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Rumänisches Tagebuch cover

Rumänisches Tagebuch

Chapter 21: 26. Oktober. Auf dem Marsch
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About This Book

A series of dated wartime diary entries sketches the daily life of an officer on the Western Front in 1916, blending battlefield movements, administrative duties, encounters with civilians, and moments of private reflection. It records marches, quartering, shortages and inspections, censorship, fears and small acts of kindness, sensory impressions of landscape and weather, and the emotional weight of separations and relics from home. Observations alternate between logistical details and humane vignettes—children's drawings, wounded prisoners, and domestic exchanges—revealing how routine, memory, and the constant presence of violence shape perception.

26. Oktober. Auf dem Marsch

Bei klarem Wetter vergißt man die nächtlichen Träume schnell; im trüben haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm zurückgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in Katakombenfinsternis hineinzuführen. Ich sah hohe schmale silberne Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder französischer Soldat, die gläsernen Augen weit offen; einzelne Lorbeerblätter, wie kleine Flügel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schönen jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn öfters gefüttert haben; seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt, erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berührung genügte, um ihn zu befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte ich, daß von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war, breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weiße Decken gehüllt, schliefen unter eisklirrenden Bäumen. Die vordere war Vally; dahinter größer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich nieder, da sah ich, daß die weißen Decken aus lauter Schneeflocken bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit verstörten Gesichtern; keine kannte mich. „Der Wolf wird euch fressen, wenn ihr schlaft auf der Heide!“ rief ich ihnen zu. Sie lächelten einander verlegen an. „Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen“, setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und fürchteten sich vor mir. Vally, frostgeschüttelt, zog die Schneedecke über sich und rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schläferinnen zu Füßen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hörte ich ganz laut und klar das Söhnchen aus der Tiefe rufen: „Vater, bist du schon oben?“ und war wach.

Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurückgetreten. Das Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weiße Stadt; es muß Kézdi-Vásárhely sein.