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Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II cover

Sämmtliche Werke 2: Die Abenteuer Tschitschikows oder Die toten Seelen II

Chapter 14: III.
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About This Book

A provincial adventurer pursues a peculiar commercial scheme, journeying from estate to estate to acquire legal claims on peasants recorded as dead, and in doing so exposes a parade of eccentric landowners, officials, and local customs. The narrative alternates expansive landscape and manor descriptions with comic, grotesque encounters that satirize vanity, corruption, and bureaucratic inertia. Frequent digressions shift the tone from farce to moral reflection, leaving motives and consequences ambiguously judged. The work blends vivid scene-setting, character sketches, and ironic social commentary to examine disparities between outward respectability and private emptiness.

„Sehr geehrte Frau Alexandra Grigoriewna!

Es ist mir unmöglich, Ihre äußerst seltsame Handlungsweise zu begreifen. Seien Sie überzeugt, daß Sie hierdurch nichts gewinnen und mich keineswegs dazu zwingen werden, Ihre Tochter zu heiraten. Was die Angelegenheit mit meiner Nase anbetrifft, so ist die Rolle, dessen versichere ich Sie, die Sie, die Hauptanstifterin, in ihr spielen, von allem andern zu schweigen, schon völlig aufgeklärt. Ihr plötzliches Verschwinden von ihrem Platze, ihre Flucht, ihre Verkleidung als Beamter wie ihr darauffolgendes Auftreten in natürlicher Gestalt: das alles ist nur die Folge einer Behexung, die Sie oder irgend welche von Ihnen bezahlte Kreaturen gegen mich inszeniert haben. Was nun mich anbetrifft, so glaube ich die Pflicht zu haben, Ihnen im voraus anzukündigen, daß ich, sollte die in Frage kommende Nase sich nicht noch heute an ihrem alten Platze befinden, mich gezwungen sehen würde, den Beistand und Schutz der Gerichte anzurufen.

Im übrigen bin ich mit der Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung

Ihr ergebener Diener
Platon Kowalew.“

„Geehrter Herr Platon Kusmitsch!

Ihr Brief hat mich in außerordentliches Erstaunen versetzt. Ich gestehe offen, ich hätte von Ihnen nie so ungerechte Vorwürfe erwartet. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Beamten, von dem Sie sprechen, weder maskiert, noch in eigener Gestalt, bei mir empfangen habe. Allerdings hat mich Philipp Iwanowitsch Potantschikow besucht. Und obgleich er in der Tat um die Hand meiner Tochter angehalten hat und auf einen tadellosen, nüchternen Lebenswandel und große Bildung hinweisen konnte, habe ich ihm doch keinerlei Hoffnung gegeben. Sie sprechen dann noch von Ihrer Nase. Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich die Absicht habe, Ihnen eine Nase zu drehen statt Sie endgültig abzuweisen, so kann ich hierüber nur meiner Überraschung Ausdruck verleihen. Denn wie Sie sehr wohl wissen, ist gerade das Gegenteil davon der Fall; und wenn Sie gegenwärtig gesonnen sein sollten, meine Tochter zu Ihrem Ehegemahl zu machen, so bin ich bereit, Ihnen sofort jede Genugtuung zuteil werden zu lassen. Damit wäre in der Tat einer meiner innigsten Wünsche erfüllt. In dieser Hoffnung bin ich wie stets

Ihre gehorsame Dienerin
Alexandra Podtotschina.“

„Nein!“ sagte Kowalew nachdem er den Brief gelesen hatte, „sie ist sicher unschuldig. Das ist ja ganz unmöglich! Solch einen Brief kann nie und nimmer eine Person schreiben, die ein Verbrechen auf ihrem Gewissen hat.“

Der Kollegien-Assessor verstand sich auf diese Dinge, war er doch schon mehrfach mit Untersuchungen in den kaukasischen Provinzen betraut worden.

„Wie mag es nur geschehen sein?“ fragte er sich immer wieder. „Hol’s der Teufel!“

Und er ließ resigniert die Hände sinken.

Unterdessen hatte sich in der ganzen Residenz das Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis verbreitet — und zwar, wie es ja Brauch ist, nicht ohne Zutaten und Übertreibungen. Alle Gemüter standen zu dieser Zeit gerade unter dem Eindruck übernatürlicher Vorgänge. Kurz vorher hatten nämlich das Publikum allerhand Experimente mit dem tierischen Magnetismus beschäftigt; die tanzenden Stühle waren für die Scheunenstraße noch etwas völlig Neues. Man braucht es also nicht allzu sonderbar zu finden, daß bald darauf das Gerücht auftauchte, die Nase des Kollegien-Assessors Kowalew spazire bereits seit längerer Zeit jeden Tag um drei Uhr auf dem Newski-Prospekt herum. Eine Menge Neugieriger strömte daher alltäglich dorthin. Irgend jemand hatte erzählt, die Nase hielte sich in Junkers Magazin auf, und gleich stauten sich dort die Menschen derartig, daß die Polizei sich genötigt sah, einen Ordnungsdienst einzurichten. Ein sehr ehrenwerter Spekulant von höchst würdigem Äußeren mit einem prachtvollen Backenbart, der am Ausgang der Theater verschiedene Süßigkeiten und trockene Kuchen feilzubieten pflegte, ließ daher schöne solide hölzerne Bänke vor dem Laden aufstellen, lud die Neugierigen ein, Platz zu nehmen und erhob ein Eintrittsgeld von sechzig Kopeken pro Zuschauer. Ein Oberst a. D. erschien schon ganz früh an Ort und Stelle, um sich das Schauspiel anzuschaun, und schlängelte sich mit großer Mühe durch die Menge; aber zu seiner größten Empörung sah er im Fenster des Magazins anstatt der Nase nur ein ganz gewöhnliches baumwollenes Kamisol nebst einer Lithographie, die ein junges Mädchen darstellte, wie es sich seinen Strumpf hinaufzieht, und einen Stutzer mit ausgeschnittener Weste und Spitzbart, der sie hinter einem Baume beobachtet — ein Bild, das schon seit mehr als zehn Jahren an dieser Stelle hing. Der Oberst ging fort, indem er ärgerlich sagte:

„Wie kann man nur die Leute durch solche dumme und unwahrscheinliche Gerüchte auf die Beine bringen? ...“

Dann wurde allgemein davon gesprochen, daß die Nase des Majors Kowalew garnicht auf dem Newski-Prospekt, sondern im Taurischen Garten herumspaziere; man sagte, sie befände sich schon lange dort, schon Chozrew-Mirza habe in der Zeit, da er dort wohnte, sehr über dieses seltsame Naturwunder gestaunt. Von der medizinischen Fakultät wurden einige Studenten hingesandt; eine ehrenwerte Dame von hoher Geburt bat den Wächter des Gartens in einem Privatschreiben, dieses Phänomen doch ja ihren Kindern zu zeigen und womöglich eine gründliche, lehrreiche Erklärung hinzuzufügen.

All diese Geschehnisse bildeten das Entzücken jener Müßiggänger, die bei keiner Gesellschaft fehlen dürfen und deren Pflicht es ist, die Damen zu zerstreuen — und dies in um so höherem Maße, als ihr Vorrat an Neuigkeiten zurzeit völlig erschöpft war. Indes zeigte sich doch eine Minderheit ehrlicher und vernünftiger Leute sehr ungehalten über all diese Scherze. Ein Herr erklärte sogar voller Empörung, er begriffe nicht, wie in einem aufgeklärten Jahrhundert solche falsche und absurde Gerüchte entstehen könnten, ja, er wunderte sich darüber, daß die Regierung diesen Vorgängen nicht mehr Beachtung schenke. Dieser Herr gehörte augenscheinlich zu jener Menschenklasse, die es für wünschenswert hält, daß die Regierung sich in alle Angelegenheiten mische, selbst in die alltäglichen Zwistigkeiten der Ehegatten. Infolgedessen ... Aber hier hüllt sich unsere Historie von neuem in einen dichten Schleier, und über alle folgenden Ereignisse ist wieder nichts bekannt.

III.

Es gibt keinen Unsinn, der in dieser Welt nicht möglich wäre, und oft passieren Dinge, die geradezu unglaublich sind. So befand sich dieselbe Nase, die in Gestalt eines Staatsrates spazieren gegangen war und in der ganzen Stadt eine solche Aufregung verursacht hatte, plötzlich auf ganz unerklärliche Weise wieder an ihrem alten Platz zwischen den beiden Wangen des Majors Kowalew. Das geschah am 7. April.

Als der Major an diesem Morgen erwachte und in den Spiegel sah, erblickte er darin seine Nase. Er griff mit seiner Hand nach ihr, — wahrhaftig, es war seine Nase.

„Mein Gott!“ sagte Kowalew, und er wollte schon vor Freude im Zimmer barfuß ein Tänzchen machen, aber das Eintreten Iwans hinderte ihn daran. Er befahl ihm, sofort Waschwasser zu bringen und besah sich noch einmal im Spiegel — aber die Nase war in der Tat wieder da! Er trocknete sich mit dem Handtuch ab und blickte zum dritten Mal in den Spiegel, — aber die Nase war noch immer da!

„Sieh doch mal her, Iwan, ich glaube, ich habe da so eine Art Pickel auf der Nase,“ sagte er und dachte indessen bei sich:

„Was für ein Unglück, wenn Iwan mir plötzlich antwortete: ‚Nein, Herr, Sie haben nicht nur keinen Pickel auf der Nase, Sie haben ja überhaupt keine Nase!‘“

Aber Iwan bemerkte:

„Ich sehe gar keinen Pickel; Ihre Nase ist ganz rein.“

„Gut, vortrefflich, der Teufel soll mich holen!“ sagte der Major im stillen zu sich selbst und knipste mit den Fingernägeln.

In diesem Augenblick erschien der Barbier Iwan Jakowlewitsch im Türrahmen — furchtsam wie eine Katze, die ein Stück Talg gestohlen und dafür Prügel bekommmen hat.

„Sag mal vor allem: sind deine Hände auch sauber?“ schrie ihm Kowalew schon von weitem entgegen.

„Gewiß sind sie sauber!“

„Du lügst!“

„Bei Gott, sie sind sauber, Herr!“

„Na, dann mal los!“

Kowalew setzte sich, und Iwan Jakowlewitsch band ihm eine Serviette um. In einem Moment verwandelte sich der ganze Bart und ein Teil der Wangen mit Hilfe eines Pinsels in einen Crême, wie ihn die Kaufleute an ihren Namenstagen den Gästen servieren.

