Die Urkunde, laut welcher der Stadt Elbogen bereits vor Schöneck ein gleicher Freiheitsbrief von Karl IV. erteilt wurde, stammt aus dem Jahre 1352.
727. Das Märktlein Markersbach.
(Chronica der freien Bergstadt St. Annaberg, II. 1748. S. 24.)
Die Kirche in Markersbach ist eine der ältesten im Gebirge. Sie hat vor Zeiten unter den Abt zu Grünhain gehört, der auch mit seinen Ordensleuten und anderen öfters dorthin Wallfahrten gehalten. Infolge dessen hat das Dorf früher besondere Freiheiten besessen und wurde das »Märktlein Markersbach« genannt.
728. Die Räuberherberge im Hoyer bei Schneeberg.
(Mündlich.)
Ein Wald auf der Höhe zwischen Schneeberg und Aue, gegenüber dem Gasthofe zum Brünlasberge, heißt der Hoyer. Daselbst sieht man noch links von der Chaussee, welche von Schneeberg nach Aue führt, einen Hohlweg, welcher einst Straße war; und an derselben stand in alten Zeiten mitten im Walde ein Wirtshaus. Der Wirt in demselben war ein Räuber. Einst kehrte daselbst des Abends ein Fremder ein, der von dem Klösterlein Zelle kam und vieles Geld bei sich trug. Er wollte in dem Hause übernachten; aber ein Mädchen offenbarte ihm heimlich, daß er nicht lebend wieder hinausgehen werde. Da übergab der Fremde dem Wirte seine Tasche mit dem Gelde und sagte, daß er einem Freunde, der auch von Zelle her mit noch mehr Geld als er habe, komme, entgegen gehen müsse, der Wirt solle nur einstweilen sein Geld in Verwahrung nehmen. Als dies geschehen war, eilte der Reisende schnell nach dem Kloster und kam bald darauf mit nahmhafter Hülfe zurück. Seine Begleiter umzingelten das Haus und nahmen den Wirt gefangen. Als sie das Haus durchsuchten, fanden sie neben vielem Gelde auch Totengerippe zum Beweise, daß es vordem schon vielen Reisenden ebenso ergangen war, wie es dem Fremden, wenn ihn das Mädchen nicht gewarnt hätte, hätte ergehen müssen. Viele mochten in der Herberge eingekehrt, aber nicht wieder herausgekommen sein.
Der Wirt aber, welcher ein Räuberhauptmann war, hieß Hoyer, und von diesem hat nun auch der Wald, wo das Gasthaus einst stand, den Namen Hoyer erhalten.
729. Wittichs Schloß bei Glashütte.
(I. Schumann, Lex. v. Sachsen, 13. B. S. 204. II. Peccenstein, Theatrum Sax. I. S. 88.)
I. Eine Höhle über dem Müglitzthale, eine halbe Stunde von Glashütte, welche sich oberhalb der Herrenmühle in einem schwer zu erklimmenden Gneisfelsen befindet, heißt Wittichs Schloß. Nach der Sage war diese Höhle ehemals durch Befestigung ein noch sicherer Zufluchtsort als jetzt, und wurde im 15. Jahrhundert von einem Räuber Wittigo oder Wittich bewohnt, den der Ritter Weichold von Bärenstein auf Lugau bei Glashütte erschlug. Als Belohnung dafür erbat er sich vom Markgrafen, der auf Wittichs Einlieferung einen hohen Preis gesetzt hatte, sehr genügsam nichts weiter, als daß er ein Wild, welches er auf seinem Gebiete überall gehetzt habe, auch außerdem, und selbst auf der Dresdner Brücke, die damals als Asyl galt, verfolgen dürfe.
II. Es waren vor Zeiten viele Raubhäuser an dem böhmischen Gebirge, und soll insonderheit ein Räuber, namens Wittich, seinen Aufenthalt in einem starken Felsen gehabt haben, so unter der jetzigen Bergstadt Glashütte gelegen. Da dieser Räuber mehrere böse Buben zu sich gezogen, auch ganz Meißen beunruhigt und unsicher gemacht, so hat der Markgraf auf des Raubritters Wittich Kopf einen hohen Preis setzen lassen. Obschon nun Wittich dadurch hätte vorsichtig gemacht werden sollen, so hat er dies dennoch nicht gethan, vielmehr sich noch fürchterlicher machen wollen, indem er einstmals in der Morgenzeit mit etlichen seiner Leute sich vor des Ritters Weichold von Bärenstein Wohnung gegen der Lochow begeben, ein Gespräch mit ihm begehret, und als der von Bärenstein, keiner Gefahr sich versehend, ihm solches gewährt und zu ihm vors Haus getreten, thut der Bösewicht mit einer Armbrust auf ihn drei Schüsse, doch ohne Schaden. Der von Bärenstein rufet in der Eile seine Leute herbei, folget den Räubern auf dem Fuße nach, welche er auch über dem Rittersitze Reinhardtsgrimma, damals denen von Karras zuständig, erreichet. Ob nun gleich Wittich und seine Gesellen der Wehr wohl kundig, so hat doch der von Bärenstein die Oberhand behalten, den Räuber erlegt und umgebracht, sein Raubhaus, so auf steilem hohen Felsen an der Müglitz gelegen, eingenommen und zerbrochen, wiewohl dieser Ort von ihm bis auf den heutigen Tag noch Wittichs Schloß genannt wird. Auf der Stelle, wo der Räuber erlegt worden, steht ein Kreuz. Der Ritter Weichold von Bärenstein aber hat die ihm gebotene Belohnung großmütig ausgeschlagen und erklärt, daß er diese That bloß, um dem Vaterlande zu dienen, verrichtet habe.
730. Die dürre Bretmühle im Pöbelthale.
(Mündlich.)
In dem schönen Pöbelbachthale oberhalb Schmiedeberg liegt die Putzmühle, so genannt, weil man früher hier das Silbererz, welches man in der Nähe grub, »geputzt«, d. h. gereinigt haben soll. Oberhalb dieser Mühle sieht man dann die Überreste einiger Grundmauern und die Spuren eines Wassergrabens; hier lag die dürre Bretmühle, welche ihren Namen von dem Umstande führte, daß sie häufig nicht genug Wasser hatte. Daselbst ist es einst geschehen, daß Räuber einbrachen, welche den Müller auf einen Klotz banden und mit durchsägen ließen. Seitdem ist die Mühle liegen geblieben, niemand wollte mehr in derselben wohnen, und so ist sie dann nach und nach verfallen.
731. Der schwarze Teich auf Henneberg und der Teufelsstein bei Johanngeorgenstadt.
(Nach einer novellistischen Bearbeitung im Unterhaltungsblatte zum Erzgebirgischen Volksfreund, 1884, No. 53.)
Als noch in unseren Gauen und insbesondere auf dem Erzgebirge das Christen- und Heidentum mit einander im Kampfe lagen, wohnte auf einer Burg im Egerthale ein böser Ritter. Zwar war derselbe als Christ getauft worden, jedoch hatte er im Herzen noch nicht dem Heidentume entsagt, und Raubzüge und blutige Fehden galten ihm für kein Unrecht. Das Gegenteil von ihm war seine fromme Gemahlin, welche mit Hülfe ihres Bruders, der als Einsiedler in der Nähe der Burg lebte und oft in derselben verkehrte, ihre beiden Kinder, einen Sohn und eine Tochter, christlich erzog. Dem wilden Gemahl aber mißfiel die Frömmigkeit von Frau und Kindern, und ganz besonders erzürnte er sich über seinen Sohn, weil derselbe keinen Gefallen an dem wilden Waffenhandwerke fand. Als er nun einst zu einer Fehde gegen den ihm verhaßten Burgherrn von Königsberg auszog und seinen Sohn, obschon derselbe des Königsbergers einzige Tochter innig liebte, zwang, daran teilzunehmen, geschah es, daß der Sohn beim Ritte von der Burg vom Pferde stürzte und verwundet ins Schloß zurückgetragen werden mußte. Ingrimmig gab nun der Vater der Erziehung und dem Einflusse seines Schwagers die Schuld an dem Unglücke, und er nahm sich vor, mit Härte einzugreifen. Sein Sohn genaß zwar unter der sorgsamen Pflege von Mutter und Schwester bald wieder, doch um dessen Ruhe war es für immer geschehen. Ja alle fühlten, daß der Vater böse Gedanken sowohl gegen den Sohn als auch Schwager im Herzen hegte und es ward von beiden die Flucht beschlossen. Dieselbe wurde bald darauf nach dem damals unwegsamen Erzgebirge ausgeführt, als der Vater wieder zum Kampfe gegen den Königsberger ausgezogen war und dabei den Sohn nicht mitgenommen hatte. Bei der Rückkehr in seine Burg kannte der Zorn des Ritters keine Grenzen, und da er ganz richtig in Frau und Tochter Mitwisserinnen der Flucht seines Sohnes erblickte, so mußten dieselben von ihm harte Mißhandlungen erdulden. Er veranstaltete zwar sogleich Streifzüge durch das Gebirge, doch konnte er die Flüchtigen nicht auffinden.
