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Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend cover

Rose, Linde und Silberner Stern: Erzählung für die Jugend

Chapter 9: Achtes Kapitel. Eine seltsame Entdeckung.
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About This Book

The narrative sketches daily life in a small town around an old house called the Rose, where an elderly resident who has long lived alone prepares for the arrival of relatives. Neighborhood gossip, children's quarrels, and the townspeople's reactions create a tapestry of local custom and curiosity. Episodes alternate between domestic detail and lively street scenes, introducing unexpected visitors, moments of gentle humor, and quiet changes in community ties. Presented as short, illustrated vignettes aimed at young readers, the story emphasizes belonging, intergenerational connections, and the small dramas that shape everyday communal life.

Achtes Kapitel.
Eine seltsame Entdeckung.

Alette wird traurig und wieder froh; sie geht einkaufen, und Laura sagt zu Herrn Häferlein, es sei gewiß langweilig in seinem Laden. Die Sternbuben sehen die Lindenkinder in die Rose gehen. Sie wollen arbeiten und denken an den ersten April. Wie sich die Nachbarsleute ganz unvermutet im Keller treffen, nachdem Herr Häferlein erst auf der Sauerkrauttonne gesessen hat. Frau Tippelmann schilt nicht, aber Laura denkt doch an die Abreise.

Alette war traurig über Gundels Fortgehen, und Alette wurde wieder fröhlich. Sie spielte mit Kasperle, spielte sich hungrig und bekam rote Bäcklein, die ihr sehr gut standen, und über die Frau Tippelmann ihre Freude hatte. Laura dagegen sprach: »Vornehme Kinder sehen nicht so erhitzt aus; es wird Zeit, daß wir aus der Löwengasse herauskommen.«

Am Nachmittag wollte Alette zu Frau Tippelmann gehen, die sollte ihr die versprochene Geschichte aus vergangener Zeit erzählen, aber Laura, die eifersüchtig war und Alettes Liebe niemand gönnte, sagte geschwind: »Wir wollen spazierengehen. Frau Tippelmann laß nur, die ist froh, wenn wir aus dem Hause sind.«

»Mag sie uns denn nicht leiden?« fragte Alette erschrocken.

»Nein, gar nicht.« Laura log und wußte es wohl, daß sie es tat; sie entschuldigte sich aber vor sich selbst: Es ist besser so, Alette soll hier niemand lieb gewinnen; sie bleibt ja doch nicht hier! Sie gingen beide spazieren, und Frau Tippelmann sah ihnen traurig nach. Sie hatte in ihrem Zimmer einen kleinen Tisch gedeckt, hatte ein paar schöne Tassen daraufgestellt, die noch aus der Zeit stammten, da die Amhags wohlhäbig in der Rose gehaust hatten. Aus ihnen sollte Alette an diesem Nachmittag Schokolade trinken. Dabei wollte sie der Kleinen von den Amhags erzählen und sagen, daß sie auch eine Amhag sei. Doch der Tag verging, Alette kam nicht. Sie wich Frau Tippelmann scheu aus, und die fühlte es wohl, und das Herz tat ihr weh. Sie wurde wieder finster und verdrießlich, stellte die schönen Familientassen weg und erzählte nicht, daß sie auch eine Amhag sei.

Und wieder wurde Alette traurig, und wieder wurde sie froh, denn gegen Abend kam ganz geschwind Trinle Grill noch einmal gelaufen, erzählte ihr von der Schule und wollte wissen, ob Alette Ostern hineinkäme.

»Ich hab's schon meinem Papa geschrieben; er erlaubt es gewiß,« versicherte Alette. »Ach, ich will so gern in die Schule gehen!«

Trinle sprang vor Vergnügen. Sie hatte zwar schon acht allerbeste Freundinnen in der Schule, aber für Alette Amhag war noch viel Platz in ihrem kleinen zärtlichen Herzen. »Ich freue mich, ich freue mich!« jauchzte sie. Und dann gab es einen langen zärtlichen Abschied, und beide sagten: »Morgen wird's fein.«

Alette hatte noch nie einen richtigen Kinderbesuch gehabt, und als sie am nächsten Morgen aufwachte, rief sie gleich: »Laura, deckst du bald den Tisch?«

Daran dachte Laura nun freilich nicht, aber sie redete mit Alette denn doch von dem Besuch, und wie es sein sollte. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, fühlte sich auch im Unrecht gegen Frau Tippelmann und dachte immer: Lange bleibt Alette doch nicht hier, da mag sie meinetwegen in der kurzen Zeit tun, was sie mag. Also ging sie und sprach versöhnlich mit Frau Tippelmann. Die sah wieder um ein bißchen freundlicher drein und gab gute Ratschläge, wie alles herzurichten sei.

»Warum sie mich nur nicht leiden mag?« Alette sann darüber nach und kam schließlich auf den Gedanken: Es ist um Augusts willen, denn der kleine Schelm beging an diesem Morgen wieder allerlei unnütze Streiche, und Frau Tippelmann nannte ihn eine Landplage und sagte wieder: »Affen und wilde Bären soll niemand in sein Haus begehren.«

Zum erstenmal in ihrem Leben ging Alette an diesem Vormittag richtig einkaufen. Zu dem Zuckerbäcker auf dem Obermarkt und zu Herrn Häferlein. Damit August inzwischen nichts Dummes beging, nahm sie ihn mit. So sah Herr Häferlein auf einmal seinen kleinen schwarzen Namensvetter in seinem Laden. Er sah ihn etwas schief an, aber weil Laura so freundlich lachte, lachte er schließlich auch, er gab dem Äffchen sogar eine Handvoll Rosinen und freute sich mit, wie geschwind der diese verschlang. Da schenkte er ihm noch Zuckerkand, und Laura sagte: »Er wird Sie noch besuchen, wenn Sie ihn so verwöhnen.«

Herr Häferlein war wirklich ein überaus höflicher Mann, und weil er dachte, Fremden muß man etwas erzählen, erzählte er dies und das aus Breitenwert. Laura lachte viel; sie fand Herrn Häferlein sehr schnurrig, und Alette Amhag sah sich neugierig in dem Lädchen um. So etwas hatte sie noch nie gesehen, und alle die Kästen mit den kleinen weißen Schildern, auf denen stand, was sie enthielten, bereiteten ihr vielen Spaß. »Nicht wahr,« fragte sie plötzlich, »so einen Laden gibt's nirgendswo als hier im Löwengäßle?«

Herr Häferlein lächelte geschmeichelt. »Der ist freilich schön,« sagte er stolz. Doch Laura murmelte etwas verlegen: »Solche Läden gibt's überall in Deutschland – selbst in Berlin,« fügte sie zögernd hinzu. Sie dachte dabei an den kleinen Vorstadtladen, den ihre Eltern besessen hatten, und in dem sie schon helfen mußte, als sie so alt wie Alette war. Laura redete nicht gern davon. Sie gehörte zu den Menschen, die meinen, ein schlichtes Herkommen und bescheidene Lebensverhältnisse wären eine Schande. Jetzt war sie Fräulein Laura, halb Zofe, halb Gesellschafterin; sie trug schöne Kleider und bildete sich ein, sehr vornehm zu sein, wenn sie Englisch oder Holländisch sprach und von ihren weiten Reisen erzählte.

»Ein bißchen langweilig mag's schon sein, alle Tage im Laden zu stehen,« sagte sie dann herablassend und mitleidig und rümpfte ihre Nase. »Komm, Alette, wir müssen gehen.«

»Nun, nun,« rief Herr Häferlein, »langweilig ist's gar net. Mir gefällt es ganz gut, und Frau Tippelmann sagt immer: ›Zufriedenheit macht Wasser zu Wein,‹ und da hat sie ganz recht. Ich bin recht zufrieden in meinem Lädle und will's net besser haben auf der Welt.«

In Lauras Herzen sang es, ein Klang aus vergangenen Tagen war es, da hatte der Vater auch oft gesagt, wenn die Kinder von größerem Reichtum redeten: »Seid zufrieden, Kinder, mit dem, was ihr habt, denn wer nicht zufrieden ist, trägt an seiner Bürde doppelt schwer.«

»Du bist so still geworden, Laura,« fragte Alette draußen, »hat dich Herr Häferlein geärgert?«

»Nein,« antwortete Laura hastig, »aber die Löwengasse ist mir langweilig, und den kleinen Laden finde ich gräßlich. Wenn uns nur erst Frau van Bachhoven holte!«

»Ich bleibe hier,« rief Alette erschrocken, und es war ihr auf einmal, als sei ihr die ganze Freude an dem schönen Tag vergangen.

Sie kam aber wieder, als sie den festlich gedeckten Tisch überblickte und von drüben aus der Linde die Grills herüberkommen sah. Die gingen ganz langsam und feierlich, denn sie hatten sich fein gemacht, und sie fanden, die Löwengasse dürfte es wohl sehen, daß sie in die Rose zu Besuch gingen. Die Sternbuben erkannten das auch wirklich von ferne, und ihre Herzen wurden ihnen schwer. Sie wären gerne auf einmal brave, fleißige Sternbübles gewesen, hätten einen guten Ruf gehabt, um auch von Alette Amhag eingeladen zu werden. Sie rannten denn auch eilig in den Stern zurück, suchten ihre Schwester Gundel und erklärten, sie wollten Schularbeiten machen, und sie sollte ihnen helfen.

Das war ein seltener Entschluß. Gundel fragte auch darum ganz bedrückt: »Habt ihr wieder ein dummes Streichle gemacht?«

Bewahre! Die beiden verteidigten sich lebhaft. Ihr Gewissen war an diesem Tage so rein wie ein frischgewaschenes Mundtuch, und sie fingen auch wirklich sehr emsig zu arbeiten an, bis auf einmal Mathes sagte: »Am Dienstag ist erster April – ujeh!«

»Erster April!« Peters Augen blinkerten und glänzten da gleich vor lauter Lust, und Gundel rief erschrocken: »Ach je, ihr denkt schon wieder auf ein Dummheitle!«

Die beiden verteidigten sich wieder, versicherten, sie wüßten nicht das kleinste Späßle, sie hätten nur so gelacht.

»Jetzt wißt ihr noch keins, aber dann fällt euch eins ein,« sagte Gundel traurig, »ihr wollt doch brav werden!«

Ja, freilich, das wollten sie doch alle beide. Sie versuchten es also, den ersten April zu vergessen, und steckten wieder emsig die Nasen ins Buch. Sie waren augenblicklich viel gesetzter als die Grillschen, die im Haus zur Rose so viel schwatzten, daß Laura dachte: Das vertrage ich nicht.

Sie hörte aber doch zu, was die Geschwister zu berichten hatten, eine ungeheuer wichtige Neuigkeit. Kaum waren sie im Hause, da riefen sie alle stolz: »Wir verreisen.«

»Bald, nächste Woche schon,« sagte Veit, und Kasperle fügte hinzu: »Wir bleiben schrecklich lange, und ich fahr mit.«

Schrecklich lange! Alette Amhag sah tief erschrocken drein, und Trinle tröstete eifrig: »Schrecklich lange nicht, nur drei Tage.« Dann erzählten sie. Die Großmutter, Frau Grills Mutter, die zwei Stunden Bahnfahrt von Breitenwert entfernt wohnte, feierte am nächsten Sonnabend ihren siebzigsten Geburtstag. Dazu reisten sie alle am Freitag schon hin, und da dort alle Kinder und Kindeskinder der sehr geliebten Großmutter zusammenkamen, kehrten die Grills erst Dienstags heim. Weil ein siebzigster Geburtstag nicht alle Tage in einer Familie gefeiert wird und der Tag nun einmal nicht in die Ferien fallen wollte, hatten die Kinder frei bekommen. Schulfrei, so kurz vor den Ferien! Sie sagten alle vier, dies sei besonders fein, obgleich Kasperle doch noch immer Ferien hatte.

Alette wunderte sich etwas. Die Geschwister hatten ihr so viel davon erzählt, wie gern sie in die Schule gingen, daß sie dachte, die müßten nun eigentlich sehr betrübt sein über die versäumten Tage. »Du bist aber dumm!« verwies sie Veit mehr offen als höflich, und Trinle belehrte sie, das sei nun einmal so. Auf Ferien freue man sich immer furchtbar, auf besondere Feiertage noch furchtbarer, und in die Schule ginge man gern. »Du mußt dich aber nicht zu sehr nach uns bangen,« schloß sie, »nachher erzähle ich dir viel, und vielleicht bringe ich dir auch Kuchen mit.«

»Vielleicht,« sagte Laura zu sich. Der paßte die Reise der Grills gut, und als das Schokoladetrinken vorbei war und die Kinder ein Spiel beschlossen, ging sie in ihr Zimmer, um an Frau Juana van Bachhoven zu schreiben. Sie dachte, den Geburtstagskuchen soll unsere Alette nicht mehr essen, die Tage sind gut zur Abreise, da gibt es dann keinen Abschiedsjammer. Sie schrieb dies und das und schrieb auch, Alette freue sich auf Paris, sie würde gern hingehen. Es war wieder eine Unwahrheit, aber Laura wollte fort, sie hatte die Löwengasse satt.

Frau Tippelmann hatte gemeint, Laura würde bei den Kindern bleiben. Sie selbst hätte es gern getan, aber sie kannte doch Alettes Scheu vor ihr. Die tat ihr weh, und sie ging still in ihr Zimmer, hörte das Lachen der Kinder von fern und fühlte sich so einsam wie nie zuvor.

Die Gäste merkten nichts von Lauras Ärger und Frau Tippelmanns Traurigkeit, sie waren vergnügt und Alette mit ihnen. Veit und Steffen waren sehr für Entdeckungsfahrten eingenommen, und ihre Lust am richtigen Spiel war bald vorbei. »Zeig uns den Garten, Alette,« baten sie, und Alette führte ihre Gäste gern hinaus. Der Garten war nicht sehr groß und glich mehr einer kleinen struppigen Wildnis. Frau Tippelmann hatte nur immer dicht am Hause Blumen und Gemüse gepflanzt und hatte die alten Bäume und Sträucher stehen und wachsen lassen, wie sie wollten.

»Da ist ein Räuberschlößle,« schrie Kasperle, der durch das zarte Grün des Buschwerkes ein Gartenhäuschen schimmern sah. Hart an der Mauer des Nachbargartens lag es.

»Ach, es ist nicht schön,« sagte Alette, und ihre Gäste bestätigten das bald, als sie vor dem halbverfallenen Budchen standen. Nein, schön war es nicht.

»Aber reinsehen muß man,« erklärte Veit und rüttelte an der Türe. Die gab nach; ein leerer, halbdunkler Raum gähnte den Kindern entgegen, nicht einmal altes Rumpelzeug war darin. Nur sehr viel Staub und Spinngewebe hing in den Ecken, es mochte wohl seit Jahren niemand hier dringewesen sein.

»Da ist eine Klappe, da geht es in einen Keller,« rief Veit plötzlich. Ein eiserner Ring war im Boden eingelassen, und die Buben stürzten eilfertig darauf zu und zerrten und zogen daran. Sie mußten sich ordentlich plagen, aber dann gab die Klappe nach und ging auf. Die Kinder sahen nun ein Treppchen vor sich, das in die Tiefe führte.

»Ein Keller,« rief Alette ängstlich.

»Ja, freilich, und wer weiß, was da unten verborgen ist!« riefen Veit und Steffen. »Früher haben die Menschen manchmal in solchen Kellern Schätze versteckt.« Veit besonders war ganz aufgeregt; das war doch etwas Geheimnisvolles, etwas, das er erforschen konnte! »Vielleicht finden wir unten einen Schatz, vielleicht eine Kiste, vielleicht einen Topf mit Geld, vielleicht –«

»Mäusle,« rief Trinle, aber der Bruder hörte nicht darauf. Der sagte eifrig: »Wir müssen hinunter.«

»Nein, ach nein,« jammerte Alette erschrocken, »nicht da hinein, ich fürchte mich so sehr!«

»Pah, Furchthäsle du!« rief Veit. »Fürchtest du dich auch, Trinle?«

Eigentlich graulte sich Trinle wirklich sehr vor dem unbekannten Kellerloch und vor den Mäusles drinnen, aber sie schämte sich vor den Brüdern ihrer Angst und sagte ganz kühn, ordentlich etwas protzig: »Natürlich geh ich mit runter. Fürchten? Pah!«

»Ich geh auch mit!« Kasperle jauchzte vor Abenteuerlust. Er wollte auch gleich das Treppchen abwärts steigen, aber Alette hielt ihn fest. »Du mußt hierbleiben,« bat sie angstvoll. »Du bist zu klein, sonst – sonst hole ich Frau Tippelmann.«

Die Geschwister überlegten, und Veit entschied. »Ja, Kasperle bleibt mit Alette erst mal oben, wir sehen, was unten ist.«

»Ich will mit,« kreischte Kasperle ungestüm. Er riß sich empört von seiner guten Freundin los, aber zu seinem Kummer sagten beide Brüder: »Du bleibst!« Kasperle zog einen schiefen Mund, er war gar nicht mit seinen Brüdern darin einer Meinung, daß die Jüngeren den Älteren manchmal folgen müssen. Er fügte sich aber, wenn auch sehr traurig, und trotzig brummte er seine Freundin Alette an: »Ich besuch dich nicht mehr.«

In Alettes Augen standen Tränen. Sie fürchtete sich entsetzlich vor dem dunklen Loch, sah mit Zittern und Zagen die Geschwister die Treppe hinabsteigen und sehnte Frau Tippelmann herbei. Doch die blieb fern, und Steffen, Veit und Trinle stiegen kühn in die unbekannte Tiefe hinab. Veit hatte vor kurzem von seinem Paten eine kleine elektrische Taschenlampe bekommen, die er ungeheuer stolz immer bei sich trug. Sie diente jetzt als Leuchte, und bei jedem Schritt sagte darum Veit: »Gut, daß ich meine Lampe habe!« Das Lämpchen erhellte unten notdürftig einen kleinen Kellerraum. Er war leer, aber Trinle erschien er schauriger als das ganze Räuberschlößle. »Es ist nichts hier,« flüsterte sie zitternd, »wir wollen zurückgehen, – Alette grault sich.«

»Du wohl auch?« Veit fragte dies sehr hohnvoll, und Trinle nahm ihr letztes kärgliches Restlein Mut zusammen und behauptete tapfer: »I wo!«

»Da geht's weiter,« schrie Steffen und deutete auf einen Gang. »Paßt auf, wir finden noch was!«

»Eine Tür!« Veit war, unbekümmert darum, ob die andern sehen konnten, mit seinem Lämpchen vorausgelaufen und beleuchtete eine Tür, die den Keller nach irgendwohin abschloß.

Was lag dahinter? Eine Schatzkammer, verborgene, vergessene Herrlichkeiten? »Wir müssen die Tür aufkriegen,« rief Veit und rüttelte und rappelte an dem alten Holzpförtlein herum. »Auf, auf, auf, Schatzkammer, öffne dich!« dachte er.

»Mit einem Beil einschlagen,« riet Steffen kühn. »Aber was ist denn da los?«

Von oben herab tönte zitterndes Angstgeschrei. Alette und Kasperle hatten das Dröhnen gehört; sie kauerten am Treppchen und jammerten entsetzlich, sie meinten, denen unten sei etwas geschehen. »Furchthasen,« schalt Veit grollend und brüllte: »Kommt runter, hier ist's fein, wir finden was, kommt nur!«

»Kommt,« rief auch Trinle zaghaft.

Da wurden die oben still. Hinunter wagten sie sich nicht, aber sie lauschten nun doch etwas beruhigter hinab. Nur merkwürdig war es, denen unten schien das Schreien fortzutönen, jämmerlich klang es, bis es allmählich verhallte. »Ein Echo,« sagte Steffen und hieb mit aller Macht gegen die Türe.

»Wenn wir nur einen Schlüssel hätten!« brummte Veit und rüttelte an dem verrosteten Schloß herum. Das knarrte, wackelte, und auf einmal sprang die Türe mit einem lauten Krach auf, und die drei Entdecker blickten in einen mit Fässern und Kisten gefüllten Keller, der gar nicht sehr unheimlich aussah, sondern recht sauber und ordentlich.

Die drei waren plötzlich ganz still geworden. Was war da? Wo waren sie hingelangt? Waren hier nun wirklich vergessene Reichtümer aufgestapelt?

Oben hatten Alette und Kasperle den Krach gehört, mit dem die Türe aufgesprungen war. Trinles Schrei dabei war der letzte Laut gewesen, dann wurde unten alles still, und auf Alettes bebendes Rufen kam keine Antwort. Da packte die beiden eine jämmerliche Angst, und alle beide rannten klagend zum Gartenhäuschen hinaus und schrieen draußen voll Angst nach Frau Tippelmann.

Im gleichen Augenblick gellte vorn nach der Löwengasse hinaus ein nicht minder ängstliches Rufen, und in der Nachbarschaft taten sich Türen und Fenster auf. Was war geschehen? Leute stürzten auf das Gäßlein hinaus, und aus der Lindenapotheke kam Herr Baldan mit langen Schritten angerast. »Bei Häferlein brennt's,« rief es, »dort ist was los!«

In Herrn Häferleins Laden war wirklich etwas los. Bleich, zitternd saß der Kaufmann auf einer Sauerkrauttonne, und sein schläfriger Gehilfe saß auf einer Siruptonne, und beide stöhnten nur immer: »Diebe! Diebe! Hilfe! Hilfe!«

Herr Baldan stürzte als erster in den Laden, ihn hatte der Hilferuf namenlos erschreckt; wie die Posaune des jüngsten Gerichts gellte ihm der in den Ohren. Sein Freund war in Not, mit dem er sich gestritten und noch nicht wieder versöhnt hatte. Schwer bedrückte ihn das, und als er Herrn Häferlein noch lebendig auf der Sauerkrauttonne sitzen sah, umfaßte er den Freund mit einem lauten Jubelschrei: »Gottlob, Sie leben, lieber Häferlein!«

»Lieber Baldan!« Der Kaufmann umarmte den Freund gerührt, all sein Groll war im Augenblick verflogen, und er war fast ärgerlich, daß so viele andere Leute auch in den Laden kamen. Aber freilich, die wollten ihm alle helfen, alle forschten und fragten: »Was ist los? Wo sind die Diebe?«

»Im Keller,« ächzte Herr Häferlein.

»Na, die wollen wir schon fassen!« Der dicke Bäckermeister Hering, er war natürlich auch dabei, sagte es entschlossen, und Herr Baldan rief mutig: »Die sollen uns nicht entwischen. Fritz, zeigen Sie uns den Weg!«

Doch Fritz blieb einem Jammerbilde gleich auf seinem Sirupfasse sitzen. »Ich kann nicht,« ächzte er nur.

»Na, Gott sei Dank, die Polizei!« Herr Häferlein atmete auf, als er einen Schutzmannshelm im Türrahmen erblickte, und Herr Baldan atmete auch auf. Der Kaufmann rutschte von seinem Krautthron herab und sagte nun, da der bewaffnete Helfer an seiner Seite stand: »Im Keller sind sie; gehen Sie voran, – ich komme mit. Fritz, schlafen Sie nicht, und passen Sie hier auf!«

Drüben in der Rose hatten auch Hilferufe das Haus durchgellt. Die waren aber nicht auf die Straße hinaus gedrungen, die hatten nur Frau Tippelmann und Laura arg erschreckt. Laura schrie gleich, als könnte sie damit Hilfe schaffen, Frau Tippelmann aber nahm kurz entschlossen einen Besen und ein Licht und herrschte Laura grob an: »Viel Geschrei und nichts dabei.«

Da nahm sich Laura zusammen und folgte der Frau und den verweinten Kindern nach dem Gartenhaus. Was dort eigentlich geschehen, wußten aber weder Alette noch Kasperle zu sagen; nur von einem Kellerloch und einer Treppe erzählten sie schluchzend, und Frau Tippelmann lief immer schneller. Die Angst trieb sie vorwärts.

Von all dem Lärm und aller Angst merkten die drei kühnen Entdecker in ihrem Schatzkeller nichts. Die berieten noch immer, was sie tun sollten, in dem gefüllten Keller weitergehen oder doch lieber umkehren und Frau Tippelmann von dem geheimnisvollen Fund erzählen. Gerade hatten sie sich für dies letztere entschieden, als hinter ihnen Frau Tippelmann mit Laura auftauchte.

»Na nu – was ist denn das?« Frau Tippelmann sah verdutzt auf die drei Kinder, die ganz unversehrt zwischen Kisten und Fässern standen, aber offenbar auch nicht recht wußten, was sie sagen sollten.

Ehe sie noch erzählen konnten, wie sie hier hereingekommen, klirrte das irgendwo, eine Tür sprang auf, Lichtschimmer fiel herein, und jemand rief: »Da sind sie noch – herrje, Frau Tippelmann, Sie hier?«

»Herrje, Herr Häferlein, Sie sind's?«

»Du meine Güte, wie kommen denn Sie in meinen Keller?«

»Na, nun schlägt's dreizehn, das sind ja unsere Kinder!« schrie der Provisor dazwischen.

Der Schutzmann grinste. »Die Diebe scheinen Ihnen ja bekannt zu sein, Herr Häferlein,« sagte er. »Nein, so etwas! Frau Tippelmann, Sie hätte ich aber net in Ihres Nachbars Keller vermutet!«

»Du lieber Himmel,« rief Frau Tippelmann entrüstet, »nun werde ich wohl gar noch als Einbrecherin angesehen! Aber so etwas kommt von so etwas, und Jugend ohne Hut tut selten gut, man hätte aufpassen sollen.«

Fräulein Laura wurde verlegen; sie fühlte es wohl, der Vorwurf galt ihr, und berechtigt war er auch. Aber eine Antwort brauchte sie nicht zu geben. Herr Häferlein schaute sich um und fragte: »Wissen möchte ich aber doch, wie Sie in meinen Keller hineingekommen sind, Frau Nachbarin!«

»Doch, kommen Sie durch das Loch wieder mit hinaus, da werden Sie es sehen,« brummte Frau Tippelmann. Sie hielt ihr Licht hoch und beleuchtete die verborgene Tür. »Hier geht es durch,« sagte sie, »und verwunderlich ist die Sache nicht. Die Häuser gehörten früher beide den Amhags, da mag der Keller angelegt worden sein. Übrigens ist es ein rechtes Rattenloch, darum –«

»Hui, hui!« Laura, Alette, Trinle und Kasperle flüchteten kreischend, und dabei rannten sie beinahe Herrn Häferlein und Herrn Baldan um. Die purzelten gegeneinander und kamen so zu einer zweiten Umarmung an diesem Tage.

Flink, flink, flink kletterten die Angsthasen die Treppe hinauf. Veit und Steffen zögerten noch, aber da erzählte Frau Tippelmann gelassen weiter: »Ja, Ratten gibt's in Massen hier, sie haben immer alles angefressen und –«

Da kletterten auch die Buben sehr geschwind die Treppe hinan, und Frau Tippelmann sah ihnen lächelnd nach und sagte schmunzelnd: »Angst macht nicht allein ein altes Weib traben, es bringt auch junge Fürwitze auf die Beine. Übrigens brauchen Sie keine Sorge zu haben, Nachbar Häferlein, so schlimm ist es mit den Ratten nicht; ich wollte dem Kindervolk nur die Kellerreisen vergraulen.«

Das war Frau Tippelmann freilich gelungen. Als sie wieder nach oben kam, nachdem sie unten die Türe sorgfältig verwahrt hatten, fand sie Alette und ihre Gäste ein wenig bedrückt beieinandersitzen, Laura dabei mit einem Gesicht wie eine Gewitterwolke. Jetzt kommt's, dachte die. In diesem gräßlichen Nest, in diesem gräßlichen Haus muß man sich wirklich noch von einer alten Frau ausschelten lassen.

Doch Frau Tippelmann schalt nicht; sie schaute nur die blasse Alette besorgt an, dann sagte sie: »Ich bringe euch noch heiße Milch, Kuchen ist auch noch da; nach der Kellerluft wird ein heißer Trunk euch gut tun. Wenn ihr einmal wieder auf Entdeckungsreisen ausgehen wollt, fragt lieber vorher, ob ihr dürft.« Die Frau nickte den Kindern zu und ging hinaus, und kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, da rief Trinle: »Sie ist gar net bös.«

»Nein, sie ist gut,« sagte Alette leise, aber Laura hörte es doch, und Laura ärgerte sich. Und dann, als die Kinder schmausten, ging sie wieder in ihr Zimmer und schrieb eilig den Brief fertig, in dem stand: »Alette wird hier ganz verdorben, es ist gar kein Umgang für sie, sie muß fort, nächste Woche schon.«