„Da schau her!“ sagte Iwan Jakowlewitsch zu sich selbst, nachdem er sich die Nase angesehen; dann wandte er den Kopf ein wenig, um sie auch von der Seite zu prüfen, „wahrhaftig sie sitzt tadellos!“ — und noch lange betrachtete er die Nase. Endlich erhob er mit einer Zartheit und Behutsamkeit, als ob es sich hier um seine eigene Person handle, zwei Finger, um die Nasenspitze zu ergreifen.

Das war Iwan Jakowlewitschs System.

„Achtung!“ schrie Kowalew.

Iwan Jakowlewitsch ließ die Hand sinken, verlor den Kopf und zitterte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Endlich begann er mit großer Vorsicht, ihm unter dem Kinn mit dem Rasiermesser den Hals zu kitzeln; obwohl es ihm sehr schwer wurde, da er ja das Geruchsorgan nicht stützen durfte, überwand er doch alle Schwierigkeiten dadurch, daß er mit dem Zeigefinger bald die Wange, bald das Kinn anfaßte, und so führte er denn sein Geschäft glücklich zu Ende.

Hierauf kleidete sich Kowalew an, nahm eine Droschke und fuhr schnurstracks nach einer Konditorei. Schon auf der Schwelle befahl er dem Kellner, ihm eine Tasse Schokolade zu bringen, und blickte gleichzeitig schnell noch einmal in den Spiegel: wahrhaftig, die Nase war noch da! Fröhlich wandte er sich um und fixierte mit spöttischer Miene zwei Offiziere, deren einer eine Nase hatte, die nicht viel größer war als ein Westenknopf.

Dann begab er sich auf die Kanzlei des Departements, in dem er sich um die Stelle eines Vizegouverneurs oder doch wenigstens um die eines Exekutors bewarb; als er durch das Empfangszimmer schritt, schaute er in den Spiegel, — die Nase war noch immer da!

Hierauf fuhr er zu einem andern Kollegien-Assessor, der gleichfalls Major war, einem großen Spaßvogel, dem er auf all seine bissigen Bemerkungen stets nur die eine Antwort zu geben pflegte:

„O, ich kenne dich ja, du bist boshaft!“

Und er dachte sich unterwegs:

„Wenn der Major bei meinem Anblick nicht in Lachen ausbricht, so ist das das sicherste Zeichen, daß alles in Ordnung ist.“

Aber der Kollegien-Assessor ließ sich nichts merken.

„Gut! vortrefflich! der Teufel soll ihn holen!“ murmelte Kowalew.

Auf der Straße begegnete er Frau Podtotschina, der Gattin eines höheren Offiziers nebst ihrer Tochter; er machte eine tiefe Verbeugung und wurde mit den freudigsten Ausrufen begrüßt. Er unterhielt sich längere Zeit mit ihnen, nahm eine Prise aus seiner Tabaksdose und stopfte sie sich mit Absicht in ihrer Gegenwart in beide Nasenlöcher, indem er sich dachte:

„Da habt ihr’s! Ihr Weiber, ihr seid Gänse! Ich denke ja garnicht daran, mich mit deiner Tochter zu verheiraten! Par amour — na, meinetwegen! Das ginge noch allenfalls.“

Und der Major Kowalew zeigte sich, als ob nichts geschehen wäre, auf dem Newski-Prospekt, in den Theatern und überall. Seine Nase saß, wie wenn nichts vorgefallen wäre, fest in seinem Gesicht, und niemand sah es ihr an, daß sie einst so weit umhergeirrt war. Und seitdem sah man Major Kowalew stets in guter Laune, er lachte und blickte mit leidenschaftlichem Interesse allen schönen Frauen nach. Einmal sah man ihn sogar im Laden von Gostini Dwor ein Ordensband kaufen; zu welchem Zwecke dies geschah, das wußte freilich niemand, denn er war ja garnicht Ritter eines Ordens.

Das ist die Geschichte, die sich in der nördlichen Hauptstadt unseres großen Reiches abgespielt hat. Jetzt finden wir allerdings bei näherer Überlegung viel Unwahrscheinliches in ihr. Ohne davon zu sprechen, daß es doch höchst sonderbar ist, wenn eine Nase verschwindet und an verschiedenen Stellen in Gestalt eines Staatsrates auftaucht, — wie konnte Kowalew nicht begreifen, daß man doch nicht durch die Amtszeitung nach einer Nase suchen darf? Ich will hier garnicht einmal den hohen Preis erwähnen, den man für ein Inserat bezahlen muß. Das ist eine Kleinigkeit. Denn ich gehöre ganz und gar nicht zu den habgierigen Leuten. Aber so etwas ist doch unschicklich, lächerlich und töricht!

Und dann noch dies: wie geriet die Nase in ein Brot, und wie konnte Iwan Jakowlewitsch selbst ...? Nein, das werde ich nie und nimmer begreifen; wahrhaftig, das verstehe ich nicht! Was aber noch erstaunlicher und noch unverständlicher ist, das ist der Umstand, daß sich Autoren solche Gegenstände wählen können. Man muß zugeben, daß das in der Tat ganz unbegreiflich ist. Geradezu ... nein, nein! Ich verstehe auch nicht ein Wort davon! Erstens bringt es dem Vaterland nicht den geringsten Nutzen, und zweitens ... aber auch zweitens hat niemand einen Vorteil davon. Ich weiß einfach nicht, was das für einen Sinn hat.

Und dennoch und trotz alledem läßt sich letzten Endes vielleicht doch eins oder das andere oder das dritte davon begreifen! Denn schließlich, wo stößt man denn nicht auf Unbegreifliches? Und wenn man ordentlich über alles nachdenkt, so bleibt sicher doch wenigstens etwas davon bestehen. Man mag sagen, was man will: derartige Dinge kommen in der Welt vor — wenngleich höchst selten, aber sie kommen vor.

Das Porträt

Erster Teil.

Nirgends blieben soviel Menschen stehen wie vor dem Bilderladen in der Schtschukin-Passage. Dieser Laden bot in der Tat eine äußerst mannigfaltige Sammlung von Sehenswürdigkeiten dar: die Bilder waren meistenteils mit Ölfarbe gemalt, mit dunkelgrünem Lack gefirnißt und mit dunkelgelben, flittergoldenen Rahmen versehen. Eine Winterlandschaft mit weißen Bäumen, ein völlig roter, einer Feuersbrunst gleichender Abend, ein flämischer Bauer mit einer Pfeife und einem ausgerenkten Arm, der eher einem Truthahn in Manschetten als einem Menschen ähnlich sieht: das sind gewöhnlich die Lieblingsthemata dieser Gemälde. Dazu kamen noch einige gestochene Abbildungen: ein Porträt von Chosrev-Mirsa in einer Hammelfellmütze und etwa das Bild eines Generals mit Dreispitz und krummer Nase. Überdies pflegen die Türen eines solchen Ladens mit ganzen Bündeln von Werken, die auf große Bogen gedruckt sind und von der instinktiven Begabung des Russen zeugen, behangen zu sein. Auf einem war die Zarentochter Miliktrissa Kirbitjewna, auf einem andern die Stadt Jerusalem zu sehen, über deren Häuser und Kirchen ohne weitere Umstände ein intensives Rot gestrichen war, ein Rot, das auch einen Teil der Erde und zwei betende russische Bauern in Fausthandschuhen einhüllte. Für diese Erzeugnisse findet sich schwer ein Käufer, um so leichter jedoch ein Zuschauer. Irgend ein Taugenichts von Lakai sieht sie sich schon sicher an, während er die Wirtshaus-Menage für seinen Herrn in der Hand hält, der seinem Magen die Suppe wohl nicht allzu heiß einverleiben wird; neben ihm steht sicher irgend ein in einen Mantel eingehüllter Soldat, dieser Kavalier des Trödelmarktes, der zwei Federmesser feilbietet, und eine Höckerfrau aus Ochta mit einer Schachtel, die Schuhe enthält. Jeder genießt auf seine Art. Die Bauern pflegen ihre Zeigefinger darauf zu drücken, die Kavaliere betrachten die Bilder mit ernster Miene, die Handwerksburschen lachen und machen sich mit Hinweis auf die Karikaturen übereinander lustig, alte Lakaien in Friesmänteln schauen sich diese Dinge an, weil sie schließlich doch irgendwo gähnen müssen, und die Höckerinnen, diese jungen russischen Weiber, kommen instinktiv hierher gelaufen, um zu hören, was denn das Volk wieder zusammen klatscht, und um sich das anzuschaun, was sich das Volk anschaut.

Um diese Zeit blieb auch der junge Künstler Tschartkow, der gerade die Passage passierte, unwillkürlich vor dem Laden stehen; der alte Mantel und der nicht sehr sorgfältige Anzug ließen in ihm einen Menschen erkennen, der seiner Arbeit mit Selbstvergessenheit ergeben war und keine Zeit hatte, sich um die Kleidung zu kümmern, die doch gerade für die Jugend sonst einen geheimnisvollen Reiz in sich zu bergen pflegt. Er blieb vor dem Laden stehn und lachte zuerst innerlich über diese greulichen Bilder. Dann bemächtigte sich seiner eine unwillkürliche Versonnenheit, er fing an, darüber nachzudenken, wem diese Machwerke wohl von Nutzen wären. Daß das russische Volk von diesen Jeruslanen Lazarewitschen, diesen Freß- und Saufhelden, sowie von dem Foma und Jerjoma hingerissen wird, das erschien ihm nicht verwunderlich: die abgebildeten Gegenstände waren dem Volke durchaus verständlich. Aber wo sind die Käufer für diese bunten, schmutzigen Ölpinseleien, wem konnten diese flämischen Bauern, diese roten und blauen Landschaften, die bereits einen gewissen Anspruch auf eine etwas höhere Stufe der Kunst erheben, gefallen, einer Kunst, die gerade hier aufs tiefste erniedrigt wird? Dies waren allem Anschein nach keineswegs Werke eines Kindes oder eines Autodidakten, sonst wäre in ihnen bei aller gefühllosen Karikierung doch etwas wie ein starker Impuls zum Ausdruck gekommen. Aber hier war nichts zu entdecken als Stumpfheit, eine kraftlose, greisenhafte Talentlosigkeit, die sich eigenmächtig in die Reihen der Künste drängte, während sie doch lediglich unter den niedrigsten Handwerken ihren Platz hatte, — eine Talentlosigkeit, die übrigens ihrem Beruf treu blieb und das Handwerkliche mitten in die Kunst importierte. Dieselben Farben, die gleiche Manier, dieselbe geübte Hand, die eher einem roh gearbeiteten Automaten gehören mochte, als einem Menschen! ...

Lange stand er vor diesen schmutzigen Bildern, bis er schließlich gar nicht mehr an sie dachte, inzwischen aber sprach der Besitzer des Ladens, ein verschimmelter Kerl in einem Friesmantel und mit einem seit Sonntag nicht rasierten Barte, auf ihn ein, und feilschte mit ihm um den Preis, ohne sich davon unterrichtet zu haben, was ihm gefallen hatte und was er kaufen wollte. „Hier, für diese Bäuerlein und diese kleine Landschaft, will ich nur einen weißen Schein haben. Sehen Sie sich doch nur diese Malerei an! Die sticht einem geradezu in die Augen; die sind eben erst aus der Börse gekommen, sogar der Firnis ist noch nicht trocken. Oder nehmen Sie doch vielleicht den Winter hier! Nur fünfzehn Rubel! der Rahmen kostet doch allein soviel! Das ist dafür aber auch ein rechter Winter!“ Hierbei schnellte der Händler mit den Fingerspitzen leicht gegen die Leinewand, wahrscheinlich, um die Güte des Winters recht zu betonen. „Befehlen der Herr, daß ich sie zusammenbinde und zu Ihnen trage? Wo belieben Sie zu wohnen? He, Junge, gib mal einen Bindfaden her!“ — „Wart, Bruder, nicht so schnell!“ sagte der endlich zu sich kommende Maler, als er sah, daß der lebhafte Händler sich im Ernst daran machte, sie zusammenzubinden. Es war ihm etwas peinlich, nichts zu kaufen, nachdem er sich schon so lange im Laden aufgehalten hatte, und er sagte: „Aber warte, ich will mal sehen, ob ich nicht dort etwas für mich finde.“ Und er bückte sich und fing an, die auf dem Fußboden aufgestapelten, abgescheuerten, verstaubten, alten Schmierereien aufzuheben, die offenbar keine sonderliche Ehre genossen. Da waren altertümliche Porträts von Ahnen, deren Nachkommen man in der Welt sicher nirgends hätte finden können — unbekannte Bilder, deren Leinwand durchgerissen war, mit Rahmen ohne Vergoldung: mit einem Worte, allerlei alter Plunder. Aber der Maler fing an, sie genauer zu untersuchen, indem er in seinem Inneren zu sich sagte: „Vielleicht findet sich doch noch etwas darunter!“ Er hatte mehr als einmal gehört, wie man mitunter bei Trödlern zwischen altem Kram Gemälde großer Meister fand.

Als der Besitzer bemerkte, wohin sich Tschartkow verkrochen hatte, ließ seine Zuvorkommenheit nach, er placierte sich in seiner gewöhnlichen Stellung und gebührenden Würde wieder vor seiner Tür, rief die Passanten an und zeigte ihnen mit einer großen Geste seinen Laden. „Hierher, Väterchen! Hier sind Bilder! Kommen Sie herein, kommen Sie herein! Soeben von der Börse importiert!“ Er schrie sich tot, aber meistenteils ohne jeden Erfolg, schwatzte unterdessen zur Genüge mit dem Resteverkäufer, der ebenfalls ihm gegenüber an der Türe seiner Bude stand, und erinnerte sich schließlich, daß er noch einen Käufer im Laden hatte; sofort wandte er den Außenstehenden den Rücken zu und begab sich hinein. „Na, Väterchen, haben Sie schon etwas ausgewählt?“ Aber der Künstler stand schon eine geraume Zeit vor einem Porträt in einem großen Rahmen, der von vergangener Pracht zeugte und auf dem jetzt kaum noch die Spuren der Vergoldung glänzten.

Das war ein Greis mit einem bronzefarbenen, schmächtigen Gesicht und hervorstehenden Backenknochen. Seine Züge schienen einen Augenblick von einer krampfhaften Bewegung erfaßt zu sein und muteten nicht wie nordische Kraft an; der feurige Süden spiegelte sich in ihnen wieder. Er war in ein weites asiatisches Kostüm gehüllt. Wie schmutzig und beschädigt das Porträt auch war, Tschartkow entdeckte in ihm sofort die Spuren der Arbeit eines großen Künstlers, nachdem es ihm gelungen war, den Staub vom Gesicht zu entfernen. Das Porträt schien nicht ausgeführt zu sein, aber die Kraft der Pinselführung war eine überwältigende. Seltsamer als alles waren jedoch die Augen; der Künstler schien seine ganze Kraft und seine ganze Sorgfalt auf sie verwandt zu haben. Sie starrten einen an, blickten geradezu aus dem Porträt heraus und zerstörten beinahe die ganze Harmonie durch ihre sonderbare Lebhaftigkeit. Als er das Porträt näher an die Tür gebracht hatte, blickten ihn die Augen noch stärker an. Fast denselben Eindruck machten sie auch auf die Umstehenden. Die Frau, die hinter ihm stehen gelieben war, rief: „Er starrt, er starrt mich an!“ und wich zurück. Eine unangenehme, ihm selbst unbegreifliche Empfindung bemächtigte sich seiner, und er stellte das Bild auf den Boden.

„Na, meinetwegen nehmen Sie doch das Porträt!“ meinte der Ladenbesitzer.

„Und was kostet es?“ fragte der Künstler.

„Nun, dafür kann man doch nicht viel verlangen! Geben Sie fünfundsiebzig Kopeken!“

„Nein.“

„Na, was geben Sie?“

„Zwanzig,“ sagte der Maler, indem er sich zum Weggehen anschickte.

„Nein, mit was für einem Preis Sie herausrücken! Mit zwanzig Kopeken ist ja nicht einmal der Rahmen bezahlt! Sie wollen es wohl morgen kaufen? Herr Herr, kehren Sie doch zurück! legen Sie wenigstens zehn Kopeken zu. Nehmen Sie, nehmen Sie es, also gut, geben Sie zwanzig Kopeken. Wirklich, nur um den Anfang zu machen; nur, weil Sie der erste Käufer sind.“ — Und dabei führte er mit der Hand eine Geste aus, die zu sagen schien: „Sei dem, wie ihm sei, mag das Bild verloren gehen!“

So hatte denn Tschartkow ganz unerwartet ein altes Porträt gekauft, und er dachte sich: „Wozu habe ich es gekauft? wozu brauche ich es?“ Aber es blieb ihm nichts mehr übrig. Er nahm ein Zwanzigkopekenstück aus der Tasche, gab es dem Ladenbesitzer, nahm das Porträt unter den Arm und trug es nach Hause. Unterwegs erinnerte er sich daran, daß die zwanzig Kopeken, die er soeben weggegeben hatte, sein letztes Geld waren. Seine Gedanken trübten sich mit einem Mal; ein Gefühl des Ärgers und der gleichgültigen Leere erfaßte ihn im selben Augenblick. „Hol’s der Teufel! Wie scheußlich ist es auf der Welt!“ dachte er wie jeder Russe, dessen Geschäfte nicht blühen. Und fast mechanisch ging er schnellen Schrittes, voller Verdrossenheit, weiter. Der Schimmer der untergehenden Sonne tauchte die eine Himmelshälfte in ein tiefes Rot; noch waren die dieser Seite zugewandten Häuser von ihrem warmen Schein schwach bestrahlt; aber nach und nach erglänzte immer stärker und stärker der kühle bläuliche Schein des Mondes. Halbdurchsichtige Schatten von Häusern und Menschen fielen wie lange Schweife auf die Erde. Voller Bewunderung blickte der Maler zum Himmel empor, der in einem durchsichtigen, feinen, unbestimmten Lichte schimmerte, und dabei entschlüpften seinem Munde die Worte: „Was für ein zarter Ton!“ „Wie ärgerlich! Hol’s der Teufel!“ Und während er sich das Porträt bequemer zurechtschob, das fortwährend unter seinem Arme hinunterglitt, beschleunigte er seine Schritte.

Müde und ganz in Schweiß gebadet, schleppte er sich nach seiner Wohnung in der 15. Linie auf der Wassilij-Insel, mühsam und keuchend kletterte er die mit Spülwasser begossenen und von den Spuren von Katzen und Hunden verunreinigten Treppen hinauf. Er pochte an die Tür; niemand antwortete, sein Diener war nicht zu Hause. Er lehnte sich auf das Fensterbrett und entschloß sich, geduldig zu warten, bis er endlich hinter sich die Schritte eines Burschen in blauem Hemde vernahm: dies war sein Faktotum und Modell, sein Farbenreiber und Dielenfeger, der den Fußboden allerdings mit seinen Stiefeln stets wieder zu beschmutzen pflegte, während er ihn fegte. Der Bursche hieß Nikita und brachte während der Abwesenheit seines Herren die ganze Zeit vor dem Tore zu. Nikita gab sich lange Zeit große Mühe, das Schlüsselloch zu finden, das infolge der Dunkelheit kaum zu sehen war. Endlich wurde die Tür geöffnet. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, das, wie bei den meisten Künstlern, unerträglich kalt war, ein Umstand, den sie allerdings im allgemeinen nicht bemerken. Ohne Nikita seinen Mantel zu übergeben, begab er sich in sein Atelier, einen großen, aber niedrigen quadratischen Raum mit zugefrorenen Fensterscheiben, der mit allerlei künstlerischem Plunder, Stücken von Gipshänden, Keilrahmen, angefangenen und wieder weggeworfenen Skizzen und bunten, auf Tischen und Stühlen liegenden Draperieen angefüllt war. Er war äußerst müde, legte den Mantel ab, stellte zerstreut das mitgebrachte Porträt zwischen zwei andere Bilder und warf sich auf einen schmalen Diwan, von dem man nicht behaupten konnte, daß er mit Leder bezogen war, denn die Messingknöpfe, die es einst befestigt hatten, residierten in stolzer Selbständigkeit. Das Gleiche ließ sich von dem Leder behaupten, sodaß Nikita seine schwarzen Socken, Hemden und allerlei schmutzige Wäsche darunter aufbewahren konnte. Nachdem er ein wenig auf ihm gesessen und gelegen, soweit hier von Liegen die Rede sein konnte, und sich genügend ausgeruht hatte, fragte er endlich nach einer Kerze.

„Wir haben keine Kerze mehr!“ sagte Nikita.

„Weshalb nicht?“

„Es war doch schon gestern keine da,“ sagte Nikita. Der Künstler erinnerte sich in der Tat, daß es auch gestern keine Kerze mehr gab, beruhigte sich und schwieg still. Er ließ sich auskleiden und zog hierauf seinen schon arg verschlissenen Schlafrock an.

„Der Wirt ist wieder dagewesen!“ fuhr Nikita fort.

„So! Er kam wegen des Geldes!“ meinte der Künstler mit wegwerfender Miene.

„Aber er war nicht allein da,“ sagte Nikita.

„Wer denn noch?“

„Ich weiß nicht, wer. Irgend so ein Polizeibeamter.“

„Wozu denn ein Polizeibeamter?“

„Ich weiß nicht, wozu! Er meinte, weil die Wohnung noch nicht bezahlt ist.“

„Nun, und was soll daraus werden?“

„Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Er meinte, wenn er nicht zahlen will, so soll er doch ausziehen! Sie wollten beide morgen wiederkommen.“

„Mögen sie nur kommen!“ sagte Tschartkow mit trauriger Gleichgültigkeit, und eine melancholische Regenstimmung bemächtigte sich seiner.

Der junge Tschartkow war ein Künstler, dessen Talent zu manchen Hoffnungen berechtigte. In Augenblicken der Inspiration zeigte sein Pinsel scharfe Beobachtungsgabe, tiefes Verständnis und einen heißen Drang, der Natur nahe zu kommen. „Sieh, sieh, Bruder,“ sagte ihm mehr als einmal sein Professor, „du hast Talent. Es wäre eine Sünde, wenn du es zugrunde richten wolltest. Aber du hast keine Geduld. Irgend etwas lockt dich, dir gefällt etwas, und du bist gleich davon hingerissen, alles übrige ist dir dann Quark, hat für dich keinen Wert mehr, du willst es dir garnicht einmal anschaun ... sieh dich nur vor, daß aus dir nicht etwa ein moderner Maler wird. Deine Farben sind schon jetzt etwas zu scharf und zu schreiend; deine Zeichnung ist nicht mehr streng und manchmal geradezu schwach ... Die Linie verschwimmt, du trachtest schon nach modernen Beleuchtungseffekten und willst nur das wiedergeben, was dem ersten besten in die Augen springt. Nimm dich in acht, daß du nicht etwa in die Manier der Engländer verfällst! ... Gieb acht, die große Welt beginnt dich bereits zu reizen. Ich habe schon manchmal eine stutzerhafte Krawatte bei dir bemerkt oder einen gebügelten Hut ... ich weiß ja, wie verlockend es ist, für Geld Bilder nach dem Geschmack der Mode zu malen. Aber daran geht ein Talent zugrunde, anstatt daß es ihm Förderung einträgt. Hab Geduld, beschäftige dich sorgfältig mit jeder Arbeit, laß ab vom Dandytum ... Mögen doch andere dem Gelde nachjagen ... dein Vermögen wird dir trotzdem nicht entgehen.“

Der Professor hatte zum Teil recht. Manchmal mochte unser Maler in der Tat etwas über die Stränge schlagen, es den Gecken gleichtun, mit einem Wort: zeigen, daß auch er eigentlich noch recht jung war. Aber bei alledem verstand er es auch, sich zu zügeln. Bisweilen konnte er, wenn er an seine Arbeit gegangen war, alles vergessen, und er riß sich nicht anders von ihr los als wie von einem herrlichen Traume. Sein Geschmack wurde immer subtiler; noch erfaßte er nicht die ganze Tiefe Raffaels, doch wurde er von der raschen, breiten Pinselführung Guidos hingerissen, er blieb vor den Porträts Tizians stehen und begeisterte sich an der vlämischen Schule. Noch war der dunkle Schleier, der die alten Bilder verhüllt, nicht ganz vor ihm geschwunden, aber schon vermochte er ihn hin und wieder mit seinem Blicke zu durchdringen, obgleich er dem Professor innerlich nicht beistimmte, daß die alten Meister für uns so durchaus unerreichbar wären. Ihm schien es sogar, daß das neunzehnte Jahrhundert sie in mancher Beziehung bedeutend überholt hätte, daß die Nachbildung der Natur recht häufig intensiver, lebendiger, treuer geworden war, kurz, er dachte in diesem Falle genau so wie gewöhnlich die Jugend denkt, die schon einiges zu verstehen beginnt und es mit Stolz und Selbstbewußtsein empfindet. Manchmal wurde er ärgerlich, wenn er sah, wie ein zugereister Maler, ein Franzose oder etwa ein Deutscher, der oft genug garnicht einmal ein Maler von Beruf war, nur durch gewohnheitsmäßige Routine, flotte Pinselführung und schreiende Farben allgemeines Aufsehen erregte und sich in einem Augenblick ein ganzes Kapital erwarb. Solche Gedanken kamen ihm, nicht wenn er, ganz von seiner Arbeit absorbiert, Essen, Trinken und die ganze Welt vergaß, sondern nur dann, wenn die Not ihn zu arg bedrängte, wenn er keine Kopeke mehr hatte, um sich Pinsel und Farben zu kaufen und wenn der aufdringliche Wirt zehnmal am Tage kam, um die Miete für die Wohnung von ihm zu verlangen. Dann malte sich wohl in seiner hungrigen Phantasie in angenehmem Lichte das Leben eines reichen Malers, dann spielte er sogar mit dem Gedanken, der so oft das Hirn eines Russen überfällt, alles im Stich zu lassen und sich aus Gram und allem zum Trotz dem Trunk zu ergeben. Und nun war er wieder einmal in einer solchen Lage.

„Ja, hab Geduld, hab nur Geduld!“ wiederholte er verdrießlich; „aber schließlich hat auch die Geduld ihr Ende. Hab Geduld, und womit soll ich denn eigentlich morgen das Mittagsessen bezahlen? Stunden wird es mir niemand, und wenn ich auch alle meine Bilder und Zeichnungen verkaufen wollte, so würde man mir doch für sie alle zusammen noch keine zwanzig Kopeken geben. Sie sind mir wohl von Nutzen gewesen, gewiß, ich fühle es! An keinem von ihnen habe ich umsonst gearbeitet; aus jedem habe ich etwas gelernt. Aber was frommt mir das? Es sind Skizzen, Versuche ... und das werden sie immer bleiben, immer nur Skizzen, Versuche ... Und wer, der nicht zufällig meinen Namen kennt, wird sie denn kaufen mögen? Wer bedarf denn eigentlich dieser Zeichnungen nach der Antike, dieser Naturstudien oder gar meiner unbeendigten „Psyche“? Wen interessiert dieser Ausblick aus meinem Zimmer oder das Porträt meines Nikita, wenn es auch wirklich besser ist, als die Arbeiten irgend eines Modemalers? Und weshalb das alles? Weshalb quäle ich mich ab und plage ich mich, wie ein Schüler mit dem Abc, wo ich doch nicht weniger berühmt sein, als die andern und gleich ihnen Geld verdienen könnte.“

Bei diesen Worten zitterte und erblaßte der Maler plötzlich. Ein krampfhaft verzerrtes Gesicht starrte ihn von der Leinwand her — sich weit vorbeugend — an; zwei schreckliche Augen richteten sich auf ihn, als ob sie ihn verzehren wollten. Die Lippen schienen ihn bedeuten zu wollen, er solle schweigen. Erschrocken wollte er aufschreien und Nikita rufen, der bereits in seinem Vorzimmer schnarchte wie ein zweiter Polyphem. Aber plötzlich blieb er stehen und lachte. Das Gefühl der Angst verließ ihn einen Augenblick; es war das von ihm gekaufte Porträt, das er ganz vergessen hatte. Der Mondschein, in den das ganze Zimmer getaucht war, beleuchtete auch das Bild und teilte ihm eine sonderbare Lebendigkeit mit. Er fing an, es zu betrachten und zu reinigen. Er benetzte einen Schwamm mit Wasser, fuhr einige Mal mit ihm über die Fläche, wusch den dicken und fest an ihm klebenden Staub und Schmutz herunter, hängte es vor sich an die Wand hin und war über dieses ungewöhnliche Werk noch mehr erstaunt als vorher. Das ganze Gesicht schien Leben zu bekommen und die Augen blickten ihn so an, daß er erzitterte, zurückwich und ganz verdutzt sagte: „Er sieht mich an, er blickt mich mit Menschenaugen an!“ Tschartkow mußte plötzlich an eine Geschichte denken, die er einmal von seinem Professor über ein Bildnis des berühmten Lionardo da Vinci gehört hatte, jenes Bildnis, das der große Meister, trotzdem er mehrere Jahre daran gearbeitet hatte, doch noch immer für unvollendet ausgab, und das nach Vasaris Worten dennoch von allen für das vollkommenste und vollendetste Kunstwerk erklärt wurde. Am hervorragendsten waren daran die Augen, die in höchstem Maße die Bewunderung aller Zeitgenossen hervorriefen. Selbst die winzigsten, kaum sichtbaren Äderchen waren berücksichtigt und auf die Leinwand gebannt, aber hier, bei diesem jetzt vor ihm hängenden Porträt, war es noch sonderbarer. Das war keine Kunst mehr; es störte sogar die Harmonie des Bildes. Das waren lebendige, menschliche Augen. Es schien, als wären sie einem lebenden Antlitze entnommen und in dieses Bildnis eingesetzt. Das hatte nichts mehr mit jenem hohen Genuß zu tun, den die Seele angesichts eines Kunstwerkes empfindet, wie entsetzlich auch der dargestellte Gegenstand sein mag. Des Beschauers bemächtigte sich vielmehr nur ein krankhaftes quälendes Gefühl.

„Was ist das?“ fragte sich der Künstler unwillkürlich. „Das ist doch in der Tat Natur, lebendige Natur! Woher also dieses seltsame, unangenehme Gefühl? Oder wäre die sklavische, peinliche Naturnachahmung an sich schon ein Vergehen, wirkte sie wie ein greller unharmonischer Ton? Oder erscheint der Gegenstand, wenn man gefühllos, gleichgültig, ohne innere Anteilnahme an ihn herantritt, stets nur in seiner abschreckenden Wirklichkeit — ohne jenen Glanz eines gewissen, unbegreiflichen, überall verborgenen Gedankens? — in jener Wirklichkeit, die sich offenbart, wenn wir uns, mit einem anatomischen Messer bewaffnet, einem Menschen nahn, in der Erwartung, etwas Herrliches zu schaun, sein Inneres bloßlegen und eines Ungeheuers gewahr werden? Warum erscheint denn die einfache gemeine Natur bei einem Künstler in einer gewissen Verklärung — und man erhält keinen gemeinen Eindruck? Im Gegenteil! es scheint einem, als hätte man einen großen Genuß gehabt, und alles fließt und bewegt sich ruhiger und gleichmäßiger um einen herum. Und warum erscheint ebendieselbe Natur bei einem anderen Künstler niedrig und schmutzig, während doch auch er der Natur treu blieb? Es fehlt ihm eben das Etwas, das sie verklärt. Ganz wie eine Landschaft, so herrlich sie auch sein mag, doch unvollkommen erscheint, wenn kein Sonnenstrahl sie erleuchtet.“

Er näherte sich aufs neue dem Porträt, um diese wunderbaren Augen zu betrachten, und sah wieder mit Entsetzen, daß sie ihn wirklich anstarrten. Das war keine Kopie nach der Natur mehr, das war jene entsetzliche Lebhaftigkeit die dem Gesicht eines dem Grabe entstiegenen Toten Leben gegeben hätte. War es der Mondschein, der Wahngebilde und Träume mit sich brachte und jedem Ding eine andre Form verlieh als das nüchterne positive Tageslicht? Oder war etwas anderes die Ursache? Es wurde ihm — er wußte selbst nicht warum — ängstlich und bang zumute, er fürchtete sich, allein im Zimmer zu bleiben. Er trat leise vom Porträt zurück, wandte sich nach der andern Seite und bemühte sich, es nicht anzublicken; inzwischen aber schielte sein Auge dennoch ganz wie von selbst unwillkürlich nach ihm hin. Schließlich verursachte ihm sogar die Regelmäßigkeit, mit der er das Zimmer durchmaß, Unruhe. Es war ihm, als folgte ihm immer jemand, und jedesmal sah er sich scheu um. Jede Feigheit lag ihm fern, aber seine Einbildungskraft und seine Nerven waren sehr feinfühlig, und an diesem Abend konnte er sich seine instinktive Furcht selbst nicht erklären. Er setzte sich in eine Ecke, aber auch hier hatte er das Gefühl, als werde ihm gleich jemand über die Achsel in das Gesicht schaun. Selbst Nikitas Schnarchen, das aus dem Vorzimmer herüberdrang, vermochte nicht, seine Angst zu verscheuchen. Endlich erhob er sich zaghaft, ohne die Augen zu erheben, von seinem Platze, begab sich hinter die spanische Wand und legte sich in sein Bett. Durch eine Spalte sah er das vom Monde bestrahlte Zimmer und das ihm gerade gegenüber an der Wand hängende Porträt. Noch bedeutsamer heftete es jetzt die Blicke auf Tschartkow, als suchte es niemand anders als ihn. Voller Unruhe entschloß er sich, sein Lager zu verlassen, er ergriff ein Laken, trat an das Porträt heran und hüllte es in das Betttuch ein.

Nachdem er dies getan hatte, legte er sich ruhig wieder zu Bett und begann über die Armut, über das erbärmliche Schicksal des Künstlers, über den Dornenweg, der ihn in dieser Welt erwartet, nachzudenken, unterdessen aber blickten seine Augen unwillkürlich durch die Spalte der spanischen Wand nach dem vom Betttuch verhüllten Porträt. Der Mondenschein ließ das Weiß des Lakens noch heller erscheinen, und es kam Tschartkow so vor, als schimmerten die schrecklichen Augen schon durch das Leinentuch hindurch. Furchtsam starrte er hin, als wollte er sich davon überzeugen, daß es sich um eine Illusion handelte. Aber jetzt ... tatsächlich ... jetzt steht es vor ihm ... er sieht es, sieht es ganz klar. Das Laken ist nicht mehr vorhanden. Das Porträt steht ganz frei da und schaut ihn über alles hinweg unverwandt an, späht geradezu in sein Inneres hinein. Es wurde ihm kalt ums Herz, ... doch da sieht er mit einem Male, wie der Greis sich bewegt, sich plötzlich mit beiden Händen auf den Rahmen stützt, sich emporreckt und beide Beine herausstreckend, aus dem Rahmen springt. Durch den Spalt des Bettschirmes war nur noch ein leerer Rahmen wahrzunehmen. Die Schritte hallten im Zimmer wider und näherten sich immer mehr dem Schirme. Das Herz des armen Künstlers begann stärker zu pochen. Während er vor Angst kaum zu atmen wagte, schien er darauf gefaßt zu sein, daß der Greis gleich den Kopf nach ihm hinter den Schirm strecken würde. Und in der Tat, jetzt beugte sich sein bronzefarbenes Antlitz mit den großen rollenden Augen über ihn. Tschartkow versuchte voller Qual aufzuschrein, bemerkte jedoch, daß ihm der Ton in der Kehle stecken blieb; er versuchte sich zu rühren, irgend eine Bewegung auszuführen. Jedoch die Glieder versagten ihren Dienst. Mit offenem Munde und stockendem Atem betrachtete er dieses furchtbare, hochgewachsene, in ein weites asiatisches Gewand gehüllte Phantom und wartete ab, was es tun würde. Der Greis ließ sich am Fußende des Lagers nieder und zog etwas aus den Falten seines Kleides hervor. Es war ein Geldbeutel. Er schnürte ihn auf, packte ihn an den beiden Endzipfeln, schüttelte ihn ... und mit dumpfem Geräusch fielen schwere Rollen, die wie längliche Säulchen aussahen, auf den Boden; jede war in blaues Papier eingeschlagen und trug die Aufschrift: „Tausend Dukaten“. Seine langen knochigen Finger aus den weiten Ärmeln herausstreckend, begann der Alte, die Rollen zu öffnen, aus denen ihm das Gold entgegenglänzte. Mit wie tödlicher Qual auch der Alpdruck auf dem Künstler lastete, er war doch von dem Anblicke des Goldes ganz hingerissen und beobachtete unverwandt, wie die knochigen Hände es aufrollten, wie es glänzte, fern und dumpf klirrte und wie der Alte es dann wieder einhüllte. Plötzlich bemerkte er eine Rolle, die abseits von den anderen unter sein Bett gefallen war; fast krampfhaft ergriff er sie und spähte voller Furcht danach, ob sie der Alte nicht etwa vermißte. Der Greis schien jedoch sehr beschäftigt zu sein. Er suchte alle seine Rollen zusammen, legte sie wieder in den Beutel und trat, ohne ihn zu beachten, hinter der spanischen Wand hervor. Tschartkows Herz schlug heftig, als er hörte, wie sich die Schritte im Zimmer immer mehr und mehr von ihm entfernten. Er umschloß die Rolle in seiner Hand mit kräftigerem Drucke und erzitterte am ganzen Körper, als er plötzlich vernahm, wie sich die Schritte wieder dem Schirme näherten. Offenbar war der Alte gewahr geworden, daß ihm eine Rolle fehlte, und so spähte er denn auch zu ihm hinter die Wand. Voller Verzweiflung hielt der Künstler die Rolle krampfhaft in seiner Hand fest, machte eine ungeheure Anstrengung, sich zu bewegen, schrie auf und erwachte.

Kalter Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Sein Herz schlug so stark, wie es nur schlagen konnte. Die Brust war wie eingeschnürt, wie wenn sie den letzten Atemzug getan hätte. „War es denn wirklich ein Traum?“ sagte er, indem er sich mit beiden Händen an den Kopf faßte. Aber die furchtbare Lebhaftigkeit der Erscheinung widersprach dieser Annahme. Hatte er doch, nachdem er bereits erwacht war, gesehen, wie der Alte in den Rahmen hineinschlüpfte; sogar ein Zipfel seines weiten Gewandes flatterte noch vor ihm her, und seine Hand spürte deutlich, daß sie noch vor einer Minute irgend einen schweren Gegenstand gehalten hatte. Der Mondschein überflutete das Zimmer und ließ bald eine Staffelei, bald eine fertige Haube, bald eine auf dem Stuhl vergessene Draperie, bald ein Paar ungeputzte Stiefel in den finsteren Ecken hervortreten. Erst jetzt bemerkte Tschartkow, daß er nicht im Bette lag, sondern dicht vor dem Porträt auf seinen beiden Beinen stand. Wie er hierhin gelangt war, das konnte er sich auf keine Weise erklären. Noch mehr aber setzte ihn der Umstand in Erstaunen, daß das Porträt unverhüllt war — das Laken fehlte tatsächlich! — Regungslos und voller Angst starrte er es an und sah, wie sich zwei lebendige, menschliche Augen unverwandt auf ihn richteten. Kalter Schweiß bedeckte sein Antlitz. Er wollte fliehen, fühlte aber, daß seine Füße wie angewurzelt waren. Und nun sieht er — es ist kein Traum! — wie die Züge des Greises Bewegung gewinnen und seine Lippen sich ihm entgegenspitzen, als wollten sie sich an ihn festsaugen. Mit einem Schrei der Verzweiflung sprang er zurück und erwachte.

„War auch das nur ein Traum?“ fragte er sich und tastete mit den Händen um sich, während sein Herz zum Zerspringen klopfte. Ja, er lag noch genau in jener Lage, in der er eingeschlafen war, auf dem Bett. Vor ihm stand der Schirm, das Zimmer war vom Mondschein erfüllt, und durch den Spalt der spanischen Wand konnte er noch das sorgfältig mit dem Laken verhüllte Porträt sehen, genau so, wie er es selbst verhüllt hatte. Folglich hatte er wieder geträumt; aber die geballte Faust hatte noch immer die Empfindung, daß sie irgend etwas umschlossen hielt. Sein Herz klopfte stark und schrecklich. Das Gefühl, als lastete etwas auf seiner Brust, war unerträglich. Er spähte durch den Spalt und betrachtete unverwandt das Laken. Und nun sieht er klar und deutlich, wie dieses allmählich heruntergleitet, als ob sich zwei Hände unter ihm bewegten und sich bemühten, es abzustreifen. „Herr Gott, was ist denn das?“ rief er voller Verzweiflung, bekreuzigte sich und erwachte.

War auch dies ein Traum? Er sprang halb wahnsinnig, besinnungslos aus dem Bett, unfähig, zu begreifen, was denn eigentlich mit ihm geschehen war: ob ein Alpdrücken oder ein Spuk, ein Fieberwahn oder eine lebendige Erscheinung ihn gequält hatte. In der Absicht, die seelische Erregung und das stürmende Blut, das heftig durch all seine Adern rollte, zu stillen, trat er ans Fenster und öffnete es halb. Ein kalter Windstoß von außen her brachte ihn wieder zu sich. Der Mond bestrahlte noch immer die Dächer und die weißen Mauern, wenn auch jetzt hin und wieder kleine Wölkchen über den Himmel glitten. Alles war still. Nur selten drang das ferne Rasseln einer Mietsdroschke an das Ohr, deren Kutscher, in Erwartung eines verspäteten Fahrgastes, von seiner faulen Mähre eingewiegt, in irgend einer versteckten Gasse schlummerte. Lange schaute Tschartkow zum Fenster hinaus. Schon zeigten sich am Himmel die Anzeichen der nahenden Morgenröte; endlich fühlte er das Bedürfnis zu schlafen, er schlug das Fenster zu, entfernte sich, legte sich ins Bett und schlief bald fest ein wie ein Toter.

Er erwachte sehr spät und hatte jenes unangenehme Gefühl, das einen Menschen nach einer Kohlendunstvergiftung überfällt. Sein Kopf schmerzte ihn heftig. Im Zimmer war es trübe; eine unangenehme Feuchtigkeit erfüllte die Luft und drang durch die Spalten seiner Fenster, die mit Bildern oder grundierten Keilrahmen verstellt waren. Mürrisch und unzufrieden wie ein begossener Hahn setzte er sich auf seinen verschlissenen Diwan, ohne zu wissen, was er beginnen, was er tun sollte, und überdachte schließlich seinen ganzen Traum. Dabei wirkte dieser in der Erinnerung so stark auf ihn, daß er sich sogar dem Argwohn hingab, vielleicht hätte ihn doch nicht nur ein einfacher Traum oder eine Wahnidee heimgesucht, sondern irgend etwas anderes, — etwa eine Vision. Er schob das Laken zurück und betrachtete nun dieses schreckliche Porträt beim hellen Tageslicht. Die Augen wirkten in der Tat durch ihr ungewöhnliches Feuer ganz erstaunlich; und doch konnte er nichts Schreckliches an ihnen entdecken, nur blieb in seiner Seele eine unbestimmte, unerklärliche, peinigende Empfindung zurück. Trotzdem aber wollte er nicht recht daran glauben, daß es lediglich ein Traum gewesen war. Es schien ihm, als enthielte seine Vision ein entsetzliches Bruchstück der Wirklichkeit. Er hatte das Gefühl, als ob ein Etwas im Blick und im Gesichtsausdruck des Greises ihm zuflüsterte, daß er diese Nacht bei ihm gewesen sei. Seine Hand empfand noch den Druck, wie wenn eine andere sich erst kurz vorher von ihr losgerissen hätte, und er kam zur Überzeugung, daß die Rolle auch nach dem Erwachen noch in seiner Hand gewesen wäre, wenn er sie nur fester gehalten hätte.

„Herrgott! wenn mir doch nur ein Teil dieses Geldes gehörte!“ sagte er, indem er tief aufseufzte, und er glaubte zu sehen, wie alle Rollen mit der verlockenden Aufschrift „Tausend Dukaten“, die er im Traum erblickt hatte, aus dem Beutel herausfielen. Sie öffneten sich, das Gold glänzte und funkelte vor seinen Augen und wurde dann wieder eingewickelt, er aber verharrte unbeweglich und wie von Sinnen, in die leere Luft starrend, völlig unfähig, sich von diesem Gegenstande loszureißen, wie ein Kind, das vor einer süßen Speise sitzt und, während ihm das Wasser im Munde zusammenläuft, zusehen muß, wie sie von anderen verzehrt wird.

Da wurde plötzlich heftig an die Tür gepocht, was ihn wieder auf unangenehme Weise in die Wirklichkeit zurückversetzte. Der Wirt trat ein, und mit ihm der Polizeikommissar, dessen Erscheinen auf kleine Leute bekanntlich noch widerwärtiger wirkt als das Gesicht eines Bettlers auf einen Reichen. Der Wirt des kleinen Hauses, in dem Tschartkow lebte, war eins jener Wesen, die irgendwo in der 15. Linie der Wassilij-Insel, im Petersburger Viertel oder in einer entfernteren Ecke von Kolomna ein Häuschen besitzen — ein Geschöpf, deren es in Rußland noch viele gibt und deren Charakter ebenso schwer zu bestimmen ist, wie die Farbe eines abgetragenen Rockes. In seiner Jugend war er Hauptmann der Infanterie und ein rechter Bramarbas gewesen, war aber auch in Zivilangelegenheiten verwandt worden: ein Meister im Prügeln, behend, geckenhaft und dumm; nun aber, wo er alt geworden war, vereinigten sich alle diese hervorstechenden Eigenheiten zu einer gewissen undeutlichen Verschwommenheit. Jetzt war er Witwer und hatte schon seinen Abschied genommen; daher vernachlässigte er sein Äußeres, er prahlte nicht mehr so unverschämt, war nicht mehr so arrogant und liebte es nur, Tee zu trinken und dabei allerlei Unsinn zusammenzuschwatzen; er ging beständig im Zimmer auf und ab, putzte die Talgkerze, besuchte pünktlich nach Ablauf jedes Monats seine Mieter wegen des Mietzinses, trat öfters mit dem Schlüssel in der Hand auf die Straße hinaus, um einen Blick auf das Dach seines Hauses zu werfen, und vertrieb seinen Portier beständig aus seiner Kammer, in der dieser gewöhnlich sein Lager aufschlug: mit einem Wort, es war einfach ein Mann im Ruhestande, der nach einem langen liederlichen Leben, währenddessen er so oft strapaziöse Reisen in Postkutschen machen mußte, nichts zurückbehalten hatte als ein paar platte Gewohnheiten.

„Sehen Sie doch selbst, Waruch Kusmitsch!“ meinte der Wirt, indem er sich an den Polizeikommissar wandte und mit den Armen eine bezeichnende Geste vollführte; „er bezahlt die Wohnung nicht, er zahlt nun einmal nicht!“

„Was soll ich denn machen, wenn ich kein Geld habe? Warten Sie doch nur, ich werde schon bezahlen!“

„Ich kann nicht warten, Väterchen,“ erwiderte der Wirt heftig und klopfte mit dem Schlüssel, den er in der Hand hielt, auf den Tisch. „Der Oberstleutnant Potogonkin wohnt schon sieben Jahre lang in meinem Hause; Anna Petrowna Buchmisterowa hat mir eine Scheune und einen Stall für zwei Pferde abgemietet: eine Frau, die drei Dienstboten hat! Da sehen Sie, was für Mieter ich habe. Offengestanden, bei mir ist es nicht Sitte, daß man mir den Zins schuldig bleibt. Wollen Sie sofort das Geld bezahlen und dann die Wohnung räumen.“

„Ja, wenn Sie sich dazu verpflichtet haben, dann müssen Sie auch zahlen,“ meinte der Polizeikommissar, indem er leicht den Kopf schüttelte und den Zeigefinger zwischen zwei Knöpfe seines Uniformrockes steckte.

„Aber womit soll ich denn bezahlen? Das ist doch eben die Frage. Ich verfüge jetzt noch nicht über einen Pfennig.“

„In diesem Falle müssen Sie Iwan Iwanowitsch durch die Erzeugnisse Ihrer Kunst sicherstellen,“ meinte der Kommissar. „Er wird vielleicht damit einverstanden sein, sich die Miete in Bildern bezahlen zu lassen.“

„Nein, Väterchen, ich danke schön für die Bilder! Wären es noch Gemälde von vornehmem Inhalt, so daß man sie an die Wand hängen könnte, ... etwa ein General mit einem Stern, oder ein Porträt des Fürsten Kutusow! Aber da malt er sich hier einen Bauern im Hemde hin, seinen Diener, der ihm die Farben reibt! Noch ein Bild von dem Schwein zu malen! Ich werde ihm den Buckel vollhauen! Er hat mir alle Nägel aus den Riegeln herausgezogen. Dieser Schuft! Sehen Sie nur, was für Gegenstände er sich wählt. Da malt er sein Zimmer! Hätte er noch wenigstens eine saubere, aufgeräumte Stube genommen! Aber wie das hier gemalt ist! Mit dem ganzen Schmutz und Dreck, der überall herumliegt! Sehen Sie mal, wie er mir das Zimmer versaut hat! Wollen Sie doch selbst sehen. Bei mir wohnen die Mieter sieben Jahre lang, ein Oberst und Frau Buchmisterowa, Anna Petrowna ... Wahrhaftig, ich muß Ihnen gestehen, es gibt keinen schlimmeren Mieter als einen Maler ... Der lebt wie ein Schwein! ... Einfach wie ein ..., Gott soll mich davor bewahren!“

Und dies alles mußte der arme Maler geduldig anhören. Der Polizeikommissar beschäftigte sich inzwischen mit der Prüfung der Bilder und Skizzen und bekundete hierbei, daß er eine lebendigere Seele hatte als der Wirt, und sogar für künstlerische Eindrücke nicht ganz unempfänglich war.

„He,“ sagte er, während er mit dem Finger gegen eine Leinwand klopfte, auf der ein nacktes Frauenzimmer dargestellt war, „dieser Gegenstand ist ja recht pikant, ... und dieser Kerl hier, weshalb ist denn der so schwarz unter der Nase? Hat er sich etwa mit Tabak beschmutzt? Wie?“

„Das ist ein Schatten!“ antwortete Tschartkow herb und ohne ihn anzusehen.

„Nun, den könnte man auch wo anders hinsetzen! Unter der Nase fällt es doch gar zu sehr auf,“ sagte der Kommissar. „Und wessen Porträt ist dies hier?“ fuhr er fort, indem er sich dem Bilde des Greises näherte. „Der ist ja entsetzlich! War er denn wirklich so schrecklich? Mein Gott, der starrt einen ja geradezu an! Sieh einmal, was für Blitze der schleudert! Wer hat Ihnen denn dazu Modell gesessen?“

„Ach, das ist ein ...,“ sagte Tschartkow, doch er sprach den Satz nicht zu Ende.

Man vernahm ein Krachen ... Der Kommissar hatte offenbar infolge des ungeschlachten Baues seiner polizeilichen Hände den Rahmen des Bildes zu fest angepackt. Die Leisten an der Seite waren eingedrückt, die eine fiel auf den Boden, und mit ihr flog klirrend eine in blaues Papier gehüllte Rolle heraus. Die Aufschrift „Tausend Dukaten“ sprang Tschartkow in die Augen. Wie wahnsinnig stürzte er herbei, um sie aufzuheben, ergriff die Rolle und umschloß sie krampfhaft mit einer Hand, die sich mit der schweren Last herabsenkte.

„Es klang doch hier wie Geld!“ sagte der Kommissar, der etwas Klirrendes hatte auf den Boden fallen hören und den die Schnelligkeit, mit der Tschartkow herbeistürzte, daran hinderte, genau zu erkennen, was es war.

„Und was geht Sie das an? Was brauchen Sie zu wissen, was ich hier habe?“

„Das geht mich deshalb was an, weil Sie dem Wirt sofort die Miete zahlen müssen! Weil Sie Geld haben, aber nichts zahlen wollen!“

„Also gut, ich werde ihn heute bezahlen!“

„Warum wollten Sie dann aber nicht schon früher bezahlen? Wozu mußten Sie den Wirt beunruhigen und die Polizei belästigen?“

„Weil ich dieses Geld nicht angreifen möchte! Ich werde ihm heute abend alles bezahlen und sofort die Wohnung räumen, weil ich bei einem solchen Wirte nicht mehr bleiben will.“

„Nun also, Iwan Iwanowitsch, er wird Ihnen alles bezahlen,“ sagte der Kommissar, sich an den Wirt wendend. „Wenn es sich jedoch herausstellt, daß Sie heute abend nicht gebührend befriedigt werden, dann sollte es mir sehr leid tun, Herr Maler!“

Sprach’s, setzte seinen Dreispitz auf und ging zum Flur hinaus. Der Wirt folgte ihm mit gesenktem Kopf und anscheinend etwas nachdenklich auf dem Fuße.

„Gott sei Dank, der Teufel hat sie geholt!“ sagte Tschartkow, als er hörte, daß die Tür des Vorzimmers sich hinter ihnen geschlossen hatte. Er warf noch einen Blick in den Flur, schickte Nikita fort, um ganz allein zu bleiben, schloß die Tür hinter ihm ab und begann, nachdem er wieder in sein Zimmer zurückgekehrt war, unter heftigem Herzklopfen die Rolle zu öffnen. Wahrhaftig! sie enthielt lauter glänzende Dukaten, die alle ohne Ausnahme neu geprägt waren und wie Feuer funkelten! — Wie wahnsinnig hockte er über dem Goldhaufen und fragte sich immer und immer wieder: „Ist das alles nicht doch nur ein Traum?“ Die Rolle enthielt genau tausend Goldstücke. Äußerlich glichen sie völlig denen, die er im Traum gesehen hatte. Einige Minuten wühlte er prüfend in ihnen herum und konnte sich noch immer nicht beruhigen. In seiner Phantasie lebten plötzlich alle Geschichten von Schätzen und Schatullen mit Geheimfächern auf, die vorsorgliche Ahnen ihren Enkeln in der sicheren Voraussicht ihres zukünftigen Ruins hinterlassen hatten. Er dachte sich: „Vielleicht hatte auch in diesem Falle irgend ein Großvater den Einfall, seinem Enkel ein Geschenk zu hinterlassen, indem er es in dem Rahmen eines Familienporträts verbarg.“ Voll von romantischen Vorstellungen fing er sogar an, darüber nachzudenken, ob nicht etwa zwischen diesem Vorfall und seinem Schicksale irgend eine geheime Verbindung bestände, ob nicht gar dieses Porträt irgendwie mit seinem Leben verknüpft wäre, und ob es nicht von einer geheimnisvollen Macht vorausbestimmt gewesen sei, daß er es erwerben sollte. Neugierig betrachtete er den Rahmen des Porträts. An einer Seite war eine Rinne ausgehöhlt, die so geschickt und unmerklich von einem Brettchen verdeckt wurde, daß die Dukaten hier bis in alle Ewigkeit ungestört verblieben wären, hätte nicht die gründliche Hand des Polizeikommissars dort einen Einbruch verübt. Er betrachtete das Porträt und bewunderte immer wieder die vollkommene Arbeit und die ungewöhnliche Zeichnung der Augen. Jetzt kamen sie ihm gar nicht mehr schrecklich vor, ließen jedoch noch immer ein unangenehmes Gefühl in seinem Innern zurück. „Nein,“ sagte er zu sich selbst, „wessen Großvater du auch sein magst, ich werde dich doch mit Glas bedecken und dir einen goldenen Rahmen anfertigen lassen.“ Hierbei ließ er die Hand auf den vor ihm liegenden Goldhaufen fallen und sein Herz begann infolge dieser Berührung heftig zu pochen. „Was nun tun?“ dachte er, während er die Blicke auf das Geld richtete. „Jetzt bin ich mindestens für drei Jahre gesichert, ich kann mich in meiner Mansarde einschließen und arbeiten. Jetzt habe ich Geld genug für Farben, Essen, Trinken, Tee, und für die sonstigen Lebensbedürfnisse sowie für die Wohnung. Stören und belästigen wird mich jetzt niemand mehr. Ich werde mir eine vorzügliche Gliederpuppe kaufen, werde mir einen Gipstorso bestellen, werde mir Füße modellieren lassen, eine Venus aufstellen, Stiche nach den besten Bildern anschaffen, und, wenn ich dann diese drei Jahre für mich allein ohne Übereilung und ohne an den Verkauf zu denken, arbeite, überhole ich alle meine Kollegen und kann ein tüchtiger Künstler werden.“

So sprach er im Einklang mit der Vernunft, die ihm diesen guten Vorsatz eingab. Aber aus seinem Inneren ertönte eine andere Stimme vernehmlicher und klangvoller, und als er noch einmal auf das Gold blickte, da erwachten ganz andere Gefühle in ihm: die Bedürfnisse seiner zweiundzwanzig Jahre, die Sehnsucht einer stürmenden Jugend! Jetzt war alles in seiner Macht, was er bisher nur mit neiderfüllten Augen angeschaut, was er nur von der Ferne bewundert hatte, während ihm das Wasser im Munde zusammenlief. Hei, wie ihm das Herz zu pochen begann, als er nur daran dachte, sich einen modernen Frack anzuziehn, nach dem langen Fasten endlich einmal über die Stränge zu schlagen, sich eine schöne Wohnung zu mieten und sich sogleich ins Theater und in eine Konditorei zu begeben. Er steckte das Geld in die Tasche und trat auf die Straße hinaus.

Vor allem ging er zum Schneider, ließ sich vom Kopf bis zu den Füßen neu einkleiden, wobei er sich unaufhörlich wie ein Kind anstaunte, kaufte Parfüms und Pomade, mietete sich — ohne lange zu handeln — eine vornehme Wohnung auf dem Newski-Prospekt mit Spiegeln und großen Fensterscheiben, erstand ebenfalls, ohne sich zu besinnen in einem Laden eine teure Lorgnette und eine Unmenge von Krawatten, — weit mehr als er überhaupt nötig hatte —, ließ sich von einem Friseur die Locken kräuseln, fuhr zweimal in einer eleganten Equipage ohne jeden Zweck durch die Stadt, aß sich in einer Konditorei an Konfitüren satt, und ging dann ins Restaurant „Zum Franzosen“, von dem er bis jetzt nicht mehr Ahnung hatte als von dem Reiche der Mitte. Dort speiste er stolz wie ein Spanier, warf hochmütige Blicke auf seine Mitgäste und strich sich vor dem Spiegel unaufhörlich die gebrannten Locken zurecht; er trank sogar eine Flasche Champagner, den er bis dahin ebenfalls nur vom Hörensagen kannte. Der Wein benebelte sein Hirn ein wenig, und so trat er denn animiert, angeheitert und keck oder wie man in Rußland zu sagen pflegt: „Selbst dem Teufel kein Bruder!“ auf die Straße. Wie ein Geck spazierte er den Bürgersteig entlang und warf nachlässige Blicke durch seine Lorgnette auf die Passanten; auf der Brücke gewahrte er seinen früheren Professor und huschte keck an ihm vorbei, als hätte er ihn gar nicht bemerkt, so daß der verdutzte Professor noch lange unbeweglich stehen blieb wie ein personifiziertes Fragezeichen ...

Alle seine Sachen und alles, was er noch besaß, die Staffelei, die Bilder, die Leinewand, hatte er noch am selben Abend in seine prachtvolle Wohnung bringen lassen; das Bessere stellte er an exponierten Stellen auf, das Minderwertige warf er in die Ecke; dann schritt er in den glänzenden Zimmern auf und ab wie ein Pfau, wobei er sich unaufhörlich im Spiegel betrachtete. In seiner Seele erwachte sofort das unüberwindliche Verlangen, den Ruhm bei den Haaren zu packen und sich der ganzen Welt zu zeigen. Schon war es ihm, als hörte er Rufe wie die folgenden: „Tschartkow! Tschartkow! Haben Sie das Bild von Tschartkow gesehen? Über was für eine rasche Pinselführung doch der Tschartkow verfügt! Was für ein mächtiges Talent dieser Tschartkow besitzt!“ Verträumt ging er wieder durch sein Zimmer und war bald in wer weiß welche Regionen entrückt. Gleich am andern Tage begab er sich mit einem Dutzend Dukaten zu dem Herausgeber eines vielgelesenen Blattes, um sich dessen großmütigen Beistand zu erbitten; er wurde von dem Journalisten, der ihn sofort „Geehrter Herr“ anredete, ihm beide Hände drückte, und sich eingehend nach seinem Vor- und Vatersnamen und nach seiner Adresse erkundigte, aufs gastfreundlichste empfangen, — und schon am nächsten Tage erschien in der Zeitung gleich hinter einer Ankündigung von neu in den Handel gebrachten Talgkerzen ein Artikel mit folgender Überschrift:

Ein ungewöhnliches Talent!
Der Maler Tschartkow.

Wir beehren uns, die gebildeten Einwohner der Hauptstadt mit einer — man kann ruhig sagen — in jeder Beziehung herrlichen und außerordentlichen Entdeckung zu erfreuen. Alle sind darin einig, daß wir viele bezaubernde Physiognomien und Gesichter von wunderbarer Schönheit besitzen, nur gab es bis jetzt kein Mittel, sie auf die wundertätige Leinewand zu übertragen und sie dadurch der Nachkommenschaft zu erhalten. Jetzt ist diesem Mangel abgeholfen. Ein Künstler ist uns erstanden, der alles in sich vereinigt, was uns not tut. Von nun ab darf jede Schönheit fest davon überzeugt sein, daß sie sich mit der ganzen Grazie ihres ätherischen, leichten, faszinierenden und wunderbaren Reizes im Porträt wiederfinden wird ... Der ehrwürdige Familienvater wird sich von seiner Familie umgeben erblicken, der Kaufmann, der Krieger, der Bürger, der Staatsmann können ihre glorreiche Laufbahn ruhig fortsetzen. Eilt, eilt alle von einem Fest, von einem Spaziergange, von einem Besuche bei einem Freunde, bei einer Kusine, oder aus einem eleganten Laden, eilt hin zu ihm, zu diesem großen Künstler. Das herrliche Atelier des Malers Newski-Prospekt Nr. .. steckt voller Porträts, die von seinem Pinsel herrühren und eines Van Dyck oder Tizian würdig sind. Man weiß nicht, worüber man sich mehr wundern soll: über den Realismus, die Ähnlichkeit mit den Originalen, oder über die ungewöhnliche Kraft und Frische der Pinselführung. Preis Dir, mein Künstler, Du hast das große Los gezogen. Vivat, Andrei Petrowitsch! (Der Journalist hatte anscheinend viel für das Familiäre übrig.) Bedecke Dich und uns mit ewigem Ruhme, wir wissen es wohl, Dich zu würdigen; allgemeines Aussehen, ein gewaltiger Zuspruch und zugleich damit Reichtum und Wohlstand — obwohl sich einige Journalisten aus unserer Mitte auch dagegen auflehnen werden — wird Dein Lohn sein.“

Mit heimlichem Vergnügen sah der Künstler diese Anzeige; sein Gesicht strahlte. In der Presse wurde über ihn geredet, das war etwas ganz Neues für ihn. Mehrere Male hintereinander überlas er die Zeilen. Der Vergleich mit Van Dyck und Tizian schmeichelte ihm sehr. Der Satz „Vivat Andrei Petrowitsch“ erweckte ebenfalls sein Wohlgefallen. Er wurde auf bedrucktem Papier mit Vor- und Vaternamen genannt, eine Ehrung, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte. Er begann rasch, im Zimmer auf- und abzugehen, und sich mit den Fingern durch die Haare zu fahren; bald setzte er sich in ein Fauteuil, bald sprang er wieder auf und ließ sich auf dem Diwan nieder, indem er sich fortwährend vorstellte, wie er die Besucher empfangen würde, dann trat er an eine Leinewand heran und pinselte keck darauf los, immer bestrebt, der Hand recht graziöse Bewegungen abzulocken.

Schon am folgenden Tage schellte es an der Türe, und er beeilte sich, sie zu öffnen. Eine Dame, in Begleitung eines Lakaien in einer pelzgefütterten Livree, und ihrer Tochter, eines jungen achtzehnjährigen Mädchens, betrat das Atelier.

„Sind Sie Monsieur Tschartkow?“ fragte die Dame. Der Künstler verneigte sich.

„Es wird soviel über Sie geschrieben; Ihre Porträts sollen der Gipfel der Vollkommenheit sein.“ Nach diesen einleitenden Worten bewaffnete die Dame ihr Auge mit einem Lorgnon und ließ die Blicke schnell über die nackten Wände gleiten. „Und wo sind Ihre Porträts?“

„Man hat sie soeben abgeholt,“ sagte der Künstler etwas verlegen. „Ich bin erst vor kurzem in diese Wohnung gezogen, und so kommt es, daß sie noch unterwegs sind ... sie sind noch nicht angekommen.“

„Waren Sie in Italien?“ fragte die Dame, indem sie ihr Lorgnon in Ermangelung eines andern Objektes für ihre Beobachtungen auf ihn selbst richtete.

„Nein, ich war nicht dort, ich hatte aber immer die Absicht ... Übrigens habe ich es jetzt aufgeschoben ... Bitte hier ist ein Fauteuil ... Sind Sie nicht müde?“

„Danke, ich habe sehr lange in meiner Equipage gesessen. Ah, hier! Endlich sehe ich eine Arbeit von Ihnen,“ sagte die Dame, während sie an die gegenüberliegende Wand eilte und ihr Lorgnon auf die dort lehnenden Skizzen, Perspektiven und Porträts richtete. „C’est charmant, Lise, venez-ici! Ein Zimmer im Stile von Teniers. Sieh doch diese Unordnung! Ein Tisch ... auf dem eine Büste steht, eine Hand, eine Palette ... Dieser Staub hier, siehst du, wie der Staub gemalt ist? C’est charmant! — Und hier eine andere Leinwand: eine Frau, die sich das Gesicht wäscht ... Quelle jolie Figure! ... Ach, ein Bäuerlein! Liese, Liese ... ein Bäuerlein im russischen Hemd. Schau her, ein Bäuerlein! ... Also Sie malen nicht nur Porträts?“

„O, das ist nur eine Bagatelle, ein Scherz! Lauter Skizzen!“

„Sagen Sie bitte, was halten Sie von den heutigen Porträtisten? Nicht wahr, es gibt jetzt keinen solchen mehr, wie Tizian? Keine solche Kraft in der Farbengebung ... Keine solche ... wie schade, daß ich es Ihnen nicht russisch sagen kann. (Die Dame war eine Liebhaberin der Malerei und hatte bewaffnet mit ihrem Lorgnon alle Galerien Italiens durchwandert.) Allerdings Monsieur Nohl! Ach, wie der malt! Was für eine ungewöhnliche Pinselführung! Ich finde, daß in seinen Gesichtern sogar noch mehr Ausdruck enthalten ist, als in denen Tizians. Kennen Sie Monsieur Nohl?“

„Wer ist dieser Nohl?“ fragte der Maler.

„Monsieur Nohl? oh, das ist ein Talent! Er hat meine Tochter gezeichnet, als sie noch zwölf Jahre alt war. Sie müssen unbedingt zu uns kommen — Liese, du wirst ihm dein Album zeigen! Wissen Sie, wir sind in der Meinung hierhergekommen, daß Sie sofort ein Porträt von Liese in Angriff nehmen würden.“

„Aber mit Vergnügen, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten.“ Sofort schob er die Staffelei mit einem präparierten Keilrahmen heran, nahm die Palette in die Hand und heftete den Blick auf das blasse Gesichtchen der Tochter. Wäre er ein Kenner der menschlichen Natur gewesen, er hätte in diesem Gesichte sogleich die ersten Spuren einer kindlichen Leidenschaft für Bälle, einer peinigenden Unzufriedenheit über die Länge der Zeit vor und nach dem Mittagessen, den Wunsch, sich in einem gewissen Kleide auf einem Gartenfest sehen zu lassen, die drückenden Folgen eines erheuchelten Eifers für die verschiedensten Künste, zu dem sie die Mutter zur Erbauung der Seele und Erhebung des Gefühls zwang, bemerkt. Allein der Künstler entdeckte in diesem zarten Antlitz nichts wie eine lockende Aufgabe für seinen Pinsel: eine fast porzellanartige Durchsichtigkeit des Körpers, ein entzückendes leichtes Vibrieren, ein dünnes, zartes Hälschen und eine aristokratische Zierlichkeit der Figur. Und er bereitete sich schon im voraus auf einen Triumph; endlich war die Gelegenheit da, den Schwung und den Glanz seines Pinsels, der sich bis dahin nur an den rohen Zügen ordinärer Modelle, an langweiligen Antiken und Kopien nach einigen klassischen Meistern versucht hatte, zu offenbaren. Und er stellte sich schon vor, wie dieses duftige Gesicht ihm von der Leinwand entgegenblicken werde.

„Wissen Sie,“ sagte die Dame mit einem fast rührenden Ausdruck, „ich möchte ... sie hat jetzt dieses Kleid an ... mir wäre es offengestanden lieber, daß sie ein Kleid trüge, an das wir schon gewöhnt sind. Es wäre mir lieb, wenn sie ganz einfach gekleidet wäre und im Schatten eines Baumes säße ... mit einer Wiese im Hintergrunde und mit der Aussicht auf eine weidende Herde oder einen Hain, ich möchte nicht, daß es so aussähe, als fahre sie irgend wohin zu einem Ball oder zu einer modischen Soirée ... Offengestanden, unsere Bälle töten die Seele so sehr und morden jeden letzten Rest eines Gefühls; Einfachheit, mehr Einfachheit! Nicht wahr?“ Doch ach, leider konnte man es sowohl der Mutter wie der Tochter vom Gesicht ablesen, daß sie sich alle beide auf allerhand Bällen so müde getanzt hatten, daß sie beinahe wie Wachs anzuschauen waren.

Tschartkow machte sich ans Werk, ordnete die Haltung seines Modells an, überlegte sich alles reiflich, nahm mit dem Pinsel das Maß, kniff das eine Auge ein wenig zu, warf den Kopf zurück, fixierte die junge Dame von weitem und begann zunächst eine Skizze zu entwerfen, die er in einer Stunde beendigte. Da er mit seiner Arbeit zufrieden war, machte er sich sofort an die eigentliche Ausführung. Das Schaffen riß ihn vollkommen hin, er hatte sogar schon die Gegenwart der aristokratischen Damen vergessen, kehrte hin und wieder zu seinen Bohèmegepflogenheiten zurück, indem er sich durch einige Ausrufe anfeuerte, und machte zuweilen halblaute Bemerkungen, wie es so die Art eines Künstlers ist, wenn er sich mit ganzer Seele seinem Werke hingibt. Ohne viel Umstände zu machen, ließ er auf einen Wink des Pinsels hin das Modell, das sich schließlich zu bewegen begann und eine starke Müdigkeit erkennen ließ, den Kopf hochheben.

„Genug, fürs erste Mal wird es wohl genug sein!“ sagte die Dame. „Nein bitte, noch ein wenig,“ bat der eifrige Maler.

„Nein, es ist Zeit! Liese, es ist schon 3 Uhr!“ versetzte die Dame, zog ihre kleine, an einer goldnen Kette vom Gürtel herabhängende Uhr hervor und rief ganz überrascht aus: „Ach wie spät!“

„Nur noch ein Augenblickchen,“ sagte Tschartkow mit der einfältigen und bittenden Gebärde eines Kindes.

Jedoch die Dame war diesmal offenbar nicht geneigt, seinen künstlerischen Wünschen nachzugeben, versprach ihm aber dafür, ein anderes Mal länger zu bleiben.

„Das ist doch ärgerlich!“ dachte Tschartkow, „meine Hand war gerade in Schwung gekommen.“ Und er erinnerte sich daran, wie er von niemandem gestört und gehindert wurde, als er noch in seinem Atelier auf der Wassilij-Insel arbeitete. Nikita pflegte gewöhnlich ganz regungslos auf einem Flecke zu sitzen, man konnte ihn malen, so lange man wollte, ja, er schlief sogar in der gewünschten Stellung ein. Unzufrieden legte Tschartkow Pinsel und Palette auf den Stuhl und blieb verdrießlich vor der Leinwand stehn.