Vierzehntes Kapitel.
Der Zöpflesstreit.
Wenn einer krank liegt, hat er viel Zeit zum Sinnen und Denken. Das sind dann oft wunderreiche Tage, namentlich wenn die Krankheit schon an der Türe steht und sagt: »Nun mach ich mich wieder davon; ich habe dich genug geplagt, du armes Menschlein.« Man sieht die böse Krankheit gehen, ist noch matt, aber fühlt es doch jeden Tag: ich werde gesund. Und das Stilleliegen und Stilleseinmüssen tut dann so wohl, und der Kranke, der sonst in aller Unruhe seines Lebens nicht Zeit zum Nachdenken hat, kann dann einmal im eigenen Herzen spazierengehen und sich darin umsehen. Es tut gut dieses Spazierengehen in seinem Herzen. Da findet der Mensch manchmal Winkel, die er selbst nicht recht kennt, und erstaunt wohl über all die unguten Dinge, die da aufgestapelt liegen. In einer Ecke liegt da ein Häuflein Neid und Eifersucht, in der andern ein Bündelchen Hochmut und ein Reis Überheblichkeit schießt daneben empor. Ein anderer sieht bei solchem Umschauen die Eitelkeit protzig im Winkel sitzen, er blickt der Lüge in die falschen Augen, und dem oder jenem fällt allerlei ein, was er über liebe Menschen Häßliches gesagt hat. Doch wer erst die schlimme Unordnung sieht, der findet wohl auch die Kraft aufzuräumen. In den Tagen des langsamen Besserwerdens ist die Seele des Menschen oft wie ein Gärtlein im Lenz. Liebliche Blumen blühen empor, köstlicher Same keimt, und der Mensch selbst hat Zeit, fein säuberlich das Unkraut zu jäten.
Es läßt sich aber auch gut träumen von vergangenen Tagen in der Zeit der Genesung, auch an heitere Stunden der Zukunft denkt der Mensch da gern.
Alette Amhag nun gehörte zu jenen, die still nachdenken können, und weil ihre Herzstübchen alle blank und heil waren, kein Unrat in den Winkeln lag, dachte sie viel an ihren fernen Vater, an die große Welt und das kleine Löwengäßle. Darum lag sie auch, als es ihr besser ging, mit frohen Augen im Bett, und Frau Tippelmann und Fräulein Laura sagten oft zueinander: »Unsere Alette pflegen, ist wirklich leicht; mit den Sternbübles wäre das wohl ein schlimmes Ding.« Ja, manchmal seufzte Frau Tippelmann ein wenig und meinte: »Es wäre gut, wenn Alette manchmal einen Wunsch hätte.«
Und eines Tages hatte Alette Amhag dann wirklich einen großen Wunsch; ihr fiel auf einmal der Großtante Geschichte ein, die ihr die noch nicht erzählt hatte. Ganz eilig rief Alette, nachdem ihr die unterschlagene Geschichte eingefallen war: »Laura, liebste Laura, hole doch die Tante, sie muß mir eine Geschichte erzählen.«
»Na, das kann ich doch auch!« sagte Laura etwas gekränkt. »Ich weiß alle möglichen Geschichten, eine von einem Jungen, der in den Krieg zog und dann auf einmal einen Grafen heiratete, weil er nämlich gar kein Junge, sondern ein wunderschönes Mädchen war, und dann noch eine von einer Frau, die so gerne Rosinen und Mandeln aß, daß sie schließlich träumte, sie wäre ein riesengroßer Kuchen geworden, und – – –«
»Nein, nein,« rief Alette lachend, »die Geschichten will ich nicht hören, Laura; ich will eine hören von damals, als noch meine Ururgroßeltern in der Löwengasse wohnten.«
»Ach, das werden gewiß recht langweilige Geschichten sein,« brummelte Laura; »aber meinetwegen, es gibt ja auch Menschen, die hören lieber Leierkasten spielen als Klavier, und ich mag lieber Blechmusik; so ist das nun einmal.« Nach dieser schönen Rede ging sie dann doch, um Frau Tippelmann zu holen. Nach einem Weilchen kam sie wieder und sagte betrübt. »Frau Tippelmann kann nicht erzählen.«
»Warum denn nicht?« fragte Alette erschrocken. »Sie hat es mir doch versprochen!«
»Ja freilich, und ein Versprechen muß man halten, das ist schon wahr, aber Frau Tippelmann kann das nun jetzt nicht tun, sie ist nämlich weggegangen.«
Da konnte sie freilich keine Geschichte erzählen. Alette sah das ein, doch weil sie nun gerade zuhörlustig war, ließ sie sich von Laura die merkwürdige Begebenheit berichten von der Dame, die so gerne Rosinen und Mandeln gegessen hatte. Laura erzählte sehr eifrig. Alette hörte nicht minder eifrig zu, und just als die sonderbare Dame dabei war, sich für einen schönen dicken Weihnachtskuchen zu halten, ging es tripp, trapp im Hausflur, und Laura und Alette purzelten beide aus der Geschichte in die Wirklichkeit zurück und riefen: »Die Sternbübles.«
Die waren es wirklich, aber sie kamen nicht allein; zwei Minuten später ging es wieder tripp, trapp, da kamen sie aus der Linde, und zuletzt tönte ein langsamer bedächtiger Schritt: Frau Tippelmann kehrte heim.
Laura berichtete von Alettes Wunsch, sie sagte: »Schade, daß nun gerade die Kinder gekommen sind, da wird es nichts aus der Geschichte werden.«
»Warum nicht?« erwiderte Frau Tippelmann. »Es ist besser, ich erzähle eine Geschichte, da sind die andern ruhig; die Sternbübles schreien heute ohnehin wieder, als wären sie Jahrmarktsausrufer. Davon wird unser Alettchen nur müde und matt; das stille Zuhören ist gesünder.«
Dieser Meinung waren die Gäste just an diesem Nachmittag nicht, am wenigsten die Sternbübles. So gern sie auch sonst Geschichten hörten, heute hatten sie selbst allerlei zu erzählen und zu fragen. Da war am Morgen einer Bauersfrau eine höchst sonderbare Sache zugestoßen; die hatte sich aus einem ganz unerfindlichen Grunde auf ihren eigenen Eierkorb gesetzt, was weder ihrem Rock noch den Eiern gut bekommen war. Die Sternbübles hatten schon Bauchschmerzen vor Lachen darüber bekommen, und sie brannten darauf, reden zu dürfen. Aber Frau Tippelmann fragte wenig danach, was sie wollten oder nicht; sie sagte einfach: »Ich erzähle, damit Punktum, Streusand drauf, und nun aufgepaßt!«
»Erst mal – – –« schrie Mathes.
»Nachher,« sagte Frau Tippelmann ruhig; »also hört. Alette will eine Geschichte aus dem alten Amhaghaus; da gibt es natürlich viele, denn in einem rechten Familienhaus geschieht im Laufe der Zeit immer allerlei. Da gibt es lustige und ernsthafte Geschichten, seltsame, aufregende und auch rührende. Leider wissen die Menschen immer viel zu wenig Geschichten aus der Vergangenheit ihrer Familien, und die Kinder sind jetzt auch schon so töricht, die denken, wenn es heißt, das ist aus deiner Urgroßmutter Leben eine Geschichte, »Ach, wie langweilig!« Weil unsere Alette glücklicherweise anders denkt, soll sie auch so viele Geschichten, als ich noch selbst weiß, aus dem alten Amhaghaus und dem Löwengäßle erfahren. Das Löwengäßle nun war immer ein schnurriges Sträßlein, in dem die wunderlichsten Dinge sich zutrugen, und von all den Geschichten ist mir besonders eine recht im Gedächtnis geblieben. Das war damals, als die Damen noch mit hochgetürmtem Haar einhergingen, weite Reifröcke trugen und jeder Mann ein Zöpfle hinten hängen hatte – – –«
»Hoho,« schrie Mathes dazwischen, »das ist net wahr, Zöpfles tragen Männer net!«
Frau Tippelmann sah über ihre Brille hinweg lachend auf das empörte Büble. »So ein Dummköpfle, wie du auch bist!« brummelte sie. »Jetzt tragen Männer freilich keine Zöpfe mehr, aber damals, als die Geschichte spielte, trug jeder Mann seinen Zopf und – – –«
»Ich glaub's net,« trotzte Mathes auf, den Frau Tippelmanns Lachen und das Gekicher der Mädchen reizte, »noi, ich glaub's net!«
»Ich auch net,« redete Peter dem Bruder eifrig nach. »Zöpfles trägt kein Mann.«
»Doch einmal war es so,« riefen die Grills, und dabei schauten sie ein wenig mitleidig über diese Unwissenheit auf die Sternbübles herab. Diese gerieten erst recht in Eifer. Zum Überfluß fuhr sie nun auch noch Frau Tippelmann unwirsch an und gebot: »Haltet euren Schnabel, das Zwischenreden mag ich net leiden.« Da schrieen die Bübles lauter als vorher: »Wir glauben das mit den Zöpfles net; Männer tragen keine.«
»Seid doch stille – – –«
»Männer tragen keine, Männer tragen keine.«
»Nun hört doch einer diese dummen Buben an!« schalt Frau Tippelmann erzürnt. »Dabei ist euer eigener Ururgroßvater, der Sternwirt Jakob, der Mann gewesen, der am längsten ein Zöpfle in Breitenwert getragen hat. Den Zöpflewirt haben sie ihn genannt, mein Großvater hat mir noch von ihm erzählt. Fragt nur eure Mutter, die wird's schon wissen. Also nun weiter, damals trugen die Männer noch ihre Zöpfles und – – –«
»Noi, ich glaub's doch net, Männer sind net so dumm!« schrie Mathes, und dabei wurde er vor Zorn so rot wie ein Krebs im heißen Wasser.
»Ich glaub's auch net.« Peter ließ den Bruder nicht im Stich, dessen Glaube war sein Glaube, und Gundel flüsterte und ermahnte vergeblich, sie möchten doch stille sein; die Brüder blieben bei ihrem Widerspruch: »Männer tragen keine Zöpfles.«
»Taten sie doch, es ist wahr,« riefen die Grills, denen die Sache nun auch zu dumm wurde, »wir wissen's genau. Zu dumm, so etwas nicht zu wissen!«
»Wir glauben's doch net,« versicherten die Bübles grantig. »Pah, Zöpfles sind für Mädeles; Männer sind net so affig!«
»Pfui,« schrie Trinle Grill entrüstet, »seid ihr frech! Mädeles sind net affig, wenn sie Zöpfles tragen.« Und zum Zeichen, daß sie sehr stolz auf ihren dicken Zopf war, schwenke sie den wie einen Uhrpendel hin und her. »Zöpfle sind fein, und daß Männer sie getragen haben, weiß ich auch.«
»Wir auch!« wiederholten ihre Brüder noch einmal in kriegerischem Ton.
»Es ist net wahr, net wahr, net wahr!« kreischten die Sternbübles.
»Na, so ein paar widerhaarige Buben sind mir noch gar nicht vorgekommen,« rief Frau Tippelmann. Sie ärgerte sich und lachte dabei, und da sie sah, daß die Sternbübles durch Worte nicht zu überzeugen waren, stand sie auf und holte ein paar kleine Bilder herbei, die sie den Kindern vorlegte. »Da seht ihr's,« sagte sie. »Da sind Männer mit Zöpfles drauf; seht, das hier ist sogar ein Offizier, und der hat auch einen Zopf. Na, glaubt ihr es nun?«
Ein paar Herzschläge lang starrten die Sternbübles stumm auf die Bilder nieder. Wirklich, da hingen den feinen Herren kleine steife Zöpfe herunter, und keiner sah darob sehr verwundert drein. Die Bübles sahen sich an, sahen wieder die Bilder an, sie hörten aber auch das schadenfrohe Lachen der andern, und der alte bitterböse Sternbüblestrotz wachte wieder in ihnen auf. Mathes rief als erster: »Die Bildles, die sind net wahr, die – die – sind aus – Märchenbüchern.«
»Jawohl, aus Märchenbüchern sind se,« schrie Peter nach, »sie sind net wahr.«
»Was, meine Bilder sind net wahr?« rief Frau Tippelmann verdutzt. »Mein eigener Urgroßvater soll net wahr sein? Nun schlägt's aber dreizehn!«
Die Lindenkinder waren nur einen Augenblick sprachlos, dann tobten sie los wie zur Zeit der schlimmsten Feindschaft mit den Sternbübles, und die blieben die Antworten nicht schuldig. Worte flogen hin und her wie Schneebälle. Frau Tippelmann schalt, Laura lachte, Gundel weinte, Alette weinte mit, und alle miteinander überhörten den Klingelton unten, hörten nicht, daß die neue Küchenmagd Selma mit jemand sprach, bis sich die Türe auftat und dieser Jemand ins Zimmer kam. »Potzwetter, nennt man das eine Krankenstube?«
Da war es nun plötzlich still, und tief erschrocken schauten alle auf den Arzt. Frau Tippelmann aber seufzte schwer, fast schuldbewußt; es war ihr beinahe, als hätte sie den Lärm selbst verursacht. Ordentlich bedrückt sagte sie: »Gut, daß Sie kommen, Herr Doktor, mit diesen Sternbübles ist es ein Kreuz.«
»Was haben sie denn getan?«
Alle auf einmal wollten Antwort geben, diesmal aber gelang es Frau Tippelmann, sie zur Ruhe zu bringen; sie rief streng: »Schweigt, ich erzähle!«
Und dann erzählte sie halb lachend, halb ärgerlich die Zopfgeschichte, und der gute Doktor machte ein Gesicht dazu, als könnte er das Lachen nicht mehr recht am Ausreißen hindern. »So ist's!« sagte er und sah die Sternbübles von oben bis unten an. »Hm, ihr glaubt also nicht an die Zöpfles?«
»Noi,« beharrten die Bübles trotzig und gekränkt, »das ist net wahr!«
»So, hm! Na, seht einmal an! Wer ist denn das hier, der euch allen vor der Nase hängt, und an dem ihr alle vorbeigesehen habt, obgleich man an dem in der Weltgeschichte wirklich nicht vorbeisehen kann?«
Der Doktor nahm ein Bild von der Wand, hielt es Mathes und Peter vor die Augen und fragte: »Wer ist das?«
»Der alte Fritz!« Die Lindenkinder riefen es zuerst, und dann schrieen sie alle zusammen: »Er hat ein Zöpfle!«
»Na ja, freilich, der alte Fritz hat ein Zöpfle getragen, und was er, der große Held, getan hat, werden die andern Männer wohl auch getan haben. Glaubt ihr das nun, ihr Ungläubigen?«
Ja, nun glaubten sie es schon; wenn der alte Fritz ein Zöpfle hatte, dann freilich! Die Sternbübles sahen ganz verdattert drein, und die Lindenkinder taten soeben ihre Münder sperrangelweit auf, um in ein riesenhaftes Jubelgeschrei auszubrechen, als der Doktor schnell rief: »Nun aber raus, allesamt, eine Krankenstube ist keine Lärmstube, wer schreien will, mag es draußen tun, obgleich es für das Löwengäßle angenehmer wäre, ihr ginget fein stille heim.«
»Das werden sie ganz und gar nicht tun,« brummelte Frau Tippelmann, »die schon sicher nicht. Ich bin aber froh, daß sie gehen; so bald gibt es nicht wieder Besuch hier, das sage ich.«
»Und die Geschichte?« rief da plötzlich Alette in einem so jämmerlichen Tone, daß es selbst den bockbeinigen Sternbübles an das Herz ging. Die taten jeder einen kellertiefen Seufzer und schauten drein, als wären Heim und Stube, Schulferien, das Löwengäßle, das Nachtessen und sonst etwas weggeschwommen. »Die Geschichte bleibt nun unerzählt,« sagte Frau Tippelmann streng. »Wer sich über ein Zöpfle net beruhigen kann, der braucht keine Geschichten zu hören.«
Es war merkwürdig, Alette kannte ihre Tante doch erst seit kurzer Zeit, aber schon wußte sie, hinter der Strenge lauerte das Lachen, und ihr eben noch so betrübtes Gesicht hellte sich auf. Sie rief rasch: »Morgen erzählst du, bitte, bitte!«
»Nein, morgen gewiß nicht.«
»Dann übermorgen.«
»Na, vielleicht, – wollen mal sehen, aber nun Abschied!«
Der war kurz, denn Frau Tippelmann schob die Gäste einfach zur Türe hinaus, der Doktor half, Laura auch, und so kamen die Kinder der Löwengasse so geschwind hinaus wie noch nie. Auf einmal standen sie auf dem Gäßle, die herbe Frühlingsluft umwehte sie, kühlte ihre heißen Stirnen und dämpfte auch ihre Streitlust. Für die Ruhe auf dem Gäßle war das recht gut.
»Übermorgen erzählt sie uns,« sagten sie zueinander.
»Vielleicht.« Gundel war zaghaft, aber die andern überstimmten sie: »Nicht vielleicht, sondern gewiß. Um das Zöpfle wird sie net lang böse sein, um ein dummes Zöpfle.«
»Ein Zöpfle ist was Feines,« schrie Mathes plötzlich; »hurra, der alte Fritz hat auch eins getragen, hurra!« Und dann liefen sie heim, denn über das Löwengäßle sanken immer tiefer die Dämmerschatten, und die Abendbrotzeit war herangekommen. Nach dem Abendessen kam das Zubettgehen, und dabei geschah es, daß sich die Sternbübles gegenseitig ansahen, jäh verstummten und sich dann beide an die kugelrunden, glattgeschorenen Köpfe faßten und riefen:
»Wir kriegen nie ein Zöpfle – schade!«
Und sie seufzten tief und stiegen nachdenklich in ihre Betten. Peter aber träumte in der Nacht von einem dicken, schwarzen Chinesenzopf. Doch den hatte nicht er, sondern Herr Baldan; der ging damit im Löwengäßle spazieren, schwenkte ihn hin und her und rief immer: »Platz da für mein Zöpfle, das hat mir der alte Fritz geschenkt.« O, der glückliche Herr Baldan!