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Sagenbuch des Erzgebirges

Chapter 199: 198. Der Wechselbalg.
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About This Book

Eine systematische Sammlung von Volkssagen und Legenden aus dem Erzgebirge, die geographische Grenzen, historische Besiedlung und die Entwicklung des Bergbaus als Kontext darstellt. Der Text führt mündliche Überlieferungen, Chroniken und verstreute Quellen zusammen, ordnet Spuk‑, Gespenster‑, Dämonen‑ und Schatzsagen sowie Wander‑ und Herkunftsmotive und erläutert, wie Einwanderungen und bergmännische Traditionen Erzählstoffe überregional verbreiteten. Ergänzt wird die Sammlung durch erklärende Einleitungen und Anmerkungen, die helfen, lokale Varianten und gemeinsame Motive zu erkennen.

»Legst Du mir meine Manneln (Knappen) ab,
So schneid' ich Dir Deine Mittel ab!«

Da sich jedoch der Bergherr an diese Drohung nicht kehrte, sondern unablässig darauf sann, immer mehr Maschinen in Anwendung zu bringen, trat endlich, nachdem des Berggeistes Langmut ein Ende genommen, die unglückliche Katastrophe ein, welche die gesamte Knappschaft schon längst befürchtet hatte. Es brach nämlich eines Tages der sogenannte tiefe Stollen, auch Schlickenstollen genannt, zusammen und ließ sich nicht mehr bewältigen. Alle angewandten Kunstgriffe, die Entsumpfung der nach Erz führenden Horizonte zu bewerkstelligen, erwiesen sich zwecklos; die Mittel waren und blieben abgeschnitten.

171. Der kleine Jäger auf dem Ochsenkopfe bei Bockau.

(Mitgeteilt von P. Mothes aus Bockau.)

Bei der alten Zeche auf dem Ochsenkopfe haben verschiedene Leute einen kleinen Jäger mit erdfahlem Gesichte gesehen. Derselbe ladet jeden, der ihm begegnet, zu einem Spiele ein, und wenn ihm dann der Betreffende folgt, so führt er ihn auf unbekannte Flecke, von wo aus derselbe sich nur schwer wieder zurecht findet.

172. Der Gevattersmann vom Greifenstein.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 40. Dietrich und Textor, die romantischen Sagen des Erzgebirges. I. 1822, S. 150. etc. Gießler, Sächs. Volkssagen. Stolpen (o. J.) S. 107.)

Vor langer Zeit lebte in Geyer ein armer Häuer, mit Namen Hans Geißler, der war blutarm und hatte ein schwangeres Weib und viele Kinder und wußte sich oftmals keinen Bissen Brot zu verdienen. Am größten aber war seine Not am Sylvesterabende, als die Niederkunft seines Weibes auf wenig Stunden nahe war und er weder eine warme Stube, noch sonst eine Erquickung, ja nicht einmal eine Wehmutter für sie hatte. Er eilte hinaus, eine erfahrene Muhme aus Günsdorf zu holen, verirrte sich aber bei dem gräßlichen Schneegestöber von dem Wege und kam, durch tiefe Wehen sich mühsam durcharbeitend, zuletzt an die Felsenschichten des Greifensteines. Erschrocken wollte er umkehren, als der Berggeist ihm erschien und mit freundlichem Blick ihn also ansprach: »Eile, glücklicher Vater! Gott hat Dein Weib mit drei holden Knäblein gesegnet! Wenn Du nichts dawider hast, will ich Dein Gevatter sein!« Da verließ Hansen die Furcht und er antwortete: »In Gottes Namen magst Du mein Gevatter sein, aber wie thue ich Dir die Stunde der Taufweihe kund?« Wie nun der Berggeist lächelnd sagte, daß er ohnedem kommen würde zur rechten Zeit, da verließ sich Hans darauf und eilte heim. Sein Weib hatte ihm drei holde Knäblein geboren.

Am andern Tage, als alles zur Taufe bereitet war, da ließ auch der Gevattersmann vom Greifenstein nicht auf sich warten. Er erschien in Häuerkleidung und übte das fromme Werk mit inniger Andacht; als die heilige Handlung vorüber war, da schenkte er Hansen einen Schlägel und ein Eisen und sprach: »Lieber Gevatter, bete und arbeite! Wo Du mit diesem Gezäh einschlägst, da wirst Du reiche Ausbeute finden, und dann denke allemal an Gott und Deinen Gevattersmann.« Darauf verschwand er; seine Worte aber trafen ein. Hans ward ein reicher Mann und soll die Siebenhöfe bei Geyer gebaut haben.

173. Das Geschenk des Holzweibchens.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 105.)

Die Holzweibchen sollen kleine zwerghafte Wesen gewesen sein, die sich in verschiedenen Wäldern des Joachimsthaler Bezirks aufhielten.

Ein Holzhauer setzte sich einmal zur Mittagszeit auf einen gefällten Baumstamm und verzehrte sein hartes Brot. Da kam aus dem Gebüsche ein altes Holzweibchen, füllte den Hut des Mannes bis an den äußersten Rand mit Holzspänen und verschwand. Alsbald sprang der Holzhauer, welcher diesem harmlosen Treiben ruhig zugesehen hatte, auf und schüttelte die Späne aus. Als er abends zu Hause den Hut abnahm, fiel klingend ein Stück Gold zur Erde, welches die Form eines Spanes hatte. Einer der Späne, die das Holzweibchen dem Holzhauer geschenkt und die er weggeschüttet hatte, war im Hute hängen geblieben und zu Gold geworden.

174. Die Waldweibchen bei Pobershau.

(Nach Mitteilung des Sem. Richter.)

Ungefähr zehn Minuten von Pobershau und nicht weit vom Walde zeigt man auf der sogenannten Amtsseite das Burkhardtsloch. Hier sollen vor vielen Jahren Waldweibchen oder wilde Weibchen gelebt haben, welche sehr gutmütig waren und oft armen Leuten in ihrer Not halfen. Deshalb werden sie noch heute in der Gegend, so oft man von ihnen erzählt, »Feen« genannt.

175. Das Holzweibel auf dem Spitzberge bei Preßnitz.

(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 56.)

Auf dem großen Spitzberge bei Preßnitz haben sich ehedem Holzweibel aufgehalten. Sie sind aber fortgezogen, als die Bewohner der umliegenden Orte anfingen, die Knödel im Topfe zu zählen. Nur ein Holzweibel blieb zurück, führte aber gegen die Menschen nichts Gutes im Schilde, weshalb man ihm aus dem Wege ging. Dem aber, der ein gutes Sprüchlein konnte oder ein Stückchen geweihte Kreide oder »Charsamstagskohle« bei sich führte, konnte es nichts anhaben. Ältere Bewohner von Preßnitz beschrieben es als von winziger Gestalt, mit einem Körbchen auf dem Rücken und einem Rührlöffel in der Hand.

176. Ein Holzweibel flüchtet vor dem Teufel.

(Edw. Heger a. a. O., S. 83.)

Ein Gebirgsholzhauer in der Gegend von Pürstein ward während seiner Waldarbeit häufig von einem Holzweibel besucht und mit Geld beschenkt. Einmal kam aber das Weibel in eiliger Flucht, denn der Teufel wollte es holen, und es rief schon von weitem: »Holzhauer, hacke geschwind drei Kreuze auf den Stock.« Das that denn auch gleich der dankbare Mann, das Holzweibchen setzte sich flugs auf den Stock und der Teufel mußte mit leeren Krallen abziehen.