Auf dem Kamme des Erzgebirges lag im dichten Walde ein freundlicher See; die Maisonne am blauen Himmel spiegelte sich in demselben. Aus dem Dickichte aber trat schüchtern ein Reh mit zwei weißgefleckten Zicklein, und gegenüber brach aus dem Walde ein weißer Hirsch, welcher sich in dem klaren Wasser des Sees widerspiegelte. Abseits stand eine mit grünem Rasen gedeckte Erdhütte, aus der eine bläuliche Rauchwolke aufstieg. Diese Hütte hatten sich die beiden Flüchtlinge erbaut. Sie traten eben zur Wanderung gerüstet daraus hervor, denn sie wollten versuchen, die duldende Mutter und Tochter heimlich von der Burg des harten Gemahls und Vaters zu entführen und hierher in diese von dem menschlichen Verkehre abgeschlossene Wildnis in Sicherheit zu bringen.
Der Vater aber rüstete sich ungefähr zu derselben Zeit zu einem neuen Fehdezuge gegen den Königsberger. Letzterer aber hatte davon Kunde erhalten und seine Burg wohl verwahrt, während sein Sohn mit einem Häuflein Knechte dem Feinde entgegen zog. Trotz der Vorkehrungen des Königsbergers schien es, als ob der Feind seine Burg gewinnen werde; unaufhaltsam stürmte derselbe vorwärts, unbekümmert um den Steinhagel, welcher ihn unausgesetzt empfing. Schon war er an der Brücke, als dieselbe mit einem furchtbaren Krach zusammenbrach. Als aber der Feind sich anschicken wollte, den Wallgraben mit Steinen und Holz zu füllen, um so in die Burg zu gelangen, kam ein blutender Bote, welcher meldete, daß die eigene Burg von des Königsbergers Sohne eingenommen worden sei und in Flammen aufgehe. Da zogen sich die Feinde von der bedrängten Burg zurück. Die Belagerten hatten jedoch schon Vorbereitungen getroffen, ihnen schnell zu folgen. Es wurde eine Notbrücke niedergelassen und bald sahen sich die Weichenden von vorn und hinten angegriffen. Hinter ihnen kamen die Belagerten und vorn wurden sie von des Königsbergers Sohne mit seinen Mannen bestürmt. Nur durch rasche Flucht war es dem fehdelustigen und hartherzigen Ritter möglich, der Gefangenschaft oder dem Tode zu entgehen. Er überschritt mit den ihm noch übrig gebliebenen Knechten, da er in den Trümmern seiner Burg Frau und Tochter, welche unterdeß geflohen waren, nicht fand, den Kamm des Erzgebirgs und baute sich in wilder Gegend eine neue Burg. Von dieser aus durchzog er nun die Wildnis nach Bären, Wölfen und Auerochsen. Eines Tages meldete ihm einer seiner Troßbuben, daß er in einer gewissen Gegend einen weißen Hirsch gesehen habe. Diese Nachricht reizte den Ritter und er zog alsbald aus, die Spur des seltsamen Tieres zu suchen. Bald hatte er dieselbe auch gefunden, und als er darauf des Hirsches ansichtig ward, warf er seinen Jagdspieß nach demselben. Der zu Tode getroffene Hirsch raffte sich wieder auf und floh blutend in das Dickicht. Als nun der Ritter mit seinen Knechten durch dasselbe drang, erreichte er das Ufer eines klaren Sees, an welchem sich eine Erdhütte erhob. Dort lag auch der verwundete weiße Hirsch, über den sich eine Jungfrau beugte; neben ihr standen noch drei Personen. Der Ritter erkannte sie sehr wohl, er eilte hinzu und wurde in seiner Wut der Mörder der Seinen. Da verhüllte eine dunkle Wolke die Sonne, gleichsam als solle dieselbe die Unthat nicht sehen. Der klare See aber wurde zu einem unheimlichen Sumpfe und die Fischlein wurden zu Molchen. Noch zeigt man bei den Henneberger Häusern südwestlich von Johanngeorgenstadt die Stelle, wo der See lag.
Als der Himmel so vernehmlich zu dem Ritter und seinen Knechten gesprochen hatte, wollte keiner von ihnen den toten weißen Hirsch mit zur Burg tragen; dem Ritter selbst lag auch nichts daran. In der folgenden Nacht aber erbebte ringsum die Erde und in der Burg des vierfachen Mörders ertönte ein furchtbares Krachen. Die Morgensonne beschien einen gewaltigen Trümmerhaufen, und der Kopf des Ritters schaut noch heutigen Tages von der einen Felskuppe, welche man den Teufelsstein heißt und die sich an der Stelle der ehemaligen Burg erhebt, nach Osten. Der Teufel hatte in der Nacht die Burg zerstört und zum warnenden Zeichen den Kopf des Gottlosen an dem Felsen aufgerichtet.
732. Das Schloß auf dem hohen Steine.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 130.)
Als gewaltiger Markstein eines der letzten südwestlichen Ausläufer des metallreichen Erzgebirges erhebt sich der hohe Stein mit seinen wunderbar gestalteten Felsenmauern und Pfeilern. Vor vielen hundert Jahren stand an der Stelle, auf welcher sich heute diese mächtigen Felsen auftürmen, eine große feste Burg, welche mit ihren gewaltigen Mauern weithin die Gegend überblickte. Ungeheure dichte Wälder bedeckten die Gegend und nur auf gelichteten Stellen am Fuße des Berges hatten sich fleißige Menschen angesiedelt und zwangen dem Boden seine wenigen Erzeugnisse ab. Aus fernen Landen waren sie auf des Ritters Ruf gekommen und hofften in Genügsamkeit, Ruhe und Frieden hier leben zu können, aber nur zu bald seufzten sie unter dem harten Joche, welches der Ritter ihnen auferlegte, unter den schweren Strafen, welche er über sie verhängte, wenn sie seinen maßlosen Forderungen und grausamen Befehlen nicht sogleich nachkamen. Je älter er wurde, desto mehr schien das Mitleid von ihm zu weichen und sein Herz zu versteinern. Da verwünschte ein Mann, dem der Schnee des Alters seinen Scheitel deckte, den Wüterich und sein Schloß. Er, samt der Burg, wurde in grauen, harten Stein verwandelt und viele hundert Jahre wird es währen, bis die Sonne wieder die Zinnen der Burg mit ihrem Glanze vergolden wird.
So sieht man nun die gewaltigen Burgtürme und Rauchfänge, sowie den riesigen Ritter versteinert emporragen, während tief unten im dunkeln Schoße der Felsen die reichen Schätze des Burgherrn begraben liegen.
Nach einer andern Sage hat der verwünschte Ritter auf dem hohen Steine keine Ruhe; oft hört man lautes Getöse und Wiehern von Rossen aus den gewaltigen Felsen hervorschallen, sieht auch manchmal den unterirdischen Stall seine Jauche entleeren, und in finstern, unheimlichen Nächten hört man vom hohen Stein herab in der Richtung gegen »die drei Rainsteine« (an der Graslitz-Schönbach-Sächsischen Grenze) die wilde Jagd dahinbrausen, der sich auch der verwünschte »hohe Stein-Ritter« anschließen muß.
733. Das Raubschloß auf dem Lautersteine bei Zöblitz.
(Steinbach, Historie des Städtchens Zöblitz. Dreßden, 1750, S. 12.)
Der erste Felsen unter Zöblitz, linker Hand unter der Pfarrwiese nach Lauterstein zu, heißt der Lauterstein, welcher gegen das alte Schloß Lauterstein liegt und vom roten Wasser aus sehr hoch und jähe ist. Dem Vorgeben nach soll auf diesem Felsen ein Raubschloß, von welchem man gegen das dem Katzensteine an der schwarzen Pockau gegenüberliegende »Raubschloß« Losung geben konnte, gestanden haben. Man bemerkte früher auf dem Felde noch einige Gräben. Das genannte »Raubschloß« lag am rechten Pockauufer im Walde, ungefähr eine Stunde von Zöblitz entfernt. Man fand daselbst viel alte Kriegsgeräte, Pferdezeug, Sporen u. dergl., ferner Überreste von einer unterirdischen Wasserleitung. Nach der Volkssage soll das »Raubschloß« durch Kurfürst Joh. Georg I. vom Katzensteine aus in den Grund geschossen worden sein. Wahrscheinlich aber wurde es bereits im Hussitenkriege zerstört.
734. Das Raubschloß Sommerstein.
(Chronica der freyen Bergstadt S. Annaberg, II., 1748, S. 32. Grundig, Neue Versuche nützlicher Sammlungen etc., 2. Band, 1750, S. 171.)
Auf dem Schenkgute über der Pfarre zu Hermannsdorf liegt im Walde ein Fels, der Sommerstein genannt, worauf in alten Zeiten ein Raubschloß gestanden haben soll. Die Besatzung desselben lauerte gleich derjenigen der Schlösser zu Tannenberg und Greifenstein den Kaufleuten auf, welche von Böhmen kamen oder dorthin zogen. Man sieht noch etwas von den Mauern nebst einen in Fels gehauenen Backofen und einen wohl ausgemauerten viereckigen Brunnen, in welchen das Wasser durch einen langen Graben von Westen her geleitet wurde. Erzählt wird noch, es solle in diesen Felsen ein großes Loch gehen, darin stände ein großer Kasten mit Gold.
735. Das Raubschloß auf dem Greifensteine.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 183 und 184.)
Woher der Greifenstein bei Ehrenfriedersdorf den Namen habe, weiß niemand, außer daß man sagt, es hätte ein Greif daselbst genistet. Außerdem hat man die Vermutung, es hätte ein Raubschloß da gestanden, von welchem die Räuber denen auf dem Schellenberge, wo jetzt Augustusburg steht, Zeichen hätten geben können. Noch hat es das Ansehen, daß vor alten Zeiten der Platz zwischen zwei hohen Felsen mit Mauern eingeschlossen gewesen sei. Auch hat man zuweilen Topfscherben, Nägel, Pfeile, Schlüssel und anderes Eisenwerk, Totengebeine, Schweinszähne und Fischgräten daselbst gefunden. Auch ist daselbst ein kleines silbernes Ringlein mit einem Kreuzchen und dem Namen Maria gefunden worden.
736. Die Räuber auf dem Frauenstein.
(Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 301.)
Es ist geschichtlich erwiesen, daß vor der Zerstörung des Schlosses Frauenstein im Jahre 1438 der Ritter Dietrich von Vitzthum, welchem die Burg vom Grafen Heinrich von Plauen zur Bewahrung anvertraut worden war, mit böhmischen Raubrittern gemeinsame Sache machte. Um nun den durch die versteckten Nachbarburgen und die damaligen dichten Waldungen um Frauenstein begünstigten Bedrückungen der Wegelagerer ein Ende zu machen, entsandte Kurfürst Friedrich der Sanftmütige Abgeordnete mit einem Herold nach dem Frauenstein, um Vitzthum zu sofortiger Verweisung des böhmischen Raubgesindels zu veranlassen.
Die kurfürstlichen Gesandten kamen an dem weit im Lande berüchtigten Räuberneste an, fanden aber das äußere Burgthor verschlossen und die Zugbrücke aufgezogen. Der Herold ließ den herkömmlichen Trompetenruf erschallen und verkündete darauf laut den Befehl des Kurfürsten: »Dietrich von Vitzthum, Du sollst gehalten sein, dem Durchlauchtigen Kurfürsten des heiligen römischen Reiches, Friedrich, Herzog zu Sachsen und Markgraf zu Meißen, zu Befehl zu handeln und alsobald die böhmischen und anderen Ritter von Dir zu thun, welche das Land berennen und die Reichsstraßen und sonstigen Wege unsicher machen, die Bürger berauben und brandschatzen. Also gebietet der Durchlauchtige Lehnsherr, Du mögest seine Abgeordneten mit Glimpf empfangen und in allen Stücken seinem Befehlig aus ihrem Munde gehorsamen, bei Acht und Aberacht, die Dich und alle, so zu Dir halten, Freie und Unfreie, treffen wird, wenn den Landfriedensbrechern noch ferner Unterstand auf dem Frauenstein gewährt würde. Künde Dir das zum ersten-, zum andern-, zum drittenmale, kraft meines Amtes, Dietrich von Vitzthum!«
Wieder blies der Herold in die Trompete und erwartete, gegen das Thor vorreitend, eine Antwort. Dieselbe kam auch alsbald, aber in Gestalt eines starken Armbrustpfeiles, der dicht an den Ohren des Herolds vorübersauste. Dazu erklang aus der Burg ein höhnische Gelächter. Am Fenster des Thorwärters erschien der Ritter Dietrich und rief: »Was schiert mich der Markgraf von Meißen? Der Burggraf von Plauen ist mein Herr, dem nur stehe ich Rede und sonst keinem!« Unverrichteter Sache zogen die Gesandten von dannen; vorher aber hefteten sie noch die Vorladung für Dietrich von Vitzthum zum Achtsprozeß an das Gerichtsbret des Rathauses zu Frauenstein.
Der Kurfürst war über die Widersetzlichkeit Vitzthums in hohem Grade erzürnt und bot alsbald die Bürger der benachbarten Städte zum Zuge gegen das Schloß Frauenstein auf. Die Freiberger ließen auch nicht lange auf sich warten und schlossen sich dem kleinen Feldzuge um so lieber an, als ihnen durch die Räuber auf dem Frauenstein, welche die wichtige Handelsstraße nach Böhmen beunruhigten, schon beträchtlicher Schaden zugefügt worden war. Sie erschienen unter Kuno von Schönberg mit den übrigen kursächsischen Streitgenossen alsbald, und als auf die übliche Aufforderung zur Übergabe der Burg keine Antwort erfolgte, wurden die Donnerbüchsen auf die Umfassungsmauern des Schlosses gerichtet. Die Steinkugeln, deren man noch etliche als Andenken in dem alten Gemäuer sieht, prasselten gegen die Burg, jedoch auch die Besatzung schleuderte unzählige Wurfgeschosse gegen die Belagerer. Es entbrannte ein harter Kampf, der lange unentschieden blieb, bis plötzlich große Rauchwolken und Flammen aus der Burg emporstiegen. Jetzt wurde dieselbe auf ein gegebenes Zeichen gleichzeitig von allen Seiten berannt und in kurzer Zeit wurde sie von Kurfürst Friedrichs Mannen erstiegen. Innerhalb der Burg entbrannte nun ein Kampf Mann gegen Mann, wobei auch Kuno von Schönberg und Dietrich von Vitzthum zusammentrafen. Beide fochten löwenkühn, zuletzt siegte jedoch der Ritter von Schönberg und stieß den Gegner nieder. Man schleppte den verwundeten Vitzthum fort, und was noch von der Burgbesatzung lebte, ergab sich auf Gnade und Ungnade.
Drei Tage hatte der Verurteilte Zeit, sich zum Abschied vorzubereiten. In den ersten Tagen des Dezembers 1438 strömten Hunderte aus der Umgebung Frauensteins nach der Stadt, um den einst gefürchteten Vitzthum hinrichten zu sehen. Dicht gedrängt stand die harrende Menge im Schloßhofe, da erklang von der Burgkapelle her das Sterbeglöcklein, vier Knappen brachten den armen Sünder, der schwer verwundet und kaum bei Besinnung war, zur Richtstatt und alsbald wurde der Spruch des Gerichtes mit dem Schwerte an ihm vollzogen.
Die Burg wurde hierauf insoweit zerstört, daß sie nicht mehr widerstandsfähig war und den Räubern keinen weiteren Schlupfwinkel zu bieten vermochte. Dann erst zogen die Kurfürstlichen ab. Der Burggraf von Plauen ging seiner Besitzung Frauenstein, die er so unwürdig hatte verwalten lassen, verlustig; das Lehen wurde vom Kurfürsten eingezogen.
Der Geist des hingerichteten Raubritters soll von Zeit zu Zeit noch immer in der Schloßruine umgehen und auch in den hinteren, nicht bewohnten Teilen des neuen Schlosses schon bemerkt worden sein. In der Nähe des Parkschlößchens läßt sich manchmal etwas »Graues« sehen.
737. Schloß Hauenstein.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 103.)
Malerisch und majestätisch ruht das Schloß Hauenstein auf einem fast senkrecht abfallenden Basaltfelsen, welcher aus dem wildromantischen, herrlichen Waldthale sich emporhebt, das menschliche Hand zu einem lieblichen Garten umgeschaffen. Zu dem Schlosse gehört ein alter, aus schwarzem Basalt errichteter Rundturm, von altersher der »Bürgermeister« genannt, weil der Sage nach ein solcher in seinem Verließe zuerst den Hungertod fand; er diente lange als Gefängnis, und der in der Gemeinde Damitz gelegene Galgenberg erinnert heutigen Tages noch an die Zeit, wo die Zwingherren von Hauenstein das Blutgericht ausübten.
Beachtung verdient ferner das Perlenzimmer. Wie der Volksmund erzählt, sollen allhier Nonnen die im Egerflusse gefischten Perlen verwahrt haben. Nach einer andern Überlieferung hieß besagtes Gemach eigentlich »Perlhefterstube«, weil sich daselbst zur Zeit der Schlickschen Herrschaft im 16. Jahrhundert eine Perlhefterei befand.
An der Felswand in der Vorhalle des Schlosses bemerkte man sonst einen schwarzen Fleck, angeblich vertrocknetes Blut, welches ein Herr von Vitzthum dort im dreißigjährigen Kriege kämpfend vergossen haben soll.
738. Burg Neustein bei Görkau.
(Erzgebirgs-Zeitung, Komotau 1880. 1. Jahrg. S. 47.)
Es mochte um das 11. oder 12. Jahrhundert sein, als auf der Burg Neustein ein verwegener und berüchtigter Raubritter hauste. Derselbe hegte aus irgend einem Grunde einen unversöhnlichen Haß gegen den Grafen zu Rothenhaus. Da geschah es eines Tages, daß er demselben seinen erstgebornen Sohn in zartem Kindesalter samt der Wärterin raubte, und, um die Eltern irre zu führen, streute er die mit Blut getränkten Kleider des Kindes im Walde in der Nähe des Schlosses Rothenhaus aus, so daß der Graf glauben mußte, ein wildes Tier habe seinen Sohn zerrissen. Den Knaben aber ließ er als seinen eigenen Sohn erziehen und flößte ihm dabei tiefen Haß gegen das Grafengeschlecht in Rothenhaus ein.
Bei einem Überfalle venetianischer Kaufleute geriet der Raubritter von Neustein mit dem Grafen von Rothenhaus, welcher zufällig an der Spitze seiner Leute an den Ort der Unthat kam und die Bedrängten verteidigte, in Kampf und wurde dabei zum Tode verwundet. Nur mit Mühe entkam er auf seine Burg, wo er auf dem Sterbelager sich von seinem angeblichen Sohne einen Eid leisten ließ, daß derselbe an dem Grafen Rache nehmen wolle. Darauf starb er. Nach einiger Zeit gelang es dem nunmehrigen Herrn des Neusteins, die Tochter des Grafen von Rothenhaus zu rauben und durch einen geheimen unterirdischen Gang auf seine Burg zu führen, wo er sie gefangen hielt. Als er sie nun sogar zur Gemahlin begehrte, weigerte sich die Jungfrau standhaft, denn ihr Herz gehörte bereits einem andern.
Auf Schloß Rothenhaus war man durch das Verschwinden der Tochter des Hauses in nicht geringe Bestürzung geraten, denn man vermutete mit Recht einen frechen Raub. Der Graf entbot noch in derselben Nacht seine Mannen zu sich und zog mit ihnen am frühen Morgen gegen die Burgen Neosablitz und Wodehrad, die im Thale des Assigbaches lagen und deren damalige Herren sich nicht des besten Rufes erfreuten. Doch in keinem der beiden Schlösser war die Geraubte zu finden. Von dem Vorhandensein des Felsennestes Neustein aber wußte man nichts, denn dasselbe lag tief im Walde versteckt.
Unterdeß hatte die gefangene Grafentochter einen Plan zu ihrer Rettung entworfen. Sie heuchelte dem Herrn von Neustein, sie sähe ein, daß ihr Sträuben vergeblich sei, und so habe sie sich entschlossen, die Seine zu werden; der Ritter möge ihr nur einige Tage Zeit lassen und ihr gestatten, daß sie eine Kirche besuche, damit sie Gott um Trost und Beistand anflehe. Nur ungern willigte der Ritter ein. So zog sie denn mit ihrer treuen Dienerin, die man ebenfalls in Rothenhaus geraubt hatte, und bewacht von einer Schar wilder Gesellen, nach Komotau, wo sich die nächste Kirche befand. Als sie daselbst dem Pfarrer beichtete, erkannte sie derselbe und er forderte sie auf, ihm ihren Aufenthaltsort anzugeben. Sie sogleich zu befreien, erschien ihm unmöglich, da die Kirche von den Bewaffneten umstellt worden war und die Leute im Orte noch schliefen, denn es war zu sehr früher Stunde. Die Jungfrau konnte dem Priester jedoch ihren Aufenthaltsort nicht angeben, da man sie mit verbundenen Augen aus dem Raubschlosse nach der Kirche gebracht hatte. Ratlos lief der Priester in die Sakristei und kam ebenso ratlos wieder zurück. Da bemerkte er plötzlich ein altes Weib, das unvermerkt mit in die Kirche gekommen war. Er fragte die Alte, was sie wohl in ihrem Korbe habe. »Ein Säckchen mit Linsen«, entgegnete diese. »Weib,« rief der Pfarrer, »Ihr seid mir von Gott gesandt; überlaßt mir die Linsen, sie sollen Euch gut bezahlt werden!« Das Weib war einverstanden, und der Priester händigte die Linsen seinem Beichtkinde ein mit der Weisung, auf dem Heimwege von Zeit zu Zeit heimlich einige Linsen fallen zu lassen; er werde dann dafür sorgen, daß ihr Aufenthaltsort entdeckt werde. Dann entließ er das Fräulein, welches nun mit seinen bewaffneten Begleitern wieder zu Pferde stieg und den Rückweg antrat. Der Geistliche aber gab einem zuverlässigen Manne den Auftrag, dem Zuge sofort unvermerkt zu folgen, hie und da am Boden zerstreute Linsen würden ihm im Walde den Weg zeigen. So wurde das Raubschloß entdeckt. Dem Grafen von Rothenhaus aber brachte man sofort die Nachricht hiervon, und noch an demselben Abende stand er mit seinen Mannen vor der Feste des Raubritters und verlangte die Auslieferung seiner Tochter. Diese erfolgte aber nicht; man rüstete sich vielmehr in der Burg zur Verteidigung. Nun umschlossen die von Rothenhaus die Burg und trafen Anstalten zum Sturme auf dieselbe. Am frühen Morgen des nächsten Tages begann man auch sofort den Angriff, und trotz der verzweifelten Gegenwehr der Belagerten hatten die Angreifer bald vom Bergrücken her den Wall und Graben überschritten und begannen die Mauern zu ersteigen. Da versuchte der jugendliche Ritter vom Neustein ein letztes Mittel, die Feinde vom weitern Vordringen abzuhalten. Er schleppte das geraubte Fräulein auf den Wartturm und drohte dasselbe in die Tiefe zu stürzen. Da trat aber die alte Wärterin heran, welche allein im Schlosse seine wahre Abkunft kannte, und teilte ihm mit, daß er eben im Begriffe stehe, seine Schwester zu ermorden. Jetzt erfaßte Verzweigung den Ritter; er bestieg sein Pferd, ritt auf die Burgmauer, gab dem Tiere die Sporen und stürzte mit ihm in die gewaltige Tiefe. Die Felsenburg wurde nun vollends eingenommen und zerstört. Groß war aber die Trauer zu Rothenhaus, als man erfuhr, wer der gewesen, der die Tochter des Grafen geraubt hatte. Der Leichnam des Ritters wurde feierlich in der Familiengruft der Rothenhauser beigesetzt.
739. Das alte Schloß Mulda.
(Mündlich.)
Oberhalb des Ortes Mulda bei Freiberg zeigt man am linken Muldenufer in der sogenannten »Grüne« einen Platz, auf welchem einst ein altes Schloß stand. Von den Ruinen ist seit einer Reihe von Jahren nichts mehr zu sehen, da man die Steine bei einem Wegebau verwendete. Die Sage erzählt nun, daß nach dem Schlosse eine kupferne Wasserleitung von dem Brunnen auf dem Burgberge geführt habe und daß dasselbe von einem gewissen Hegewald niedergerissen worden sei. Die Steine verwendete derselbe zum Aufbau des jetzigen Rittergutes. Als das Schloß niedergerissen wurde, fand dieser Hegewald (er hieß mit dem Vornamen Zacharias, wurde 1670 geboren und starb 1731), wie der Volksmund erzählt, in dem Gemäuer einen großen Schatz, den er in einem Sacke auf der Schulter nach dem neuerbauten Rittergute trug. Die Last war aber so schwer, daß sie ihn auf dem Wege erdrückte. Früher soll auch in dem Rittergute ein Bild zu sehen gewesen sein, welches diese Begebenheit darstellte.
740. Tauben verraten das Schloß Schönfels.
(Köhler, Volksbrauch etc. S. 623.)
Das Schloß Schönfels bei Zwickau soll einst rings von einem großen Walde umgeben gewesen sein, so daß man es nicht sehen und schwer auffinden konnte. Einst wollte es der Feind erstürmen und suchte es lange; und hätten nicht Tauben, die man im Schlosse hielt und welche ab und zu flogen, die Richtung verraten, so hätte man noch lange suchen können.
741. Schön-Guta von Hassenstein.
(Nach Ed. Heger in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 143 etc.)
Eine halbe Stunde vor dem Bergstädtchen Platz liegen die von einem dreifachen Walle umgebenen Ruinen des Schlosses Hassenstein. Nach einer Sage wurde dasselbe in der Mitte des 11. Jahrhunderts von einem Reichsritter Emerich erbaut, welcher mit dem Grund und Boden von dem Kaiser Heinrich III. für geleistete Kriegsdienste und besonders für seinen Beistand in der Heerfahrt gegen den Böhmenherzog Achilles Bratislav belehnt worden war. Sieben Jahre dauerte der Bau, und als er beendigt war und der Ritter einzog in sein stattliches Bergschloß, da nahm er sich vor, als Gebieter Gerechtigkeit, aber auch die vollste sittliche Strenge walten zu lassen. Um seine Anschauungen von Recht und Sittlichkeit zum Ausdruck zu bringen, that er ein Gelübde sonderbar und folgenschwer. Er gelobte, diejenige Bewohnerin des Schlosses, welche ihre Ehre verlieren würde – und sollte es auch seine eigene Tochter sein – lebendig einmauern zu lassen. Noch sieht man in der geborstenen Mauer des Hassenstein eine Nische, welche der Ritter Emerich für diese furchtbare Bestimmung herstellen ließ, um seinem Gelöbnis den weiblichen Schloßbewohnern gegenüber den rechten Nachdruck zu geben.
So vergingen Jahre. Der Ritter jagte in den ungeheuren Wäldern den starken Eber oder den flüchtigen Edelhirsch, während seine Gemahlin die Erziehung ihrer Kinder, dreier Knaben, welche des Vaters Stolz und Freude waren, überwachte. Als die Söhne wehrhaft geworden waren, lernten sie auf den Nachbarburgen feine Sitte, und nachdem sie den Schwertschlag zu Gottes und Mariens Ehre erhalten hatten, dienten sie als Ritter an den Höfen im deutschen Reiche. Die Burgfrau hatte ihrem Gemahl später auch ein Töchterchen geschenkt, dessen Geburt der Mutter leider das Leben kostete. Auf ihrem Sterbelager hatte sie ihr Kind der Obhut des alten Schloßkaplans übergeben, welcher ihr versprach, dasselbe in Frömmigkeit zu erziehen und Vaterstelle an ihm zu vertreten. Denn der Ritter war zu häufig in Fehden verwickelt und oft lange von der Burg abwesend, als daß er sich der Erziehung seiner Tochter, welche bei der Taufe den Namen Guta empfing, mit rechter Aufmerksamkeit hätte widmen können.
Der Schloßkaplan, ein sanftmütiger Priester, verwendete nun seine ganze Sorgfalt auf die Erziehung der kleinen Guta, und besonders war es die wunderbare Welt der Märchen und der Kreis der Sagenlieder und Legenden, welche auf die empfängliche Schülerin den größten Eindruck ausübten. So wuchs das Mädchen zur blühenden Jungfrau heran und fast schien es, als ob dieselbe ihren sanften Lehrer mehr liebe, als den strengen Vater. Derselbe dachte endlich daran, wie er seine Tochter versorgen und sich damit zugleich eines Nachfolgers im Besitze der Burg versichern könne. Alle seine Söhne, seine natürlichen Stützen und Erben hatten ihn ja verlassen, sie weilten, Abenteuer suchend, in weiten, unbekannten Fernen und nie hatte er eine Nachricht von ihnen erhalten. Die Wahl eines passenden Eidams erschien ihm nicht leicht, doch hoffte er sie am besten am Hoflager zu Regensburg treffen zu können, wohin Kaiser Heinrich IV., seines kaiserlichen Gönners Sohn, die Fürsten, Ritter und Edlen entboten hatte, damit des Reiches Wohl und der Römerzug beraten werde. Ritter Emerich begab sich also nach Regensburg.
Während der Abwesenheit des Burgherrn beschloß der greise Kaplan, seiner Pflegetochter, welche bisher kaum über die Schwelle des äußern Burgthores hinausgekommen war, ein größere Maß von Freiheit zu gewähren. Er führte sie daher hinaus in die Wälder und auf die Fluren und besuchte mit ihr die Ansiedelungen im Burgbanne. Oft ruhten sie auf einer Waldwiese unter einer riesigen Eiche und lauschten am Morgen dem Gesange der Waldvöglein. Als sie einmal wieder so saßen, trat plötzlich aus dem dichten Gebüsch ein schöner ritterlicher Jüngling. Guta war anfangs recht erschrocken, doch konnte man dem Fremdlinge, welcher die edelsten Sitten zeigte, nicht gram sein. Es war ein fahrender Ritter aus dem Meißnerlande, welcher in der Gegend Gastfreundschaft gesucht und gefunden hatte und den der Zufall auf einer seiner Wanderungen dem Priester und Guta entgegenführte. Nach mehreren Tagen traf der Ritter mit ihnen an derselben Stelle wieder zusammen, und dann noch öfter und öfter. Der Priester war kein strenger Wächter, und so kam es, daß die Herzen der jungen Leute sich fanden und der Ritter die Jungfrau um Erlaubnis bat, ihr sein Leben weihen zu dürfen. Nach der Rückkehr ihres Vaters wollte er um ihre Hand anhalten, denn Guta war es unbekannt geblieben, aus welchem Grunde ihr Vater nach Regensburg abgereist war. Bald kam aber von dorther die Botschaft an den Kaplan, daß der Burgherr bald zurückkehren und den für seine Tochter erkorenen Bräutigam sogleich mitbringen werde. Als dies Guta hörte, stürzte sie fassungslos ihrem Erzieher zu Füßen und entdeckte ihm ihr Geheimnis. Dieser erschrak heftig, denn er kannte die unbeugsame Strenge Emerichs und dachte an das offene Grab in der Schloßmauer. Freilich fühlte er sich selbst auch nicht von Schuld frei, und nach reiflicher Überlegung glaubte er ein Mittel gefunden zu haben, um der ersten Heftigkeit des heimkehrenden Burgherrn zu begegnen. Zu Seelau im St. Magdalenenkloster, von dem heute kein Stein mehr auf dem andern ist, da hat Schön-Guta Aufnahme gefunden; und auch der meißnische Ritter ward in die Verbannung geschickt, er ging zu den Benediktinern nach Klösterle. So blieb nur der greise Priester zurück und derselbe wollte dem Ausbruche des Zornes standhalten.
Als der Schloßherr kam, gestand der Kaplan alles. In wildem Grimme vergriff sich der Ritter an ihm, würgte den schwachen Priester und stieß ihn über die steile Treppe hinab, so daß der Arme die Steinvließe drunten mit seinem Blute färbte und seine Seele aushauchte. Nun erst kam der Ritter zur Besinnung und dachte besonders an die Verfolgung, welche die mächtige Geistlichkeit gegen ihn einleiten würde, wenn sie Kenntnis von diesem Morde erhielte. Deshalb suchte er eilig die Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Er erinnerte sich der Mauernische, die er einst für eine ehrenvergessene Schloßbewohnerin hatte herrichten lassen. Wie fürchterlich hatte nun das Geschick entschieden! Seine eigene Tochter war zum Opfer geworden, sie hätte er nach jenem Gelübde lebendig hier begraben müssen. Da ließ Emerich den Leichnam des ermordeten Priesters an jener Stelle bergen. Doch damit konnte er die Erinnerung an das Geschehene nicht begraben; eine Stimme frug ihn fort und fort: Hast Du auch recht gethan? Sein Trotz wollte diese Frage wohl bejahen; doch er konnte damit die Stimme des Gewissens nicht betäuben, er ergab sich dem Trunke, um so Vergessenheit zu finden. Da geschah es eines Abends, daß er sich ruhelos umhertrieb; sein Schritt war unsicher, er wankte und stürzte über die jähen Stufen hinab, so daß seine Glieder an eben demselben Steine zerschellten, auf welchem der Schloßkaplan seine Seele ausgehaucht hatte. Die Knechte und Reisigen bereiteten dann das Begräbnis ihres toten Herrn, und außerhalb der Burg, mitten im grünen Hag, wo es am kühlsten war und die Vögel am schönsten sangen, dort wölbten sie den Hügel des Ritters, und dann zerstreuten sie sich, denn sie wollten nicht mehr bleiben an der Stätte mit dem fluchbeladenen Steine. Und sprachen sie in der Folge von der Burg, so versäumten sie nicht, den Ort des Übels zu kennzeichnen: »Haß dem Stein!« Aus dieser Redensart aber entstand im Laufe der Zeit der Name »Hassenstein.«
Und die schöne Guta? Die Leute erzählten oft, daß im Kloster eine Nonne sei, die man immer weinen sehe, das Gesicht gegen die kalten Eisenstäbe des Fensters gedrückt. Und der Ritter aus den meißnischen Landen? Der blieb auch im Kloster, denn er hätte keine Freude mehr gefunden draußen ohne Guta. Aber die Söhne Ritter Emerichs? Die hatten das Kreuz genommen und waren mit Peter dem Einsiedler ins heilige Land gezogen und man hat nie mehr von ihnen gehört.
Das erledigte Hassenstein erwarben später die Herren von Schönburg, welche auch in der Nachbarschaft, bei Klösterle, eine Feste besaßen, deren Ruine von den Anwohnern heutzutage »Schömmerich« genannt wird.
742. Die heldenmütige Herrin des Schloß Hartenberg.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung 1882, S. 26.)
Zur Zeit der Hussitenkriege lebte auf dem Schlosse Hartenberg, umgeben von nur wenigen Getreuen und unter der Obhut einer alten Dienerin Zdenka von Hartenberg, eine schöne achtzehnjährige Jungfrau. Seit einer Reihe von Jahren mutterlose Waise, entriß ihr auch das Schwert eines wütenden Taboriten vor kurzem den Vater, und ihr nächster Anverwandter, Jodok von Pichlberg, ein eifriger Utraquist, den sie um männlichen Schutz und Beistand anflehte, wollte oder konnte solchen nicht leisten, sondern riet ihr, der neuen Lehre beizutreten und so aller Gefahren überhoben zu sein. Das mochte Zdenka nicht. Getreu den frommen Lehren ihrer verklärten Mutter hing sie mit kindlichem Glauben und Vertrauen der katholischen Kirche an und setzte, da ihr kein Freund mehr auf der Welt blieb, das feste Vertrauen auf Gott, den mächtigen Beschützer der Bedrängten und Verlassenen. Daneben vergaß sie auch nicht, an das Ehr- und Pflichtgefühl ihrer Unterthanen zu appellieren, versah die Burg mit Lebensmitteln, ließ die Mauern, Streittürme und Basteien ausbessern und einen größern Vorrat des schon damals im Gebrauche stehenden Schießpulvers herbeischaffen, um die einzigen Waffen der Burg, zwei Doppelhaken, in Verwendung nehmen zu können, kurz, ordnete alles mit männlicher Umsicht und Entschlossenheit an, was zur Verteidigung ihres väterlichen Erbes dienen konnte.
Die Vorsicht war nur zu wohl gerechtfertigt. In einer finstern Nacht rötete sich der Himmel von mächtigen Feuersäulen, die aus den benachbarten, von den Hussiten in Brand gesteckten Dörfern emporstiegen, und ein beträchtlicher Taboritenschwarm, angelockt von dem reichen ungeplünderten Gute und der ihrer Meinung nach sehr schwach oder gar nicht verteidigten Burg, stand bald vor den Thoren Hartenbergs, mit rauhen, grimmigen Worten Einlaß begehrend und mit drohenden Mienen zur Übergabe auffordernd. Da beides verweigert wurde, schrien hunderte von Stimmen nach Sturm, Pfeilen und Pechkränzen und vermengten ihre Rufe mit tausend Verwünschungen und Flüchen.
Zdenka ließ die Feuerschlünde donnern, ein Steinregen fiel auf die Schädel der Stürmenden, heißes Pech troff auf sie herab, und viele der blutdürstigen Taboriten, welche versuchten, die Burg in Brand zu stecken, den Thorgraben mit Steinblöcken zu füllen, die Mauern zu ersteigen, sanken zerschmettert zu Boden. – Die grause Nacht verging und der neue Morgen sah neue Stürme, neue angestrengte Versuche, die Burg zu Falle zu bringen. Umsonst; das tapfere Häuflein der Eingeschlossenen, angespornt durch Wort und That ihrer edlen Gebieterin, sowie die starken Mauern, die tiefen Gräben und die treffliche Lage der Burg spotteten aller Versuche der Hussiten, so daß diese beschlossen, die Belagerten durch die Macht des Hungers zur Übergabe zu zwingen. Die Lage Zdenkas und ihrer Getreuen wurde nun mit jedem Tage furchtbarer; Mutlosigkeit riß ein, die Lebensmittel nahmen immer mehr ab, die bleiche Krankheit mit der hohläugigen Not erschienen in der Burg als unwillkommene Gäste, kein Ersatz war zu erwarten; denn das verzagte Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite ausgesteckte Notfahne herbeirufen sollte, hatte die schwer heimgesuchte Gegend verlassen. – Als die Not aufs höchste gestiegen war, begab sich die bemitleidenswerte Jungfrau in die Burgkapelle, weilte dort auf den Knien liegend lange, bange Stunden und faßte daselbst, gestärkt durch ein inbrünstiges Gebet, einen bewunderungswürdigen, heroischen Entschluß, der, als sie wieder unter ihre Leute getreten war, ihren Augen einen eigenen Glanz, ihren Zügen eine stille Ruhe und Resignation, ihrem ganzen Wesen eine heilige Weihe gab. Ein Knecht mußte die letzte Nahrung, ein Rehviertel, vor den Turm werfen, ein anderer ins Horn stoßen und den Anführer der erbitterten Belagerer herbeizurufen. Dieser erschien, und Zdenka rief hinab: »Unter gewissen Bedingungen will ich die Burg übergeben, obwohl, wie Ihr an dem Wildpret sehen könnt, keine Not mich dazu zwingt. Erstlich werdet Ihr meine Getreuen mit Hab und Gut frei und ungehindert abziehen lassen.« »Nur Euch nicht, holde Frau«, unterbrach sie der Rohe, »sonst mag das ganze Gesindel das Weite suchen.« »Ich bleibe in der Burg meiner Väter, so lange ich lebe!« rief Zdenka leuchtenden Blicks und fuhr hierauf fort: »Dann werdet Ihr Euch nicht eher dem Thore nähern, bis meine Leute den Platz gänzlich verlassen und die Stätte jenes Vorwerks erreicht haben. Zuletzt beschwöret mir, falls Ihr ein Christ seid, die genaue Befolgung des Versprechens.« »Ich schwöre«, tönte es von den Lippen des Kelchners, »aber glaubt nur nicht«, setzte er bei, »daß Ihr mir entwischen könntet.« – Zdenka ordnete nun den Abzug ihrer Diener an, dankte ihnen für alle bewiesene Treue und gehorsam geleisteten Dienste, verteilte ihre Kleinodien und Kostbarkeiten unter sie und tröstete die in Thränen Aufgelösten damit, daß ihr der wilde Hussitenführer wohl freundlich entgegenkommen werde.
Die Fallbrücke rasselte herab, sechzehn bleiche und abgezehrte Männer mit der alten, weinenden Wärterin schwankten heraus, und nicht lange darnach stürzten die nach Beute lechzenden Taboriten mit ihrem Anführer an der Spitze, welcher die Jungfrau suchte, in die Burg. Allein wie vom Blitze gerührt blieb die wilde Rotte am Eingange einer Halle stehen und starrte mit stummen Entsetzen auf das ihr sich darbietende Bild. Dort in der Mitte des Gemaches stand Zdenka, bräutlich geschmückt, Entschlossenheit in Mienen und Gebärden, Hoheit und Würde in Haltung und Stellung zeigend. In ihrer Rechten loderte, Unheil und Verwüstung drohend, eine Fackel mit blutigrotem Scheine, und mit dem Zeigefinger ihrer Linken deutete sie auf ein vor ihr stehendes Pulverfaß. – Todesschauer schien die Kelchner gelähmt zu haben, und dieser wollte auch dann nicht von ihnen weichen, als ein brausendes Getöse sich gegen die Burg hinanwälzte, und endlich ein Haufen sich gesammelten, bewaffneten Landvolkes, entrüstet über die unmenschliche Verheerung ihrer Heimat, angefeuert durch die Not der verlassenen Jungfrau, zum Entsatze herbeieilte und die blutdürstigen Räuber mit leichter Mühe überwältigte. Zdenka stand noch immer, wie ein Engel des Todes, drohend vor der Pulvertonne. Erst als sie sich gerettet sah, fiel sie, inbrünstig dem Himmel für ihre Rettung dankend, auf ihre Knie. Die ruhmwürdige Jungfrau hätte eher die Burg in die Luft gesprengt, als sich den Taboriten ergeben, da sie voraussah, daß Entehrung und grausame Behandlung ihrer warte.
743. Ein Beispiel von Vaterlandsliebe.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgszeitung 1882, S. 29.)
Es war in einer stürmischen Nacht in der Zeit des siebenjährigen Krieges, als in einem Hirtenhause zwischen Pichelberg und Thein bei Bleistadt Vater und Sohn vor dem Kienfeuer sitzend in einem lauten Gespräche begriffen waren. Dieses war besonders für letzteren hochinteressant, denn oft ließ der fünfzehnjährige Michel seine Hände, welche sich mit Kieferspäneschnitzen beschäftigten, sinken und hörte lange Zeit mit gespanntester Aufmerksamkeit auf das, was sein Vater, ein alter, verdienter Soldat, von seinen Feldzügen gegen den hartnäckigsten Feind Maria Theresias mit großem Eifer und dramatischer Lebendigkeit zu erzählen wußte. Besonders heute war sein Mund gesprächiger denn je, denn eine österreichische Truppenabteilung, bei deren Anblick sich des Alten Erinnerungen neu belebten und gestalteten, war seit wenigen Stunden an der Hütte vorbeimarschiert und lagerte sich für die Nacht eine kurze Strecke davon. Immer und immer wieder wurde Michel zu bewundernden Ausrufen hingerissen, und es wäre ihm am liebsten gewesen, wenn er gleich als Soldat mit Säbel und Gewehr hätte Bekanntschaft machen können.
»Aufgemacht!« schrie da plötzlich eine rauhe Stimme und begleitete den Befehl mit einem Kolbenschlage, der das Fenster zertrümmert in die Stube warf, »heraus mit euch, oder das Feuer wird schnelle Beine machen!«
Auf seinem Stelzfuße hinausgehumpelt, sah sich der alte Soldat einem Haufen preußischen Fußvolkes gegenüber, dessen Anführer von ihm zu erfahren wünschte, wenn die kaiserliche Truppe hier vorbeigezogen, wie stark sie sei und wo dieselbe liege. Der Veteran erwiderte, daß er dieses alles nicht wisse, und weder Versprechungen, noch harte Drohungen und arge Mißhandlungen, welche Michel zum Widerstande bewogen, konnten den braven Mann veranlassen, zum Verräter zu werden, so daß die Preußen diesen entschlossenen Leuten gegenüber einen andern Weg einschlugen, um zum Ziele zu gelangen.
Zwei Mann mußten den alten Hirten bewachen, während Michel gezwungen wurde, den Weg zu zeigen. Man warf um seinen Leib einen Strick, dessen Ende der Befehlshaber selber in die Hand nahm, wobei er drohend und nachdrücklich sagte: »Du, Bursche, gehst links zwei Schritte neben mir und wirst weder husten, noch scharf auftreten. Zwei Mann mit gezogenen Säbeln gehen vier Schritte voraus, ebenso viele hinten und an den Seiten, die Mannschaft folgt, sechs Schritte entfernt, nach. Du führst uns den nächsten Weg zu dem Lager der Österreicher und wenn irgend ein Wort meiner Befehle übertreten wird, so werden dich meine Leute augenblicklich niederstoßen.« Der arme, bedauernswerte Michel leistete anfangs mit stürmischem Herzpochen, was man von ihm verlangte; allmählich wurde er aber ruhiger, dachte nach und machte endlich den Versuch die verhaßten Preußen irre zu führen, um die Soldaten seiner Kaiserin zu retten. Die Absicht wurde aber von dem Offizier bald gemerkt; denn dieser zog ihn an sich und zischelte dem Burschen ins Ohr: »Wenn wir in einer halben Stunde die Österreicher nicht haben, stirbst du eines martervollen Todes.« Nun wußte Michel keinen Ausweg mehr und entschlossen bog er links in einen Hohlweg ein, der gerade auf das Lager der kaiserlichen Truppen führte. Die schwarze Nacht, die unheimliche Stille, das raubtierartige Gebahren seiner schlagfertigen Begleiter hatten etwas Fürchterliches, was im Vereine mit den heute von seinem Vater erzählten Kriegsthaten seine Thatkraft zeitigte und den kühn gefaßten Entschluß zur Reife brachte. Plötzlich entdeckten die Vordermänner eine Schildwache, welche, als sie den Werdaruf geben wollte, lautlos zu Boden sank. Die Kaiserlichen mußten in der Nähe sein, weshalb der Führer sich wendete und ein leises Zeichen zum Stillstande gab. Diesen Moment benützte der Bursche, sprang wie ein Luchs auf den Befehlshaber und ihn am Halse fest umschlingend, schrie er aus allen Leibeskräften: »Auf! auf! die Preußen! Holla, die Feinde!« Der Heldenmütige blutete schon aus vielen Wunden, bevor der Todesstoß seinen Mund auf ewig verstummte, dessen Rufe die kaiserliche Mannschaft rettete und ihr über die durch den unverhofften Verrat betäubten Preußen einen leichten Sieg verschaffte.
744. Der Hauptmann Gecko von Lauenstein.
(Brandner, Lauenstein. 1845. S. 24 und 25.)
Das Schloß Lauenstein, welches früher Löwenstein hieß, hatte wie andere Burgwarten einen markgräflichen Hauptmann. Durch die Räubereien dieser Hauptleute aber erhielt Lauenstein später den Ruf eines Raubschlosses. Einer dieser Hauptleute, mit Namen Gecko oder Jecko, war wegen seiner räuberischen Streifzüge, die er zuweilen bis an die Elbe ausdehnte, besonders gefürchtet. Bei einer solchen Gelegenheit bekam er die Gemahlin des Burggrafen Otto von Dohna und deren Tochter Edda in seine Gewalt, und er ließ beide, da Otto das schwere Lösegeld nicht aufbringen konnte, in schmählicher Gefangenschaft schmachten. Erst, nachdem Otto die Burg Lauenstein hart bedrängte, erhielten sie ihre Freiheit wieder. Aber Ottos Gemahlin genoß die Freude des Wiedersehens nur auf Augenblicke, denn als ihr Gemahl herbeieilte, um sie zu empfangen, erlag sie, durch lange, harte Gefangenschaft, durch Harm und Kummer geschwächt, der Wonne herzlicher Bewillkommnung. Sie starb in den Armen ihres Gemahls.
Der Hauptmann Gecko aber fand später ein elendes Ende, das man, wie die alte Nachricht hinzufügt, für ein hartes Strafgericht Gottes halten mußte.
Als Geckos kleiner Sohn an dem Rande des Zwinggrabens spielte, stürzte er, nach Blumen langend, in denselben hinab. Gecko, dies gewahrend, eilte behende herbei, um zu helfen, glitt indeß aus, stürzte hinab, blieb aber an einem Pfahle hängen und spießte sich denselben in der Hüfte zwischen Wamms und Brustschild durch den Leib, woran er elendiglich seinen Tod fand. Der Knabe aber ist ohne Fehl wieder herausgekommen.
745. Der treue Haberberger von Freiberg.
(Moller, Theatrum Freib. Chron. II. S. 43.)
Als Markgraf Friedrich der Freidige, vom Kaiser Adolf besiegt, elend im Lande umherzog, kam er, von einem einzigen Diener begleitet und unerkannt in eine Schmelzhütte, in welcher ein Freiberger Bürger, namens Haberberger, einen starken Blick Silber abtrieb. Als er nun gefragt, wem so viel Silber zustände und darüber berichtet worden war, hat er den Haberberger allein vor die Hütte geführt, sich zu erkennen gegeben und ihn um das Silber angesprochen. Haberberger hat ihm dies nicht allein willig zugestellt, sondern ihm auch versprochen, daß er ihm nach wenig Tagen, wenn er es geschmolzen, noch mehreres geben wolle. Markgraf Friedrich nahm es mit Dank an, und da ihm in der Folge noch mehrere reiche Bürger heimlich von ihren Ausbeuten zuschickten, warb er neues Kriegsvolk an, mit dem es ihm gelang, in seinem Lande wieder festen Fuß zu fassen. Er konnte sich um so mehr darin behaupten, als bald darauf der Kaiser abgesetzt wurde und in einer Schlacht mit seinem Gegenkaiser sein Leben einbüßte. Haberberger aber wurde reichlich beschenkt und erhielt mancherlei Freiheiten.
746. Ein Freiberger Bürger rettet Markgraf Friedrich dem Freidigen das Leben.
(Moller a. a. O. II. S. 47.)
Im Jahre 1305 ist der Kaiser Albrecht nach Altenburg gekommen und hat Markgraf Friedrich den Freidigen zu sich entbieten lassen, ihn auch freundlich aufgenommen und zu seiner Tafel gezogen, allein heimlich hat er einen Meuchelmörder bestellt gehabt, der plötzlich ins Tafelzimmer hineinsprang und einen Stoß auf den Markgrafen führte. Als dieses seine Diener sahen, ist der eine, so ein Bürger von Freiberg gewesen, ihm in den Stoß gefallen, dabei aber tötlich verletzt worden, die andern aber haben zu ihrer Wehr gegriffen und teils den Thäter in Stücke gehauen, teils ihren Herrn aus der Gefahr vom Schlosse hinweg und am folgenden Tage in fremden Kleidern aus der Stadt gebracht, worauf er sich nach Pegau gerettet hat.
747. Der Ritter von Bärenstein und der Löwe.
(Nach Peccenstein, Theatrum Sax. I. S. 91 in Gräße, Sagenschatz d. K. S. No. 244.)
Der König von Ungarn Matthias ist den deutschen niemals sonderlich hold gewesen, also daß er sich mehrmals öffentlich hat vernehmen lassen, er wolle den Türken einen Paß durch sein Land vergünstigen, Deutschland zu überfallen. Gleichwohl hat er immer deutsches Volk an seinem Hofe gehabt und in seinen Kriegen gebraucht, und so ist denn auch ein Ritter von Bärenstein in seine Dienste gekommen. Nun trug es sich zu, daß der König einmal auf dem Schlosse zu Ofen spazieren ging, und wie er dabei an die Löwengrube kommt, so forderte er den von Bärenstein zu sich, befiehlt, dem Löwen Fleisch zuwerfen und redet darnach den von Bärenstein an, er solle doch, da er so kühn sei, den Löwen vom Fleische wegjagen. Wiewohl nun der Ritter leicht abnehmen konnte, wie solches gemeint sei und was ihm für Gefahr bevorstehe, wenn er es unternehmen wolle, so hat er doch, um allen Unglimpf zu verhüten und abzuwenden, sein Leben nicht zu sparen gedacht, seinen Mantel um den linken Arm gewickelt, das Schwert in die rechte Hand genommen und ist also in die Grube auf den Löwen zugegangen. Wie dieser ihn ansichtig worden und sein unerschrockenes Gemüt gemerkt, hat er seiner nicht erwarten wollen (wie es denn die Natur dieses Tieres sein soll, daß es denen weicht, so es an Kühnheit übertreffen), und also hat der Ritter von Bärenstein das Fleisch genommen und dem König überbracht, nicht ohne dessen sowie des ganzen Hofes große Verwunderung. Ob nun wohl der König sich darauf ganz gnädig gegen ihn bezeigt, hat jener doch bald Abschied genommen und sich aus seinen Diensten begeben.
748. Ein Ritter von Schönberg wird von den Hussiten gejagt.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan. 1847. S. 83.)
Als im Sommer 1427 ein starker Haufe Hussiten über Olbernhau und Sayda durch das Gebirge herunter nach Oederan zog, galt es besonders dem Ottomar von Schönberg, welcher den Hussiten aus der Gefangenschaft entwichen war und nun in seinem Schlosse Reinsberg wohnte. Täglich wurde jetzt dieses Schloß 3 Wochen lang von den Hussiten gestürmt. Da rettete den geängstigten Schönberg sein Knappe durch einen unterirdischen Gang, der sich in einem Busche vor dem Schlosse öffnete. Diese Stelle soll noch heute mit einem Denksteine, auf dem ein Kreuz eingehauen ist, bezeichnet sein. Ein bereit gehaltenes Roß trug den Ritter in der dunkeln Nacht durch den Forst auf die nahe Straße nach Freiberg. Hier setzten ihm die wachsamen Hussiten nach und hart vor Freiberg hatten sie den fast zum Tode Gehetzten beinahe eingeholt. Der Turmwächter auf dem Meißner Thore gewahrte in der Morgendämmerung diese Menschenjagd. Er öffnete dem nahenden Ritter, welcher ihm sein weißes Tuch entgegenschwang, einen Thorflügel, den er vor den mit heransprengenden Hussiten schnell wieder zuschlug. Innerhalb des Thores aber verließen den Ritter die Kräfte; auf der Meißner Gasse stürzte er mit dem Pferde und wurde tot in das nächste Haus getragen. Auch diese Stelle ward mit einem Steine, den man später an die Stadtmauer gelehnt hat, zum traurigen Andenken bezeichnet.
749. Hertha von der Planitz rettet die Kirche zu Oederan.
(Staberoh, Chron. der Stadt Oederan. 1847. S. 36.)
Im Bruderkriege wurde die Kirche zu Oederan von Herzog Wilhelms wilden, meist böhmischen Kriegern völlig ausgeraubt. Vom völligen Feuerruin wurde sie nur dadurch gerettet, daß, als die Räuber mit den Pechkränzen schon nach dem Gotteshause liefen, ein adeliges Fräulein, Hertha von der Planitz, in die Kirche eilte, das Marienbild vom Altare nahm und dieses dem Feldhauptmann Cuno von Witzleben, der zu Pferde vor der Kirchthüre hielt, mit den Worten zeigte: »Halt ein, du Gottloser! Diese Heilige wohnt in dieser Kirche, und wird dich bei ihrem Sohn verklagen. Ich trage sie zurück in ihr Heiligtum und werde mich selbst mit ihr verbrennen lassen!« Der Feldhauptmann ließ zwar die Pechkränze wieder wegtragen, doch nun die Thüre der Kirche erbrechen und diese ausrauben; jedoch befahl er, jenes heldenmütige Edelfräulein mit ihrem Marienbilde zu verschonen. Dies geschah 1447.
750. Die Zerstörung des Klösterleins »alte Zelle« im Zellwalde bei Nossen.
(Alfr. Moschkau, Geschichte des Benediktinerklosters St. Walpurgis im Zellwalde. 1874. S. 8. Saxonia I. S. 172.)
Das im Jahre 1540 als Wallfahrtskirche eingegangene Mönchsklösterlein »alte Zelle« im Zellwalde soll nach der Sage ein Nonnenkloster gewesen und erst im dreißigjährigen Kriege eingegangen sein. Als Banner Freiberg vergeblich belagert hatte und seinen Zug gegen den Zellwald nahm, soll ihm die Aebtissin einen Boten entgegengesandt und für die Schonung des Klosters versprochen haben, ihm den Weg von Freiberg bis hierher mit Silbergulden zu belegen. Banner aber habe geantwortet, er wolle sich das Geld schon selber holen. Endlich sei er gekommen, habe das Kloster ausgeplündert und die Gebäude dann niedergebrannt.
Eine Sage erzählt noch, daß dieses Nonnenkloster mit dem Mönchskloster Altzelle bei Nossen durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen sei. (Merkel und Engelhard, Erdbeschreibung von Kursachsen, 2. B. S. 117.)
751. Herzog Albrecht hält auf einer Silberstufe Tafel.
(Meltzer, Historia Schneebergensis. S. 672.)
In ganz Deutschland ist in keiner Zeche jemals mehr gediegen Silber gehauen worden, als in St. Georgen zu Schneeberg. Von dem Herzog Albrecht, dem teuren und hochberühmten Helden, wird gemeldet, daß er auf diesem St. Georg (1477) angefahren und darin auf einer verschrämten großen, gediegenen Silberstufe, woraus später 400 Centner Silber gewonnen wurden, wie auf einem Tische mit etlichen seiner Räte Tafel gehalten, auch unter andern diese nachdenklichen Worte gesagt habe: »Unser Kaiser Friedrich ist zwar gewaltig und reich, ich weiß aber doch, daß er jetzo keinen solchen stattlichen Tisch hat.«
In der Bergamtsstube auf dem Rathause zu Schneeberg wurde lange nachher noch der Sattel aufbewahrt, auf welchem Herzog Albrecht in den St. Georg und später auch Kurfürst Johann Friedrich auf dem Fürsten-Vertrag eingefahren war.
752. Der Kretscham und Fürstenbrunnen bei Neudorf an der Sehma.
(Herm. Grimm, Das sächs. Erzgebirge. Dresden, 1847. S. 205.)
Neudorfs oberes Ende stößt an den Kretscham, welchen Namen der tiefere Teil des angrenzenden Ortes Rothensehma führt. Im engsten Sinne ist der Kretscham ein Gasthof mit Freigut, einer Mühle und vielen Vorrechten, auch zum Teil sehr altertümlicher Bauart. Nach einer Volkssage soll hier (und nicht am Fürstenberge bei Grünhain) des Prinzen Albert Errettung aus den Händen Kunzens von Kauffungen 1455 geschehen sein. Noch zeigt man im Westen, diesseits eines alten Marmorbruchs, den Fürstenbrunnen, und im Süden die Stätte des Kohlkrams, wo der mutige Köhler Schmidt, der Triller genannt, sich aufhielt, welcher später die Erlaubnis erhielt, hier an der böhmischen Straße den Kretscham (Gasthof) anzulegen.
753. Die Prinzenkleider in der Kirche zu Ebersdorf.
(Nach Berkenmeyer, Cur. Antiquarius S. 652 und W. Schäfer, Der Prinzenraub, S. 50; bei Gräße a. a. O. No. 528.)
Nachdem die beiden sächsischen Prinzen Ernst und Albert ihrem Räuber, dem Ritter Kunz von Kauffungen, durch Gottes Hülfe glücklich entronnen waren, machte der ganze Hof eine Wallfahrt nach der Ebersdorfer Kirche bei Chemnitz, und der Kurfürst ließ daselbst die Kleider der beiden jungen Herrlein, so sie bei ihrer Entführung angehabt, wie auch des Köhlers Schmidt, der sie errettet hatte, Kittel und Kappe aufhängen. Bei den Kleidern wurden folgende Verse angeschrieben: