V.
Ruth hatte das nicht gedichtet. Erik hatte es gedichtet. Aber Ruth hatte es gestammelt. Ungezähltemal. Vielleicht auch in ungezählten Versen.
Er wußte es nicht. Aber oben in der Giebelstube, unter fortgeworfenen Papieren und verwelkten Blumen, hatte das durchgerissene Blatt mit den gestammelten Versen gelegen.
Und seitdem dichtete er diese Verse, er sah vor sich hin und dichtete an ihnen.
Ruth hatte sie nicht gedichtet. Erik hatte es gethan.
Aber so, — so in jedem Worte würde sie sie gedichtet haben, — ein wenig später, — im Rückblick.
Sie saßen alle zusammen.
Klare-Bel im Hintergrunde der Wohnstube, in einem großen, bequemen Lehnstuhl. Jonas am Eßtisch: er hatte die Lampe dicht herangerückt, um besser sehen zu können, was er in sein Schulheft schrieb. Erik am Kamin, in welchem mächtige Holzkloben brannten; von Zeit zu Zeit bückte er sich und warf aus einem blankgeputzten Kohlenbehälter, der mit Tannenzapfen gefüllt war, ein paar von den braunen, herzigen Zapfen in die Glut.
Das Zimmer hatte ein ganz winterliches Aussehen bekommen. An Stelle der leichten Sommergardinen schwere, schützende Fenstervorhänge, am Kamin zwei Sessel aus der Stadtwohnung, unter denen ein mächtiger Bär seine Tatzen vorstreckte.
Schon im Anfang des russischen März, noch ehe der Winter zu Ende ging, war dieses Jahr die Uebersiedelung vor sich gegangen. Klare-Bels wegen. Hinter ihr lag der Leidensweg eines halben Jahres, der sie langsam zur Genesung führte.
In der Ecke lehnten zwei starke Stöcke mit Krückgriffen. An diesen Stöcken mußte sie täglich einige Schritte thun. »Laufen lernen,« wie Jonas lachend sagte, der ihr am liebsten die Stöcke ersetzte. Und diese Schritte sollte sie in frischer Luft thun.
Sie saßen alle zusammen und schwiegen zusammen. Klare-Bel saß in halb liegender Stellung und sann vor sich hin; die Handarbeit, die sie vorgehabt, entglitt ihren Händen. Sie fühlte sich müde von ihren wenigen Schritten.
Jonas, der war wie verrannt in seine Arbeit. Mit den schmalen Schultern, lang aufgeschossen, ein wenig weichen, blonden Flaum an Kinn und Lippe, bückte er sich über die Bücher. Der Sicherheit halber hatte er auch noch in jedes Ohr einen Finger gesteckt. Das war unnötig.
Und Erik blickte in die Glut — —
»Bis ganz die Welt um uns versank —«
Gonne war es, die endlich die Stille unterbrach. Sie brachte den Abendthee herein. Klare-Bel ließ sich hinter den Samowar rücken: ihre täglich neu genossene Freude, wenigstens in solchen kleinen Dingen wieder Hausfrau zu sein.
»Heute warst du gewiß froh, Erik, ein so langer Brief von Ruth,« bemerkte sie dabei, »man muß sagen: sie schreibt treulich, — regelmäßig. Aber manchmal einen Zettel, manchmal ein Buch!«
»Ich möchte wissen, warum du ihr noch nie geschrieben hast, Jonas?« fragte der Vater, »sie will oft von dir wissen.«
Jonas wurde sehr rot.
»Wovon soll man sich denn schreiben? Ich habe genug zu thun,« murmelte er über seinem Theeglas.
»Für so junge Menschen ist das Briefeschreiben auch nichts,« meinte Klare-Bel, »Ruth ist doch sicherlich begabt, nicht wahr? Und sind ihre Briefe nicht ganz entsetzlich nüchtern, Erik?«
»Nun ja. Wenn sie nicht etwas zu erzählen oder zu beschreiben hat.«
»Beschreiben? was denn? wie ein Berg aussieht, oder was für Wetter es ist, — ein Schneetreiben im Winter, kann sie das nicht seitenlang erzählen? Aber ich finde, dabei erfährt man recht wenig von ihr selbst.«
Erik schwieg. Er fand es auch. Dies Entzücken an der Schilderung, selbst des geringsten, die Hingebung in der Wiedergabe dessen, was sie umgab, und was unmittelbar von ihr aufgenommen wurde, — das alles lag neben einer spröden Wortkargheit, wo es ihre Gefühle betraf. Es war nicht Verschlossenheit, — es war Haß gegen das Wort, das ungenügende. Schlechte Verse kritzeln, singen, stammeln, die Augen aufheben, — ehe er das nicht wiedergesehen, nicht wiedergehört, war Ruth für ihn wie begraben.
Und wieder schwiegen sie.
Der Theetisch wurde abgeräumt. Nur eine Fruchtschale mit Aepfeln blieb darauf stehen. Jonas machte Miene, seine Bücher und Hefte wieder auszubreiten.
Erik hinderte ihn daran.
»Genug!« sagte er, »es ist ganz unmöglich, daß du mit deinen Schularbeiten noch nicht fertig sein solltest.«
»Ich bin es ja auch, Papa. Aber ich wollte jetzt abends noch Russisch treiben. Einer von den Jungens hilft mir in der Freistunde darin.«
»Ich sehe nicht ein, zu welchem Zweck? Schon im Herbst gehst du ins Ausland. Du wirst ja nicht hier studieren. Wozu also?«
»Es ist sehr nützlich, Papa. In Deutschland kann man jetzt mit russischen Stunden Geld verdienen.«
Erik war unangenehm berührt. »Geld? Mit Stundengeben? Ueberlaß mir das doch.«
»Erlaube es mir, bitte. Thue ich nicht genug für die Schule?«
»Ja, aber du bist ein entsetzlicher Stubenhocker geworden, Jonas! Bleibst mir zu schmalbrüstig, mein Junge. Flaum am Kinn, aber keine Kraft in den Knochen. Nicht genug.«
»Gesundheit ist der Güter höchstes nicht,« behauptete Jonas mit einem Ernst, der ihm drollig genug stand.
»Aber der Uebel größtes ist die Schuld, sie verscherzt zu haben,« ergänzte Erik und fuhr ihm liebkosend über den Kopf; »wenn du öfters mit solchen Citaten kommst, dann werde ich dich noch ganz von den leidigen Büchern fortnehmen. Zu einem Bauern in die Lehre.«
Damit ging er hinüber in sein Arbeitszimmer.
Ein Stoß Schulhefte mit blauen Deckeln lag schon bereit. Auch allerlei andres, das drängte.
Ihn drängte es nicht. Er schob es zurück.
Darunter lagen Ruths alte Hefte, auch neue Arbeiten; sie schickte sie ihm alle. Ihren Studiengang leitete er vollkommen. Aber alles das war immer noch nicht »Ruth«.
Er nahm eine Mappe vom Schreibtisch, in der sämtliche Briefe aus Heidelberg lagen, vom vorigen August bis zum heutigen April.
Anfangs lauter Briefe von Frau Römer. Ruth konnte nicht schreiben, sie lag im Fieber. Ein schleichendes Fieber, fürchteten sie. Erik war zur Abreise vollständig fertig gewesen, er depeschierte bereits seine Ankunft.
Da traf ein Telegramm ein, das ihn zurückhielt. Drei Tage später ein kurzer Brief von Frau Römer:
»Ihre Anwesenheit ist nicht erwünscht. Die Trennung würde dasselbe noch einmal ergeben. Ruth muß es lernen, ohne Sie zu leben. Daher dürfen Sie unter keinen Umständen herkommen. Mein Mann meint es als Arzt, ich meine es aber auch — als Frau. Ich habe Ruth lieb wie mein Kind; wollen Sie mir helfen, wie eine Mutter über ihr zu wachen, so entfernen Sie auf immer aus Ihren Briefen alles, — auch das Geringste, was Sehnsucht wecken könnte.«
Nach einer Woche schrieb Frau Römer:
»Mit unsrer Ruth geht es besser. Aber gestern hat sie uns sehr erschreckt. In ihrem Zimmer steht mein Lehnsessel, mit braunem Leder bezogen; sie wollte ihn durchaus haben, als sie ihn bei mir sah, und sagte dabei bedauernd: ›Wie schade, daß er nicht grün ist!‹
Diesen Sessel hatte sie gestern nacht mitten ins Zimmer, ihrem Bett gegenüber, gerückt. Als mein Mann noch einmal leise hereintrat, um nach ihr zu sehen, sieht er im Schein der kleinen Nachtlampe Ruth aufrecht im Bett, — den Oberkörper weit vorgebeugt, die Augen starr auf den Sessel geheftet, das Gesicht verzückt.
Als sie meinen Mann sah, fiel sie in die Kissen zurück. ›Ach, — nun ist er fort!‹ sagte sie traurig. Sie war in einer halben Ohnmacht, am ganzen Körper kalt.
Wir haben den Lehnstuhl aus ihrem Zimmer entfernen müssen. Mit den andern Stühlen ›geht es nicht‹, versichert sie.
In aufrichtiger Freundschaft
Irene Römer.«
Bald darauf kam der erste, noch mit Bleistift aus dem Bett gekritzelte Zettel von Ruth selbst. Wenige Zeilen nur, darunter ein Postskriptum:
»Ich glaube, daß die Menschen zaubern könnten, wenn sie wollten.«
In der Mappe befand sich neben diesem kleinen Zettel ein Schreiben von Eriks Hand, — ein vollständiges Briefkonzept, welches anfing:
»Mein Herzenskind!
Außer den bekannten zehn Geboten gibt es noch ein elftes, speziell für Dich: ›Du sollst nicht zaubern.‹
In ururalten Zeiten nahmen die Menschen, wenn ihre Götter die Wünsche einzelner nicht erfüllten, mitunter ihre Zuflucht zu fremden und bösen Geistern, die sich durch Zauberkunst und Zauberformeln beschwören ließen. Das mögen die Menschen aus zweierlei Ursachen gethan haben: aus Kleinmut oder Hochmut; aus dem mangelnden Glauben, daß im Willen ihrer Götter auch wirklich eine weise, gute Macht über ihnen waltet, — oder aus dem Trotz, der es müde geworden ist, zu gehorchen und zu vertrauen.
Du machst es doch nicht ebenso, — gleichviel aus welchem dieser beiden Gründe? Nimmst Dir doch nicht hinter dem Rücken und aus eigener Machtvollkommenheit, was Dir vorenthalten bleiben soll? Rufst doch nicht, wie damals, in der letzten Nacht, einen fremden, bösen Geist, das Fieber, um Dir zu helfen und Dich in eine Wirklichkeit zu entführen, die keine ist?
Du sollst nicht zaubern. Sollst Dich an die Wirklichkeit hingeben, die um Dich ist, — ganz, voll Glauben und voll Vertrauen, daß Du in ihr zu Hause bist —«
Hier brach das Briefkonzept ab; die nächsten Zeilen waren ausgestrichen, — wiederholt, und wieder ausgestrichen. Sie waren ihm sichtlich schwer von der Hand gegangen.
Aber die Konzepte mehrten sich; hinter jedem Briefe Ruths folgte eines; Erik blätterte sie ungeduldig beiseite: daß sie da lagen, das besagte genug.
Sein Blick verweilte nur länger, wenn er wieder auf die feine, charakteristische Handschrift Frau Römers traf. Er konnte das Gefühl nie ganz los werden, als ob er mit ihr — oder sie mit ihm? — in einem geheimen, unbewußten Kampf stände; und doch erquickten ihn diese Briefe. Wenn sie wider Wissen und Willen ein Feind war, so war's ein herrlicher. Einer, wie man ihn sich wünschen soll, um sich mit ihm zu messen.
Um diese Frau wehte es wie helle, reine Luft, — man mußte sich wohl darin fühlen. Und jedes ihrer Worte ein so klarer Ausdruck dessen, was sie warm empfand. Während man las, glaubte man ihre Stimme zu vernehmen: eine heitere, entschlossene Stimme.
Schon wollte Erik die Mappe schließen und an ihren frühern Platz legen, als ihm noch ein Brief Ruths in die Augen fiel. Vor vielen Wochen geschrieben und durchaus nicht gefühlsmäßigern Inhaltes als die übrigen, — auch, gleich den übrigen, ohne Anrede und ohne andern Abschluß als »Ruth«. Aber auf der letzten Seite, da hatte sie sich verschrieben: da stand einmal »Du«, anstatt »Sie«.
Sie hatte den kleinen Verräter energisch ausgestrichen und das ihm beigefügte Zeitwort umkonjugiert. Aber am Rande der Seite war's treuherzig bekannt: »Ich habe ›Du‹ gesagt, ich wollte aber ›Sie‹ sagen.«
Erik schaute nie in die Mappe hinein, ohne an dieser Stelle hängen zu bleiben, — und er schaute oft hinein.
Diese eine Silbe war ihr einziger wirklicher Gruß an ihn. Mündlich würde sie sich schwerlich je versprochen haben. Sie bedurfte dessen nicht. Sie hatte »Du« zu ihm gesagt, an jedem Tage, in jeder Stunde fast, mit Blick und Ton und Miene. Jetzt erst ward es zum verständlichen Wortlaut, unwiderstehlich: ein Ersatz für alle wortlose Nähe.
Erik schob die Briefe von sich; er wollte arbeiten. Arbeiten, — nur nicht dieses unnatürliche, vollständig entnervende Hinleben in Gefühlen und Gedanken, — dieses unsichere Tasten ins Blaue, in die Ferne, mit dem Verzicht darauf, zu handeln. Wie leicht war dagegen selbst die Trennungszeit für ihn gewesen: innerste, angespannteste Aktivität bis zur letzten Sekunde, aufs höchste gesammelte und gesteigerte Kraft: für Ruth.