177. Holzweibchen bei Grumbach, Steinbach und Pfannenstiel.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 78.)

Vom Holzweibchen werden dann und wann einige alte Sagen herumgetragen, daß es vom Satan gejagt würde und in solcher Flucht einen Stock, darin die Holzhacker ein Kreuz gehauen, suche, sich darauf setze und alsdann erlöset würde. Man hat auch von alten Leuten zu Grum- und Steinbach erzählen hören, daß vor alten Zeiten ein Holzweibel gekommen, sich auf den Ofenherd gesetzet und gesponnen und das Gespinst in die Stube geworfen habe; dem hätten sie müssen zu essen geben.

So wollte man auch im Februar 1681 auf dem Pfannenstiel, einem Schönburg'schen hohen Walde, ein Holzweib gesehen haben, welches einen großen Schnee, schnelle Wasserfluten und hitzigen Sommer angedeutet, darauf viel Menschen und Vieh hinsterben würden.

178. Gejagtes Holzweibchen bei Steinbach.

(Christ. Lehmann a. a. O., S. 187.)

An der Aschermittwoch des Jahres 1633 hatte Adam Beyer im Walde bei Steinbach einen Baum gefällt. Indem der Baum im Fallen ist, hauet er nach der Holzhacker Gebrauch ein Kreuz hinein; sogleich kommt ein gejagtes Waldweibchen und bleibet an dem mit dem Kreuz bezeichneten Baume stehen, da es dann sicher geblieben. Unterdessen füllet es dem Holzhacker seinen Kober mit Spänen, er aber schüttet die Späne wieder aus, und da ungefähr ein Spänlein hängen geblieben und er nach Hause kommt, findet er an dessen statt einen ganzen Thaler. Er gehet alsobald wieder in den Wald, in der Hoffnung, solcher Thaler viel aufzulesen, aber vergebens. Doch weil dieser Mann damals in kurzer Zeit zu seinen Mitteln gekommen, hat man vermutet, er müsse etwas gefunden haben. Von dieser Begebenheit an gehet niemand gern an der Aschermittwoche daselbst ins Holz, in der Meinung, der Teufel jage das Holzweibchen an der Aschermittwoche.

Auch im Thüringerwalde und Fichtelgebirge wohnen Waldweibchen zuweilen bei den Menschen, sie geben ihnen Geschenke und sind vor dem wilden Jäger auf Baumstämmen, in welche drei Kreuze eingehauen wurden, sicher. Dasselbe wird von den Moosweibchen erzählt, welche Menschen um Brot bitten. Wenn in Pfaffenreut bei Wunsiedel beim Mahl an dem Rande der Schüssel durch Herausschöpfen Tropfen hängen blieben und diese die Kinder oder auch Erwachsene mit dem Löffel abstreifen und verzehren wollten, sagten die Ältern: »Das dürft ihr nicht, das gehört dem Moosfräula!« Ein Beweis von dem freundschaftlichen Verkehre, in welchem die Wald- und Moosweibchen mit den Menschen standen. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 206, 212, 221, 235. Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 37.)

Mannhardt erklärt die Holz- und Moosweibchen für Genien der Wälder und Personifikationen des Blättergrüns; darauf fußt der Glaube, daß ihr Leben an dasjenige der Waldbäume gebunden ist. Wenn die Sage erzählt, daß der wilde Jäger (d. h. der Sturmgott Wuotan) die Waldweibchen jage, so ist dann darunter der Sturm zu verstehen, welcher die Blätter vor sich her treibt. Damit hat sich aber die ältere Vorstellung, nach welcher unter den gejagten Frauen Wolken zu verstehen sind, verändert; die Wolkenfrauen, welche durch Regen die Pflanzenwelt befeuchten, sind später auf die Erde herabgezogen und zu Waldgenien geworden. (Mannhardt, die Götter der deutschen und nordischen Völker, S. 112 und 116.)

179. Von Holzweibchen geschenkte Späne verwandeln sich in Gold.

(Edwart Heger in der Erzgebirgszeitung, VI. S. 84.)

In der Gegend von Kupferberg erhielten Waldarbeiter von den Holzweibchen häufig Geschenke; doch mußten sie sich auch manchen Schabernack gefallen lassen. Oft machten sich die Weibel unsichtbar und nahmen den Leuten die mitgebrachten Lebensmittel weg. Der hungrige Waldmann fand dann manchmal statt des Mittagsbrotes höchst ärgerlicherweise nur eine Menge Hackspäne in seinem Schnappsacke vor, die er meist achtlos wegwarf. Zuhause angekommen, erstaunte er freilich, wenn einige hängengebliebene Spänchen und Splitter zu purem Golde geworden waren. Ähnliches passierte auch einmal zweien armen Weibern, die oberhalb des Pürsteiner Burberges und unweit des Dorfes Gesseln in der Waldung dürres Holz sammelten. Sie trafen da ein kleines Wesen, das ihnen eine Menge Hackspäne zeigte und sie aufforderte, diese Späne noch mitzunehmen. Die Weiber, obwohl schon ziemlich belastet, gehorchten und füllten die letzten leeren Plätzchen in ihren Körben mit den Spänen, auf dem Heimwege aber, als die Bürden sich gar zu schwer erwiesen, sagten sie: »Was sollen uns eigentlich auch die Späne!« und warfen sie hinaus. Nur ein paar dieser Späne blieben an den Körben hängen, und diese wurden zuhause – o Wunder! – zu blankem Golde. Jetzt freilich ärgerte es die Weiber ungemein, daß sie die reiche Gabe so leichtsinnig weggeworfen hatten, und das ließ in ihnen leider die Freude über den verbliebenen Rest schönen Goldes sowie das Gefühl der Dankbarkeit gar nicht recht aufkommen.

180. Waldweibchen im Seegrunde bei Zinnwald.

(Mündlich.)

Ein Mann von Zinnwald trieb etwas Spitzenhandel, der ihn öfters nach Böhmen führte. Einmal ritt er durch den Seegrund nach Eichwald, da begegnete ihm ein Waldweibchen. Dasselbe redete ihn an: »Bruder, willst Du mit mir schnupfen?« dabei that es sonderbarer Weise seine Schürze auf und die war voller Laub. Als der Spitzenhändler hineingriff, um sich des Spaßes halber, wie er meinte, eine Hand voll Laub zu nehmen, blickte er zugleich auf und sahe das Gesicht des Waldweibchens gleich einem alten Käse. Da erschrak er so sehr, daß er seine Hand schnell zurückzog und fortritt. Das Weibchen aber rief ihm nach: »Nun muß ich noch hundert Jahre warten; hättest Du das Laub genommen und wärest nicht erschrocken, so wäre ich erlöst!« Ein Blatt war ihm jedoch unter den Ärmel gefahren, und das war, als er es später fand, lauter Gold.

