesen.

Herr Häferlein war auch wirklich sehr nett; der tat keine Frage nach den Zeugnissen, wie es damit und mit dem Versetztsein bestellt sei. Das war gut, denn daran hatten die beiden Schelme gesehen, daß einer nicht im Handumdrehen auf den ersten Platz im Leben kommt. Die Mutter hatte doch ein wenig geseufzt über die Zeugnisse, aber dann dachte sie an den Tag, da sie ihre Buben im Krankenhaus gefunden, und sie fragte mild: »Wird's besser werden das nächste Mal?«

»Ja,« sagten die Bübles schnell ganz fest und ehrlich, und Gundel sagte auch ja; sie sagte es für die Brüder mit, und da lächelte die Mutter froh: »Ich glaub's schon,« erwiderte sie, »wenn Gundele es auch sagt, wird es schon werden.«

Freilich trauerten die Sternbübles doch trotz ihrer guten Fleißvorsätze jedem Ferientag nach. Wieder einer vorbei, wie schnell das ging! Unglaublich, welche Eile die Uhren in Ferienzeiten haben; es fällt ihnen gar nicht ein, einmal ein bißchen still zu stehen und sich zu besinnen: heute ist's gerade so schön, da wollen wir einmal langsamer unser Ticktack schlagen.

Nur Alette Amhag fand, die Uhren gingen im Schneckengang. Ihr dehnten sich die Stunden, und wenn sie die Freunde draußen auf der Löwengasse jauchzen hörte, dann seufzte sie und dachte: Ach, wär ich dabei! Sie mußte noch immer viele Stunden im Bett liegen, und die Zeit für Besuche war karg bemessen. »Sie sind alle sehr nett, aber für Krankenbesuche nicht recht geeignet,« sagte Frau Tippelmann. Trotzdem tat es ihr selbst bitter leid, als sie hörte, am ersten Osterfeiertag wollten sie allesamt über Land fahren, die aus der Linde und die aus dem Stern. »Niemand bleibt bei mir,« klagte Alette, als Trinle ihr dies am Ostersonnabend erzählte.

Die Grills wollten zu einem Onkel Pfarrer, der auf einem Dorf, zwei Stunden von Breitenwert entfernt, wohnte, und die Sternkinder waren auch von einer Landmuhme eingeladen worden. Draußen lockte und lachte die Sonne auch gar zu fröhlich, und überall hatte der Frühling schon seine holde Arbeit begonnen.

Wer wollte da daheim bleiben? Die Löwengasse war ja hübsch, aber draußen, ja draußen war es doch schöner im Frühlingssonnenschein und im ersten frischen Grün.

Alettes Klage ging Trinle Grill freilich sehr zu Herzen, und sie erzählte Gundel davon, just als die von ihrer Freude sprach, daß sie zur Landmuhme fahren dürfte. Gundel wurde still, Alettes Einsamkeit nahm ihr die rechte Freude, und sie sagte endlich, fast wie frohes Hoffen klang es: »Vielleicht regnet's gar am Ostertag.«

Es regnete aber nicht. Die Sonne schien schon am Samstag, als wollte sie allen zurufen: »Rüstet euch, rüstet euch, morgen gibt's Feiertagswetter!« Und dann gab es einen köstlichen Morgen, und in der Linde und im Silbernen Stern purzelten die Kinder beinahe vor lauter Eilfertigkeit aus den Betten, nur Gundel Hinz nicht. Die blieb daheim, sie hatte ihre Mutter darum gebeten, und die hatte es erlaubt. Den Bübles war es nicht ganz recht, aber als sie hörten, Gundel blieb, um Alette zu besuchen, da stimmten sie zu. Sie versprachen der Schwester Frühlingsblumen und Festtagskuchen, versprachen der Mutter allergrößte Bravheit und zogen dann genau so selig in die Frühlingsherrlichkeit hinaus wie die Lindenkinder. Alette Amhag hörte wieder das Jubeln und Jauchzen auf der Löwengasse, und sie wurde darüber traurig. Nicht einmal die schönen Ostereier, die ihr Laura aufbaute, konnten sie recht trösten; der Tag lag gar zu lang und einsam vor ihr.

Doch als draußen die Kirchenglocken wieder sangen und auf der Löwengasse die Stimmen der heimkehrenden Kirchengänger ertönten, klopfte es an Alettes Tür. Gundel kam, der Kranken zu Trost und Freude.

An diesem Tage gewann sich Hinkegundel eine zweite Freundin, und für die beiden Mädeles wurde es ein schöner, fröhlicher Feiertag. Gundels Traum wurde zur Wahrheit; sie konnte der wirklichen Alette Amhag Geschichten erzählen, feine, liebe Märchen, und Alette, die noch wenig Märchen kannte, lauschte so still und zufrieden, daß Frau Tippelmann sagte: »Gundel kann kommen, sooft sie mag; die paßt gut an ein Krankenbett. Wie gut, daß sie daheimgeblieben ist.«

Am nächsten Morgen standen schöne Frühlingsblumen an Alettes Bett; die Ausflügler hatten ihre kranke Freundin nicht vergessen. Sie kamen auch, erzählten, es wäre wunderschön gewesen, und Alette bekam die allergrößte Lust, bald, bald im Frühlingssonnenschein spazierenzugehen. Selbst Laura sagte: »Wenn man die Kinder reden hört, meint man, eine schönere Gegend als die Breitenwerter gibt's in der ganzen Welt nicht. Herr Häferlein tut auch, als hätte hier mindestens das Paradies gelegen.«

Ein paar Tage später aber schimpfte jemand laut und vernehmlich über das häßliche Breitenwert, seine krummen Gäßlein und seine Menschen, die allzu neugierig und vorwitzig wären. Frau van Bachhoven war es. Sie kam auf einmal – eins, zwei, drei – ganz unerwartet schnell angereist. Sie wollte Alette holen. Das gab eine Aufregung in der Rose und drüben in der Linde, und als die Nachricht in den Silbernen Stern gelangte, stürzten die Bübles auf die Straße, als müßten sie Alette Amhag wieder aus Wassersnot befreien.

Am heftigsten aber erschrak Alette Amhag selbst. Als die die tiefe, etwas rollende Stimme Frau van Bachhovens hörte, wurde sie totenbleich, und diesmal lief Frau Tippelmann, um Herrn Häferlein nach dem Arzt zu schicken. Der sollte kommen und helfen. Inzwischen gab es einen bösen Auftritt zwischen der Dame und Fräulein Laura. Frau van Bachhoven machte Laura die allerbittersten Vorwürfe, meinte, die sei schuld, daß Alette noch hier sei, und verlangte, sie solle sofort die Sachen packen.

»Ich darf nicht, Frau Tippelmann erlaubt das nicht,« rief Laura, die sich gar nicht mehr zu helfen wußte.

»Die Frau hat nichts zu erlauben, sie ist eine Dienerin, damit fertig!« schrie Frau van Bachhoven geärgert. Nun gerade, weil alle nicht wollten, sollte Alette zu ihr kommen. Sie war es so gewohnt, um ihres Reichtums willen jeden Wunsch erfüllt zu sehen, daß dieser unerhörte Widerstand sie heftig reizte. Alette Amhag erschien ihr wie ein Spielzeug; sie wollte sie haben um jeden Preis. Sie schrie Frau Tippelmann zornig an, als die kam, sie zu begrüßen: »Sofort wird eingepackt, das Kind kommt mit mir; da gibt es keinen Widerspruch.«

»Den gibt es doch,« sagte Frau Tippelmann ganz ruhig. Sie war an Alettes Lehnstuhl getreten, in dem die Kleine in der Sonne saß, und streichelte sanft das weinende Kind. »Du bleibst hier, Alette Amhag.«

Frau van Bachhoven rollte ihre Augen ganz fürchterlich, und Laura kroch entsetzt in einen Winkel. Lieber Himmel, dachte sie, Frau Tippelmann weiß gar nicht, wie böse die Dame werden kann, und schließlich müssen wir ihr doch gehorchen und mitreisen, da ist nichts zu machen.

»Was erdreisten Sie sich?« rief Frau van Bachhoven. »Sie sind eine Dienerin und haben zu gehorchen, verstanden?«

»Mit Verlaub, das habe ich nicht!« Frau Tippelmanns Stimme klang ganz ruhig. »Ich bin eine Amhag wie das Kind hier. Mein Vater selig und Herrn Amhags Großvater waren Brüder; ich bin also Alettes Großtante. Ihr Vater hat mir damals geschrieben, ich möchte für sein Kind sorgen; das tue ich. Erst habe ich gemeint, Alette wollte nicht hierbleiben, nun ich aber weiß, daß Alette hier glücklich ist, lasse ich sie nicht fort, bis ihr Vater es anders bestimmt.«

»Sie – eine – Verwandte?« Frau van Bachhoven sah die in ein ganz einfaches blaues Hauskleid gekleidete alte Frau von oben bis unten verächtlich an. Sie lachte höhnisch: »Wer Ihnen das glaubt!«

»Das ist schon wahr, ganz gewiß wahr, meine Gnädige,« sagte da von der Türe her der alte freundliche Doktor. »Frau Tippelmann ist eine Amhag und des Kindes leibhaftige Großtante. Und die Reise darf sie nicht einmal erlauben, denn die erlaube ich auch nicht. Das Kind ist noch krank und darf nicht in der Welt herumgeschleppt werden, damit basta! Gelt, kleine Alette, du willst noch bei uns bleiben?«

Alette gab keine Antwort. Die hielt Frau Tippelmanns Hand fest umschlungen und sah mit strahlenden Augen zu der alten Frau auf. »Meine Großtante,« flüsterte sie, »meine Großtante!«

»Ja, Kind, die bin ich. Und deinen Großvater habe ich noch gekannt. Ich war damals ein kleines, dummes Mädele, als er die Heimat verließ. Aber ich sehe ihn noch heute hinten im Garten an der alten Linde lehnen. Er hat geweint, als sollte ihm das Herz brechen, daß er fort mußte aus einer lieben Heimat. Ich habe dann manchmal gedacht, er ist wohl nie wieder gekommen, weil er den neuen Abschied gefürchtet hat, denn Breitenwert und das alte Rosenhaus war ihm der liebste Ort der Welt. Die Heimat ist eben die Heimat.«

Frau van Bachhoven war ganz still geworden. Sie begriff nicht, wie jemand an einer so kleinen Stadt, an einem alten Hause so hängen konnte. Es war ihr, als spräche die alte Frau da eine ganz fremde Sprache. Doch merkwürdigerweise schien Alette Amhag, dieses Kind, das sie zum Zeitvertreib gern bei sich haben wollte, die fremde Sprache zu verstehen. Auch Laura, das törichte Mädchen, sah ganz so aus, als hätte Frau Tippelmann etwas Wunderschönes gesagt.

»Das ist das dumme deutsche Gemüt!« rief die reiche Dame endlich ärgerlich. »Was ist an einem solchen alten Haus? Alette, besinne dich, ich will dich mit nach Paris nehmen und dann in die Schweiz, da ist es doch schöner als hier.«

»Ich will hierbleiben bei – meiner Großtante,« sagte Alette leise.

»Und Sie, Laura?« Frau van Bachhoven sah Laura forschend an. Die knickste verlegen, einmal, zweimal. Freilich, Breitenwert war ein rechtes Nest, die Rose immerhin ein einfaches Haus, aber da war Alette, die Löwengasse, die Kinder, Herr Häferlein, der gute Nachbar, in dessen Laden sie immer an ihre glückliche Kindheit denken mußte; sie atmete tief und sagte dann schnell: »Wenn es Ihnen recht ist, gnädige Frau, dann möchte ich schon hier bei Alette bleiben, bis ihr Vater kommt.«

»Meinetwegen,« brummte die Dame. »Hier scheinen alle verhext zu sein.« Sie stockte und sah sich in dem großen Zimmer um, an dessen Fenster Frühlingsblumen blühten, und das so einfach, so hell und freundlich aussah. »Vielleicht würde ich es auch noch, wenn ich hierbliebe.«

Da trat Frau Tippelmann rasch vor und bat: »Ein paar Stunden sollten Sie doch bleiben, gnädige Frau. Alette ist Ihnen doch dankbar, daß Sie gekommen sind.«

Je, wenn Frau Tippelmann glaubt, Frau van Bachhoven, der kein Hotel gut genug ist, würde hierbleiben, dachte wieder Laura, na, da irrt sie sich aber!

Doch diesmal irrte sich Laura. Die reiche Dame blieb wirklich bis zum Nachmittag als Gast in der Rose. Nun erst merkte Alette Amhag, daß die gefürchtete Frau im Grunde sehr gutherzig war, und sie verlor ihre Scheu vor ihr. Sie erzählte ihr selbst von ihrem Sturz ins Wasser, und wie die Sternbübles sie gerettet hatten. Da verlangte Frau van Bachhoven die zu sehen, und die andern Kinder auch, und Laura mußte laufen, um sie alle in die Rose zu holen.

Sie kamen an, verlegen und schrecklich neugierig dazu. Die Sternbübles glühten wie zwei Himbeeräpfel, als sie erzählen sollten, wie es gewesen war, als sie Alette gerettet hatten. Sie stießen sich an, blinkerten sich zu, und Peter sagte zu Mathes: »Sag's du!« Aber Mathes wieder tuschelte: »Du sollst es sagen.« Endlich besann sich Mathes auf seine Ältestenwürde und begann: »Alette ist gelaufen wie'n Häsle.«

»Und wir hintennach,« schrie Peter.

»Dann kam das Flüßle und das Brückle,« fuhr Mathes fort, »und da – und da – und da plumpste sie rein.«

»Wir haben sie rausgefischt,« ergänzte Peter wieder.

»So war's,« rief Mathes. »So war's,« schrie Peter, und beide sahen sich stolz ob dieser ausführlichen Erzählung an.

Frau van Bachhoven lachte. Dabei zeigte sie ihre weißen Zähne und rollte ihre großen dunkeln Augen, und das gefiel den Bübles so, daß sie auch in ein jauchzendes Gelächter ausbrachen. »Die gefallen mir,« rief die Dame, »die möchte ich haben.«

Aber auch die Sternbübles wollten vom Mitreisen nichts wissen. Der Silberne Stern und die Löwengasse gefielen ihnen vorläufig noch besser als die weite Welt draußen. Sehr gefiel es ihnen dagegen, als Frau van Bachhoven ihnen allerlei sehr schöne Dinge schenkte. Eigentlich sollten zwar all das kostbare Spielzeug, die feinen Zuckersachen und Früchte für Alette sein, doch die teilte gern mit den Freunden, ja sie gab sogar die beiden Staatspuppen an Trinle und Gundel, und so wurde schließlich für alle der Besuch, über den sie zuerst so erschrocken waren, eine große Freude.

Am frohesten aber war doch Alette. Nun brauchte sie nicht mehr heimlich zu befürchten, daß Frau van Bachhoven sie holte. Die war fort, und sie durfte bei ihrer Großtante bleiben, bis ihr Vater sie holen kam. Auch Laura war nun ganz zufrieden, auch sie sagte vergnügt: »Ja ja, ein Weilchen bleibe ich schon noch gern in der Löwengasse. Aber das muß ich doch sagen, Frau Tippelmann, recht war es nicht, daß Sie sich nicht gleich als Alettes Tante zu erkennen gegeben haben, es wäre manches anders gewesen.«

»So ist's im Leben,« antwortete Frau Tippelmann schelmisch, »wenn mancher Mann wüßte, wer mancher Mann wär, gäb mancher Mann manchem Mann manchmal mehr Ehr.«

»O je, schon wieder ein Sprichwort!« rief Laura lachend. »So viele habe ich ja nicht in der Schule gelernt; hier werde ich noch gelehrt wie ein Professor.«

»Hm,« sagte Frau Tippelmann schmunzelnd, »es heißt aber: Je mehr einer lernt, desto mehr sieht er ein, wie wenig er kann. Doch nun muß unser Kind zu Bette gehen. Draußen auf dem Löwengäßle ist's schon ganz dunkel, und mir scheint, der Sandmann spaziert schon herein.«