Was weiter geschah, das weiß ich nicht. Pidorka legte das Gelübde ab, eine Pilgerfahrt zu machen; sie suchte ihr Hab und Gut zusammen, das ihr vom Vater übrig geblieben war, und war in der Tat einige Tage später aus dem Dorfe verschwunden. Wohin sie sich begeben hatte, das wußte niemand zu sagen. Geschwätzige alte Weiber wollten wissen, sie sei dort, wo auch Petrusj sei; aber ein Kosak, der aus Kiew kam, erzählte, er habe im Kloster eine zum Skelett abgemagerte Nonne gesehen, die immerwährend betete und in der ihre Landsleute allen Anzeichen nach Pidorka wiedererkannt hätten. Bis jetzt, hieß es, habe noch niemand von ihr ein einzig Wörtlein gehört, sie solle allein zu Fuß gekommen sein und habe eine Fassung für das Heiligenbild der Mutter Gottes mitgebracht, eine Fassung, die mit solchen bunten Steinen besetzt gewesen sei, daß allen die Augen flimmerten, wenn sie sie ansähen.
Mit Verlaub, aber damit war noch nicht alles zu Ende. An demselben Tage, als der Böse Petrusj zu sich genommen hatte, tauchte auch Bassawrjuk wieder auf; aber alle mieden ihn von nun ab. Man wußte jetzt, was das für ein Vogel war: niemand anders als der Satan war’s, der Menschengestalt angenommen hatte, um Schätze zu heben; und da unreine Hände nicht Schätze heben können, so lockte er brave Burschen an sich. Noch in demselben Jahre ließen alle ihre Lehmhütten stehen und liegen und zogen ins Kirchdorf; aber auch dort hatte man keine Ruhe vor dem verfluchten Bassawrjuk. Die Tante meines verstorbenen Großvaters erzählte, er habe eine besondere Wut auf sie gehabt, weil sie ihre alte Schenke auf der Landstraße nach Oposchnjany aufgegeben hatte, und er habe mit allen Mitteln versucht, seinen Zorn an ihr auszulassen. Einst waren die Dorfältesten in der Schenke beieinander; sie saßen und unterhielten sich, wie man so sagt, nach Amt und Würden am Tisch, auf dessen Mitte ein gewiß nicht allzu kleiner gebratener Hammel stand. Man schwatzte über dies und jenes, auch über mannigfache Wunder und Ungeheuerlichkeiten. Auf einmal schien’s, und nicht nur einem, — was ja nichts bedeuten würde, — sondern allen, als ob der Hammel den Kopf erhob, die gebrochenen Augen wie lebendig leuchteten, und als ob plötzlich ein borstiger schwarzer Schnurrbart sich auf die Anwesenden zubewegte. Alle erkannten in dem Hammelkopf sofort die Fratze Bassawrjuks, und die Tante meines Großvaters dachte schon, er würde gleich Schnaps bestellen! .... Die guten Leutchen griffen nach ihren Mützen und zogen ihres Weges. Ein anderes Mal sah der Kirchenvorstand in eigener Person, der es liebte, ab und zu ein Stündchen bei Großvaters Schnapsglas zu verbringen, noch ehe er zum zweiten Male das Glas geleert hatte, auf einmal, wie das Glas anfing, sich ehrerbietigst vor ihm bis zur Erde zu verneigen. „Hol’ dich der Teufel!“ rief er und begann sich zu bekreuzigen ..... Aber da widerfuhr seiner Ehehälfte gleichfalls ein Wunder: sie hatte gerade begonnen, Teig in einem mächtigen Trog zu kneten, da sprang der Trog auf einmal in die Höhe. „Halt! Halt! Wohin willst du?“ rief sie. Aber da begann er, die Henkel in die Hüften gestemmt, ehrwürdig in der Stube umherzutänzeln ..... Ja lacht nur! Aber unserem Großvater war’s nicht zum Lachen zumute. Vergeblich ging Vater Afanassi im ganzen Dorfe mit Weihwasser umher und suchte den Teufel durch Besprengen aller Straßen zu vertreiben. Es half nichts. Noch lange klagte die Tante meines verstorbenen Großvaters darüber, daß, sobald es Abend wurde, jemand aufs Dach klopfte und an den Wänden kratzte.
Aber das ist noch nicht alles! Jetzt scheint ja auf der Stelle, wo unser Dorf steht, alles ruhig zu sein; aber es ist noch garnicht so lange her, — mein verstorbener Vater und ich haben es noch erlebt — daß kein ehrenwerter Mensch an der verfallenen Schenke, die noch lange Zeit danach immer wieder von den unreinen Geistern ausgebessert wurde, ohne Furcht vorbeigehen konnte. Aus dem rußigen Schlot schlugen Säulen Qualms empor, die so hoch in die Luft stiegen, daß einem beim Hinaufsehen die Mütze herunterfiel, und aus dem Qualm fielen glühende Kohlen über die ganze Steppe. Und der Teufel — gar nicht nennen dürft’ man den Hundesohn — schluchzte so jämmerlich in seiner Kammer, daß die Aasgeier erschreckt in ganzen Scharen aus dem nahen Eichenwäldchen emporstießen und mit wildem Geschrei am Himmel umherschossen.
Mainacht
oder
Die Ertrunkene
Der Teufel mag wissen wie’s kommt! Machen sich ehrliche getaufte Leute an irgend etwas, so müssen sie sich abrackern, wie der Windhund hinterm Hasen, und kriegen’s doch nie zu fassen. Kommt aber der Böse und wackelt bloß mit dem Schwänzchen — da geht’s auf einmal wie vom Himmel gefallen.
I.
