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Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago cover

Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago

Chapter 9: V Tanit
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About This Book

The novel reconstructs an ancient city beset by social and political collapse after a costly war, where unpaid soldiers rise in violent mutiny and compete with the ruling elite for control. At the center lie a forbidden sacred object and an intense personal obsession that intertwines private desire with public violence. Scenes alternate between grand, sensory depictions of feasts, temples, and sieges and intimate episodes of jealousy and betrayal. Themes include the corrosive effects of greed and revenge, the spectacle of power, and a fixation on ritual and material luxury that drives characters toward ruin.

V

Tanit

Als sie die Gärten durchschritten hatten, sahen sie sich durch die Mauer zwischen Megara und der Altstadt am Weitergehn gehindert. Da entdeckten sie einen schmalen Durchlaß in dem gewaltigen Mauerwerk und kamen hindurch.

Der Boden senkte sich und bildete eine große Mulde. Sie schritten über einen freien Platz.

»Höre mich einmal an,« sagte Spendius, »und vor allem fürchte nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfüllen!«

Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene an. Offenbar suchte er nach Worten. »Entsinnst du dich noch, wie ich dir damals auf Salambos Terrasse bei Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem Tage waren wir stark, doch du wolltest von nichts hören.« Und mit feierlicher Stimme fuhr er fort: »Herr, im Heiligtum der Tanit befindet sich ein geheimnisvoller Mantel, der vom Himmel gefallen ist und die Göttin umhüllt.«

»Ich weiß es,« entgegnete Matho.

»Er ist heilig,« sprach Spendius weiter, »denn er ist ein Teil der Göttin. Die Götter wohnen, wo ihr Abbild weilt. Karthago ist mächtig, weil es diesen Mantel besitzt.« Er trat dicht an Matho heran. »Ich habe dich hierhergeführt, damit wir ihn zusammen rauben!«

Der Libyer prallte vor Entsetzen zurück.

»Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch einem abscheulichen Frevel nicht helfen!«

»Tanit ist deine Feindin!« erwiderte Spendius. »Sie verfolgt dich, und du stirbst an ihrem Zorn. Räche dich! Sie soll dir untertan werden! Du wirst fast unsterblich und unüberwindbar sein!«

Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort:

»Wir müssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben. Wir haben weder Flucht, noch Beistand, noch Vergebung zu erhoffen! Welche Strafe der Götter brauchst du aber zu fürchten, wenn du ihre Kraft selber in den Händen hältst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage elend im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des Pöbels auf einem Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines Tages wirst du in Karthago einziehen, von den Priestern umringt, die deine Sandalen küssen! Und wenn dich dann noch der Mantel der Tanit beängstigt, dann magst du ihn in ihren Tempel zurücktragen. Komm, wir rauben ihn!«

Glühende Gelüste verzehrten Matho. Er hätte den Mantel besitzen mögen, doch ohne Tempelraub zu begehen. Er überlegte sich, ob er das Heiligtum wirklich rauben müsse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er spann seinen Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte stehen, wo er davor erschrak.

»Gehen wir!« sagte er. Und sie entfernten sich beide raschen Schritts, Seite an Seite, ohne zu sprechen.

Der Boden stieg an. Die Häuser wurden immer zahlreicher. Die beiden Männer kamen in enge Gassen, die in tiefem Dunkel lagen. Die geflochtenen Matten, mit denen die Türen verhängt waren, schlugen gegen die Wände. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor Haufen von Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger Bäume. Ein Rudel Hunde bellte sie an. Plötzlich weitete sich die Aussicht, und sie erblickten die Westseite der Akropolis. Am Fuße des Burgberges dehnte sich eine lange düstere Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von Gebäuden, Gärten, Höfen und Vorhöfen, von einer niedrigen Mauer aus groben Steinen umgrenzt. Spendius und Matho kletterten darüber.

Die erste Einfriedigung umschloß einen Platanenhain, der zum Schutz gegen die Pest und gegen verunreinigte Luft angelegt war. Hier und da standen Zelte, in denen man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel, Wohlgerüche, Kleider, mondförmige Kuchen, Bilder der Göttin und Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstücke eingeritzt.

Sie hatten nichts zu fürchten, denn in den Nächten, wo der Mond nicht schien, fanden keine Gottesdienste statt. Trotzdem verlangsamte Matho seine Schritte, und vor den drei Ebenholzstufen, die in die zweite Umzäunung führten, blieb er stehen.

»Weiter!« ermunterte ihn Spendius.

Granat- und Mandelbäume, Zypressen und Myrten, alle unbeweglich, wie aus Erz gegossen, wechselten regelmäßig miteinander ab. Der blaue Kies des Weges knirschte unter den Tritten. Den langen Baumgang überdeckte ein Laubendach, von dem allüberall blühende Rosen herabhingen. Sie kamen vor ein eirundes Becken, über dem ein Gitter lag. Matho, den die Stille bedrückte, sagte zu Spendius:

»Hier wird Süßwasser mit salzigem vermischt.«

»Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen,« bemerkte der ehemalige Sklave, »in der Stadt Maphug!«

Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr hinauf in die dritte Einzäunung.

In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren Zweige waren über und über mit Bändern und Halsketten behängt, – von den Gläubigen dargebracht. Nach ein paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die Tempelfassade.

Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform der Halbmond ragte, liefen zwei lange Säulengänge aus, deren Architrave auf dicken Pfeilern ruhten. Über den Enden der Gänge und an den vier Ecken des Turmes flammte in Schalen Räucherwerk. Die Säulenkapitäle waren mit Granaten und Koloquinten geschmückt. An den Wänden wechselten Mäanderbänder, Rauten und Perlstäbe miteinander ab, und ein Zaun aus Silberfiligran bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe, die von der Vorhalle abwärts führte.

Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer smaragdnen Stele ein Steinkegel. Matho küßte sich beim Vorbeigehen die rechte Hand.

Das erste Gemach war sehr hoch. Zahllose Öffnungen durchbrachen die Decke, so daß man beim Aufsehen die Sterne erblickte. Ringsum an den Wänden standen Rohrkörbe, mit Bärten und Haaren angefüllt, den Erstlingsopfern junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden Saales wuchs aus einem mit Brüsten verzierten Sockel ein weiblicher Körper hervor. Das dicke bärtige Gesicht hatte halbgeschlossene Augen und einen lächelnden Ausdruck. Die Hände lagen gefaltet auf dem Schoße des dicken Leibes, den die Küsse der Menge poliert hatten.

Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten Quergang, in dem ein Miniaturaltar an einer Elfenbeintür stand. Hier war der Gang zu Ende. Nur die Priester durften die Tür öffnen, denn ein Tempel war kein Versammlungsort für die Menge, sondern die gesonderte Wohnung einer Gottheit.

»Die Sache ist unausführbar!« sagte Matho. »Daran hast du nicht gedacht! Wir wollen umkehren!«

Spendius betrachtete prüfend die Mauern. Er wollte den Mantel haben! Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute – Spendius glaubte nur an Orakel –, sondern weil er überzeugt war, daß die Karthager, seiner beraubt, tief entmutigt sein würden. Um irgendeinen Eingang zu finden, schlichen sie hinten um den Tempel herum.

Unter Terpentinbäumen erblickte man kleine Kapellen in verschiedener Bauart. Hier und da ragte ein steinerner Phallus empor. Große Hirsche streiften friedlich umher und brachten mit ihren gespaltenen Hufen abgefallene Pinienäpfel ins Rollen.

Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange Galerien, die nebeneinander herliefen. Sie enthielten Reihen kleiner Zellen. An den Zedernholzsäulen hingen von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor den Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre Leiber trieften von Salben und dufteten nach Spezereien und Weihrauch. Sie waren mit Tätowierungen, Halsbändern, Ringen, Zinnober- und Antimonmalereien derart bedeckt, daß man sie ohne die Atmungsbewegungen ihrer Brüste für Götzenbilder gehalten hätte, die da auf der Erde lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen Springbrunnen schwammen Fische. Weiter hinten, an der Tempelmauer, glänzte ein Weinstock mit gläsernen Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein der Edelsteine tanzte durch die bunten Säulen und über die Gesichter der Schläferinnen.

Matho erstickte fast in dem schwülen Dunst, den die Zedernholzwände ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung, die Wohlgerüche, das Spiel der Lichter, die Atemgeräusche beklemmten ihn. Er dachte bei all diesem mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war für ihn eins mit der Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus neue Nahrung, wie die großen Lotosblumen, die aus der Tiefe des Wassers emporwuchsen.

Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem beim Verkauf von so vielen Frauen wie diese hier verdient hätte, und mit raschem Blick schätzte er im Vorübergehen die goldnen Halsbänder ab.

Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugänglich wie aus der andern. Sie kehrten wieder zurück in den unbedeckten Gang. Während Spendius suchte und spähte, hatte sich Matho vor der elfenbeinernen Tür niedergeworfen und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den Tempelraub nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten zu besänftigen, wie man sie an einen Erzürnten zu richten pflegt.

Da entdeckte Spendius über der Tür eine enge Öffnung. »Steh auf!« sagte er zu Matho und hieß ihn sich mit dem Rücken an die Wand stellen. Dann setzte er einen Fuß auf Mathos Hände, den andern auf seinen Kopf, gelangte dadurch an das Luftloch, schlüpfte hinein und verschwand. Einen Moment später fühlte Matho auf seine Schulter den mit Knoten versehenen Strick fallen, den Spendius sich um den Leib gewickelt hatte, ehe sie sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer klomm mit beiden Händen daran empor, und bald sah er sich an der Seite seines Gefährten in einer weiten dunklen Halle.

Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewöhnliches. Die Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen zeigte allein schon, daß man damit überhaupt nicht rechnete. Furcht schützt Tempel besser als alle Mauern. Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefaßt.

Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus. Die beiden gingen darauf zu. Es war ein brennendes Lämpchen in einer Muschel vor dem Sockel eines Standbildes, dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das lange blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten übersät. Die Füße waren an Ketten befestigt, die in die Steinfliesen eingelassen waren. Matho unterdrückte einen Schrei. »Ah, hier! Tanit!« stammelte er. Spendius nahm das Lämpchen, um damit zu leuchten.

»Wie gottlos du bist!« murmelte Matho. Trotzdem folgte er ihm.

Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als ein schwarzes Wandgemälde, das eine Frau darstellte. Die Beine liefen an der einen Wand empor, und der Leib reichte über die Decke hinweg. Vom Nabel hing an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern Wand neigte sich der Körper hinab, mit dem Kopfe nach unten, so daß die Fingerspitzen den Steinboden berührten.

Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hängenden Teppich zurück. Der Luftzug blies ihr Licht aus.

Nun irrten sie in den labyrinthischen Räumen des Gebäudes umher. Plötzlich fühlten sie etwas Weiches unter ihren Füßen. Funken knisterten und sprühten. Sie schritten wie durch Feuer. Spendius betastete den Boden und erkannte, daß er kunstfertig mit Luchsfellen ausgeschlagen war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes, kaltes, feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen hinglitt. Durch schmale Spalten im Mauerwerk drangen dünne weiße Lichtstrahlen. In diesem Dämmerdunkel schritten sie weiter. Da erkannten sie eine große schwarze Schlange. Sie schoß schnell vorbei und verschwand.

»Hinweg!« schrie Matho. »Da ist sie ... ich fühl es ... sie kommt!«

»Ach was!« entgegnete Spendius. »Sie ist nicht mehr hier!«

Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen. Dann erblickten sie rings an den Wänden eine Unmenge von Tierkarikaturen mit erhobenen Tatzen, die sich in geheimnisvollem, fürchterlichem Wirrwarr durcheinander drängten: Schlangen mit Füßen, geflügelte Stiere, Fische mit Menschenhäuptern, die Früchte verzehrten, Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen, und Elefanten mit erhobenem Rüssel, die kühn wie stolze Adler durch die blaue Luft schwebten. In gräßlicher Kraftentfaltung reckten alle ihre unvollständigen oder verdoppelten Glieder, und auf ihren hervorschießenden Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen. Alle Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als wäre die Büchse der Urkeime plötzlich geborsten und hätte sich über die Wände dieser Halle ergossen.

Zwölf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise an den Wänden, von Ungeheuern in Tigergestalt getragen. Ihre Augen quollen weit vor, wie die der Schnecken. Ihre stämmigen Leiber krümmten sich, und ihre Köpfe wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirädrigen Elfenbeinwagen die göttliche Astarte thronte, die Allbefruchterin, die zuletzt Erschaffene.

Von den Füßen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen, Federn, Blumen und Vögeln bedeckt. Als Ohrgehänge trug sie silberne Zimbeln, die ihre Wangen berührten. Ihre großen Augen blickten starr, und auf ihrer Stirn glänzte, in ein unzüchtiges Symbol gefaßt, ein leuchtender Stein, der den ganzen Saal erhellte und über der Tür in roten Kupferspiegeln widerstrahlte.

Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen Füßen nach, und plötzlich begannen die Kugeln sich zu drehen, die Ungeheuer zu brüllen. Dazu erklang Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie der Sphären: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum. Matho hatte das Gefühl, als erhebe sie sich, als sei sie hoch wie die Halle, als breite sie die Arme aus. Plötzlich schlossen die Ungeheuer ihre Rachen, und die Kristallkugeln standen wieder still.

Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Töne durch die Luft, bis sie endlich verhallten.

»Und der Mantel?« fragte Spendius.

Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte man ihn finden? Wenn ihn die Priester nun versteckt hatten? Matho empfand einen Stich durch das Herz. Er kam sich wie genarrt vor.

»Hierher!« flüsterte Spendius. Eine Eingebung leitete ihn. Er zog Matho hinter den Wagen der Tanit, wo eine Spalte, eine Elle breit, die Mauer von oben bis unten durchschnitt.

Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so hoch war, daß man das Gefühl hatte, sich im Innern einer Säule zu befinden. In der Mitte schimmerte ein großer schwarzer Stein, halbkreisförmig wie ein Sessel. Über ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges Stück Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei Armen.

Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne funkelten. Aus tiefen Falten leuchteten Figuren hervor: Eschmun mit den Erdgeistern, wiederum einige Ungeheuer, die heiligen Tiere der Babylonier und andre, die den beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein Mantel unter dem Antlitz des Götzenbildes aus. Die langen Enden waren an der Wand hochgezogen und mit den Zipfeln daran befestigt. Es schillerte blau wie die Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie die Sonne. Es war über und über bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd und duftig. Das war der Mantel der Göttin, der heilige Zaimph, den kein Mensch anschauen durfte.

Sie erbleichten beide.

»Nimm ihn!« gebot Matho endlich.

Spendius zauderte nicht. Auf das Götzenbild gestützt, machte er den Mantel los, der zu Boden glitt. Matho hob ihn auf. Dann steckte er seinen Kopf durch den Halsausschnitt und breitete die Arme aus, um das Gewebe besser zu betrachten.

»Fort!« rief Spendius.

Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden.

Plötzlich rief er aus:

»Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht mehr vor ihrer Schönheit! Was vermöchte sie gegen mich? Jetzt bin ich mehr als ein Mensch! Ich könnte durch Flammen schreiten, über das Meer wandeln! Begeisterung reißt mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin dein Herr und Meister!«

Seine Stimme dröhnte. Er erschien Spendius höher von Gestalt und wie verwandelt.

Geräusch von Schritten ward hörbar. Eine Tür ging auf, und ein Mann erschien, ein Priester mit hoher Mütze. Er riß die Augen weit auf. Ehe er aber eine Bewegung gemacht, war Spendius auf ihn losgestürzt, hatte ihn mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche in die Seiten gestoßen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten auf die Fliesen. Dann standen sie eine Weile ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und lauschten. Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die offene Tür.

Sie führte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn. Matho folgte. Sie befanden sich fast unmittelbar an der dritten Umwallung, zwischen den Seitenhallen, in denen die Priesterwohnungen waren.

Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgange führen. Sie beschleunigten ihre Schritte.

Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder und wusch sich das Blut von den Händen. Die Frauen schliefen noch. Der smaragdene Weinstock glänzte. Sie setzten ihren Weg fort.

Unter den Bäumen lief jemand hinter ihnen her, und Matho, der den Mantel trug, fühlte mehrmals, wie jemand von unten ganz sacht daran zupfte. Es war ein großer Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk frei herumliefen. Er zog an dem Mantel, als wüßte er, daß es sich um einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen, aus Furcht, er möchte laut schreien. Plötzlich besänftigte sich sein Ärger, und er trabte wiegenden Ganges mit seinen langen herabhängenden Armen neben ihnen her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze in einen Palmbaum.

Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre Schritte nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff, daß es erfolglos war, Matho davon abbringen zu wollen.

Sie gingen durch die Gerberstraße, über den Muthumbalplatz, den Gemüsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn. An einer Mauerecke fuhr ein Mann vor ihnen zurück, erschreckt durch den glänzenden Gegenstand, der die Finsternis durchstrahlte.

»Verdeck den Zaimph!« riet Spendius.

Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht.

Endlich erkannten sie die Häuser von Megara.

Der Leuchtturm auf der äußersten Mole erhellte den Himmel weithin mit rotem Schein, und der Schatten des Palastes mit seinen übereinander getürmten Terrassen fiel über die Gärten hin wie eine ungeheure Pyramide. Sie drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit ihren Dolchen einen Weg bahnten.

Überall sah man noch die Spuren vom Festmahle der Söldner. Zäune waren niedergerissen, Wasserrinnen versiegt, Kerkertüren standen offen. In der Nähe der Küchen und Keller ließ sich kein Mensch blicken. Matho und Spendius wunderten sich über die Stille, die nichts unterbrach als hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten, die in ihren Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln des lohenden Aloefeuers auf dem Leuchtturm.

Matho wiederholte immer von neuem:

»Wo ist sie? Ich will sie sehen. Führe mich zu ihr!«

»Es ist Wahnsinn!« sagte Spendius. »Sie wird schreien. Ihre Sklaven werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft wird man dich niedermachen.«

So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte empor und glaubte ganz oben einen matten Lichtschimmer zu bemerken. Spendius wollte ihn zurückhalten, aber der Libyer stürmte die Stufen hinauf.

Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter zum ersten Male erblickt hatte, schwand die ganze inzwischen verflossene Zeit aus seinem Gedächtnisse. Noch eben hatte Salambo da zwischen den Tischen gesungen. Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts getan, war nur die Treppe emporgestiegen ... Der Himmel zu seinen Häupten flammte in Feuer. Das Meer erfüllte den Horizont. Bei jedem Schritt weitete sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer höher, mit der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum empfindet.

Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte ihn an seine neue Macht. Aber im Übermaß seiner Hoffnung wußte er jetzt nicht mehr, was er tun sollte, und diese Unsicherheit machte ihn scheu.

Von Zeit zu Zeit preßte er sein Gesicht gegen die viereckigen Fensteröffnungen der verschlossenen Gemächer. In mehreren wähnte er schlafende Menschen zu erkennen.

Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen Würfel auf der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es langsam.

Milchweißer Schein glänzte auf dem Marienglas, das die kleinen Öffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren regelmäßigen Abständen sahen sie in der Dunkelheit wie Perlenschnüre aus. Matho erkannte die rote Tür mit dem schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er hätte fliehen mögen. Er stieß gegen die Tür. Sie sprang auf.

Eine Hängelampe in Form eines Schiffes brannte in der Tiefe des Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem silbernen Kiel entglitten, zitterten über das hohe Getäfel, dessen rote Bemalung von schwarzen Streifen unterbrochen ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen Balken; sie waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmückt. Von der einen Langseite des Gemaches zur andern zog sich ein niedriges Lager aus weißem Leder hin, und darüber öffneten sich in der Wand in Muschelform gewölbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand bis zum Boden herabhing.

Eine Onyxstufe umgab ein eiförmiges Badebecken. Am Rande standen ein Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut und ein Krug aus Alabaster. Daneben bemerkte man nasse Fußspuren. Köstliche Wohlgerüche erfüllten die Luft.

Matho schritt leicht über die mit Gold, Perlmutter und Glas ausgelegten Fliesen; aber obgleich er über polierten Stein hinging, war es ihm, als ob seine Füße einsänken wie in Sand.

Hinter der silbernen Lampe hatte er ein großes viereckiges himmelblaues Hängebett erblickt, das an vier emporlaufenden Ketten frei schwebte. Er schritt mit krummem Rücken und offenem Mund darauf los.

Flamingoflügel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen zwischen Purpurkissen, Schildpattkämmen, Zedernholzkästchen und Elfenbeinspateln umher. An Antilopenhörnern steckten Fingerringe und Armreifen. Tongefäße, die in der Maueröffnung auf einem Rohrgeflecht standen, kühlten im Winde ab. Des öfteren stieß Matho mit den Füßen an, denn der Fußboden bestand aus Flächen von ungleicher Höhe, die den Raum gewissermaßen in eine Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde umgab ein silbernes Geländer einen mit Blumen bemalten Teppich. Endlich gelangte er an das Hängebett, neben dem ein Ebenholzschemel zum Hinaufsteigen diente.

Der Lichtschein hörte am Bettrand auf. Schatten lag wie ein großer Vorhang darüber. Man konnte nur einen Zipfel der roten Matratze erkennen und die Spitze eines kleinen bloßen Fußes, der auf dem Knöchel ruhte. Matho nahm behutsam die Lampe herab.

Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den andern Arm hatte sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in solcher Lockenfülle, daß sie auf schwarzen Federn zu ruhen schien. Ihr weites weißes Gewand schmiegte sich in weichen Falten den Biegungen ihres Körpers an und reichte bis zu den Füßen hinab. Unter den halbgeschlossenen Lidern sah man ein wenig von den Augen. Senkrecht herabfallende Vorhänge hüllten die Schlummernde in bläuliche Dämmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen teilten sich den Ketten mit, so daß sie in der Luft kaum sichtbar hin und her schaukelten. Eine große Stechmücke summte um das Lager.

Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt. Da fing das Mückennetz mit einem Male Feuer. Es verflog. Salambo erwachte.

Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte sprach kein Wort. Die Lampe warf lange, wie Wellen rieselnde Lichtstreifen auf die Täfelung.

»Was ist das?« fragte Salambo.

»Der Mantel der Göttin!«

»Der Mantel der Göttin!« rief sie aus.

Und auf beide Hände gestützt, neigte sie sich über den Rand ihres Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe.

»Ich habe ihn für dich aus dem Allerheiligsten geholt!« fuhr er fort. »Schau!«

Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer.

»Entsinnst du dich?« fragte Matho. »Nachts erschienst du mir im Traume, doch ich erriet den stummen Befehl deiner Augen nicht!« Sie setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel. »Hätte ich ihn verstanden, so wäre ich herbeigeeilt. Ich hätte das Heer verlassen und wäre nicht aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich durch die Höhle von Hadrumet ins Schattenreich hinab! Vergib! Wie Berge lastete es auf meinem Leben, und dennoch riß mich's fort! Ich versuchte zu dir zu gelangen! Hätte ich das ohne die Götter je gewagt? ... Komm! Du mußt mir folgen! Oder, wenn du nicht willst, so bleib ich! Mir ist's gleichgültig ... Ersticke meine Seele im Hauch deines Odems! Mögen meine Lippen vergehen in den Küssen, die ich auf deine Hände drücke!«

»Laß mich sehen!« rief sie. »Nahe, ganz nahe!«

Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief über das Marienglas der Fenster. Salambo sank halb ohnmächtig in die Kissen ihres Lagers zurück.

»Ich liebe dich!« schrie Matho.

»Gib her!« stammelte sie.

Sie näherten sich.

Sie schritt auf ihn zu in ihrem weißen schleppenden Gewande. Ihre großen Augen starrten auf den Mantel. Matho betrachtete sie einen Augenblick, vom Glanz ihres Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr den Zaimph entgegen und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme aus. Plötzlich stand sie still, und beide schauten einander eine Weile fest in die Augen.

Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein Schauder. Ihre feinen Augenbrauen zogen sich empor, ihre Lippen öffneten sich. Sie zitterte. Dann aber schlug sie auf eine der Metallscheiben, die an den Zipfeln der roten Matratze herabhingen, und rief:

»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück! Tempelräuber! Ruchloser! Verfluchter! Her zu mir, Taanach! Krohum! Eva! Mizipsa! Schahul!«

Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen den Tonkrügen auftauchte, zischelte:

»Flieh! Sie kommen!«

Lauter Lärm erscholl und kam näher. Die Treppen hallten. Ein Strom von Menschen: Frauen, Lakaien und Sklaven stürzte in das Gemach mit Spießen, Keulen, Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrüstung wie gelähmt, als sie einen Mann erblickten. Die Mägde stießen ein Klagegeschrei aus wie bei einem Begräbnis, und die Eunuchen erbleichten unter ihrer schwarzen Haut.

Matho stand hinter dem Geländer. In den Zaimph eingehüllt, sah er aus wie ein Sternengott im Firmament. Die Sklaven wollten sich auf ihn stürzen. Salambo hielt sie zurück.

»Rührt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Göttin!«

Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt tat sie einen Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloßen Arm gegen ihn aus und rief:

»Fluch über dich, der du Tanit beraubt hast! Haß, Rache, Mord und Qual! Möge Gurzil, der Gott der Schlachten, dich zerreißen, Matisman, der Gott der Toten, dich erwürgen, und der andere, dessen Namen man nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!«

Matho stieß einen Schrei aus, als hätte ihn ein Schwert durchbohrt.

Sie wiederholte mehrmals: »Fort! Fort!«

Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit gesenktem Haupte langsam mitten hindurch. An der Tür konnte er nicht weiter, weil sich der Zaimph an einem der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte. Mit einem Ruck der Schulter riß er ihn gewaltsam los und eilte die Treppen hinab.

Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang über die Hecken und Wassergräben und entkam aus den Gärten. Er gelangte an den Unterbau des Leuchtturms. Die Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das Ufer hier unzugänglich war. Er trat an den Rand, legte sich auf den Rücken und rutschte, die Füße voran, die ganze Höhe hinunter. Dann erreichte er schwimmend das Vorgebirge der Gräber, machte einen weiten Bogen um die Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der Barbaren zurück.

Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Löwe auf dem Rückzuge schritt Matho dahin, furchtbare Blicke um sich werfend.

Ein undeutliches Geräusch drang an sein Ohr. Es war vom Palast ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne, wo die Akropolis lag. Die einen sagten, der Schatz der Republik sei aus dem Molochtempel geraubt. Andre munkelten von einem Priestermorde. Anderswo wähnte man, die Barbaren seien in die Stadt gedrungen.

Matho, der nicht wußte, wie er aus den Stadtmauern hinauskommen sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte ihn. Alsbald erhob sich lautes Geschrei. Der Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand eine große Bestürzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen aus.

Aus der Tiefe der Mappalierstraße, von der Höhe der Burg, von der Gräberstadt und vom Meeresgestade eilte die Menge herbei. Die Patrizier verließen ihre Häuser, die Händler ihre Läden, die Mütter ihre Kinder. Man griff zu Schwertern, Äxten, Stöcken. Doch das Hindernis, das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurück. Wie sollte man den Mantel zurückholen? Sein bloßer Anblick war schon Frevel! Er war göttlicher Natur, und seine Berührung brachte den Tod.

In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester verzweifelt die Arme. Patrouillen der Garde sprengten ziellos umher. Man stieg auf die Häuser, auf die Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das Mastwerk der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei jedem seiner Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken. Die Straßen wurden bei seinem Erscheinen leer, und der Strom der Fliehenden brandete auf beiden Seiten zurück, bis in die hohen Häuser hinauf. Überall erblickte Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten verschlungen hätten, knirschende Zähne und geballte Fäuste. Salambos Verwünschungen hallten aus immer zahlreicheren Kehlen wider.

Plötzlich schwirrte ein langer Pfeil, dann noch einer. Steine sausten. Aber alle diese Geschosse waren schlecht gezielt, aus Furcht, den Zaimph zu treffen, und so flogen sie über Mathos Kopf hinweg. Zudem gebrauchte er den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts, bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger wußten nicht, was sie tun sollten. Er ging immer schneller und lief in die offenen Straßen hinein. Sie waren mit Seilen, Karren und Schlingen gesperrt, so daß er bei jeder Straßenbiegung umkehren mußte. Endlich erreichte er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden waren. Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem Tode Verfallener. Jetzt war er verloren. Die Menge klatschte in die Hände.

Er lief bis zu dem großen geschlossenen Tor. Es war riesenhoch, ganz aus eichenem Kernholz, mit Eisennägeln und ehernen Platten beschlagen. Matho warf sich dagegen. Das Volk stampfte vor Freude mit den Füßen, als es seine ohnmächtige Wut sah. Da nahm er seine Sandale, spie darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen Torflügel. Die ganze Stadt stieß ein Wutgeheul aus. Jetzt vergaß man den Mantel und wollte Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit großen wirren Augen an. Seine Schläfen pochten wild, er war halbtot, betäubt wie ein Trunkener. Plötzlich gewahrte er die lange Kette, die zur Handhabung des Hebebaums diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da sprangen die riesigen Torflügel endlich auf.

Als er draußen war, zog er den Zaimph von den Schultern und hielt ihn hoch über seinen Kopf. Vom Seewind gebläht, schillerte und schimmerte das Gewebe in der Sonne mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und Götterbildern. So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten der Söldner.

Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glück entschwand.

VI

Hanno

»Ich hätte sie entführen sollen!« sagte Matho am Abend zu Spendius. »Hätte sie erfassen sollen und aus ihrem Hause reißen! Niemand hätte mir entgegenzutreten gewagt.«

Spendius hörte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf dem Rücken und ruhte sich aus. Neben ihm stand ein großer Tonkrug mit Honigwasser, in den er von Zeit zu Zeit den Kopf tauchte, um einen großen Schluck zu tun.

»Was nun?« fuhr Matho fort. »Wie könnte man abermals nach Karthago hineinkommen?«

»Ich weiß es nicht!« antwortete Spendius. Diese Gleichgültigkeit erbitterte den Libyer.

»Ha!« schrie er. »An dir liegt die Schuld! Erst verlockst du mich, und dann läßt du mich im Stich! Feigling du! Warum soll ich dir gehorchen? Bildest du dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave, du Knechtskreatur!« Er knirschte mit den Zähnen und erhob seine breite Hand gegen Spendius.

Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte matt am Zeltmast, an dem der Zaimph über der aufgehängten Rüstung schimmerte.

Plötzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich seinen Küraß um und nahm seinen Helm.

»Wohin willst du?« fragte Spendius.

»Wieder hin! Laß mich! Ich bringe sie her! Und wer mir entgegentritt, den zertret ich wie eine Viper! Ich töte sie, Spendius! Ja, ich töte sie, du sollst sehen, daß ich sie töte!«

Da horchte Spendius auf. Blitzschnell riß er den Zaimph herunter, warf ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke darüber. Draußen erhob sich Stimmengewirr. Fackeln leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa zwanzig Männern begleitet.

Sie trugen weißwollene Mäntel, lange Dolche, lederne Halsbänder, Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hyänenfell. Sie blieben am Eingang stehen und stützten sich auf ihre Lanzen, wie ausruhende Schäfer auf ihre Hirtenstäbe. Naravas war der Schönste von allen. Perlengeschmückte Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen, der sein weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte ihm eine Straußenfeder über die Schulter herab. Ein beständiges Lächeln ließ seine Zähne sehen. Seine Blicke waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit.

Er erklärte, er sei gekommen, um sich mit den Söldnern zu verbünden. Die Republik bedrohe seit langem sein Reich. Es sei also sein eigner Vorteil, wenn er die Barbaren unterstütze; aber auch ihnen könne er von Nutzen sein.

»Ich werde euch Elefanten liefern – in meinen Wäldern sind ihrer eine Unmenge – Wein, Öl, Gerste, Datteln, Pech und Schwefel für die Belagerungen, zwanzigtausend Mann Fußvolk und zehntausend Pferde. Wenn ich mich an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der Besitz des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht hat. Überdies«, setzte er hinzu, »sind wir ja alte Freunde.«

Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle sitzend zuhörte und durch ein leises Nicken mit dem Kopfe seine Zustimmung verriet. Naravas sprach weiter. Er rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte Karthago. Bei seinen Verwünschungen zerbrach er einen Wurfspieß. Gleichzeitig stießen alle seine Leute ein lautes Geheul aus. Durch ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus, er nehme das Bündnis an.

Nun führte man einen weißen Stier und ein schwarzes Schaf herbei, Wahrzeichen von Tag und Nacht, und schlachtete sie am Rand einer Grube. Als sie mit Blut gefüllt war, tauchten die beiden Männer ihre Arme hinein. Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos Brust, und dieser die seine auf die Brust des Naravas. Dasselbe Blutzeichen drückte man auf die Leinwand der Zelte. Man verbrachte alsdann die Nacht beim Schmause. Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen, die Hörner und Hufe wurden verbrannt.

Als Matho mit dem Mantel der Göttin zurückgekommen war, hatte ihn ungeheurer Beifall begrüßt. Selbst die nicht kanaanitischen Glaubens waren, merkten an ihrer vagen Begeisterung, daß ihnen ein Schutzgeist nahe war. Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemächtigen. Die geheimnisvolle Art seiner Eroberung genügte dem Barbarensinn, Matho als rechtmäßigen Besitzer anzusehn. So dachten die Söldner afrikanischer Herkunft. Die andern, deren Haß gegen Karthago nicht so alt war, wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Hätten sie Schiffe gehabt, so wären sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer Heimat zu.

Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle Stämme im punischen Gebiet.

Karthago sog diese Völker aus. Es bezog ungeheure Steuern von ihnen, und mit Ketten, Beil oder Kreuz ward jede Verzögerung, jedes Murren bestraft. Sie mußten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern, was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe zu besitzen. Empörten sich die Dörfer, so wurden ihre Bewohner als Sklaven verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten wurden nach den Summen geschätzt, die sie herauspreßten. Jenseits des den Karthagern unmittelbar unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten, die nur einen mäßigen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter schwärmten die Nomaden, die man nötigenfalls auf jene losließ. Durch dieses System waren die Ernten stets ertragreich, die Gestüte im besten Stande, die Plantagen geradezu mustergültig. Der alte Kato, ein Kenner in Dingen der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung, war noch zweiundneunzig Jahre später höchlichst erstaunt darüber, und der Vernichtungsruf, den er in Rom immerfort erschallen ließ, war nichts als ein Ausdruck habgierigster Eifersucht.

Während des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen verdoppelt, so daß fast alle libyschen Städte dem Regulus ihre Tore geöffnet hatten. Zur Strafe hatte man ihnen tausend Talente – das sind über vier Millionen Mark – zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Säcke Goldstaub und bedeutende Vorauslieferungen von Getreide auferlegt. Die Häuptlinge der Stämme aber waren gekreuzigt oder den Löwen vorgeworfen worden.

Besonders Tunis verabscheute Karthago. Älter als die Hauptstadt, verzieh es ihr die Überflügelung nicht. Angesichts ihrer Mauern lag es im Sumpf am Binnensee, zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das starr nach ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die Blutbäder und Seuchen hatten es nicht geschwächt. Es hatte Archagathos, den Sohn des Agathokles, unterstützt. Die Esser unreiner Speisen fanden hier sofort Wehr und Waffen.

Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen ein allgemeiner Freudenrausch ausbrach. Unverzüglich erdrosselte man in den Bädern die Vertreter und Beamten der Republik, holte die alten Waffen, die man versteckt hatte, aus den Höhlen und schmiedete Schwerter aus den Pflugscharen. Die Kinder schärften Pfeilspitzen an den Türschwellen, und die Weiber gaben ihre Halsbänder, Ringe und Ohrringe hin, und alles, was irgendwie zur Zerstörung Karthagos dienen konnte. Ein jeder wollte dazu beitragen. In den Ortschaften häuften sich die Lanzenbündel wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh und Geld. Matho zahlte den Söldnern rasch den rückständigen Sold, und diese Tat, deren Vater Spendius war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der Barbaren.

Gleichzeitig strömten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen die Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven. Negerkarawanen wurden aufgegriffen und bewaffnet, und Kaufleute, die nach Karthago zogen, schlossen sich den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhörlich stießen zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Höhe der Akropolis konnte man sehen, wie das Heer anwuchs.

Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette von Posten der Garde und neben ihnen in bestimmten Abständen eiserne Bottiche, in denen flüssiger Asphalt brodelte. Drunten in der Ebene wogte die gewaltige Menge der Söldner lärmend durcheinander. Sie waren unschlüssig, voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets vor Festungen zu empfinden pflegen.

Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bündnis zurück. Als phönizische Kolonien – gleich Karthago – hatten sie ihre eignen Regierungen und ließen in die Verträge, die sie mit der Republik schlossen, immer von neuem die ausdrückliche Anerkennung ihrer Selbständigkeit aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die stärkere Schwester, die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, daß ein Barbarenhaufen imstande wäre, sie zu besiegen. Im Gegenteil: man war überzeugt, daß die Söldner mit Stumpf und Stiel vernichtet würden. Daher wünschte man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu verhalten.

Doch beide Städte waren so gelegen, daß Karthagos Feinde sie keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief drinnen an einem Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago von auswärts Hilfe zu schicken. Fiel Utika allein, so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden weiter nordwestlich an der Küste, an seine Stelle, und die Hauptstadt, von dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar.

Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos. Naravas war dagegen. Man müsse sich zunächst der umliegenden Orte bemächtigen. Das war ebenso die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so wurde bestimmt, daß Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt angreifen sollten. Das dritte Heer sollte sich an Tunis anlehnen und die Ebene vor Karthago besetzen. Autarit übernahm dies. Naravas sollte indes in sein Königreich zurückkehren, um Elefanten zu holen, und mit seiner Reiterei die Zugangsstraßen aufklären.

Die Weiber jammerten weidlich über diesen Beschluß. Sie gelüstete es nach dem Geschmeide der punischen Damen. Auch die Libyer erhoben Widerspruch. Man habe sie gegen Karthago aufgerufen, und nun zöge man ab. Die Söldner traten den Abmarsch an. Matho führte seine Landsleute sowie die Iberer, die Lusitanier, die Männer aus dem Westen und von den Inseln, während alle, die Griechisch sprachen, dem Spendius folgten, seiner Klugheit wegen.

In Karthago war das Erstaunen groß, als man das Heer plötzlich aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen Bergen die Straße nach Utika hin, auf der Seeseite. Eine Abteilung blieb vor Tunis stehen. Der Rest verschwand und tauchte erst am andern Gestade des Golfes wieder auf, am Saume der Wälder, in die er sich verlor.

Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen Städte, so meinten sie, würden keinen Widerstand leisten. Alsdann sollte es von neuem gegen Karthago gehen. Ein beträchtliches Heer schnitt die Stadt bereits vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt. Die Stadt mußte dem Hunger rasch erliegen, denn ohne Beihilfe der Provinzen konnte sie nicht leben, da die Bürger nicht wie in Rom Steuern zahlten. Ein höherer politischer Geist fehlte in Karthago. Seine unersättliche Gewinnsucht unterdrückte jene Klugheit, die weitblickender Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande vor Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermüdliche Arbeit. Die Völker umbrandeten es wie Meeresfluten, und der geringste Sturm erschütterte seinen Riesenleib.

Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und durch all das Hin- und Herfeilschen mit den Barbaren vergeudet und vertan worden. Man brauchte aber Soldaten, und keine Großmacht traute der Republik! Erst kürzlich hatte Ptolomäus ihr eine Anleihe von nicht einmal zehn Millionen Mark abgeschlagen. Überdies hatte der Raub des heiligen Mantels allgemeine Entmutigung zur Folge. Spendius hatte das richtig vorhergesehn.

Diesem Volk, das sich gehaßt fühlte, lagen sein Geld und seine Götter am Herzen, und seine Vaterlandsliebe wurde durch die Art seiner Regierung genährt.

Zunächst gehörte die Macht allen. Keiner war stark genug, sie an sich zu reißen. Privatschulden galten wie Schulden an das Gemeinwesen. Die Männer kanaanitischer Abkunft hatten das Vorrecht des Handels. Indem sie den Ertrag der Seeräuberei durch Wuchergeschäfte noch vermehrten und den Grund und Boden, die Sklaven und Armen maßlos ausbeuteten, waren etliche zu Reichtum gelangt. Nur dieser erschloß die obersten Staatsämter; und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern forterbte, beließ man es doch bei der Oligarchie, dieweil ein jeder emporzukommen hoffte.

Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen Großen Rat aus dreihundert Patriziern, von denen dreißig den Rat der Alten bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben existierte ein Staatsgerichtshof, das Kollegium der Hundertmänner. Auch diese waren Ratsmitglieder, repräsentierten aber eine Behörde für sich von beträchtlichem Einfluß auch auf den Rat. Die Hundertmänner wurden von den beiden Pentarchien gewählt, die aus je fünf Ratsmitgliedern bestanden. Die beiden alljährlich aus der Gerusia neugewählten Suffeten waren Schattenkönige, die weniger Macht hatten als die Konsuln in Rom. Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit sie sich gegenseitig schwächten. Sie durften nicht mit über den Krieg beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so ließ der Große Rat sie kreuzigen.

Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus, das heißt von einem großen Hofe im Mittelpunkte von Malka, an der Stelle, wo nach der Überlieferung einst die erste Barke mit phönizischen Matrosen gelandet war. Seitdem war das Meer weit zurückgetreten. Dort gab es eine Reihe kleiner Blockhäuser von altertümlicher Bauart, aus Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren voneinander geschieden, um die Einzelverbände getrennt aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich dort massenweise den ganzen Tag über auf, um ihre Angelegenheiten und die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis zur Vernichtung Roms. Dreimal im Monat ließen sie ihre Ruhebetten auf die Plattform hinaufschaffen, die entlang der Hofmauer hinlief. Von unten sah man sie dann hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und Mäntel, mit diamantgeschmückten Händen, die über die Leckereien glitten, mit großen Ohrgehängen, die zwischen den Schenkkannen herabhingen, alle stark und wohlbeleibt, halbnackt, fröhlich, lachend und in freier blauer Luft schmausend, wie sich große Haifische im Meer ergötzen.

Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen: sie waren allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den Pforten und begleitete sie bis zu ihren Palästen, um ihnen Neuigkeiten zu entlocken. Wie in Pestzeiten waren alle Häuser geschlossen. Die Straßen füllten und leerten sich ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief nach dem Hafen. Nacht für Nacht hielt der Große Rat Versammlungen ab. Schließlich ward das Volk auf den Khamonplatz berufen, und man beschloß, sich an Hanno zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos.

Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos gegen die Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einkünfte kamen denen der Barkiden gleich. Niemand besaß so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten wie er.

Er befahl die Aushebung aller waffenfähigen Bürger, ließ Geschütze auf den Türmen aufstellen und brachte übermäßige Waffenvorräte zusammen. Sogar den Bau von vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man zurzeit gar nicht nötig hatte. Er verlangte, daß alles sorgfältigst gebucht und beurkundet würde.

Er ließ sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm, zu den Tempelschätzen tragen. Immerfort sah man seine große Sänfte die Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe emporschwanken. Nachts in seinem Palaste, da er nicht schlafen konnte, brüllte er mit furchtbarer Stimme Kommandos, um sich auf den Krieg vorzubereiten.

Die übertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig. Schon beim ersten Hahnenschrei versammelten sich die Patrizier längs der Straße der Mappalier und übten sich mit aufgeschürztem Gewand im Lanzenfechten. Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es öfters Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschöpft auf die Gräber, dann begann man von neuem. Manche unterwarfen sich sogar einer bestimmten Lebensweise. Die einen bildeten sich ein, daß man viel essen müsse, um Kräfte zu bekommen, und aßen übermäßig. Andere, von ihrer Körperfülle belästigt, fasteten, um magerer zu werden.

Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten. Aber Hanno wollte nicht ausrücken, solange auch nur eine Schraube noch an den Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor allein drei Monate mit der Ausrüstung der hundertundzwölf Elefanten, die in Kasematten untergebracht waren. Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk liebte sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug behandeln. Hanno ließ die Erzplatten umschmelzen, mit denen man ihre Brust umpanzerte, ihre Stoßzähne vergolden, ihre Türme vergrößern und die schönsten Purpurdecken mit ganz schweren Fransen für sie anfertigen. Zu guter Letzt befahl er, ihre Führer, die man Indier nannte – ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus Indien gekommen waren –, alle nach indischer Sitte zu kleiden, mit weißen Turbanen und baumwollenen Pumphosen, die sich ihnen wie Austerschalen um die Hüften bauschten.

Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt durch einen Wall, der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen und auf seinem Kamme mit Heckenhindernissen versehen worden war. Hier und da hatten die Neger hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen, Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenköpfen darangehängt, die dem Feind entgegengrinsten und ihn erschrecken sollten. Dadurch wähnten sich die Barbaren unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander und machten Gauklerkunststücke, fest überzeugt, daß Karthago dem baldigen Untergang geweiht sei. Jeder andre als Hanno hätte diese Soldateska, die durch einen Vieh- und Weibertroß in ihrer Bewegungsfreiheit behindert war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen, war sie taktisch völlig ungeschult. Autarit verlor alle Lust und verlangte schließlich gar nichts mehr von seinen Leuten.

Man wich ihm aus, wenn er, seine großen blauen Augen rollend, vorüberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt, zog er seinen Waffenrock von Robbenhaar aus, löste das Band, das seine langen roten Haare zusammenhielt, und tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, daß er ehedem nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf dem Eryx zu den Römern übergegangen war.

Oft verlor die Sonne plötzlich mitten am Tage ihren Strahlenglanz. Dann brütete der Golf und das offene Meer unbeweglich wie geschmolzenes Blei. Eine braune lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb wirbelnd heran. Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hörte Steine gegen die Rücken der Tiere schlagen. Dann röchelte der Gallier, die Lippen an die Löcher seines Zeltes pressend, vor Erschöpfung und Schwermut. Er träumte vom Herbstmorgenduft der Weiden, von Schneeflocken, vom Gebrüll der im Nebel umherirrenden Auerochsen; und indem er die Augen schloß, glaubte er in länglichen strohgedeckten Hütten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen und ihren Schein über das Moor hinhuschen zu sehen.

Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl sie ihnen nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager konnten nämlich jenseits des Golfes an den Hängen des Burgberges die über die Höfe gespannten Zeltdächer ihrer Häuser sehen. Aber sie wurden immerfort von Wachen umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame Kette geschmiedet. Jeder trug ein Halseisen. Die Menge ward nicht müde, sie anzugaffen. Die Weiber zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schönen Gewänder, die nun längst zerfetzt um ihre abgemagerten Glieder hingen.

Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn von neuem Wut über die ihm dereinst angetane Beschimpfung. Ohne den Schwur, den er Naravas geleistet, hätte er ihn getötet. In solcher Stimmung kehrte der Gallier in sein Zelt zurück, trank ein Gemisch aus Gerste und Kümmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst wieder am hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt.

Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt.

Die Stadt war durch einen See geschützt, der mit dem Meer in Verbindung stand. Sie besaß drei Umwallungen, und auf den Höhen, die sie beherrschten, zog sich überdies eine mit Türmen verstärkte Mauer hin. Matho hatte noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet. Dazu peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er träumte vom Genuß ihrer Schönheit. In Wonnen wollte sich sein Stolz an ihr rächen. Es war ein qualvolles, wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar daran, sich als Unterhändler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er erst in Karthago wäre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach ließ er zum Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten, auf den Damm, den man im Meere aufzuschütten versuchte. Er riß die Steine mit seinen Händen los, warf alles durcheinander, schlug und stieß mit seinem Schwerte um sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem Gewirr. Die Sturmleitern brachen krachend zusammen, und Massen von Menschen stürzten ins Wasser, das in roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schließlich ließ das Getümmel nach. Die Söldner zogen sich zurück, – um baldigst wieder von neuem zu stürmen.

Matho setzte sich draußen vor dem Lager hin, wischte sich mit dem Arm das blutbespritzte Gesicht ab und starrte nach dem Horizont in der Richtung auf Karthago.

Vor ihm, unter Ölbäumen, Palmen, Myrten und Platanen, dehnten sich zwei große Teiche, die mit einem See in Verbindung standen, dessen Ufer in der Ferne verschwammen. Hinter einem Berge stiegen weitere Berge auf, und aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des Golfes, wellten sich Sanddünen wie große, gelbe, erstarrte Wogen, während das Meer, glatt wie eine Platte aus Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das Grün der Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen. Die Früchte der Johannisbrotbäume leuchteten wie Korallenknöpfe. Weinreben hingen von den Wipfeln der Sykomoren herab. Man hörte Wasser rauschen. Haubenlerchen hüpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen vergoldeten die Rücken der Schildkröten, die aus den Binsen hervorkrochen, um den kühlen Seewind einzuatmen.

Matho stieß tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf den Boden, grub seine Nägel in den Sand und weinte. Er fühlte sich elend, gebrochen, verlassen. Niemals würde er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine Stadt zu erobern vermochte!

Nachts, wenn er in seinem Zelte allein war, betrachtete er den Zaimph. Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel regten sich im Geiste des Barbaren. Dann wieder schien es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand der Göttin mit Salambo in Zusammenhang stände, als lebe und webe ein Teil ihrer Seele darin, flüchtiger wie ein Hauch. Er betastete es, sog seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht darein und küßte es unter Tränen. Er hing es sich wieder um die Schultern, um sich selbst zu täuschen, und er bildete sich ein, er sei wieder bei ihr.

Bisweilen trieb es ihn plötzlich hinaus. Beim Sternenlicht schritt er über die Söldner hinweg, die in ihre Mäntel gehüllt, schliefen. Vor den Toren des Lagers schwang er sich dann auf ein Pferd, und zwei Stunden später war er vor Utika im Zelte des Spendius.

Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war nur gekommen, um von Salambo zu reden und so seinen Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte ihn zur Vernunft.

»Bezwing diese elende Schwäche! Sie erniedrigt deine Seele! Einst gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer! Und wenn auch Karthago nicht erobert wird, so muß man uns doch wenigstens Provinzen abtreten, und wir sind Könige!«

Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht den Sieg? Spendius meinte, man müsse es abwarten. Matho bildete sich ein, der Mantel übe seine Wunderkraft nur auf Männer kanaanitischen Stammes aus, und mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: »Folglich wird der Zaimph für mich nichts tun. Da ihn aber jene verloren haben, kann er auch ihnen nicht helfen.«

Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er fürchtete, Moloch zu beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der Libyer, anbete, und so fragte er Spendius ängstlich, welchem von beiden man guttäte, ein Menschenopfer zu bringen.

»Opfere nur!« versetzte Spendius lachend.

Matho, der diese Gleichgültigkeit nicht begriff, argwöhnte, daß der Grieche einen Schutzgeist besäße, von dem er nicht reden wolle.

In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Völkerstämme auch alle Religionen zusammen. Man achtete die Götter der andern, denn auch sie erregten Schrecken. Manche mischten fremde Gebräuche unter ihren heimischen Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten, so brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation Unheil oder Vorteil verkündete. Ein geheimnisvolles Amulett, das man zufällig bei Gefahr fand, ward zur Gottheit. Oder es war oft nur ein Name, nichts als ein Name, den man nachplapperte, ohne daß man auch nur versuchte, seinen Sinn zu ergründen. Da man oft Tempel geplündert, viele Völker und manche Metzelei gesehen hatte, so war manchem nur noch der Glaube an Tod und Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius hätte die Bildnisse des olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er sich, im Dunkeln laut zu reden, und er versäumte nie, jeden Morgen zuerst seinen rechten Fuß in den Stiefel zu stecken.

Er ließ vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen. Doch in dem Maße, wie dieser wuchs, erhob sich auch der Stadtwall. Was die einen zerstörten, ward von den andern fast unmittelbar wieder aufgebaut. Spendius schonte seine Leute und brütete über allerlei Plänen. Er suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er auf seinen Reisen hatte erzählen hören. Warum kam nur Naravas nicht zurück? Man war voller Besorgnis und Unruhe.

Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer mondlosen Nacht ließ er seine Elefanten und Soldaten auf Flößen über den Golf von Karthago setzen. Dann umgingen sie den Berg der Heißen Wasser, um Autarit auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit weiter, daß man am dritten Tage, statt die Barbaren im Morgengrauen zu überraschen, wie der Suffet es berechnet hatte, erst gegen Mittag an Ort und Stelle gelangte.

Östlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in südöstlicher Richtung bis zur großen Lagune von Karthago. Im rechten Winkel zu dieser Ebene mündete dicht südlich Utika von Südwesten her ein Tal, von zwei niedrigen Höhenzügen umsäumt, die plötzlich abbrachen. Die Barbaren hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen, um auch den Hafen im Gesichtskreise zu haben. Sie schliefen in ihren Zelten – an diesem Tage ruhte nämlich Freund wie Feind kampfesmüde –, als hinter dem Hügelrücken das Heer der Karthager auftauchte.

Mit Schleudern bewaffnete Troßknechte waren ausgeschwärmt auf den Flügeln aufgestellt. In der vordersten Front ritt die Garde in ihren goldenen Schuppenpanzern auf schweren Pferden ohne Mähne, Schopf und Ohren, die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit sie Rhinozerossen ähnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen marschierte junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen auf dem Kopf, in jeder Hand einen Wurfspieß aus Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des schweren Fußvolks. Alle diese Krämer hatten ihre Leiber mit Waffen überladen. Man sah manche, die eine Lanze, eine Streitaxt, eine Keule und zwei Schwerter trugen. Andre starrten wie Stachelschweine von Wurfspießen, während sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten Arme weit vom Küraß abspreizten. Zuletzt erschienen die hohen Gerüste der Kriegsmaschinen. Karroballisten, Onager, Katapulte und Skorpione schwankten auf Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte, um so emsiger eilten die Hauptleute bald nach rechts und bald nach links, um unter lauten Befehlen geschlossene Ordnung, Fühlung und Marschrichtung aufrecht zu erhalten. Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren, prunkten in Purpurmänteln, deren prächtige Fransen sich in den Riemen ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter, über und über mit Zinnober bestrichen, glänzten unter ungeheuren Helmen, auf denen sich Göttergestalten abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten Elfenbeinrändern leuchteten wie Sonnen über ehernen Mauern.

Die Karthager manövrierten so schwerfällig, daß die Söldner sie höhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen. Sie schrien ihnen zu, sie würden ihnen demnächst die dicken Bäuche erleichtern, die Vergoldung von der Haut klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben.

Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt war, ward eine Standarte von grüner Leinwand gehißt: das war das Zeichen zum Kampfe.

Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem gewaltigen Lärm ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und Flöten aus Eselskinnbacken. Die Barbaren waren bereits über die Palisaden gesprungen. Beide Heere standen einander auf Speerwurfweite gegenüber.

Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte eine Tonkugel in seinen Riemen und schoß sie ab, indem er die nötigen Griffe machte. Drüben beim Gegner zersprang ein Elfenbeinschild, und die beiden Heere wurden handgemein.

Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren Lanzenspitzen in die Nüstern, so daß sie sich überschlugen und auf ihre eignen Reiter fielen. Die Sklaven hatten zu große Steine geschleudert, die deshalb unweit vor ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen mit ihren langen Schwertern ließen die punischen Fußtruppen ihre rechte Flanke ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen die Reihen und machten sie rottenweise nieder. Sie stolperten über Sterbende und Tote, weil sie nichts sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte. Dieses Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern, Schwertern und Gliedmaßen drehte sich um sich selbst, dehnte sich aus und zog sich elastisch wieder zusammen. Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr. Ihre Geschütze waren im Sand stecken geblieben. Am Ende verschwand sogar die Sänfte des Suffeten, seine große kristallglitzernde Sänfte, die man seit Kampfesbeginn immer zwischen den Kämpfern hatte auf- und niederwogen sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne Zweifel war Hanno gefallen! Alsbald sahen sich die Barbaren allein.

Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits zu singen. Da erschien Hanno in eigenster Person auf einem Elefanten. Barhäuptig saß er unter einem baumwollnen Sonnenschirm, den ein hinter ihm stehender Neger hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern klirrte über den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika. Diamantreifen umspannten seine dicken Arme. Sein Mund war geöffnet. Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der Spitze wie eine Lotosblume aussah, glänzte heller als ein Spiegel. Alsbald dröhnte der Erdboden, und die Barbaren sahen in einer einzigen Linie die sämtlichen Elefanten Karthagos heranstürmen, mit ihren vergoldeten Stoßzähnen, ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern. Auf ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Türme, in denen je drei Bogenschützen mit großen gespannten Bogen standen.

Die Söldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen. Sie bildeten aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der Schreck machte sie starr und ratlos.

Schon regneten von den Türmen Pfeile, Brandgeschosse und Bleimassen auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten sich an den Fransen der Decken fest und wollten hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsäbeln die Hände ab, so daß sie rücklings in die starrenden Schwerter der andern stürzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen entzwei. Die Elefanten brachen in die Reihen ein, wie Eber in ein Gebüsch. Sie rissen mit ihren Rüsseln die Pikettpfähle aus, durchstürmten das Lager von einem Ende zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung hinter den Hügeln, die das Tal umsäumten, durch das die Karthager marschiert waren.

Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort ließ er die Trompeten blasen. Die drei Räte der Stadt erschienen oben auf einem Turme in einer Scharte der Brustwehr.

Die Einwohner von Utika sträubten sich, so wohlbewaffnete Gäste aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte man ein, ihn mit einem schwachen Geleit einzulassen. Für die Elefanten waren die Straßen zu eng. Sie mußten draußen bleiben.

Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier, ihn zu begrüßen. Er ließ sich in die Bäder führen und rief seine Köche.


Drei Stunden später saß er immer noch in dem mit Zimtöl gefüllten großen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor ihm ausgespannt. Aus ihr, als Tisch, schmauste er im Bade Flamingozungen mit Mohnkörnern in Honigsauce. Neben ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein griechischer Leibarzt und ließ von Zeit zu Zeit heißes Öl nachgießen. Zwei Knaben lagen über die Stufen des Beckens gebeugt und massierten dem Badenden die Beine. Doch die Sorge für seinen Körper tat seiner politischen Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an den Großen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte, überlegte er sich, welch gräßliche Züchtigung er für sie erfinden solle.

»Halt!« gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen Hand schrieb. »Man führe ein paar von den Gefangenen herein! Ich will sie sehen!«

Aus dem Hintergrunde des mit weißem Dampf erfüllten Raumes, in dem die Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten, trieb man alsbald drei Barbaren herbei: einen Samniter, einen Spartiaten und einen Kappadokier.

»Schreib weiter!« rief Hanno.

»Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefräßigen Hunde ausgerottet! Segen über die Republik! Ordnet Gebete an!« Da erblickte er die Gefangnen und brach in Gelächter aus: »Ah! Meine Helden von Sikka! Warum brüllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch! Erkennt ihr mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter? Ihr seid schreckliche Kerle! Donnerwetter!« Er tat, als wolle er sich verstecken, als fürchte er sich vor ihnen. »Ihr habt Gäule, Weiber, Land, Ämter verlangt, natürlich, und Pfründen! Na, ich werde euch in ein Land schicken, das ihr nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr umarmen, ganz jüngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus geschmolzenen Bleibarren ins Maul gießen! Und hohe Stellen will ich euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe, damit euch die Geier recht nahe sind ...«

Die drei langhaarigen, in Lumpen gehüllten Barbaren blickten ihn an, ohne zu verstehen, was er sagte. Man hatte die an den Knien Verwundeten gefangen, indem man ihnen Stricke überwarf. Die Enden ihrer schweren Handketten schleppten über die Steinfliesen hin. Hanno ward ob ihrer Unempfindlichkeit wütend.

»Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer! Mist! Und ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt! – Man soll ihnen lebendig das Fell abziehen! Auf der Stelle!«

Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen. Das wohlriechende Öl floß durch eine plumpe Bewegung seines Körpers über und umschäumte seine schuppige Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus.

Er fuhr fort zu diktieren:

»Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand gelitten. Beim Übergang über den Makar Verluste an Maultieren. Trotz der starken Stellung hat der außerordentliche Mut ... – Demonades! Ich habe große Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glühen!«

Man hörte das Geräusch der Ofentür und des Schaufelns. Der Weihrauch in den breiten Pfannen wirbelte stärker, und die nackten Badeknechte, die wie Schwämme schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit einer Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch, Myrrhen, Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhörlicher Durst verzehrte ihn. Aber den Mann im gelben Gewande rührte dieses Gelüst nicht. Er reichte ihm einen goldenen Becher, in dem nur Vipernbrühe dampfte.

»Trink!« sprach er, »damit dir die Kraft der sonnengeborenen Schlangen in das Mark der Knochen dringe, und fasse Mut, du Ebenbild der Götter! Du weißt überdies, daß ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne in der Nähe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit herrührt. Sie verblassen wie die Flecken auf deiner Haut. Du wirst also nicht daran sterben.«

»Ja ja, nicht wahr?« fiel der Suffet ein. »Ich muß nicht daran sterben!« Und seinen rotblauen Lippen entströmte ein Atem, ekelhafter als die Ausdünstung eines Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle seiner wimpernlosen Augen zu glühen. An der Stirn hing ihm ein Klumpen runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und sahen dadurch um so größer aus, und die tiefen Furchen, die in Halbkreisen um seine Nasenflügel liefen, verliehen ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie Brüllen.

»Du hast vielleicht recht, Demonades,« sagte er. »In der Tat, hier: mehrere Geschwüre haben sich geschlossen! Ich fühle mich kräftig. Da, sieh nur, wie ich esse!«

Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Eßlust als aus Prahlerei und um sich selbst zu beweisen, daß er gesund sei, an die Farce von Käse und Majoran, an die entgräteten Fische, die Kürbisse, Austern, Eier, Rettiche, Trüffeln und die kleinen am Spieß gebratenen Vögel. Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen und weidete sich in Gedanken an der ihnen bevorstehenden Marter. Doch da fiel ihm Sikka ein, und die Wut über all seinen damaligen Ärger entlud sich in Schmähungen gegen die drei Männer.

»Bande! Verräter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte! Ihr habt mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten! Eure Dienste? Den Lohn für euer Blut? Habt ihr nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut!« Er redete wie zu sich selbst weiter: »Alle miteinander sollen sie sterben! Nicht einer wird verkauft! Aber vielleicht wäre es besser, sie nach Karthago mitzunehmen? Als Staffage für mich? Doch ... ganz gewiß hab ich nicht Ketten genug mitgebracht ... Schreib: Sendet mir ... – wieviele Gefangene sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach! Fort! Nur kein Mitleid! Man bringe mir in Körben ihre abgehauenen Hände!«

In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei, heiser und doch schrill, in das Gemach und übertönte Hannos Stimme und das Klirren der Schüsseln, die man ihm auftafelte. Es ward immer stärker, und plötzlich erscholl das Wutgebrüll der Elefanten, als ob die Schlacht von neuem begönne. Um die Stadt herum lärmte und tobte es laut.

Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren zu verfolgen. Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert, mit ihrem Gepäck, ihren Dienern und ihrem ganzen fürstlichen Troß. Sie ergötzten sich in ihren schönen, perlengeschmückten Zelten, während das Söldnerlager draußen in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen war. Spendius hatte seinen Mut wiedergefunden. Er sandte Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehölze und sammelte seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend. Man ordnete sich wieder in Reih und Glied, voller Wut, daß man ohne Kampf besiegt worden war. Da entdeckte man ein großes Faß voll Erdöl, das offenbar von den Karthagern zurückgelassen worden war. Spendius ließ sofort Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie mit dem Erdöl, zündete es an und ließ die Tiere auf Utika hetzen.

Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die Flucht und liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspieße nach. Da machten sie Kehrt und schlitzten den Karthagern mit ihren Stoßzähnen die Leiber auf oder erdrückten und zerstampften sie mit ihren Füßen. Hinter den Tieren kamen die Barbaren den Hügel herab. Das punische Lager, das keinen Wall hatte, wurde beim ersten Anlauf genommen und geplündert. Die Karthager wurden gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht vor den Söldnern wollte man nicht öffnen. Der Tag brach an. Von Westen her sah man Mathos Fußvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten Reiterscharen auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern. Sie setzten über Hecken und Gräben weg und hetzten die Flüchtlinge, wie Jagdhunde die Hasen. Dieser Wechsel des Kriegsglücks überraschte den Suffeten. Er schrie, man solle ihm aus dem Bade helfen.

Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da flüsterte ihm ein Neger – der nämliche, der in der Schlacht seinen Sonnenschirm trug – ein paar Worte ins Ohr.