Nun der Rückschlag. Nachlassen, — gehen lassen. Es machte ihn fast krank.
Und er arbeitete Stunde um Stunde, bis eines der blauen Schulhefte nach dem andern mit den notwendigen roten Tintenstrichen durchsetzt war.
Dann erst lehnte er sich müde in seinen Stuhl zurück. Und wieder las er, mit immer neuen Kommentierungen, an der einzigen Silbe »Du«. —
Der nächste Tag brachte draußen die erste echte Frühlingsstimmung. Ein tiefblauer Sonnenhimmel strahlte über den kahlen Bäumen. Noch zog sich am Rande der Kieswege, schmal und vergraut, eine durchlöcherte Schneekruste hin, aber aus dem toten Gras hoben sich schon frisch die saftgrünen Hälmchen, und an den Birkenzweigen hingen seit Wochen, geduldig wartend, längliche braune Knospenzipfel. Der Wiesengrund hinter dem Garten stand ganz unter Wasser und spiegelte blinkend Himmel und Sonne wieder; vereinzelte zersplitterte Eisschollen trieben darin umher.
Erik hatte, wie jetzt fast immer, den ganzen Tag in der Stadt zu thun; neben seinem Schulunterricht noch den freiwillig erteilten, den er, mit sich daran anschließenden Vorträgen, in diesem Winter durchführte: teils in seiner Stadtwohnung unter Beteiligung Erwachsener, teils in einem leerstehenden Klassenzimmer der Mädchenschule.
Diejenigen, die sich hier einfanden, gehörten ebenfalls der Schule nicht mehr an, oder doch fast nicht mehr. Man konnte es den Gesprächen entnehmen, mit denen sie ihn meistens erwarteten. Es wurde nicht mehr von Phantasieereignissen gesprochen, sondern von Bällen und Gesellschaften und von Anbetern, die wohl nicht mehr in der bloßen Einbildung existierten. Von Schulangelegenheiten niemals, wenn nicht etwas ganz Sensationelles vorfiel, wie heute morgen, wo ein kleines Mädchen beim Frühgebet im großen Schulsaal umgefallen und liegen geblieben war, — ein Fall von Epilepsie. Es hieß, das bloße Ansehen wirke ansteckend, nichtsdestoweniger hatten die meisten, wie gebannt, auf die Zuckende hingestarrt, welche, Schaum an den Lippen, vor ihnen lag.
Mitten in das Gespräch darüber kam, als die Späteste, und mit einem unterdrückten Gähnen, die hübsche Wjera mit den kecken dunkeln Augen. Sie war seit der Zeit ihrer Backfischstreiche noch hübscher geworden.
»Bist du auch wieder da?« rief Eriks fleißigste Schülerin sie an, »ich möchte wissen, wozu? Ob es dir wohl angenehm ist, daß er immer nur Spott für dich hat?«
»Und Lob für dich; da ziehe ich mein Teil vor,« erwiderte sie mit Ueberzeugung; »laß ihn nur spotten, das thut ihm gut, er ist bei schlechter Laune. Glaubst du, daß dein Fleiß ihn beglückt, mein geliebtes Gänschen?«
»Mehr als fleißig sein kann niemand,« bemerkte eine, die in Erwartung des Kommenden auf dem Fensterbrett saß und häkelte.
Wjera lachte boshaft: »Nun, er könnte noch allerlei andres schmerzlich vermissen, — zum Beispiel Verstand. — — Lieber Gott, was kann es nützen, sich so anzustrengen?«
»Warum bleibst du denn nicht weg? Du wolltest ja haben, was Ruth hatte, — du am meisten.«
Wjera saß nachlässig hingegossen, die Arme längs der Banklehne ausgestreckt, und schielte seitwärts in den kleinen Handspiegel, den jemand in der Nähe des Fensters angebracht hatte, und der immer umstanden war.
»Ich glaube nicht daran, daß er mit uns so ist wie mit Ruth,« murmelte sie; »es wäre der reine Betrug. Entweder hat Ruth uns gefoppt, — oder wir sind — dumm. Glaubt ihr etwa, Ruth meinte das, als sie so außer sich vor Entzücken sagten ›O — — dahinter gibt es das ganze Leben?‹ Wir stehen noch vor der Mauer, — wie eine Hammelherde.«
»Na, so geh doch hinüber.«
»Ich werd' auch,« versetzte Wjera kurz, — »noch heute. Wollt ihr? Mit einem Satz! Aber daß ihr nicht schreit! Ihr könnt ja nachspringen.«
Im Nu drängten sie sich um sie, brennend vor Neugier.
»Was wirst du thun?!«
Sie erwiderte nichts. Sie hob nur das Gesicht ihnen entgegen und spitzte den Mund ein wenig.
»Ein Kuß?!«
Sie schrieen jetzt schon.
Da trat Erik herein. Er bemerkte, daß sie zerstreut waren, beachtete es aber nicht. Wjera las vielleicht ganz richtig in seinen Augen: »Wie eine Hammelherde.« Er vermißte Ruth unter ihnen, nicht weil er sie liebte; er vermißte sie, weil sie ihn fortwährend angeregt, fortwährend seine Geistesgegenwart verlangt hatte. Für sie mußte er auf der Höhe seiner selbst stehen, um niemals fehlzugreifen.
Das war hier unnütz.
Nach kurzer Zeit erhob sich Wjera und ging, ein Blatt Rapier in der Hand, auf Erik zu.
»Sollte es möglich sein?« fragte er sarkastisch, indem er annahm, sie wolle ihm eine Arbeit vorlegen, »es wäre das erste Mal.«
Sie stieg die beiden Stufen zum Katheder hinauf und beugte sich zu ihm, — so tief, daß er aufsah. Bei dieser Bewegung seines Kopfes berührten sich fast die beiden Gesichter.
Da durchgellte ein Schrei die Klasse, einstimmig. Sie hatten's nicht aushalten können.
Aber gleich darauf folgte ein zweiter, ganz anders im Ton: Wjera war, kaum daß der Schrei erscholl, hintenübergestürzt.
Erik selbst gingen Ursache und Wirkung durcheinander, ob der erste Schrei vorherging, ob er folgte, — ob sie sich niedergebeugt, weil sie im Stürzen war. — Er hatte auch vom Fall im Schulsaal gehört, und jetzt ergriff die Erinnerung daran die Mädchen mit kopflosem Entsetzen.
Die meisten sprangen auf, einige sprangen im plötzlichen Schreck auf die Bänke, — auf das Fensterbrett.
Erik brach sich Bahn. Er hatte die wie leblos Daliegende auf seine Arme gehoben und trug sie hinaus.
Als er raschen Schrittes den Gang entlang dem nächsten leeren Zimmer zuging, kam Leben in sie. Der ganze weiche, geschmeidige Körper bewegte sich, als strebe er, erzitternd, sich an ihn zu schmiegen; ihr Atem flog; wie um sich zu halten, schlang sie den Arm um seinen Nacken, und jetzt — jetzt fühlte sie deutlich, wie es ihn heiß überlief.
Blitzschnell, eh' er's nur gewahr wurde, hatte sie ihren Mund auf seine Lippen gedrückt.
Aber in der nächsten Sekunde fand sie sich schon auf ihre Füße gestellt — hart, so plötzlich, daß sie fast zusammengestürzt wäre. Eine sinnlose Wut überfiel ihn. Wie ein Bild stand vor ihm der Augenblick, wo er Ruth, wie ein lebloses Kind, in seinen Armen auf ihr Bett getragen.
Er ergriff die verblüffte Spitzbübin beinahe brutal beim Handgelenk und zwang sie die wenigen Schritte bis an die hohe Flügelthür, die den Hallengang gegen das Treppenhaus hin abschloß. Er stieß die Thür auf.
»Hinaus. Ohne Wiederkehr,« sagte er kurz.
Sie errötete und erblaßte. Sie ging nur langsam hinunter, Stufe für Stufe, und hielt sich am Geländer. Was würden die andern in der Klasse wohl denken, wenn sie nie wieder kam? Daß er ihr über die Mauer geholfen habe? Ja, gründlich. Mit einem Satz.
Und das Schlimmste: sie hatte eine gehörige Beule weg, gerade vorn an der Stirn. —
Erik gab sich Mühe, bei der Rückkehr in seine Klasse, der Stimmung Herr zu werden, die ihn peinigte und niederschlug. Er hatte sich jedesmal gewundert, den bildhübschen Nichtsnutz mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit noch auf ihrem Platz dasitzen zu sehen, und dennoch fest entschlossen, nichts zu lernen. Er hatte sich auch ein wenig gefreut. Weil sie ein kluges Ding war, voll Mutterwitz und Phantasie. Er wußte jetzt, von was für einer Art von Phantasie.
Aber lag es nicht an ihm? War es nicht an ihm, allen diesen jungen Menschen unausweichlich die Richtung zu geben? Auswüchse auszuschneiden, Fehlendes zu ergänzen, Schlummerndes zu wecken? Er hatte sich seiner Aufgabe wohl mit seinem Willen hingegeben, aber nicht mit seinem Herzen. Und kein noch so guter Wille vermochte sein mächtigstes Erziehungsmittel zu ersetzen: das war die Frische und Fülle der Stimmung, deren immer bereites Interesse sich auch noch in das Geringste eingrub, suchend, lockend, verständnistief. Und er bedurfte dessen ganz besonders. Denn seine Vorzüge wie seine Schwächen als Lehrer bestanden darin, daß er seine Persönlichkeit und seinen Unterricht nicht zu trennen wußte; gelang es ihm nicht, sich selbst zu geben, so mißlang ihm alles. —
Am Thorweg des Schulgebäudes wartete Jonas auf den Vater. Sie fuhren zusammen nach Hause aufs Land.
Im Eisenbahnwagen sagte Jonas: »Mama spricht jetzt immer davon, daß sie bald verreisen muß. Sie kann doch nicht so früh im Jahr ins Bad reisen?«
»Ich weiß noch nicht. Vielleicht wird es wünschenswert sein. In Deutschland ist es ja nicht mehr so früh im Jahr. Dagegen spricht nur, daß ich sie jetzt noch nicht selbst hinbringen kann. Das müßtest du dann thun, Jonas. Und sie würde Gonne mitnehmen.«
»Wenn ich Medizin studieren werde,« bemerkte Jonas nach einer Pause, »dann wird es mir immer vor Augen stehen, das Wunderbare, daß es mit Mama besser geworden ist. Ich denke mir: Arzt zu sein, und ein einziger solcher Fall, — das muß auf alle Lebenszeit einen glücklichen Menschen machen.«
»Du bist ein guter Kerl, Jonas. — Ich hätte übrigens nicht gedacht, daß du speziell ›Medizin‹ wählen würdest. Ich dachte: Naturwissenschaften.«
»Ja, ich selbst auch, — früher. Am liebsten Zoologie. Aber es ist eine so ungewisse Zukunft damit. Ein Arzt findet überall sein Brot.«
»Das ist richtig. Aber das allein Ausschlaggebende dürfte es nicht sein. Es kam immer noch auf die Stärke der besondern Neigung und Befähigung an. Wenigstens für dich. Das andre war dann meine Sache.«
»Ich möchte aber so früh als es geht unabhängig werden, Papa. Selbständig.«
»Ist es dir so unangenehm, dich von mir abhängig zu wissen, mein Junge? Es ist nur dein gutes Recht. Noch lange. Ich will nicht, daß dir deine Studien durch irgend etwas verkürzt oder eingeschränkt werden.«
Den Rest der Fahrt schwiegen sie. Jeder blickte, in seine eigenen Gedanken vertieft, zu einem andern Fenster hinaus.
Zu Hause, über dem Garten, dunkelte es schon. Aus dem Wohnzimmer blinkte Licht. Der späte Mittag, der jetzt in den Abend fiel, wartete auf sie.
Erik legte beim Eintreten eine Handvoll blaßblauer Fliederzweige auf den Tisch. Er hatte sie in einer Hülle von Seidenpapier mitgebracht.
»Aber, Erik!« sagte Klare-Bel vorwurfsvoll, während sie doch vor Freude errötete, »etwas so Kostbares und Ueberflüssiges! Im russischen April!«
»Ueberflüssig?« Er ordnete die langen Stiele geschickt in einem geschliffenen Kelchglas. »Der Frühling ist doch nicht überflüssig. Und ich meinte: in einem Landhause müßte er wenigstens drinnen sein, wenn er schon nicht draußen ist.«
Ihre Augen füllten sich langsam mit Thränen; sie schlug sie nieder, damit er es nicht sähe. Der Frühling war ja drinnen eingekehrt, ihr Frühling, auf den sie gewartet hatte, wie auf eine Lebenserneuerung gerade für Erik. Aber dieser Frühling war blumenlos und frostig geblieben.
Nein, das war ungerecht. Ungerecht gegen ihn, dem sie ihre Genesung dankte: abbittend blickte sie Erik verstohlen an. Aber das mußte sie ja sehen: er ertrug kaum die Trennung, — die Trennung von Ruth. Solange Bel ihn glücklich gesehen, war sie arglos und sorglos geblieben. Jetzt aber lag es auf ihr, bei Tag und bei Nacht.
»Hast du Ruths gestrigen Brief schon beantwortet?« fragte sie nach einer Pause.
»Ja. Noch nicht völlig beendet,« erwiderte er.
Sie zog den Flieder zu sich heran und vergrub ihr Gesicht in den duftenden Dolden.
»Da war doch, — ist der junge Russe noch immer da, den sie so gern haben?«
»Jurii? Ja. In den jetzt angehenden Ferien sollte er sogar, glaub' ich, eine kurze Zeit bei ihnen wohnen, — draußen am Schloßberg. Sie wollten allerlei zusammen unternehmen. Römer hält viel von ihm.«
Eine kleine Pause entstand.
