„Ich werde dich doch zwingen, mit mir zu spielen. Das nützt dir nichts, daß du das Brett umgestoßen hast! Ich erinnere mich an sämtliche Züge! Wir können das Spiel wieder aufstellen.“
„Nein, mein Bester, ich spiele nicht mit dir, und damit Basta!“
„Du willst also nicht spielen? wie?“
„Du mußt doch selbst einsehen, daß man nicht mit dir spielen kann!“
„Nein, sag’s gradheraus: Willst du spielen oder nicht?“ sagte Nosdrjow, indem er Tschitschikow noch näher auf den Leib rückte.
„Nein,“ sprach Tschitschikow, während er seine Hände vor das Gesicht hielt, er war auf alles gefaßt und fühlte, daß es einen heißen Kampf geben würde. Diese Vorsicht war durchaus am Platze, denn Nosdrjow holte aus, und es hätte leicht passieren können, daß eine von den schönen runden Backen unseres Helden mit nie zu verwischender Schmach bedeckt worden wäre; aber er parierte geschickt den Schlag, packte Nosdrjows kampflustige Hände und hielt sie fest in den seinen.
„Porphyr, Pawluschka!“ schrie Nosdrjow wie ein Rasender, indem er versuchte sich loszuringen.
Bei diesen Worten ließ Tschitschikow, der die Knechte nicht gern zu Zeugen dieser äußerst interessanten Szene machen wollte, und zugleich fühlte, daß es doch keinen Wert hatte, Nosdrjow länger festzuhalten, seine Hände fahren. In diesem Augenblick betrat Porphyr das Zimmer, gefolgt von Pawluscha, einem handfesten Burschen, mit dem nicht gut Kirschen essen war.
„Du willst also die Partie nicht zu Ende spielen?“ sagte Nosdrjow. „Sag ja oder nein.“
„Es ist mir unmöglich, sie zu Ende zu spielen,“ sprach Tschitschikow und warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er vorfahren könnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen, denn in der Türe standen zwei kräftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows.
„Du willst also die Partie nicht beendigen?“ wiederholte Nosdrjow, dessen Antlitz vor Zorn glühte.
„Wenn du spielen würdest, wie ein anständiger Mensch .... aber so .... Nein!“
„Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, daß du verlieren mußt, kannst du auf einmal nicht! Haut ihn!“ schrie er plötzlich in rasender Wut, indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein Stück Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fühlte, daß seine Lippen sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben.
„Haut ihn!“ schrie Nosdrjow, während er mit seinem Weichselrohr auf ihn losstürzte, zornglühend und schwitzend, als ob er gegen eine unbezwingliche Festung Sturm liefe. — „Haut ihn!“ schrie er mit der Stimme eines tollen Leutnants, der während eines gewaltigen Sturmangriffes seiner Kompagnie: „Vorwärts, Kinder!“ zuruft, und dessen unsinnige Kühnheit solch eine Berühmtheit erlangt hat, so daß die Ordre ausgegeben werden mußte, während eines heftigen Gefechtes, ihn an Händen und Füßen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon betört; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das große Ziel winkt und blindlings stürzt er darauf zu. „Vorwärts, Kinder!“ schreit er und schon fliegt er voran, ohne zu überlegen, wie sehr er damit dem wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, daß Millionen von Büchsenläufen aus den Schießscharten der unbezwinglichen, von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, daß seine ohnmächtige Kompagnie in die Luft fliegen muß wie leichter Federflaum und daß die verhängnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu schließen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine Festung anstürmenden tollköpfigen Leutnant darstellte, die Festung selbst, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fühlte eine derartige Furcht, daß ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl, mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Händen gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem Rücken in Empfang zu nehmen, und Gott weiß, was ihm noch sonst alles hätte blühen können. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die Schultern und alle wohlgepflegten Körperteile unseres Helden zu retten. Ganz unerwartet erklangen plötzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten, die Töne eines Glöckchens, das Rädergerassel einer vorfahrenden Kutsche und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkürlich ans Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem Schreck hatte erholen können und während er sich noch in der jämmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat.
„Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist?“ sagte der Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann.
„Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe?“ sagte Nosdrjow auf ihn zugehend.
„Ich bin der Kreisrichter!“
„Und was wünschen Sie?“
„Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu überbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen Beschlußfassung in dem gegen Sie schwebenden Prozeß.“
„Ach Unsinn! Was für ein Prozeß?“ sagte Nosdrjow.
„Sie sind in die Sache des Gutsbesitzers Maksimow verwickelt, anläßlich einer persönlichen Beleidigung, die Sie ihm in trunkenem Zustande durch Verabfolgung von Rutenschlägen zugefügt haben sollen.“
„Sie lügen, ich kenne den Gutsbesitzer Maksimow überhaupt nicht.“
„Geehrter Herr! Gestatten sie, daß ich Sie darauf aufmerksam mache: ich bin Offizier. Sie können das ihrem Diener sagen, aber nicht mir.“
Hier ergriff Tschitschikow, ohne abzuwarten, was Nosdrjow darauf antworten würde, schleunigst seine Mütze, schlüpfte hinterm Rücken des Kreisrichters zur Türe hinaus, bestieg eilig seinen Wagen, und befahl Seliphan die Pferde anzutreiben, so schnell er nur konnte.
Fünftes Kapitel
Unser Held hatte übrigens gehörige Angst bekommen. Obwohl der Wagen in wildem Galopp dahinjagte und Nosdrjows Gut hinter Hügeln, Feldern und Anhöhen verschwunden war, blickte er sich immer noch furchtsam um, wie in Erwartung, daß die Verfolger bald angesprengt kämen. Er atmete schwer, und als er seine Hand aufs Herz legte, fühlte er, daß es hüpfte wie eine Wachtel im Käfig. „Herr Gott, hat der mich schwitzen machen. Bist du ein Kerl!“ Dann wünschte er ihm den Teufel und seine Großmutter an den Hals. Ja, es fielen sogar ein paar unschöne Ausdrücke; aber was ist da zu machen: ein Russe, und noch dazu wenn er zornig ist! Zudem war die Sache durchaus nicht scherzhaft: „Man mag sagen, was man will,“ sprach er zu sich selber, „wäre der Kreisrichter nicht auf der Bildfläche erschienen, wer weiß, ob ich mich jetzt noch des Anblickes dieser schönen Gotteswelt erfreuen könnte! Vielleicht wäre ich geplatzt, wie eine Blase auf dem Wasser, ohne eine Spur meines irdischen Daseins, ohne Nachkommen, ohne meinen Kindern und Kindeskindern Geld und Gut und einen ehrlichen Namen zu hinterlassen!“ Unser Held war sehr besorgt um seine Nachkommenschaft.
„So ein böser Herr!“ dachte Seliphan. „Solch einen Herren hab’ ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Wahrhaftig, dem sollte man ins Gesicht spucken für dieses Betragen. Einen Menschen mag man noch eher hungern lassen, aber einem Pferde muß man doch zu fressen geben. Denn so ein Gaul liebt nun mal den Hafer. Das ist sozusagen seine Nahrung; was für uns die Kost, ist für ihn der Hafer sozusagen. Das ist doch seine Nahrung.“
Auch die Pferde schienen sich eine ungünstige Meinung von Nosdrjow gebildet zu haben. Nicht nur der Braune und der Assessor, selbst der Schecke war schlechter Laune. Obgleich er für seinen Teil immer etwas geringeren Hafer bekam und Seliphan ihm diesen nie anders in den Trog schüttete, als mit den Worten: „Da, du Lump!“, es war doch immer Hafer und nicht gewöhnliches Heu: er kaute mit Vergnügen daran und steckte sein langes Maul häufig in die Krippe seiner beiden Nachbarn, um zu kosten, was für eine Nahrung sie bekämen. Besonders tat er dies, wenn Seliphan nicht im Stalle war. Aber dieses Mal nichts wie Heu — das war nicht schön! Sie alle waren unzufrieden.
Aber bald wurden die Unzufriedenen mitten in ihren Herzensergießungen durch ein ganz plötzliches und unerwartetes Ereignis unterbrochen, alle Beteiligten mit Einschluß des Kutschers kamen erst wieder zur Besinnung, als ein mit sechs Pferden bespannter Wagen gegen sie anrannte und das Schreien der in dem Wagen sitzenden Damen und das Geschimpf und die Drohungen der Kutscher fast über ihren Köpfen erklangen. „Ach, du Spitzbube, verdammter, ich habe dir doch laut zugerufen: Weich aus nach rechts, alte Krähe! Du bist wohl besoffen, wie?“ Seliphan mußte sich gestehen, daß er eine Ungeschicklichkeit begangen hatte; aber da der Russe seine Schuld vor andern Leuten nicht gerne zugibt, warf er sich in die Brust und rief: „Und was jagst du so blind darauf los?! Hast wohl deine Augen in der Schenke gelassen?“ Hierauf zog er die Zügel kräftig an, um den Wagen zurückzulenken und aus dem Knäuel herauszuwickeln. Aber, ohweh, seine Bemühungen waren vergeblich; die Pferde hatten sich mit ihrem Geschirr verhakt. Der Schecke beschnupperte neugierig seine neuen Freunde, die ihn umringten. Unterdessen blickten die in dem Wagen sitzenden Damen mit ängstlichen Gesichtern auf die allgemeine Verwirrung. Die eine war schon alt, die andere ein sechzehnjähriges junges Mädchen mit goldigem Haar, welches glatt gescheitelt ihr Gesicht kleidsam einrahmte. Das reizende Oval ihres Antlitzes rundete sich wie ein junges Eichen und schimmerte gleich diesem von weißem durchsichtigen Glanze, wenn es frisch gelegt von der braunen, prüfenden Hand der Schließerin gegen das Licht gehalten wird, und die hellen Strahlen des Sonnenscheines es durchdringen. Ihre zarten, dünnen Ohrmuskeln erzitterten, als glühten sie, von der sie durchflutenden Wärme. Dazu der Ausdruck des Schreckens, der auf ihren offnen erstarrten Lippen lag, die Tränen, die im Auge schimmerten, dies alles war so reizend, daß unser Held sie einige Minuten lang traumverloren anblickte, ohne im geringsten auf den Wirrwarr von Kutschen, Pferden und Kutschern zu achten. „Zurück! Du Nowgorodsche Krähe!“ rief der fremde Kutscher Seliphan zu. Dieser zog die Zügel an, sein fremder Kollege tat dasselbe, die Pferde stemmten sich rückwärts, um sogleich wieder zusammenzuprallen und sich aufs neue im Riemenwerk zu verwickeln. Bei dieser Gelegenheit machte die neue Bekanntschaft einen so tiefen Eindruck auf unsern Schecken, daß er durchaus nicht wieder aus der Rinne heraus wollte, in die er durch ein unverhofftes Schicksal geraten war. Er legte seine Schnauze auf den Hals des neuen Kameraden und schien ihm etwas ins Ohr zu flüstern: wahrscheinlich irgend ein schreckliches Blech. Denn dieser schüttelte beständig die Ohren. Während der großen Unordnung waren indessen Bauern aus einem Dorf, das zum Glück nicht sehr weit entfernt war, hilfsbereit herbeigeeilt. Da ein solches Schauspiel für einen Bauern eine wahre Himmelsgabe ist, wie für den Deutschen seine Zeitungen oder sein Klub, so hatte sich bald eine vielköpfige Schar um die Wagen gesammelt, und nur die alten Weiber und Wickelkinder waren zu Hause geblieben. Man schnürte die Riemen los, der Schecke bekam ein paar kräftige Püffe vor die Schnauze, die ihn zum Rückzug veranlaßten: mit einem Wort, die Pferde wurden getrennt und beiseite geführt. Aber war es der Ärger der neuangekommenen Pferde, daß man sie von ihren neuen Freunden getrennt hatte, war es Eigensinn, — der Kutscher mochte auf sie loshauen soviel er wollte, sie blieben wie angewurzelt stehen. Die Teilnahme und das Interesse der Bauern wuchs bis zu ungeheuren Dimensionen an. Alle drängten sich um die Wette mit weisen Ratschlägen vor. „Geh, Andrjuschka, führ mal das rechte Beipferd vor. Onkel Mitjaj soll sich auf das mittlere setzen. Schwing dich auf, Onkel Mitjaj!“ Der lange und hagere Onkel Mitjaj, ein Mann mit einem roten Bart, bestieg das Mittelpferd. So glich er dem Glockenturm einer Dorfkirche oder richtiger einem Brunnenhaken, mit dem man das Wasser aus dem Brunnen heraufzieht. Der Kutscher hieb auf die Pferde ein, aber es wollte nicht fruchten, auch Onkel Mitjaj konnte nicht viel ausrichten. „Halt! Halt!“ riefen die Bauern, „setz dich lieber aufs Beipferd, Onkel Mitjaj; Onkel Minjaj soll aufs Mittelpferd steigen!“ Onkel Minjaj, ein breitschultriger Bauer mit einem kohlschwarzen Bart und einem Bauch wie jener Riesensamowar, in dem das süße Zwetschengetränk für die frierenden Scharen gekocht wird, die einen ganzen Markt bevölkern, schwang sich vergnügt aufs Mittelpferd, welches sich unter seiner Last fast bis zur Erde beugte. „Jetzt wird’s schon gehen,“ riefen die Bauern: „Hau zu! Hau doch zu. Versetz ihm eins mit der Knute: hörst du, jenem Hellen, da! — was sträubt und spreizt sich’s wie ’ne Wassermücke.“ Aber da sie sahen, daß die Sache doch nicht von der Stelle kam, und alle Prügel nichts nützten, setzten sich beide, Onkel Mitjaj und Onkel Minjaj zusammen auf das Mittelpferd und ließen Andrjuschka auf das Beipferd steigen. Endlich verlor der Kutscher die Geduld und jagte alle beide: Onkel Mitjaj samt Onkel Minjaj zum Teufel. Und er tat gut daran, denn die Pferde dampften so, als ob sie eine ganze Poststation zurückgelegt hätten, ohne auch nur einen Augenblick Halt gemacht zu haben. Er ließ sie sich erst verschnaufen, worauf sie den Wagen ganz von selbst fortzogen. Während sich dieser Vorgang abspielte, war Tschitschikow ganz in die Betrachtung der fremden jungen Dame versunken. Er versuchte es mehrmals, sie anzureden, aber es wollte ihm immer nicht recht gelingen. Unterdessen waren die Damen davongefahren, das reizende Köpfchen mit den feinen Gesichtszügen und der schlanken Gestalt war verschwunden, wie eine Vision; und wieder befand sich Tschitschikow auf der Landstraße, in seiner Kutsche mit den drei Pferden, die der Leser schon kennt, und in Gesellschaft von Seliphan, den öden, leeren Flächen der rings sich dehnenden Felder gegenüber. Überall im Leben, in seinen harten, rauhen und ärmlichen, in den unsaubern, schimmelbedeckten niederen Schichten — wie in der sauberen Korrektheit und Monotonie der höheren Stände — überall begegnet uns, wenn auch nur ein einziges Mal im Leben eine Erscheinung, die nichts gemein hat mit alledem, was wir bisher gesehen, die wenigstens einmal ein neues Gefühl in uns entzündet, das keine Ähnlichkeit mit jenen hat, die uns durch unser ganzes Leben begleiten. Bei jedem von uns bricht einmal ein heller Strahl der Freude durch das Dunkel jener Leiden und trüben Erfahrungen, aus denen unser Leben gewebt ist, so wie bisweilen eine glänzende Equipage mit goldgezäumten malerischen Rossen und blitzenden Fensterscheiben ganz plötzlich und unerwartet an einem öden elenden Dorf vorbeijagt, welches nie ein andres Gefährt, als den bekannten Bauernwagen gesehen hat: und lange noch stehen die Bauern staunend mit offenem Munde da, und wagen es nicht, ihre Mützen wieder aufzusetzen, obwohl die herrliche Equipage schon längst verschwunden und über alle Berge ist. So ist auch die junge Blondine ganz plötzlich und unerwartet in unserer Erzählung aufgetaucht, um auf dieselbe Weise wieder zu verschwinden. Wäre ihr statt Tschitschikow irgend ein zwanzigjähriger Jüngling begegnet — ein Husar, oder ein Student oder auch nur ein gewöhnlicher Sterblicher, der eben im Begriff ist, seinen Lebensweg anzutreten. — Du lieber Gott, was wäre nicht alles in ihm zum Leben erwacht, was hätte nicht alles nach Ausdruck gedrängt! Er hätte wohl noch lange wie betäubt auf demselben Flecke gestanden, während seine Augen stumm die Ferne suchten, hätte den Weg und das Reiseziel und alle Vorwürfe und Verweise, wegen seiner Saumseligkeit, ja er hätte sich selbst vergessen, seinen Dienst, die Welt und überhaupt alles, was auf der Welt existiert!
Aber unser Held war schon ein Mann in mittleren Jahren und hatte einen kühlen, ruhigen, umsichtigen Charakter. Auch er versank in Sinnen und dachte über vieles nach, aber sein Denken war weit positiverer Natur: seine Gedanken waren bei weitem nicht so unklar und unbestimmt, sondern weit genauer und gründlicher. „Ein herrliches Weibchen!“ sagte er, indem er seine Tabakdose öffnete und eine Prise nahm. „Was aber das Beste an ihr ist .... das Beste an ihr ist, daß sie soeben aus einem Institut oder Pensionat entlassen zu sein scheint und daß sie noch nichts spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zügen, die das ganze Geschlecht verunzieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr ist schlicht und einfach; sie spricht, wie ihr’s ums Herz ist und lacht, wenn ihr darnach zumute ist. Es läßt sich noch alles aus ihr machen, sie kann ein herrliches Geschöpf, aber ebensogut auch ein verkrüppeltes Wesen werden — und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahr mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, daß ihr eigener Vater sie nicht wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und knicksen, sich den Kopf darüber zerbrechen, was sie, mit wem sie und wie viel sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken muß usw. usw.; wird fortwährend in der größten Angst schweben, ob sie nun kein überflüssiges Wort gesagt hat, schließlich garnicht mehr wissen, was sie zu tun hat, und wie eine große Lüge durch das Leben wandeln. Pfui Teufel!“ Hier verstummte er einen Augenblick und fuhr dann fort: „Übrigens wüßte ich gern, wer sie eigentlich ist. Wer mag ihr Vater sein? Irgend ein ehrenwerter Gutsbesitzer oder nur ein rechtschaffen denkender Mensch, der sich im Dienst ein kleines Kapital erspart hat? Wenn die Kleine so ein paar Hunderttausende mitbekäme — das wäre weiß Gott kein übler — gar kein übler Bissen. Ein ordentlicher Mensch könnte mit ihr sein Glück machen.“ Die Zweimalhunderttausend erschienen ihm in so reizendem Lichte, daß er sich innerlich Vorwürfe zu machen begann, weswegen er sich während des Trubels mit den Equipagen nicht beim Vorreiter nach dem Namen der Reisenden erkundigt habe. Doch das jetzt sichtbar werdende Dorf Sabakewitschs zerstreute seine Gedanken und lenkte sie auf ihren eigentlichen Gegenstand zurück.
Das Dorf kam ihm recht groß vor; eine Birken- und eine Fichtenwaldung rahmten es von beiden Seiten ein, wie zwei Flügel, von denen der eine etwas dunkler erschien als der andre; in der Mitte stand ein hölzernes Haus mit einem Anbau, einem roten Dach und dunkelgrauen — oder richtiger rohen Wänden — eins von jenen Häusern, wie sie bei uns für Soldaten und Kolonisten gebaut werden. Man merkte deutlich, daß der Baumeister bei der Ausführung seines Planes beständig mit dem Geschmack des Besitzers zu kämpfen hatte. Der Baumeister war ein Pedant und liebte die Symmetrie, der Hausherr aber wollte es vor allem recht bequem haben und hatte aus diesem Grunde offenbar auf einer Seite alle korrespondierenden Fenster zumauern und statt ihrer nur eine kleine runde Öffnung stehen lassen, die zu einer dunklen Kammer gehörte. Auch der eine Erker war nicht in der Mitte des Hauses angebracht, so sehr sich der Architekt bemüht hatte, dies durchzusetzen; der Hausherr wollte durchaus die eine Säule beseitigt wissen, und so war es gekommen, daß statt der vier Säulen nur drei dastanden. Der Hof war von einem kräftigen und ungewöhnlich dicken Staketenzaun umgeben. Überhaupt schien der Gutsherr vor allem auf Dauerhaftigkeit und Solidität bedacht zu sein. Zum Bau der Ställe, der Scheunen und der Küche waren schwere dicke Balken verwandt worden, die auf die Ewigkeit berechnet zu sein schienen. Auch die Bauernhütten waren wunderbar fest und solide gebaut. Keine mit Schnitzwerk verzierten Wände noch sonstiger Firlefanz — es war alles dicht und wie es sich gehört aneinandergepaßt und verkittet. Selbst der Brunnen war mit so kräftigem Eichenholz eingefaßt, wie es sonst nur bei Windmühlen und Schiffsbauten verwendet wird. Mit einem Wort — alles was Tschitschikow sah, war solide, und stand fest auf der Erde, in Reih und Glied; wie es schien, nach einer plumpen unerschütterlichen Ordnung. Als der Wagen vor der Freitreppe hielt, sah Tschitschikow zwei Gesichter, die fast gleichzeitig zum Fenster hinausschauten: ein weibliches, das so lang und schmal war, wie eine Gurke und eine Haube auf dem Kopfe trug, und ein rundes männliches, so breit wie einer jener moldauischen Kürbisse, die man in Rußland „Flaschen“ nennt und aus denen man bei uns die Balalaiken, jene leichten mit zwei Saiten bespannten Musikinstrumente macht — den Stolz und die Freude aller kecken und lustigen Bauernburschen, dieser schmucken Jungen, welche den sie umstehenden Mädchen mit weißem Hals und Busen, die gekommen sind, ihrem sanften Saitengeklimper zu lauschen, kokett zublinzeln und zujuchzen. Beide Gesichter verschwanden sogleich wieder, nachdem sie einen Blick durchs Fenster geworfen hatten. Ein Lakai in einer grauen Jacke mit einem blauen Stehkragen trat auf die Freitreppe hinaus und geleitete Tschitschikow in den Flur, wo der Hausherr schon seiner wartete. Als er den Gast erblickte, sagte er kurz: „Ich bitte,“ worauf er ihn in die inneren Gemächer führte.
Als Tschitschikow hierbei einen kurzen Seitenblick auf Sabakewitsch warf, kam er ihm diesmal wie ein Bär von mittlerer Größe vor. Und wie um die Ähnlichkeit zu vollenden, hatte auch der Frack, den er trug, die Farbe des Bärenfells: Ärmel und Hosen waren sehr lang, seine Füße steckten in mächtigen Filzpantoffeln, dazu hatte er einen so tolpatschigen Gang, daß er andern Leuten beständig auf die Füße trat. Seine Gesichtsfarbe war glühend rot, wie die eines Kupfergroschens. Es gibt ja bekanntlich viele solche Gesichter auf der Welt, über deren detaillierterer Ausarbeitung sich die Natur nicht viel Kopfzerbrechens gemacht, bei der sie keine feineren Instrumente wie Feile, Bohrer usw. gebraucht, sondern die sie einfach mit ein paar kräftigen Axthieben herausgehauen hat. Ein Hieb — und siehe da es entstand die Nase — ein zweiter — und die Lippen saßen am rechten Fleck; dann machte sie noch ein Paar Löcher an Stelle der Augen mit dem großen Bohrer und der ganze Kerl war fertig. Und ohne ihn erst noch zu behobeln und zu glätten, sandte sie ihn mit den Worten: „er lebt“ in die Welt. Solch eine festgefügte aufs Geratewohl zurechtgezimmerte Gestalt war auch Sabakewitsch: seine Haltung war eher ein wenig gebeugt als aufrecht, nur selten drehte er seinen Kopf um, und sah infolge dieser Unbeweglichkeit seinen Mitunterredner nur selten an, sondern blickte stets auf die Ofenecke oder auf die Tür. Tschitschikow warf noch einmal einen Seitenblick auf ihn, als er mit ihm ins Speisezimmer trat, und wieder fuhr ihm der Gedanke durch den Sinn: „ein Bär, wahrhaftig ein vollkommener Bär.“ Welch seltsames Spiel des Schicksals: zu alledem mußte er noch Michael[3] Semjonowitsch heißen. Da Tschitschikow Sabakewitschs Gewohnheit, andern Leuten auf die Füße zu treten, kannte, trat er selbst sehr vorsichtig auf, indem er ihn vorausgehen ließ. Der Hausherr schien sich übrigens dieser schlechten Angewohnheit selbst bewußt zu sein, denn er fragte immerfort: „Habe ich Sie vielleicht beunruhigt?“ Aber Tschitschikow dankte und versicherte höflich, er habe bisher noch nichts von einer Beunruhigung gemerkt.
Als sie in den Salon traten, zeigte Sabakewitsch auf einen Lehnstuhl und sagte wieder: „Bitte.“ Tschitschikow nahm Platz, warf aber zuvor noch einen kurzen Blick auf die Wände und die Bilder, welche sie zierten. Es waren alles lebensgroße Stahlstiche, welche lauter tüchtige Kerle, d. h. griechische Feldherrn, wie Miauli, Kanari und Maurokordato darstellten, letzteren in Uniform mit roten Beinkleidern und einer Brille auf der Nase. All’ diese Helden hatten so starke Lenden und so gewaltige Schnauzbärte, daß einen schon eine Gänsehaut überlief, wenn man sie bloß ansah. Unter diesen griechischen Athleten war wie durch einen wunderbaren Zufall auch Fürst Bagration geraten, ein magerer, dünner Mann mit einer kleinen Fahne und ein paar Kanonen zu seinen Füßen, der noch dazu in einem ganz schmalen Rahmen steckte. Dann folgte wieder eine griechische Heldin: die Bobelina, deren Beine allein größer waren, als die ganze Figur eines jener Stutzer, die heute unsere Salons bevölkern. Der Hausherr, der selbst ein ausnehmend gesunder und kräftiger Mann war, wollte offenbar auch, daß lauter gesunde und kräftige Leute die Wände seiner Zimmer zieren sollten. Neben der Bobelina, dicht am Fenster hing noch ein Vogelkäfig, aus dem eine schwarze Amsel mit kleinen weißen Pünktchen hervorguckte, die gleichfalls große Ähnlichkeit mit Sabakewitsch hatte. Der Wirt und der Gast hatten noch keine zwei Minuten stumm nebeneinander gesessen, als die Türe sich auftat, und die Frau des Hauses, eine große Dame in einer Haube mit Bändern, die zu Hause gefärbt zu sein schienen, ins Zimmer trat. Sie hatte einen wundervollen Gang und hielt ihren Kopf gerade wie eine Palme.
„Das ist meine Feodulia Iwanowna,“ sagte Sabakewitsch.
Tschitschikow küßte Feodulia Iwanowna die Hand, die sie ihm fast in den Mund stopfte; bei dieser Gelegenheit machte er die Beobachtung, daß ihre Hände mit Gurkenwasser gewaschen waren.
„Herzchen, darf ich dir Pawel Iwanowitsch Tschitschikow vorstellen!“ fuhr Sabakewitsch fort. „Wir haben uns beim Gouverneur und beim Postmeister kennen gelernt.“
Feodulia Iwanowna bat Tschitschikow Platz zu nehmen, indem sie gleichfalls „Bitte“ sagte, und eine Kopfbewegung dazu machte, wie jene Schauspielerinnen, die eine Königin darzustellen haben. Dann setzte sie sich auf das Sofa, hüllte sich in ihr wollenes Tuch ein und zuckte von nun ab weder mit den Augen noch mit den Brauen.
Tschitschikow warf wieder einen Blick nach oben und wieder fiel ihm Kanari mit seinen starken Lenden und dem nicht endenwollenden Schnauzbart, die Bobelina und der Vogelbauer mit der Amsel in die Augen.
Fast fünf Minuten beobachteten alle ein feierliches Schweigen, das nur durch das Lärmen der Amsel unterbrochen wurde, die fortwährend mit dem Schnabel gegen den Holzboden des Vogelkäfigs pochte, wenn sie ein paar Brotkrumen aufpickte. Tschitschikow sah sich noch einmal im Zimmer um: auch hier war alles klobig, fest und ganz ungewöhnlich derb, und hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Herrn des Hauses. In der Ecke des Salons stand ein bauchiges Schreibpult auf vier äußerst plumpen Füßen — ein richtiger Bär. Der Tisch, die Stühle, die Lehnsessel — alles trug einen schwerfälligen und geradezu gefährlichen Charakter, jeder Gegenstand, jeder Stuhl schien sagen zu wollen: „Ich bin auch ein Sabakewitsch“ oder „Auch ich bin Sabakewitsch ähnlich.“
„Wir haben beim Gerichtspräsidenten Iwan Grigorjewitsch von Ihnen gesprochen,“ sagte endlich Tschitschikow, als er sah, daß keiner von den Anwesenden Anstalten machte, das Gespräch zu beginnen: „Es war am vorigen Donnerstag. Ich habe dort einen sehr schönen Abend verbracht.“
„Ja! ich war damals nicht beim Gerichtspräsidenten,“ sagte Sabakewitsch.
„Ein prächtiger Mensch! Nicht wahr?“
„Wen meinen Sie?“ sagte Sabakewitsch, indem er die Ofenecke anblickte.
„Den Gerichtspräsidenten!“
„Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen: er ist zwar Freimaurer, aber ein solcher Esel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.“
Tschitschikow wurde ein wenig stutzig durch diese denn doch etwas zu starke Charakteristik, aber er fand seine Fassung bald wieder und fuhr gleich darauf fort: „Natürlich, ein jeder Mensch hat seine Schwächen; aber nicht wahr? der Gouverneur, das ist doch ein ganz ausgezeichneter Mensch?“
„Wie? der Gouverneur — ein ausgezeichneter Mensch?“
„Ja! hab ich nicht Recht?“
„Ein Bandit, wie’s keinen zweiten gibt.“
„Wie? — Der Gouverneur ein Bandit?!“ sagte Tschitschikow, der durchaus nicht begreifen konnte, wie der Gouverneur unter die Banditen geraten war. „Ich muß gestehen, das hätte ich wirklich nicht gedacht,“ fuhr er fort. „Doch erlauben Sie mir die Bemerkung: seine Handlungen sind gar nicht derart; man könnte eher sagen, daß er einen sehr weichen Charakter hat.“ Und wie zum Beweise führte er die Geldtaschen an, die jener gestickt hatte und sprach mit hoher Anerkennung über den freundlichen Ausdruck seines Gesichtes.
„Aber das ist doch ein Banditengesicht!“ sagte Sabakewitsch. „Geben Sie ihm ein Messer in die Hand und schicken Sie ihn auf die Landstraße hinaus, — der schlachtet Sie kaltblütig ab — um einen Groschen! Er und der Vizegouverneur, — das sind die reinsten — Gogs und Magogs.“
„Hm, die haben wohl was miteinander gehabt,“ dachte Tschitschikow. „Ich will mal mit ihm über den Polizeimeister reden, der ist, glaub’ ich, sein Freund.“ — „Übrigens, was mich betrifft,“ fuhr er fort, „so muß ich gestehen, daß mir der Polizeimeister bei weitem am besten gefällt. Was ist das doch für ein gerader und offener Charakter; er hat etwas so Schlichtes und Treuherziges an sich.“
„Ein Gauner!“ sagte Sabakewitsch ganz kaltblütig, „der ist fähig, Sie zuerst zu betrügen und zu verraten und gleich darauf mit Ihnen zu Mittag zu essen. Ich kenne sie alle miteinander: lauter Spitzbuben. Und so ist die ganze Stadt; da sitzt ein Spitzbube auf dem andern, alles Judasse und niederträchtige Verräter. Der einzige, der noch was taugt, ist der Staatsanwalt — aber auch der ist im Grunde genommen ein Schweinehund.“
Nach diesen so wohlwollenden, wenn auch etwas kurzen biographischen Charakteristiken, sah Tschitschikow ein, daß eine Erwähnung der übrigen Beamten sich kaum noch verlohne, und er erinnerte sich, daß Sabakewitsch den Leuten nicht gern etwas Gutes nachsagte.
„Wie denkst du, Herzchen, gehen wir zu Tische?“ sagte Frau Sabakewitsch zu ihrem Gatten.
„Bitte,“ sagte Sabakewitsch und schritt auf den Anrichtetisch zu; Wirt und Gast tranken zuerst nach altem gutem Brauch einen Schnaps und ließen sich’s gut schmecken, wie das im ganzen weiten Rußland in Städten und Dörfern üblich ist, wo man stets, eh man sich zum Mittagessen hinsetzt, zuvor einen kleinen Imbiß aus allerhand gesalzenen und appetiterregenden Speisen und allen möglichen guten Sachen zu sich nimmt, worauf sie sich alle ins Speisezimmer begaben. Allen voran schritt die Hausfrau, wie ein schlanker Schwan. Den kleinen Tisch schmückten vier Gedecke. Der vierte Platz wurde bald von einer Person besetzt, von der es schwer zu sagen war, was sie eigentlich vorstellte: eine Dame oder ein Fräulein, eine Verwandte, eine Haushälterin oder nur irgend eine Gesellschafterin, die mit im Hause wohnte — ein Wesen von etwa dreißig Jahren, ohne Haube und mit einem Tuch um die Schultern. Es gibt solche Geschöpfe in dieser Welt, die nicht die selbständige Existenz eines Objekts besitzen, sondern gewissermaßen nur die Flecken oder Pünktchen auf einem Gegenstande darstellen. Sie sitzen immer auf derselben Stelle und haben alle dieselbe Haltung des Kopfes; man ist geneigt, sie für ein Möbelstück zu halten, und kann sich nicht denken, daß sie je in ihrem Leben den Mund geöffnet haben, um ein Wort zu sagen; dagegen braucht man sie nur im Mädchenzimmer oder in der Vorratskammer zu beobachten, um sich zu überzeugen, daß sie es faustdick hinter den Ohren sitzen haben.
„Die Kohlsuppe ist heute ausgezeichnet, mein Schatz,“ sagte Sabakewitsch, während er die Suppe kostete und sich dazu ein mächtiges Stück Saugbeutel vorlegte, von jenem berühmten Gericht, das gewöhnlich zur Kohlsuppe gegessen wird und aus einem mit Buchweizen, Hirn und Knöcheln gefüllten Hammelmagen besteht. „So eine Pastete,“ fuhr er zu Tschitschikow gewendet fort, „finden Sie in der ganzen Stadt nicht; dort setzt man Ihnen, weiß der Teufel was vor!“
„Beim Gouverneur ißt man übrigens gar nicht schlecht,“ meinte Tschitschikow.
„Ja wissen Sie denn, wie diese Speisen zubereitet werden? Sie würden den Appetit verlieren, wenn Sie das wüßten!“
„Wie die Speisen zubereitet werden, darüber kann ich freilich nicht urteilen; aber die Schweinekoteletts und der Fisch waren vorzüglich.“
„Das ist Ihnen wohl nur so vorgekommen. Ich weiß genau, daß sie auf dem Markte einkaufen. Der Schurke von Koch, der bei einem Franzosen in der Lehre war, kauft einfach einen alten Kater, zieht ihm das Fell ab, und serviert ihn dann als Hasen.“
„Pfui! Was für häßliche Sachen du da erzählst!“ sagte Sabakewitschs Gattin.
„Was kann ich dafür, Schätzchen! So macht man’s nun einmal dort; ich bin doch nicht schuld, daß das bei all den Leuten so Sitte ist. Alle Abfälle, alles was unsere Akula mit Verlaub zu sagen in den Mülleimer wirft, das tun die in die Suppe. Immer rein, alles rein.“
„Immer redest du bei Tisch solche Sachen!“ warf wiederum Frau Sabakewitsch ein.
„Was schadet denn das, Schätzchen,“ versetzte Sabakewitsch. „Ja wenn ich’s noch selbst so machte, aber ich sage dir’s ganz offen: solch ein ekelhaftes Zeug würde ich nie essen. Nie würde ich einen Frosch in den Mund nehmen, und wenn er in Zucker kandiert wäre, ebensowenig wie eine Auster; ich weiß ganz gut wie so’ne Auster aussieht. Bitte nehmen Sie doch noch ein Stück Hammelbraten,“ fuhr er fort, indem er sich an Tschitschikow wandte. „Das ist Hammellende mit Brei, und kein Frikassé, wie es die vornehmen Herren lieben, wozu man Hammelfleisch nimmt, das schon vier Tage lang auf dem Markte herumliegt. Das sind alles Finessen, wie sie die Herrn Doktoren, die Deutschen und Franzosen erfunden haben; ich würde sie dafür am liebsten alle hängen lassen. Die Diät — das ist auch so eine von ihren Erfindungen. Schöne Methode das — einen mit Hunger zu kurieren. Weil sie selbst eine so dünnblütige Natur haben, bilden sie sich ein, sie könnten auch mit dem russischen Magen fertig werden. Nein, das ist alles nichts Richtiges — das sind lauter Torheiten, das ist alles ...“ Hierbei schüttelte Sabakewitsch sogar zornig den Kopf. „Da reden sie immer von Aufklärung, und doch ist ihre Aufklärung nichts als ein .... ff ....! Ich hätte fast was gesagt, aber sowas schickt sich ja nicht bei Tische. Bei mir ist das ganz anders. Wenn’s bei mir Schweinebraten oder Gansbraten gibt, dann kommt gleich ein ganzes Schwein oder eine ganze Gans auf den Tisch. Lieber will ich nur zwei Gerichte haben, aber mich dafür auch ordentlich satt essen, bis die liebe Seele Ruhe hat.“ Und Sabakewitsch unterstützte seine Worte eindrucksvoll durch die Tat: er legte sich den halben Hammelrücken auf den Teller, schlang ihn hinunter und nagte noch die Knochen ab, bis nichts mehr übrig blieb.
„Ja, ja,“ dachte Tschitschikow, „der weiß auch, was gut tut.“
„Bei mir ist das anders,“ sagte Sabakewitsch, indem er sich die Hände mit der Serviette abwischte: „ich bin nicht so, wie irgend ein Pljuschkin; der hat 800 Seelen und lebt und ißt dabei schlechter als unser Kuhhirt.“
„Wer ist dieser Pljuschkin?“ fragte Tschitschikow.
„Ein Hallunke,“ versetzte Sabakewitsch. „So ein Geizhals, das kann man sich gar nicht einmal vorstellen. Die Zuchthäusler leben noch besser als der: er läßt ja all seine Leute verhungern.“
„Wahrhaftig?“ unterbrach ihn hier Tschitschikow mit teilnehmender Miene. „Ist das wirklich so, wie Sie sagen, daß bei dem so viele Bauern sterben.“
„Wie die Fliegen.“
„Nein, wirklich? Wie die Fliegen? Und darf ich fragen, wohnt er weit von hier?“
„Es werden etwa fünf Werst sein.“
„Fünf Werst!“ rief Tschitschikow aus, und dabei fing sogar sein Herz ein wenig an zu klopfen. „Wenn man das Tor verläßt, liegt dann sein Gut rechts oder links?“
„Es ist besser, Sie wissen gar nicht, wie Sie zu diesem Hunde hinkommen! Ich rate Ihnen, kümmern Sie sich lieber gar nicht darum,“ sagte Sabakewitsch, „es ist noch verzeihlicher, wenn jemand in ein unanständiges Lokal geht als zu dem.“
„Nein, ich frage ja auch nicht, weil ich irgend welche Absichten ... ich erkundigte mich bloß, weil ich ein großes Interesse für Land und Leute habe,“ entgegnete Tschitschikow.
Nach dem Hammelrücken gab es Käsekuchen, von denen jeder allein größer war als ein Teller, und dann noch einen Truthahn von der Größe eines Kalbes, der mit allerhand guten Sachen gefüllt war: mit Reis, Eiern, Leber und weiß Gott mit was sonst noch, was einem nachträglich wie ein Stein im Magen liegt. Damit war das Mittagessen zu Ende; aber als man sich erhob, fühlte sich Tschitschikow um einen ganzen Zentner schwerer. Man begab sich in den Salon, wo bereits ein kleiner Teller mit Kompott und Marmelade auf dem Tische stand; — es ließ sich nicht recht definieren, was es eigentlich für ein Kompott darstellte — es waren weder Birnen, noch Pflaumen, noch Himbeeren — übrigens rührte weder der Wirt noch der Gast die Marmelade an. Die Hausfrau ging hinaus, um noch ein paar Fruchttellerchen hereinzubringen. Diesen Augenblick benutzte Tschitschikow, um sich an Sabakewitsch zu wenden, der ausgestreckt in einem Lehnstuhl lag und nur noch stöhnte; so satt war er; hin und wieder öffnete er den Mund, um ein paar unartikulierte Laute von sich zu geben, wobei er das Kreuz schlug und sich die Hand vor den Mund hielt. Tschitschikow also wandte sich zu ihm und sagte: „Ich möchte gern über eine Sache mit Ihnen sprechen!“
„Nehmen Sie nicht noch etwas Eingemachtes!“ sagte die Hausfrau, die mit einem Fruchtteller zurückkehrte. „Es sind Rettichschnitten, in Honig gekocht!“
„Nachher!“ sagte Sabakewitsch, „geh jetzt mal auf dein Zimmer, Pawel Iwanowitsch und ich möchten uns die Röcke ausziehen und ein wenig ruhen!“
Die Hausfrau wollte sogleich Unterbetten und Kopfkissen holen lassen, aber Sabakewitsch erklärte: „Laß nur, wir ruhen uns schon im Lehnstuhle aus,“ und seine Gattin entfernte sich.
Sabakewitsch streckte den Kopf ein wenig vor, um zu hören, um was für eine Sache es sich handle.
Tschitschikow holte sehr weit aus, sprach zuerst ganz allgemein von dem russischen Staate, dessen Geräumigkeit und Größe er nicht genug loben konnte, meinte, selbst die alte römische Monarchie sei nicht so groß gewesen, die Ausländer hätten ganz recht, wenn sie sich wunderten ... (Sabakewitsch lauschte noch immer mit vorgestrecktem Kopfe) und nach den bestehenden Gesetzen zählten in diesem Reiche, dessen Ruhm ihm kein anderes Land streitig machen könne, die in die Revisionslisten aufgenommenen Seelen, selbst wenn sie ihren irdischen Lebenslauf abgeschlossen hätten, bis zur Aufstellung neuer Revisionslisten, genau so viel, wie die Lebenden, weil doch die zuständigen Behörden nicht noch mit neuen zeitraubenden Pflichten und Aufgaben belastet werden könnten, welche mit solchen überaus zahlreichen und detaillierten Erhebungen für sie verbunden wären; auch würde durch eine solche Maßregel die Kompliziertheit des ja ohnedies so verwickelten Staatsmechanismus noch gesteigert werden, (Sabakewitsch streckte den Kopf noch immer vor und hörte zu) indessen müsse man doch gestehen, daß diese Maßregel trotz ihrer unbestreitbaren Legalität doch für manchen Gutsbesitzer recht lästig sei, da sie ihn dazu verpflichte, nach wie vor seine Steuern für die Bauern zu bezahlen, ganz ohne Rücksicht darauf, ob sie noch leben oder nicht, doch sei er, Tschitschikow, bereit, aus einer besonderen persönlichen Hochachtung für ihn, einen Teil dieser so überaus drückenden Verpflichtung auf sich zu nehmen. Über den Hauptpunkt äußerte sich Tschitschikow nur mit großer Zurückhaltung und sprach nie von verstorbenen, sondern nur von „nichtexistierenden“ Seelen.
Sabakewitsch saß noch immer mit etwas vorgebeugtem Kopfe da und schien ihm aufmerksam zuzuhören, aber sein Gesichtsausdruck ließ nicht das leiseste Zeichen einer verborgenen Seelenregung erkennen. Man hätte beinahe glauben können, daß man einen leblosen und unbeseelten Körper vor sich habe, jedenfalls aber saß die Seele bei ihm nicht dort, wo sie eigentlich sitzen soll, sondern weilte wie beim unsterblichen Koschtschej[4] irgendwo in der Ferne hinter Bergen und Tälern und war mit einer so dicken Schale umgeben, daß alles, was sich auf ihrem Grunde regte, nicht die geringste Erschütterung an der Oberfläche hervorrief.
„Nun also?“ sagte Tschitschikow und wartete nicht ohne innere Aufregung auf die Antwort.
„Sie brauchen tote Seelen?“ sagte Sabakewitsch ganz ruhig, ohne jeden Ausdruck des Erstaunens, wie wenn hier von Roggen oder Weizen die Rede wäre.
„Ja,“ antwortete Tschitschikow, indem er versuchte, dem Wort etwas von seiner Härte zu nehmen und hinzufügte: „solche, die nicht mehr existieren.“
„Es werden sich schon welche finden, gewiß! Warum nicht?“ sagte Sabakewitsch.
„Ja, nicht wahr? Und wenn Sie welche haben sollten, werden Sie ohne Zweifel froh sein, sie los zu werden?“
„Bitte sehr! Ich bin gern bereit, die Ihnen zu verkaufen,“ versetzte Sabakewitsch, indem er den Kopf wieder emporrichtete. Offenbar witterte er schon, daß der Käufer irgend einen Vorteil dabei haben mußte.
„Teufel!“ dachte Tschitschikow, „der Kerl verkauft sie mir, noch ehe ich überhaupt ein Wort fallen ließ!“ Und er fügte laut hinzu: „Und darf man fragen: was Sie wohl dafür nehmen würden? Obwohl ... das eigentlich ein Gegenstand ist ... bei dem man nicht gut von einem Preise reden kann ...“
„Also! um nicht viel zu verlangen: Hundert Rubel pro Stück,“ sagte Sabakewitsch.
„Hundert Rubel!“ rief Tschitschikow aus, indem er den Mund weit aufriß und Sabakewitsch erschrocken ins Gesicht starrte; er war sich nicht ganz klar, ob er sich verhört, oder ob vielleicht Sabakewitschs Zunge infolge ihrer Schwerfälligkeit eine ungeschickte Wendung gemacht habe, und mit einem falschen Wort herausgeplatzt sei.
„Ja finden Sie denn das zu teuer?“ sagte Sabakewitsch und fügte sogleich hinzu: „Und was ist Ihr Preis?“
„Mein Preis? Wir befinden uns wohl in einem kleinen Irrtum oder verstehen uns gegenseitig nicht und haben vergessen, worum es sich hier eigentlich handelt. Hand aufs Herz. Ich denke achtzig Kopeken — das ist das äußerste.“
„Herrgott! Ist das ein Einfall! Achtzig Kopeken?“
„Nun, was denn? Meiner Ansicht nach kann man nicht mehr wie achtzig Kopeken dafür bieten.“
„Ich handle doch nicht mit alten Schuhen!“
„Sie müssen aber doch auch zugeben, daß es keine Menschen sind.“
„Ja, glauben Sie wirklich, Sie finden jemand, der Ihnen eine eingetragene Seele für zwei Groschen verkauft!“
„Nein, erlauben Sie, warum sagen Sie ‚eingetragene‘? Die Seelen sind doch schon lange tot. Was von ihnen übrig geblieben ist, ist ja doch nur ein den Sinnen unfaßbarer Schall. Übrigens, um nicht noch viel Worte drüber zu verlieren, anderthalb Rubel will ich Ihnen allenfalls geben, aber auch keinen Heller mehr.“
„Schämen Sie sich doch, von einer solchen Summe überhaupt zu reden! Seien Sie ehrlich, nennen Sie den richtigen Preis!“
„Ich kann nicht, Michael Semjonowitsch; bei meiner Ehre, ich kann nicht! Was nicht geht, das geht nicht.“ sagte Tschitschikow, bot aber aus Politik sogleich noch etwas mehr.
„Warum wollen Sie so knausern,“ sprach Sabakewitsch, „es ist wahrhaftig nicht zu teuer. Geraten Sie mal an einen andern, der wird Sie tüchtig übers Ohr hauen und Ihnen irgend einen Schund anstelle der Seelen aufhalsen. Bei mir dagegen kriegen Sie lauter auserlesene, vollkernige Exemplare, alles Handwerker und kräftige Ackerleute. Passen Sie mal auf, nehmen Sie zum Beispiel den Michejew, den Wagenbauer, der hat überhaupt nur Federwagen gebaut, und das war keine Moskauer Arbeit, die grad für eine Stunde reicht. Nein, was der machte, hatte Hand und Fuß; und dazu polsterte und lackierte er den Wagen noch selbst.“
Tschitschikow erlaubte sich den Einwand, daß Michejew denn doch schon lange nicht mehr auf der Welt sei, aber Sabakewitsch war so sehr in den Redestrom geraten, daß er sogar beredt wurde und in immer reißendere Wortgefälle gelangte.
„Und Stepan Probka, der Zimmermann? Ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß Sie keinen besseren Arbeiter finden werden. Wenn der in der Garde gedient hätte, wozu der’s noch gebracht hätte! Der war einen Meter 86 groß!“
Tschitschikow wollte wieder einwenden, daß doch auch Probka nicht mehr auf der Welt sei; aber Sabakewitsch wurde offenbar vom dem Redefluß fortgerissen. Der Wortschwall ergoß sich wie ein rauschender Gießbach, daß es eine Lust war ihm zuzuhören.
„Und dann Milaschkin, der Töpfermeister, der setzte Ihnen einen Ofen hin, wo Sie nur wollten in jedem Hause. Oder Martin Teljatnikow, der Schuster, ein Stich mit der Ahle, und er hatte ein paar Stiefel fertig; und was für Stiefel! Dabei nahm er nie einen Tropfen Schnaps in den Mund. Und Jeremej Sorokobljochin! Der ist allein soviel wert als die andern zusammen. Der war in Moskau Händler, brachte allein 500 Rubel Erbzins jährlich ein. Das sind Kerle! Nicht so ein Plunder, wie ihn euch ein Pluschkin verkaufen wird.“
„Aber erlauben Sie,“ sagte Tschitschikow endlich, betroffen von solchem Überschwang der Rede, die wie es schien, gar kein Ende nehmen wollte. „Wozu zählen Sie mir alle ihre Vorzüge auf? Jetzt hat man ja doch nichts mehr davon. Das sind doch lauter tote Leute! Mit Toten kann man höchstens Vögel scheuchen, wie das Sprichwort sagt.“
„Freilich sind sie tot,“ sagte Sabakewitsch, der erst jetzt zu sich zu kommen und sich darüber klar zu werden schien, daß es sich in der Tat um Tote handele, fuhr aber sogleich fort: „Übrigens diese sogenannten Lebenden, was sind das für Leute! Es sind Fliegen und keine Menschen.“
„Dafür sind sie doch wenigstens lebendig! Aber jene sind doch eigentlich nur ein Traum.“
„O nein, durchaus kein Traum; ich sage Ihnen solch einen Kerl wie den Michejew finden Sie nicht so leicht wieder; so ein Gestell, der geht Ihnen nicht in dies Zimmer. Nein, das ist kein Traum. Hat der Kerl eine Kraft in den Schultern gehabt, da kommt ein Pferd nicht gegen auf. Ich möchte doch wissen, ob Sie noch anderswo so einen Traum antreffen werden.“ Bei den letzten Worten wandte er sich schon nicht mehr an Tschitschikow, sondern an die die Wände zierenden Porträts Kolocotronis und Bagrations, wie das oft bei Unterhaltungen zu geschehen pflegt, wenn der eine der Mitunterredner aus einem unbekannten Grunde sich nicht an die Person wendet, an die seine Worte gerichtet sind, sondern an irgend einen zufällig hereingeschneiten Dritten, den er vielleicht garnicht kennt, und obwohl er weiß, daß er von ihm weder eine Antwort, noch eine Äußerung, noch ein Zeichen der Zustimmung zu gewärtigen hat. Und doch heftet er seinen Blick auf ihn, als rufe er ihn zum Schiedsrichter an, worauf der Unbekannte zunächst ein wenig verlegen wird und nicht recht weiß, ob er sich zu der Frage äußern soll, von der er nichts gehört hat, oder lieber zur Wahrung der Anstandsregeln noch ein wenig stehen bleiben und dann erst fortgehen soll.
„Nein, mehr als zwei Rubel kann ich nicht geben,“ sagte Tschitschikow.
„Schön, damit Sie sich nicht beklagen können, daß ich zuviel verlangt habe und Ihnen garnicht ein bißchen entgegengekommen bin, bin ich bereit, sie Ihnen für 75 Rubel das Stück — aber in Papiergeld — zu lassen. Wirklich, ich tue es nur aus Freundschaft.“
„Was fällt dem Kerl ein,“ dachte Tschitschikow; „er hält mich wohl für einen Esel!“ Und er fügte laut hinzu: „Es ist doch wirklich merkwürdig, es sieht fast so aus, als ob wir hier Theater oder Komödie spielen. Anders kann ich es mir nicht erklären! Sie machen doch den Eindruck eines klugen Mannes, der den gesamten Bildungsstoff beherrscht. Was ist denn das Objekt, um das es sich handelt. Das ist doch bloß Ppff, ein reines Nichts! Was für einen Wert hat es, wer braucht es!?!“
„Sie wollen es aber doch kaufen; also brauchen Sie es doch wohl!“ Hier biß sich Tschitschikow auf die Lippen, ohne eine Antwort finden zu können. Er murmelte etwas von Familienverhältnissen, aber Sabakewitsch erklärte bloß:
„Ich will garnichts von Ihren Verhältnissen wissen; ich mische mich nie in Familienangelegenheiten — das ist Ihre persönliche Sache. Sie brauchen Seelen, und ich biete Ihnen welche an. Sie werden es noch bereuen, daß Sie mir keine abgekauft haben.“
„Zwei Rubel,“ sagte Tschitschikow.
„Ach sind Sie ein Mensch! Der Pirol pfeift stets dasselbe Lied, wie das Sprichwort sagt: Hat sich da auf die zwei Rubel versteift und kann nun durchaus nicht wieder davon loskommen. Nennen Sie doch einen vernünftigen Preis.“
„Na, hol ihn der Teufel!“ dachte Tschitschikow, „meinetwegen, ich will ihm noch einen halben Rubel spendieren, dem Hund! damit er sich was zugute kommen lassen kann. Also gut, ich gebe Ihnen zwei Rubel fünfzig!“
„Schön, dann will ich Ihnen auch mein letztes Wort sagen: Fünfzig Rubel! Wahrhaftig. Sie kommen mir selbst teurer; billiger werden Sie sie nirgends kriegen, lauter so tüchtige Leute!“
„Ist das aber ein Geizhals!“ dachte Tschitschikow und fuhr ärgerlich fort: „Nein hören Sie mal! Sie tun wirklich so, als ob es sich hier um eine ernste Sache handelt! Jeder andere würde sie mir umsonst geben. Ich kriege sie überall gratis, weil jeder froh ist, wenn er sie los werden kann. Das müßte doch wirklich ein großer Esel sein, der sie behalten und Steuern für sie zahlen wollte.“
„Aber wissen Sie auch, daß solche Käufe — ich sage das ganz unter uns und in aller Freundschaft, nicht überall erlaubt sind; und wenn ich oder ein anderer davon erzählen wollte, so würde ein solcher Käufer jedes Vertrauen einbüßen; niemand würde einen Kontrakt mit ihm schließen wollen, und er käme in die größte Verlegenheit, wenn er seine Lage verbessern wollte.“
„Schau, schau, wo der hinaus will, der Schuft!“ dachte Tschitschikow, aber er verlor seine Geistesgegenwart nicht und erklärte mit der größten Kaltblütigkeit: „Ganz wie Sie wünschen; wenn ich Ihnen den Plunder abkaufen will, so tue ich das nicht, weil ich es nötig hätte, sondern aus einer gewissen Laune, aus einem Hang meines Charakters. Wenn Ihnen zwei Rubel fünfzig zu wenig sind, dann lassen wir es eben. Leben Sie wohl!“
„Den bringt man nicht aus der Fassung! Der gibt nicht so leicht nach!“ dachte Sabakewitsch. „Also gut, Gott mit Ihnen, geben Sie dreißig Rubel und sie gehören Ihnen.“
„Nein, ich sehe, Sie wollen sie nicht verkaufen; Leben Sie wohl.“
„Erlauben Sie, erlauben Sie,“ sagte Sabakewitsch, ohne seine Hand los zu lassen, und trat ihm dabei auf den Fuß; unser Held hatte nämlich vergessen, sich in acht zu nehmen, und mußte jetzt zur Strafe aufschreien und auf einem Fuße hüpfen.
„Bitte um Entschuldigung. Ich glaube, ich habe Sie etwas beunruhigt. Bitte setzen Sie sich doch, hierher, ich bitte.“ Er geleitete ihn zu einem Lehnstuhl und hieß ihn hier Platz nehmen. Er tat das sogar mit einiger Geschicklichkeit, wie ein Bär, der schon mit Menschen in Berührung gekommen ist, ein paar Tanzdrehungen zu machen gelernt hat und auch einige Kunststücke auszuführen weiß, wenn man zu ihm sagt: „Zeig mal, Petz, wie es die Weiber im Dampfbad machen und wie stehlen kleine Kinder Nüsse?“
„Nein, wirklich ich verliere nur unnütz Zeit. Ich muß fort, ich habe Eile!“
„Bleiben Sie doch noch ein Augenblickchen. Ich will Ihnen gleich etwas sagen, was Ihnen Freude machen wird.“ Und Sabakewitsch rückte näher an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr, wie wenn er ihm ein Geheimnis mitzuteilen hätte. „Wollen Sie eine Stange?“
„Sie wollen sagen 25 Rubel? Nein, nein, nein! noch nicht den vierten Teil. Keine Kopeke mehr.“
Sabakewitsch antwortete nichts und auch Tschitschikow wurde still. Dieses Schweigen währte etwa zwei Minuten. Fürst Bagration verfolgte von seinem Wandplatz diesen Kauf mit der größten Aufmerksamkeit.
„Also was ist Ihr höchstes Angebot?“ sagte Sabakewitsch endlich.
„Zwei Rubel fünfzig!“
„Ihnen scheint eine menschliche Seele auch nicht mehr zu gelten als eine abgebrühte Rübe. Geben Sie doch wenigstens drei Rubel!“
„Ich sehe, mit Ihnen ist nichts anzufangen.“
„Ich verkaufe mit Schaden! Aber was soll ich tun? Ich habe nun mal so ’ne Hundegutmütigkeit. Ich kann halt nicht anders, ich muß meinem Nächsten immer eine kleine Freude bereiten. Wir werden wohl einen Kaufvertrag aufsetzen müssen, damit alles seine Ordnung hat.“
„Natürlich!“
„Sehen Sie, wir werden also in die Stadt fahren müssen!“
Damit war die Sache erledigt. Man beschloß, gleich am folgenden Tage in die Stadt zu fahren, um den Kauf zum Abschluß zu bringen.
Tschitschikow bat um die Liste der Bauern. Sabakewitsch war einverstanden; er begab sich ins Büro, um die Bauernseelen aufzuschreiben, die er nicht nur alle namentlich aufzählte, sondern auch durch Aufzählung all ihrer Vorzüge charakterisierte. Unterdessen musterte Tschitschikow, da er nichts Besseres zu tun hatte, die voluminöse Silhouette seines Wirtes. Als er seinen Rücken, der so breit war wie der eines kurzstämmigen Wjatkapferdes, und seine Füße erblickte, welche große Ähnlichkeit mit ein paar Chausseepfeilern hatten, konnte er sich nicht enthalten auszurufen:
„Hat dich aber der liebe Gott verschwenderisch ausgestattet, da kann man wirklich sagen, schlecht zugeschnitten aber gut genäht, wie es im Sprichwort heißt. Bist du gleich als ein solcher Bär geboren, oder haben dich das Leben in der Wildnis, die Landwirtschaft, die Scherereien mit den Bauern dazu gemacht, daß du jetzt das geworden bist, was man einen Halsabschneider nennt; doch nein, ich glaube, du warst immer derselbe und wärst es auch geblieben, selbst wenn du in Petersburg die neueste, modernste Erziehung genossen hättest und dann erst losgegangen wärest, selbst wenn du dein ganzes Leben lang in Petersburg und nicht in der Wildnis gelebt hättest. Der ganze Unterschied besteht nur darin, daß du jetzt deinen halben Hammelrücken mit Brei nebst einem Käsekuchen von der Größe eines Suppentellers verschlingst, während du dort Kottelets mit Trüffeln zu Mittag gegessen hättest. Dafür herrschest du jetzt friedlich über deine Bauern, mit denen du so gut auskommst, und die du natürlich nicht kränkst und nicht zu kurz kommen läßt. Sind sie doch dein Eigentum, und du selbst hättest ja nur den Schaden davon, wenn du anders handeltest. Dort in der Stadt aber würdest du über Beamte herrschen, die du kräftig schuriegeln würdest, da du ja wüßtest, daß sie nicht deine Leibeigenen sind, und du tätest die Krone nach Noten plündern. Wer nun mal eine Teufelsfaust besitzt, dem glättest du sie nicht zum Sammetpfötchen. Und biegst du ihm auch einen oder zwei Finger gerade, um so mehr ist der Teufel los. Hat er erst einmal ein paar Tropfen von irgend einer Kunst oder Wissenschaft genippt und hat er sich zu einer hervorragenderen Gesellschaftsstellung emporgeschwungen, dann wehe denen, welche tatsächlich etwas von dieser Kunst und Wissenschaft verstehen; dann fällt es ihm wohl gar noch ein zu sagen, ich muß euch doch mal zeigen, wer ich bin. Und dann läßt er euch plötzlich eine so weise Verordnung vom Stapel, daß vielen Hören und Sehen vergeht. O, wenn doch alle diese Halsabschneider ...!“
„Die Liste ist fertig,“ sagte Sabakewitsch mit einer Wendung des Kopfes.
„Fertig? Bitte geben Sie sie doch einmal her!“ Er überflog sie und war erstaunt, mit welcher Genauigkeit und Pünktlichkeit sie aufgestellt war: nicht allein daß der Beruf, das Handwerk, das Alter und die Familienverhältnisse sorgfältig registriert waren, am Rande standen auch noch besondere Notizen über das Betragen, die Nüchternheit usw. des Betreffenden. Mit einem Wort, es war eine wahre Freude, die Liste anzusehen.
„Und nun bitte ich Sie um eine kleine Anzahlung,“ sagte Sabakewitsch.
„Wozu eine Anzahlung? Sie bekommen die ganze Summe in der Stadt.“
„Na, Sie wissen doch, es ist mal so Sitte,“ wandte Sabakewitsch ein.
„Ich weiß nicht, wie ich es machen soll? Ich habe leider kein Geld mitgenommen. Übrigens hier, nehmen Sie diese zehn Rubel!“
„Ach was zehn! Geben Sie wenigstens fünfzig!“
Tschitschikow machte allerhand Ausflüchte, er habe nicht soviel Geld bei sich usw.; aber Sabakewitsch erklärte so kategorisch, er habe doch welches, daß jener endlich noch einen Zettel aus der Tasche zog und sagte: „Na, meinetwegen! da haben Sie noch fünfzehn. Das macht also im ganzen fünfundzwanzig. Ich bitte jedoch um eine Quittung.“
„Wozu denn eine Quittung?!“
„Wissen Sie, es ist doch sicherer! Das Glück ist nun mal launisch! Es kann soviel passieren.“
„Gut, dann geben Sie das Geld her!“
„Warum nur? Ich halte es ja in der Hand. Schreiben Sie erst die Quittung, dann sollen Sie es sogleich haben!“
„Ja, erlauben Sie mal, wie kann ich denn quittieren? Ich muß doch zuvor das Geld gesehen haben.“
Tschitschikow ließ die Banknoten los, und Sabakewitsch griff eiligst zu. Er ging an den Tisch, und während er das Geld mit ein paar Fingern der linken Hand bedeckte, bescheinigte er mit der anderen auf einem Zettelchen, daß er fünfundzwanzig Rubel in staatlichen Banknoten für die verkauften Seelen erhalten habe. Nachdem er die Quittung ausgestellt hatte, prüfte er noch einmal das Papiergeld.
„Der eine ist ein bissel alt,“ murmelte er, während er einen der Scheine ans Licht hielt! „und auch ein bissel zerrissen und abgenutzt. Na, aber unter Freunden achtet man schließlich nicht darauf.“
„Ein Halsabschneider! Ich sagte es ja,“ dachte Tschitschikow. „Und noch ’ne Bestie dazu!“
„Können Sie nicht Seelen weiblichen Geschlechtes brauchen?“
„Nein, ich danke!“
„Ich hätte sie Ihnen billig gelassen. Aus Freundschaft für Sie, schon für einen Rubel das Stück.“
„Nein, das weibliche Geschlecht hat für mich keine Reize.“
„Freilich! Wenn dem so ist, ist jedes weitere Wort Verschwendung. Über den Geschmack läßt sich nicht streiten: Der eine liebt den Popen, der andre des Popen Frau, wie das Sprichwort sagt.“
„Ich wollte Sie noch bitten, daß diese Angelegenheit ganz unter uns bleibt,“ sprach Tschitschikow, indem er sich verabschiedete.
„Aber selbstverständlich! Einen dritten geht das doch garnichts an: was zwei nahe Freunde im Vertrauen miteinander verhandeln, muß natürlich unter ihnen bleiben. Leben Sie wohl! Ich danke Ihnen für Ihren Besuch und bitte Sie, mich auch weiterhin nicht zu vergessen! Kommen Sie doch, wenn es Ihre Zeit erlaubt, wieder einmal zum Mittagessen. Dann plaudern wir ein Stündchen zusammen. Vielleicht findet sich noch einmal eine Gelegenheit, einander einen Dienst zu erweisen.“
„Nein, danke, mein Bester!“ dachte Tschitschikow, indem er in den Wagen stieg. „Hat mir zwei und einen halben Rubel für eine tote Seele abgegaunert, dieser verfluchte Leuteschinder!“
Tschitschikow war äußerst empört über Sabakewitschs Betragen. Er war doch immerhin ein Bekannter von ihm. Sie hatten sich ja schon beim Gouverneur und beim Polizeimeister gesehen, und doch hatte er ihn behandelt wie einen gänzlich Fremden und ihm Geld für irgend einen Plunder abgenommen. Als der Wagen durch das Hoftor rollte, sah er sich noch einmal um: Sabakewitsch stand noch immer auf der Treppe und schien ausspähen zu wollen, welche Richtung der Gast einschlagen werde.
„Er steht noch immer da, der Schuft!“ murmelte Tschitschikow durch die Zähne; und er befahl Seliphan, den Weg durch das Dorf zu nehmen und so zu fahren, daß man die Equipage vom Herrensitz aus nicht mehr sehen könne. Er hatte die Absicht, Pluschkin aufzusuchen, bei dem, nach Sabakewitschs Worten, die Menschen wie die Fliegen starben. Aber er wollte nicht, daß Sabakewitsch dies erführe. Als der Wagen am Ende des Dorfes war, rief er den ersten besten Bauern zu sich heran. Dieser hob gerade einen dicken Balken, der am Wege lag, auf die Schulter und wollte ihn wie eine unermüdliche Ameise nach seiner Hütte schleppen.
„Heh! Du Langbart! Wie gelangt man denn von hier zu Pluschkin, ohne an dem herrschaftlichen Wohnhause vorüber zu kommen?“
Dem Bauern schien diese Frage einige Schwierigkeiten zu bereiten.
„Na, du weißt es wohl nicht?“
„Nein, gnädiger Herr, ich weiß nicht.“
„Ach, du! Und dabei kriegt der Kerl schon graue Haare! Kennt den Geizhals Pluschkin nicht, der seine Leute verhungern läßt.“
„Ach so, der geflickte!“ rief der Bauer aus. Er ließ diesem Eigenschaftswort „der geflickte“ auch noch ein sehr treffendes Substantivum folgen, das wir jedoch unterdrücken, weil es in der Sprache der bessern Welt nur selten gebraucht wird. Übrigens wäre es nicht schwer zu erraten gewesen, daß dieser Ausdruck ein äußerst kennzeichnender war, weil Tschitschikow noch lange weiter lachte, als der Wagen schon ein beträchtliches Stück Weges zurückgelegt und die Insassen den Bauern schon längst aus den Augen verloren hatten. Es liegt eine gewaltige Kraft in der Ausdrucksweise des russischen Volkes. Wird mal einer mit einem solchen Wörtchen bedacht, so erbt es sich fort von Geschlecht zu Geschlecht; er schleppt es mit sich in den Dienst und in die Pension, bis nach Petersburg, und bis ans Ende der Welt. Mach Winkelzüge soviel und welcher Art du willst, such deinen Spitznamen zu veredeln, laß meinetwegen gedungene Schreiberseelen ihn für reichlichen Geldlohn von einem alten Fürstenadel ableiten, es hilft dir alles nichts. Dein Spitzname krächzt ohne dein Zutun aus voller Rabenkehle und verkündigt klar, woher der Vogel stammt. Ein treffend ausgesprochenes Wort ist wie ein schwarz auf weiß gedrucktes. Es läßt sich mit keiner Art herausbringen. Und wie wunderbar treffend ist alles, was aus den tiefsten Tiefen Rußlands hervordringt, wo es weder deutsche, noch finnische noch irgend welche anderen Volksstämme gibt, sondern alles ein urwüchsiges Urprodukt des lebendigen wagemutig-kecken russischen Geistes ist, der nicht lange nach dem rechten Worte sucht, der es nicht erbrütet, wie die Henne ihre Kücken, sondern es mit einem Ruck in die Welt setzt, wie einen Reisepaß für die Ewigkeit. Da brauchst du nicht erst hinzuzufügen, was du für eine Nase und was für Lippen hast, mit einem Strich bist du umrissen vom Scheitel bis zur Sohle.
Wie das fromme heilige Rußland mit einer unübersehbaren Menge von Klöstern und Kirchen mit Spitzen, Kuppeln und Kreuzen übersät ist, so stoßen und drängen, schillern und wogen unzählbare Scharen von Völkern, Geschlechtern und Stämmen auf dem Angesicht der Mutter Erde. Und jedes dieser Völker, das in sich das Unterpfand der Kraft trägt, das ausgestattet ist mit schöpferischen Geistesmächten, mit einer helleuchtenden Eigenart und anderen Gottesgaben, hat sich sein eigentümliches Gepräge gegeben, in einem selbst eigenen Worte, mit dem es in der Bezeichnung eines Objekts einen Teil seines eigensten Charakters wiederspiegelte. Herzenskenntnis und tiefe Lebensweisheit klingt uns aus dem Worte des Britanniers entgegen; leicht beschwingt und elegant blitzt auf und zerflattert das kurzlebige Wort des Franzosen; klug und schlau ersinnt sein nicht leichtfaßlich dürres Rätselwort der Deutsche; aber es gibt kein Wort, das so weit ausladend, so keck sich losringt aus den tiefsten Tiefen des Herzens, so brodelt, glüht, vibriert von innerstem Leben, wie ein treffend urwüchsiges, russisches Wort.
Sechstes Kapitel
Einst, vor langer langer Zeit, in den Tagen meiner Jugend, meiner unwiederbringlich entschwundenen Jugend, da machte es mir stets Freude, wenn ich an einem unbekannten Ort vorüberfuhr: ganz gleich, ob es ein kleines Dorf, ein armes Kreisstädtchen, ein Flecken oder eine größere Ortschaft war. Wieviel Interessantes entdeckte da nicht der neugierige Blick des Kindes! Jedes Gebäude, alles was den Stempel einer scharf ausgeprägten Eigenart an sich trug, lenkte die Aufmerksamkeit auf sich und hinterließ einen tiefen Eindruck in der Seele des Knaben. Ein steinernes Haus oder ein Staatsgebäude von der bekannten Bauart, mit den vielen gemalten Fenstern, das in einsamer Höhe aus dem Haufen einstöckiger Blockhäuser der Stadtbewohner hervorragte; eine runde regelmäßige, mit weißem Eisenblech gedeckte Kuppel, die sich über der schneeweißen neuen Kirche erhob, ein Marktplatz, ein kleinstädtischer Galan, der im Städtchen umherschlenderte — nichts entging dem scharf aufmerkenden kindlichen Spürsinn — und ich steckte meine Nase aus meinem Zeltwagen heraus und betrachtete neugierig einen Rock von mir gänzlich unbekanntem Schnitt, die offenen Holzkisten mit der weithin leuchtenden Schwefelblüte, mit Nägeln, Seife und Rosinen, die mir zugleich mit allerhand Schachteln und Büchsen voll vertrockneter Moskauer Bonbons aus der Tür eines Gemüseladens entgegenschimmerten; oder ich sah mir einen vorübergehenden Infanterie-Offizier an, den irgend eine seltsame Schickung hierher in die Langeweile der Kreisstadt verschlagen hatte, oder einen Kaufmann in einem langen Rock, der auf einem Rennwagen an mir vorbeijagte — und ließ mich von meinen Gedanken weit forttragen in ihr armseliges Dasein. Ging ein Beamter des Städtchens an mir vorüber, so fing ich schon an zu träumen und zu grübeln: wo mag er wohl hingehen? Zu einer Abendgesellschaft bei einem seiner Brüder oder vielleicht nur zu sich nach Hause, um ein halbes Stündchen vor der Haustür zu sitzen, bis die Nacht sich niedersenkt und sich dann mit Frau und Mutter, der Schwägerin und der ganzen Familie an den Tisch zum frühen Abendmahl zu setzen? Und wovon würden sie wohl sprechen, wenn das Mädchen mit dem Perlenbande, oder ein Knabe in einer dicken Hausjacke nach der Suppe den unverwüstlichen Leuchter mit der Talgkerze hereinträgt? Näherte ich mich dem Dorfe irgend eines Gutsbesitzers, dann blickte ich neugierig auf den hohen, schmalen hölzernen Glockenturm oder die alte geräumige hölzerne Kirche. Wie anheimelnd blickten dann zwischen dem dichten Blätterwerk der Bäume das rote Dach und die weißen Schornsteine des Herrenhauses hindurch, und ich wartete ungeduldig auf den Augenblick, wo es aus seinem Gartenverstecke heraustreten und daliegen würde mit seiner so gar nicht öden oder langweiligen Front. Und dann suchte ich wohl aus dem Äußeren zu erraten, wer der Besitzer sei, ob er dick oder dünn sei, ob er Söhne oder wohl gar ein halbes Dutzend Töchter habe, die das Haus mit ihrem hellen Mädchenlachen, ihren Mädchenspielen und Scherzen beleben, eine lustige Mädchenschar mit der unvermeidlichen Jüngsten und Schönsten; ob sie schwarzäugig seien und er selbst ein lustiger Bruder sei oder finster und mürrisch blicke, wie ein später Septembertag, beständig in sein Notizbuch und in den Kalender sehe und von nichts anderem spreche, als von dem für die Jugend, ach! so langweiligen Weizen oder Roggen.
Heute fahre ich gleichmütig an jedem fremden Dorfe vorüber und blicke gleichgültig auf seine elende Außenseite, mein erkalteter Blick fühlt sich nicht angeheimelt, nichts reizt mich mehr zum Lachen, und was früher, in vergangenen Jahren, meinem Gesicht eine Bewegung oder ein Lächeln, und dem Munde nie versiegende Reden entlockte, das huscht jetzt an mir vorbei, und teilnahmloses Schweigen schließt mir die Lippen. O meine Jugend, o meine herrliche Frische!
Während Tschitschikow in Sinnen versunken war und heimlich in sich hineinlächelte wegen des schönen Spitznamens, mit dem die Bauern Pluschkin bedacht hatten, hatte er garnicht darauf geachtet, daß der Wagen mitten durch ein großes und weitläufiges Dorf mit zahlreichen Straßen und Häusern hindurchrollte. Allein dies wurde ihm bald zum Bewußtsein gebracht durch einen recht kräftigen Stoß, der ihm von dem Knüppeldamm appliziert wurde, im Vergleich mit dem das städtische Straßenpflaster das reinste Kinderspiel war. Diese Knüppel hoben und senkten sich wie die Tasten eines Klaviers, und der Reisende, der sich nicht in acht nahm, hatte jeden Augenblick eine Beule am Hinterkopf oder einen blauen Fleck an der Stirn zu gewärtigen, oder er lief sogar Gefahr, sich eigenzähnig die Zungenspitze abzubeißen, was ja auch nicht gerade zu den größten Annehmlicheiten unseres irdischen Daseins gehört. Die Bauernhäuser machten alle einen morschen, verfallenen Eindruck. Die Balken waren wurmstichig und altersgrau. Manche Dächer glichen einem Sieb. An andern bemerkte man nichts von der Dachbekleidung außer dem Firstbalken, und darunter ein paar Latten, die sich wie die Rippen eines Skeletts ausnahmen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer selbst die Bretter und Schindeln heruntergeholt, in der wichtigen Erwägung, daß man eine Hütte doch nicht zum Schutz gegen den Regen baut, und daß es bei heiterem Himmel ja nicht von selbst in den Eimer tropft, andererseits aber auch kein Grund vorliegt, gerade in ihr mit dem Weibe auf dem Ofen zu liegen, da ja anderswo Platz genug dazu da ist: in der Schenke, an der Landstraße — mit einem Wort, wo es dein Herz nur begehrt. Überall fehlten die Scheiben. Hie und da waren die Fensteröffnungen mit einem alten Lappen oder einem Kleidungsstück zugestopft. Die kleinen Altane unter dem Dachvorsprung mit der bekannten Brüstung, die sich aus einem unbekannten Grunde an vielen russischen Bauernhäusern finden, hatten sich gesenkt und waren nachgedunkelt, was nicht einmal einen malerischen Anblick darbot. Hinter den Hütten sah man an mehreren Stellen lange Reihen von Getreidehaufen, die offenbar schon recht lange unbenutzt dalagen: ihre Farbe glich der eines alten schlechtgebrannten Ziegelsteins. Oben auf dem Haufen wuchs allerhand Plunder und an der Seite hatten Schlingpflanzen Wurzel geschlagen. Das Getreide gehörte anscheinend dem Gutsherrn; hinter den Kornhaufen und den morschen Dächern ragten bald rechts bald links, je nach den Wendungen, die der Wagen machen mußte, zwei Dorfkirchen empor, die ihre Türme in die klare Luft reckten. Beide lagen dicht nebeneinander, die eine von Holz, die andere von Stein mit gelb angestrichenen Mauern, die große Schmutzflecken und klaffende Risse zeigten. Hie und da blickte das Haus des Gutsherrn durch, bis es schließlich frei vor den Augen dastand, wo die Häuserkette abriß und statt dessen ein freier Platz sich öffnete, der etwas wie einen Gemüse- oder Kohlgarten darstellte und von einem niedrigen, stellenweise stark mitgenommenen Zaun eingefriedigt war. Wie ein hinfälliger, altersschwacher Invalide sah dieses sich hier endlos hinstreckende Schloß aus. Stellenweise hatte es nur ein Stockwerk, stellenweise auch zwei. Auf dem dunklen Dach, das sein Alter nicht immer sicher beschützte, befanden sich gerade gegenüber zwei Aussichtstürme, beide schon altersgebeugt und verblichen, da die Farbe, die sie einstmals deckte, längst verschwunden war. Hie und da ließen die Mauern die nackten Fachwerkfelder sehen. Offenbar hatten sie schon viel unter Regengüssen, Wirbelstürmen, Ungewittern und Herbstschauern zu leiden gehabt. Nur zwei von den Fenstern waren offen; die übrigen waren mit Läden verdeckt oder sogar mit Brettern vernagelt. Die beiden offenen Fenster waren jedoch ihrerseits auch schon ein wenig erblindet und das eine mit einem blauen Papierdreieck verklebt.