Hanna
Hell wie ein leuchtender Strom ergoß sich ein Lied durch die Straßen des Dorfes ***. Es war die Stunde, da Burschen und Mädchen, matt von des Tages Müh und Sorge, sich lärmend im Kreise versammeln, um im Glanz des reinen Abends ihre Lust in Klängen hinauszujubeln, in denen stets etwas wie eine geheime Trauer mitschwingt. Ganz in Sinnen versunken umschlang der Abend träumerisch den blauen Himmel und wandelte alles in Ungewißheit und Ferne. Schon begann es zu dämmern, aber die Lieder verstummten dennoch nicht. Mit der Harfe in der Hand zieht Lewko einher. Er hat sich von den Sängern weggeschlichen, der junge Kosak, des Dorfamtmanns Sohn. Mit seiner hohen Kosakenmütz’ auf dem Kopfe zieht der Kosak durch die Gasse, zupft mit der Hand die Saiten und tänzelt dazu. Doch nun blieb er vor der Tür eines Häuschens stehen, das niedrige Kirschbäume umstanden. Wes Haus ist dieses? Und wes die Tür? Nach kurzem Verweilen spielte er und sang:
„Nein, mein helläugiges Liebchen schläft wohl schon fest,“ sprach der Kosak, indem er sein Lied beendete und ans Fenster trat. „Halja, Halja! Schläfst du, oder willst du nicht zu mir kommen? Du fürchtest gewiß, es könnt’ uns jemand erblicken, oder will sich am Ende gar dein weißes Gesichtchen nicht in die Kälte hinauswagen? Fürcht’ dich nicht, niemand ist in der Nähe; der Abend ist warm. Ja, käm’ auch jemand, ich deck’ dich mit meinem Kittel zu, ich will dich mit meinem Gürtel umwinden, mit meinen Händen bedecken, — und niemand wird uns sehen. Und wehte es selbst eisig kalt, ich drück’ dich noch näher an mein Herz, ich wärm’ dich mit Küssen und zieh meine Mütze über deine weißen Füßchen. Mein Herz, mein Fischchen, mein Kleinod! Schau nur einen Augenblick heraus. Steck nur dein weißes Händchen durchs Fensterchen ... Nein, du schläfst nicht, stolzes Mädchen!“ rief er lauter und in einem Ton, wie ihn wohl jemand findet, der sich über einen Augenblick der Erniedrigung schämt. „Dir gefällt’s, mich zu verhöhnen. Leb’ wohl!“
Er wandte sich ab, schob die Mütze schief aufs Ohr und zog stolz davon, leis die Saiten der Harfe zupfend. Da drehte sich der Holzgriff der Tür, knarrend öffnete sich die Pforte, und ein Mädchen, das etwa siebzehn Lenze zählte, trat, von Dämmerung umwoben, über die Schwelle; scheu sah sie sich um, ohne den hölzernen Griff aus der Hand zu lassen. Ihre hellen Augen leuchteten im ungewissen Dunkel freundlich wie Sternlein; die rote Korallenkette blinkte, und vor den Adleraugen des Burschen blieb nicht einmal die Röte verborgen, die ihr schamhaft über die Wangen flammte.
„Wie ungeduldig du bist!“ sprach sie halblaut zu ihm. „Gleich bist du böse! Warum hast du denn gerade diese Zeit gewählt? Eine Unmenge von Leuten lungert auf den Straßen umher .... ich zittere am ganzen Leibe.“
„O zittere nicht, mein Knöspchen! Drück dich recht fest an mich!“ sprach der Bursch, umarmte sie, streifte die Harfe ab, die ihm an einem langen Riemen um den Hals hing, und ließ sich neben ihr vor der Türe nieder. „Du weißt: dich auch nur eine Stunde nicht zu sehen, ist so bitter für mich!“
„Weißt du, was ich glaube?“ unterbrach ihn das Mädchen und richtete sinnend die Augen auf ihn. „Mir ist’s, als raunte mir jemand ins Ohr, daß wir uns in Zukunft nimmer so oft mehr sehen werden. Die Menschen sind bei euch so schlimm, die Mädchen sehen mich so neidvoll an, und die Burschen .... Fühl’ ich’s doch gar, daß mich die Mutter seit einiger Zeit noch strenger bewacht. Ich will dir’s gestehen, fröhlicher war’s in der Fremde!“
Bei den letzten Worten huschte ein schmerzlicher Zug über ihr Gesicht.
„Du bist kaum zwei Monate in der Heimat, und schon wird dir’s zu lang; bin ich dir vielleicht auch schon zuwider?“
„O nein, du bist mit nicht zuwider!“ sagte sie lächelnd, „ich liebe dich doch, du schöner Kosak! Ich liebe dich um deiner klaren Augen willen, und wenn du mit ihnen auf mich blickst, so lächelt alles in meiner Seele, und ihr wird so wohl und so heiter; ich liebe dich, weil du so freundlich mit dem schwarzen Schnurrbart zuckst, weil du auf der Straße singst und spielst, und lieblich ist’s, dir zuzuhören.“
„O meine Halja!“ rief der Bursch, und drückte sie unter Küssen noch fester an seine Brust.
„Halt ein, Lewko! Sag mir zuerst, hast du mit deinem Vater gesprochen?“
„Was?“ rief er, wie aus dem Schlafe auffahrend, „daß wir uns heiraten wollen? Ich habe mit ihm gesprochen.“ Doch das Wort „gesprochen“ klang voller Bitterkeit in seinem Munde.
„Und nun?“
„Was soll man mit ihm machen? Der alte Tropf stellt sich nach seiner Gewohnheit taub, will nichts hören, und schilt noch, daß ich mich, weiß Gott wo, umhertreibe und mich mit den Burschen in den Straßen vergnüge. Doch verzage nicht, meine Halja! Da hast du mein Kosakenwort drauf, daß ich ihn doch beuge!“
„Ja, Lewko, du brauchst nur ein Wörtlein zu sagen, und alles geschieht nach deinem Willen. Weiß ich es doch von mir: Ich möchte mich dir so manches Mal widersetzen, doch du sagst nur ein Wort, und wider die eigene Absicht tu ich, was du willst. Sieh nur, sieh —“ fuhr sie fort, indem sie den Kopf an seine Schultern lehnte und ihre Augen zur Höhe erhob. Dort blaute der warme unermeßliche Himmel der Ukraine, der unten von den krausen Zweigen der Kirschbäume verhängt war. „Sieh dort, — weit, weit, da blinken Sternchen: eins, zwei, drei, vier, fünf .... Nicht wahr, das sind doch Gottes Engel, die die Fensterchen ihrer hellen Himmelsstübchen aufmachen und uns ansehen? Sie blicken doch auf unsere Erde herab? O, wenn die Menschen doch Flügel hätten wie die Vögel, — und so hinauffliegen könnten, hoch, hoch in die Höhe .... O, wie schrecklich! Keine Eiche ragt bei uns in den Himmel. Aber es soll irgendwo in einem fernen Lande solch einen Baum geben, dessen Wipfel in den Himmel hineinrauscht, und Gott soll auf ihm in der Osternacht zur Erde herabsteigen.“
„Nein, Halja, Gott hat eine lange Leiter, die vom Himmel bis zur Erde reicht. Am Ostersonntag wird sie von den heiligen Erzengeln aufgerichtet, und sowie Gott auf die erste Stufe tritt, da schwirren alle unreinen Geister empor und stürzen zu Haufen herab in die Hölle. Und darum ist zum Fest Christi kein böser Geist auf der Erde.“
„Wie sanft wiegt sich das Wasser hin und her, wie ein Kind in der Wiege,“ fuhr Hanna, auf den Teich weisend, fort, der mürrisch von dunklem Ahorngehölz umstanden war und von den Weiden beweint wurde, die ihre trauernden Zweige in ihn versenkt hatten. Wie ein kraftloser Greis hielt er den ferndunklen Himmel in seinen kalten Armen, überschüttete mit frostigen Küssen die brennenden Sterne, die trübe mitten im warmen Meer der nächtlichen Luft glimmten, in ängstlicher Vorahnung, daß bald der König der Nacht in blendendem Glanz aufleuchten würde. Auf dem Berge schlummerte neben dem Walde ein altes hölzernes Haus mit geschlossenen Läden; Moos und Unkraut bedeckten sein Dach; krausgelockte Apfelbäume wucherten vor den Fenstern, der Wald umarmte es mit seinen Schatten und warf eine wilde Düsternis darauf, und vor ihm breitete sich ein Nußbaumhain aus und glitt zum Teiche herab.
„Ich erinnere mich wie im Traume,“ sagte Hanna, ohne die Augen von ihm abzuwenden. „Vor langer, langer Zeit, als ich noch klein war und bei meiner Mutter lebte, da wurde gar Schreckliches von diesem Hause gesprochen. Lewko, du weißt es sicher, erzähle!“
„Da sei Gott vor! Liebste! Was doch die Weiber und Dummköpfe nicht alles erzählen. Du bringst dich nur um deine Ruhe, du könntest dich ängstigen und nachher nicht gut schlafen!“
„Erzähl, erzähl, liebster, schönster Junge!“ rief sie, preßte ihr Gesicht an seine Wange und umschlang ihn fest. „Nein, du liebst mich nicht! Sicher liebst du noch ein anderes Mädchen! Ich ängstige mich doch nicht — ich schlafe die Nacht über ganz ruhig. Aber wenn du mir’s nicht erzählst, werde ich nicht einschlafen können. Ich werde mich quälen und werde grübeln .... erzähle, Lewko!“
„Die Leute sprechen wohl die Wahrheit, die da sagen, daß ein Teufel in den Mädchen sitzt und beständig ihre Neugier reizt. So höre denn. Vor langer Zeit, mein Herz, da lebte ein Hauptmann in diesem Hause. Dieser Hauptmann hatte ein Töchterlein, ein hübsches Fräulein, so weiß wie Schnee, ganz so wie dein Gesichtchen. Des Hauptmanns Weib war schon lange tot, und der Hauptmann gedachte nun, sich eine andere Frau zu nehmen. ‚Wirst du mich auch liebkosen wie früher, Väterchen, wenn du dir eine andere Frau nimmst?‘ — Freilich, mein liebes Töchterchen, noch fester als früher werd’ ich dich an mein Herze drücken! Glänzendere Ohrringe noch und Perlen werd’ ich dir schenken!“
„Der Hauptmann brachte das junge Weib in sein Haus. Schön war das junge Weib, rosig und weiß war das junge Weib, und doch blickte sie so furchtbar auf ihre Stieftochter, daß die aufschrie bei ihrem Anblick, die strenge Stiefmutter aber sprach den ganzen Tag über kein Wort. So kam die Nacht heran. Der Hauptmann begab sich mit seinem jungen Weibe ins Schlafgemach; und auch das schneeweiße Fräulein schloß sich in ihre Kammer ein. Bitter ward ihr zumute und sie begann zu weinen. Plötzlich sieht sie, wie eine schreckliche Katze auf sie zuschleicht; ihr Fell glüht, und ihre eisernen Krallen schlagen laut auf die Diele. Voll Angst springt sie auf die Bank, — die Katze ihr nach; sie springt auf die Ofenbank, die Katze folgt ihr dort hinauf, und mit einem Male springt sie dem Mädchen an den Hals und beginnt sie zu würgen. Mit einem Schrei riß das Mädchen sie von sich los und schleuderte sie zu Boden. Und wieder schleicht die schreckliche Katze heran. Ein Grausen erfaßt das Mädchen. An der Wand hing ihres Vaters Säbel. Sie packte ihn, und sausend fiel der Hieb, — die Tatze mit den Eisenkrallen flog ab, und die Katze verschwand winselnd in der dunklen Ecke. Den ganzen Tag über verließ die junge Frau ihr Gemach nicht, erst am dritten Tage erschien sie wieder mit einer verbundenen Hand. Da ging dem armen Fräulein eine Ahnung auf, daß ihre Stiefmutter eine Hexe war, und daß sie ihr die Hand abgehauen hatte. Am vierten Tage befahl der Hauptmann seiner Tochter, Wasser herbei zu tragen und das Haus zu fegen wie eine gemeine Magd, und verbot ihr, sich in den herrschaftlichen Gemächern zu zeigen. Der Ärmsten ward so schwer ums Herz, doch was konnte sie tun, sie mußte ja den Willen des Vaters erfüllen. Am fünften Tage jagte der Hauptmann seine Tochter barfuß aus dem Hause, und gab ihr nicht einmal ein Stückchen Brot mit auf den Weg. Da schlug das Fräulein die Hände vor das Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen. ‚O mein Vater, in Verderben gestürzt hast du deine eigne Tochter. Die Hexe hat deine sündige Seele ins Verderben gestürzt! Möge Gott dir verzeihen, mir hat Er wohl nicht länger zu leben beschieden ....‘ — Siehst du da ....?“ wandte sich Lewko an Hanna und wies mit dem Finger auf das Haus, „schau hin: dort hinter dem Hause ist das Ufer am steilsten. Von diesem Ufer stürzte sich das Fräulein ins Wasser, und ward seit dem Tage nicht mehr gesehen ....“
„Und die Hexe?“ unterbrach ihn Hanna ängstlich und richtete ihre tränenschweren Augen auf ihn.
„Die Hexe? Alte Weiber haben das Märchen ersonnen, daß seit jener Zeit in mondhellen Nächten alle ertrunkenen Mädchen in den Garten des Hauptmanns kamen, um sich im Mondlicht zu wärmen, und des Hauptmanns Töchterlein war die erste unter ihnen. Eines Nachts erblickte sie ihre Stiefmutter neben dem Teich, fiel über sie her und schleppte sie mit Geschrei ins Wasser. Aber auch diesmal ließ sich die Hexe nicht aus der Fassung bringen, sie verwandelte sich unter dem Wasser in eine von den Ertrunkenen und entkam so der Peitsche aus grünem Schilf, mit der die Ertrunkenen sie schlagen wollten.
Glaub’ einer den Weibern! — Man erzählt auch noch, daß das Fräulein seit jener Nacht die Ertrunkenen um sich sammelt, jeder einzelnen ins Gesicht blickt, und sich abmüht, zu erkennen, welche von ihnen die Hexe sei; aber bis jetzt hat sie es noch nicht erfahren. Und wenn sie einen Menschen in die Hände bekommt, so zwingt sie ihn, die Hexe zu suchen, und droht ihm, ihn sonst zu ertränken. So erzählen die alten Leute, liebe Halja! .... Unser jetziger Pan aber will an dieser Stelle eine Schnapsbrennerei errichten und hat schon eigens dazu einen Brennmeister hergeschickt .... Doch ich höre reden. Die Unsrigen kommen vom Singen zurück. Leb’ wohl, Halja! Schlafe ruhig und denk nicht an diese Weibermärchen.“ —
Mit diesen Worten umschlang er sie noch fester, küßte sie und ging.
„Leb’ wohl, Lewko!“ sprach Hanna und richtete sinnend ihre Augen auf den dunklen Wald.
In diesem Augenblicke begann ein riesenhafter Feuer-Mond majestätisch aus der Erde zu wachsen. Noch lag die eine Hälfte unter der Erde, aber schon erfüllte sich die ganze Welt mit einem feierlichen Lichte. Der Teich sprühte Funken. Der Schatten der Bäume löste sich scharf vom dunklen Grün.
„Leb’ wohl, Hanna!“ tönt es hinter ihr, und ein Kuß begleitete diese Worte.
„Du bist wieder zurückgekehrt?“ sagte sie und schaute sich um. Aber als sie einen unbekannten Burschen sah, wandte sie sich zur Seite.
„Leb’ wohl, Hanna!“ ertönte es da wieder, und wieder küßte sie jemand auf die Wange.
„Hat der Teufel noch einen hierhergeführt!“ rief sie voller Zorn.
„Leb’ wohl, liebe Hanna!“
„Leb’ wohl, leb’ wohl, leb’ wohl, Hanna!“ Und von allen Seiten regneten Küsse auf sie herab.
„Das ist ja eine ganze Horde!“ schrie Hanna und mußte sich gewaltsam aus einem großen Haufen von Burschen losreißen, die sie um die Wette umarmten. „Wie ist ihnen nur das ewige Küssen nicht zuwider! Bei Gott, bald darf man sich nicht mehr auf der Straße zeigen!“
Nach diesen Worten schlug die Türe zu, und man hörte nur noch, wie der eiserne Riegel sich klirrend vorschob.
II.
Der Dorfamtmann
Kennt Ihr die Nächte der Ukraine? O Ihr kennt die Nächte der Ukraine nicht. Blickt nur recht tief in sie hinein, versenkt Euch tiefer in ihre Wunder. Mitten vom Himmel herab blickt der Mond; noch gewaltiger als sonst ist die unermeßliche Wölbung des Himmels, dehnt sich noch weiter in unermeßlichen Fernen und scheint brennend und lohend zu atmen. Die ganze Erde liegt in silbernem Lichte da, die wundersame Luft ist von einer schwülen Kühle und Wonne erfüllt, und strömt einen Ozean von Wohlgerüchen aus. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! Regungslos und wie begeistert stehen die Wälder in tiefer Finsternis und werfen ungeheure Schatten. Still liegen die Teiche ruhend da; die Kälte und die Finsternis sind düster verkerkert in die dunkelgrünen Mauern der Gärten. Die jungfräulichen Hecken aus Faulbeer und Kirschbäumen strecken scheu ihre Wurzeln in die kühle Flut der Quellen, und ihre Blätter lispeln ab und zu, als ob sie zürnten oder sich empörten, wenn der schöne, flatterhafte Nachtwind schnell herangeschlichen kommt und sie küßt. Die ganze Natur schläft. Oben aber lebt und webt alles in herrlicher Feier. Und auch die Seele breitet sich herrlich aus ins Unermeßliche, und Reigen silberner Visionen steigen aus ihrer Tiefe auf. Göttliche Nacht! Berückende Nacht! Mit einemmal aber wird alles lebendig: Wälder, Teiche und Steppen. Majestätisch rollt das Schmettern der ukrainischen Nachtigall dahin, und man meint, selbst der Mond lausche ihr aus der Mitte des Himmels .... Wie verzaubert schlummert das Dorf auf der Anhöhe. Noch weißer und prächtiger strahlen die Haufen der Häuschen im Mondlichte, noch blendender heben sich ihre niederen Mauern von der Dunkelheit ab. Die Lieder sind verstummt. Alles ist still. Die frommen Leute schlafen schon. Nur hie und da leuchtet ein schmales Fensterchen auf. Auf den Schwellen einzelner Hütten sitzt noch eine Familie und verzehrt ihr spätes Nachtmahl.
„I wo, ein Hopser wird ganz anders getanzt! Also darum ging’s nicht vom Fleck! — Was erzählt der Gevatter da? .... Nun also: Hop, trala! — hop, trala! — hop, hop, hop!“ So sprach ein angeheiterter Bauer mittleren Alters zu sich selbst und begann mitten auf der Straße zu tanzen. „Bei Gott, so wird kein Hopser getanzt! Was soll ich schwindeln? Bei Gott! So nicht! Nun also: Hop trala! — Hop trala! — hop, hop, hop!“
„Der Mensch ist ja ganz närrisch. Wenn’s noch ein junger Kerl wäre, aber so ein alter Bär .... der tanzt bloß den Kindern zum Spott hier nachts auf der Straße!“ rief eine ältere Frau im Vorübergehen, die Stroh in der Hand trug. „Geh nach Haus! Es ist schon längst Schlafenszeit!“
„Ich gehe ja schon,“ sagte der Bauer und blieb stehen. „Ich geh’ ja schon. Ich pfeife auf den Amtmann. Was denkt er sich denn. Der Teufel soll seinen Vater holen. Wenn er Amtmann ist und die Leute bei stärkstem Frostwetter noch mit kaltem Wasser begießt, hat er darum etwa das Recht, so hochnäsig und wichtig zu tun? Ei, ist das mir ein Amtmann! Ich bin mein eigner Amtmann! Gott soll mich schlagen — ich bin mein eigner Amtmann! Jawohl,“ fuhr er fort, „und nicht etwa ....“ Er trat ans erste beste Häuschen heran, blieb vor dem Fenster stehen, und bemühte sich, mit den Fingern über die Scheibe gleitend, den hölzernen Griff zu finden. „Weib, mach auf! Schnell, Weib, ich sage dir, mach auf! Der Kosak will schlafen!“
„Wo willst du hin, Kalenik? du bist an ein fremdes Haus geraten!“ schrien lachend die Mädchen hinter ihm her, die vom fröhlichen Sang heimkehrten. „Sollen wir dir dein Haus zeigen?“
„Zeigt mir’s, meine lieben jungen Damen!“
„Damen? Hört ihr’s?“ rief die eine, „wie artig Kalenik ist! Dafür müssen wir ihm sein Haus zeigen ....! Aber nein, erst tanz uns mal eins vor!“
„Tanzen? .... Ah, ihr schlauen Mädel!“ rief Kalenik gedehnt lachend, mit dem Finger drohend und stolpernd, denn er war etwas unsicher auf den Beinen. „Laßt Ihr euch auch küssen? Ich will euch alle küssen — alle .... alle!“ Und mit wankenden Schritten jagte er hinter ihnen her. Die Mädchen schrieen alle durcheinander; aber bald faßten sie Mut und liefen auf die andere Seite der Straße, als sie merkten, daß Kalenik nicht allzu flink auf den Beinen war.
„Da ist dein Haus!“ schrien sie ihm beim Fortgehen zu und zeigten auf ein Haus, das größer war als die übrigen und dem Dorfamtmann gehörte. Kalenik wankte gehorsam auf jene Seite hinüber und begann dann von neuem auf den Amtmann zu schimpfen.
Wer aber ist denn eigentlich dieser Amtmann, der so böses Gerede über sich erregt? O, dieser Amtmann ist eine wichtige Person auf dem Lande. Bis Kalenik das Ende seines Weges erreicht hat, werden wir wohl Zeit finden, einiges über ihn zu sagen. Alle im Dorfe greifen bei seinem Anblick an die Mütze, und selbst die allerjüngsten Mädchen sagen ihm Guten Tag. Wer im Dorfe möchte nicht Amtmann sein? Dem Amtmann ist der Weg zu allen Tabaksdosen offen, und der kräftige Bauer steht die ganze Zeit über ehrfurchtsvoll mit der Mütze in der Hand da, solange jener seine dicken und groben Finger in seine Tabatiere von Bast steckt. Im Gemeinderat hat der Amtmann immer die Oberhand, obgleich seine Macht noch durch andere Stimmen beschränkt wird, und er heißt fast ganz nach seiner Willkür jeden, der ihm gerade paßt, den Weg ebnen oder einen Graben anlegen. Der Amtmann ist mürrisch, von plumpem Äußeren und redet nicht gern. Vor langer, langer Zeit, als noch die große Zarin Katharina seligen Angedenkens einmal in die Krim reiste, war er auserwählt worden, an ihrem Gefolge teilzunehmen; er bekleidete dieses Amt ganze zwei Tage und hatte sogar die Ehre, auf dem Bock neben dem Kutscher der Zarin sitzen zu dürfen. Seit dieser Zeit weiß der Amtmann würdevoll und sinnend den Kopf zu senken, seinen langen und an der Spitze etwas krausen Schnurrbart zu glätten und drohende Falkenblicke um sich zu werfen. Seit dieser Zeit weiß er auch, worüber man immer mit ihm sprechen mag, stets die Rede darauf zu bringen, daß er die Zarin begleitet und auf dem Kutschbock des kaiserlichen Wagens gesessen habe. Der Amtmann beliebt nur manchmal, sich taub zu stellen, besonders wenn er etwas hören muß, was er nicht gerne hört. Er liebt es nicht, Staat zu machen, trägt stets einen Kittel aus schwarzem Haustuch, umgürtet sich mit einem bunten Wollgürtel, und noch nie hat ihn jemand in einem anderen Kostüm gesehen, ausgenommen vielleicht in der Zeit, wo die Zarin in die Krim reiste, und wo er einen blauen Kosakenrock, den Schupan, trug. Aber auf diese Zeit kann sich wohl kaum jemand aus dem ganzen Dorfe besinnen; den Schupan aber bewahrt er in einem Kasten unter Schloß und Riegel. Der Amtmann ist Witwer; aber in seinem hause lebt eine Schwägerin, die ihm Mittag- und Abendbrot kocht, die Bänke scheuert, die Stube weißt, ihm Hemdentuch webt und sein ganzes Hauswesen leitet. Im Dorfe heißt es, sie sei nicht richtig mit ihm verwandt; aber wir haben ja schon gesehen, daß der Amtmann viele Feinde hat, die ihn gern ein wenig verleumden. Übrigens hat vielleicht der Umstand Anlaß dazu gegeben, daß es der Schwägerin immer mißfiel, wenn der Amtmann aufs Feld ging, wo die Schnitterinnen an der Arbeit waren, oder zu einem Kosaken, der ein junges Töchterchen hatte. Der Amtmann ist einäugig, dafür aber ist sein einsames Auge ein Schelm und kann schon von fern ein hübsches Bauernmädchen erkennen. Doch bevor er sein Auge auf ein niedliches Gesichtchen richtet, sieht er sich erst sorgfältig um, ob ihm die Schwägerin auch nicht zuschaut.
Nun haben wir schon fast alles Notwendige vom Amtmann erzählt, und der betrunkene Kalenik hat noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt. Noch lange traktierte er den Amtmann mit den ausgesuchtesten Worten, die ihm auf seine faule und zusammenhangloses Zeug lallende Zunge kamen.
III.
Ein unerwarteter Nebenbuhler
Die Verschwörung
„Nein, Burschen, nein! Ich will nicht! Was soll diese Ausgelassenheit? Wie, wird euch das Tollen nicht zuwider? Wir gelten ohnehin schon für Gott weiß was für Raufbolde. Geht lieber schlafen!“ So sprach Lewko zu seinen fröhlichen Kumpanen, die ihn zu neuen Streichen überreden wollten. „Lebt wohl, Brüder! Gute Nacht!“ Und schnellen Schrittes eilte er davon.
„Schläft meine helläugige Hanna?“ dachte er, als er an das uns schon bekannte, von Kirschbäumen umstandene Häuschen trat. Mitten in der Stille vernahm er ein leises Gespräch. Lewko blieb stehen. Durch die Bäume schimmerte ein weißes Frauengewand .... „Was soll das?“ dachte er, schlich näher heran und versteckte sich hinter einem Baum. Der Mondschein erhellte das Gesicht des vor ihm stehenden Mädchens.
„Hanna?“ Aber wer war der hochgewachsene Mann, der mit dem Rücken zu ihm stand? Vergeblich blickte er nach ihm hin: Der war vom Kopfe bis zu den Füßen in Schatten gehüllt. Nur von vorn fiel etwas Licht auf ihn, aber schon der kleinste und leiseste Schritt setzte Lewko der Unannehmlichkeit aus, entdeckt zu werden. Still an einen Baum gelehnt, blieb er stehen. Das Mädchen hatte ganz deutlich seinen Namen ausgesprochen.
„Lewko? Lewko ist noch ein Milchbart!“ rief der große Mann. „Wenn ich ihn bei dir treffe, reiße ich ihm den Schopf aus ....“
„Ich möchte wohl wissen, welcher Lump damit prahlt, er werde mir meinen Schopf ausreißen!“ sagte sich Lewko still und reckte den Hals empor, um ja kein Wort zu verlieren. Aber der Unbekannte fuhr so leise fort, daß man nichts mehr hören konnte.
„Schämst du dich denn gar nicht!“ sprach Hanna, als er zu Ende geredet hatte. „Du lügst, du willst mich betrügen. Du liebst mich nicht, ich werde dir nie glauben, daß du mich liebst!“
„Ich weiß,“ erwiderte der große Mann, „Lewko hat dir viel unsinniges Zeug vorgeschwatzt und dir den Kopf verdreht!“ (Hier kam es dem Burschen so vor, als sei die Stimme des Unbekannten ihm nicht ganz fremd, und als habe er sie schon einmal gehört.) „Aber ich werd’ es dem Lewko schon zeigen!“ fuhr der Unbekannte fort. „Er glaubt, ich sehe alle seine Streiche nicht, er soll meine Fäuste schon zu kosten bekommen, der Hundesohn!“
Bei diesen Worten konnte Lewko seinen Zorn nicht länger unterdrücken. Er schlich bis auf drei Schritte an ihn heran und holte aus aller Kraft aus, um ihm einen Hieb zu versetzen, dem der Unbekannte trotz seiner offenbaren Stämmigkeit vielleicht nicht standgehalten hätte; aber in diesem Augenblicke fiel das Licht auf des Unbekannten Antlitz, und Lewko erstarrte — er sah seinen eigenen Vater vor sich. Nur ein unwillkürliches Kopfschütteln und ein leises Pfeifen durch die Zähne verrieten seine Verblüffung. Dann vernahm man ein feines Rascheln, Hanna floh eiligst ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.
„Leb wohl, Hanna!“ rief in diesem Augenblick einer der Burschen, der leise herangeschlichen war, und umarmte den Amtmann, aber er prallte entsetzt zurück, als er den struppigen Schnurrbart berührte.
„Leb wohl, mein schönes Kind!“ rief ein anderer, aber dieser flog Hals über Kopf, von einem schweren Stoß des Amtmanns getroffen, zur Erde.
„Leb wohl, leb wohl, Hanna!“ riefen einige Burschen und hingen sich ihm an den Hals.
„Fahrt doch zur Hölle, ihr verdammten Lümmel!“ schrie der Amtmann, indem er sie von sich abwehrte, und stampfte voller Wut mit den Füßen. „Bin ich etwa Hanna? Schert euch hinter euren Vätern her; an den Galgen mit euch, ihr Teufelsbrut! Kleben die fest an einem, rein wie die Bienen am Honig! Ich will euch schon zeigen wer Hanna ist ....“
„Der Amtmann, der Amtmann! ’s ist der Amtmann!“ schrien die Burschen und liefen nach allen Seiten auseinander.
„Ei, ei, Väterchen!“ sprach Lewko, als er sich wieder von seinem Staunen erholt hatte, und blickte dem schimpfend davonziehenden Amtmann nach. „Solche Streiche machst du also? Großartig! Und ich habe mich noch gewundert und immer gedacht, was mag das nur bedeuten, daß er sich immer taub stellt, sobald ich mit ihm von dieser Sache zu sprechen anfange. Halt, alter Graubart, ich will dir schon beibringen, was das heißt, sich vor den Fenstern junger Mädchen herumzudrücken; fremde Bräute abspenstig machen? — na, ich will dir’s schon zeigen! Hollah, Jungens, hierher!“ schrie er, mit der Hand die Burschen zu sich heranwinkend, die sich wieder versammelt hatten und in einem Haufen zusammenstanden. „Kommt doch her! Ich hab’ euch zwar ermahnt, schlafen zu gehen, aber ich hab’s mir wieder überlegt und will gern die ganze Nacht mit euch verbummeln.“
„Das laß ich mir gefallen!“ rief ein breitschultriger und stattlicher Bursche, der als der erste Herumstreicher und Wildfang im Dorf galt. „Mir ist nicht wohl zumute, wenn ich keine Gelegenheit habe, ein paar Streiche zu machen und mich ordentlich auszutoben. Mir ist, als fehlte mir etwas, es kommt mir dann so vor, als hätte ich die Mütze oder die Pfeife verloren, kurz, ich fühle mich nicht mehr als rechter Kosak!“
„Wollt ihr heute den Amtmann mal tüchtig ärgern?“
„Ja, den Amtmann. Wahrhaftig! Was denkt sich denn der? Der kommandiert bei uns herum wie ein Hetman! Nicht genug, daß er uns hin und her hetzt wie seine Knechte, nein, er macht sich auch noch an unsere Mädchen heran! Ich glaube, im ganzen Dorfe gibt’s auch nicht ein hübsches Mädchen, mit dem der Amtmann nicht anbändelte.“
„’s ist wahr, ’s ist wahr!“ riefen alle Burschen wie aus einer Kehle.
„Aber, Kinder, was sind wir denn für Kerle? Sind wir nicht Männer von altem Stamm wie er? Wir sind doch gottlob freie Kosaken! Jungens, zeigen wir ihm, daß wir freie Kosaken sind!“
„Ja, ja, wir wollen’s ihm zeigen!“ riefen die Burschen. „Und kommt erst der Amtmann an die Reihe, so wollen wir auch den Schreiber nicht vergessen!“
„Freilich, wir wollen auch den Schreiber nicht vergessen. Gerade eben ist mir so ein hübsches Liedchen auf den Amtmann eingefallen. Kommt, ich will es euch lehren,“ fuhr Lewko fort und schlug mit der Hand die Saiten der Harfe an. „Aber hört: jeder muß sich verkleiden wie sich’s gerad trifft!“
„Los, Kosaken!“ rief der wilde, stämmige Mensch, schlug die Beine zusammen und klatschte in die Hände. „Ist das eine Freude! Das nenn’ ich Freiheit! Wenn das Toben beginnt, so möcht’ ich fast glauben, die alten Tage erständen aufs neue. So herrlich und frei wird einem ums Herz und die Seele fühlt sich wie im Paradies. He, Jungens! Auf, drauf los!“ ....
Und die Menge zog lärmend durch die Straßen. Die frommen alten Frauen, die vom Geschrei geweckt wurden, schoben die Fenster in die Höhe, bekreuzigten sich mit ihren schläfrigen Händen und sprachen: „Ja, ja, jetzt gehen die Burschen bummeln!“
IV.
Die Burschen bummeln
Nur in einem Hause, am Ende der Straße brannte noch Licht. Das war das Haus des Amtmanns. Der Amtmann hatte schon längst sein Nachtmahl beendet und wäre zweifellos schon lange schlafen gegangen, aber er hatte noch einen Gast, den Branntweinbrenner, der von einem Gutsbesitzer, welcher mitten im Kosakenlande ein kleines Gut besaß, hierher geschickt worden war, um eine Schnapsbrennerei zu errichten. Obenan auf dem Ehrenplatze unterm Heiligenbilde, saß der Gast — ein kurzes, dickes Männchen mit ewig lachenden Äuglein, die das ganze Behagen wiederzuspiegeln schienen, mit dem er seine Pfeife rauchte; er spuckte jeden Augenblick zur Seite und preßte den aus der Pfeife kriechenden Tabak, der sich schon zu Asche verwandelt hatte, mit dem Daumen wieder hinein. Dichte Rauchwolken türmten sich schnell über ihm auf und hüllten ihn in ein Kleid von blauem Nebel. Es schien, als ob der breite Schlot einer Schnapsfabrik herunterspaziert wäre, weil er es überdrüssig geworden war, ewig auf seinem Dache zu hocken, und nun artig in der Stube des Amtmanns bei Tisch säße. Dicht unter seiner Nase befand sich ein kurzer dichter Schnurrbart; aber dieser Schnurrbart guckte so undeutlich aus der Tabaksluft hervor, als wäre er eine Maus, die der Branntweinbrenner gefangen hätte und nun im Munde hielte; wie wenn jener die Absicht hätte, das Monopol des Katers auf dem Speicher zu untergraben. Der Amtmann saß als Hausherr in bloßem Hemd und in einer Leinwandhose da; sein Adlerauge begann allmählich zu blinzeln und zu erlöschen wie die Abendsonne. Am Ende des Tisches rauchte einer der Dorfbüttel, die das Kommando des Amtmanns bildeten ein Pfeifchen; er saß aus Respekt vor dem Hausherrn im Kittel da.
„Gedenkt ihr,“ sprach der Amtmann zum Brennmeister gewandt, indem er ein Kreuz über seinen gähnenden Mund machte, „gedenkt ihr die Brennerei bald zu eröffnen?“
„Mit Gottes Hilfe werden wir vielleicht schon in diesem Herbst zu brennen anfangen. Ich wette, zu Mariä Geburt werden der Herr Amtmann schon auf der Straße mit den Beinen die Linien von deutschen Bretzeln beschreiben!“
Bei diesen Worten verschwanden die Augen des Branntweinbrenners, und an ihrer Stelle zogen sich lange Strahlen bis zu den Ohren hin. Der ganze Körper schüttelte sich vor Lachen, und seine lustigen Lippen trennten sich für einen Augenblick von der paffenden Pfeife.
„Das gebe Gott!“ sprach der Amtmann und drückte auf seinem Gesicht so etwas wie ein Lächeln aus. „Jetzt gibt’s Gottlob, wenig Schnapsbrennereien. Aber in alten Zeiten, als ich die Zarin auf der Landstraße von Perejaslawl geleitete, und der verstorbene Besborodko ...“
„An was für Zeiten du auch denkst, Gevatter! Damals konnte man auf dem ganzen Wege von Krementschug nach Romny noch nicht eine Schnapsbrennerei finden. Jetzt dagegen .. hast du gehört, was sich diese verdammten Deutschen ausgedacht haben? Bald wird man, wie es heißt, den Schnaps nicht mehr mit Holz brennen, wie das alle ehrlichen Christen tun, sondern mit irgend einem verteufelten Dampfe!“ ... Bei diesen Worten blickte der Brandmeister nachdenklich auf seine Ellbogen, die er auf den Tisch stützte. „Wie das mit Dampf gemacht werden soll, das weiß ich bei Gott nicht!“
„Was für Narren doch diese Deutschen sind! Lieber Gott erbarme dich!“ sagte der Amtmann. „Die sollten den Knüppel zu kosten kriegen, diese Hundesöhne! Wo hat man je gehört, daß man mit Dampf kocht? Auf diese Art könnte man ja keinen Löffel Borschtschsuppe in den Mund nehmen, ohne sich die Lippen zu verbrühen und auch kein junges Ferkel ....“
„Gevatter,“ rief da die Schwägerin, die mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Ofenbank saß: „Wirst du denn die ganze Zeit über ohne deine Frau bei uns leben?“
„Wozu brauche ich die? Wenn’s noch was Rechtes wär’!“
„Ist sie nicht nett?“ fragte der Amtmann, sein Auge auf ihn richtend.
„Gott bewahre, nett! Die ist so alt wie der Teufel! Und hat die Fratze voller Runzeln wie ein leerer Beutel!“ Und die gedrungene Gestalt des Branntweinbrenners fing wieder an zu wackeln, so laut lachte er.
In diesem Augenblick scharrte jemand an der Tür; die Tür ging auf — ein Bauer trat über die Schwelle, ohne die Mütze abzunehmen, und pflanzte sich mitten in der Stube auf, wie nachdenklich, mit aufgesperrtem Munde die Decke musternd. Es war der uns schon bekannte Kalenik.