Das Ansehen des Gesichts vom Waldweibchen gleich einem Käse erinnert an die Zwerge Tirols und der Schweiz, welche »Kasermandeln« (Käsemännchen) heißen und goldene Käse oder sich erneuernde Gemskäslein verschenken. Förstemann hat in Kuhns Zeitschrift für Sprachforschung I. S. 426 nachgewiesen, daß Quark (= Käse) und Twarg (vergl. mhd. querx und twere) im deutschen Norden bis Lievland beides Zwerg und Käse bedeutet. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 12.) In den Lausitzer Sagen heißen die Zwerge Querxe. Nach einer schottischen Sage haben auch die Elfen, welche sich durch ihre gewöhnlich grüne Kleidung unsern Holzweibchen nähern, eine Vorliebe für Käse. Auf dem Gipfel des Minchmuir in Peebleshire befindet sich die Käsequelle, welche den Elfen geweiht war und die ihren Namen davon erhalten hat, daß die Vorübergehenden gewohnt waren, ein Stück Käse hineinzuwerfen. (Henne-Am-Rhyn, die deutsche Volkssage, S. 269.)

181. Ein gefangenes Waldweibchen verkündet den Frieden.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 758.)

Als Kurfürst Joh. Georg I. im Jahre 1644 um Rabenstein gejagt hatte und am 18. August an Chemnitz vorbeizog, bekam er die Nachricht, daß seine Jäger ein wildes Weiblein in der Stallung gefangen hätten, welches einer Ellen lang, von menschlicher Gestalt, rauher Haut, doch im Angesicht und an den Fußsohlen glatt war. Endlich habe dasselbe angefangen zu reden und gesagt: »Ich verkündige und bringe den Frieden.« Darauf hat der Kurfürst befohlen, dasselbe wieder laufen zu lassen und gesagt: »Wir erinnern uns, als wir vor 25 Jahren auf den Lautersteinischen und Crottendörfischen Wäldern gejagt, daß wir dergleichen Männlein gefangen, welches uns den Krieg verkündiget und gesagt: »Ich bring euch Krieg.«

182. Das Holzweibchen im Schönecker Walde.

(Illustrirtes Familien-Journal. VI. No. 157.)

Da droben im Schönecker Walde lebte vor Jahren ein Holzhauer, ein braver, stämmiger Bursche, der aber trotz rastloser Thätigkeit kaum soviel verdienen konnte, um eine alte kranke Mutter und ein paar kleinere Geschwister zu ernähren. Es ging immer knapp her, und doch mußte hie und da noch ein Groschen für ein rotes Band oder etwas dergleichen abfallen, womit der Bursche die Tochter des Nachbars beschenkte. Die jungen Leute waren einander gut; aber an's Heiraten durften sie noch lange nicht denken, denn es fehlte ihnen ein eigenes Hüttchen, und die Wohnungen der Ältern hatten nicht Raum für einen neuen jungen Hausstand. Da entschloß sich der Bursche schweren Herzens, ein paar Jahre hinaus in die Welt zu wandern und sich irgendwo zu vermieten, bis er sich das Nötige verdient haben würde. Als er bald darauf durch den grünen Wald zog und trübe Bilder der nächsten Zukunft in seiner Seele auftauchten, da sprang plötzlich vor ihm ein kleines graues Mütterchen mit einem Körbchen Reisig aus dem Gebüsche, und wie gehetzt lief es auf ihn zu und bat flehentlich, er möge schnell in eine niedergebrochene Fichte, die just über den Weg lag, drei Kreuze schneiden, der wilde Jäger sei ihr auf dem Fuße und der sei ihr Feind und werde sie töten. Das alles war das Werk eines Augenblicks, und alsbald hatte der Bursche auch mit seinem Messer die drei Kreuze in den Baumstamm geschnitten, und war selbst mit dem fremden Weibchen darunter gekrochen, als auch schon das wilde Heer ankam. An den drei Kreuzen aber hatte die Macht des wilden Jägers eine Schranke, er zog fluchend und wetternd zurück und das Holzweibchen war gerettet. Dasselbe gab seinem Helfer einen grünen Zweig aus seinem Körbchen, dankte gar geheimnisvoll und – war verschwunden. Dem Burschen war's noch ganz wirbelig und drehend im Kopfe von all dem Spuk, aber so viel war ihm doch klar, daß das graue Mütterchen, wenn es einmal etwas schenken wollte, sich schon ein wenig mehr hätte angreifen können. Mißmutig wollte er den Zweig wegwerfen, besann sich aber doch noch und steckte ihn zum Andenken an das sonderbare Erlebnis auf seine Mütze. Wie er nun frisch weiter schritt, da ward ihm sein Mützlein immer schwerer und schwerer, und als er es endlich abnahm, da war der Zweig gewachsen, und was war's überhaupt für ein Zweig geworden? Gelbe glitzernde Blätter waren d'ran, und wuchsen immer noch mehr, daß ihm schier Sehen und Denken und am Ende die Lust, weiter zu wandern, verging. Er kehrte um, ohne eigentlich zu wissen, warum, und war noch vor Abend wieder daheim. Was die alte Mutter sich wundern mochte! Der Tochter des Nachbars aber war's eben recht, denn: Wiederkommen bringt Freude.

Der wilde Jäger hatte wohl Ursache, das Holzweibchen zu verfolgen, denn dasselbe hatte in seinem Garten von dem wunderbaren Goldbaume sich ein Körbchen der besten Zweige geholt. Davon hatte nun der Bursche einen bekommen und der trieb immer neue Blätter. Die Blätter schüttelte unser Holzhauer ab und verkaufte sie in den Städten, wo sie noch heute von den schönen Damen als Schmuck getragen werden. Nun konnte er seines Nachbars Kind heiraten, und sie mögen sich wohl auch ein gar hübsches Haus gebaut haben. Das Goldbäumchen aber ist mit der Zeit eingegangen, vielleicht hat sichs auch das Holzweibchen wieder geholt, vielleicht auch der wilde Jäger selber.

Auch Christ. Lehmann erzählt im Histor. Schauplatze, daß sich die Holzweibchen in ihrer Gutmütigkeit und um die Menschen glücklich zu machen, zuweilen an dem zauberhaften Baume im Garten des wilden Jägers vergreifen, daß sich aber die von ihm abgebrochenen Zweige und Blätter in Gold verwandeln. Deshalb werden nun die wilden Weibchen vom Satan, d. h. dem wilden Jäger verfolgt.

183. Buschweibchen in der Umgebung des hohen Steines.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 135.)

Wie im hohen Steine zwischen Graslitz und Markneukirchen menschenfreundliche Zwerge wohnten, so hielten sich in den umliegenden Wäldern Buschweibchen auf, welche häufig in die Häuser kamen und dort Essen begehrten, wofür sie manch' seltenen, kostbaren Stein, manch' heilkräftige Pflanze zurückließen.

Manche Leute nennen sie auch Moosweibchen, und man schildert sie als zwerghafte Gestalten, über und über mit Moos bewachsen und Kleider aus Baumrinde und Flechten tragend. Einst bezeigte sich ein solches Wesen besonders wohlthätig, wie uns die folgende Sage berichtet.

