WeRead Powered by ReaderPub
Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend cover

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Chapter 6: Fünftes Kapitel. Spektakel auf der Löwengasse.
Open in WeRead

About This Book

The narrative sketches daily life in a small town around an old house called the Rose, where an elderly resident who has long lived alone prepares for the arrival of relatives. Neighborhood gossip, children's quarrels, and the townspeople's reactions create a tapestry of local custom and curiosity. Episodes alternate between domestic detail and lively street scenes, introducing unexpected visitors, moments of gentle humor, and quiet changes in community ties. Presented as short, illustrated vignettes aimed at young readers, the story emphasizes belonging, intergenerational connections, and the small dramas that shape everyday communal life.

Fünftes Kapitel.
Spektakel auf der Löwengasse.

Fräulein Laura hat einen seltsamen Traum und ärgert sich über Frau Tippelmann. Die Sternbübles kommen sehr geschwind aus der Schule heim, und Herr Häferlein hat vielen Grund, sich zu wundern. Einer hat es dem andern gesagt, aber die Schuldigen werden erwischt. Warum Alette bittet und Herr Häferlein erst traurig, dann wieder vergnügt ist.

Alette Amhag hatte die erste Nacht in dem alten Familienhaus tief und fest geschlafen. Laura hatte sie am Abend noch ermahnt: »Achte darauf, was du träumst. Träume der ersten Nacht im neuen Heim gehen in Erfüllung.« Darauf hatte Frau Tippelmann ärgerlich gesagt: »Träume sind Lügen, die sichtlich betrügen,« aber Alette hatte doch gedacht: Ich paß auf. Doch als sie sich am nächsten Morgen schlaftrunken in dem ihr noch so neuen Zimmer umsah, da wußte sie von keinem Traum der Nacht mehr.

Laura kam, um sie anzuziehen, und Alette ließ sich bedienen wie eine richtige kleine Prinzessin, und dabei erzählte ihr Laura, sie hätte geträumt, sie wäre in einem ganz wunderbaren Kleid, angetan mit vielem Geschmeide, immer die Löwengasse auf und ab spaziert, und alle Leute hätten geschrieen: Unsere Königin soll leben! »Ein feiner Traum, nicht wahr?« sagte sie. »Aber in diesem dummen, alten Haus kann man sich nicht einmal recht an seinen Träumen freuen.«

»Warum denn nicht?« fragte Alette, die diesen Traum sehr vergnüglich fand.

»Ach,« brummte Laura unwirsch, »diese Frau Tippelmann mit ihren ewigen Sprichwörtern verdirbt einem gleich den Spaß! Ich erzählte ihr meinen Traum, da sagt sie: ›Träume machen weder reich noch satt!‹ Da habe ich mich recht geärgert und gesagt: ›Na, Frau Tippelmann, Träume haben manchmal ihre Vorbedeutung; wer weiß, was noch aus mir wird. Wenn auch nicht gleich eine Königin, dann doch vielleicht eine sehr vornehme Dame.‹ Und darauf erwiderte die Frau – nein, ich sag's doch nicht, ich schäme mich zu sehr.«

Aber Alette flehte: »Sag's doch, bitte, bitte!«

»Sie hat gesagt: Eine Gans wird kein Schwan, und wenn sie den Hals noch so lang macht!«

Alette lachte. »Laura,« rief sie fröhlich, »damit hat sie dich doch gewiß nicht gemeint!«

»Na, wen denn sonst?« murrte Laura. »Eine dumme Mode ist das, immer mit einem Sprichwort zu antworten.«

»Weißt du, Laura,« sagte Alette nachdenklich, »mein Großvater hat immer erzählt, seine Mutter hätte auch so viele Sprichwörter gewußt; vielleicht weiß Frau Tippelmann sie daher.«

»Schnickschnack,« rief Laura, »was hat Frau Tippelmann mit deiner Urgroßmutter zu tun? Eine alberne Mode ist das für heutige Tage, für Urgroßmütter mag das gepaßt haben; ich ziehe mir doch aber auch nicht mehr solche Kleider an wie die von Anno dazumal, also brauche ich auch nicht so zu reden.« Sie ging an die Türe, und weil es sehr zu ihrem Ärger keine Klingeln im Hause gab, rief sie laut und gebieterisch in das Treppenhaus hinab: »Frau Tippelmann, Alette will ihre Schokolade, aber schnell!«

»Das geht nicht so schnell wie 's Heftelmachen,« rief Frau Tippelmann zurück. »Mit Geduld und Zeit wird 's Maulbeerblatt zum Atlaskleid.«

»Schon wieder eins,« schalt Laura, »und darüber wird es mit dem Frühstück wohl dauern bis zum nächsten Neumond.«

So lange brauchte Alette nun aber nicht zu warten. Frau Tippelmann kam bald und berichtete, sie hätte im Speisezimmer alles angerichtet. Sie hatte es, so gut sie es wußte, getan; der Frühstückstisch sah sauber und nett aus, aber Laura, der noch der Ärger im Herzen saß, rümpfte doch die Nase und sagte spöttisch: »Wir sind's freilich anders gewöhnt!«

»Jeder macht's, wie er's versteht,« antwortete Frau Tippelmann kurz.

Hoho! dachte Laura, hier weiß ich auch mal so ein Sprichwort, und sie erwiderte schnell: »Na ja, Bauer läßt nicht von Bauernart.«

Doch Alette rief vorwurfsvoll: »Ach Laura!« Sie blickte ganz ängstlich zu der Hausverwalterin auf. Aber die lächelte sogar ein bißchen und gab gelassen zur Antwort: »Das ist ein richtiges Wort. Ich weiß aber auch eins, das heißt: Bauer werden ist nicht schwer, Bauer bleiben eine Ehr!«

»Frau Tippelmann,« fragte Alette rasch, »mein Großvater hat erzählt, seine Mutter hätte immer viele Sprichwörter gewußt, haben Sie die …« Alette stockte verlegen; eine Urgroßmutter war doch wohl etwas schrecklich Altes, und Frau Tippelmann sah doch noch nicht so alt aus.

»Gekannt,« vollendete die Frau. »Nein, Kind, aber mein Vater hat sie gut gekannt, der wußte auch von ihr viele, viele Sprichwörter. Deinen Großvater habe ich mal gesehen, da war ich ein ganz kleines Ding, als er fortzog seinen älteren Geschwistern nach. Er war damals sechzehn Jahre.« Frau Tippelmann sagte nicht: Ich habe auch Amhag geheißen, bin eigentlich eine Großtante von dir; sie ging still hinaus, denn sie war zu bescheiden und zu stolz zugleich, um sich den reichen Verwandten aufzudrängen.

»Die gefällt mir nun ganz und gar nicht,« sagte Laura hinter ihr her. »Brr, der reine Sauertopf! Gut, daß wir bald wieder weggehen!«

Damit war Alette nicht einverstanden. »Ich will nicht weggehen,« rief sie, »ich will hierbleiben und mit in Trinles Schule gehen. Gleich schreib ich das an meinen Papa.«

»Tu das nur,« riet Laura, »da hast du etwas zu tun.« Sie dachte bei sich, ehe der Brief ankommt, hat uns Frau van Bachhoven längst fortgeholt. Bis dahin will ich mir aber doch noch dies närrische Nest ansehen.

Alette war gerade mit ihrem Brief fertig, da kam Kasperle, seine neue Freundin und Augustle zu besuchen, und der Vormittag verging rasch. Laura hatte mit Auspacken und Einräumen zu tun und konnte nicht einmal die Nase vor die Türe stecken; sie tröstete sich aber selbst: Nachmittags gehen wir spazieren. Daran, daß man einfach ohne Hut und Mantel auf die Gasse laufen könnte, dachte sie nicht, und sie erschrak sehr, als sie von Frau Tippelmann hörte, Alette sei draußen.

»So, wie sie geht und steht?« rief Laura entrüstet. »Unsere Alette ist ein vornehmes Mädchen, für die ist so etwas nicht.«

»Nun, solange die Amhags in der Löwengasse gewohnt haben, so lange haben sie sich mit ihren Nachbarn gut vertragen. Warum soll das Kind nicht draußen den Nachbarskindern guten Tag sagen? Es fällt ihm kein Stein aus der Krone,« brummte Frau Tippelmann.

Laura gab sich nicht zufrieden, die lief hinaus, um Alette zu holen. Als sie aus der Türe trat, dienerte nebenan vor seiner Ladentüre Herr Häferlein und sagte höflich: »Schön guten Morgen! Gut geschlafen in der Löwengasse?«

Laura fiel ihr Traum ein, und sie lachte. Da verneigte sich Herr Häferlein gleich noch zweimal; ihm gefiel Laura sehr, wenn sie lachte, er mochte überhaupt vergnügte Menschen gern leiden, und darüber vergaß er ganz seinen kleinen schwarzen Namensvetter. Den hatte Alette auf dem Arm, und die Grills standen drumrum, und alle miteinander lachten und schwatzten, als wäre die Gasse eine Familienstube. »Aber Alette,« rief Laura vorwurfsvoll, »du hast ja keinen Hut auf und keinen Mantel an, komm doch herein!«

»Ich friere nicht,« rief Alette vergnügt, »es ist so hübsch draußen.«

»Aber das schickt sich nicht, so auf der Gasse zu stehen.«

Da fielen Alette ihres Großvaters Erzählungen ein, und sie antwortete treuherzig: »Laura, das schadet nichts, Großvater hat auch immer auf der Löwengasse gespielt, und da hatte sein Papa gewiß nichts dagegen.«

»Da hat das kleine Fräulein Amhag schon recht,« sagte Herr Häferlein. »Unsere Breitenwerter Gäßle sind keine solchen wüsten, lauten Straßen, wie man sie in Berlin hat. Na, und namentlich das Löwengäßle!«

»Was sagen Sie? Wüst, die Berliner Straßen?« Laura sah bitterböse aus. »Ich bin nämlich aus Berlin,« rief sie gekränkt, »und habe davon nie etwas gemerkt. Aber Sie vielleicht, waren Sie denn schon dort?«

Der gute Herr Häferlein war wirklich noch nie in Berlin gewesen, und dies schien ihm auf einmal sehr beschämend. Vor lauter Verlegenheit lief er geschwind in seinen Laden hinein, und Laura kehrte ebenfalls in die Rose zurück. Mochte Alette draußen stehen, lange dauerte ihr Aufenthalt in diesem schrecklichen Hause, in dieser schrecklichen Gasse ohnehin nicht.

Alette war putzvergnügt. Die Grills erzählten ihr von der Schule, August wurde bewundert, und dann verabredeten sie sich miteinander, sie wollten am Nachmittag nach der Schule noch ein Weilchen zusammen spielen. Alette sollte zu den Grills kommen, und die wollten ihr das Haus zeigen. »Bei uns tut's fein rieche!« versicherte Trinle.

»Ja,« wisperte Kasperle, »Herr Baldan sagt immer, wie lauter Bauchwehtröpfle.«

Alette lachte hell auf, und weil Lachen ansteckt, fielen die Grills jubelnd ein. Die Gasse hallte wider von dem frohen Lachen, nur allein Herr Baldan schaute drüben griesgrämig drein. Ihn bedrückte noch der Ärger mit Herrn Häferlein. Der hätte seiner Meinung nach an diesem Morgen zu ihm kommen müssen, aber er war nicht gekommen.

»Der Lärm auf der Gasse wird immer ärger,« grollte er.

Dafür war es am Nachmittag recht still. Es war Schulnachmittag, und die sonnige Gasse lag wie eingeschlafen da. Als es halb vier Uhr schlug, tat sich das Haus zur Rose auf, und Alette spazierte fein angetan heraus. Laura folgte ihr, ganz wie ein feines Fräulein gekleidet. Frau Grill hatte hinübergeschickt und Alette einladen lassen, mit drüben zu vespern, wenn die Kinder aus der Schule heimkämen. Laura hatte ein sehr schönes Kleid herausgesucht und den Vorschlag gemacht, sie wollten beide noch einmal die Löwengasse auf und ab gehen. »Man muß doch wissen, wo man wohnt,« meinte sie.

Beide gingen bis zum Obermarkt hinauf, wo sie sich eine schöne alte Kirche und das wirklich prächtige Rathaus ansahen. Der ganze Platz gefiel ihnen ungemein, und Laura erklärte, er sei viel zu schön für Breitenwert.

»Sieh mal da!« rief Alette. »Von dem Brunnen mit dem steinernen Männle hat mir der Großvater erzählt, und auf dem Untermarkt muß einer mit einem Löwen stehen. Komm geschwind, wir wollen ihn mal ansehen.«

Sie wanderten beide die Löwengasse hinab, und just als sie am Silbernen Stern anlangten, kamen zwei Buben in allerhöchster Eile angerast. Die verschwanden im Torweg des Gasthauses, und Alette Amhag sah ihnen neugierig nach. »Das waren die Sternbübles,« sagte sie. Ihre neuen Freunde hatten ihr schon von denen erzählt.

Ein paar Minuten später kamen die Sternbuben wieder zum Hause heraus, diesmal ohne Schultaschen, jeder mit einem dicken Butterbrot bewaffnet. Sie schmausten und schritten dabei ganz, ganz langsam die Gasse hinauf, und dabei kamen Laura und Alette an ihnen vorbei, denn Alette eilte nun, um die Grills nicht zu verpassen.

Trapp, trapp! kam da plötzlich eine Anzahl Buben die Gasse entlang, sehr eilig, als fürchteten sie, etwas zu versäumen.

Bei ihrem Anblick witschten die Sternbuben eilig in den Torweg eines Hauses, das neben der Apotheke lag. Ein altes Ehepaar wohnte darin, selten ging jemand aus und ein, und Peter und Mathes konnten sich ungestört in dem Flur aufhalten.

Trapp, trapp! kamen vom Obermarkt her andere Buben gelaufen, dann ging es klipp, klapp, klipp, klapp! ein neuer Trupp erschien; da waren aber auch Mädel dabei.

»Die vielen Kinder! Lieber Himmel, gehören die alle in die Löwengasse?« rief Laura. »Je, da kommt eine ganze Masse! Warum kommen die nur alle hierher?«

Trapp, trapp, klipp, klapp! immer neue Trupps kamen, und alle sehr eilig, alle sehr neugierig, und alle liefen sie auf Herrn Häferleins Laden zu. Der Kaufmann arbeitete gerade in seinem Vorratsraume, der merkte nichts, und der Gehilfe sah nur staunend immer mehr und mehr Buben und Mädel sich vor dem Laden versammeln.

Die Grills kamen heim, und ihre erste Frage war, was los sei. Niemand wußte es. Da und dort trat jemand aus seinem Hause und sah staunend auf die immer wachsende Kinderschar. Auch Herr Baldan trat vor die Apotheke. »Was soll das?« rief er zu den Kindern hinüber.

»Wir wollen ihn sehen,« brüllten sie zurück.

Tripp, trapp! kamen da in allerhöchster Eile noch vier Buben an, die schrieen schon von weitem: »Ist er da?«

»Noch nicht!« tönte es zurück.

»Laßt uns durch, macht Platz!« Die zuletzt gekommen waren, versuchten sich vorzudrängen. Das wollten die andern nicht dulden, sie drängten und stießen einander, pufften sich, schrieen, schalten, drohten, lachten; der Lärm wurde immer größer, und wenn die Erwachsenen fragten, was los sei, dann brüllten alle so durcheinander, daß kein Wort zu verstehen war.

Auf einmal schrie vorn ein langer Bube mit einer lustigen kleinen Himmelfahrtsnase und strohblondem Haarschopf: »Jetzt kommt er, aufgepaßt!«

»Hurra, hurra!« jauchzten viele.

»Wir sehen nichts, wir sehen nichts,« jammerten, die hinten standen.

»Nicht so drängen!« mahnten die vorderen.

»Sapperlot, Kinder, was soll der Mummenschanz?« rief der Bäckermeister Hering, der die Löwengasse entlang kam.

»Man muß den Schutzmann holen,« drohte Herr Baldan.

»Jetzt kommt er, jetzt!«

Ein wahres Indianergebrüll entstand. In seiner Türe erschien Herr Häferlein, aber nur einen Augenblick stand er da, dann segelten plötzlich seine Beine in der Luft herum. Der Gehilfe schrie aus Leibeskräften, die Kinder brüllten durcheinander, die hinten standen, schrieen: »Wir wollen ihn auch sehen!« Die vorderen drängten zurück, es sah wirklich gefährlich aus. Herr Grill, der, gestört von dem wüsten Lärm, aus dem Hause trat, sprang erschrocken in das Getümmel hinein, und der Bäckermeister folgte seinem Beispiel. Eins, zwei, drei, nahm der ein paar der wildesten Schreier am Kragen und zerrte sie heraus; Herr Grill holte ein paar Mädelchen aus dem Gedränge, und kaum sahen das Veit und Steffen, als sie zur Hilfe heraneilten. Es gelang ihnen, einen jämmerlich schreienden Knirps zu fassen, und als sie ihn hatten, sahen sie erst, daß es Kasperle war.

Herr Baldan hatte so viel nach dem Schutzmann geschrieen, daß niemand sich wunderte, als ein solcher mit langen Schritten vom Obermarkt her kam. Der griff auch noch zu, nicht sanft, und schon sein Anblick brachte manchen vorwitzigen Buben, manches ängstliche Mädel dazu, lieber auszureißen. Vor Herrn Häferleins Laden lichtete sich das Gedränge, und der arme Kaufmann erschien schreckensbleich, ganz bestaubt, mit zerrissenem Rock in der Türe, ihn hatte die wilde Horde einfach über den Haufen gerannt, und wenn sich sein Gehilfe nicht dazwischengeworfen hätte, dann wäre es ihm wohl übel ergangen.

»Ich weiß nicht, was dieser Bande, diesen Räubern einfällt!« rief er kläglich. »Mich haben sie sehen wollen, ja warum denn eigentlich?«

»Noi,« rief ein dicker, stämmiger Bube, der noch immer vor dem Laden stand. »Sie wollten wir nicht sehen, das Äffle!«

»Das Augustle!« schrieen ein paar von hinten.

»Dummes Volk,« schalt Herr Häferlein, »ich hab' doch keinen Affen, ich doch nicht! Wer hat denn das gesagt?«

»Der Heinrich!«

»Schulzens Emil!«

»Fritzele! Paule! Liesle! Eisendrehers Mariele! Bärble Husch! Nandle! Moritzle! Wagners Dicker!« So rief es durcheinander. Jeder wußte jemand anders zu nennen, und da die Genannten meist mit dastanden, riefen die entrüstet wieder einen Namen und behaupteten, der oder die hätte es gesagt.

»Was denn, zum Donnerwetter!«

»Heute nachmittag würde Herrn Häferleins Äffle auf dem Gäßle tanzen.«

»Das ist frech, ganz frech, ein Schabernack!« schrie Herr Häferlein aufgebracht. »Wer …,« er stockte. Drüben im Flur des gegenüberliegenden Hauses hatte er zwei lachende unnütze Bubengesichter erblickt, die Sternbuben. »Na wartet,« dachte er, »euch werd' ich mal befragen, ihr werdet schon etwas wissen.«

Und während der Schutzmann, Herr Grill und der Bäckermeister mit den Kindern verhandelten, tat er ein paar lange Sprünge, sprang an Fräulein Laura vorbei, die erschrocken zurückwich, wutschte in den Hausflur hinein und packte die beiden, ehe die noch begriffen hatten, daß die Sprünge, die ihnen so viel Spaß machten, ihnen galten.

»Kommt ihr mal mit!«

Die Sternbuben brachen in ein wildes Geheul aus, und jäh verstummte darüber aller andere Lärm auf der Gasse.

»Die Sternbübles!« wisperte und raunte es da und dort, und ein paar Stimmen wurden laut: »Mir hat's Mathes gesagt, mir Peterle!«

»Hab' ich mir gleich gedacht.« Herr Häferlein schleppte die beiden vor seine Ladentüre, und sein Gehilfe, der auf die Sternbuben auch nicht gut zu sprechen war, half beim Festhalten. »Die sind's wohl gewesen?« fragte er.

»Werden wir gleich wissen.« Herr Häferlein sah die beiden drohend an, und der Schutzmann sah sie noch drohender an, und beide fragten in einem fürchterlich strengen Ton: »Habt ihr es gesagt, daß hier heute ein Affe gezeigt wird?«

»Nn« – Peter druckste, aber Mathes stieß ihn an, da schwieg er.

Die Sternbuben waren nämlich ein paar heillose, unnütze Wildlinge, aber eins taten sie nicht, sie logen nicht. Sie gingen wohl manchmal der Wahrheit etwas aus dem Wege, aber eine richtige Lüge sagten sie nicht. Sie senkten schuldbewußt die Köpfe, und im Kreise ringsum flüsterte und raunte es: »Die kriegen Haue, na, das wird schlimm!«

Herr Häferlein machte ein sehr freundliches Gesicht; er sagte: »Kommt einmal mit hinein, ihr könnt mal meinen netten Stock ansehen.«

»Nein, nein, huhuhu!« Die Bübles schrieen immer lauter vor Angst. Sie schielten nach rechts, sie schielten nach links, – kein Ausweg. Sie mochten es wohl merken, ihre gefoppten Schulkameraden waren nicht bereit, ihnen zu helfen. Ach, und so schlau hatten sie den Spaß, dafür hielten sie es nämlich, eingeleitet! Sie hatten immer nur zu einem heimlich von dem Affen in Herrn Häferleins Laden gesprochen und immer gesagt: »Darfst zu niemand davon sprechen.« Natürlich hatte es geschwind jeder weiter erzählt, aber daß so viele, viele herbeigelaufen waren, wunderte die Sternbuben selbst. Die halbe Breitenwerter Jugend stand in der Gasse, und vor allen sagte Herr Häferlein so gräßliche Sachen. Die beiden heulten zum Steinerbarmen, und Alette Amhag, die grenzenlos verwundert und recht ängstlich dem Spektakel auf der Gasse zugeschaut hatte, fühlte tiefes Mitleid mit den ihr fremden Buben.

»Na, nur hereinspaziert,« sagte Herr Häferlein, »drinnen gibt's Zuckerstengel!«

»Huhuhu,« jammerten die zwei, und da riß sich Alette jäh von Lauras Hand los, bahnte sich aufgeregt einen Weg durch die lebendige Mauer und rief Herrn Häferlein zitternd zu: »Nicht schlagen, so – so böse haben die's doch nicht gemeint; es war nur Spaß!«

»Ja, nur – Spaaaaß,« heulten Mathes und Peterle.

Herr Häferlein sah verdutzt auf die liebliche Fürsprecherin. Die sah ihn flehend und auch ein wenig drohend an, sie fand Herrn Häferlein in diesem Augenblick gar nicht nett.

Laura auch nicht. Die eilte Alette zu Hilfe, stellte sich neben sie und sagte kampfbereit: »So etwas, mit dem Stock drohen! Das nennen Sie wohl nicht wüst, Herr – Herr August? In Berlin käme das nicht vor, das kann ich Ihnen versichern.«

Der freundliche Herr Häferlein erschrak. O je, die Fremden hielten ihn wohl für einen rechten Wüterich, das war er doch nicht. Aber die Sternbuben konnten wirklich den Geduldigsten in Zorn bringen. »Die beiden haben Strafe verdient, sie sind zu unnütze Buben,« beteuerte er.

Da schluchzte Alette auf: »Nicht schlagen!« Und Laura rief erbost: »Sie sind ein hartherziger, grausamer Mann. Wenn unser Alettchen bittet, dann können Sie doch wirklich die Jungen laufen lassen. Wenn die zu Ihnen kommen und einen Affen sehen wollen, ist das doch kein Unrecht.«

»Ich bin doch nicht hartherzig und grausam, und bei mir kann niemand einen Affen sehen,« rief Herr Häferlein gekränkt, »aber meinetwegen lauft!« Er ließ die beiden los, und unwillkürlich tat sich zwischen den Zuschauern ein Gäßlein auf, da konnten die Schelme hindurchschlüpfen, ohne Gruß und Dank – weg waren sie.

Der arme Herr Häferlein hatte den Ärger gehabt, und einen Dank bekam er auch nicht, denn Laura führte Alette fort; die wurde gleich von den Grills in die Mitte genommen und wie ein richtiges Prinzeßchen in das Haus zur Linde geführt.

Die Zuschauer verliefen sich, sie lachten nun doch über den Spaß. Auch der Polizist ging von dannen, der Bäckermeister tat es auch, brummend freilich, denn er hätte den Sternbuben eine tüchtige Strafe gegönnt, und nur Herr Häferlein blieb vor seinem Laden stehen. Er war ganz traurig. Hartherzig, grausam sollte er sein, bloß weil er die unnützen Buben hatte strafen wollen. Er seufzte schwer; eine verkehrte Welt, eine ganz verkehrte Welt, dachte er.

Da kam Fräulein Laura aus der Linde zurück. Sie blieb ein Weilchen mitten auf der Gasse stehen, die lag noch halb in der Sonne, halb schon im Schatten, die Rose aber stand auf der Sonnenseite. Eigentlich ist's doch ein hübsches Haus, dachte Laura, sehr hübsch. Auf einmal sah sie Herrn Häferlein vor seiner Türe stehen mit einem Gesicht wie ein Novembertag. Dem gutmütigen Fräulein tat das leid. Sie trat rasch näher und sagte freundlich: »Es war sehr nett von Ihnen, daß Sie die Buben laufen ließen, Herr – Herr –« Laura sah zu dem Ladenschild empor, »ach, Sie heißen ja Häferlein, August ist nur Ihr Vorname.«

»Ja!« Der Kaufmann sah immer noch etwas gekränkt drein. »Eigentlich ist's ein guter Name. Mein Vater hieß so und mein Großvater, aber freilich, – einen Affen habe ich noch nie August nennen hören.«

»Daran bin ich schuld,« antwortete Laura. »Als ich den Affen sah, mußte ich lachen und sagte: ›Nein, so ein komischer August!‹ Dies hat Alette so gefallen, daß sie das Tierchen dann August genannt hat. Ich will ihr's aber sagen, sie soll es wieder Pussie nennen wie früher, solange wir hier sind.«

Herrn Häferleins Gesicht wurde nun ganz hell, das letzte Restchen Groll entwich daraus. Und weil er ein höflicher Mann war, verneigte er sich und sagte wohl sechsmal: »Das ist zu nett, zu nett.«

Und als er mit aller Dienerei und Nettsagerei endlich fertig war, klappte die Türe, Laura war in das Haus zur Rose eingetreten, und Herr Häferlein stand wieder allein auf der Gasse.