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Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend cover

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Chapter 8: Siebentes Kapitel. Gundels Kummer.
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About This Book

The narrative sketches daily life in a small town around an old house called the Rose, where an elderly resident who has long lived alone prepares for the arrival of relatives. Neighborhood gossip, children's quarrels, and the townspeople's reactions create a tapestry of local custom and curiosity. Episodes alternate between domestic detail and lively street scenes, introducing unexpected visitors, moments of gentle humor, and quiet changes in community ties. Presented as short, illustrated vignettes aimed at young readers, the story emphasizes belonging, intergenerational connections, and the small dramas that shape everyday communal life.

Siebentes Kapitel.
Gundels Kummer.

Laura ärgert sich über Frau Tippelmanns Sprichwörter, aber Herr Häferlein freut sich darüber. Er will versöhnen, läuft in den Silbernen Stern und ärgert sich wieder. Die Sternbuben kommen gut weg; sie wollen Alette Amhag heiraten und haben am nächsten Morgen ihre guten Vorsätze noch nicht vergessen. Ein trauriger Schulweg. Gundel geht heim, die Sonne schmunzelt, und Alette verspricht, August zu holen.

In der Rose erzählte Alette Amhag die Erlebnisse des Nachmittags, und ihre Augen strahlten dabei. Sie fand, es sei doch wunderwunderhübsch gewesen.

Aber Laura war unzufrieden. »Im Grunde ist das kein Verkehr für dich,« schalt sie, »na, wenigstens dauert es nicht lange!«

»Sie ist doch keine Prinzessin auf der Erbse!« brummelte Frau Tippelmann. Sie meinte, eine Amhag aus der Rose passe wohl zu denen aus der Linde.

Alette fing das Wort auf. »Was ist das, eine Prinzessin auf der Erbse?« fragte sie. »Wo wohnt die?«

»Im Märchen!« Frau Tippelmann kannte nur dies Wort, nicht das Märchen, und sie geriet in Verlegenheit, als Alette sehr stürmisch flehte, sie solle ihr das Märchen erzählen. »Ich weiß es nicht, wirklich nicht,« beteuerte sie, als sie in die enttäuschten Augen der Kleinen sah; »Märchen kann ich nicht erzählen, nur Geschichten, wahre Geschichten aus alten Zeiten.«

Wenn Frau Tippelmann gedacht hatte, sie würde damit Alette abschrecken, so irrte sie sich. Alette bat immer dringlicher um eine Geschichte. Weil ihre Bäckchen aber schon glühten und sie ungewöhnlich aufgeregt war, erklärte Laura, heute nicht mehr, heute müsse sie schlafen, morgen dann.

»Ja, morgen,« versprach Frau Tippelmann, »morgen ist auch ein Tag. Jetzt muß ich noch zu Herrn Häferlein gehen und einkaufen.«

Da gab sich Alette zufrieden. »Ich freue mich sehr,« sagte sie und streckte Frau Tippelmann zutraulich die Hand hin. Die strich ihr zum erstenmal liebkosend über das sanftgelockte Haar und sagte den alten Spruch, den einst vor langen Jahren ihr die eigene Mutter allabendlich mitgegeben hatte: »Schlaf gut in Gottes Hut. Es schüttle dir ein Engelein ein flitterbuntes Träumelein von seinem Himmelsbäumelein!«

Laura, die eifersüchtig war, brummte: »Ewig die Sprichwörter, zu langweilig ist's!«

Aber drüben bei Herrn Häferlein erntete Frau Tippelmann dann mehr Dank. Der Kaufmann hatte bis zu dieser Abendstunde sehr viel zu tun gehabt; seine Ladenklingel war nur so gehopst und gesprungen, ganz atemlos zitterte sie und kam gar nicht zur Ruhe. Die Käufer strömten unablässig in den Laden hinein, und jeder tat zuerst die Frage: »Was war denn heute hier los?« Man hatte die wunderlichsten Geschichten in Breitenwert erzählt von den Vorfällen am Nachmittag. Die einen sagten, Herr Häferlein habe einen tollgewordenen Affen in seinem Geschäft, die andern wußten zu berichten, alles sei zerschlagen im Laden, Herr Häferlein selbst sei halbtot. Wieder andere wollten wissen, der Kaufmann sei selbst toll geworden, und aus lauter Neugier kamen die Leute und kauften. Da hieß es: »Bitte, für zwanzig Pfennige Mandeln, und erzählen Sie doch mal, was hier los war!« Oder eine Frau verlangte für fünf Pfennige Pfeffer und sagte dazu: »Aber recht genau erzählen, ich habe Zeit!«

Herr Häferlein hatte gewogen, eingepackt und erzählt und wieder gewogen und eingepackt und erzählt, und als Frau Tippelmann kam, war er schon rechtschaffen müde, aber doch sehr vergnügt. Er rief der Frau gleich entgegen, er wolle in den Silbernen Stern gehen und sich dort mit Herrn Baldan versöhnen, der abends meist ein Stündchen das Gasthaus aufsuchte.

»Ist recht so!« Frau Tippelmann nickte zufrieden. »Wer seine Nachbarn schilt, weiß bald, was er selber gilt,« sagte sie.

»Ich bin ja auch friedfertig,« versicherte Herr Häferlein, »nur den Sternbübles verzeih ich's nicht; die werden heute noch bei ihrer Mutter verklagt. Sonst bin ich nicht für Zank und Streit.«

»Kommt auch nichts dabei heraus. Denn wenn zwei zanken um ein Ei, steckt's der dritte bei,« gab Frau Tippelmann zur Antwort. »Und nun gute Nacht!«

Herr Häferlein sah seiner Nachbarin voll Bewunderung nach. Sie ist doch eine erstaunlich kluge Frau, dachte er, immer weiß sie für alles das rechte Wort. Na ja, an mir soll es nicht liegen, ich will mich schon mit Herrn Baldan versöhnen! Nur die Sternbuben, die müssen eins ausgewischt kriegen.

Herr Häferlein schloß seinen Laden und lief auf einem Umweg in den Stern.

Herr Baldan verließ nur um zehn Minuten später die Lindenapotheke und kam eine halbe Minute vor dem Kaufmann im Stern an. Ihm wäre ein Umweg auch gut gewesen, da hätte er sich vielleicht ausgescholten. Seit er am Nachmittag so sonderbar im Räuberschlößle in seiner Rede gestört worden war, hatte er noch keinen Augenblick Zeit gehabt, weiter mit Herrn Häferlein abzurechnen. Sein Groll lebte noch, und kaum erblickte er den freundlichen Nachbar, da fuhr er diesen an: »Ei, pfui, Herr Häferlein, Sie haben sich aber nicht nett benommen!«

Wenn nun einer, der gerade versöhnliche Gedanken im Herzen trägt, so angeschrien wird, dann ärgert er sich meist, und Herr Häferlein ärgerte sich sehr. Er gab eine patzige Antwort, und zum Überfluß fragte noch jemand: »Haben Sie Ihren Affen mitgebracht?«

Da war es aus. Hui, fuhr Herr Häferlein auf! Frau Tippelmann hatte einmal von ihm gesagt, er gliche einem Töpfchen voll Sahne, er sei sanft und mild, aber wenn er einmal ins Kochen gerate, dann sei kein Halten mehr, er brodele über.

So war es jetzt. Ein paar Gäste redeten freundlich zu. Herr Baldan selbst hätte gern eingelenkt, aber das half nichts. Der Kaufmann sagte seinem ehemaligen Freund bitterböse Worte; dann lief er zu der einen Türe hinaus, Herr Baldan zur andern. Draußen rannte einer nach rechts, der andere nach links, und dann kamen sie doch beide zu gleicher Zeit in der Löwengasse an. Hier fuhren sie noch einmal aufeinander los, und jeder dachte bei sich: Nun ist es aus, ganz aus mit der Freundschaft.

Bei diesem Streit, der den beiden ehemaligen Freunden trübe Stunden genug schaffte, waren die beiden Sternbuben gut weggekommen, denn Herr Häferlein hatte in seinem Ärger vergessen, sie bei der Mutter zu verklagen. Die hatte gedroht: »Kommt Herr Häferlein, dann mag er euch selbst bestrafen.« Doch dies Ungemach ging an beiden vorüber, und sie spazierten an diesem Abend höchst vergnügt zu Bett. Es war leider so, die Sternbuben fanden ihren Streich sehr lustig, und obgleich ihre Schwester Gundel geklagt hatte, sie wären böse, erklärten sie doch immer wieder, es wäre fein gewesen. Freilich meinten sie nicht die Minuten damit, die sie in Herrn Häferleins Händen gewesen waren; da schüttelten sie sich noch in der Erinnerung. Sie hatten das Gundel mit großem Eifer geschildert; grausig war es gewesen, wie Herr Häferlein sie gepackt hatte und sie beinahe geschlagen hätte, – wenn nicht Alette Amhag gekommen wäre.

O Alette! Die Sternbuben waren ein paar wilde, unnütze Schlingel, frech, faul, borstig, meist auch etwas schmutzig, zu vielerlei Missetaten aufgelegt, und doch blühten auch in den Gärtlein ihrer Herzen schöne Blumen. Vor lauter Unkraut waren sie oft nicht zu sehen, aber vorhanden waren sie, und an diesem Tag hatte die Dankbarkeit ihren lichten Kelch entfaltet, die Dankbarkeit für das freundliebe Mädchen, das sie aus Herrn Häferleins Händen befreit hatte.

Immer wieder erzählten sie Gundel von ihr, und immer wieder wollte Gundel von Alette hören. Peter, der ein dicker, kleiner Stöpsel war, ahmte mit viel Gepolter nach, wie Alette angekommen sei. Er quiekte dabei wie ein kleiner Hund, der sich den Schwanz einklemmt; das sollte Alettes flehendes Rufen vorstellen, und Mathes sagte auch jedesmal: »So hat sie's gemacht.«

Und wieder dachte Gundel ohne Neid, aber mit viel Sehnsucht: Wäre das fremde Mädchen doch meine Freundin! »Ihr müßt euch bedanken,« sagte sie zu den Brüdern.

Die hätten das schon gern getan, aber wie? Einfach hingehen und sagen: »Danke schön,« das ging doch nicht! Dazu waren die frechen Sternbübles wieder viel zu schüchtern. Auch Gundel fand diesen einfachen Weg furchtbar schwer; sie riet: »Ihr müßt ihr schreiben.«

Die Brüder lagen schon im Bett, als sie ihnen diesen Vorschlag machte, und beide krochen mit einem wilden Aufschrei unter ihre Deckbetten. Einen Brief zu schreiben, etwas so Ungeheuerliches mutete ihnen die Schwester zu! »Uff!« stöhnte Peter, aber Mathes fand einen Ausweg: »Schreib du; du nimmst so ein feines Bögle mit Vergißmeinnichtle drauf, wie du an Weihnachten bekommen hast. Da freut sie sich.«

»Ja, schreib du!« Peterle kam auch wieder unter dem Deckbett vor. »Wir tragen's hin und werfen's rein.«

»Wie heißt sie denn?« fragte Gundel zögernd.

Die Buben sahen sich an; ja, ja, das wußten sie gar nicht.

Gundel atmete erleichtert auf. »Dann kann ich net schreiben. Aber ein Blumensträußle könntet ihr hintragen.«

Huje, ein Sträußle! Die Buben kreischten vor Vergnügen und strampelten in ihren Betten hin und her. Der Gedanke, mit einem Strauß in die Rose zu gehen, erschien ihnen zu närrisch, und Mathes prustete endlich heraus: »Wir sind doch kein Mädle!«

»So dumm ist das gar net,« verteidigte Gundel gekränkt ihren Vorschlag. »In einem Geschichtenbüchle von mir steht von einem Büble, der das getan hat. Erst hat er Gänsle gehütet und dann das vornehme Fräulein geheiratet.«

Heiraten, Alette Amhag heiraten, ja, das war etwas Feines!

»Ich heirate sie auch,« schrie Peter sehr bereitwillig.

»Nein, ich will sie heiraten,« brüllte Mathes.

»Ich hab's zuerst gesagt, gelt Gundel?«

»Ich bin aber älter, ich heirate sie.«

Peter besann sich einen Augenblick, dann rief er rasch: »Du heiratest sie, und ich krieg's Äffle.«

»Nein, das will ich,« rief Mathes kirschrot, »dann heirate du sie.«

»Aber hört doch,« rief Gundel erschrocken ob dieses Geschreis, »sie will euch doch gar net heiraten!«

»Warum denn net?« Peter und Mathes fragten es erstaunt wie aus einem Munde; sie selbst fanden ihren Plan, Alette Amhag dereinst aus Dankbarkeit heiraten zu wollen, wundervoll.

Gundels sanfte Augen füllten sich mit Tränen, und sie sagte traurig, so recht aus bekümmertem Schwesternherzen: »Weil – ach, weil sie euch doch alle die wüsten Sternbuben nennen und – und – euch niemand im Gäßle leiden mag!«

Das stimmte nun freilich, nur vergaßen es die beiden immer wieder. Das Erinnern daran aber war schmerzlich. Die Bübles verschwanden jäh wieder unter ihren Deckbetten, und aus der Tiefe klang nun ein dumpfes Ächzen und Heulen; sie fühlten beide, wie schwer es ist, in einem so schlimmen Ruf zu stehen. Zuerst steckte Mathes seine Nase wieder heraus; er jammerte: »So arg ist's doch net!« Da kam auch Peters Kopf zum Vorschein; der kleine Stöpsel heulte: »Wir meinen's doch net so!«

»Mina kommt,« sagte Gundel plötzlich erschrocken. Jemand kam die Treppe herauf, ging draußen entlang, und die drei hielten fast den Atem an; sie sollten eigentlich schon schlafen, und heute mochten sie nicht gerade Minas Zorn reizen. Die Schritte entfernten sich, und Gundel schlich sich hastig aus dem Zimmer, ihr Lichtlein vorsichtig in der Hand tragend. Nun war es dunkel und still in der Stube der Sternbuben, und der Schlaf hätte kommen können. Aber die beiden, die sonst schliefen, ehe sie noch recht im Bett drin waren, lagen noch eine Weile wach; zum erstenmal bedrückte es sie, daß die Löwengasse sie nicht leiden mochte. Um Alettes willen hätten sie schon gern einen bessern Ruf gehabt. Und Peter sagte plötzlich in das Dunkel hinein: »Morgen sind wir brav.«

»Ja,« murmelte Mathes kleinlaut, »aber – die Schularbeiten!«

Da seufzten sie beide tief und schwiegen – die Schularbeiten hatten sie beide nicht gemacht.

Als die Sternbuben am nächsten Morgen aufwachten, hatten sie, merkwürdig genug, die guten Vorsätze des Abends nicht ganz vergessen. Daher rasten sie nicht wie sonst der Schwester davon, sondern warteten auf sie. Sie fanden nämlich auch, es ginge sich leichter zu dreien an Herrn Häferleins Laden vorbei.

Der Kaufmann stand nicht vor seiner Türe; der saß verdrießlich innen. Hätte er zwei linke Füße gehabt, er wäre an diesem Morgen mit ihnen beiden zuerst aufgestanden, so schlecht war seine Laune. Trotzdem war der Schulweg nicht lustig für die Sternbuben, und in der Schule erging es ihnen auch übel genug. Man narrt nicht ungestraft seine Kameraden, dies bekamen sie an diesem Morgen reichlich zu spüren.

Gundel hatte auf dem Schulweg viel um der Brüder willen zu leiden. Sie sah den Zorn der andern, hörte die vielen Spottworte, konnte diese und die vielen Püffe dazu nicht von ihren Brüdern abwenden; nur weinen konnte sie. Weinend kam sie vor der Schule an, weinend trennte sie sich von den Brüdern, und bitterlich weinend betrat sie ihre Klasse. Ihre Kameradinnen fragten sie mitleidig nach ihrem Jammer; auch die Lehrerin, Fräulein Raimund, tat das. Die hatte das sanfte, stille Kind gern, und sie spürte es auch, das waren wirkliche Kummertränen. »Sag, Gundel, was fehlt dir?« mahnte sie.

Doch Gundel blieb stumm, und dabei hätte sie so herzensgern von ihrem Leid gesprochen, hätte sich so gern einmal liebreich trösten lassen. Sie wäre auch gern wieder froh gewesen, aber sie konnte nicht; immerzu mußte sie an ihre Brüder denken, die niemand leiden konnte, und zu denen andere Buben gesagt hatten: »Nach der Schule gibt's was!«

»Geh heim, Gundel Hinz,« sagte Fräulein Raimund endlich. Sie begann sich zu ängstigen, vielleicht war Gundel krank.

Da stand Gundel auf und schlich sich zur Klasse hinaus, und der jungen Lehrerin tat das Herz weh, als sie das blasse Kind so kummerbeladen zur Türe hinken sah. Sie ging ihr rasch nach und fragte sie draußen noch einmal nach dem, was sie bedrückte, aber wieder vermochte Gundel nicht zu sprechen, sie brachte nicht einmal heraus, daß sie lieber in der Schule bleiben wollte.

»So geh denn, mein armes Mädle,« sagte die Lehrerin endlich gütig, »vielleicht wird es zu Hause besser.«

Und Gundel ging. Sie schlich mit schwerem Herzen scheu durch die Gassen, meinte, jeder müßte ihr die schlimmen Brüder am verweinten Gesichtchen ansehen. Zu Hause, was sollte sie da? Dort hatte niemand Zeit für sie, und Mina schalt gewiß, weil sie aus der Schule so früh heimkam.

Es war wieder einer von den hellen, frohen Tagen, an denen sich alles vom Frühling erzählt. Da flüstern und raunen sich die Bäume und Büsche, die Blumen, die noch unter der Erde träumen, zu: »Bald, bald kommt der Frühling.« Ganz alte Bäume wissen lustige liebe kleine Frühlingsgeschichten zu erzählen; sie erzählen sie jedes Jahr, und jedes Jahr freuen sich alle daran. Die Sonne schmunzelt dazu und mahnt: Sputet euch, sputet euch, wachst, sproßt hervor, fühlt nur, wie warm ich schon scheine!

Alette Amhag hatte sich von der Sonne verlocken lassen und war, trotz Lauras Schelten, auf die Löwengasse gelaufen. Ach, wie warm und hell die Sonne schien! Alette wartete auf Kasperle und lief die Gasse auf und ab. Ganz still war es. Dem Untermarkt zu ging ein alter Mann, sonst war niemand zu sehen. Da kam Gundel. Sie ging mit gesenktem Kopf und schluchzte noch immer leise vor sich hin. Vor Tränen sah sie niemand und nichts, und sie blieb erschrocken stehen, als Alette Amhag sie mitleidig fragte: »Warum weinst du denn?«

Gundel brachte wieder kein Wort heraus; sie stand und atmete schwer. Ach, so gern, so himmelgern hätte sie dem heimlich bewunderten fremden Mädchen alles gesagt! Von den Brüdern hätte sie reden mögen, und wie dankbar für die Hilfe gestern sie war, aber Gundel war eben ein armes Schüchterle, dem nur schwer die Worte kamen. Doch ihre Tränen flossen allmählich sachter, und als Alette wieder und wieder fragte, tat sie den Mund auf, sie wollte sprechen.

Aber da kam Kasperle leider dazwischen. Schwatz- und spiellustig trat der aus dem Hause und krähte vor Vergnügen wie ein Hähnlein, als er Alette erblickte. Kasperle begrüßte Alette und schaute Gundel prüfend an. »Das ist die Schwester von den Sternbuben,« rief er. »Nicht wahr, du bist Hinkegundele?«

Dies war der Name, den die Löwengasse der armen Gundel gegeben hatte. Niemand ahnte dabei, wie weh der Ruf dem armen Kinde tat. Der Name und das Wort von den schlimmen Brüdern brachte Gundel um alle Fassung. Sie knickte auf dem Bürgersteig zusammen wie ein Bäumchen, über das der Sturm kommt, barg ihr Gesicht in ihre Schürze und schluchzte zum Steinerweichen.

Alette suchte erschrocken sie zu trösten; sie streichelte sie ungeschickt und sagte immerzu: »Weine doch nicht, ach, weine doch nicht! Bitte, bitte, weine nicht mehr!«

Kasperle stand betrübt dabei; er trat ungeduldig von einem Bein auf das andere und fragte endlich seufzend: »Weinst du noch lange? Augustle wartet doch!«

August vielleicht vermochte Gundel zu trösten. Alette kam das jäh in den Sinn, und sie sagte eilig: »Wir holen ihn einmal heraus, da lachst du vielleicht. Willst du?«

Gundel gab keine Antwort, aber Kasperle schrie begeistert: »Ja, fein!« Er stapfte auch gleich über die Gasse, und Alette lief ihm nach. »Wir kommen wieder, warte,« rief sie Gundel zu; dann verschwand sie im Rosenhaus. Aber mit dem Wiederkommen ging das nicht so rasch, denn August war leider nicht da, wo er sein sollte. Frau Tippelmann brummte, Laura schalt, und Alette und Kasperle riefen klagend des Äffchens Namen. Alle miteinander liefen im Hause hin und her, suchten oben, suchten unten und fanden ihn schließlich da, wo sie ihn am wenigsten gesucht hätten: in Frau Tippelmanns Wohnzimmer. Da saß er sehr vergnügt auf dem Nähtisch und wirrte alles durcheinander. Er hatte schon eine heillose Unordnung angerichtet. Frau Tippelmann packte ihn zornig und schalt heftig: »So ein Hans Unnütz, so ein abscheulicher Wicht!«

August schrie gellend los. Frau Tippelmann hatte eine feste Hand, ihr Griff tat nicht gut, und Laura rief erzürnt: »Sie drücken ihn ja tot!«

»I wo,« erwiderte Frau Tippelmann gelassen, »vom Geschrei stirbt einer nicht!« Sie gab aber den Affen Alette, ohne ihn, wie diese gefürchtet hatte, zu strafen. Sie selbst bückte sich still und hob ein paar Glasscherben auf vom Boden. »Hat August was zerbrochen?« fragte Alette ängstlich.

»Eine kleine Glasvase scheint's,« erwiderte Laura gleichgültig, »ärgern Sie sich nur nicht, Frau Tippelmann, wir kaufen eine andere.«

Es war gut gemeint von Laura, aber es klang doch hochmütig und protzig, und die alte Frau sah ernst das junge Mädchen an. »Man kann nicht alles mit Geld bezahlen,« sagte sie ruhig; »das Gläsle stammt noch von meiner Mutter, es kann mir nicht mit Gold und Silber ersetzt werden.«

Da setzte Alette ihren kleinen Liebling rasch zu Boden und schalt ihn nun selbst. »Pfui, August, was hast du getan!« Sie lief auf Frau Tippelmann zu, schmiegte sich an diese an und bat kummervoll: »Seien Sie nicht böse!«

Frau Tippelmanns Gesicht hellte sich auf; es war, als hätte sie sich geschwind mit Sonnenschein eingerieben, und freundlich versicherte sie: »Ich bin nicht böse, Kind. Nein, gewiß nicht! Nun nimm nur deinen dummen August, was wolltest du eigentlich mit ihm?«

»Der Hinkegundel zeigen,« schrie Kasperle; »die wartet.«

»Ach ja,« rief Alette erschrocken, »die sitzt auf dem Gäßle und weint. Ich will schnell, schnell zu ihr.«

»Alette, Alette,« mahnte Laura erschrocken, »du kannst doch nicht mit jedem Gassenkind spielen!« Doch Alette Amhag war schon aus der Stube und trabte draußen durch den Hausflur mit Kasperle. Frau Tippelmann aber sagte lächelnd: »Das ist nun mal in der Löwengasse so, und die Amhags stammten halt daher, daran ist nichts zu deuteln und zu drehen.«

»Ach was,« rief Laura geärgert, »für die Großmütter mag's gepaßt haben, Alette ist ein vornehmes Kind, das darf nicht hier bleiben! Ich hab's schon an Frau van Bachhoven geschrieben. Wir wollen nach Paris, das ist besser.«

»Bleibe im Lande und nähre dich redlich!« murmelte Frau Tippelmann. »Eine Amhag gehört in die Löwengasse, und ein Schnattergänschen mag meinetwegen über den Rhein fliegen.«

Das hörte Laura leider nicht mehr, die war den Kindern nachgelaufen und fand die beiden enttäuscht auf der Gasse stehen. Gundel war fort. Sie hatte lange und sehnsüchtig auf Alettes Wiederkehr gewartet, doch endlich war sie heimgehinkt mit schwerem Herzen. Aber sie dachte nicht mit Groll an Alette; für die hatte sie keinen Vorwurf. Nur als sie wieder daheim in ihrem Zimmer war, da flossen ihre Tränen von neuem, und diesmal rannen sie nicht allein aus Kummer um die Brüder, Alette Amhag war auch schuld daran. Ach, warum war sie nicht gekommen!