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Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen cover

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen

Chapter 17: XII.
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About This Book

The volume gathers linked short tales set in a rural setting, merging rustic humor, vivid local speech, and folkloric supernaturalism. Framed by conversational prefaces, the stories depict village festivities, fairs and household gatherings where practical jokes, courtships, and petty vanities intersect with uncanny occurrences such as witches, devils and enchanted places. Narration alternates between playful satire and eerie atmosphere, balancing comic sketches of gullibility and social manners with lyrical descriptions of seasonal rituals. The arrangement presents a variety of voices and narrative modes, from anecdote and fable to fantastical novella, producing a patchwork of regional customs, moral ironies and uncanny imaginings.

Welch ein Malheur: da seh ich Roman kommen, der bringt mir gewiß Schlimmes, aber auch Sie, Herr Choma, kriegen was ab!

Aus einem kleinrussischen Schwank.

Hier, Afannassi Iwanowitsch! Da ist der Zaun etwas niedriger, steigt nur hinüber und habt keine Angst: mein Tölpel ist mit dem Gevatter zu den Wagen gegangen, um dort zu übernachten, damit die Moskowiter nichts stibitzen!“

So ermutigte Tscherewiks gestrenge Herrin freundlich den Popensohn, der sich ängstlich an den Zaun quetschte. Eilig kletterte er hinauf und hing lange und unschlüssig dort oben, wie ein hageres schreckliches Gespenst, mit den Augen abmessend, wo er wohl am besten abspringen könne; endlich plumpste er mit viel Lärm ins Gras.

„O jemine! Habt Ihr Euch nicht weh getan? Habt Ihr Euch nicht am Ende, was Gott verhüte, noch gar das Genick gebrochen?“ jammerte Chiwrja besorgt.

„Pst! es ist nichts passiert, meine Liebe!“ sprach der Popensohn schmerzbewegt im Flüsterton, und sprang wieder auf die Füße: „abgesehen von der Blessur durch die Nesseln, dieses schlangengleiche Kraut, wie unser hochseliger weiser Protopope zu sagen pflegte.“

„Kommt nur in die Stube, es ist niemand da. Ich habe schon gedacht, was hat bloß mein Afannassi Iwanowitsch? am Ende hat er gar das Reißen oder das Magendrücken, er kommt und kommt nicht! Wie geht es Euch? Ich habe gehört, Euer Herr Vater hat jetzt mancherlei schöne Dinge bekommen!“

„Ach, ’ne reine Kleinigkeit, Chawronja Nikiforowna: Väterchen hat während der ganzen Fasten nur etwa fünfzehn Sack Korn, vier Sack Hirse und etwa hundert Laib Brot bekommen; was die Hühner betrifft, so waren’s alles in allem höchstens fünfzig Stück; und die Eier waren zum größten Teil faul. Wahrhaftig, gute Gaben sind nur von Euch zu erwarten, meine Liebe!“ fuhr der Popensohn fort, indem er sie süß ansah und näher rückte.

„Da sind meine Gaben, Afanassi Iwanowitsch!“ sprach sie, während sie die Schüsseln auf den Tisch stellte und geziert ihre Jacke zuknöpfte, die wie zufällig aufgegangen war, „da sind Zuckerfrüchte, Weizenklöße, Krapfen und Strizel!“

„Ich wette darauf, daß dies hier die flinksten Hände aus Evas Geschlecht hergerichtet haben!“ sprach der Popensohn, indem er sich an die Strizel machte und mit der anderen Hand die Krapfen zu sich heranzog. „Aber mein Herz schmachtet nach einer anderen Speise, die süßer ist, als alle Klößchen und Kräpfchen.“

„Ich weiß nicht, was für eine Speise Ihr meint,“ antwortete die wohlbeleibte Schöne, die so tat, als ob sie nicht verstände.

„Natürlich Eure Liebe, meine unvergleichliche Chiwrja!“ sagte der Popensohn im Flüsterton, indem er mit der einen Hand einen Krapfen ergriff und die andere um ihre breiten Hüften legte.

„Weiß Gott, was Ihr Euch nur alles ausdenkt, Afanassi Iwanowitsch,“ sagte Chiwrja, schämig die Augen senkend. „Am Ende wollt Ihr mich gar noch küssen!“

„Was das anbetrifft, so will ich Euch sagen,“ fuhr der Popensohn fort, „als ich gewissermaßen noch auf dem Seminar war — ich erinnere mich noch als wär’ es heute, da ....“

Hier wurde auf dem Hof ein Bellen laut, und jemand klopfte ans Tor. Chiwrja lief eilig hinaus und kam ganz bleich zurück.

„Wir sind verloren, Afanassi Iwanowitsch: ein ganzer Haufen Leute klopft ans Tor, und ich glaube, ich habe die Stimme des Gevatters gehört ....“

Der Krapfen blieb dem Popensohn im Halse stecken .... Seine Augen quollen heraus, als ob eine Erscheinung aus jener Welt ihm soeben ihre Visite abgestattet hätte.

„Kriecht hier herauf!“ rief die erschrockene Chiwrja und zeigte auf die Bretter, die dicht unter der Stubendecke über zwei Balken angebracht waren, und auf denen allerlei Hausgerümpel herumlag.

Die Gefahr verlieh unserem Helden Mut. Er kam wieder zur Besinnung, sprang auf die Ofenbank und kletterte von dort vorsichtig auf die Bretter; unterdessen lief Chiwrja ganz außer sich ans Tor, denn das Klopfen wiederholte sich mit immer größerer Kraft und Ungeduld.

VII.

Das ist ja ein Wunder, mein Herr!

Aus einem kleinrussischen Schwank.

Auf dem Jahrmarkt hatte sich ein sonderbares Ereignis zugetragen: alles war von dem Gerüchte erfüllt, daß irgendwo unter den Waren der rote Kittel aufgetaucht sei. Die Alte, die Brezeln verkaufte, behauptete, den Satan in Gestalt eines Schweines gesehen zu haben, das unaufhörlich unter den Wagen umherschnüffelte, als ob es da irgend etwas suchte. Das Gerücht verbreitete sich schnell an allen Ecken und Enden des nun schon stillen Lagers, und jeder hätte es für ein Verbrechen gehalten, nicht daran zu glauben, obgleich die Brezelverkäuferin, die ihren Stand neben der Bude des Schankweibes aufgeschlagen hatte, den ganzen lieben Tag ohne jeglichen Grund Verbeugungen machte und mit den Füßen ähnliche Linien beschrieb wie ihre leckere Ware. Dazu kamen noch die übertriebenen Gerüchte von dem Mirakel, das der Gemeindeschreiber angeblich nachts in der verfallenen Scheune gesehen hatte, so daß sich alle, als es Nacht wurde, eng aneinander drängten; die Ruh war gestört, und die Angst ließ keinen ein Auge zutun. Die, welche ein Nachtlager in den Häusern haben konnten und nicht sehr wagemutig waren, zogen unter Dach und Fach. Zu diesen letzteren gehörten auch der Gevatter und Tscherewik mit seiner Tochter, die zusammen mit den Gästen, welche ebenfalls ins Haus drängten, das Gepolter verursacht hatten, das unsere Chiwrja so sehr erschreckte. Der Gevatter hatte schon etwas geladen. Das konnte man daraus ersehen, daß er bereits zweimal mit dem Wagen den Hof abgefahren hatte, bevor er sein Haus fand. Die Gäste waren ebenfalls alle schon sehr heiter und traten ganz ohne Umstände vor dem Wirt ins Haus. Die Frau unseres Tscherewik saß wie auf Nadeln, als sie in allen Ecken der Stube umherzuscharren begannen.

„Nun, Frau Gevatter,“ rief der eintretende Hausherr, „wirst du immer noch vom Fieber geschüttelt?“

„Ja, mir ist nicht wohl!“ antwortete Chiwrja, unruhig auf die Bretter unter der Decke blickend.

„So, Frau, hole uns doch das Fäßchen dort vom Wagen!“ sprach der Gevatter zu seiner Frau, die mit ihm gekommen war, „wir wollen eins mit den guten Leuten trinken, die verfluchten Weiber haben einem solche Angst eingejagt, daß es einfach eine Schande ist! Bei Gott, Brüder, wir sind ganz umsonst hierhergekommen!“ fuhr er, aus dem Tonkrug schlürfend, fort. „Ich setz’ eine neue Mütze zum Pfand, daß die Weiber uns zum besten gehalten haben. Und wenn es auch Satan wäre, — was ist denn das, der Satan? Spuckt ihm auf den Kopf! Wenn er, beispielsweise jetzt im Augenblick hier vor mir erschiene: ich will ein Hundesohn sein, wenn ich ihm nicht einen Nasenstüber versetze!“

„Warum bist du denn auf einmal so bleich geworden?“ rief einer der Gäste, der alle anderen einen Kopf hoch überragte und sich stets als Held aufspielte.

„Ich? ..... Was fällt dir ein! Du träumst wohl!“

Die Gäste lachten. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des prahlmutigen Helden.

„Warum soll denn der bleich werden!“ fiel da ein anderer ein: „seine Backen blühen ja wie Mohn; jetzt sieht Zibulja nicht mehr wie eine Zwiebel aus, sondern wie eine rote Rübe, oder richtiger wie der rote Kittel selbst, der die Leute so erschreckt hat!“

Das Fäßchen wurde auf den Tisch gerollt und machte die Gäste noch lustiger. Unser Tscherewik, der schon lange von dem Gedanken an den roten Kittel gequält wurde, und dessen neugieriger Geist keinen Augenblick Ruhe fand, machte sich an den Gevatter heran.

