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Salome: Tragödie in Einem Akt cover

Salome: Tragödie in Einem Akt

Chapter 33: Alle
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About This Book

The play stages a night at a royal court where a headstrong young woman becomes fixated on a banished prophet held nearby; her growing obsession collides with courtly vice, religious fervour, and political hypocrisy. Tensions between desire and sacred taboo escalate as a ruler and his circle manipulate ceremonies and entertainments; the woman's sensual dance prompts a grim demand that seals the prophet's fate. The denouement confronts themes of voyeurism, power, and the destructive mingling of erotic longing with public spectacle, leaving the court unsettled by violence and transgression.

Jochanaan

Weiche von mir! Ich höre die Flügel des Todesengels im Palaste rauschen.

Der junge Syrier

Prinzessin, ich flehe: geh hinein.

Jochanaan

Engel des Herrn meines Gottes, was tust du hier mit deinem Schwert? Wen suchst du in diesem Palast? Der Tag dessen, der im Silbermantel sterben soll, ist noch nicht gekommen.

Salome

Jochanaan!

Jochanaan

Wer spricht hier?

Salome

Ich bin verliebt in deinen Leib, Jochanaan! Dein Leib ist weiß wie die Lilien auf einem Felde, das nie die Sichel berührt hat. Dein Leib ist weiß wie der Schnee, der auf den Bergen Judäas liegt und in die Täler herabkommt. Die Rosen im Garten der Königin von Arabien sind nicht so weiß wie dein Leib. Nicht die Rosen im Garten der Königin von Arabien, im Gewürzgarten der Königin von Arabien, nicht die Füße der Dämmerung, wenn sie auf die Blätter herabsteigt, nicht die Brüste des Mondes, wenn er auf dem Meere liegt... Nichts in der Welt ist so weiß wie dein Leib... Laß mich ihn berühren, deinen Leib!

Jochanaan

Zurück, Tochter Babylons! Durch das Weib kam das Übel in die Welt. Sprich nicht zu mir. Ich will dich nicht anhören. Ich höre nur auf die Stimme des Herrn, meines Gottes.

Salome

Dein Leib ist grauenvoll. Er ist wie der Leib eines Aussätzigen. Er ist wie eine getünchte Wand, wo Nattern gekrochen sind; wie eine getünchte Wand, wo die Skorpione ihr Nest gebaut haben. Er ist wie ein übertünchtes Grab, voll widerlicher Dinge. Er ist gräßlich, dein Leib ist gräßlich. In dein Haar bin ich verliebt, Jochanaan. Dein Haar ist wie Weintrauben, wie Büschel schwarzer Trauben, die an den Weinstöcken Edoms hängen im Lande der Edomiter. Dein Haar ist wie die Zedern vom Libanon, wie die großen Zedern vom Libanon, die den Löwen und Räubern ihren Schatten spenden, wenn sie sich am Tage verbergen wollen. Die langen schwarzen Nächte, wenn der Mond sein Gesicht verbirgt, wenn den Sternen bange ist, sind nicht so schwarz wie dein Haar. Das Schweigen, das im Walde wohnt, ist nicht so schwarz. Nichts in der Welt ist so schwarz wie dein Haar... Laß mich es berühren, dein Haar!

Jochanaan

Zurück, Tochter Sodoms! Berühre mich nicht. Entweihe nicht den Tempel des Herrn, meines Gottes.

Salome

Dein Haar ist gräßlich. Es starrt von Staub und Unrat. Es ist wie eine Dornenkrone auf deinen Kopf gesetzt. Es ist wie ein Schlangenknoten um deinen Hals gewickelt. Ich liebe dein Haar nicht... Deinen Mund begehre ich, Jochanaan. Dein Mund ist wie ein Scharlachband an einem Turm von Elfenbein. Er ist wie ein Granatapfel von einem Elfenbeinmesser zerteilt. Die Granatapfelblüten, die in den Gärten von Tyrus wachsen, die glühender sind als Rosen, sind nicht so rot. Die roten Fanfaren der Trompeten, die das Nahen von Königen künden und vor denen der Feind erzittert, sind nicht so rot. Dein Mund ist röter als die Füße der Männer, die den Wein in der Kelter stampfen. Er ist röter als die Füße der Tauben, die in den Tempeln wohnen und von den Priestern ihr Futter bekommen. Er ist röter als die Füße des Mannes, der aus dem Walde kommt, wo er einen Löwen erschlagen und goldfarbige Tiger erblickt hat. Dein Mund ist wie ein Korallenzweig, den die Fischer in der Dämmerung des Meeres gefunden haben, wie die Koralle, die sie für Könige bewahren!... Er ist wie der Purpur, den die Moabiter in den Gruben von Moab finden, wie der Purpur, den die Könige von ihnen haben. Er ist wie der Bogen des Perserkönigs, der mit Purpur bemalt und mit Korallen besetzt ist. Nichts in der Welt ist so rot wie dein Mund... Laß mich ihn küssen, deinen Mund!