„So, nun bin ich zu Hause!“ rief er aus und setzte sich auf eine Bank neben der Tür, ohne im geringsten auf die Anwesenden zu achten. „Wie lang mir der Sohn des Bösen den Weg gemacht hat! Man geht und geht, und es nimmt kein Ende! Die Beine sind einem wie zerschlagen. Weib, gib mir doch den Schafspelz als Unterlage. Weiß Gott, ich kriech’ nicht zu dir auf den Ofen, dazu tun mir die Beine zu weh! Gib ihn mir her. Dort liegt er neben dem Heiligenbilde, aber sieh zu, wirf den Topf mit dem geriebenen Tabak nicht um. Oder nein, laß ihn lieber! Du bist heute vielleicht betrunken .... ich hol ihn mir schon lieber selbst.“
Kalenik wollte sich aufrichten, aber eine unüberwindliche Macht fesselte ihn an die Bank.
„Das gefällt mir,“ sagte der Amtmann, „der kommt in fremde Stuben und benimmt sich ganz wie zu Hause! Schafft ihn nur in Frieden wieder hinaus! ....“
„Laßt ihn ausruhen, Gevatter,“ sprach der Branntweinbrenner, den Amtmann an der Hand zurückhaltend. „Das ist ein nützlicher Mensch: noch mehr solche Leute — und unsere Brennerei geht großartig!“
Es war jedoch nicht Gutmütigkeit, die ihn zu diesen Worten veranlaßte. Der Branntweinbrenner glaubte an allerhand üble Vorzeichen, und einen Menschen, der sich schon gesetzt hatte, davonjagen, das hieß für ihn so viel wie ein Unglück heraufbeschwören.
„Ach ja, das Alter rückt heran ....“ brummte Kalenik und streckte sich auf die Bank hin. „Wäre ich noch wenigstens betrunken! Aber bei Gott, nein, ich bin nicht betrunken! Wozu sollte ich denn flunkern? Und das will ich auch dem Amtmann selbst sagen, wenn’s sein muß! Was ist mir denn der Amtmann? Mag er verrecken, der Hundesohn. Ich spucke auf ihn. Ein Wagen soll ihn überfahren, den einäugigen Teufel! Was hat er den Leuten Wasser auf den Kopf zu gießen, wenn’s friert! ....“
„Oho! Kommt einem so ein Schwein ins Haus gekrochen und legt auch noch die Pfoten auf den Tisch!“ sagte der Amtmann und stand zornig von seinem Platze auf; aber in diesem Augenblicke flog ein gewichtiger Stein, der die Fensterscheibe zerschmetterte, ihm vor die Füße. Der Amtmann blieb stehen. „Wenn ich wüßte,“ sagte er, und hob den Stein auf, „welcher Galgenstrick den Stein da hereingeworfen hat, dem würde ich schon zeigen, was das heißt, Steine werfen! Was für Streiche!“ fuhr er fort, indem er den Stein in die Hand nahm und mit brennendem Blicke musterte. „Er soll ersticken an diesem Stein! ....“
„Halt, halt! Behüt dich Gott, Gevatter!“ fiel der Branntweinbrenner mit bleichem Gesichte ein. „Behüt dich Gott in dieser und jener Welt, jemand mit einem solchen Fluch zu bedenken!“
„Oho, der hat ja einen schönen Beschützer gefunden! Krepieren soll er ....“
„Hör auf, Gevatter! Du weißt wohl nicht, was meiner seligen Schwiegermutter widerfahren ist?“
„Deiner Schwiegermutter?“
„Ja, meiner Schwiegermutter! Eines Abends, es war ein bißchen früher als heute, setzten sie sich zum Abendessen hin: meine verstorbenen Schwiegereltern, der Knecht, die Magd und fünf Kinder. Die Schwiegermutter schüttete ein paar Knödel aus dem großen Kessel in die Schüssel, damit sie ein wenig abkühlten, denn nach der Arbeit waren alle hungrig und wollten nicht warten, bis die Knödel kalt waren. Sie steckten ihre langen Holzstäbe hinein und begannen zu essen. Auf einmal taucht da ein Mann auf und bittet, ihn auch mitessen zu lassen; wer das war, mag Gott wissen. Nun, soll man etwa einem hungrigen Menschen nicht zu essen geben? Man reicht ihm also auch ein Stäbchen. Aber der Gast räumt mit den Knödeln auf wie die Kuh mit dem Heu. Bis jene einen Knödel gegessen und den Stab nach einem zweiten ausgestreckt hatten, war der Boden der Schüssel schon so glatt wie die Diele eines Herrenhauses. Die Schwiegermutter tat noch Klöße hinein; denn sie dachte, nun hat der Gast sich satt gegessen und wird nicht mehr so stark zugreifen. Aber ganz im Gegenteil: er schlang und schlang noch immer gewaltiger, und leerte auch die zweite Schüssel. „Daß du an den Knödeln ersticktest!“ dachte die hungrige Schwiegermutter; aber da drehte sich jener auf einmal um und sank zu Boden. Man stürzte zu ihm hin — aber sein Geist war schon entflohen. Er war erstickt!“
„Geschah ihm ganz recht, dem verdammten Freßsack!“ sagte der Amtmann.
„Schon recht, aber es kam ganz anders: Seit jener Zeit hatte die Schwiegermutter keine Ruhe mehr. Kaum wird’s Nacht, sofort kommt der Tote angerückt. Sitzt rücklings auf dem Schornstein, der Verdammte, und hält einen Knödel zwischen den Zähnen. Am Tage ist alles ruhig, er läßt weder etwas von sich sehen noch hören; kaum aber dämmert es, so braucht man nur auf’s Dach zu blicken und schon reitet der Hundesohn da oben auf dem Schornstein!“
„Mit einem Knödel zwischen den Zähnen?“
„Ja mit einem Knödel zwischen den Zähnen!“
„Wie wunderlich, Gevatter! Ich habe ja auch so was Ähnliches von meiner Seligen gehört ....“
Da aber hielt der Amtmann inne. Vor dem Fenster wurde Geräusch, ein Stampfen und Tanzen laut vernehmbar. Zuerst hörte man die Harfensaiten leise klimpern und dann fiel eine Stimme ein. Die Saiten erklangen stärker, mehrere Stimmen fielen ein — und wie ein Wirbel ertönte rauschend das Lied: