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Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend cover

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Chapter 18: Siebzehntes Kapitel. Die Überraschung.
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About This Book

The narrative sketches daily life in a small town around an old house called the Rose, where an elderly resident who has long lived alone prepares for the arrival of relatives. Neighborhood gossip, children's quarrels, and the townspeople's reactions create a tapestry of local custom and curiosity. Episodes alternate between domestic detail and lively street scenes, introducing unexpected visitors, moments of gentle humor, and quiet changes in community ties. Presented as short, illustrated vignettes aimed at young readers, the story emphasizes belonging, intergenerational connections, and the small dramas that shape everyday communal life.

Siebzehntes Kapitel.
Die Überraschung.

Herr Häferlein ist betrübt, und Laura vergißt allerlei. Sie sagt vielerlei zum Lobe der Löwengasse. Herr Amhag geht mit Alette spazieren, und die Lindenkinder und die Sternkinder sinnen auf eine Überraschung. Was Herr Häferlein in seinem Laden findet, und warum Herr Baldan nun genug Sirup hat.

Man war an diesem Pfingstsamstag sehr vergnügt in der Löwengasse in Breitenwert, nur der gute Herr Häferlein stand ein wenig betrübt vor seiner Ladentüre. Ein paar Käuferinnen waren noch dagewesen, er hatte ihnen allen gute Feiertage gewünscht, sie ihm auch, und nun wollte er eben seinen Laden schließen. Da kam noch flink Fräulein Laura aus der Rose gelaufen. Über Herrn Amhags Ankunft hatte sie das Einkaufen vergessen, nun wollte sie noch dies und das. Herr Häferlein gab ihr alles, er redete auch freundlich wie sonst, aber Laura sah doch, daß er traurig war. »Was fehlt Ihnen, Herr Nachbar,« fragte sie heiter, »fürchten Sie, es regnet morgen?«

»Nein,« antwortete der Kaufmann, »es wird wohl nicht regnen, aber ich werde allein spazierengehen, und das macht mir keine Freude. An Wochentagen tu ich's gern, aber an Feiertagen will ich mit fröhlichen Menschen zusammensein. Meine Schwester wollte mich mit ihren Kindern besuchen, nun hat sie abgeschrieben, und ich bin allein!« Er seufzte und Fräulein Laura seufzte, und dann sagte Herr Häferlein wieder: »Es ist doch traurig, wenn man allein ist!«

»Ja,« sagte Fräulein Laura, »das ist sehr schwer; ich wäre auch froh, wenn ich noch zu meinen Eltern fahren könnte.« Und dann erzählte sie zum ersten Mal von dem kleinen Laden, der ihrem Vater gehört hatte.

In der Rose dachte Frau Tippelmann ein paarmal, Laura kommt ja gar nicht wieder, na, gewiß hat Herr Häferlein sehr viel zu tun. Endlich aber kam Laura an, und als sie auspackte, fand sich's, daß sie die Hälfte von dem, was sie besorgen wollte, vergessen hatte. »Nein, so etwas!« brummte Frau Tippelmann erstaunt.

»Ja, so etwas!« sagte Laura und fiel ihr lachend um den Hals. »Es ist nämlich so, Herr Häferlein und ich, wir wollen uns heiraten, und darüber habe ich den Kaffee vergessen, das Mehl und die Zitronen, und ich weiß nicht, was noch alles.«

»Lieber Himmel, Laura!« rief Frau Tippelmann. »Sie wollen in Breitenwert bleiben und in der krummen, häßlichen Löwengasse wohnen und gar in solch kleinem, dunklem Laden stehen?«

»Frau Tippelmann,« schrie Laura empört, »die Löwengasse ist nicht krumm, nicht häßlich, sie ist sehr malerisch und freundlich, und der Laden ist nicht dunkel, der ist – wie meines Vaters Laden war.«

»So, ist mir ganz neu!«

»Ach, Frau Tippelmann,« rief Laura wieder lachend, »ich weiß ja schon, Sie necken mich nur, und ich habe das einmal gesagt, aber heute sage ich nun doch: über die Löwengasse geht nichts. Und ich will mein Lebenlang hier bleiben; hier werde ich glücklich werden.«

Im gleichen Augenblick sagte oben im großen Gartenzimmer Alette auch zu ihrem Vater: »Ich möchte immer, immer in der Löwengasse wohnen!«

»Immer ist viel gesagt,« antwortete Herr Amhag; »wir wollen sagen einstweilen.«

»Mußt du wieder fort?« fragte Alette erschrocken. »Ach, bleibe hier, hier ist's doch viel, viel schöner als in der ganzen Welt.«

»Schöner als in der ganzen Welt, Kind,« wiederholte der Vater sinnend, »das ist es immer nur in der Heimat.« Er sah in den Garten hinab, der im sanften Schatten des Frühlingsabends träumte, und er dachte an seines Vaters Erzählungen, der hatte die alte Heimat auch über alles geliebt. Wohl dem, der einen Ort auf der Welt hat, an den er mit rechter Heimatsehnsucht denken kann. Auf einmal fühlte Herr Amhag, wie arm seine kleine Alette in allem Reichtum bisher gewesen war, und er strich ihr liebevoll die heißen Wangen. »Das Immer-hierbleiben kann ich dir freilich nicht versprechen, Kind,« sagte er, »aber fremd soll uns Breitenwert nie mehr werden. Morgen aber wollen wir ein fröhliches Pfingstfest feiern in der alten Heimat. Und nun geh schlafen, damit du morgen recht feiertagsfroh erwachst.«

Am nächsten Tag war zwar kein rechtes Pfingstwetter; es war ziemlich grau und sonnenlos, aber sie feierten doch alle in der Löwengasse ein sehr fröhliches Fest. Herr Amhag ging mit Alette durch die Straßen des alten Städtchens, und oft blieb er stehen und sagte: »Davon hat mein Vater erzählt, hier ist er zur Schule gegangen, diesen alten Turm hat er besonders geliebt.«

Sie besuchten auch beide die Freunde im Silbernen Stern. Denen gefiel es gut dort, sie sagten, in einem so hübschen alten Gasthaus hätten sie noch nie gewohnt. Die alte Dame war besonders stolz, sie hatte nämlich das Königszimmer. Sie sagte: »So etwas kann man in Amerika doch nicht haben; in einem Königszimmer kann man nicht wohnen, weil es keine Könige gibt, schade!«

Die jungen Damen aber sagten: »Am besten gefallen uns die beiden Boys, die sind so nett; so nette Kinder haben wir noch nie gesehen.«

Die netten Sternbübles hörten das Lob nicht; sie saßen mit den Grillschen Kindern auf dem Turm vom Räuberschlößle und überlegten sich, wie sie Herrn Häferlein recht feierlich zu seiner Verlobung Glück wünschen könnten. So einfach bums! hingehen und sagen: »Wir wünschen Glück,« wollten sie alle nicht. Herr Häferlein, der nette, gute Herr Häferlein verdiente schon eine Überraschung, eine recht feine Überraschung. Sie überlegten hin, sie überlegten her, viele Köpfe, viele Sinne, auf einmal aber schrieen alle: »Das wird fein!«

Und danach hatten sie es alle sehr eilig. Blumen wurden gepflückt, Kränze gewunden. Die Sternbübles liefen zu ihrem Oheim Adam Hinz und gaben dem viele himmelgute Worte, bis er mit ihnen wirklich in seinen Laden ging, ihnen etwas daraus schenkte, dabei aber sagte: »Denkt an den ersten April.« Darauf versicherten die Sternbübles hoch und heilig, es würde keine Dummheit, sondern eine feine Überraschung, und die Lindenkinder täten mit.

»Na, dann mag's sein,« sagte Onkel Adam Hinz, »wenn's nur gelingt!«

Veit und Steffen hatten unterdessen den schläfrigen Fritz aufgesucht, der noch im Bette lag, denn für ihn war schlafen die schönste Feiertagsfreude. Die Buben weckten ihn, redeten sehr eifrig mit ihm, und der sagte: »Ja, ja, heute nachmittag geht es schon, da merkt es niemand.«

Als am Nachmittag Alette mit ihrem Vater in die Linde kam, stürzte ihr Trinle gleich entgegen und tuschelte: »Sie sind alle im Räuberschlößle, es gibt eine Überraschung.«

Im Räuberschlößle wurde Alette ins Geheimnis gezogen, und während die Erwachsenen zusammensaßen, gingen die Kinder alle auf das Gäßle, um dort zu spielen. Die Sternkinder kamen auch, aber merkwürdig, schließlich war doch niemand zu sehen. Herr Häferlein und Fräulein Laura waren zusammen spazierengegangen, und so hörte niemand, wie es in dem Laden mitunter rumpelte und klopfte, poch, poch, poch! Dann polterte etwas, innen sagte jemand: »Ich roll das Fäßle her, dann kann ich aufsteigen.« Irgend jemand kicherte unaufhörlich, jemand schrie: »Prachtvoll wird's! Herr Häferlein wird staunen …« – »Der freut sich gräßlich,« behauptete ein anderer Jemand. Dann ging es wieder poch, poch, poch, es klirrte und kollerte, irgendwo wurde eine Türe zugeklappt, ein Schlüssel rasselte, und danach wurde es still. Ein Weilchen später erschienen alle Kinder im Grillschen Garten, und Frau Grill sagte erstaunt: »Ihr seht ja so erhitzt aus, was habt ihr denn gemacht?«

»Was Feines,« antworteten allesamt, und Trinle, die kleine Schwatzsuse, flüsterte noch: »Herr Häferlein wird sich freuen.« Aber dies hörte die Mutter glücklicherweise nicht mehr.

Am nächsten Morgen besuchte Herr Baldan Herrn Häferlein, just als der gehen wollte, seinen Laden aufzuschließen. Es war nach der Kirche, und Herr Baldan, der noch etwas Zeit hatte, sagte: »Ich gehe mit hinüber in den Laden.«

Der Kaufmann schloß die Hintertüre auf, und die Freunde betraten den halbdunklen Raum. Sie gingen ein paar Schritte vorwärts, da glitschte Herr Baldan auf einmal aus.

»Na, na,« rief er, »was ist denn das auf dem Boden?«

»Ich weiß nicht,« murmelte Herr Häferlein, »o je!« Er glitschte auch aus, verlor den Halt und fiel um, fiel in etwas Feuchtes, Klebriges hinein. »Sirup,« schrie er, »Baldan, das Sirupfaß ist ausgelaufen!«

»Ich merk's,« stöhnte Herr Baldan, denn der lag auch auf dem Boden, und er war gerade mit der Nase in eine dicke, süße Tunke gefallen. »Pfui Teufel,« schimpfte er, »das ist ja gräßlich! Pff, pff, brrr, wie das schmeckt!«

»Eine dumme Sache, hol's der Kuckuck!« ächzte Herr Häferlein, der sich mühsam erhob. Er versuchte die Ladentüre zu erreichen, da stolperte er über ein Faß, hielt sich an irgend etwas an und schrie: »Potzwetter, was ist denn das – Blumen?«

»Mach doch Licht, August!« rief Herr Baldan. »Au, mein Knie!«

»Gleich, August! Au, meine Nase!« Da endlich hatte Herr Häferlein die Ladentüre erreicht, er zog den Rolladen hoch, und das helle Tageslicht strömte in den Raum. »Ah!« riefen die Freunde unwillkürlich.

Über der Ladentafel prangte ein großes, mit Blumen umkränztes Blatt. Darauf stand in roter und blauer Schrift groß: »Wir gratulieren!« und darunter standen lauter Namen geschrieben. Es waren die der Lindenkinder und der Sternkinder, auch Alette Amhag fehlte nicht. Außerdem gab es noch viele Blumen in dem Lädchen, sogar das Sauerkrautfaß hatte einen grünen Kranz erhalten.

Herr Häferlein vergaß das ausgelaufene Sirupfaß, vergaß seinen beschmierten Feiertagsanzug, er sah nur das große bunte: »Wir gratulieren!« und alle die Namen darunter, und er sagte gerührt: »Die guten Kinder, sie wollten mir eine Überraschung bereiten.«

»Ich danke schön für solche Überraschungen!« knurrte Herr Baldan. »Pff, pff, brrr,« spuckte er, »potzhundert, so viel Sirup habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht geschluckt!«

Da klopfte es stürmisch an die Ladentüre. Lachende, fröhliche Gesichter drückten sich an der Scheibe platt: »Herr Häferlein, Herr Häferlein, wir sind's!«

Der Kaufmann ging hin und schloß die Türe auf, und acht Stimmen auf einmal riefen: »Gelt, Sie freuen sich sehr?«

»Ganz ungemein, Kinder,« sagte Herr Häferlein, »nur, was habt ihr denn mit dem Sirupfaß gemacht?«

»Mit dem Sirupfaß? Ha,« schrieen die Sternbübles, »das war das Fäßle, auf das wir 'n bißle gestiegen sind, weil wir net so hoch langen konnten.«

»Sirup,« jauchzte Kasperle, »fein, das ganze Lädle ist voll Sirup!«

Er tippte mit dem Finger an den süßen Brei und leckte, und die Sternbübles leckten, Gundel aber fragte erschrocken: »Herr Häferlein, sind Sie in den Sirup gefallen?«

»Ja, mein Kind,« sagte Herr Häferlein gutmütig, »aber es ist nicht schlimm, gefreut habe ich mich doch. Und ihr müßt alle, hört ihr, alle, zu meiner Hochzeit kommen.«

»Ich auch,« jauchzte Alette, »ich bleibe hier, ein Jahr, nein, vielleicht immer!«

»Es wär' auch dumm, aus dem Löwengäßle wegzugehen,« rief Trinle wichtig, »so schön ist's nirgends.«

»Nein, so schön ist's nirgends,« brummte Herr Baldan, »nur gerade in den Sirup braucht man nicht zu fallen. Brrr, pff, pff! Abscheuliches Zeug!«

»Jetzt müssen wir Fräulein Laura holen, die muß auch die feine Überraschung sehen,« rief Steffen stolz. Denn da Herr Häferlein nicht über den Sirup schalt, war es doch nicht schlimm.

»Ach ja, Laura!« Alette lief hinaus, und »Laura, Fräulein Laura!« klang es zur Rose hinauf.

Ein paar Minuten später stand Laura an der Ladentüre und rief erschrocken: »Nein, so etwas – das ist freilich eine Überraschung!«

Von der Löwengasse herein aber tönte das Jubeln und Jauchzen der Kinder, die irgend jemand von der großen Überraschung erzählten.

Herr Häferlein lachte, Fräulein Laura lachte, und zuletzt lachte auch Herr Baldan. »Ja, ja,« brummte der, »so etwas kommt auch nur im Löwengäßle vor, ist halt ein ganz besonderes Gäßle. So eins soll man suchen! Brrr, pff, pff, na, Sirup habe ich vorläufig genug geschluckt!«