Jochanaan

Niemals! Tochter Babylons! Tochter Sodoms! Niemals!

Salome

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan. Ich will deinen Mund küssen.

Der junge Syrier

Prinzessin, Prinzessin, die wie ein Garten von Myrrhen ist, die die Taube aller Tauben ist, sieh diesen Mann nicht an, sieh ihn nicht an. Sprich nicht solche Worte zu ihm. Ich kann es nicht ertragen... Prinzessin, sprich nicht solche Dinge.

Salome

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan.

Der junge Syrier

Ah! Er tötet sich und fällt zwischen Salome und Jochanaan.

Der Page der Herodias

Der junge Syrier hat sich getötet. Der junge Hauptmann hat sich getötet. Der mein Freund war, hat sich getötet. Ich habe ihm eine kleine Nardenbüchse und silberne Ohrringe geschenkt, und nun hat er sich getötet. Ach, sagte er nicht, es wird Schlimmes geschehen? Ich sagte es auch, und es ist eingetroffen. Wohl wußte ich, daß der Mond etwas Totes suchte, aber ich wußte nicht, daß er es war, den er suchte. Ach, warum barg ich ihn nicht vor dem Mond! Hätte ich ihn in einer Höhle verborgen, dann hätte er ihn nicht gesehen.

Erster Soldat

Prinzessin, der junge Hauptmann hat sich getötet.

Salome

Laß mich deinen Mund küssen, Jochanaan!

Jochanaan

Wird dir nicht bange, Tochter der Herodias? Habe ich dir nicht gesagt, daß ich im Palaste den Flügelschlag des Todesengels gehört habe, und ist er nicht gekommen, der Engel des Todes?

Salome

Laß mich deinen Mund küssen!

Jochanaan

Tochter der Unzucht, es lebt nur Einer, der dich retten kann. Es ist Der, von dem ich sprach. Geh, such ihn. Er ist in einem Nachen auf dem See von Galiläa und redet zu seinen Jüngern. Knie nieder am Ufer des Sees, rufe ihn an und nenne ihn beim Namen. Wenn er zu dir kommt, und er kommt zu allen, die ihn anrufen, dann bücke dich zu seinen Füßen, daß er dir deine Sünden vergebe.

Salome

Laß mich deinen Mund küssen!

Jochanaan

Sei verflucht! Tochter einer blutschänderischen Mutter, sei verflucht!

Salome

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan!

Jochanaan

Ich will dich nicht ansehn. Du bist verflucht, Salome, du bist verflucht. Er geht in die Zisterne hinab.

Salome

Ich will deinen Mund küssen. Jochanaan, ich will deinen Mund küssen!...

Erster Soldat

Wir müssen den Leichnam an einen andern Ort tragen. Der Tetrarch mag keine Toten sehen, außer wenn er selbst gemordet hat.

Der Page der Herodias

Er war mein Bruder, ja er war mir näher als ein Bruder. Ich gab ihm eine kleine Nardenbüchse und einen Achatring, den er immer an der Hand trug. Abends gingen wir oft am Fluß spazieren und unter den Mandelbäumen, und er erzählte mir gern von seiner Heimat. Er sprach immer sehr leise. Der Klang seiner Stimme war wie der Klang der Flöte, wie wenn einer auf der Flöte spielt. Er hatte auch große Freude daran, im Fluß sein Bild zu betrachten. Ich habe ihn oft darum getadelt.

Zweiter Soldat

Du hast recht, wir müssen den Leichnam verstecken. Der Tetrarch darf ihn nicht sehen.

Erster Soldat

Der Tetrarch wird nicht hierher kommen. Er kommt nie auf die Terrasse. Er hat zu große Angst vor dem Propheten.