„Sag mir doch, Gevatter, sei so gut, ich frage und frage und kann’s nicht herausbekommen, was für eine Bewandtnis es mit dem verdammten Kittel hat!“

„He, Gevatter! Das sollte man eigentlich nicht zur Nacht erzählen; aber um dir einen Gefallen zu tun und den guten Leuten da (dabei wandte er sich zu den Gästen), die, wie ich merke, die Geschichte genau so wie du kennen lernen wollen — Meinetwegen, also hört!“

Er kratzte sich die Schulter, wischte sich am Rockschoß ab, legte beide Arme auf den Tisch und begann:

„Einst wurde — ob er nun etwas verschuldet hatte oder nicht, das weiß ich bei Gott nicht — ein Teufel aus der Hölle gejagt .....“

„Wieso denn, Gevatter?“ unterbrach ihn Tscherewik. „Wie ist das bloß möglich, daß ein Teufel aus der Hölle gejagt wird?“

„Was kann man da machen, Gevatter! Man jagt ihn heraus und fertig! — wie ein Bauer seinen Hund aus der Stube jagt. Vielleicht hatte ihn die Lust überkommen, eine gute Tat zu tun: nun, da hat man ihn eben hinausgeworfen. Da ward dem armen Teufel so bang zumute, und er begann sich so nach der Hölle zu sehnen, daß er sich am liebsten aufgehängt hätte. Was war zu machen? Vor Kummer warf er sich aufs Saufen, er nistete sich in der verfallenen Scheune ein, die du dort am Berge gesehen hast, und an der jetzt kein guter Mensch vorübergeht, ohne vorher das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, und der Teufel wurde zu so einem Säufer, wie man ihn selbst unter den Burschen kaum finden kann: vom frühen Morgen bis zum späten Abend saß er nur immer in der Schenke ......“

Hier unterbrach der gestrenge Tscherewik wiederum unseren Erzähler:

„Gott, was du da redest, Gevatter! Wie ist denn das möglich, daß jemand den Teufel in die Schenke hineinläßt? Er hat doch, Gott sei gelobt, Krallen an den Tatzen und Hörner auf dem Kopf.“

„Das ist’s ja eben! er hatte eine Mütze aufgesetzt und Däumlinge angezogen. Wie sollte man ihn da wohl erkennen? Er fing an, ein lustiges Leben zu führen und endlich kam es so weit, daß er alles versoffen hatte, was er bei sich trug. Der Schankwirt gab ihm längere Zeit Kredit, aber endlich hörte er damit auf. Da war der Teufel gezwungen, seinen roten Kittel fast für ein Drittel des Wertes bei dem Juden zu versetzen, der damals auf dem Jahrmarkt zu Sorotschintzy den Schnapsausschank in Besitz hatte. Er versetzte ihn also und sprach: „Gib acht, Jude, genau nach einem Jahre hole ich mir den Kittel wieder, heb ihn wohl auf!“ — und weg war er, wie in die Erde gesunken. Der Jude sah sich den Kittel genau an: solches Tuch war in Mirgorod nicht zu bekommen, und die rote Farbe brannte wie Feuer, daß man sich an ihr gar nicht satt sehen konnte. Nun wurde es dem Juden aber zu viel, den Termin abzuwarten. Er kratzte sich die Schläfenlöckchen, und nahm einem zugereisten Pan ganze fünf Dukaten für den Kittel ab! denn den Termin hatte der Jude schon längst vergessen. Einmal, so gegen Abend, kam da ein Mensch angerückt: „Nun Jude, gib mir meinen Kittel!“ Der Jude erkannte ihn zuerst nicht, aber dann tat er so, als ob er ihn nie gesehen hätte: „Was für einen Kittel? Ich weiß von keinem Kittel!“ Jener ging seiner Wege, aber gegen Abend, als der Jude, der seine Bude schon geschlossen und das Geld in den Kästen gezählt hatte, ein Bettuch umnahm und nach Judenart zu Gott zu beten anfing, — da hörte er ein Geräusch .... Sieh da — aus allen Fenstern gucken Schweineschnauzen herein .....“

Hier wurde tatsächlich ein undeutlicher Laut hörbar, der dem Grunzen eines Schweines sehr ähnlich war; alle erbleichten ... Der Schweiß trat dem Erzähler auf die Stirn.

„Was gibt’s!“ fragte Tscherewik ganz erschrocken.

„Es ist nichts!“ .... antwortete der Gevatter, der am ganzen Leibe zitterte.

„Ah!“ rief einer der Gäste.

„Hast du was gesagt?“ ......

„Nein!“

„Wer hat da gegrunzt?“

„Ach Gott, warum sind wir nur so erschrocken? Es war ja nichts!“

Alle begannen sich scheu umzusehen und die Winkel abzusuchen. Chiwrja war mehr tot als lebendig. „Ach was seid ihr doch für Weiber, was seid ihr für Weiber!“ rief sie laut aus: „Ihr wollt Kosaken und Männer sein! Man sollte euch ein Spinnrad in die Hände geben und an den Rocken setzen! Einem von euch ist wohl, mit Verlaub zu sagen, eine Sünde entfahren, oder die Bank hat unter jemandem geknarrt, und ihr springt in die Höhe, als ob ihr halb toll seid!“

Das beschämte unsere Helden und gab ihnen neuen Mut. Der Gevatter schlürfte aus dem Krug und erzählte weiter: „Der Jude war fast tot vor Schreck; aber die Schweine krochen auf ihren Beinen, die so lang wie Stelzen waren, in die Fenster, machten ihn im Nu mit dem dreischwänzigen Kantschu wieder lebendig und ließen ihn höher springen, als dieser Balken da oben ist. Der Jude fiel auf die Knie und gestand alles ein. Aber der Kittel war nicht so schnell wieder zu finden. Der Pan war unterwegs von einem Zigeuner bestohlen worden, der den Kittel an eine Händlerin verkauft hatte. Die brachte ihn wieder auf den Jahrmarkt von Sorotschintzy, aber von Stund an wollte niemand etwas bei ihr kaufen. Die Händlerin wunderte sich lange Zeit, aber endlich kam sie der Sache auf den Grund. Sicher hatte der rote Kittel an allem schuld; daher fühlte sie auch immer, wenn sie ihn anzog, daß sie etwas drückte. Ohne lange zu überlegen, warf sie ihn ins Feuer — aber der Teufelsrock wollte nicht brennen! .... „Ah so, das ist also ein Teufelsgeschenk!“ Die Händlerin war so klug, ihn einem Bauern unter den Wagen zu schieben, der Butter zum Verkauf brachte. Der Dummkopf war hocherfreut, aber niemand fragte mehr nach seiner Butter. „O weh, da haben mir böse Hände den Kittel da unter den Wagen gesteckt!“ Er ergriff eine Axt und hackte ihn in Stücke; aber sieh da, ein Stück kriecht zum andern, und wieder ist’s ein ganzer Kittel! Er bekreuzigte sich, schlug noch mal darauf, streute die Stücke auseinander und machte sich davon. Und seit jener Stunde geht jedes Jahr, pünktlich zur Jahrmarktszeit, der Teufel in Gestalt eines Schweines auf dem Platze um, grunzt und sucht die Stücke seines Kittels zusammen. Jetzt soll ihm nur noch der linke Ärmel fehlen. Die Leute hüten sich seitdem vor jenem Orte, und bald werden es zehn Jahre sein, daß dort kein Jahrmarkt mehr gewesen ist. Da muß nun der Böse den Präsidenten reiten, daß er gerade hier den Jahr......“

Die andere Hälfte des Wortes erstarb dem Erzähler auf den Lippen: krachend sprang das Fenster auf; klirrend flogen die Scheiben herum, und eine schreckliche Schweinsfratze erschien in der Öffnung, die Augen rollend, als ob sie fragen wollte: „Was treibt ihr hier, ihr lieben Leute?“

VIII.

Dem Hunde gleich, dem man den Schwanz geklemmt,

So steht dies Jammerbild, wie Kain zitternd,

Und aus der Nase tropft Tabak aufs Hemd.

Kotljarewski: „Äneas“.

Entsetzen packte alle in der Stube. Der Gevatter saß offenen Mundes da und schien zu Stein erstarrt; seine Augen krochen hervor, als ob sie schießen wollten, und die Finger blieben regungslos in der Luft gespreizt. Der lange Kerl, der so mutig getan hatte, sprang in unverkennbarer Angst bis zur Decke und stieß mit dem Kopf gegen den Balken; die Bretter klafften auseinander, und der Popensohn flog Knall und Fall zu Boden.

„Au! au! au!“ schrie der eine verzweifelt, fiel entsetzt auf eine Bank und zappelte mit Armen und Beinen.

„Hilfe!“ brüllte ein anderer und zog sich schnell seinen Pelz über die Augen.

Der Gevatter, den dieser zweite Schreck aus seiner Erstarrung geweckt hatte, kroch, an allen Gliedern zitternd, seiner Ehefrau unter den Rock. Der lange Maulheld kroch, trotz der kleinen Öffnung, in den Ofen und schlug selbst die Klappe zu. Tscherewik stülpte sich, wie von brühheißem Wasser begossen, statt der Mütze einen Topf über den Kopf, stürzte zur Tür hinaus und rannte besinnungslos, ohne auf den Weg zu achten, wie ein Wahnsinniger durch die Straßen; erst die Ermüdung zwang ihn, seinen schnellen Lauf zu hemmen. Sein Herz ratterte wie eine Mühlenstampfe, und die Schweißtropfen rollten an ihm herunter wie die Hagelkörner. Ganz erschöpft wäre er fast zu Boden gesunken, als er auf einmal hörte, wie jemand hinter ihm herjagte .... Sein Atem stockte ....

„Der Teufel! der Teufel!“ schrie er ganz außer sich, seine Kräfte verdreifachend, und einen Augenblick später stürzte er besinnungslos zu Boden.

„Der Teufel! der Teufel!“ schrie es hinter ihm her: er hörte nur noch, wie etwas lärmend auf ihn herabstürzte; aber da verließ ihn die Besinnung, und er blieb wie der grausige Bewohner eines engen Sarges stumm und reglos mitten auf dem Wege liegen.

IX.

Vorne geht die Sache noch halbwegs,

Aber hinten ist’s der ganze Teufel!

Aus einem Volksmärchen.

Hörst du, Wlas!“ sprach einer von den Leuten, die im Freien geschlafen hatten, nachts aus dem Schlafe auffahrend. „Jemand in der Nähe hat hier ‚Teufel‘ geschrien.“

„Was geht mich das an?“ brummte der neben ihm liegende Zigeuner, sich räkelnd. „Mag er doch nach der ganzen Sippe schreien!“

„Aber er hat doch so geschrien, als ob man ihn abwürgte!“

„Was schreit ein Mensch nicht alles im Schlaf!“

„Na, wie du meinst. Ich geh’ nachsehen. Mach mal Feuer!“

Der andere Zigeuner stand brummend auf, ließ ein paar Funken wie Blitze vor sich aufstieben, blies den Zunder mit dem Munde an und ging mit seinem Lämpchen in der Hand — einer der üblichen kleinrussischen Lampen, die aus einem zerbrochenen Scherben, der mit Hammelfett gefüllt ist, bestehen — die Straße hinunter.

„Halt, hier liegt jemand! Komm her und leuchte mir!“

Noch einige Menschen schlossen sich ihm an.

„Was liegt da, Wlas?“

„Es sieht ganz nach zwei Menschen aus: der eine liegt oben, der andere unten; wer von ihnen der Teufel ist, weiß ich nicht!“

„Wer liegt oben?“

„Ein Frauenzimmer!“

„Dann ist das der Teufel!“

Ein allgemeines Gelächter weckte fast die ganze Straße.

„Ein Frauenzimmer ist auf einen Kerl raufgekrochen, na, die versteht das Kutschieren!“ sprach einer aus der herumstehenden Menge.

„Seht doch bloß, Brüder!“ sprach ein anderer und hob einen Scherben des Topfes auf, von dem nur noch die eine Hälfte auf dem Kopfe Tscherewiks ganz geblieben war. „Was der gute Mann sich für eine Mütze aufgesetzt hat!“

Der Lärm und das Gelächter, die immer mehr anschwollen, riefen unsere beiden Toten wieder ins Leben zurück, Tscherewik und seine Frau, die voll Entsetzen über den überstandenen Schreck, mit starrem Blick in die braunen Gesichter der Zigeuner schauten. Beim unsicheren Flackern des Lichts erschienen sie wie ein Haufen Gnomen, umhüllt von einem unterirdisch schweren Qualm in der Finsternis einer tiefen Nacht.

X.

Packe dich, Satansbrut!

Aus einem kleinrussischen Schwank.

Die Frische des Morgens wehte über der erwachten Stadt. Aus allen Schloten stiegen Rauchsäulen der Sonne entgegen. Auf dem Jahrmarkt wurde es wieder lebendig. Schafe blökten, Pferde wieherten, das Schnattern der Gänse und der Händlerinnen erfüllte wieder das ganze Lager — und die schrecklichen Gerüchte vom roten Kittel, die in der geheimnisvollen Stimmung der Dämmerstunde die Menschen in eine solche Angst versetzt hatten, waren mit dem Heraufkommen des Morgens verschwunden.

Gähnend und sich räkelnd schlummerte Tscherewik in der strohgedeckten Scheune seines Gevatters unter Ochsen, Mehlsäcken und Weizen weiter und schien gar keine Lust zu haben, sich von seinen Träumen zu trennen, als er auf einmal eine Stimme vernahm, die ihm ebenso vertraut vorkam, wie der gesegnete Ofen seiner Stube oder die Kneipe einer entfernten Verwandten, die keine zehn Schritt von der Schwelle seines Hauses entfernt war, diese Zufluchtsstätten seiner großen Faulheit.

„Steh auf! Steh auf!“ knurrte die zärtliche Gattin, die ihn aus aller Kraft am Arm zerrte, über seinem Ohre.

Statt jeder Antwort blies Tscherewik die Backen auf und begann mit den Armen zu fuchteln wie ein Trommelschläger.

„Du verrückter Kerl!“ schrie sie und prallte vor dem Schwung seiner Hand, die ihr beinahe ins Gesicht gefahren wäre, zurück.

Tscherewik erhob sich, rieb sich die Augen und sah sich um.

„Hol’ mich der Henker! Aber deine Fratze kam mir wie eine Trommel vor, auf der ich den Zapfenstreich schlagen mußte, mein Täubchen. Akkurat wie die Moskowiter! diese Schweinsfratzen, von denen der Gevatter sagt ....“

„Laß das Tratschen! Geh, führ die Stute auf den Markt. Es ist einfach zum Lachen. Wir sind auf den Jahrmarkt gekommen, und bisher ist noch keine Handvoll Hanf verkauft ....“

„Ja, Frauchen,“ sagte Tscherewik, „jetzt wird man schön über uns lachen!“

„Geh, geh! Man lacht ohnehin über dich!“

„Du siehst ja, ich habe mich noch nicht gewaschen!“ fuhr Tscherewik gähnend und sich den Rücken kratzend fort, um Zeit für seine Faulheit zu gewinnen.

„Du hast dir ja eine recht passende Zeit für deine Reinlichkeit gewählt! Wann war sowas bei dir Sitte? Da ist ein Handtuch für dich, wisch dir deine Fresse ab.“

Sie ergriff etwas, das zu einem Knäuel geballt dalag, und — schleuderte es entsetzt von sich: es war der Ärmelaufschlag eines roten Kittels.

„Geh schon, geh an deine Sachen!“ wiederholte sie, bereits wieder ermutigt, als sie sah, daß ihm vor Angst die Beine gelähmt waren und die Zähne klapperten.

„Das wird ja jetzt ein schönes Geschäft werden!“ brummte er bei sich, während er die Stute losband und sie auf den Platz führte. „Nicht ohne Grund also lag mir’s, als ich zu diesem verfluchten Jahrmarkt fuhr, so schwer auf der Seele, als hatte mir jemand eine krepierte Kuh aufgeladen; und die Ochsen sind ja auch zweimal von selbst mitten auf dem Wege umgekehrt. Und da fällt mir ein, wir sind ja auch am Montag abgereist. Da haben wir die Bescherung! .... Ein schöner Störenfried ist mir dieser verdammte Teufel: Kann er nicht seinen Kittel ohne den einen Ärmel tragen! Aber nein, er gönnt den Leuten ihre liebe Ruhe nicht. Wenn ich beispielsweise, was Gott bewahre, der Teufel wäre, — hätte ich mich da um solch einen verfluchten Fetzen herumgetrollt?“

Hier wurde unser Tscherewik durch eine fette und schrille Stimme in seinem Philosophieren unterbrochen. Vor ihm stand ein großer Zigeuner.

„Was hast du zu verkaufen, guter Mann?“

Der Händler blieb eine Weile stumm, sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an und sagte dann mit ruhiger Miene, ohne stehen zu bleiben oder die Zügel aus der Hand zu lassen: „Du siehst ja selbst, was ich zu verkaufen habe!“

„Riemen?“ fragte der Zigeuner und blickte auf die Zügel in Tscherewiks Hand.

„Jawohl, Riemen — wenn eine Stute ’nem Riemen ähnelt!“

„Potztausend, Landsmann! Du hast sie wohl mit Stroh gefüttert!“

„Mit Stroh?“

Tscherewik wollte eben die Zügel anziehen, um seine Stute vorzuführen, und den schamlosen Beleidiger Lügen zu strafen; aber seine Hand fuhr ihm mit ungewöhnlicher Leichtigkeit ans Kinn. Was sah er! — Die Zügel waren durchgeschnitten, und daran gebunden sah man — oh Entsetzen! Seine Haare standen ihm zu Berge! — den Ärmelfetzen eines roten Kittels! .... Ausspuckend, sich bekreuzigend, und mit den Armen fuchtelnd floh er von dannen vor diesem unerwarteten Geschenk, und verschwand flinker als irgendein junger Bursch in der Menge.

XI.

Wes das Korn, des die Prügel.

Sprichwort.

Haltet ihn! Haltet ihn!“ so schrien einige Burschen am schmalen Ende der Straße, und Tscherewik fühlte, wie er plötzlich von festen Händen gepackt wurde.

„Bindet den Kerl! ’s ist derselbe, der dem guten Mann die Stute gestohlen hat!“

„Gott mit euch, warum wollt ihr mich denn binden?“

„Er fragt noch! Und warum hast du dem fremden Bauern, dem Tscherewik, seine Stute gestohlen?“

„Seid ihr bei Sinnen, Leute? Wo hat man denn je gesehen, daß einer sich selbst etwas stiehlt?“

„Alte Possen, alte Possen! Warum bist du denn so atemlos davongelaufen, als wenn der Satan selbst dir auf den Fersen wäre?“

„Soll man denn nicht laufen, wenn einem der Teufelsrock .....“

„He, Bester, das lüg’ du anderen vor. Du wirst noch was Schönes vom Präsidenten erleben, weil du die Leute mit Teufelsgeschichten erschreckst!“

„Haltet ihn, haltet ihn!“ ertönte da ein Ruf am anderen Ende der Straße, „da ist der Ausreißer!“

Und vor unserem Tscherewik erschien der Gevatter im allerjämmerlichsten Aufzuge, er hielt die Arme auf dem Rücken und wurde von einigen Burschen vorwärts gestoßen.

„Wunder über Wunder,“ rief einer von ihnen.

„Ihr solltet nur hören, was dieser Halunke erzählt. Man braucht ihm doch nur ins Gesicht zu schauen, und man sieht ihm den Dieb an! Als man ihn fragte, warum er so wahnsinnig davonrannte, da sagte er: ‚Ich steckte die Hand in die Tasche, um eine Prise zu nehmen, aber statt der Tabaksdose zog ich ein Stück von dem teuflischen Kittel heraus, und eine rote Flamme sprang auf.‘ — Darum sei er davongerannt!“

„He he! Es sind also beides Vögel aus demselben Nest! Bindet sie alle beide!“

XII.

„Was hab’ ich denn getan, ihr lieben Leute?

Was glotzt ihr mich so an?“ sprach unser Bursche,

„Was spottet ihr und höhnt ihr denn mich Armen?

Warum, warum?“ so ruft er aus und flennt,

Daß ihm die Träne auf der Backe brennt.

Artemowski-Gulak: „Der Herr und der Hund“.

Gevatter, vielleicht hast du in der Tat etwas stibitzt?“ fragte Tscherewik, der zusammen mit seinem Gevatter gebunden in einer Strohhütte lag.

„Also auch du, Gevatter! Hände und Füße sollen mir verdorren, wenn ich je etwas gestohlen habe, höchstens Krapfen mit Rahm bei meiner Mutter, aber auch das nur, als ich erst zehn Jahr alt war.“

„Wofür werden wir denn so gestraft, Gevatter? Bei dir ist’s ja noch nicht schlimm: du wirst doch wenigstens nur beschuldigt, einen anderen bestohlen zu haben; aber mich Unglücksmenschen verleumdet der Satan: ich soll mir selbst ’ne Stute gestohlen haben. Es ist uns wohl nicht beschieden, auch mal ein bißchen Glück zu haben, Gevatter!“

„O weh uns armen Waisen!“

Und die beiden Gevatter fingen heftig an zu schluchzen.

„Was hast du, Tscherewik?“ fragte da Grytzko, der in diesem Augenblicke eintrat. „Wer hat dich gebunden?“

„Ach, Golupupenko, Golupupenko!“ schrie Tscherewik freudig. „Gevatter, das ist der, von dem ich dir erzählt habe. O, das ist ein tüchtiger Kerl! Gott soll mich hier auf der Stelle töten, wenn er nicht einen Krug ausgelutscht hat, so groß wie dein Kopf; und dabei verzog er keine Miene!“

„Nun, Gevatter, und warum hast du einen solchen Prachtkerl abgewiesen?“

„Sieh,“ fuhr Tscherewik zu Grytzko gewandt fort: „Gott straft mich wohl, weil ich mich gegen dich versündigt habe. Vergib mir, lieber Junge! Bei Gott, ich hätte ja alles für dich getan .... Aber was soll man da machen! Der Satan sitzt in meiner Alten!“

„Ich trage nie jemandem Böses nach! Wenn du willst, so befreie ich dich!“

Er winkte den Burschen, und dieselben jungen Leute, die Tscherewik bewacht hatten, eilten herbei, ihn zu entfesseln.

„Nun aber wird Hochzeit gemacht, wie’s sich gehört! Und wir wollen tanzen, daß uns vom Hopsen die Beine ein ganzes Jahr lang weh tun!“

Recht so!“ rief Tscherewik und klatschte in die Hände. „Nun bin ich wieder so vergnügt, als ob meine Alte von den Moskowitern geholt worden wäre! Was ist da viel zu bedenken! Ob’s nun recht ist oder nicht — heute ist Hochzeit und damit Schluß!“

„Nur sieh zu, Tscherewik, in einer Stunde komm’ ich zu dir, und jetzt geh nach Hause, dort warten Käufer auf dich, die deine Stute und den Weizen haben wollen.“

„Wie? Hat sich die Stute gefunden?“

„Ja, sie hat sich gefunden!“

Tscherewik blickte dem Grytzko starr vor Freude nach.

„Na, Grytzko, haben wir unsere Sache gut gemacht?“ fragte der lange Zigeuner den vorübereilenden Burschen. „Jetzt kriege ich doch die Bullen?“

„Ja, ja, du sollst sie haben!“

XIII.

Fürcht dich nicht, lieb Mütterchen,

Zieh die roten Schühchen an.

Tritt mit Füßen

Deine Feinde.

Wenn die Schuh’

Von Eisen klirren,

werden alle Feinde schweigen.

Hochzeitslied.

Das liebliche Kinn auf die Hand gestützt saß Paraßka sinnend allein im Zimmer. Mancherlei Träume umschwirrten ihr blondes Köpfchen. Manchmal berührte plötzlich ein leichtes Lächeln ihre rosigen Lippen, und ein freudiges Gefühl ließ sie die dunklen Brauen emporheben, bald aber senkte sich wieder ein Sinnen wie eine Wolke auf ihre grauen klaren Augen.

„Wie wenn es nun doch nicht so käme, wie er gesagt hat!“ flüsterte sie mit einem Ausdruck des Zweifels. „Wenn er mich nun aber doch nicht bekommt? Wenn .... Nein, nein! Das kann nicht sein! Die Stiefmutter tut alles, was sie will! Kann ich nicht auch tun, was ich will? Mein Trotz ist groß genug! Wie schön ist er doch! Wie wunderbar glühen seine schwarzen Augen! Wie lieb kann er sagen: ‚Paraßja, mein Täubchen!‘ — Wie gut steht ihm der weiße Kittel! Wenn er noch dazu einen hellen Gürtel .... Ja ich will ihm einen machen, wenn wir zusammen in die neue Wohnung ziehen. O wie ich mich darauf freue!“ fuhr sie fort, indem sie ein kleines, mit rotem Papier beklebtes Spiegelchen aus dem Busen zog, das sie auf dem Jahrmarkt gekauft hatte, und in das sie mit geheimem Vergnügen hineinschaute. „Wenn ich ihr später begegne, so grüße ich sie nicht, und wenn sie platzt! Nein, Stiefmütterchen, du hast deine Stieftochter genug geprügelt! Eher wächst Sand auf Steinen, und neigt sich die Eiche wie eine Weide zum Wasser herab, als daß ich mich vor dir neige! Aber ich habe ja ganz vergessen .... ich will doch das Häubchen umbinden; ob es mir wohl gut steht; wenn’s auch der Stiefmutter gehört.“

Sie stand auf, den Spiegel in der Hand und den Kopf über ihn geneigt, und ging behutsam durch die Stube, als fürchtete sie sich hinzufallen; denn statt des Fußbodens sah sie die Decke mit den Brettern, von denen neulich der Popensohn heruntergefallen war, und die Wandborde mit den Töpfen drauf vor sich.

„Ich bin doch wirklich wie ein Kind!“ rief sie lachend aus, „ich hab Angst, einen Fuß vor den andern zu setzen!“

Und sie begann laut mit den Füßen aufzustampfen, immer mutiger und mutiger. Endlich sank ihre linke Hand herab und stemmte sich auf die Hüfte, und sie tanzte, mit den Sporen der Stiefelchen klirrend, drauf los, hielt sich den Spiegel vor und sang ihr Lieblingsliedchen:

Grüne Gräser, grüne Auen,

Wachset nicht zu sehr!

Liebster mit den schwarzen Brauen,

Schmieg dich zu mir her!

Grüne Gräser, grüne Auen,

Wachset nimmermehr!

Liebster mit den schwarzen Brauen,

Schmieg dich näher her!

In diesem Augenblicke blickte Tscherewik durch die Türöffnung, und als er seine Tochter vor dem Spiegel tanzen sah, blieb er stehen. Lange sah er ihr zu, über die seltsame Laune des Mädchens lachend, das ganz in Gedanken versunken, nichts um sich herum zu bemerken schien; als er aber die bekannten Laute des Liedes hörte, da wurde es ihm heiß ums Herz; stolz die Hände auf die Hüften gestemmt, sprang er vor und begann so zu hopsen, daß er all seine andern Geschäfte vergaß. Das laute Lachen des Gevatters ließ beide auffahren.

„Großartig! Vater und Tochter feiern hier selber Hochzeit! Kommt! kommt! der Bräutigam ist da!“

Bei den letzten Worten glühte Paraßka in einem Rot auf, das tiefer war als das, welches das leuchtende Band auf ihrem Kopfe färbte. Dem sorglosen Vater fiel es erst jetzt ein, warum er eigentlich hierher gekommen war.

„Töchterchen, komm schnell! Chiwrja ist vor Freude, daß ich die Stute verkauft habe, fortgelaufen, um sich feine Tücher und allerhand Schmucksachen zu kaufen!“ sprach er und sah sich dabei ängstlich nach allen Seiten um. „Bis zu ihrer Rückkehr wollen wir alles erledigt haben!“

Kaum hatte Paraßka die Schwelle des Hauses überschritten, da fühlte sie sich schon in den Armen des Burschen im weißen Kittel, der sie inmitten einer Menge von Leuten auf der Straße erwartete.

„Gott segne euch!“ sagte Tscherewik, ihre Hände vereinend. „In Glück und Glanz haltet fest wie ein Kranz!“

Da gab’s plötzlich einen Lärm.

„Eher will ich zerspringen, als daß ich das zulasse!“ schrie Tscherewiks Ehehälfte, die von der lachenden Menge zurückgedrängt wurde.

„Wüt nicht so, wüte doch nicht!“ sprach Tscherewik kaltblütig, als er sah, wie ein paar handfeste Zigeuner sich ihrer Arme bemächtigten. „Geschehen ist geschehen! Ich bin nicht für Änderungen!“

„Nein, nein, das darf nicht sein!“ schrie Chiwrja, aber niemand hörte auf sie; ein paar lustige Leute umringten das junge Paar und bildeten eine undurchdringliche, tanzende Mauer um sie.

Ein sonderbares unsagbares Gefühl mußte einen Zuschauer ergreifen, der mit ansah, wie beim ersten Bogenstrich des Fiedelmanns in dem groben Rock, mit dem langgeschweiften Schnurrbart, alles unwillkürlich ein einiges Ganzes bildete und zu friedlicher Eintracht überging. Leute, deren mürrische Gesichter offenbar ihr Lebtag niemals ein Lächeln erhellt hatte, stampften mit den Füßen und warfen die Schultern empor. Alles wirbelte im Tanze durcheinander. Aber ein noch sonderbareres, noch unsagbareres Gefühl mußte in der Tiefe der Seele beim Anblick jener Greisinnen erwachen, über deren uralten Gesichtern schon die Gleichgültigkeit des Grabes wehte — und die sich unter die neuen Menschen drängten, die dem Leben angehörten und dem Lachen. Die Sorglosen! Selbst sie, die keine kindliche Freude und keinen Funken des Mitgefühls kannten, die erst der Rausch, wie ein Mechaniker seine leblosen Automaten, zu einer menschlichen Äußerung zwingt, — selbst sie nickten leise mit den berauschten Köpfen und hüpften ein wenig hinter der lustigen Menge her, ohne auf das junge Paar zu achten.

Das Lärmen, Lachen, Singen verklang zu einem leisen und immer leiseren Summen. Die Fiedel erstarb, ertönte schwächer und schwächer und ließ nur noch ein paar undeutliche Töne durch die leere Luft zittern. Noch hörte man hie und da ein Stampfen, gleich dem Tosen des fernen Meeres, aber bald lag alles wieder öde und stumm da.

Fliegt uns nicht so auch die Freude davon, die schöne und flatterhafte Freundin? Vergeblich sucht ein einsamer Klang, von Lust und Seligkeit zu singen. Im eignen Echo schon vernimmt er die Laute der Trauer und Einsamkeit, und er lauscht ihnen voller Schrecken. Stieben nicht so auch die ausgelassenen Freunde der freien stürmischen Jugend einer nach dem andern in alle Winde und lassen ihren alten Herzensbruder allein? Bang wird dem Verlassenen! Voller Schwermut und Traurigkeit ist sein Herz, doch für ihn gibt es keine Hilfe!

Die Johannisnacht

Eine Sage
Erzählt vom Küster an der —Kirche zu ***

Foma Grigorjewitsch hatte eine merkwürdige Eigentümlichkeit: Er konnte es auf den Tod nicht leiden, ein und dieselbe Geschichte mehrmals erzählen zu müssen. Gab er aber schon einmal den Bitten nach und erzählte etwas zum zweiten Male, dann fügte er entweder hier eine neue Wendung hinzu, oder änderte dort etwas, so daß man die Geschichte kaum wiedererkennen konnte. Einmal hatte einer jener Herren — wir einfachen Leute wissen nicht recht, wie wir sie nennen sollen: Schreiber oder dergleichen, so was ähnliches wie die Makler auf unseren Jahrmärkten; sie kramen, betteln und stehlen sich allerhand Zeug zusammen und senden dann jeden Monat oder gar jede Woche ein Büchelchen so dick wie eine Fibel in die Welt hinaus, — einmal also hatte einer jener Herren unserem Foma Grigorjewitsch die folgende Geschichte hier abgeluchst, und der hatte das ganz vergessen. Aber eines Tages kommt dasselbe Herrchen im erbsengrauen Kaftan aus Poltawa, von dem ich schon einmal sprach, und von dem ihr wohl die eine Geschichte schon gelesen habt, — er kommt also, bringt ein kleines Büchelchen mit, schlägt’s in der Mitte auf und zeigt uns die Sache. Foma Grigorjewitsch war schon im Begriff, seine Nase mit der Brille zu besatteln, aber da fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, ein Stück Faden um sie zu wickeln und Wachs drauf zu kleben, und so gab er denn mir das Buch. Ich verstehe mich nun mal leidlich aufs Lesen und brauche keine Brille, und so begann ich denn. Aber ich hatte noch keine zwei Seiten umgewendet, als er mich fest bei der Hand nahm und unterbrach.

„Halt, sagt mir zuerst, was Ihr da lest?“

Ich muß gestehen, diese Frage verblüffte mich ein wenig.

„Wie, Foma Grigorjewitsch? Was ich da lese? Das ist doch Eure Geschichte, es sind Eure eigenen Worte!“

„Wer hat Euch das erzählt, daß das meine Worte sind?“

„Was wollt Ihr denn noch mehr? Da steht’s doch gedruckt. Erzählt von dem Küster Soundso.“

„Spuckt dem Jungen auf den Kopf, der das darauf gedruckt hat! Er lügt, der Saukerl! Das soll ich gesagt haben? Das ist ja fast so, als hätte der Satan einen Sparren! Hört zu, die muß ich Euch selbst erzählen!“

Wir rückten am Tische zusammen, und er begann.


Mein Großvater (Gott hab’ ihn selig! Möge er in jener Welt nur Weizenbrot und Mohnkuchen mit Meth zu essen bekommen!) mein Großvater verstand es wunderbar zu erzählen. Wenn der erst einmal damit anfing, so mochte man sich am liebsten den ganzen lieben Tag nicht vom Platze rühren und nur immer zuhören. Und er redete nicht etwa wie einer von den heutigen Faselhänsen; wenn so einer anfängt, sein Garn herunter zu spinnen, und dabei noch mit einem Maul, als hätte er drei Tage lang nichts zu essen gekriegt, dann möchte man am liebsten nach der Mütze greifen und davonlaufen. Ich erinnere mich noch, wie wenn es heute wäre, — meine Mutter selig war noch am Leben, — an die langen Winterabende, wenn draußen heftiges Frostwetter herrschte und das schmale Fensterchen unserer Stube dicht mit Schnee verklebte, wie sie da am Spinnrocken saß, mit der Hand den langen Faden zog, mit dem Fuß die Wiege schaukelte und ein Lied dazu sang, das ich jetzt noch im Ohr habe. Das Lämpchen beleuchtete zitternd und wie im Schreck aufflackernd die Stube. Die Spindel surrte; und wir Kinder hörten alle, zu einem Haufen zusammengedrängt, dem Großvater zu, der vor Alter schon über fünf Jahre nicht mehr hinterm Ofen hervorgekrochen war. Aber keiner der wundersamen Berichte aus den alten Tagen von den Ritten der Saporoger, von den Polen, von den kühnen Taten des Podkowa, des Poltora-Koschucha oder des Sagajdatschny ergriffen uns so stark wie die Berichte über eine alte, sonderbare Begebenheit, bei der einem ein Schauer über den Leib lief und das Haar sich sträubte. Manchmal kam eine solche Angst über einen, daß man abends Gott weiß was für Ungeheuer zu sehen meinte. Hattest du mal nachts die Stube verlassen, um etwas zu besorgen, so glaubtest du sicher, es habe sich ein Fremdling aus jener Welt in dein Bett gelegt, um zu schlafen. Ich will auf der Stelle sterben, wenn ich nicht oft meinen eignen Kittel am Kopfende des Bettes für einen zusammengekauerten Teufel hielt. Aber die Hauptsache an den Erzählungen des Großvaters war, daß er sein Lebtag nie gelogen hat, und wie er’s sagte, genau so war es auch.

Eine von seinen sonderbaren Geschichten will ich euch jetzt erzählen. Ich weiß wohl, es werden sich schon etliche Klüglinge finden, die Gerichtsschreiber sind oder gar neumodische Schriften lesen, — welche zwar keinen Deut verstehen, wenn man ihnen ein Stundenbuch in die Hand drückt, — aber dafür um so besser die Zähne zu fletschen wissen. Was man denen auch erzählen mag, sie lachen ja doch. Was hat sich doch jetzt für ein Unglaube in der Welt verbreitet! Gott und die unbefleckte Jungfrau mögen mir beistehen — ihr werdet’s vielleicht nicht glauben: als ich einmal von Hexen sprach — da fand sich doch wahrhaftig so ein Springinsfeld, der nicht an Hexen glauben wollte! Gott sei Dank, ich lebe schon viele Jahre; ich habe schon Menschen gesehen, die solche Heiden waren, daß es ihnen leichter wurde, in der Beichte zu lügen, als unsereinem, eine Prise zu nehmen; aber auch die schlugen vor einer Hexe das Kreuz. Wenn denen einmal im Traum .... na, ich will’s gar nicht erst über die Zunge bringen .... was soll man über sowas noch Redens machen.

Vor vielen vielen Jahren, ’s werden wohl sicher über hundert sein, — erzählte mein Großvater selig — war unser Dorf noch etwas ganz anderes als jetzt! Da war’s noch ein Weiler, der allerärmste Weiler! Zehn ungetünchte und ungedeckte Hütten lagen mitten im Felde verstreut, und es gab weder einen Zaun, noch einen anständigen Schuppen, in dem man Vieh oder einen Wagen hätte unterstellen können. Und die, die so lebten, das waren noch die Reichen, was aber erst unsereiner von der Brüderschaft der Habenichtse für ein Leben hatte, das läßt sich kaum beschreiben! Ein Loch in der Erde — das war das ganze Haus! Nur an dem Rauch konnte man merken, daß da ein Menschenkind unseres lieben Herrgotts hauste. Ihr werdet nun fragen, warum lebten die wohl so? Armut allein war’s nicht, denn damals war fast jeder ein freier Kosak und hatte sich in fremden Ländern nicht wenig Reichtümer erbeutet; nein, man sehnte sich gar nicht nach einem richtigen Hause. Was trieben sich damals nicht allerorts für Menschen herum: Leute aus der Krim, Polen, Litauer usw. Oft geschah es auch, daß man von den eigenen Landsleuten geschunden wurde. Ja ja, da kam mancherlei vor.

In diesem Weiler nun tauchte zuweilen ganz plötzlich ein Mensch oder richtiger gesagt, ein Teufel in Menschengestalt auf. Woher er kam und zu welchem Zwecke — das wußte niemand. Er soff, vergnügte sich, — und auf einmal war er verschwunden, wie wenn er in die Erde gesunken wäre. Dann kam er wieder, wie vom Himmel gefallen, trieb sich auf den Straßen des Dorfes umher, von dem jetzt keine Spur mehr übrig ist, und das vielleicht nicht mehr als hundert Schritte von Dikanka entfernt war, sammelte die ersten besten Kosaken um sich, und dann ging ein Lachen und Singen an: das Geld wurde nur so ausgeschüttet, und der Schnaps rann dahin wie Wasser. Dann ging er zu den Mädchen und schenkte ihnen Bänder, Ohrringe und Perlen — in vollen Haufen! Freilich, so manches Mädel wurde bedenklich bei diesen Geschenken: Weiß Gott, am Ende waren sie in der Tat durch unreine Hände gegangen. Die leibliche Tante meines Großvaters, die damals auf der heutigen Landstraße von Oposchnjani einen Ausschank hatte, in dem Bassawrjuk (so hieß dieser Teufelskerl) oft zechte, pflegte zu sagen, sie würde um keinen Preis in der Welt ein Geschenk von ihm annehmen. Aber wie konnte man wiederum etwas zurückweisen? — Jedem wurde gruselig zumute, wenn er seine borstigen Brauen runzelte und einen finstern Blick auf einen warf, daß man am liebsten ausgerissen wäre; nahm man aber das Geschenk an, so konnte man schon in der nächsten Nacht einen Gast aus dem Moor, einen mit Hörnern auf dem Kopfe, erwarten. Und der würgte einen, wenn man Perlen am Halse trug, biß einen in den Finger, wenn ein Ring darauf steckte, oder riß einer Frau fast den Zopf aus, wenn sie ein Band darein geflochten hatte. Zehn Schritt vom Leibe mit solchen Geschenken! Eine neue Not aber war es, sie los zu werden: Man wirft sie ins Wasser — aber der teuflische Ring oder die Perlen schwimmen oben auf und springen einem wieder in die Hand zurück.

Im Dorfe stand auch eine Kirche, die, wenn ich mich recht besinne, dem heiligen Pantelej angehörte. Damals nun waltete in ihr ein Priester namens Vater Afanassi, seligen Angedenkens. Als er gewahrte, daß Bassawrjuk sogar am Ostersonntag nicht in die Kirche kam, wollte er ihn ausschelten und ihm eine Kirchenbuße auferlegen; aber sieh da, er kam kaum mit heiler Haut davon. „Hör mal, Herr!“ brüllte ihn jener an, „kümmere dich lieber um deine Geschäfte, anstatt dich in fremde zu mischen, wenn du nicht willst, daß dir dein Ziegenhals mit einem heißen Sterbekuchen verkleistert wird!“ Was konnte man mit diesem Gottverdammten anfangen? Vater Afanassi erklärte nun jeden, der mit Bassawrjuk verkehren würde, für einen Römling, und für einen Feind der Christenkirche und des ganzen Menschengeschlechts.

In demselben Dorfe hatte auch ein Kosak namens Korsch einen Arbeiter, den die Leute Peter Heimatlos nannten, vielleicht deshalb, weil er weder seinen Vater noch seine Mutter kannte. Der Kirchenvorstand hatte zwar gesagt, die wären schon in seinem zweiten Lebensjahr an der Pest gestorben; aber die Tante meines Großvaters wollte es nicht wahrhaben und war aus aller Kraft bemüht, ihm Eltern aufzudrängen, obgleich der arme Peter sich geradesoviel um diese Frage kümmerte, wie wir um den vorjährigen Schnee. Sie behauptete, sein Vater befinde sich jetzt noch in der Saporoger Gegend, sei in Gefangenschaft bei den Türken gewesen, habe Gott weiß welche Qualen erdulden müssen, und habe nur durch ein Wunder, als Eunuch verkleidet, Reißaus nehmen können. Die schwarzbrauigen Mädels und die jungen Weibsleute scherten sich wenig um seine Verwandtschaft. Sie äußerten nur, wenn man ihm einen feinen Rock — etwa einen neuen Schupan — anzöge, einen roten Gürtel umlegte, eine neue Mütze aus schwarzem Lammfell mit einer schmucken blauen Kappe aufsetzte, ihm einen türkischen Säbel an die Seite schnallte, und in die eine Hand einen langen Degen und in die andere eine hübsch eingefaßte Pfeife gäbe — dann würde er alle andern Burschen in die Tasche stecken. Aber der arme Petrusj besaß alles in allem nur einen einzigen grauen Kittel, der mehr Löcher hatte, als mancher Jude Dukaten in der Tasche. Doch das wäre noch nicht schlimm gewesen, was schlimm war, war vielmehr dies: der alte Korsch hatte ein Töchterchen, eine Schönheit, wie ihr sie wohl kaum je gesehen habt. Die Tante des seligen Großvaters pflegte zu erzählen, — und ihr wißt ja, ein Weib wird, mit Verlaub zu sagen, eher den Teufel küssen, als eine andere schön nennen, — daß die runden Bäckchen des Kosakenmädchens so frisch und glänzend waren wie die allerzarteste rote Mohnblume, die sich in Gottes Tau gebadet hat und nun aufleuchtet, ihre Blättchen ausbreitet und sich vor der aufgehenden Sonne putzt. Wie schwarze Schnürchen, die die Mädchen heutzutage bei den Hausierern in den Dörfern für ihre Kreuze und Schmuckdukaten kaufen, so zart schwangen sich die Brauen über ihren Augen, als spiegelten sie sich in ihrem klaren Kristall. Ihr Mündchen, nach dem der ganzen jungen Welt von damals der Mund wässerte, schien wie geschaffen für die Gesänge einer Nachtigall. Ihr Haar, schwarz wie Rabenfittiche und weich wie junger Flachs (denn damals flochten es die jungen Mädchen noch nicht zu kleinen Zöpfchen, durch die sie sich jetzt hübsche bunte Bänderchen ziehen) fiel in vollen Locken auf den goldbestickten Überwurf herab. Ei, da soll mich doch Gott von der Kanzel nie wieder das Hallelujah singen lassen, wenn ich sie nicht auf der Stelle abküssen möchte, und wenn auch der alte Wald auf meinem Schädel schon so ziemlich grau ist, und meine Alte sich mir an die Seite heftet, wie ein Star ins Auge. Na, wenn ein Bursch und ein Mädel nah beieinander wohnen .... ja, da wißt ihr schon, was draus wird. Man konnte stets in aller Herrgottsfrühe den Abdruck der Stiefeleisen auf der Stelle sehen, wo Pidorka mit ihrem Petrusj gestanden hatte. Korsch hätte immer noch nichts Schlimmes geahnt, aber einst, — und das kam durch nichts anderes als durch die List eines Teufels — da fiel es Petrusj ein, ohne sich genauer im Flur umzusehen, sozusagen von ganzer Seele einen Kuß auf die rosigen Lippen des Kosakenmädchens zu pressen. Und dieser selbe Teufel, — mag doch der Hundesohn vom heiligen Kreuz träumen! — ritt den alten Knasterbart, daß er gerade zu dieser Zeit die Tür öffnete. Korsch stand da wie ein Holzklotz, sperrte den Mund auf und mußte sich an die Tür lehnen. Der verdammte Kuß schien ihn vollkommen betäubt zu haben. Er kam ihm lauter vor als der Schlag eines Mörserstößels auf ein Brett, mit dem zu unserer Zeit die Bauern in Ermangelung von Pulver und Flinte den Festschmaus zu Ehren Johannes des Täufers begleiten. Als er wieder zu sich gekommen war, nahm er seine Nagaika aus Urväter Zeiten von der Wand und wollte sie schon auf den Rücken des armen Peter niedersausen lassen, da erschien auf einmal Pidorkas sechsjähriges Brüderchen Iwasj, kam erschreckt herbeigelaufen, umschlang seine Beine mit den Händchen und schrie: „Vater, Vater, schlag den Petrusj nicht!“ Was war da zu machen? Ein Vaterherz ist nicht von Stein: er hing die Nagaika an die Wand und führte ihn leise aus dem Zimmer hinaus. „Wenn du dich jemals wieder hier im Hause sehen läßt oder auch nur am Fenster, so höre, Petrusj: Bei Gott, dein schwarzer Schnurrbart ist dahin und auch deine Kosakenlocke, die du dir doppelt ums Ohr wickelst, — ich will nicht Terenti Korsch sein, wenn sie nicht von deinem Schädel Abschied nimmt!“ Bei diesen Worten versetzte er ihm einen leichten Stoß in den Nacken, so daß Petrusj Hals über Kopf hinausflog. So weit hatten sie es mit dem Küssen gebracht. Ein schwerer Kummer überfiel unser Täubchen; dazu ging noch im Dorfe das Gerücht um, zu Korsch ins Haus käme ein goldbeladener Pole mit Schnurrbart, Säbel und Sporen, dessen Taschen so klirrten wie der Klingelbeutel, den unser Meßner Taras täglich in der Kirche umgehen läßt. Nun man weiß ja, wozu man einen Vater besucht, der eine schwarzäugige Tochter hat. Einmal schlang Pidorka die Arme um ihren Bruder Iwasj: „Iwasj, mein Liebling, bester Iwasj! Lauf zu Petrusj, mein goldenes Kind, rasch wie ein Pfeil vom Bogen schnellt, und erzähl ihm alles: ich möchte seine grauen Augen liebkosen und sein weißes Antlitz küssen, aber das Schicksal will es nicht. Manches Tuch habe ich mit meinen heißen Tränen benetzt, mir ist so bang und so schwer ums Herz. Mein eigner Vater ist mir feind und zwingt mich, dem ungeliebten Polen in die Ehe zu folgen. Sag ihm, man bereite schon die Hochzeit vor, doch es soll keine Musik auf unserer Hochzeit geben, und nur die Küster werden plärren, statt daß Zither und Schalmei erklingen. Und nicht werde ich mit meinem Gemahl zum Tanze gehen, sondern hinaustragen wird man mich aus dem Hause. Dunkel und düster wird mein enges Haus sein — aus Ahornbrettern wird es gezimmert sein, und statt eines Schlotes wird ein Kreuz auf dem Dache stehn!“

Wie versteinert und ohne sich von der Stelle rühren zu können, hörte Petrusj das unschuldige Kind Pidorkas Worte nachlallen. „Dacht’ ich Unglücklicher nicht schon daran, in die Krim oder ins Türkenland zu ziehen, mir Gold zu erbeuten und mit vielen Gütern beladen zu dir zurückzukehren, du meine Schönste? Doch es sollte nicht sein. Ein böser Blick hat uns getroffen. Wohl werden wir Hochzeit feiern, mein teures Fischlein du, aber kein Küster wird auf unserer Hochzeit singen — statt eines Popen krächzt mir zu Häupten ein schwarzer Rabe, das weite Feld wird mein Haus und die graue Wolke mein Dach sein; meine grauen Augen hackt der Adler aus; der Regen wird mir die Kosakenknochen bleich waschen, und der Sturmwind wird sie austrocknen. Doch was tu ich? Wem klag’ ich was vor? Gott hat’s wohl so angeordnet! Verloren ist verloren!“ — Und stracks zog er in die Schenke.

Die Tante meines seligen Großvaters war nicht wenig erstaunt, als sie Petrusj in der Schenke sah, und dazu noch zu einer Zeit, wo ein braver Mensch zur Frühmesse geht. Sie glotzte ihn mit ihren Augen an, wie wenn sie noch im Schlafe läge, als er einen Krug — oder richtiger fast einen halben Eimer voll Branntwein bestellte. Allein vergebens suchte der Ärmste seinen Kummer zu ertränken. Der Schnaps brannte ihm auf der Zunge wie Nesseln und dünkte ihn bitterer als Wermut. Weit von sich warf er den Krug zu Boden. Da dröhnte es im Baß über seinem Kopfe: „Laß doch das Trauern, Kosak!“ Er schaut auf: Es war Bassawrjuk! Uh, welche Fratze! Der hatte Haare wie ein Borstenvieh und Augen wie ein Bulle! „Ich weiß, was dir fehlt: das da!“ rief er und klirrte teuflisch grinsend mit seiner ledernen Geldkatze, die ihm am Gürtel hing. Petrusj erbebte. „Hehe, wie die glühen!“ brüllte er und schüttete sich die Dukaten auf die Hand. „Hehe, die klimpern! Und doch heißt’s nur eine einzige Tat vollbringen, um einen ganzen Berg solcher Schnipsel!“ — „Satan!“ schrie da Petrusj. „Her damit! Ich bin zu allem bereit!“ Beide gaben sich den Handschlag und waren einig. „Sieh, Petrusj, du kommst gerade zur rechten Zeit: morgen ist Johannistag. Nur in dieser einen Nacht des Jahres treibt das Farnkraut Blüten. Du darfst es nicht verpassen. Ich erwarte dich um Mitternacht in der Bärenschlucht.“

Ich glaube, die Hühner warten nicht so auf den Augenblick, wo ihnen die Hausfrau Krumen streut, wie Petrusj auf den Abend wartete. Immerwährend blickte er aus, ob die Baumschatten nicht länger würden, ob nicht die tief herabgesunkene Sonne in Purpur erglömme, und je länger er wartete, um so ungeduldiger wurde er. Wie lange dauerte das doch! Gottes Tag konnte wohl kein Ende finden. — Nun ist die Sonne fort. Nur noch auf einer Seite rötet sich der Himmel noch. Und schon erlischt er. Es wird kälter im Felde; dunkler und dunkler wird’s, und alles liegt in nächtlicher Finsternis da. Endlich! Das Herz wollte ihm schier aus der Brust springen, als er sich auf den Weg machte und mit Vorsicht durch den dichten Wald zu dem tiefen Grunde herabstieg, der Bärenschlucht genannt wurde. Bassawrjuk wartete schon auf ihn. Es war so finster, daß man die Hand vor den Augen nicht sah. Hand in Hand schlichen sie durch die Sümpfe des Moors, verfingen sich im dichten Gestrüpp und strauchelten fast bei jedem Schritte. Endlich fanden sie einen ebenen Platz. Petrusj sah sich um: Er war noch nie hier gewesen. Auch Bassawrjuk blieb stehen.

„Siehst du: da vor dir liegen drei Hügel. Viel mannigfache Blumen wachsen dort; doch alle Mächte der Welt mögen dich bewahren, auch nur eine zu pflücken. Kaum aber erblüht der Farn, so greif nach ihm und blick dich nicht um, was du auch hinter dir dünken magst.“

Petrusj wollte noch etwas fragen .... aber jener war verschwunden. Er ging auf die Hügel zu: wo waren die Blumen? Es war nichts zu sehen. Schwarz lag das wilde Steppengras da und überwucherte alles mit seinem Gestrüpp. Da blitzte ein Wetterleuchten auf, und vor ihm erschien ein ganzes Beet voll wundersamer und nie gesehener Blumen; darinnen sah er auch die einfachen Blätter des Farnkrautes. Voller Zweifel stemmte Petrusj beide Hände in die Hüften und stellte sich nachdenklich vor sie hin.

„Was ist denn Wunderbares dabei? Zehnmal des Tages sehe ich solches Kraut: was ist denn das für ein Mirakel? Am Ende macht sich die Teufelsfratze nur über mich lustig!“

Auf einmal aber glüht ein kleines Knöspchen rot auf und rührt sich wie wenn es lebendig wäre. Seltsam fürwahr! Rührt sich, wird immer größer und größer und glüht heiß wie eine rote Kohle. Da flammte ein Sternchen auf, etwas knisterte leise, und vor seinen Augen entfaltet sich die Blume wie eine Flamme, loht leuchtend auf und überstrahlt alles rings herum.

„Jetzt ist’s Zeit,“ dachte Petrusj und streckte die Hand aus. Aber siehe, da strecken sich noch hundert andere zottige Hände nach der Blume aus, und hinter ihm läuft raschelnd etwas von Ort zu Ort. Er drückte die Augen zu, riß am Stengel, und die Blume blieb in seiner Hand. Alles verstummte. Da tauchte Bassawrjuk, auf einem Baumstumpf sitzend, empor: ganz bläulich wie eine Leiche. Er rührte keinen Finger, seine Augen waren starr auf etwas gerichtet, das nur ihm allein sichtbar war; sein Mund stand halb offen, aber er sprach nichts. Ringsum rührte sich nichts. Wie furchtbar war Petrusj zumute! .... Aber nun vernahm Petrusj ein Pfeifen, daß ihm das Herz im Leibe erstarrte, und es kam ihm so vor, als ob das Gras summe, und die Blumen sich mit dünnen Stimmchen unterhielten, die wie silberne Glöcklein klangen. Die Bäume donnerten grollend durcheinander .... Bassawrjuks Antlitz wurde auf einmal lebendig. Seine Augen funkelten. „Endlich ist sie da, die Hexe,“ grunzte er durch die Zähne. „Petrusj schau, bald wird dir eine schöne Frau erscheinen: Tu alles, was sie dir befiehlt, sonst bist du auf ewig verloren!“ Er zerteilte das Dickicht mit einem Knotenstock, und vor ihnen erschien ein Häuschen, das auf Hühnerfüßchen stand, wie es im Märchen heißt. Bassawrjuk schlug mit der Faust dagegen, und die Wand wankte. Ein großer, schwarzer Hund kam winselnd herausgelaufen, verwandelte sich plötzlich in eine Katze und warf sich ihnen entgegen. „Tobe nicht, wüte nicht, alte Teufelin,“ rief Bassawrjuk und würzte seine Rede mit so einem Wörtlein, daß sich ein rechtschaffener Mensch dabei die Ohren zugestopft hätte. Da wurde die Katze zu einem alten Weibe mit einem so runzligen Gesicht wie ein gebratener Apfel, und krümmte sich wie ein Bogen; Nase und Kinn glichen einem Nußknacker. „Welch herrliche Schönheit!“ dachte Petrusj, und es überlief ihn kalt. Die Hexe riß ihm die Blume aus der Hand, beugte sich über sie, flüsterte einen langen Spruch vor sich hin und besprengte sie mit einer unbekannten Flüssigkeit. Funken stoben aus ihrem Munde, und Schaum trat ihr auf die Lippen. „Wirf sie hin“, rief sie, indem sie ihm die Blume reichte. Petrusj warf die Blume hin, aber — o Wunder: die Blume fiel nicht gleich zur Erde, sondern leuchtete lange wie eine Feuerkugel mitten im Dunkel und segelte wie ein Kahn durch die Luft; endlich begann sie sich leise zu senken und fiel so fern von ihnen herab, daß das Sternchen kaum mehr zu sehen war und nicht größer erschien, denn ein Mohnkorn. „Hier!“ krächzte die Alte dumpf, und Bassawrjuk reichte ihm einen Spaten hin und rief: „Grabe hier nach, Petrusj! Da wirst du so viel Gold finden, als weder du noch Korsch je geträumt haben!“ — Petrusj spie sich in die Hände, ergriff den Spaten, trat mit dem Fuß darauf und wühlte die Erde auf, einmal, noch einmal, ein drittes Mal, noch einmal .... Da stieß er auf etwas Hartes! .... Der Spaten klirrte und wollte nicht tiefer in die Erde hinein. Jetzt begannen seine Augen plötzlich ganz deutlich eine kleine, eisenbeschlagene Kiste wahrzunehmen. Schon wollte er sie mit der Hand erfassen, aber die Kiste begann immer tiefer und tiefer in die Erde zu sinken, und hinter sich vernahm er ein Lachen, das dem Zischen von Schlangen glich. „Nie sollst du das Gold erschauen, ehe du nicht Menschenblut herbeischaffst!“ rief die Hexe und führte auf einmal ein etwa sechsjähriges Kind vor ihn hin, das mit einem weißen Tuch bedeckt war; sie deutete ihm mit Zeichen an, er müsse dem Kinde den Kopf abhacken. Petrusj erstarrte. Ist’s denn eine Kleinigkeit, so mir nichts, dir nichts einem Menschen den Kopf abzuhacken, und dazu noch einem unschuldigen Kinde! Wütend riß er das Tuch vom Kopfe, und was sah er? Vor ihm stand Iwasj! Das arme Kind stand mit gekreuzten Händchen und gesenktem Köpfchen da .... Wie ein Rasender sprang Petrusj mit dem Messer auf die Hexe los und erhob die Hand ....

„Was versprachst du, für das Mädchen zu tun?“ donnerte ihn Bassawrjuk an, und versetzte ihm einen Schlag in den Rücken, der ihn traf wie ein Schuß. Die Hexe stampfte mit dem Fuße, und eine blaue Flamme sprang aus dem Boden. Das Innere der Erde strahlte auf und war wie aus Glas, und alles in der Erde wurde so deutlich sichtbar, gleich als läge es auf der flachen Hand! In Kisten und Kesseln waren Dukaten und Edelsteine haufenweise aufgestapelt, genau unter der Stelle, auf der sie standen. Des Petrusj Augen brannten, .... sein Verstand verfinsterte sich .... wie ein Toller packte er das Messer, und das unschuldige Blut spritzte ihm in die Augen. Ein teuflisches Gelächter toste auf allen Seiten. — Widerwärtige Ungeheuer sprangen scharenweise vor ihm auf und ab. Wie ein Wolf, die Hände in den enthaupteten Leichnam gekrallt, sog die Hexe das Blut. In Petrusj Kopf kreiste alles, und mit dem Aufwand seiner letzten Kräfte begann er zu laufen. Alles vor ihm versank in rotes Licht. Alle Bäume brannten in rotem Blut und stöhnten. In Rotglut getaucht wankte der Himmel hin und her. Feuerflecke zuckten glimmend vor seinen Augen auf. Entkräftet lief er bis in seine Hütte, sank dort zu Boden wie eine Ähre und ein totenähnlicher Schlaf umfing ihn.

Zwei Tage und zwei Nächte schlief Petrusj, ohne zu erwachen. Als er am dritten Tage wieder zu sich kam, betrachtete er lange alle Ecken und Winkel seiner Stube, doch vergeblich suchte er sich an die Begebenheiten der letzten Zeit zu erinnern: sein Gedächtnis glich der Tasche eines alten Geizhalses, aus der man keinen Heller herauslocken kann. Nachdem er sich ein wenig gereckt hatte, vernahm er plötzlich zu seinen Füßen ein Klirren. Sieh da: vor ihm lagen zwei Säcke voll Gold. Erst jetzt erinnerte er sich wie in einem Träume, daß er einen Schatz gesucht hatte, und wie es grausig im Walde gewesen war .... Aber um welchen Preis er ihn erhalten hatte, darauf konnte er sich durchaus nicht mehr besinnen.

Sowie Korsch die Säcke erblickte, da wurde er seidenweich. „Petrusj, so ein Herzensjung’, den sollt’ ich nicht lieben? Der war mir doch stets wie mein eigner Sohn!“ Und der alte Knurrhahn begann so zu schwefeln, daß dem Petrusj die Tränen in die Augen kamen. Da lief Pidorka bestürzt herbei und begann zu erzählen, Iwasj sei von vorbeiziehenden Zigeunern gestohlen worden. Aber Petrusj konnte sich nicht einmal mehr auf ihn besinnen, so sehr stand er im Banne des verdammten Teufelsspukes! Nun war keine Zeit mehr zu verlieren. Der Pole wurde vor die Tür gesetzt, und man feierte Hochzeit: da wurden Kuchen gebacken, Wäsche genäht, man rollte ein Fäßchen Schnaps herbei, das junge Paar ward an den Tisch gesetzt, das Hochzeitsgebäck aufgeschnitten, da klimperten Harfen und die Saiten des Zymbals, es kreischten die Schalmeien und die Zithern summten — und die Lustbarkeit begann ....

Ein Hochzeitsfest aus alten Tagen ist nicht mit einem in unserer Zeit zu vergleichen. Die Tante meines Großvaters erzählte — hei juchhei! Ei wie da die Mädels im prächtigen Kopftuch mit den gelben, blauen und rosa Bändern und der Goldtresse daran darauf lossprangen. Sie hatten feine Hemden an, deren Nähte mit roter Seide bestickt waren und die kleine silberne Blümchen zierten, und hohe Saffianstiefelchen, die mit Hufeisen beschlagen waren; stolz wie Pfauen flogen sie gleich einem Wirbelwind rauschend durchs Zimmer. Wie da die jungen Frauen eine nach der anderen hervortraten mit ihrem bootsartigen Kopfputz, dessen Kappe aus Brokat gewirkt war, mit einem Nackenausschnitt, durch den das goldene Häubchen mit den zwei herabbaumelnden Zipfelchen aus feinstem schwarzen Lammfell hervorguckte, in ihren blauen Ueberwürfen aus herrlichstem Seidenstoff mit roten Aufschlägen — ei wie sie da gar würdig, die Hände auf die Hüften gestützt, eine nach der anderen hervortraten, und im Takt ihren Hopak tanzten. Wie da die Burschen in ihren hohen Kosakenmützen, in feinen Tuchkitteln mit silbergesticktem Gürtel, und die Pfeife zwischen den Zähnen um sie herum scharwenzelten und ihr Licht durchaus nicht unter den Scheffel stellten! Korsch selbst konnte beim Anblick des jungen Volkes nicht mehr an sich halten und legte los wie in alten Tagen. Mit der Harfe in der Hand, aus der Pfeife paffend und ein Lied vor sich hin singend, so begann der Alte, mit dem Schnapsglas auf dem Kopf, beim lauten Geschrei der lustigen Kumpanei seinen Hopser herunter zu stampfen. Was die nicht alles in ihrer Lustigkeit anstifteten! Schon wenn man anfing, Mummenschanz zu treiben, Gott, was gab’s da nicht alles. Das war eine ganz andere Mummerei als auf unseren heutigen Hochzeiten. Was macht man denn heute? Man verkleidet sich als Zigeunerinnen und Moskowiter, das ist alles! Nein, damals verkleidete sich einer als Jude und der andere als Teufel; erst küßte man sich, und dann packte man einander beim Schopf .... Ich bitt’ euch, das gab ein Lachen, daß man sich den Bauch halten mußte. Oder man legte türkische und tatarische Gewänder an, die da glühten wie das reine Feuer .... Und wenn man erst wirklich anfing, Unsinn und Schabernack zu treiben .... das war geradezu zum Platzen! Mit der Tante meines verstorbenen Großvaters, die mit auf dieser Hochzeit war, begab sich eine drollige Geschichte. Sie trug damals ein weites tatarisches Kleid und ging mit dem Schnapsglas in der Hand umher, um alle wohl zu versorgen. Da mußte einen der Teufel reiten, daß er sie von hinten mit Branntwein begoß, ein anderer mußte gerade in diesem Augenblick Feuer schlagen, und so setzten sie sie denn lichterloh in Brand. Die Flammen flackerten im Nu hoch auf: die arme Tante begann sich voller Schrecken in aller Gegenwart die Kleider vom Leibe zu reißen .... Was sich da für ein Lärm, Gelächter und ein wildes Durcheinander erhob, rein wie auf einem Jahrmarkt! Kurz, die ältesten Leute konnten sich nicht auf eine so lustige Hochzeit besinnen.

Pidorka und Petrusj begannen ein Leben miteinander wie die feinsten Herrschaften. Alles war in Hülle und Fülle vorhanden, alles blinkte und funkelte nur so .... Doch die lieben Nachbarn, die ihren Wohlstand mitansahen, schüttelten nur den Kopf. „Vom Teufel kommt nichts Gutes!“ sagten sie alle einstimmig. „Woher hat er denn den Reichtum, wenn nicht vom Versucher aller rechtgläubigen Christen? Wo hätte er einen solchen Haufen Goldes wohl hergenommen? Warum ist Bassawrjuk gerade an demselben Tage verschwunden, als Petrusj zu seinem Reichtum kam?“ — Und was die Leute noch alles redeten. Und in der Tat; es war noch kein Monat vergangen, da war Petrusj nicht mehr wiederzuerkennen. Was mit ihm geschehen war, das weiß Gott allein. Sitzt immer auf ein und derselben Stelle fest und redet kein Wort; er grübelt nur immer, als wollte er sich auf etwas besinnen. Wenn es Pidorka gelang, ein Wort aus ihm herauszupressen, sodaß er sich vergaß, ins Gespräch kam und sogar ganz heiter wurde, dann brauchte er nur wie zufällig auf die Geldsäcke zu blicken, und sofort schrie er los: „Halt, halt, ich hab’s vergessen!“ Und wieder verfiel er in Sinnen und quälte sich ab, eine Erinnerung heraufzurufen. Manchmal, wenn er lange Zeit still auf einem Flecke saß, kam es ihm so vor, als ob etwas Längstvergangenes wieder in sein Gedächtnis zurückkehrte .... aber gleich darauf verschwand alles wieder. Es dünkt ihn, er sitzt in der Schenke, man bringt ihm Schnaps, der Schnaps brennt ihm auf der Zunge und widert ihn an; jemand tritt zu ihm — schlägt ihm auf die Schulter, und er .... Aber dann schien alles vor ihm in einen Nebel zu sinken, der Schweiß rann ihm vom Gesicht, und er sank erschöpft wieder auf seinen Platz zurück.

Was auch Pidorka tun mochte: Kluge Frauen befragen, Zinndeuten, Wasser besprechen — nichts wollte helfen. So verging der Sommer. Manch ein Kosak hatte schon sein Korn abgemäht und sein Heu geschnitten; manch kühnerer Kosak war ins Feld gezogen. Schwärme von Enten drängten sich auf unseren Weihern, und der Zaunkönig war schon längst verschwunden. Die Steppen färbten sich rot, Getreidehaufen lagen hie und da verstreut wie Kosakenmützen auf dem Felde. Auf den Wegen konnte man schon Wagen begegnen, die mit Reisig und Holz beladen waren. Die Erde wurde hart, und zeitweise gab es schon Frost. Schon rieselte der Schnee vom Himmel herab, und die Zweige der Bäume waren mit Rauhreif verziert wie mit Hasenpelzchen. Schon stolzierte in klaren Wintertagen der rotbrüstige Gimpel wie ein eitler, polnischer Schlachziz auf den Schneehaufen umher und suchte sich Körner, und die Kinder trieben mit Riesenstäben hölzerne Bälle übers Eis, während ihre Väter ruhig hinter den Öfen lagen und nur ab und zu mit der brennden Pfeife im Munde vors Haus gingen, um tüchtig auf den russischen Frost zu schimpfen, um sich mal auszulüften, oder weil sie das Korn in den Schobern noch einmal durchdreschen wollten. Endlich begann der Schnee zu schmelzen, und der Hecht schlug mit dem Schwanze das Eis auf; Petrusj aber war derselbe geblieben, und nur um so düsterer geworden, je weiter die Zeit vorrückte. Wie angeschmiedet saß er mitten im Zimmer, die Säcke mit dem Golde zwischen den Beinen. Er verwilderte, war ganz und gar mit Haaren bewachsen, und wurde ein wahres Schreckbild; immer denkt er an ein und dasselbe, will sich etwas ins Gedächtnis zurückrufen, grollt mit sich und wütet, daß es ihm nicht gelingt. Oft springt er wild von seinem Sitze auf, fährt mit den Händen umher und heftet seine Augen auf etwas, als ob er es festhalten wollte; seine Lippen bewegen sich, als wollten sie ein längst vergessenes Wort aussprechen und — erstarren ...... Tobsucht packt ihn; wie toll nagt und beißt er an seinen Händen, und voll Grimm reißt er sich ganze Büschel von Haaren aus, bis er wieder still wird, bewußtlos hinsinkt, wieder zu sinnen anfängt; und dann wieder dieselbe Wut, und dieselbe Qual ..... Was für eine Strafe Gottes war das! Was Pidorka durchmachen mußte, das war kein Leben mehr! Zuerst graute sie’s, allein im Hause zu bleiben, aber dann gewöhnte sich die Ärmste an ihr Unglück. Die Pidorka von einst war nicht mehr wiederzuerkennen. Ihr Gesicht hatte weder Farbe noch ein Lächeln mehr; abgehärmt und abgezehrt war’s, ausgeweint waren die klaren Augen. Einst gab ihr jemand aus Erbarmen den Rat, sie solle zu der Zauberin gehen, die in der Bärenschlucht hauste, und von der der Ruf ausging, sie könne alle Gebreste der Welt heilen. Sie beschloß, dies letzte Mittel zu versuchen. Nach vielem Hin und Her überredete sie endlich die Alte, mit ihr mitzugehen. Es war gegen Abend und gerade vor Johannisnacht. Petrusj lag besinnungslos auf der Bank und nahm den neuen Gast gar nicht wahr. Doch bald begann er sich nach und nach aufzurichten und um sich zu blicken. Plötzlich erbebte er wie auf dem Schafott; sein Haar sträubte sich .... und er brach in ein solches Lachen aus, daß die Angst Pidorka ins Herz schnitt. „Ich hab’s, ich hab’s!“ schrie er in fürchterlicher Lustigkeit, schwang das Beil hoch empor und ließ es aus aller Leibeskraft auf die Alte fallen. Das Beil sauste zwei Zoll tief in die Eichentür hinein. Die Alte war verschwunden, und mitten in der Stube stand ein Kind von sieben Jahren in weißem Hemdchen mit verhülltem Haupte .... Das Tuch flog herunter. „Iwasj!“ schrie Pidorka und stürzte auf ihn zu; doch das Gespenst war vom Kopf bis zu Füßen mit Blut bedeckt und erglühte in rotem Lichte, das die ganze Stube in brennendes Rot tauchte. Voller Angst lief sie auf den Flur; als sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, wollte sie ihm helfen; aber vergebens! Die Tür war so fest hinter ihr zugeschlagen, daß man nicht imstande war, sie wieder zu öffnen. Die Leute liefen zusammen, begannen zu klopfen, schlugen die Tür ein: Keine Seele war da! Die ganze Stube war voll Rauch, nur in der Mitte, wo Petrusj gestanden hatte, lag ein Haufen Asche, von dem hie und da ein Qualm aufstieg. Man eilte zu den Säcken, darin lagen statt der Dukaten nur zerbrochene Scherben. Mit glotzenden Augen, aufgesperrten Mäulern, und ohne den Mut, sich zu regen, standen die Kosaken wie angewurzelt da. In solche Angst hatte sie dies Wunder versetzt.