Zu wiederholten Malen vernahmen Beerweiber und Schwämmesammlerinnen aus einem dichten Gestrüppe in der Nähe des hohen Steines heftiges und anhaltendes Niesen; aber keiner von ihnen fiel ein, »Helf Gott!« zu rufen. Wenn sie sich dann auf den Heimweg begaben, sahen sie aus dem Gebüsche ein Moosweibchen treten, das sich unter schweren Seufzern und traurigen, vorwurfsvollen Blicken entfernte. Einst aber, als das Niesen denn gar zu laut und häufig erschallte, sagte ein Weib: »Nun so helf Gott der Person, welche so heftig da drin nieset!« Augenblicklich stand eine weiße Frau vor ihr und sagte freudig: »Du hast mich erlöst, hier empfange Deinen Lohn!« Mit diesen Worten überreichte sie dem armen, erschrockenen Weibe einen schweren Moosknollen und verschwand. Der überreichte Knollen aber enthielt ein großes Stück Gold, welches das Weib reich machte.

Eine ähnliche Sage aus der Grafschaft Mannsfeld erzählt von einem Görsbacher, welcher am »Wahle«, einem Stück Land, wo jedenfalls früher ein alter Gerichts- und Opferplatz war, vorüberging und dabei wiederholt jemanden niesen hörte. Der Görsbacher rief jedesmal »Gott helf!«, aber kein Dank schallte zurück. Als es nun zum dritten Male nieste, sagte der späte Wanderer: »Ei, wenn Du mir nicht dankst, so schweig ich auch.« Da rief es ihm kläglich zu: »Ach, hättest Du mir doch nur noch einmal »Gott helf!« zugerufen, so wäre ich erlöst gewesen; nun muß ich wieder 100 Jahre nach Erlösung schmachten!« (Größler, Sagen der Grafschaft Mannsfeld, No. 221.)

Ganz ähnlich sind die Sagen vom Spuk am roten Steine bei Oberhof in Thüringen, (Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No. 7), und von den verfluchten Jungfern bei Eisenach und am Falkensteine bei Schmalkalden. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 113 und 153.)

Die Sitte, beim Niesen dem Betreffenden »Gott helf!« oder dem Entsprechendes zuzurufen, reicht jedenfalls bis ins graue Altertum zurück, obschon der Anfang dieses Gebrauchs gewöhnlich in das 6. Jahrhundert verlegt wird, als eine Beulenpest in Italien auftrat, welche mit Niesen begann und mit dem Tode endete. Damals soll man zuerst demjenigen, welcher zu niesen anfing, zugerufen haben: »Nun helf' Dir Gott!« (Hahn, Geschichte von Gera I. S. 287.) Jedoch gedenken dieser Sitte schon Aristoteles und Plinius. Aristophanes bezeichnet das Niesen als eine göttliche Kundgebung, und als eine solche galt dasselbe auch bei den Indianern Amerikas; denn als die Spanier in Florida eindrangen, sahen sie, daß, wenn der einheimische Herrscher nieste, die Anwesenden sich vor ihm beugten und die Arme flehend nach der Sonne ausstreckten.

Daß die Buschweibchen und wilden Weiber heilkräftige Kräuter kannten, wie unsere Sage meldet, erfahren wir auch aus dem Gudrunliede. Wate von Stürmen verband sich und die im Kampfe Verwundeten und nahm eine gute Wurzel in seine Hand, denn längst hatte man vernommen, »heilkundig sei Herr Wate von einem wilden Weibe!«

184. Buschweibel in der Gegend von Platz und Hohentann.

(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 55.)

Man erzählt in der Gegend von Hohentann und Platz, daß in alten Zeiten, wenn das Gesinde auf den Feldern und die Hausfrau allein zu Hause war, daß die Buschweibel öfters in den Häusern erschienen und bei verschiedenen häuslichen Verrichtungen hülfreich an die Hand gingen und sogar die Kinder warteten. Diese gute Zeit ging aber vorüber wie die Buschweibel selbst prophezeiten, denn sie sagten: »Wenn man wird die Knödel im Topf und das Brot im Ofen zählen, dann ist unsere Zeit vorbei, dann werden wir nicht mehr da sein!«

185. Warum die Holzweibel nicht mehr im Erzgebirge leben.

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B., S. 14.)

Der Holzweibchen sind vormals viele in den erzgebirgischen Wäldern gewesen; sie können aber jetzt nicht mehr daselbst leben, seit das Brot im Backofen gezählt wird. Früher wurde es nicht gezählt und da konnten sich die Holzweibel unbemerkt davon holen.

Mehr noch wie die eigentlichen Zwerge machen die Holzweibchen den Eindruck von Angehörigen eines unterdrückten und nur geduldeten Volksstammes. Bemerkenswert ist dabei, daß sie niemals wie die Berge bewohnenden Zwerge als Volk, sondern nur vereinzelt auftraten. Die Eigentümlichkeit ist ihnen nicht bloß bei uns, sondern auch in den Sagen der Lausitz und des Vogtlandes beigelegt. Eine Lausitzer Sage ermöglicht die Deutung, in den Holzweibchen versprengte Slaven zu sehen. In dem Dorfe Königshain wird nämlich einem solchen Weibchen, welches sich den Winter über bei einem Bauer aufgehalten hatte, von einem anderen, das vorübergeht, »Deuto, Deuto!« zugerufen. Es könnte dies ein Warn- oder Fluchtruf sein und so viel wie »Deutsche kommen!« bedeuten. (Haupt, Sagenbuch d. Lausitz I. No. 37.) Unsere Sage deutet an, daß die Holzweibchen sich heimlich das Brot holten, denn als man es zählte, konnten sie nicht mehr in der Gegend unbemerkt leben und zogen deshalb fort.

Doch weisen wieder andere Züge, welche die Sagen von den Holzweibchen anführen, auf mythische Wesen hin, wie sich denn überhaupt die Vorstellungen von unterdrückten Volksstämmen und diejenigen ihrer Gottheiten im Laufe der Zeit mit einander vermengten.

186. Die Holzweibel ziehen fort.

(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 60.)

Als die Holzweibel von den Menschen nicht mehr gastlich aufgenommen wurden, nahmen sie immer heimlich etwas weg: hier ein paar Klöße aus dem Topfe, dort ein frisch gebackenes Brot, und das war ihnen ein Leichtes, denn sie konnten sich unsichtbar machen. Doch man merkte endlich den Diebstahl und nun zählte die geizige Hausfrau allemal ihre Klöße und Brote, und die Weibel konnten dann nichts davon wegnehmen. Das war schlimm für die kleinen Leute, und sie beschlossen, die ungastlichen Stätten der Menschen zu verlassen und weit fortzuziehen.

Auf der Sosauer Flur wollte die Auswandererschar den rauschenden Egerfluß übersetzen, und ihr König rief dem Fährmann zu: »He Ferge, Du sollst Deinen Lohn im voraus wählen: entweder einen roten Kreuzer für jede Person oder Deinen Hut voll Goldstücke ein für allemal!«

Da sich die Weibel unsichtbar gemacht hatten, so kannte der Fährmann ihre Zahl nicht, und er dachte: Du nimmst das Gewisse! Er entschied sich daher für das Gold. Aber der Zug Leutchen wollte schier kein Ende nehmen, und Nacht und Tag ohne Unterlaß mußte der Mann die Fähre lenken. Endlich sagte der König: »Ferge, Du bist jetzt zu Ende; willst Du aber einmal sehen, was Du mit Deiner Arbeit geleistet hast?« Als dies der Fährmann bejahte, winkte der König und alsbald wurden die Weibel sichtbar, die alle kleine Sturmhütlein trugen. Da erstaunte der Fährmann über die Menge der kleinen Gestalten, die auf den angrenzenden Feldern des Dorfes Pokatitz am nordöstlichen Fuße des Kaadner Burberges aufgestellt waren, eng zusammen, so daß alles rings kohlschwarz aussah. Er merkte nun, wie thöricht seine Wahl gewesen, und daß ihm der verschmähte rote Kreuzer viel mehr eingebracht hätte.

187. Moosmännchen auf dem Kahleberge bei Altenberg.

(Mündlich.)

Auf der mitternächtlichen Seite des Kahleberges sind schon viele irre gegangen. Das geschah durch Moosmännchen, welche sich hier aufhielten und an gewissen Tagen besonders die Holzhauer neckten. Ein Holzarbeiter sah einmal ein solches Männchen; es war klein und sein Gesicht war mit Moos überzogen. Der Holzhauer konnte es aber nur sehen, wenn er etwas seitlich blickte; wendete er sich eilig um, damit er es anredete, so war es verschwunden; er sah es aber immer wieder von der Seite, wenn er weiter ging.

Auch die wilde Jagd hat man vielmals am Kahleberge gehört.

Deutsche Sagen und unter diesen auch solche aus dem böhmischen Erzgebirge erzählen uns ebenfalls von Moosweibchen, welche vielfach mit Wald- oder Holzweibchen zusammenfließen. Moosweibchen lebten z. B. im Harz in der Gegend von Wildemann. Sie werden uns als freundlich und liebreich geschildert und hatten Gänsefüße. Gleich den Holzweibchen wurden sie vom wilden Jäger verfolgt. Eine Erinnerung an die Moosmännchen hat sich im Harze noch darin erhalten, daß bei Volksfesten verkleidete und über und über in Moos gehüllte Knaben mit einem kleinen Tannenbaum in der einen und einer Sparbüchse in der andere Hand umhergehen und milde Gaben erbitten. (Heine, Sagen etc. aus dem Harze, S. 29.) Eine ähnliche dunkle Erinnerung an diese mythischen Wesen findet sich auch im Vogtlande, wo man an einzelnen Orten, wie in Reichenbach, zu Weihnachten kleine Moosmännchen auf den Tisch stellt.

188. Waldgeist bei Pfannenstiel.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 75.)

Hinter Grünhain liegt ein Wald, der Pfannenstiel genannt, auf welchem nicht allein viel Menschen erschlagen worden sind, sondern es hat auch daselbst ein Waldgeist viel Leute geneckt und erschreckt, daß sie davon starben. Dergleichen ist einem Schneeberger mit Namen Mehlhorn begegnet, den es in den Rumpelsbach geworfen, nachdem er dieses Gespenst auf dem Rücken den Berg hinan getragen hatte.

189. Ein Feldteufel zu Grumbach.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 76.)

Im Jahre 1654 hielt der Richter zu Grumbach einen Dorfknaben von 13 Jahren zu seinen Schafen. Von diesen führte ihn ein Feldteufel zweimal weg; das eine Mal warf er ihn nach dem Kitzwalde ins dürre Fichtengras, das andere Mal sahe das Gespenst seinem verstorbenen Vater ähnlich, bald mit, bald ohne Kopf, und es trug ihn in der Höhe über drei Äcker weg und warf ihn dann in einen Morast, so daß der Knabe krank wurde und nicht mehr hüten wollte.

190. Der Getreideschneider.

(Spieß, Aberglaube, Sitten etc. des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. Dresden 1862, S. 14; z. T. mündlich.)

Am Johannesabende in der sechsten Stunde kommt der sogenannte Getreideschneider, der über die Ecke eines Stückes Getreide durchschneidet, von welchem er dann, wenn der Bauer drischt, den vollen Nutzen hat. Um diesem vorzubeugen, nimmt der Bauer Liebstöckelöl (Öl aus Levisticum officinale) und macht, nachdem er den Finger in das Öl getaucht, ebenfalls in der sechsten Abendstunde des Johannestages, drei Kreuze an jede Ecke des Feldes auf die Erde. Ist aber der Getreideschneider bereits dagewesen, so hängt der Bauer, bevor er das Getreide einfährt, ein Büschel Reisigspitzen (frischgrünende Tannenzweige) über dem Scheunenthor auf, drischt sobald als möglich und macht dabei mit dem Reisigbüschel den Anfang. Dann ist der Bann gelöst und der Getreideschneider zieht keinen Nutzen.

In Thierfeld geht die Sage, daß in der Mittagsstunde des Walpurgistages die Vogelbeerbäume und Feldfrüchte von dem Getreideschneider beschnitten würden, ohne daß man ihn sieht.

Auch in Thüringen hat man ein ähnliche Mittel, um den Getreideschneider, den man daselbst, sowie im Vogtlande, Bilmschnitter nennt, zu erkennen. Man belegt die Tenne mit sieben Reisigbündeln und bearbeitet dieselben mit dem Dreschflegel; die Person nun, welche während dieses Dreschens an das Scheunenthor tritt, wird für den Bilmschnitter gehalten. (B. Sigismund in »Aus der Heimat«, 1862, No. 13.) – In Süddeutschland heißt der Bilmschnitter »Bilwitzschneider«, und dieser Name erinnert an den slavischen Pilwitz oder Plon, den Gott des Reichtums und zugleich des Todes. Auch die »Pilweisen« der schlesischen und Lausitzer Sagen sind Kobolde oder von Kobolden besessene Menschen, die andern Schaden zufügen. In einer Sage von den Pilweisen zu Lauban tritt ein schwarzer Bock auf; da derselbe auf den Teufel hinweist, so verbindet sich mit den weiblichen Pilweisen (und mit dem Bilmschnitter?) der Begriff der Hexen. – Da die Sagen von gespenstischen Tieren im Kornfelde mit denen vom Bilmschnitter in einer gewissen Verbindung stehen, so erklären sich dadurch vielleicht auch die im Erzgebirge vorkommenden Bezeichnungen »Stoppelhahn« (jetzt allerdings nur in der Bedeutung eines Festes am letzten Erntetage gebraucht) und »Panzelhahn«. Der letztere Ausdruck erinnert an die oben angeführte Sitte des Reisigbüscheldreschens; denn wenn beim Dreschen des Getreides der letzte Schlag fällt, so ruft man demjenigen, welcher diesen Schlag gethan hat, zu: »Du hast den Panzelhahn geschlagen!«

191. Der Hemann im Erzgebirge.

(Anton Aug. Naaff und Friedr. Bernau in der Comotovia, 4. Jahrg., S. 80.)

Während der Hemann im nördlichen Böhmerwalde einen schwarzen Mantel trägt und ein Hut zum Teil sein bärtiges Gesicht beschattet, erscheint derselbe im Erzgebirge, in der Gegend von Preßnitz, Sonnenberg, Weipert u. s. w. ganz in Grau gekleidet. Den Tag über hält er sich verborgen, kommt aber bei einbrechender Dunkelheit aus seinem Verstecke hervor, um seine nächtliche Wanderung zu beginnen, auf welcher er Ungläubige und Frevler erschreckt und nicht selten mit dem Tode bestraft.

192. Der Hemann und andere Waldgeister in Bäringen.

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B. 1864, S. 15.)

In Bäringen neckt und ängstigt der Hemann die Menschen. Doch giebt es dort auch noch andere Waldgeister, die gar nicht einmal sichtbar werden, sondern dem nächtlichen Wanderer nur einen »Traf« geben, ihn »muschen« oder ihm einen Tappen anhängen und ihn so erschrecken, daß er krank wird oder einen Ausschlag im Gesichte erhält.

Sollte unser Hemann mit dem schwäbischen »Hojemann«, d. h. Waldmännlein, oder dem »Hoymann« in der Oberpfalz identisch sein? Beide Namen werden von »hojen« d. h. hegen, den Waldhüten, abgeleitet. (Leipziger Illustr. Zeitung, No. 1738.)

193. Das Hemännchen bei Krima und Neudorf.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen. 1863, S. 118.)

Seitwärts von den Dörfern Krima und Neudorf dehnt sich der Tenichwald bis nach Sonnenberg aus. Wenn man des Nachts durch diesen Wald geht und mit lauter Stimme ruft: He, he! Hu, hu! so erhält man aus der Ferne Antwort. Hierauf hockt sich etwas auf den Rücken des Wanderers und zwingt ihn, es bis ins nächste Dorf zu tragen, wo es verschwindet. So ging es einmal einem Heger, der mußte die Last bis Krima tragen. Dort war es ihm, als ob etwas hinabspringe, aber er konnte nichts sehen, so rasch war es verschwunden.

194. Das Hemännchen bei Graslitz.

(Grohmann, Sagen etc., S. 118.)

In Graslitz ist das Hemännchen ein neckender Waldgeist, der seine Freude hat an dem Schaden der Leute. Mehrere Holzhauer fuhren einst mit ihren Karren in den Wald, um Bäume zu fällen. Als sie den ersten Baum zu Falle brachten, hörten sie ein heiseres Lachen hinter sich und sahen, daß ihre Karren genau an die Stelle geschoben waren, wohin der Baum fallen mußte. Einen Augenblick später waren alle Karren zersplittert. – Einige Weiber suchten Heidelbeeren. Nachdem sie ihre Krüge gefüllt hatten, stellten sie dieselben auf den Boden und gingen ein wenig bei Seite. Als sie aber zurückkehrten und ihre Krüge aufheben wollten, blieb der Boden derselben auf der Erde. Zugleich erscholl hinter ihnen ein wildes Gelächter und als sie sich umschauten, sahen sie zwar nichts, erhielten aber eine tüchtige Ohrfeige.

195. Der Hemann des Rammelsberges.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 97.)

Einst lebte zu Platten ein Mann, der hieß Pänkert. Er führte ein lasterhaftes Leben und soll sogar mit dem Teufel im Bunde gestanden sein. Nach seinem Tode entstand in dem Hause, das er bewohnt hatte, ein solcher Tumult, daß darin niemand mehr bleiben konnte. Deswegen kam auf Geheiß der Verwandten ein Schwarzkünstler aus Sachsen, der den polternden Geist auf einen grünen Platz zum sogenannten großen Rainstein bannte, wo er ihn verwünschte, ewig in den Wäldern des Rammelsberges umherzuirren. Seit dieser Zeit treibt dort der gebannte Pänkert als Hemann sein Unwesen. Er erschreckt die durch den Wald gehenden Leute, welche auf sein He-He-Rufen Antwort geben, durch seine löschpapierfarbige, eisgraue Gestalt und drückt sie, wenn sie nicht die Kraft besitzen, über den nächsten Graben zu springen. Über das Wasser wagt sich, wie man sagt, der Hemann nicht.

Einstmals ging ein Weib in den Wald, um ihrem Manne, der Holz fällte, das Mittagessen zu bringen. Auf einmal hörte sie ein lautes He! He! He! Sie dachte, ihr Mann wolle sie ein wenig necken, deshalb gab sie gar herzhaft zur Antwort. Daher! daher! Aber kaum war das Wort verhallt, da stand vor ihr ein baumlanger, eisgrauer Mann mit wütenden Geberden. Vor Furcht und Schrecken eilte das Weib einem Bache zu, den sie mit knapper Not übersetzte, sonst wäre sie unrettbar in die Hände des Hemannes gefallen, welcher ihr dicht auf den Fersen gefolgt war.

196. Das Heideweibchen.

(Mündlich.)

Zwischen Scheibenberg und Crottendorf liegt eine sumpfige Gegend, welche die Heide genannt wird; daselbst geht zu bestimmten Zeiten das Heideweibchen um.

197. Die Marzebilla.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen. 1863, S. 114.)

In der Gegend von Preßnitz befindet sich ein Berg, namens »Bartelwulfenberg«. Hier soll vor Jahren ein Schloß gestanden haben. Der Besitzer desselben hatte eine Tochter, die in ein Nonnenkloster ging. Hier hatte sie eine Liebschaft mit einem Ritter und kam zu Falle. Sie entfloh und starb im Elend. Seit dieser Zeit läßt sie sich nun im Kaiserwalde bei Preßnitz öfter sehen und ist allgemein bekannt unter dem Namen Marzebilla. Sie trägt an ihrer linken Hand einen Handschuh von Blech. Einmal soll ein Bauer aus Neudorf in den Wald gefahren sein, um Holz zu holen. Da blieb plötzlich sein Gespann stehen und konnte nicht weiter. Er sah sich um und erblickte auf dem hinteren Ende des Wagens ein altes Weib, das er an dem Blechhandschuh gleich als die Marzebilla erkannte. Sie bat ihn, sie mitfahren zu lassen. Allein der Bauer sagte, sie sei zu schwer und als sie nicht heruntersteigen wollte, schlug er sie so, daß sie herabfiel. Als aber der Bauer nach Hause kam, legte er sich in's Bett und starb nach acht Tagen. Der Leichnam aber war verschwunden. Erst nach einigen Jahren fand man beim Fällen alter Bäume ein Gerippe im Walde, das man an einem Amulet als das des Bauern erkannte.

Einige Schnitter mähten das Gras am Rande des Kaiserwaldes. Um Mittag, als im Dorfe geläutet wurde, erschien die Marzebilla und forderte die Arbeiter auf zu beten. Diese waren zu faul dazu. Als sie aber nachher zur Quelle gingen, um zu trinken, fanden sie Blut statt des Wassers. Einer von den Schnittern wollte sich besser überzeugen und stieß mit dem Stock in den Schlamm. Da erschien die Marzebilla, gehüllt in einen feinen Nebel, sprach eine Formel und die Schnitter verwandelten sich in Aschenhäufchen.

Wenn Leute in den Wald gehen, um Beeren zu suchen, so erscheint ihnen oft die Marzebilla und führt sie in undurchdringliches Dickicht. Fluchen dann die Leute, so überläßt sie die Marzebilla ihrem Schicksale, beten sie aber, so führt sie dieselben an fruchtbare Stellen, von wo sie den Heimweg leicht treffen.

198. Der Wechselbalg.

(Spieß, Aberglaube, Sitten, etc. d. s. Erzgeb. Dresden, S. 36.)

Ein unter sechs Wochen altes Kind soll nicht »über den Wechsel getragen werden« (d. h. wohl, bald auf dem rechten, bald auf dem linken Arme), sonst holt es der Wechselbalg.

Hier erscheint der Wechselbalg als der auswechselnde Dämon. In der Lausitzer Sage ist dagegen der Wechselbalg ein geistesschwaches, mißgestaltetes Kind, welches von einer aus dem Gebirge oder Walde kommenden alten Frau gegen das wohlgebildete, unter sechs Wochen alte Kind umgetauscht wird, wenn keine Person in dessen Nähe ist. (Haupt, Sagenbuch d. L. No. 71.) Ebenso tauschten nach einer schlesischen Sage die Feenixweibel ein auf dem Felde allein gelassenes kleines Kind gegen das ihrige um, welches verbuttet blieb und ebenfalls Wechselbalg genannt wurde. (Mitteilungen des mähr.-schles. Sudeten-Gebirgsvereins, 2. Jahrg. No. 7.)

199. Das Mittagsgespenst.

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B., S. 13.)

In Bäringen sagt man: Das Mittagsgespenst hockt den Wöchnerinnen auf, die zu Mittag von 11 bis 12 Uhr auf die Gasse treten oder in den Keller oder auf den Boden gehen, und »muscht« sie.

Das Lausitzer Mittagsgespenst, die Mittagsfrau (Pripolniza), welche zur Mittagszeit zwischen 12 und 2 Uhr als großes weibliches Wesen auf den Feldern zu erscheinen pflegt, ist streng genommen von der slavischen Todesgöttin oder Pestfrau (Smertniza) zu unterscheiden. (S. die Einleitung zu diesem Abschnitte.) Die Smertniza wandelt ebenfalls als weiße Frau umher und macht sich durch Pochen in dem Hause bemerklich, in welchem innerhalb dreier Tagen jemand sterben soll. (Haupt, Sagenbuch d. L. I., No. 74. Schäfer, Deutsche Städtewahrzeichen, S. 91.)

200. Der Alp.

(Mündlich.)

Der Alp ist ein dämonisches Wesen, welches schlafende Menschen drückt, so daß sie keinen Laut von sich geben können. Man nennt dieses Drücken Alpdrücken.

Ein Mädchen erzählte, der Alp käme durchs Schlüsselloch zu ihr, aber sie könne dann nicht um Hülfe rufen; daher bat sie ihre Schwester, dieselbe solle sie nur des Nachts bei ihrem Namen rufen, dann würde der Alp durchs Schlüsselloch wieder fortgehen. In Zwickau erzählt man, daß der Alp fortgehe, wenn man ihn für den andern Morgen zum Kaffee einlade. (Nach Spieß.) Auch glaubt man, daß der Alp Tiere tot drücke. Wenn man nämlich junge Gänse in einen Schweinstall steckt und sie sterben, so spricht man, der Alp habe sie erdrückt. Sterben die Kuhhasen (Kaninchen) und sie sehen dann breitgedrückt aus, so legt man einen Besen in den Stall; dann verliert der Alp die Macht.

Wie in Zwickau wird auch von den Lausitzer Wenden der Alp mit den Worten »Pschindz justje ksnje danju« (Komm morgen zum Frühstück) zum Frühstück eingeladen, und es stellt sich dann der Alp gewiß am Morgen dazu ein. Es ist nur schlimm, daß der Alp am Sprechen hindert. (Haupt, Sagenbuch der Lausitz, No. 68.)

Der Alp ist gleichbedeutend mit Elb. Elbe, welche in lichte und schwarze Elbe zerfallen, sind höhere Wesen, denen die Lust innewohnt, die Menschen zu necken, die aber auch teuflische Eigenheiten besitzen. (Grimm, Myth. S. 252.)

In Sagen anderer Gegenden fällt der Alp mit dem Trut, d. h. einem nächtlichen Gespenste zusammen, welches die Menschen ebenfalls im Schlafe ängstigt und drückt. In Kärnthen sagt man:

»Tsch nachts (bei der Nacht) hat mi d'r Trut
Gar beasla (bös) g'druckt.«

(Leipz. Zeitung, Wissensch. Beilage. 1884, No. 11.)

201. Die Melusina.

(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 1. B. Prag und Leipzig, 1864, S. 3.)

In Bäringen heißt der Sturmwind »Melusina's Klagen um ihre Kinder«, und wahr muß dies sein, sonst würde man nicht am heiligen Abende, an welchem man neunerlei essen soll, das Tischtuch mit dem Überreste in eine Staude ausschütteln, damit die Melusina, die man wohl hie und da auch heilige Melusina nennt, etwas zu essen habe.

Die Melusina tritt nach allen Überlieferungen unverkennbar als Luftgeist auf. So sagt man z. B. noch anderwärts in Böhmen, wenn der Wind recht pfeift und heult, das sei die Melusina, welche mit ihren Kindern durch die Luft fliege und jammere. Im Jungbunzlauer Kreise denkt man sich dieselbe angethan mit einem schwarzen Mantel und in der Hand ein Sieb haltend, aus welchem Schloßen und Hagel herausfliegen. Bemerkenswert ist schließlich, daß die Czechen für »sterben« die Redensart haben: »mit der Melusina Salz lecken.« (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche etc., S. 3 und 234.)

In den Niederlanden sagt man von dem Wirbelwinde, er sei die »fahrende Frau« oder »fahrende Mutter«, und nach einem Glauben in Westflandern hält die von ihren Ältern verwünschte Königstochter Alvina im heulenden Sturmwinde ihre Umfahrt und weint.

Wenn man im Anfange den Wind mit einem heulenden und gefräßigen Tiere verglichen hat, das alles, was in seinen Weg tritt, vernichtet, so lag dann der allmähliche Übergang dieser Vorstellung in diejenige von einem Geiste, der hungrig im Winde dahinfährt, nahe. In manchen Gegenden Baierns findet sich der Gebrauch, bei heftigem Sturme einen Mehlsack zum Fenster hinaus für den Wind und sein Kind auszuschütten, wobei man spricht: »Nimm das, lieber Wind, koch' ein Mus für Dein Kind!« In diesem Gebrauche zeigt sich eine große Übereinstimmung mit demjenigen in Bäringen, wo die Speisereste aus dem Tischtuche für die im Sturmwinde klagende Melusina ausgeschüttet werden. Der Gebrauch, dem Wind Mehl zu streuen, scheint auch in den deutschen Alpen vorhanden zu sein; wenigstens findet sich bei Rosegger (die Schriften des Waldschulmeisters, 3. Aufl. S. 170) folgende Stelle: »Sie (die Waldleute in den Winkeln) streuen Mehl in den Wind, um dräuende Stürme zu sättigen – so wie die Alten den Göttern haben geopfert.« In anderen Gegenden nehmen die Landleute, wenn der Wind 12 Tage vor Weihnachten am ärgsten tobt, Apfel und Nüsse und werfen sie in den Ofen, indem sie sagen, daß sie das der »Windsbraut« zum Essen geben. (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 55.)

Wie aber ist zu erklären, daß der Sturm Melusinas Klage um ihre Kinder genannt wird? Als nach der Erzählung Gustav Schwabs (Deutsche Volksbücher, 3. B.) die Brunnennymphe Melusina von ihrem Gemahle Raimund Abschied genommen und sich, halb zur greulichen Schlange verwandelt, zum Fenster hinausgeschwungen hatte, hörte man dreimal um das Schloß lautes Rauschen und ein Klaggeschrei; zur Nachtzeit aber sah die Amme der beiden kleinen Söhne Melusinas, wie letztere in gespenstischer Gestalt wiederkehrte und die Kinder aus der Wiege nahm und säugte, so daß dieselben zusehends gediehen.

202. Vom thörichten See bei Satzung.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz. 1699, S. 205. etc.)

Der thörichte See, eine halbe Meile über Satzung an einem wilden, mit jungen Kiefern bewachsenen rauhen Orte, ist ins Gevierte 30 Schritte breit und lang, der Pfuhl ist mit rotem Moos bewachsen, und das Wasser gehet einer Elle hoch darüber ohne Abfluß. Der See soll unergründlich sein, und niemand machet sich gern allein an den Ort, weil die Leute, welche sich im 30jährigen Kriege dorthin geflüchtet, daselbst viel Anfechtung gehabt haben. Es ist umher auf eine halbe Meile lang nichts als eitel sumpfiges Land, daß auch kein rechter Baum darauf wachsen kann, es verwimmert und verbuttet alles. Insonderheit erzählen die Umherwohnenden, daß sich bisweilen viel ungeheure Dinge und Gespenster da sehen lassen. Als einstmals Veit Vogel, ein Mann von Satzung, in selbiger Gegend Vogel gestellet, habe er von 9 Uhr an bis 12 Uhr mittags einen großen Tumult und Alarm von Jauchzen, Schreien, Geigen und Pfeifen gehört, daß es nicht anders geschienen, als würde eine volkreiche Bauernhochzeit oder ein lustiger Schmaus in dem See gehalten; dergleichen Freudentöne haben auch andere zu anderer Zeit gehört.

Ein Mann von Sebastiansberg, Georg Kastmann genannt, hat in derselben Gegend Feuerholz gemacht; zu diesem kam ein schöner Reiter auf einem großen Pferde mit einer langen Spießrute in der Hand, welcher den Holzhauer grüßte und fragte, ob er den thörichten See wüßte. Da der Holzhacker mit Ja antwortete, hat ihm der Reiter ein Trinkgeld versprochen, wenn er mit ihm ginge und den Ort zeige. Da sie nun beide hinzu kamen, ist der Reiter vom Pferde gesprungen und hat gesagt. »Ich bin ein Wassermann, und ist mir mein Weib von einem andern Wassermanne entführt worden; die habe ich in der weiten Welt in vielen Wassern und Seen gesucht und doch nicht gefunden, und soll sie nun an einem so garstigen und wilden Ort finden. Halt mir mein Pferd fest, daß es mir nicht nachspringt, ich will hinein und mein Weib heraus holen.« Darauf hat er mit seiner langen Rute in das Wasser geschlagen, daß es sich zerteilet, dann ist er hineingegangen. Sobald er aber darin gewesen ist, hat sich ein so großes jämmerliches Geschrei und Wehklagen erhoben, daß der Holzhacker nicht wußte, wo er vor Angst bleiben sollte, weil sonderlich das Pferd sehr wild und ungebärdig wurde und immer ins Wasser springen wollte. Mittlerweile ist unter diesem Tumult das Wasser ganz rot geworden und da hat der Reiter sein Weib heraus gebracht und gesagt, er habe sich nunmehr an seinem Feinde gerächt und den Räuber, der ihm sein Weib entführt, erwürget. Damit hat er sich samt seinem Weibe aufs Pferd geschwungen und ist davon geritten; doch hat er zuvor dem Holzhacker ein Beutelein, darin ein Kreuzer gewesen, zum Trinkgeld verehret, mit dem Versprechen, so oft er würde in diesen Beutel greifen, sollte er soviel, als jetzt darin wäre, finden. Der Ausgang hat es auch bestätigt, so daß der arme Mann viel Geld zusammengebracht, weil er oft in den Beutel gefühlet. Da er aber den Beutel zu frei und sicher gebrauchte, ist er ihm entwendet worden; doch hat der Räuber keinen Genuß davon gehabt.

203. Der Nix im Grundtümpel bei Wildenau.

(Nach Ziehnerts poet. Bearb. bei Gräße a. a. O., No. 578.)

Einst wohnte ein alter Fischer am Ufer der Pöhl, der hatte eine wunderschöne Tochter. Dieselbe hatte sich aus der großen Anzahl ihrer Anbeter einen der hübschesten jungen Burschen angesucht. Nun war sie aber heitern und muntern Sinnes, und daher kamen oft aus dem benachbarten Dorfe die jungen Mädchen und Burschen bei ihrem Vater zusammen und vertrieben sich die Zeit mit heiteren Scherzen und Spielen. Da begab es sich einst, am Andreasabend, daß das junge Volk auch wieder beisammen war und im Scherz darauf kam, die Zukunft zu befragen. Man schaffte Blei herbei und ein jeder versuchte sein Glück mit Gießen. Als nun die Reihe auch an die schöne Fischerstochter kam, da spritzte auf einmal beim Guß helles Feuer aus dem Wasser, das Blei zerfuhr und nahm sich auf dem Wasser wie Blutstropfen aus. Das Mädchen schrie laut auf und alle schwiegen bestürzt ob des traurigen Anzeichens. Endlich schlug ihr Bräutigam vor, das Schicksal noch einmal zu befragen, nämlich nach dem Pöhlwasser zu gehen und dort Reiser zu suchen. Zwar wollte das Mädchen nicht mit fort, allein durch Zureden ließ sie sich endlich bewegen mit zu gehen; alle ihre Begleiter brachen sich ihre Zweige, als aber die Fischerstochter nach einem derselben langen wollte, glitt sie aus und ein Nix zog sie hinab in die Fluten. Der Nix sah am ganzen Leibe blau aus und trug auf dem Haupte ein Krönlein. Verzweiflung erfaßte den Bräutigam und den betagten Vater. Letzteren entrückte der Tod bald seinen irdischen Leiden, der Bräutigam aber irrte jede Nacht am Ufer der Pöhl in halbem Wahnsinn herum und behauptete, er sähe seine Braut in blauer Nixentracht aus der Flut auftauchen, sie breite die Arme nach ihm aus und rufe ihm zu, in einem Jahre werde sie wieder mit ihm vereinigt sein. So verging ein Jahr; der sonst so blühende Jüngling war fast zum Schatten zusammengeschwunden, und als die Andreasnacht kam, da war er an seinem gewöhnlichen Orte. Allein dieses Mal sahe er seine Braut nicht mehr aus den Fluten winken, als Leiche lag sie im Sande, und als der andere Morgen kam, da fand man ihn neben ihr tot liegen und begrub beide in einem Grabe. Seit jenem Tage aber sieht man dort unzählige Irrlichter auf- und abfliegen, die manchen schon verführt haben; wo aber der Nix das Mädchen hinabzog, da ist das Wasser grundlos geworden, ohne Unterlaß wirbeln die Wellen dort im Kreise und wehe dem Schwimmer, Kahn oder Floß, die sich dahin verirren, der Strudel zieht sie ohne Erbarmen in den Grundtümpel (so nennt man jene Stelle) hinab.

204. Der Wasserteufel in einem Sumpfe bei Gottesgab.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 208.)

Im Jahre 1613 wollte ein Bürger zu Gottesgab einen alten Teich, der lange als Sumpf wüste gelegen, wieder herrichten lassen. Als nun zwei Bergleute den Sumpf abführten und zu Grund arbeiten wollten, fuhr ein Wasserteufel im Sumpf auf, wütete und tobte und trieb die Bergleute mit Wasser und Schmutz fort, so daß sie ausreißen mußten.