Herodes, Herodias und der ganze Hof treten ein.

Herodes

Wo ist Salome, wo ist die Prinzessin? Warum kam sie nicht wieder zum Bankett, wie ich ihr befohlen hatte? Ah! Hier ist sie!

Herodias

Du sollst sie nicht ansehen! Fortwährend siehst du sie an!

Herodes

Wie der Mond heute nacht aussieht! Es steckt Seltsames in ihm. Ist es nicht ein seltsames Bild? Es sieht aus wie ein wahnsinniges Weib, ein wahnsinniges Weib, das überall nach Buhlen sucht. Und nackt ist, ganz nackt. Die Wolken wollen seine Nacktheit bekleiden, aber das Weib läßt sie nicht. Es stellt sich nackt am Himmel zur Schau, wie ein betrunkenes Weib, das durch die Wolken taumelt... Gewiß, es sucht nach Buhlen. Sieht es nicht aus wie ein betrunkenes Weib? Es steckt heut etwas im Mond wie ein wahnsinniges Weib, nicht?

Herodias

Nein, der Mond ist wie der Mond, das ist alles. Wir wollen hineingehn... Wir haben hier nichts zu tun.

Herodes

Ich will hier bleiben! Manasseh, leg Teppiche hierher! Zündet Fackeln an! Bringt die Elfenbeintische heraus und die Tische von Jaspis! Die Luft ist süß hier. Ich will noch Wein mit meinen Gästen trinken. Wir müssen den Gesandten des Cäsar alle Ehren erweisen.

Herodias

Nicht um ihretwillen willst du bleiben.

Herodes

Doch; die Luft ist sehr süß. Komm, Herodias, unsere Gäste warten auf uns. Ah! Ich bin ausgeglitten! Ich bin in Blut getreten! Das ist ein böses Zeichen, das ist ein sehr böses Zeichen. Warum ist hier Blut?... Und dieser Tote? Was soll dieser Tote hier? Denkt ihr, ich sei wie der König von Ägypten, der seinen Gästen kein Fest gibt, ohne ihnen einen Leichnam zu zeigen? Wer ist der Tote? Ich will ihn nicht sehen.

Erster Soldat

Es ist unser Hauptmann, Herr. Es ist der junge Syrier, den Ihr erst vor drei Tagen zum Hauptmann der Leibwache ernannt habt.

Herodes

Ich erließ keinen Befehl, daß er getötet würde.

Erster Soldat

Er hat sich selbst getötet, Herr.

Herodes

Aus welchem Grund? Ich hatte ihn zum Hauptmann meiner Leibwache ernannt!

Zweiter Soldat

Wir wissen es nicht, Herr. Aber mit eigener Hand hat er sich getötet.

Herodes

Das scheint mir seltsam. Ich habe gedacht, nur die römischen Philosophen töteten sich selbst. Nicht wahr, Tigellinus, die Philosophen in Rom töten sich selbst?

Tigellinus

Es gibt dort einige, die sich selbst töten. Es sind die Stoiker. Die Stoiker sind Leute ohne Bildung. Es sind lächerliche Leute. Ich für meinen Teil halte sie für ganz und gar lächerlich.

Herodes

Ich auch. Es ist lächerlich, sich selbst zu töten.

Tigellinus

Alle Welt in Rom lacht über sie. Der Kaiser hat eine Satire gegen sie geschrieben. Man trägt sie überall vor.

Herodes

Ah! Er hat eine Satire gegen sie geschrieben? Cäsar ist erstaunlich. Er kann alles... Es ist seltsam, daß der junge Syrier sich getötet hat. Es tut mir leid, daß er sich getötet hat. Es tut mir sehr leid. Denn er war schön zu sehen. Er war sehr schön. Er hatte so schmachtende Augen. Ich erinnere mich, ich sah seine schmachtenden Augen, wenn er Salome ansah. Wahrhaftig, ich dachte: er sieht sie zuviel an.

Herodias

Es gibt noch andere, die sie zuviel ansehen.

Herodes

Sein Vater war ein König. Ich vertrieb ihn aus seinem Reich. Und seine Mutter, die eine Königin war, machtest du zur Sklavin, Herodias. Er war also sozusagen mein Gast, und darum ernannte ich ihn zu meinem Hauptmann. Es tut mir leid, daß er tot ist. He! Warum habt ihr den Leichnam hier liegen lassen? Er muß fortgebracht werden. Ich will ihn nicht sehen – fort mit ihm! Sie tragen den Leichnam weg. Es ist kalt hier. Es weht ein Wind. Weht nicht ein Wind?

Herodias

Nein, es weht kein Wind.

Herodes

Ich sage euch, es weht ein Wind – Und in der Luft höre ich etwas wie das Rauschen von Flügeln, wie das Rauschen von mächtigen Flügeln. Hört ihr es nicht?

Herodias

Ich höre nichts.

Herodes

Jetzt höre ich es nicht mehr. Aber ich habe es gehört. Es war das Wehen des Windes. Es ist vorüber. Horch, jetzt höre ich es wieder. Hört ihr es nicht? Es ist genau wie ein Rauschen von Flügeln.

Herodias

Ich sage dir, es ist nichts daran. Du bist krank. Wir wollen hineingehen.

Herodes

Ich bin nicht krank. Aber deine Tochter ist krank zu Tode. Niemals habe ich sie so blaß gesehen.

Herodias

Ich habe dir gesagt, du sollst sie nicht ansehen.

Herodes

Schenkt mir Wein ein. Es wird Wein gebracht. Salome, komm, trink Wein mit mir. Ich habe hier einen köstlichen Wein. Cäsar hat ihn mir selbst geschickt. Tauche deine kleinen roten Lippen hinein, dann will ich den Becher leeren.

Salome

Ich bin nicht durstig, Tetrarch.

Herodes

Hörst du, wie sie mir antwortet, diese deine Tochter?

Herodias

Sie hat recht. Warum stierst du sie immer an?

Herodes

Bringt reife Früchte. Es werden Früchte gebracht. Salome, komm, iß mit mir von diesen Früchten. Ich sehe den Abdruck deiner kleinen Zähne in einer Frucht so gern. Beiß nur ein wenig von dieser Frucht hier ab, dann will ich essen, was übrig ist.

Salome

Ich bin nicht hungrig, Tetrarch.

Herodes zu Herodias

Du siehst, wie du diese deine Tochter erzogen hast.

Herodias

Meine Tochter und ich stammen aus königlichem Blut. Du aber, weißt du, dein Vater war Kameltreiber! Dein Vater war ein Dieb und ein Räuber obendrein!

Herodes

Du lügst!

Herodias

Du weißt wohl, daß es wahr ist.

Herodes

Salome, komm, setz dich zu mir. Du sollst auf dem Thron deiner Mutter sitzen.

Salome

Ich bin nicht müde, Tetrarch.

Herodias

Du siehst, wie sie dich achtet.

Herodes

Bringt mir – Was wünsch ich denn? Ich hab es vergessen. Ah! Ah! Ich erinnere mich.

Die Stimme des Jochanaan

Siehe, die Zeit ist gekommen! Was ich vorhersagte, ist eingetroffen. Der Tag, von dem ich sprach, ist da.

Herodias

Heiß ihn schweigen. Ich will seine Stimme nicht hören. Dieser Mensch beschimpft mich fortwährend.

Herodes

Er hat nichts gegen dich gesagt. Überdies ist er ein sehr großer Prophet.

Herodias

Ich glaube nicht an Propheten. Kann jemand sagen, was sich in Zukunft ereignen wird? Niemand weiß das. Auch beschimpft er mich fortwährend. Aber ich glaube, du hast Angst vor ihm. Ich weiß wohl, daß du Angst vor ihm hast.

Herodes

Ich habe keine Angst vor ihm. Ich habe vor niemand Angst.

Herodias

Ich sage dir, du hast Angst vor ihm. Wenn du keine Angst vor ihm hast, warum lieferst du ihn nicht den Juden aus, die seit sechs Monaten nach ihm schreien?

Ein Jude

Wahrhaftig, Herr, es wäre besser, ihn in unsere Hände zu geben.

Herodes

Genug davon. Ich habe euch meine Antwort schon gegeben. Ich werde ihn nicht in eure Hände geben. Er ist ein heiliger Mann. Er ist ein Mann, der Gott geschaut hat.

Ein Jude

Das kann nicht sein. Seit dem Propheten Elias hat niemand Gott gesehen. Er war der letzte, der Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut hat. In unseren Tagen zeigt Gott sich nicht. Gott verbirgt sich. Darum ist großes Übel über das Land gekommen.

Ein anderer Jude

In Wahrheit weiß niemand, ob Elias in der Tat Gott gesehen hat. Möglicherweise war es nur der Schatten Gottes, was er sah.

Ein dritter Jude

Gott ist zu keiner Zeit verborgen. Er zeigt sich zu allen Zeiten und an allen Orten. Gott ist in dem Schlimmen ebenso wie in dem Guten.

Ein vierter Jude

Du solltest das nicht sagen. Es ist eine sehr gefährliche Lehre. Es ist eine Lehre, die aus Alexandria kommt, wo die griechische Philosophie gelehrt wird. Und die Griechen sind Heiden. Sie sind nicht einmal beschnitten.

Ein fünfter Jude

Niemand kann sagen, wie Gott wirkt. Seine Wege sind sehr dunkel. Es kann sein, daß die Dinge, die wir schlimm nennen, gut sind, und daß die Dinge, die wir gut nennen, schlimm sind. Wir wissen von nichts etwas. Wir können nur unser Haupt unter seinen Willen beugen, denn Gott ist sehr stark. Er bricht den Starken in Stücke, wie den Schwachen, denn jeder gilt ihm gleich.

Erster Jude

Du sagst die Wahrheit. Fürwahr, Gott ist furchtbar. Er bricht den Starken und den Schwachen in Stücke, wie man Körner in einem Mörser zerreibt. Aber was diesen Menschen angeht, der hat Gott nie gesehen. Seit dem Propheten Elias hat niemand Gott gesehen.

Herodias

Heiß sie schweigen. Sie langweilen mich!

Herodes

Doch hab ich davon sprechen hören, Jochanaan sei in Wahrheit euer Prophet Elias.

Der Jude

Das kann nicht sein. Seit den Tagen des Propheten Elias sind mehr als dreihundert Jahre vergangen.

Herodes

Welche sagen, der Mann sei der Prophet Elias.

Ein Nazarener

Mir ist es sicher, daß er der Prophet Elias ist.

Der Jude

Keineswegs, es ist nicht der Prophet Elias.

Die Stimme des Jochanaan

Siehe, der Tag ist nahe, der Tag des Herrn, und ich höre auf den Bergen die Schritte Dessen, der der Erlöser der Welt sein wird.

Herodes

Was soll das heißen: der Erlöser der Welt?

Tigellinus

Es ist ein Titel, den Cäsar führt.

Herodes

Aber Cäsar kommt nicht nach Judäa. Erst gestern hatte ich Briefe von Rom. Es stand nichts von dieser Sache darin. Und Ihr, Tigellinus, Ihr wart ja den Winter über in Rom. Ihr habt nichts von dieser Sache gehört, was?

Tigellinus

Herr, ich habe nichts von der Sache gehört. Ich wollte nur den Titel erklären. Es ist einer von Cäsars Titeln.

Herodes

Aber Cäsar kann nicht kommen. Er wird zu sehr von der Gicht geplagt. Es heißt, seine Füße seien wie die eines Elefanten. Es sprechen auch politische Erwägungen mit. Wer Rom verläßt, hat Rom verloren. Er wird nicht kommen. Indessen, Cäsar ist der Herr, er wird kommen, wenn es ihm so beliebt. Trotzdem glaube ich, er wird nicht kommen.

Erster Nazarener

Herr, die Worte, die der Prophet sprach, haben sich nicht auf Cäsar bezogen.

Herodes

Wie? Nicht auf Cäsar bezogen?

Erster Nazarener

Nein, Herr.

Herodes

Auf wen bezogen sie sich denn?

Erster Nazarener

Auf den Messias, der gekommen ist.

Ein Jude

Der Messias ist nicht gekommen.

Erster Nazarener

Er ist gekommen, und allenthalben tut er Wunder.

Herodias

Oho! Wunder! Ich glaube nicht an Wunder. Ich habe ihrer zu viele gesehen. Zu dem Pagen: Meinen Fächer.

Erster Nazarener

Der Mann tut wirkliche Wunder. Zum Beispiel hat er bei einer Hochzeit, die in einer kleinen Stadt in Galiläa stattfand, Wasser in Wein verwandelt. Zuverlässige Leute, die dabei waren, haben es mir berichtet. Ferner heilte er zwei Aussätzige, die vor dem Tore von Kapernaum saßen, durch einfaches Berühren.

Zweiter Nazarener

Nein, zwei Blinde heilte er in Kapernaum.

Erster Nazarener

Nein, es waren Aussätzige. Aber er hat auch Blinde geheilt, und man hat ihn auf einem Berge im Gespräch mit Engeln gesehen.

Ein Sadduzäer

Es gibt keine Engel.

Ein Pharisäer

Es gibt Engel, aber ich glaube nicht, daß der Mann mit ihnen gesprochen hat.

Erster Nazarener

Eine große Menge Volkes hat ihn gesehen, wie er mit Engeln sprach.

Herodias

Wie diese Menschen mich langweilen! Sie sind lächerlich! Sie sind alle miteinander lächerlich. Zu dem Pagen: Nun! Mein Fächer? Der Page gibt ihr den Fächer. Du blickst drein wie ein Träumer. Du sollst nicht träumen. Nur kranke Menschen träumen. Sie schlägt den Pagen mit ihrem Fächer.

Zweiter Nazarener

Dann geschah ferner das Wunder mit der Tochter des Jairus.

Erster Nazarener

Jawohl, das ist gewiß. Niemand kann es bestreiten.

Herodias

Diese Menschen sind verrückt. Sie haben zu lange in den Mond gesehen. Befiehl ihnen, daß sie schweigen!

Herodes

Was ist das für ein Wunder mit der Tochter des Jairus?

Erster Nazarener

Die Tochter des Jairus war tot. Der Mann erweckte sie von den Toten.

Herodes

Wie! Er erweckt die Menschen vom Tode?

Erster Nazarener

Jawohl, Herr, er erweckt die Toten.

Herodes

Ich will nicht, daß er das tue. Ich verbiete ihm, das zu tun. Ich erlaube niemandem, die Toten zu erwecken. Der Mann muß gefunden werden, und man soll ihm sagen, daß ich ihm verbiete, die Toten zu erwecken. Wo ist der Mann zur Zeit?

Zweiter Nazarener

Herr, er ist überall, aber es ist schwer, ihn zu finden.

Erster Nazarener

Es heißt, er sei jetzt in Samaria.

Ein Jude

Man kann leicht sehen, daß er nicht der Messias ist, wenn er in Samaria ist. Nicht zu den Leuten von Samaria soll der Messias kommen. Die von Samaria sind verflucht. Sie bringen keine Opfer zum Tempel.

Zweiter Nazarener

Vor ein paar Tagen verließ er Samaria. Ich glaube, im Augenblick ist er in der Nähe von Jerusalem.

Erster Nazarener

Nein, dort ist er nicht. Ich bin erst aus Jerusalem gekommen. In zwei Monaten haben sie keine Nachricht von ihm gehabt.

Herodes

Tut nichts! Er soll gefunden werden, und man soll ihm sagen: So spricht Herodes, der König: "Ich will nicht dulden, daß du die Toten erweckest." – Wasser in Wein verwandeln, Aussätzige und Blinde heilen... derlei Dinge mag er tun, wenn er will. Ich sage nichts gegen diese Dinge. In Wahrheit, ich halte es für eine gute Tat, einen Aussätzigen zu heilen. Aber niemand soll die Toten erwecken... Es müßte schrecklich sein, wenn die Toten wiederkämen.

Die Stimme des Jochanaan

O über dies geile Weib! Diese Hure! Ha! die Tochter Babylons mit ihren Goldaugen und ihren gleißenden Lidern! So sagt der Herr unser Gott: Eine Menge Menschen werden sich gegen sie sammeln. Und sie werden Steine nehmen und sie steinigen...

Herodias

Befiehl ihm, er soll schweigen!

Die Stimme des Jochanaan

Die Kriegshauptleute werden sie mit ihren Schwertern durchbohren, sie werden sie unter ihren Schilden zermalmen.

Herodias

Wahrhaftig, es ist schändlich!

Die Stimme des Jochanaan

Es ist so, daß ich alle Verruchtheit von der Erde austilgen werde, und daß alle Weiber lernen werden, nicht auf den Wegen ihrer Greuel zu wandeln.

Herodias

Du hörst, was er gegen mich sagt? Du duldest es, daß er die schmähe, die dein Weib ist!

Herodes

Er hat deinen Namen nicht genannt.

Herodias

Was tut das zur Sache? Du weißt wohl, daß ich es bin, die er zu schmähen sucht. Und ich bin dein Weib – oder nicht?

Herodes

In der Tat, teure und vieledle Herodias, du bist mein Weib, und zuvor warst du das Weib meines Bruders.

Herodias

Nämlich du rissest mich aus seinen Armen.

Herodes

In der Tat war ich stärker als er... Aber wir wollen von dieser Sache nicht reden. Ich wünsche nicht, davon zu reden. Es handelt sich um die schrecklichen Worte, die der Prophet gesprochen hat. Am Ende bedeuten diese Worte, daß Schlimmes geschehen wird. Wir wollen von dieser Sache nicht reden. Edle Herodias, wir sind gegen unsere Gäste nicht aufmerksam. Füll du mein Glas, Vielgeliebte. He! Füllt die großen Pokale von Silber und die großen Pokale von Glas mit Wein. Ich will auf Cäsar trinken. Es sind Römer hier, wir müssen auf Cäsar trinken!

Alle

Cäsar! Cäsar!

Herodes

Siehst du nicht, wie blaß deine Tochter ist?

Herodias

Was kümmert es dich, ob sie blaß ist oder nicht?

Herodes

Nie hab ich sie so blaß gesehen.

Herodias

Du brauchst sie nicht anzusehen.

Die Stimme des Jochanaan

Es kommt ein Tag, da wird die Sonne finster werden wie ein schwarzes Tuch, und der Mond wird werden wie Blut, und die Sterne des Himmels werden auf die Erde fallen wie unreife Feigen vom Feigenbaum, und die Könige der Erde werden erzittern.

Herodias

Haha! Den Tag möcht ich sehen, von dem er spricht, wenn der Mond wie Blut wird und die Sterne wie unreife Feigen zur Erde fallen. Dieser Prophet schwatzt wie ein Betrunkener... aber ich kann den Klang seiner Stimme nicht ertragen. Ich hasse seine Stimme. Befiehl ihm, er soll schweigen.

Herodes

Ich will nicht. Ich kann nicht verstehen, was das sein soll, wovon er spricht, aber vielleicht ist es ein Zeichen.

Herodias

Ich glaube nicht an Zeichen. Er spricht wie ein Betrunkener.

Herodes

Kann sein, er ist trunken vom Weine Gottes.

Herodias

Was ist das für ein Wein, der Wein Gottes? Auf was für Weinbergen ist er gewachsen? In welcher Kelter findet man ihn?

Herodes

sieht von diesem Augenblicke ab fortwährend Salome an

Tigellinus, als Ihr jüngst in Rom wart, sprach der Kaiser mit Euch über...?

Tigellinus

Worüber, Herr?

Herodes

Worüber? Ach, ich fragte Euch etwas, nicht? Ich habe vergessen, was ich Euch fragen wollte...

Herodias

Du fängst wieder an, meine Tochter anzusehn. Du sollst sie nicht ansehn. Ich habe es schon gesagt.

Herodes

Du sagst nichts anderes.

Herodias

Ich sage es nochmals.

Herodes

Und dann der Ausbau des Tempels, von dem sie so viel geredet haben, wird da etwas geschehn? Sie sagen, der Vorhang zum Allerheiligsten sei verschwunden, nicht wahr?

Herodias

Du hast ihn selber gestohlen. Du schwatzest in den Tag hinein und sinnloses Zeug. Ich will nicht hier bleiben. Wir wollen hineingehn.

Herodes

Tanz für mich, Salome.

Herodias

Ich will nicht haben, daß sie tanzt.

Salome

Ich habe keine Lust zu tanzen, Tetrarch.

Herodes

Salome, Tochter der Herodias, tanz für mich.

Herodias

Sei still! Laß sie in Frieden.

Herodes

Ich befehle dir zu tanzen, Salome.

Salome

Ich will nicht tanzen, Tetrarch.

Herodias lachend

Du siehst, wie sie dir gehorcht.

Herodes

Was kümmert es mich, ob sie tanzt oder nicht? Das gilt mir gleich. Heut nacht bin ich glücklich. Ich bin ausnehmend glücklich. Ich bin nie so glücklich gewesen...

Erster Soldat

Der Tetrarch blickt finster drein. Sieht er nicht finster drein?