»Wie alt ist er eigentlich, Erik?«
»Ungefähr zweiundzwanzig Jahre, glaub' ich.«
»Und gänzlich unabhängig, nicht wahr? Es handelt sich für ihn nicht um ein Brotstudium?«
»Nein.«
Erik blickte auf, ein flüchtiges Lächeln um den Mund. Auf den jungen Russen eifersüchtig, — nein, das war er unter keinen Umständen.
»Eine echt weibliche Kombination, Bel. Du dachtest schon an Brautkranz und Schleier, nicht wahr? Aber dafür, daß Ruth rasch mit ihm vertraut geworden ist, liegt ein andrer Grund vor: er ist ihr nicht fremd. Er kennt ihren Onkel hier. Hat einmal früher mit seinen Eltern dort verkehrt, — mit ihr gespielt, als sie acht und dreizehn Jahre alt waren.«
Sie lehnte den Kopf zurück.
»Es ist nichts,« dachte sie, »es kann nicht sein. Sonst müßte — müßte er eifersüchtig sein. Trotz seinem starken Selbstvertrauen. Jugend sucht Jugend.«
Nach einiger Zeit sagte sie bittend: »Erik! Du mußt nicht böse sein. Ich habe einen so großen Wunsch.«
»Einen so schlimmen, Bel? Nun, heraus mit ihm.«
»Ich wünsche so sehnlich, — ich möchte so sehr gern, nur ein einziges Mal, — lesen, was du an Ruth schreibst.«
Er antwortete nicht. Er stand auf und ging aus dem Zimmer. Gleich darauf kehrte er zurück, den fast beendeten Brief in der Hand.
»Du kannst es jedesmal lesen, Bel, wenn du willst.«
Ihre Augen strahlten ihn so dankbar und beglückt an, daß er den Blick nicht aushielt. Er sah hinweg.
Es war ihm eine Pein, sie dasitzen zu sehen, — lesen zu sehen. Am liebsten wäre er hinausgegangen.
Er trat an das Fenster und schaute in die Dunkelheit.
Aber das Fensterglas höhnte ihn. Was es wiedergab, war noch einmal das Zimmer, mit der Lampe auf dem Tisch, den zarten Fliederzweigen und der lesenden Frau im Lehnstuhl.
Klare-Bel ließ den Brief sinken. Sie sah betroffen aus.
»Wie seltsam, Erik,« sagte sie, »— ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du so an Ruth schreibst.«
»Ich glaube ihr nicht anders zu schreiben, als ich zu ihr gesprochen habe,« entgegnete er.
»Es mag ja sein. Aber dann kam wohl noch allerlei hinzu, was nur im Mündlichen liegt. Dein ganzes Wesen kam hinzu. Du bist ja so jung und frisch im Wesen, Erik.«
»Nun, — und?«
Er wandte sich um. Gewiß fand Ruth seine Briefe ebenso »entsetzlich nüchtern,« wie er die ihren. Nur aus einem andern Grunde: sie konnte nicht ihr Inneres aussprechen, — und er durfte nicht.
»Ja, — nun, — ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, Erik. Aber in dem Brief da bist du wie ein ehrwürdiger alter Mann, mit langem weißem Bart und Haar, — ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstehen.«
Es durchzuckte ihn. Er mußte an Ruths Wort denken: »Wie Gott.«
Eine Fülle widerstreitender Empfindungen wühlte es in ihm auf. Was für ihn wie für Ruth diesen Briefwechsel nüchtern machte, — im lebhaftesten Plauderton noch kalt und stumm, — das mochten wohl zwei ganz entgegengesetzte Gefühle beim Lesen der Briefe sein.
Für ihn war's ein Abzug am Vollen, Menschlichen ihrer Persönlichkeit, ihres innersten Wesens, das in Worten nur seine Oberfläche zu zeigen vermochte. Für sie war's vielleicht ein Zusatz zu seiner menschlichen Persönlichkeit, eine Verklärung derselben: er hatte ihr ja auch mündlich sein innerstes Wesen verschweigen müssen, und gerade das idealisierte sie sich nun vielleicht aus seinen geschriebenen Worten, — »ungefähr so, wie die Kinder sich den lieben Gott vorstellen.«
Daher war ihm auch nie von selbst das Bedenken gekommen, sie könne an seinen Briefen ebensoviel auszusetzen haben, wie er an den ihren. Denn er hatte gefühlt: in seinen Briefen ergriff sie seine Hand und ging an derselben vertrauensvoll ihren Weg. Gehorsam — froh. Denn sie litt doch nicht? Nein, das that sie gewiß nicht.
Man hatte sie dort mit einem Leben umgeben, das sie unausgesetzt anregen, bereichern, entwickeln mußte, — sie beglücken und sie erfüllen. Und mit ihrer unbegrenzten Empfänglichkeit stand sie mitten in diesem Leben, — wie mit weit ausgebreiteten Armen.
Nein, sie — sie litt nicht.
Auch Klare-Bel war verstummt. Wieder hing jeder seinen eigenen Gedanken nach, und wieder wurde es heute ein schweigsames Abendessen. Wie sie da zu dreien bei einander saßen, eng zusammen, in herzlicher Neigung verbunden, blieben sie doch einander so weltenfern entrückt, daß keiner von ihnen teil hatte an der stummen Welt des andern.
Als nach dem Essen Erik sein Zimmer nicht wieder verließ, setzte Jonas, ohne Schularbeiten, sich zur Mutter.
»Wenn Papa nicht da ist, muß ich ihn ersetzen,« versicherte er, »kann ich dir nicht schon bald fast dasselbe sein wie Papa? Einen guten Kopf größer als du bin ich doch schon, meine kleine Mama.«
Sie sah ihn mit einem tiefen, stillen Blick an, den er nicht verstand. Dann streckte sie ihm über den Tisch ihre Hand hin.
»Mein lieber Junge. Ja, mir kannst du bald — viel sein. Wirst du es auch nicht vergessen, später, über all dem Studieren? Du mußt mir viel — viel Freude machen, Jonas.«
»Ich werde dir ganz ungeheuer viel Freude machen, Mama,« erklärte er treuherzig, »das werde ich ganz bestimmt. Denn ich werde etwas ganz Ausgezeichnetes werden. Das muß ich.«
»Freust du dich sehr auf das ungebundene, neue Leben draußen?«
»Auf draußen, — ja. Aber das mit dem ungebundenen Leben finde ich gar nicht so schön. Ich finde es viel schöner so, wie Papa es gehabt hat.«
»Wie denn, mein Kind?«
»Nun, doch so ganz gebunden, Mama. Mit dir zusammen. Das kann ich mir nämlich so wunderschön ausmalen. Fast als ob —. Eine Studentenstube, — ganz klein braucht sie ja nur für den Anfang zu sein, und an den Wänden Bücher, und auf dem Tisch eine Kochmaschine zum Selbstkochen. In der Ecke ein schönes Skelett und am Fenster viele Blumen. Da sitzt die Frau mit dem Nähzeug. Und bei den Büchern, da sitze ich, — ich meine: sitzt Papa.«
»Ganz so war es wohl nicht. Nicht so eng. Für Blumen und Kochmaschinen und Nähzeug schwärmte Papa nicht sehr. Und wenn er bei den Büchern war, dann mußte er in seinem Zimmer allein sein. Da warst nur du bei mir. In einer kleinen Wiege.«
»Eine kleine Wiege?«
Jonas wurde ziemlich rot. An dieses Stück der Zimmereinrichtung hatte er noch gar nicht gedacht. Er sagte etwas befangen: »Nun ja. Aber wenn du auch nur nebenan gesessen hast, so war es doch das, was ihn fleißig machte. Und eben das denke ich mir so herrlich beim Studieren, wenn man's für jemand thut, den man so über alles lieb hat.«
»Das sage du Papa lieber nicht. Das würde ihm vielleicht mißfallen. So hat er es mit seinen Studien und Plänen wohl nie gemeint. Er war so ganz anders, als du bist, Jonas. Aber unendlich gut und klug war er. Und als er anfangen mußte, sich ums Brot zu plagen, und es mich grämte, da lachte er mich so herzlich aus und sagte: ›Laß gut sein, Bel, ich hab' ein Mittel, ein Zaubermittel, um frisch zu bleiben, — mag es noch so viel Plage geben, — frisch für meine Ziele: das Mittel bist du, Bel‹. Ja, so sagte er.«
Jonas schwieg. Er wollte den Vater nicht vor seiner Mutter herabsetzen, aber in diesem Punkte fühlte er sich ihm weit überlegen.
»Man kann noch tausendmal mehr lieben!« dachte er im stillen.
Klare-Bels Gedanken aber träumten sich, schmerzlich und beglückt, in die Zeit ihrer Studentenehe zurück. Sie sah alles vor sich, als habe sie es eben erst verlassen, und durchwanderte jeden Winkel, der ihr Glück beherbergt hatte. Sie sah auch die Stube, wo er über seinen Arbeiten saß, und sie ihn leise, — ganz leise mußte es sein, — umsorgte. Aber gerade dieses Bild verwischte sich ihr, wurde undeutlich wie vor Thränen. An Eriks Stelle saß ein andrer, — saß Jonas; — und immer wieder, mit einem dumpfen Zukunftsgrauen, erblickte sie sich allein, — allein mit dem Sohn.
Die Nacht lag Klare-Bel wach, und als sie gegen Morgen einschlummern wollte, schreckte der Gedanke sie auf, als müsse sie über irgend etwas angestrengt und mit Schmerzen nachgrübeln.
Am folgenden Tage fielen die Schulstunden aus; irgend einer der zahlreichen griechischen Kirchenheiligen wurde gefeiert. Erik setzte sich am Vormittag mit einigen Büchern und Papieren ins Wohnzimmer, wo, in der Nähe des Kaminfeuers, ein Schreibtisch für ihn improvisiert worden war. Draußen stöberte ein ganz feines Schneewetter aus ein paar finstern Wolken, hinter deren blau-schwarzem Rande die Aprilsonne neckend bereits wieder hervorlachte. Hell und dunkel glitt es über das Zimmer hin.
Klare-Bels Augen hingen mit einem wehmütigen Ausdruck am Arbeitenden. Heute morgen wollte sie ihn fragen. Sie hielt es nicht länger aus. Wie hatte sie nur denken können, seine Briefe würden ihn ihr verraten? Denn Ruth war ja noch so ganz unbewußt gewesen. Zu ihr konnte er nicht offen sprechen. Daher gerade der auffallend zurückhaltende Ton. Vor ihr verbarg er sich — befangen und mühsam.
»Wo steckt Jonas eigentlich?« fragte Erik, über seine Ausarbeitungen gebeugt.
»Jonas ist nun doch wieder zur Stadt gefahren. Er wollte so gern seinen Freund besuchen.«
»Hoffentlich doch nicht, um wieder zu arbeiten, — mit dem Freunde?«
»Vielleicht. Laß ihn, Erik. Ist er nicht ausgezeichnet geworden?«
»Ja. Höchstens zu ausgezeichnet. Er hat viel vor sich gebracht, das muß man dem Jungen lassen. Sowohl was seine Fähigkeiten wie seine Ausdauer betrifft, hat er meine Erwartungen im letzten Halbjahr weit übertroffen.«
»Nicht nur das. Er ist dabei so verständig geworden. Ihm steckt kein Unsinn im Kopf. Keine Kindereien.«
»Ja. Gerade das mißfällt mir. Dafür ist er zu jung. Wenn er nur nicht eng wird. Mit siebzehn Jahren muß man nicht Philister sein.«
»Ach, Erik, wenn er nur brav wird.«
»Das kann er immer noch. Zunächst soll sein Temperament heraus! Heidelberg wird ihm gut thun, denke ich, und Römers Einfluß. Man muß sorgen, daß er sich frei bewegen kann. Weder Zeit noch Geld darf ihm knapp zugemessen werden.«
»Wie gut er ist!« dachte Klare-Bel, »ja, in solchen Dingen ist er immer unendlich gut gewesen. Würde sich plagen für den Jungen, damit der lernen kann, zu genießen.«
Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Eriks Gedanken liefen voraus, dem Herbst entgegen, wo Jonas nach Heidelberg abging. Allerspätestens dann mußte er Ruth wiedersehen, sie sprechen. Vielleicht aber schon früher. Wenn Klare-Bel so ins Bad reiste, daß er sie mit Beginn der Sommerferien in Deutschland abholen konnte.
»Erik!« sagte eine Stimme neben ihm.
Er sah zerstreut auf. Seine Frau stand am Schreibtisch — ohne ihre stützenden beiden Stöcke. Sie hatte sich selbständig erhoben und war durch das ganze Zimmer zu ihm hingegangen, — allein.
Sie hatte es heimlich geübt, mehrere Tage.
Erik vermochte nicht gleich aus seinen Gedanken herauszukommen. Er blickte sie nur fragend an, ohne zu beachten, was ihn überraschen sollte.
Er bemerkte es nicht.
Auf Klare-Bels Lippen erstarb ein Lächeln.
»Ich wollte dir nur zeigen, was ich kann,« sagte sie, mit einer gewaltsamen Anstrengung, es unbefangen zu sagen.
Aber es mißlang. Sie erblaßte. Und plötzlich schwankte sie und glitt dem erschrocken Aufspringenden in den Arm.
Er führte sie langsam zu ihrem Lehnstuhl, besorgt, über sie gebeugt. Jetzt war er ganz bei ihr.
»Ist dir besser?« fragte er herzlich und zog sich einen der niedrigen Polstersessel vom Kamin heran, »die Selbständigkeit bekommt dir schlecht, meine arme Bel.«
Sie sah den Scherzenden mit einem langen, stillen Blick an.
»Ich muß sie doch lernen, Erik!« entgegnete sie doppelsinnig.
Sie lehnte den Kopf müde zurück und schloß die Augen. Und so, mit geschlossenen Augen, während er ihre Hand festhielt und leise streichelte, sagte sie: »Siehst du, — ach, Erik, es war ja gewiß recht kindisch. Aber siehst du, — hierauf hab' ich mich ja schon so lange gefreut. Auf deine Freude, — wenn ich einmal so zu dir käme, — ohne Stütze, auf eigenen Füßen. Es war so kindisch. Aber nun ist mir aller Mut abhanden gekommen, dich zu fragen, Erik.«
»Wonach wolltest du mich fragen, Bel?« Er sprach mit gepreßter Stimme, gedämpft, wie immer, wenn er eine Erregung niederhielt.
»Ja, Erik, ich dachte: wenn du dich nun so freutest, und mich in die Arme schlössest, — nicht wie jetzt, weil ich fiel, sondern weil ich stand, aufrecht neben dir stand, — dann wollte ich dich fragen, — ganz leise wollte ich dich fragen, — ach, Erik! ich kann es nicht mehr.«
Er faßte ihre beiden Hände in die seinen und blickte durchdringend, mit gespanntester Aufmerksamkeit in das erblaßte Gesicht mit den fest geschlossenen Augen. Sein Herz schlug hart gegen die Brust.
»Ich will es dir sagen, Bel!« erwiderte er fest, ohne den Blick von ihr zu lassen, »wenn es dich gequält hat, dann muß es sein. Hast du den Mut, es zu hören? Willst du es?«
Sie schlug ihre Augen auf, — hilflos, thränengeblendet, — hilflos wie ein gestelltes Wild vor dem Schuß.
»Erik!« stieß sie flüsternd heraus, und das Entsetzen vor seiner Antwort vergrößerte ihre Augen, »— Erik, liebst du sie?«
Da beugte er den Kopf tief nieder auf ihre Hände.
»Ja, Bel,« sagte er laut.
In demselben Augenblick durchflutete ein so breiter Sonnenstrom das ganze Zimmer, daß Klare-Bels Lider sich unwillkürlich davor schlossen, in einem abergläubischen Erschrecken, wie wenn der Himmel selbst Zeugnis ablegen wollte für Eriks Liebe. Blau lachte es herab, und wie ein blitzendes Goldnetz von Tauperlen blinkten die rasch zerronnenen Schneefederchen über dem Garten. So warm spielten die hellen Sonnenstrahlen über den Fliederstrauß am Fenster hin, als sei er draußen vom Strauch geschnitten.
»Dunkel,« bat Klare-Bel leise, »— ich möchte auf mein Bett, — mach's dunkel.«
Er hob sie aus dem Stuhl und legte sie in ihrem anstoßenden kleinen Gemach auf ihr Bett, hinter welchem er die Fenstervorhänge aus den Klammern löste und zuzog.
Sie suchte nach seiner Hand.
»Die Briefe, Erik, — wie du ihr geschrieben hast, — war es lauter Verstellung? Oder hast du ihr — hast du nicht auch anders geschrieben? Niemals?«
»Ich habe ihr auch anders geschrieben, Bel. Ganz anders. Jedes einzige Mal, daß ein solcher Brief an sie abging. Aber es war nur für mich allein. Sie hat's nie gelesen.«
»Du hast es nicht abgeschickt? — Hast du diese Briefe noch, Erik?«
»Nein. Ich habe sie jedesmal, sobald sie geschrieben waren, vernichtet.«
»Wozu hast du es dann nur gethan, Erik?«
»Es half mir.«
Fast hätte er hinzugefügt: »Ich liebe sie ja, Bel! Ich liebe sie! Ich mußte zu ihr sprechen.«
Nach einer Weile ließ Klare-Bel seine Hand los und sagte leise: »Und ich hatte keine Ahnung, — nein, keine Ahnung hatte ich, daß du sie um deswillen von dir gabst. Nun erst weiß ich es.«
Er richtete sich betroffen auf. Mißverstand sie ihn jetzt nicht? Meinte sie nicht, er habe Ruth von sich gegeben um ihretwillen? um Herr zu werden seiner Liebe?
Mußte er ihr die letzte, die tödlichste Kränkung zufügen: »Nicht an dich habe ich dabei gedacht.«
Ja, einmal mußte auch das sein. Aber mußte es heute sein? Alles heute? Litt sie nicht genug, — maßlos?
Er vermochte es nicht.
Da Klare-Bel nicht mehr zu ihm sprach, trat er von ihrem Bett zurück, an die offene Thür des Wohnzimmers.
Gräßlich war es, einen Wehrlosen niederzuschlagen mit der Faust. Das Mitleid überfiel ihn mit nie gekannter mitleidsloser Macht, — mit einem nie gekannten wehen, elenden Gefühl umkrallte es ihn.
Das Kaminfeuer knatterte hoch auf unter kurzen Windstößen; der Himmel hatte sich längst wieder verfinstert. Von neuem stäubte ein feiner Schneeschauer um das Fenster, — dasselbe Aprilspiel wie zuvor.
Erik warf gedankenlos eine Handvoll Tannenzapfen in die rote Glut, und ein schwacher Duft, den er liebte wie keinen andern, — ein Duft nach Wald und Weihnachten verbreitete sich in der Stube. Unwillkürlich dachte man sich den kahlen, kalten Garten im Winterfrost und einen geputzten Christbaum in der Zimmerecke.
Weihnachten, — — — auch in diesem Winter hatten sie den Baum geschmückt und sich um ihn geschart, aber zum erstenmal hatten sie sich wie drei arme Erwachsene gefühlt, die am Fest der Kinder leer ausgehen. Erik, der zu beschenken wußte, wie nur ein Knecht Ruprecht, und sich zu freuen, wie nur ein Kind, war karg, — war wortkarg geblieben.
Es kam ihm selbst sonderbar vor, daß sich sein Mitleid an lauter solche kleinen, kleinlichen Rückerinnerungen heftete.
Langsam begann er im Zimmer auf und ab zu gehen.
Nicht daß sie jetzt dalag und litt, — aber daß sie so lange — lange umsonst auf seine Freude gewartet hatte, in seinen Zügen nach Freude gespäht, all diese Monate hindurch, — das erschütterte ihn so tief. Genesen war sie, — wie ein strahlender Weihnachtsbaum hätte das mitten unter ihnen stehen sollen zu jeglicher Stunde, lichterblitzend, mit tausend neuen kleinen Freuden geschmückt. Und sie hatten sich nicht wie frohe Kinder darum geschart — —.
Klare-Bel lag noch immer und schwieg. Er mochte nicht zu ihr hineingehen, er mochte nicht fortgehen. Noch immer ging er auf und ab, wie ein Verurteilter.
Endlich kam Jonas. Die Stufen zur Terrasse sprang er herauf und hielt schon am Fenster zwei Briefe in der Hand hoch. Beim Eintreten in das Wohnzimmer warf er sie auf den Eßtisch.
»Wo ist denn Mama? Mehr war nicht in der Stadtwohnung im Briefkasten. Zwei an dich.«
»Mama ist nicht ganz wohl. Sie liegt auf ihrem Bett.«
Während Jonas ans Bett trat, leise, auf den Fußspitzen, griff Erik nach den Briefen. Der eine von Frau Römer, der andre von Warwara. Ohne zu wissen, warum, erbrach er Warwaras kurzes Billet zuerst: die Bitte, morgen bei ihr zu speisen; sie bäte um Nachrichten über Bels jetziges Befinden und wünsche auch, ihm eine Mitteilung zu machen; in etwa einer Woche verreise sie bereits ins Ausland.
Erik setzte sich an das Fenster und öffnete Frau Römers Brief. Ein längerer als sonst. Acht Seiten.
»Lieber Freund!
Heute schreibe ich in einer besondern Angelegenheit, die unsre Ruth betrifft. Aber erschrecken Sie nicht, denn erstens ist es nichts zum Erschrecken, und dann ist es auch noch keine Wirklichkeit, sondern vorläufig nur eine Möglichkeit.
Sie erraten wohl, daß es sich um Jurii handelt. Ich wußte wohl von seiner jugendlichen Schwärmerei für Ruth, ohne sie besonders zu beachten. Dergleichen ist am Ende kein Unglück für einen jungen Menschen. Jetzt aber glaube ich, daß er Ruth ernsthaft liebt, und daß er im Begriff steht, um sie zu werben. Dies ist nun von geringem Interesse für Sie, es sei denn, daß Ruth ihn wiederliebt. Dafür habe ich keinerlei stichhaltigen Beweise. Aber das Wunderliche ist, daß man nie ganz ergründen kann, was in Ruth vergeht, und wie sie in ihrem innersten Herzen denkt. Nie sah ich einen Menschen, der offener, nie einen, der verborgener gewesen wäre als sie. Offen: bewußt; verschlossen: unbewußt. Es ist, als führe sie, noch hinter allem andern, was sichtbar wird, ein geheimes Eigenleben für sich, von dem sie selbst nicht recht weiß, aus dem aber dennoch alle entscheidenden Gefühle und Gedanken bei ihr kommen. So könnte sie recht gut einmal sich selbst zur Ueberraschung handeln, — ihrer ganzen klaren, frischen, heitern Unbefangenheit zur Ueberraschung, — und gerade damit ihr eigentlichstes Selbst erst zum Ausdruck bringen. —
Aber nun zu Jurii. Ich kann über ihn nur Gutes, ja Vortreffliches mitteilen. Ich kann es nur in die Worte fassen: hätt' ich eine Tochter, — mir sollt's recht sein. Er ist brav, sympathisch, sehr begabt, ernst in der Richtung seines Wesens und seiner Interessen. Gänzlich unverdorben. Dazu kerngesund und ein bildhübscher Junge. Das ist viel auf einmal. Ueber Familie und Verhältnisse wurde Ihnen selbst schon das Beste bekannt. Seine große Jugend ist kein Fehler, da Ruth denselben mit ihm teilt, und da die Zeit ihn so gründlich heilt.
Aber glauben Sie, bitte, trotzdem nicht, daß meine Wünsche Ruth vorauslaufen, — auf Kupplerfüßen laufen. Ich wünschte nur, Sie rechtzeitig vorzubereiten, damit Sie überlegen, wie Sie sich zur Sache stellen wollen. Denn gegen Ihren Willen, — nein, auch nur ohne Ihren vollen Willen, — würde ja wohl Ruth nie etwas thun —«
Erik las nicht weiter.
Er überflog die nächsten Seiten: sie handelten nicht mehr hiervon.
Ruths Schweigsamkeit, — war sie doch gewollt, bewußt? Abkehr von ihm, eine stille Wandlung?
Er glaubte seinen eigenen erwachenden Zweifeln nicht. Aber sie kamen wieder. Hell und dunkel, Licht und Schatten glitt es über seine Gedanken hin, wie draußen.
»Aprilwetter, — in mir! um einen Knaben!« murmelte er im Zorn über sich; »in Angst um eine Aprillaune, — in Angst, in den April geschickt worden zu sein!«
Er war so zornig, so ungerecht als möglich, gegen sie, gegen sich selbst.
Beim Heraustreten aus dem Zimmer der Mutter sah Jonas den Vater über die Terrasse in das Schneegestöber hinausgehen.
Und Klare-Bel wollte ruhen, wollte allein sein.
So schlich er sich in seine Stube.
Als Erik nach ein paar Stunden nach Hause kam, bemerkte Gonne gegen ihn, die Frau habe sich zur Ruhe begeben, sie sei krank.
Erik ging zu ihr.
Sie saß aufrecht im Bett; auf dem Tischchen daneben lagen Bücher. Im Nachtjäckchen, ihre kleine Haube auf dem, wie zur Nacht, glatt zurückgestrichenen blonden Haar, sah sie ihm verwirrt und angstvoll entgegen. Als fürchte sie sich vor ihm. Als schäme sie sich vor ihm.
Er ertrug es nicht. Er beugte sich über sie, das Gesicht auf ihren Händen, und küßte diese.
»Bel, — Bel, — verzeihe mir.«
Sie gab sich Mühe zu lächeln; es war ein merkwürdiges, schwaches, kleines Lächeln, das dabei herauskam. Und nun wurde sie dunkelrot.
»Ach, Erik, — nicht so. Es ist mir zu — es ist mir so ungewohnt. Schrecklich ist es mir. Sprich nicht so zu mir.«
Er setzte sich neben sie, auf den Stuhl an ihrem Bett.
»Lasest du, Bel?« fragte er zerstreut, gepeinigt.
»Ja, Erik. Du mußt nicht böse darüber sein. Es sind so alte Bücher, — die alten, weißt du? Aber neulich fand ich einmal etwas, und das machte mich so glücklich. Das suchte ich mir heute auf. Es ist so schön zu lesen, Erik.«
Sie sprach rasch, befangen, wie ein verlegenes Mädchen.
Er blickte nieder auf die Bücher. Ein goldenes Kreuz auf dem einen. Und das andere. P. A. de Génestets »Laiengedichte«, — diese echt holländischen Lieder, in denen Trotz und Glaube, Trost und Zweifel sich seltsam genug mischen.
»Ich hatte sie so völlig vergessen, alle beide. Weiß selbst nicht, wie nur. — Wie gut, daß so etwas dableibt, ob man es auch vergißt. Sie waren so verkramt, und ganz staubig, als ich sie neulich fand. — Willst du mir die ›Laiengedichte‹ herreichen, Erik? Ein Lesezeichen liegt drin.«
Er schlug das Buch auf und reichte es ihr. Das Lesezeichen fiel dabei heraus.
»Höre nur, — Erik, — nur einige Verse, magst du? Auch du mußt es schön finden. Es heißt ›Peinzensmoede‹. Es sollte wohl heißen: ›Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben‹.«
Und sie las mit ihrer sanften Stimme: