Burschen, habt ihr schon vernommen?
Sind wir wirklich solche Narren?
Unser Amtmann hat bekommen
In dem Schädel einen Sparren!
Böttcher, schlag um unsern Amtmann
Deine festen Eisenreifen!
Böttcher, laß um unsern Amtmann
Ruten, Ruten, Ruten pfeifen!
Unserm Amtmann alt und grau,
Fehlt ein Auge in dem Kopf!
Unser Amtmann ist ’ne Sau,
Schleicht zu Mädels, dieser Tropf!
Läufst du zu den jungen Leuten,
Bleib nur lieber fein zu Haus!
Denk’ mal: wenn sie dich verbläuten
Und den Schopf dir rissen aus! ....
„Ein ausgezeichnetes Lied, Gevatter!“ sagte der Branntweinbrenner, indem er den Kopf etwas auf die Seite neigte und sich an den Amtmann wandte, der bei dieser Frechheit ganz starr vor Staunen geworden war. „Ausgezeichnet! ’s ist nur schade, daß man in nicht ganz anständigen Worten vom Amtmann spricht ...“
Und wieder stützte er mit einer süßlichen Rührung in den Augen die Arme auf den Tisch und bereitete sich vor, weiter zuzuhören, denn vor dem Fenster erdröhnte ein Gelächter, und man vernahm den Ruf: „Noch einmal, noch einmal!“ Ein scharfes Auge hätte jedoch sofort bemerkt, daß nicht das Staunen allein den Amtmann so lange auf einem Fleck festhielt. So läßt oft ein alter erfahrener Kater die junge unerfahrene kleine Maus rings um seinen Schwanz herumlaufen, während er Pläne schmiedet, wie er ihr am besten den Rückzug in ihr Mauseloch abschneiden kann. Noch war das einsame Auge des Amtmanns auf das Fenster gerichtet, aber schon lag seine Hand, die dem Büttel ein Zeichen gegeben hatte, am Holzgriff der Tür; auf einmal erhob sich auf der Straße ein lautes Geschrei ..... Der Branntweinbrenner, zu dessen zahlreichen Vorzügen auch eine gewisse Neugierde gehörte, stopfte rasch den Tabak wieder in seine Pfeife und lief auf die Straße hinaus. Aber die Taugenichtse waren schon auseinandergestoben.
„Nein, du wirst mir nicht entwischen!“ schrie der Amtmann und zerrte einen Menschen in einem schwarzen Schafspelz hinter sich her, dessen Fell nach außen gekehrt war. Der Branntweinbrenner benutzte die Zeit und eilte herzu, um dem Friedensstörer ins Gesicht zu schauen; aber er wich angstvoll zurück, als er einen langen Bart und eine schreckhaft ausgemalte Fratze erblickte. „Nein, du wirst mir nicht entwischen!“ schrie der Amtmann und schleppte seinen Gefangenen in den Flur; ruhig und ohne den geringsten Widerstand zu leisten, folgte ihm der Gefangene, als ob’s sein eignes Haus wäre. „Karpo, mach’ die Kammer auf!“ rief der Amtmann dem Büttel zu. „Wir sperren ihn in die dunkle Kammer! Dann wecken wir den Schreiber, holen die Büttel herbei, fangen all diese Raufbolde ein und urteilen sie heute noch ab!“
Der Büttel klapperte im Flur am Hängeschloß und öffnete die Kammer. In diesem Augenblick machte sich der Gefangene die Dunkelheit im Flur zunutze und riß sich plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft aus den Händen, die ihn hielten.
„Wohin?“ rief der Amtmann und packte ihn noch fester am Kragen.
„Laß los, ich bin’s ja!“ hörte man ein dünnes Stimmchen rufen.
„Das nützt dir nichts, das nützt dir gar nichts, Brüderchen! Quiek du nur wie ein Weib oder wie ein Teufel! Mich wirst du nicht übertölpeln!“ Und der Amtmann stieß ihn in die dunkle Kammer, so daß der arme Gefangene aufstöhnend zu Boden fiel. Er selbst begab sich in Begleitung des Büttels ins Haus des Schreibers, und hinter ihnen kam der Branntweinbrenner wie ein Dampfschiff dahergeraucht.
Nachdenklich schritten alle drei mit gesenktem Kopfe dahin, doch auf einmal stießen sie beim Einbiegen in ein dunkles Gäßchen einen Schrei aus — jeder hatte einen mächtigen Schlag vor die Stirn bekommen, und eben solch ein Schrei hallte ihnen zur Antwort entgegen. Der Amtmann kniff sein Auge zu und sah erstaunt den Schreiber mit zwei Bütteln vor sich.
„Ich will gerade zu dir, Herr Schreiber!“
„Und ich wollte gerade zu dir, Herr Amtmann!“
„Es geschehen Wunder, Herr Schreiber!“
„Ja, es gehen Wunderdinge vor, Herr Amtmann!“
„Was denn?“
„Die Burschen toben! In ganzen Scharen treiben sie Unfug auf den Straßen. Sie benennen Euer Gnaden mit solchen Worten .... Man schämt sich, eins davon zu nennen; selbst ein betrunkener Moskowiter würde sich hüten, mit seiner unreinen Zunge sowas auszusprechen! (All diese Worte begleitete der dürre Schreiber, der eine Hanfpluderhose und eine hefenfarbene Weste anhatte, mit einem Vorstrecken und schleunigem Zurückziehen des Halses.) Ich wollte gerade einnicken, da schleppten mich die verdammten Lümmel mit ihren unflätigen Liedern und ihrem Gepolter aus dem Bett! Ich wollte ihnen eine ordentliche Lehre geben, aber bis ich die Hose und Weste angezogen hatte, waren sie wieder nach allen Seiten auseinandergelaufen. Der Rädelsführer ist uns aber nicht entwischt. Jetzt brummt er in der Stube, wo man die Häftlinge festhält. Ich brannte darauf, zu erfahren, was das für ein Vogel sei, aber seine Fratze ist mit Ruß beschmiert, wie bei einem Teufel, der die Nägel für die Sünder schmiedet.“
„Und wie ist er angezogen, Herr Schreiber?“
„Er trägt einen schwarzen, nach außen gekehrten Pelz, der Hundesohn, Herr Amtmann!“
„Lügst du auch nicht, Herr Schreiber? Wie, wenn nun dieser Taugenichts bei mir in der Kammer säße?“
„Nein, Herr Amtmann, sei nicht böse, aber da irrst du dich selbst ein wenig.“
„Macht einmal Licht, wir wollen doch nachsehen!“
Man holte Licht herbei, machte die Tür auf — und der Amtmann stieß vor Verwunderung ein lautes „Ah!“ aus, als er seine Schwägerin vor sich sah.
„Nun sag mir doch, bitte, bist du denn ganz von Sinnen!“ rief sie und ging mit diesen Worten auf ihn zu. „Wäre auch nur ein Quentchen Gehirn in deinem einäugigen Schädel, — hättest du mich wohl dann in die dunkle Kammer hineingepufft? Noch ein wahres Glück, daß ich mir nicht den Kopf an der eisernen Türangel zerschlagen habe! Hab’ ich dir nicht zugerufen, daß ich es bin? — Muß mich dieser verfluchte Bär mit seinen eisernen Tatzen packen und mich herumstoßen. Daß dich in jener Welt der Teufel so stoßen möge! ....“
Die letzten Worte sagte sie schon auf der Gasse, denn sie mußte aus gewissen Gründen hinausgehen.
„Freilich sehe ich, daß du es bist!“ sagte der Amtmann, der unterdes wieder zu sich gekommen war.
„Was sagst du dazu, Herr Schreiber! Ist dieser verdammte Windbeutel nicht ein Schelm?“
„Wahrhaftig, ein Schelm; Herr Amtmann!“
„Wäre es nicht Zeit, alle diese Taugenichtse einmal tüchtig ins Gebet zu nehmen, damit sie an ihre Arbeit gehen?“
„Es wäre schon Zeit, höchste Zeit, Herr Amtmann!“
„Diese Narren haben .... Was Teufel? Ich glaube, ich höre meine Schwägerin auf der Straße schreien .... diese Narren haben sich in den Kopf gesetzt, ich sei ihresgleichen. Sie glauben offenbar, ich sei nur ein einfacher Kosak!“ .... Aus dem nun folgenden Hüsteln und Blitzen des Auges, das er im Kreise umherschweifen ließ, konnte man erraten, daß der Amtmann vorhatte, etwas Wichtiges zu sagen. „Im Jahre Eintausend, .... Gott töte mich, ich kann diese verdammten Jahreszahlen nicht behalten .... Also im Jahre .... erhielt der damalige Kommissär Ledatschi den Befehl, einen Kosaken auszuwählen, der gescheiter sei, als die anderen. O, (der Amtmann sprach dieses „O“ mit erhobenem Finger) gescheiter als die anderen, um der Zarin das Geleit zu geben. Ich bin damals ....“
„Was ist da viel zu reden? Jeder kennt die Geschichte schon, Herr Amtmann! Alle wissen doch, daß du dir die Gnade der Zarin verdient hast. Gesteh jetzt, hatte ich nicht recht? Hast du dich nicht doch etwas geirrt, als du sagtest, du habest diesen Kerl im Pelz erwischt?“
„Was diesen Teufel im Pelz betrifft, so soll er zur Lehre für die anderen in Ketten geschmiedet und tüchtig abgestraft werden. Sie sollen schon merken, was das heißt, Obrigkeit! Wer hat denn den Amtmann eingesetzt, wenn nicht der Zar? Und dann wollen wir uns um die anderen Lausbuben kümmern. Ich habe noch nicht vergessen, wie diese verfluchten Lümmel eine Schweineherde in meinen Gemüsegarten getrieben haben, die mir den ganzen Kohl und alle Gurken wegfraß. Ich habe auch nicht vergessen, wie diese Teufelskinder sich weigerten, mir mein Korn zu dreschen; o nein, ich hab’s nicht vergessen! .... Aber sie sollen verrecken, ich muß auf jeden Fall erfahren, wer der Schelm im Pelz ist!“
„Man merkt’s, das ist ein flinker Vogel!“ sagte der Branntweinbrenner, der sich während dieses ganzen Gespräches fortwährend die Backen mit Rauch vollpumpte, wie ein Belagerungsgeschütz, und dessen Lippen eine ganze Rauchfontäne ausstießen, wenn sie sich von der kurzen Pfeife trennten.
„Es wäre auf jeden Fall nicht übel, diesen Menschen in der Brennerei zu haben, noch besser wär’s freilich, ihn an einem Eichenwipfel aufzuhängen, wie einen Kirchenkronleuchter.“
Dieser Witz kam dem Branntweinbrenner nicht ganz dumm vor, und er beschloß sofort, ohne erst die Billigung der anderen abzuwarten, sich selbst mit einem heiseren Lachen zu belohnen.
In diesem Augenblick näherten sie sich einer kleinen, halb in die Erde gesunkenen Hütte. Die Neugierde unserer Wanderer hatte sich noch vergrößert; alle drängten sich vor der Türe zusammen. Der Schreiber nahm einen Schlüssel heraus und das Schloß klirrte; aber dieser Schlüssel gehörte zu seinem Spind. Die Ungeduld stieg. Er begann in der Tasche herumzuwühlen, fand jedoch den Schlüssel nicht.
„Da!“ sagte er endlich, und holte ihn aus der Tiefe seiner gewaltigen Tasche hervor, die sich in seiner Hanfpluderhose befand.
Bei diesem Laut schienen die Herzen unserer Helden zu einem einzigen Herz zu verschmelzen, und dieses Riesenherz schlug so heftig, daß sein unregelmäßiges Hämmern nicht einmal von dem Klirren des Schlosses übertönt wurde. Die Tür ging auf, und .... der Amtmann wurde bleich wie ein Stück Leinwand; den Branntweinbrauer überlief’s kalt, und sein Haar wollte gen Himmel fliegen. Entsetzen malte sich auf dem Gesicht des Schreibers; die Büttel wuchsen fest an die Erde und waren nicht einmal imstande, ihre aufgesperrten Mäuler zu schließen: vor ihnen stand die Schwägerin.
Sie war nicht weniger betroffen als die anderen, aber bald erholte sie sich etwas und wollte gerade auf sie zugehen.
„Halt!“ schrie da der Amtmann mit wilder Stimme und schlug die Türe zu. „Leute, das ist der Satan!“ rief er dann. „Feuer! Schnell Feuer her! Es ist nicht Schade um das Kronshaus! Steckt es an, damit die Satansknochen nicht länger auf dieser Erde bleiben!“
Die Schwägerin schrie entsetzt auf, als sie hinter der Tür von der fürchterlichen Absicht vernahm.
„Was macht ihr da, Brüder?“ rief der Branntweinbrenner. „Euer Haar ist gottlob fast so weiß wie Schnee, trotzdem aber scheint’s euch noch am Verstand zu fehlen: ein einfaches Feuer kann doch der Hexe nichts anhaben! Nur das Feuer aus einer Pfeife kann einen Werwolf in Brand stecken! Halt, ich mach gleich welches an!“
Bei diesen Worten schüttete er die Glut aus der Pfeife auf ein Heubündel und begann zu blasen. Aber die Verzweiflung der armen Schwägerin verlieh ihr einen ungeahnten Mut; sie begann laut um Hilfe zu flehen und die Männer zu beschwichtigen.
„Haltet ein, Brüder! Warum wollt ihr euch grundlos einer Sünde schuldig machen. Vielleicht ist’s wirklich nicht der Satan,“ rief der Schreiber. „Vielleicht kann das Wesen, das da drinnen in der Stube sitzt, doch das Zeichen des heiligen Kreuzes machen, und das bedeutet dann, daß es nicht der Teufel ist!“
Der Vorschlag wurde angenommen.
„Packe dich, Satanas!“ fuhr der Schreiber fort und legte die Lippen an die Türspalte. „Wenn du dich nicht vom Platze rührst, machen wir dir die Tür auf.“
Die Tür wurde aufgemacht.
„Bekreuzige dich!“ rief der Amtmann, und sah sich um, wie wenn er für den Fall des Rückzuges einen Zufluchtsort suchte.
Die Schwägerin schlug ein Kreuz.
„Was Teufel! Das ist wirklich die Schwägerin!“
„Welche unsaubere Macht hat dich bloß in diese Kammer gebracht, Gevatterin?“
Die Schwägerin erzählte schluchzend, wie die Burschen auf der Straße sie gepackt und sie trotz ihres Widerstandes durch das breite Fenster in die Hütte hineingeschoben und die Fensterläden geschlossen hatten. Der Schreiber sah sich die Sache an. Die Angeln waren heruntergerissen, und der breite Laden war oben nur mit einem Holzbalken festgerammelt.
„Du bist mir ein feiner Kerl, du einäugiger Satan du,“ schrie sie und ging auf den Amtmann zu, der zurückwich und sie immer noch mit seinem Auge maß. „Ich kenne deine Absichten schon, du hättest mich wohl am liebsten aufgefressen, damit du dann ungestört jeder Schürze nachlaufen kannst, und keiner mehr weiß, wie der Jammergreis sich selbst zum Narren macht. Du meinst, ich weiß nicht, was du heute abend mit Hanna gesprochen hast? O, ich weiß alles! Mich kann keiner so leicht betrügen, nicht einmal einer, der weniger blöd ist als du! Ich habe lange Geduld, aber dann: nimm dich in acht ....!“
Bei diesen Worten ballte sie die Faust, machte sich rasch davon; und ließ den Amtmann in völliger Erstarrung zurück.
„Nein, da ist der Satan ernsthaft mit im Spiel!“ dachte er, sich den Kopf kratzend.
„Wir haben ihn!“ riefen die eintretenden Büttel.
„Wen habt ihr?“ fragte der Amtmann.
„Den Teufel im umgewendeten Pelz!“
„Bringt ihn her!“ rief der Amtmann und packte den hereingeführten Gefangenen an der Hand. „Seid ihr verrückt geworden? — Das ist doch der besoffene Kalenik!“
„Pfui Teufel, wir hielten ihn doch schon fest, Herr Amtmann!“ antworteten die Büttel. „In dem einen Gäßchen umringten uns die verdammten Kerls, fingen an zu tanzen und uns hin und her zu zerren, steckten die Zunge raus und rissen ihn uns aus den Händen. .... Der Henker soll sie holen! .... Aber wie wir statt seiner zu dieser Krähe hier gekommen sind, das mag Gott wissen!“
„Kraft meiner Vollmacht und im Namen der ganzen Gemeinde ergeht die Verfügung, diesen Räuber unverzüglich gefangen zu nehmen,“ sprach der Amtmann; „desgleichen alle anderen, die ihr auf den Straßen antrefft, und sie mir zur Aburteilung vorzuführen! ....“
„Erbarm dich doch, Herr Amtmann!“ riefen da einige Büttel und verneigten sich tief bis zur Erde vor ihm. „Hättest du nur gesehen, was das für Fratzen sind! Gott straf uns, aber seit unserer Geburt und Taufe haben wir keine so abscheulichen Larven gesehen. Wie leicht verfällt man der Sünde, Herr Amtmann! Die können einen rechtschaffenen Menschen so erschrecken, daß einem nachher kein Weib mehr ein Gebreste besprechen kann!“
„Ich will euch schon zeigen, was ein Gebreste ist! Was? Ungehorsam? Ihr zieht wohl mit ihnen am selben Strang, ihr Rebellen! Was soll denn das? .... Ihr werdet sie noch zum Mord anstiften! .... ihr .... ihr .... Ich werde das dem Kommissär melden! Auf der Stelle, hört ihr, auf der Stelle! Lauft, fliegt schnell wie die Vögel! Ich werde euch schon .... Ihr sollt mir ....!“
Alle stoben auseinander.
V.
Die Ertrunkene
Unbekümmert, und ohne auf die abgesandten Verfolger zu achten, näherte sich der Urheber dieses ganzen Wirrwarrs dem alten Hause am Teich. Ich glaube, man braucht wohl nicht weiter hervorzuheben, daß es Lewko war. Sein schwarzer Pelz war aufgeknöpft, er hielt seine Mütze in der Hand, und der Schweiß rann ihm von der Stirn. — Düster und hehr stand der schwarze Ahornhain da, und nur auf der Seite, die dem Monde zugewandt war, lag ein feiner Silberstaub über ihm ausgestreut. Vom regungslosen Teich wehte eine kühlende Frische dem müden Fußgänger entgegen und lud ihn ein, an seinen Ufern auszuruhen. Alles war still; nur im tiefen Dickicht des Waldes hörte man das Schmettern der Nachtigall. Ein unüberwindlicher Schlaf senkte sich rasch auf Lewkos Lider. Die ermatteten Glieder lösten sich und erschlafften; der Kopf suchte eine Stütze .... „Nein, auf die Art schlafe ich hier noch ein!“ sprach er, stand auf und rieb sich die Augen. Er blickte um sich: die Nacht lag noch leuchtender vor ihm. Eine seltsam berauschende Helle mischte sich in den Glanz des Mondes. Noch nie hatte er etwas Ähnliches gesehen. Silberne Nebel senkten sich aufs Land. Ein Duft von blühenden Apfelbäumen und Nachtblüten war über die ganze Erde ausgegossen. Mit Verwunderung blickte er in die regungslosen Wasser des Teiches; das alte Herrenhaus spiegelte sich in ihm umgestürzt, klar und in lichter Erhabenheit. Statt der düsteren Fensterläden blinkten einem lustige Glasfenster und Türen entgegen und das Gold schimmerte durch die klaren Scheiben. Auch schien es ihm, als habe sich ein Fenster geöffnet. Er hielt den Atem an, regte sich nicht und glaubte sich in die Tiefe des Teiches versetzt. Und siehe: zuerst schob sich ein weißer Ellenbogen aus dem Fenster, dann schaute ein liebliches Köpfchen heraus mit glänzenden Augen, die sanft durch dunkelblonde Haarwogen hindurch leuchteten, und stützte sich auf den Ellenbogen. Lewko sah, wie sie leise den Kopf schüttelte, wie sie winkte und lächelte .... Sein Herz fing plötzlich an heftig zu pochen .... das Wasser erzitterte, und das Fenster schloß sich wieder. Leise ging er vom Teiche fort und sah das Haus unverwandt an: Die düsteren Fensterläden standen weit offen, und die Scheiben funkelten im Monde. „Wie wenig darf man doch auf das Gerede der Menschen geben!“ dachte er bei sich. „Das Haus ist nagelneu, und die Farben sind frisch, als ob sie erst heute aufgetragen wären. Hier muß doch jemand wohnen!“ Und er trat schweigend näher, aber im Hause war alles still. Mächtig und klingend tönten die leuchtenden Lieder der Nachtigall durcheinander, und wenn sie schmachtend wie in Wonne zu ersterben schienen, vernahm man das Rascheln und Zirpen der Heimchen oder das Schnarren eines Sumpfvogels, der mit seinem glatten Schnabel auf den weiten Wasserspiegel aufschlug. Lewko empfand eine süße Stille in seinem Herzen, es schien sich zu weiten und schlug so leicht und frei. Er stimmte seine Harfe und fing an zu spielen und zu singen:
Du mein helles Licht der Nacht,
Du mein Mond, ach bester Mond!
Leucht mir über Haus und Hof,
Wo mein liebstes Mädchen wohnt!
Ein Fenster tat sich leise auf, und dasselbe Köpfchen, dessen Spiegelbild er im Teiche gesehen hatte, guckte heraus und lauschte aufmerksam dem Sang. Ihre schweren Lider waren halb über die Augen gesenkt. Sie war bleich wie Linnen, bleich wie der Mondenschein, aber wie köstlich und wundersam! Sie lachte! .... Lewko erschauerte. „Sing mir ein Lied, junger Kosak!“ sprach sie leise, neigte den Kopf etwas zur Seite und senkte die dunklen Lider ganz über die Augen.
„Was für ein Lied soll ich dir singen, du mein strahlendes Fräulein?“
Stille Tränen flossen über ihr bleiches Antlitz. „Jüngling,“ sprach sie, und etwas unsäglich Rührendes klang aus ihren Worten, „Jüngling, finde mir meine Stiefmutter! Nichts soll mir zu schön für dich sein. Ich will dich belohnen. Ich will dich reich und herrlich belohnen! Ich habe mit Seide bestickte Gewänder, Korallen und Kleinode, ich will dir einen Gürtel schenken, der mit Perlen besät ist. Ich habe Gold .... Jüngling, finde mir meine Stiefmutter. Sie ist eine furchtbare Hexe: ich hatte keine Ruh’ vor ihr auf Gottes Erde. Sie hat mich gemartert, und ließ mich schaffen wie eine niedrige Magd. Blick in mein Angesicht: sie ließ die Röte von meinen Wangen schwinden mit ihrer unreinen Zauberkunst. Blick auf meinen weißen Hals: kein Wasser wäscht die blauen Flecke fort, keines wird sie je fortwaschen, die von ihren eisernen Krallen stammen! Sieh meine weißen Füße an, weit sind sie gewandert, und nicht nur auf Teppichen, auch über heißen Sand, durch sumpfiges Feld, durch stechende Nesseln sind sie gewandert! Und meine Augen! Blick in meine Augen: sie sehen nichts mehr vor Tränen! .... Finde sie mir, Jüngling, find mir die Stiefmutter! ...“
Ihre Stimme, die immer mehr und mehr angeschwollen war, stockte auf einmal. Tränenströme flossen über ihr bleiches Antlitz. Ein drückendes Gefühl des Mitleids und der Trauer schnürte dem Burschen das Herz zusammen.
„Zu allem bin ich für dich bereit, mein herrliches Fräulein,“ rief er in tiefster Erregung. „Doch sag mir nur, wo soll ich sie finden?“
„Sieh, sieh!“ rief sie schnell, „sie ist hier! Sie tanzt am Wasser mit meinen Mädchen den Reigen und wärmt sich im Mondenlichte. Sie ist schlau und voller List: sie hat die Gestalt einer Ertrunkenen angenommen; aber ich weiß, ich hör’ es, sie ist hier! Sie macht, daß mir so drückend schwer, so dumpf zumute wird. Durch sie ward mir’s verwehrt, so leicht und frei dahin zu schwimmen wie ein Fisch. Ich sinke, versinke und falle zu Boden wie ein Schlüssel. Find sie mir, Jüngling!“
Lewko blickte aufs Ufer: Im zarten Silbernebel sah man etwas schimmern. Eine Schar Mädchen tummelte sich, leicht wie ein Schatten, in lichten Gewändern, die so hell waren, wie die Maiglöckchen auf der Wiese; goldene Spangen, Perlenketten und Dukaten glänzten an ihren Nacken; allein sie waren bleich: ihr Leib war wie aus durchscheinenden Wolken gewoben und schimmerte durchsichtig im silbernen Mondenlicht. Spielend und tanzend näherte sich der Mädchenreigen und man hörte schon ihre Stimmen.
„Laßt uns das Rabenspiel spielen, das Rabenspiel,“ säuselten alle durcheinander, wie das Schilf am Flusse, das der Wind in stiller dämmernder Stunde mit seinen lustigen Lippen berührt.
„Wer soll Rabe sein?“
Das Los ward geworfen — und ein Mädchen trat aus der Menge hervor. Lewko betrachtete sie aufmerksam. Ihr Gesicht und ihr Kleid war ganz so wie bei allen anderen. Man merkte ihr nur an, daß sie ihre Rolle nicht gern spielte. Die Menge bildete eine lange Reihe und wich behend den Angriffen des räuberischen Feindes aus.
„Nein, ich will nicht Rabe sein!“ rief das Mädchen, ganz schlaff vor Müdigkeit. „Es tut mir so leid, der armen Henne die Küken zu rauben.“
„Du bist nicht die Hexe!“ dachte Lewko.
„Wer soll Rabe sein?“
Die Mädchen wollten wiederum losen.
„Ich will Rabe sein!“ rief da eine aus ihrer Mitte.
Lewko begann ihr Gesicht scharf zu mustern. Schnell und kühn machte sie Jagd auf die Schar und stürzte nach allen Seiten, um ihr Opfer zu fangen. Da sah Lewko, daß ihr Leib nicht so leuchtete, wie der der anderen: mitten im Innern gewahrte er etwas Dunkles. Plötzlich ertönte ein Schrei: der Rabe stieß auf ein Mädchen herab, fing es ein, und es deuchte Lewko, als habe sie ihre Krallen gezeigt, und als blitze in ihrem Gesicht eine boshafte Freude auf.
„Hexe!“ rief er, und zeigte, nach dem Hause gewandt, mit dem Finger auf sie.
Das holde Fräulein lachte auf, und die Mädchen führten die, welche den Raben gespielt hatte, schreiend mit sich fort.
„Womit soll ich’s dir lohnen, Jüngling? Ich weiß, du brauchst kein Gold, du liebst Hanna. Doch der gestrenge Vater will dir’s nicht erlauben, sie zu heiraten. Nun wird er dich nimmer hindern; nimm dies Briefchen und gib es ihm ...“
Sie streckte ihm ihr weißes Händchen hin, ihr Antlitz leuchtete wundersam und erstrahlte .... Mit einem nie geahnten Schauer und sehnsüchtigen Pochen des Herzens griff er nach dem Briefchen und .... erwachte.
VI.
Erwachen
„Hab’ ich wirklich geschlafen?“ sprach Lewko zu sich selbst, als er sich von der kleinen Böschung erhob. „Alles war doch so lebendig wie in Wirklichkeit“ .... „Seltsam, seltsam!“ wiederholte er, indem er sich umsah. Der Mond stand gerade über seinem Kopfe und wies auf Mitternacht. Alles war still; vom Teich wehte es kühl her; über ihm stand traurig das verfallene Haus mit den geschlossenen Läden; Moos und wildes Steppengras ließen erkennen, daß sich die Menschen schon lange von ihm getrennt hatten. Lewko öffnete seine Hand, die er während des Schlafes krampfhaft geballt hatte, und stieß einen Schrei der Verwunderung aus; er hatte einen Zettel in ihr entdeckt. „Ach, wenn ich doch lesen könnte!“ dachte er, indem er ihn vor seinen Augen hin und her wandte. In diesem Augenblick vernahm er hinter sich ein Geräusch.
„Fürchtet nichts! Packt ihn nur! Vor wem habt ihr Angst? Wir sind ja zu zehn! Ich will darauf wetten, das ist ein Mensch und kein Teufel! ....“
Es war der Amtmann, der diese Worte seinen Begleitern zuschrie, und Lewko fühlte sich von mehreren Händen gepackt, von denen einige vor Furcht zitterten. „Nun Freundchen, wirf mal endlich deine schreckliche Maske ab, du hast die Leute schon genug in die Irre geführt!“ rief der Amtmann und packte ihn am Kragen. Aber da glotzte er ihn voller Schreck mit seinem einzigen Auge an: „Lewko, mein Sohn!“ schrie er zurückweichend, und ließ vor Staunen die Hände herabsinken. „Du bist’s? Du Hundesohn! So eine Ausgeburt der Hölle! Ich denke: was für ein Schelm, was für ein verkleideter Teufel treibt da sein Unwesen? Und nun stellt sich heraus, daß du es bist. — Der ungekochte Mehlbrei soll deinem Vater im Halse stecken bleiben! — Du treibst böse Streiche auf den Straßen, du dichtest Lieder ....! Oho, Lewko! Was soll das? Dich juckt wohl der Rücken? Bindet ihn!“
„Halt Vater! Ich hab’ dir einen Zettel zu geben!“ sagte da Lewko.
„Jetzt ist keine Zeit für Zettel, mein Täubchen! Bindet ihn!“
„Halt ein, Herr Amtmann!“ sagte der Schreiber und entfaltete den Zettel. „Das ist ja die Handschrift des Kommissärs!“
„Des Kommissärs?“
„Des Kommissärs?“ wiederholten die Büttel mechanisch.
„Des Kommissärs? Wunderlich! Das ist noch unbegreiflicher!“ dachte Lewko bei sich.
„Lies, lies!“ sagte der Amtmann, „was schreibt denn der Kommissär da?“
„Hören wir, was der Kommissär schreibt,“ sprach der Branntweinbrenner, mit der Pfeife in den Zähnen, und schlug Feuer.
Der Schreiber hüstelte und begann zu lesen:
„Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir haben vernommen, daß du alter Tropf statt die alten Steuerschulden einzutreiben und die Ordnung in dem Dorfe aufrecht zu erhalten, närrisch geworden bist und Unzucht treibst ....“
„Bei Gott!“ unterbrach der Amtmann die Verlesung, „ich kann nichts hören!“
Der Schreiber begann von neuem.
„Verfügung: An den Amtmann Jewtuch Makohonenko. Wir vernehmen, daß du alter Tro....“
„Halt, halt, es ist nicht nötig,“ schrie der Amtmann, „ich habe zwar nichts gehört, aber ich weiß, daß die Hauptsache noch kommt. Lies schnell weiter!“
„Infolgedessen tu ich dir den Befehl kund und zu wissen, deinen Sohn Lewko Makohonenko alsogleich mit der Kosakentochter aus Eurem Dorf, Hanna Petrytschenkowa, zu verehelichen, insgleichen auf der Landstraße die Brücke instand zu setzen und ferner die Gutspferde nicht den Herren vom Gericht zu geben, selbst dann nicht einmal, wenn sie von einer Kronsitzung kommen. So ich bei meiner Ankunft obige Verfügung nicht erfüllt finden sollte, wirst du allein zur Verantwortung gezogen. Kommissär und Leutnant außer Diensten Kosjma Dergatsch-Drischpanowski.“
„So?“ meinte der Amtmann mit offenem Munde. „Hört ihr, hört ihr, für alles macht man den Amtmann verantwortlich. Da heißt’s gehorchen, gehorchen ohne Widerrede! Sonst, mit Verlaub zu sagen .... Und du,“ fuhr er, zu Lewko gewandt, fort, „sollst auf Befehl des Kommissärs verheiratet werden — wenn’s mich auch sonderbar dünkt, wie er das wohl erfahren haben mag! Aber vorher sollst du noch die Nagaika zu kosten bekommen! Kennst du die, die bei mir neben dem Heiligenbilde an der Wand hängt? Ich werde sie mal morgen frisch in Gang bringen .... Wo hast du diesen Zettel her?“
Trotz seines Staunens über diese unerwartete Wendung der Sache, war Lewko so vernünftig gewesen, sich im Kopfe eine Antwort zurecht zu legen und die Wahrheit, wie er zu dem Zettel gekommen war, zu verschweigen.
„Ich war gestern abend noch in der Stadt,“ sagte er, „und da begegnete ich dem Kommissär, der gerade aus seinem Wagen stieg. Als er erfuhr, daß ich aus unserem Dorfe stamme, gab er mir diesen Zettel da und hieß mich, dir mündlich ausrichten, er würde auf dem Rückwege bei uns zu Mittag essen, Vater.“
„Hat er das gesagt?“
„Ja, das hat er gesagt!“
„Hört ihr’s,“ sprach der Amtmann, sich mit wichtiger Gebärde an seine Begleiter wendend, „der Kommissär kommt in eigner Person zu unsereinem, das heißt zu mir, zur Tafel. Oh ....“ Dabei hob der Amtmann den einen Finger in die Höhe und gab seinem Kopf eine Haltung, als ob er auf etwas lausche. „Der Kommissär, hört ihr’s, der Kommissär kommt zu mir zu Tisch! Wie denkst du, Herr Schreiber, und du, Gevatter, ist das etwa eine kleine Ehre, wie?“
„Noch nie hat, so viel ich mich besinne,“ fiel hier der Schreiber ein, „je ein Amtmann einem Kommissär mit einer Mahlzeit aufgewartet.“
„Es gibt eben Amtmänner und Amtmänner!“ sprach der Amtmann mit selbstzufriedener Miene. Sein Mund verzog sich, und etwas wie ein dumpfes, heiseres Lachen, das mehr dem Grollen eines fernen Donners glich, kam über seine Lippen.
„Wie denkst du, Herr Schreiber? Müßte man nicht eigentlich zu Ehren des hochgestellten Gastes den Befehl erlassen, daß jedes Haus wenigstens ein Hühnchen, ein bißchen Leinwand oder dergleichen spendet .... was? ....“
„Ja, das müßte man eigentlich, das müßte man, Herr Amtmann!“
„Und wann ist die Hochzeit, Vater?“ fragte Lewko.
„Die Hochzeit? Ich möchte dir schon eine Hochzeit zeigen! .... aber, dem hochgestellten Gaste zu Ehren .... Morgen soll euch der Pope trauen. Der Teufel mag euch holen! Der Kommissär soll sehen, was Pünktlichkeit ist! Nun aber, Kinder, geht zu Bett! Geht jetzt heim! .... Der heutige Vorfall hat mich an die Zeit erinnert, wo ich ....!“
Bei diesen Worten blickte der Amtmann nach alter Gewohnheit würdig und bedeutungsvoll drein.
„Jetzt wird der Amtmann zu erzählen anfangen, wie er die Zarin begleitet hat!“ sagte Lewko, und eilte schnellen Schrittes zu dem wohlbekannten Häuschen, das von niedrigen Kirschbäumen umstanden war. „Gott schenke dir die ewige Seligkeit, schönes gutes Fräuleinchen!“ dachte er sich. „Mögen dir in jener Welt alle heiligen Engel zulächeln! Niemand soll je aus meinem Munde von dem Wunder hören, das in dieser Nacht geschah. Nur dir allein, Hanna, will ich’s erzählen, du allein wirst mir glauben und wirst mit mir für die Seele der unglücklichen Ertrunkenen beten!“
Und er näherte sich dem Häuschen; das Fenster stand offen, die Mondstrahlen fielen durchs Fenster auf die schlafende Hanna, ihr Kopf lag auf den Arm gestützt, ihre Wangen glühten sanft, und ihre Lippen bewegten sich und sprachen halblaut seinen Namen. „Schlaf, mein schönstes Mädchen! Mögest du träumen von dem Herrlichsten, was es auf der Welt gibt; doch unser Erwachen soll noch herrlicher sein!“
Er schlug ein Kreuz über sie, schloß das Fenster, entfernte sich leise, und wenige Augenblicke später schlief alles im Dorfe. Der Mond allein segelte voller Glanz und Wunder durch die unermeßlichen Fernen des prunkenden Himmels der Ukraine. In hehrer Feier webten die Höhen dort oben, und die Nacht, die göttliche Nacht glomm majestätisch ihrem Ende entgegen. Und auch die Erde lag so voll Schönheit da, in ihrem wundervollen Glanz von Silber; aber es war niemand mehr, der es genießen konnte; alles war in Schlaf versunken. Nur ab und zu wurde das Schweigen für einen Augenblick von Hundegebell unterbrochen, und noch lange tappte der betrunkene Kalenik durch die schlafenden Gassen herum und suchte sein Haus.
Der verschwundene Brief
Eine Sage
Erzählt vom Küster der — Kirche zu ***
Ihr möchtet also, daß ich euch noch mehr vom Großvater erzähle? — Meinetwegen. Warum soll ich euch nicht mit einer Schnurre einen Spaß machen? O ihr Tage der Vergangenheit! Welche Freude und Lust überkommt doch das Herz, wenn man vernimmt, was vor langer, langer Zeit einmal in der Welt geschah, und niemand weiß mehr Jahr noch Tag. Und wenn erst so ein Alter aus unserer Verwandtschaft mit im Spiel ist, irgendein Großvater oder ein Urgroßvater, — dann ist’s ganz um mich geschehen: Ich will beim Lobsingen auf die heilige Märtyrerin Barbara den Schlucken kriegen, wenn es mir nicht immer so vorkommt, als ob ich das alles selbst durchgemacht hätte: gerad als wenn ich in des Großvaters Seele hineingekrochen wäre, oder als wenn die Seele des Großvaters in mir selbst rumorte .... Nein, aber am ärgsten sind die Mädels und die jungen Weiber dahinter her; kaum erblicken sie einen, gleich heißt es: „Foma Grigorjewitsch, Foma Grigorjewitsch! Schnell ein Märchen recht zum Gruseln, bitte, bitte, ein Märchen zum Gruseln ....!“ Taratata — taratata! Und los geht es .... Warum sollt man ihnen auch nicht ein Märchen erzählen, aber paßt mal auf, was nachher mit ihnen im Bett geschieht. Ich weiß doch, daß jede unter der Decke zittert, als wenn sie das Fieber hätte, und am liebsten den Kopf unter den Pelz stecken möchte. Da braucht nur eine Ratte an einem Topf zu scharren, oder sie gerät selbst mit dem Fuß an den Feuerhaken, Gott bewahre, — gleich fliegt die Seele bis in die Strümpfe. Am anderen Tage aber ist alles vergessen; und sie drängen einen von neuem: man soll ihnen doch nur ein recht grusliges Märchen erzählen! Was soll ich euch nun erzählen? Es fällt mir gerade nichts ein .... Ach ja, ich will euch das erzählen, wie die Hexen mit meinem seligen Großvater Schafskopf gespielt haben. Aber darum muß ich im Voraus bitten, meine Herren, bringt mich nicht aus dem Geleis, sonst giebt’s so einen Brei, daß man sich schämen muß, ihn ins Maul zu nehmen. Also mein seliger Großvater war, wie ich euch bemerken muß, durchaus nicht einer von den gewöhnlichen Kosaken. Der verstand’s, auf jeden Topf seinen Deckel zu setzen. An Feiertagen konnte er seine Apostel so herunterschnurren, daß sich auch jetzt noch mancher Popensohn vor ihm verstecken könnte. Na, und das wißt ihr ja selbst, wenn man in der damaligen Zeit die Schriftkundigen aus ganz Baturin zusammentrommeln wollte, da brauchte man nicht erst die Mützen bereitzuhalten, — die offene Hand hätte schon vollständig genügt. Was Wunder, daß jeder, der am Großvater vorüberging, sich tief vor ihm verneigte.
Eines Tages fiel es dem hochwohlgeborenen Herrn Hetman ein, aus irgendeinem Grunde ein Schreiben an die Zarin zu senden. Der damalige Regimentsschreiber (daß dich der Geier hole, ich kann mich nicht auf seinen Namen besinnen .... hieß er Wisrjak oder Motusotschka oder Goloputzek .... ich weiß nur, daß er einen sehr komischen Namen hatte, der ganz absonderlich anfing) er ließ also den Großvater zu sich kommen und sagte ihm: so und so, der Hetman wolle ihn als Kurier mit einem Briefe zu der Zarin senden. Mein Großvater liebte die langen Vorbereitungen nicht, nähte den Brief in die Mütze ein, führte sein Pferd aus dem Stall, schmatzte seine Frau und seine zwei Ferkelchen (wie er sie selbst nannte) — einer von ihnen war mein leiblicher Vater — ordentlich ab, und hinter ihm erhob sich eine solche Staubwolke, als ob fünfzehn Jungen auf der Straße Schlagball spielten. Am andern Tage hatte der Hahn noch nicht zum vierten Male gekräht, als der Großvater schon in Konotop war. Dort war gerade Jahrmarkt; und es wimmelten so viel Leute auf den Straßen herum, daß es einem vor den Augen flimmerte. Weil es aber noch früh am Morgen war, so schlief alles lang hingestreckt auf der Erde. Neben einer Kuh lag ein versoffener Kerl mit einer roten Nase, der wie ein Gimpel aussah; etwas weiter schnarchte eine Händlerin im Sitzen mit Feuersteinen, Waschblau, Schrot und Brezeln; unter einem Wagen lag ein Zigeuner; auf einem andern Wagen mit Fischen ein Frachtfuhrmann, mitten auf dem Wege lag mit gespreizten Beinen ein bärtiger Moskowiter mit Gürteln und Däumlingen .... mit einem Wort: allerhand Pack, wie man’s auf den Jahrmärkten trifft. Der Großvater machte Halt, um sich’s anzusehen. Unterdessen aber wurde es nach und nach in den Buden lebendig: die Judenweiber begannen mit ihren Flaschen zu klappern; der Rauch stieg hie und da in Ringen empor, und ein Duft von heißen Buchteln zog übers ganze Lager. Da fiel es dem Großvater ein, daß er weder Zunder noch Tabak vorrätig hatte, und so fing er denn an, auf dem Jahrmarkt herumzustreichen. Er hatte noch keine zwanzig Schritt gemacht, da kommt ihm ein Saporoger entgegen. Ein Draufgänger, man sieht’s ihm schon am Gesicht an! Glutrote Pluderhosen, ein blauer Schupan, ein grellbunter Gürtel, ein Säbel an der Seite und ’ne Pfeife mit einer Messingkette, die bis zu den Fersen reicht — mit einem Wort, ein Saporoger vom Kopf bis zu den Füßen! Ist das ein Völkchen! Wie der so dasteht, sich reckt, sich den prächtigen Schnurrbart streicht, mit den Hufeisen klirrt — und dann loslegt! Ja, sag’ ich euch, wie der loslegt: Die Beine schwirren nur so hin und her wie eine Spindel in Weiberhänden; wie ein Wirbelwind saust seine Hand über alle Saiten der Harfe, er stemmt sie in die Hüften, schnellt in Kniebeugestellung die Beine von sich und stimmt ein jauchzendes Lied an — daß einem die Seele erzittert! .... Ja diese Zeiten sind vorbei; jetzt gibt’s keine Saporoger mehr! Ja, ja. Sie trafen sich also, machten Bekanntschaft, begannen miteinander zu schwatzen, und der Großvater hatte bald seine Reise vergessen. Es ging ein Saufen an wie auf ’ner Hochzeit vor den großen Fasten. Endlich aber kriegten sie’s satt, Töpfe zu zerschmeißen und Geld unters Volk zu werfen, und dann kann man ja auch nicht ewig auf dem Jahrmarkt bleiben! So verabredeten sich denn die neuen Freunde, sie wollten sich nicht mehr trennen und den Weg zusammen zurücklegen. Es war schon gegen Abend, als sie sich aufmachten und ins freie Feld hinausritten, die Sonne war schon zur Ruhe gegangen und nur hie und da flammten dort, wo sie noch vor kurzem gestanden hatte, ein paar rötliche Streifen auf. Bunte Saatwiesen lagen ausgestreut da wie die Sonntagstücher schwarzbrauiger, junger Frauen. Unsern Saporoger packte ein schrecklicher Drang zum Schwatzen. Mein Großvater und noch ein anderer Kumpan, der sich zu ihnen gesellt hatte, fragten sich schon, ob er nicht vom Teufel besessen sei: Wo hatte er bloß all das Zeug her, all diese Geschichten und Mären so verwunderlicher Art, daß der Großvater sich die Seiten halten mußte, um nicht vor Lachen zu platzen. In der Steppe aber ward es immer düsterer, je weiter man kam, und die Reden des Braven wurden immer unzusammenhängender. Endlich aber verstummte unser Erzähler und fing beim leisesten Geräusch an zu zittern.
„Hoho, Landsmann! Du scheinst mir die Eulen zu zählen! Du möchtest wohl heim, hinter den Ofen?“
„Ich will nichts vor euch verbergen,“ sprach er, sich auf einmal umwendend, und seine Augen blickten starr. „Wißt ihr, daß ich meine Seele schon lange an den Bösen verkauft habe?“
„Ei potztausend! Wer hat nicht schon mit dem Bösen zu tun gehabt? In solchen Fällen ist’s das Beste, man ist lustig und geht lumpen.“
„O je, Jungens, lumpen möcht ich schon gern, aber heut ist mein Termin! O je, Brüder!“ sprach er und schüttelte ihnen kräftig die Hände. „O je, gebt mich nicht preis, schlaft nur diese eine Nacht nicht! Mein Lebtage will ich eure Freundschaft nicht vergessen!“
Warum sollte man einem Menschen in so einem Unglück nicht beistehen? Der Großvater erklärte glattweg, er würde sich eher sein Kosakenhaar vom eignen Kopf scheren, als den Teufel mit seiner Hundeschnauze eine christliche Seele beschnüffeln lassen. Unsere Kosaken wären vielleicht noch weiter geritten, wenn nicht die Nacht den ganzen Himmel umwoben hätte, wie ein schwarzes dichtes Netz; im Feld war es so dunkel geworden wie unter einem Schafspelz. Nur von ferne blinkte ihnen ein Lichtschein entgegen, und die Pferde, die die nahe Krippe ahnten, sputeten sich, und starrten mit gespitzten Ohren in die Finsternis. Der Lichtschein schien ihnen entgegen zu eilen, und vor den Kosaken tauchte eine Schänke auf, die ganz morsch und auf die Seite geneigt war, wie ein Frauenzimmer, das von einer fröhlichen Taufe heimgeht. Zu jener Zeit war eine Schänke etwas ganz anderes wie heutzutage. Nicht nur, daß man nicht ordentlich losgehen und drinnen kein Tänzchen oder ’nen Hopser machen konnte, es gab nicht einmal Platz genug zum Hinlegen, wenn einen ein Rausch überkommen hatte, und die Füße von selbst anfingen, Zeichen in die Luft zu schreiben. Der Hof war mit Frachtfuhren vollgepfropft; in den Scheuern und den Krippen und auf dem Flur lagen Leute: der eine zusammengekrümmt, ein anderer lang ausgestreckt, und schnarchten wie die Kater. Nur der Wirt saß vorm Lämpchen und schnitt Kerben in einen Stock, um sich’s zu merken, wieviel Viertel und Achtel die Fuhrleute ausgepfiffen hätten. Der Großvater bestellte ein drittel Eimer für drei Mann, ging in die Scheune, und alle drei legten sich nebeneinander nieder. Kaum aber hatte er sich auf die Seite gelegt, als er merkte, daß seine Landsleute schon in einen wahren Totenschlaf versunken waren. Der Großvater weckte den dritten Kosaken, der zu ihnen gestoßen war, und erinnerte ihn an das Versprechen, das sie ihrem Kameraden gegeben hatten. Jener richtete sich ein wenig auf, rieb sich die Augen und schlief wieder ein. Es war nichts zu machen, er mußte also allein Wache halten. Um den Schlaf zu verscheuchen, besah er sich alle Wagen, beguckte die Pferde, steckte sich eine Pfeife an, kam wieder zurück und setzte sich neben die Seinen. Alles war so still, daß man eine Fliege hätte hören können. Auf einmal war es ihm, als wenn ihm ganz in der Nähe, hinter einem Wagen, etwas Graues die Hörner zeigte .... Seine Augen begannen zuzufallen, und er mußte sie jeden Augenblick mit den Fäusten wach reiben und mit dem Rest vom Schnapse waschen. Kaum aber konnten sie wieder scharf blicken, da war alles wieder verschwunden. Nach einer kleinen Weile zeigte sich das Ungetüm von neuem hinterm Wagen .... Der Großvater riß die Augen auf, so weit er konnte; aber die verdammte Schlaftrunkenheit umnebelte alles vor ihm, seine Hände wurden steif, der Kopf sank hintenüber, und ein fester Schlaf übermannte ihn, so daß er hinfiel wie ein Toter. Der Großvater mußte wohl recht lange geschlafen haben, denn erst als die Sonne ihm tüchtig auf den Schädel brannte, sprang er auf die Beine. Er räkelte sich, kratzte sich den Rücken und merkte, daß schon nicht mehr so viele Wagen dastanden wie gestern. Die Fuhrleute waren also bereits vor Tagesanbruch davon gefahren. Was jedoch seine Leute anging, so schlief der Kosak noch, der Saporoger aber war weg. Er fragte herum, aber niemand wußte was. Nur sein Kittel lag noch auf demselben Platze. Mein Großvater wurde von Angst ergriffen und fing an zu grübeln. Er sah nach den Pferden — sie waren fort, sowohl seins, wie das des Saporogers! Was hatte das zu bedeuten? Gesetzt, der Gottseibeiuns hatte den Saporoger geholt, wer aber hatte die Pferde mitgenommen?
Nach reiflicher Überlegung kam der Großvater zum Schluß, daß der Teufel sicherlich zu Fuß herbeigelaufen sei; und da es gar weit bis zur Hölle wäre, hatte er das Pferd gestohlen. Es schmerzte ihn sehr, daß er sein Kosakenwort nicht gehalten hatte. „Nun,“ dachte er, „da ist nichts zu machen. Ich gehe zu Fuß; am Ende treff’ ich unterwegs einen Pferdehändler, der vom Jahrmarkt zurückkehrt, und dann kaufe ich mir bei dem ein Pferd.“ Wie er aber nach der Mütze griff, war auch die Mütze fort. Da schlug mein seliger Großvater die Hände überm Kopf zusammen, denn er erinnerte sich, daß er ja gestern mit dem Saporoger die Mützen getauscht hatte! Wer konnte also wohl sonst der Dieb sein, wenn nicht der Unreine! Na, das war eine schöne Hetmans-Post! Da hatte er den Brief an die Zarin! Und der Großvater begann den Teufel mit solchen Namen zu traktieren, daß es dem in seiner Hölle wohl mehr als einmal in den Ohren klingen mochte. Aber alles Schimpfen hilft wenig, und so viel sich der Großvater auch den Kopf kratzte, es wollte ihm nichts einfallen. Was war da zu tun? Er suchte sich also eilig einen fremden Verstand zu borgen: sammelte all die guten Leute, die in der Schänke waren, die Fuhrleute und die anderen Reisenden, um sich und erzählte ihnen alles: so und so, und dies Malheur sei ihm geschehen. Die Fuhrleute saßen lange, das Kinn auf den Peitschenstiel gestützt, da, sannen nach, schüttelten die Köpfe und meinten, von so einem Wunder hätten sie wahrhaftig in Gottes getaufter Welt noch nie vernommen, daß ein Hetmans-Brief vom Teufel geholt worden sei. Andere fügten noch hinzu, wenn der Teufel oder ein Moskowiter etwas stibitzten, dann könne man hinterher nur noch drei Kreuze machen. Der Schankwirt allein saß schweigend in seinem Winkel. Der Großvater machte sich an ihn heran. Wenn ein Mensch schweigt, so bedeutet das, er hat’s dick hinter den Ohren. Aber der Wirt war sehr wortkarg, und hätte der Großvater nicht fünf Gulden aus der Tasche geholt, so hätte er bis an sein Lebensende vor ihm stehen können.
„Ich will’s dir sagen, wie du wieder zu deinem Briefe kommen kannst,“ sprach er endlich und führte ihn auf die Seite. Dem Großvater wurde bedeutend leichter ums Herz. „Ich sehe dir’s an deinen Augen an, daß du kein Weib bist, Kosak! Gib acht: unweit von der Schänke führt ein Pfad rechts nach dem Walde. Sobald die Dämmerung sich über’s Feld senkt, sei bereit. Im Walde da leben Zigeuner. Die kommen dann in solchen Nächten, wo sich keine Menschenseele zeigt, und nur die Hexen auf ihren Ofengabeln reiten, aus ihren Höhlen gekrochen, um Eisen zu schmieden. Was sie aber in Wahrheit treiben und womit sie handeln, das braucht dich nicht zu kümmern. Da wird’s im Wald ein gewaltiges Getöse geben. Aber geh du nicht dahin, woher der Lärm kommt; ein enger Pfad wird vor dir liegen, der an einem verkohlten Baumstamm vorbeiführt: auf diesem Wege geh’ weiter und immer weiter .... die Dornen werden dich stechen, und dichtes Gestrüpp versperrt dir den Weg, — aber geh du nur immer weiter! Erst wenn du an einen kleinen Bach kommst, dann darfst du Halt machen. Dort wirst du finden, was du brauchst. Doch vergiß ja nicht, deine Taschen damit zu füllen, wofür die Taschen gemacht sind .... Du verstehst mich, diese Ware lieben die Teufel nicht weniger als die Menschen!“ Nach diesen Worten zog sich der Wirt in seinen Verschlag zurück und wollte nichts weiter sagen.
Mein Großvater seligen Angedenkens war ein Mann, der sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen ließ; wenn er einem Wolf begegnete, so packte er ihn stracks am Schwanze; und machte er mal mit seinen Fäusten einen Gang durch die Kosaken, so sanken sie zu Boden, wie Birnen, die man vom Baum schüttelt. Als er aber in der stockfinsteren Nacht in den Wald kam, da überlief’s ihn denn doch kalt. Kein Sternchen stand am Himmel und es herrschte eine düstere Finsternis, wie in einem Weinkeller; nur ganz hoch oben über dem Kopfe, da hörte man den kalten Wind durch die Baumwipfel streichen, und die Bäume wackelten wie berauschte Kosakenköpfe und die Blätter flüsterten sich trunkene Reden zu. Auf einmal wehte eine solche Kälte daher, daß der Großvater an seinen Schafpelz denken mußte; und plötzlich fing’s an zu hämmern, wie wenn hundert Hämmer herunterfielen, und es ging so ein Riesenlärm durch den Wald, daß es ihm fürchterlich im Kopfe dröhnte. Der ganze Wald wurde auf einen Augenblick ganz hell wie bei einem Wetterleuchten. Der Großvater erspähte sogleich den Pfad, der zwischen niedrigem Gebüsch dahinführte: da war auch der verkohlte Baumstamm und das Dornendickicht! Alles genau so, wie’s ihm gesagt worden war. Nein, der Schankwirt hatte ihn nicht betrogen. Aber besonders heiter war es doch nicht, sich durch das dastehende Gestrüpp hindurcharbeiten zu müssen. Sein Lebtag hatte er noch nie gespürt, daß die verfluchten Äste und Dornen so schmerzhaft stechen können: fast bei jedem Schritte wollte er aufschreien.
Nach und nach hatte er sich auf einen freien Platz hinausgewunden. Er gewahrte, daß die Bäume seltener wurden, und als er weiter zusah, da waren sie so dick, wie er’s nicht einmal jenseits vom Königreich Polen gesehen hatte. Bald schimmerte auch das Bächlein zwischen den Bäumen auf: schwarz wie eine Damaszener Klinge. Lange stand der Großvater am Ufer und spähte nach allen Seiten aus. Am anderen Ufer brennt ein Feuer. Schon will es erlöschen, da fällt sein Wiederschein aufs neue ins Bächlein, das aufzuckt wie ein polnischer Schlachziz unter einer groben Kosakenfaust. Da ist auch eine winzige Brücke! „Da drüber kann doch höchstens ein Teufelswägelchen fahren!“ dachte der Großvater, aber er betrat sie schnell, und schneller noch als mancher die Dose aus der Tasche holt, um eine Prise zu nehmen, war er am anderen Ufer. Jetzt erst nahm er wahr, daß Leute am Feuer saßen; aber die hatten solche garstige Fratzen, daß er zu andern Zeiten Gott weiß was drum gegeben hätte, ihrer Bekanntschaft entgehen zu dürfen. Jetzt aber war ihm nicht zu helfen: Er mußte schon mit ihnen anbändeln. Der Großvater verneigte sich tief bis zur Erde vor ihnen. „Grüß Gott, gute Leute!“ Aber auch nicht einer nickte mit dem Kopfe: sie saßen stumm da, schwiegen und streuten etwas ins Feuer. Da der Großvater fand, daß noch ein Platz frei war, so setzte er sich denn ohne weitere Umschweife. Die widerlichen Fratzen sprachen nichts, und auch der Großvater sagte nichts. Lange saßen sie schweigend so da, und der Großvater bekam die Sache schon satt; er griff in die Tasche, zog die Pfeife raus, blickte um sich — aber keiner sah nach ihm hin. „Wollten Euer Gnaden mit Verlaub die hohe Güte haben, sozusagen“ .... (Mein Großvater war ein vielerfahrener Mann, er verstand es, am rechten Fleck ein höfliches Wörtlein anzubringen; selbst vor dem Zaren hätte er, wenn’s drauf ankam, in Ehren bestehen können.) .... „sozusagen, um weder von mir, noch von euch zu schweigen: ein Pfeifchen hab’ ich wohl, aber wo soll ich Feuer herkriegen?“ Auch auf diese Rede erfolgte keine Antwort. Nur eine von den Mißgestalten ergriff ein brennendes Holzscheit und stieß es dem Großvater geradewegs gegen die Stirn, und wenn er nicht etwas zurückgefahren wäre, hätte er auf ewig von seinem einen Auge Abschied nehmen müssen. Als er endlich sah, daß die Zeit unnütz verrann, beschloß er — ob’s die unreine Brut nun anhören wollte oder nicht — ihnen seine Sache zu erzählen. Jene spitzten die Ohren und streckten die Pfoten vor. Der Großvater begriff, was sie wollten; nahm sein ganzes Geld und warf es mitten vor sie hin, wie man Hunden etwas vorwirft. Kaum hatte er das Geld hingeschmissen, da schien alles vor ihm durcheinanderzugehen, die Erde erzitterte, und er geriet — wie, das konnte er selbst nicht erzählen — schier in die Hölle. „Mein Gott!“ schrie der Großvater auf, als er sich wieder umsah. Was für Ungeheuer! Fratze neben Fratze! Da gab’s Hexen in so ungeheuerer Menge, wie die Schneeflocken, die zuweilen auf Weihnachten fallen, und alle so aufgeputzt und angemalt, wie die Fräulein auf dem Jahrmarkt. Sie alle begannen, soviel ihrer da waren, einen teuflischen Hopser zu tanzen. Der Staub wirbelte in die Höhe, — Gott bewahr, welch ein Staub! Einen ehrlich getauften Menschen hätte ein Zittern erfassen müssen, wenn er gesehen hätte, wie hoch diese Teufelsbrut sprang. Aber den Großvater überkam, trotz seiner Angst, ein Lachen, als er sah, wie die Teufel mit ihren Hundeschnauzen zierliche Schritte machten und mit wedelnden Schweifchen um die Hexen herumscharwenzelten, wie junge Burschen um die hübschen Mädchen; und die Musikanten paukten auf ihren eignen Backen herum wie auf Trommeln, und pfiffen durch die Nasen wie auf Flöten. Kaum aber hatten sie den Großvater erblickt, da stürzten sie sich wie ein ganzes Heer auf ihn: Schweinemäuler, Hundemäuler, Bocksmäuler, Gänsemäuler, Pferdemäuler — sie alle reckten sich vor und wollten, kam’s wie’s kam, von ihm geküßt werden. Der Großvater mußte ausspucken, so ein Ekel überkam ihn! Endlich aber wurde er gepackt und an einen Tisch gesetzt, der vielleicht so lang war, wie der Weg von Konotop nach Baturin. „Na, das ist wenigstens nicht übel,“ dachte der Großvater, als er Schweinefleisch, Würste, Kohl mit Zwiebeln und noch viele andere Leckerbissen auf dem Tische stehen sah. „Das Satanspack hält wohl die Fasten nicht!“ Der Großvater ließ die Gelegenheit, einen guten Bissen zu nehmen, nie außer acht. Er hatte stets Appetit, und darum rückte er ohne viel Federlesens die Schüssel mit dem angeschnittenen Speck und einen Schinken zu sich heran, ergriff eine Gabel, die nicht viel kleiner war als die Gabeln, mit denen die Bauern Heu aufladen, spießte ein riesiges Stück Fleisch auf, nahm noch ein mächtiges Stück Brot dazu und schob es geradewegs in — einen fremden Mund, der eben neben seinen Ohren aufgetaucht war, er hörte sogar noch, wie das Maul kaute und über den ganzen Tisch hin mit den Zähnen klapperte. Der Großvater muckste nicht, gabelte ein anderes Stück auf, und schon glaubte er es auf seinen Lippen zu spüren, aber da geriet es wieder in einen fremden Rachen. Er versuchte es ein drittes Mal — und wieder traf er vorbei. Der Großvater raste vor Wut. Er vergaß all seine Angst und in wessen Händen er sich befand, und sprang auf die Hexen los: „Was, ihr Herodesbrut, ihr! wollt ihr euch vielleicht über mich lustig machen? Wenn ihr mir nicht auf der Stelle meine Kosakenmütze herausgebt, so will ich ein Römling sein, wenn ich euch nicht die Schweineschnauzen auf den Nacken drehe!“ Noch hatte er die letzten Worte nicht ausgesprochen, als alle Ungeheuer die Zähne zu fletschen begannen und ein solches Gelächter aufschlugen, daß dem Großvater die Seele zu Eis erstarrte.
„Gut!“ winselte eine der Hexen, die der Großvater für das Oberhaupt der anderen hielt, denn ihr Lärvchen war vielleicht noch wundervoller als die Fratzen der anderen. „Die Mütze wollen wir dir geben, aber nicht eher, als bis du dreimal mit uns Schafskopf gespielt hast.“
Was war da zu machen? Soll etwa ein Kosak mit Weibern zusammen sitzen und Schafskopf spielen? Der Großvater weigerte und weigerte sich immer wieder. Endlich aber ließ er sich doch dazu herbei. Man brachte Karten, und zwar so schmierige wie die, aus denen sich bei uns die Popentöchter wahrsagen, wenn sie wissen wollen, was für Bräutigams sie bekommen werden.
„Hör’!“ bellte die Hexe wieder los, „wenn du auch nur ein einziges Mal gewinnst, so ist die Mütze dein. Wenn du aber alle dreimal Schafskopf bleibst, so nimm’s mir nicht übel, dann wirst du nicht bloß deine Mütze, sondern vielleicht auch die Welt nie mehr wiedersehen!“
„Gib her, alte Vettel! Komme, was kommen mag!“
Die Karten wurden verteilt und der Großvater nahm die seinen in die Hände. Nicht hinblicken mochte er auf den Schund! wenn auch bloß zum Scherz nur ein einziger Trumpf darunter gewesen wäre! Bei einer Farbe war die Zehn schon der höchste Stich, und nicht einmal ein Paar hatte er; die Hexe aber spielte immer Fünfer aus. So blieb er denn Schafskopf!
Kaum war der Großvater Schafskopf geworden, so begannen die Mäuler von allen Seiten zu wiehern, zu bellen und zu grunzen: „Schafskopf, Schafskopf, Schafskopf!“
„Mögt ihr doch platzen, ihr Satansbrut!“ schrie der Großvater und stopfte sich mit dem Finger die Ohren zu. „Na,“ denkt er, „die Hexe hat wohl falsch gemischt! Jetzt werde ich mal mischen!“ Er gab also die Karten, sagte Trumpf an und blickte in die Karten: waren das großartige Karten, auch Trümpfe waren dabei! Zuerst ging die Sache, wie’s nicht besser gehen konnte; aber die Hexe hatte eine Fünf und alle Könige! Der Großvater jedoch hatte lauter Trümpfe in Händen! Ohne da groß zu überlegen, deckte er, bumms, alle Könige mit Trümpfen!
„Oho, das ist nicht Kosakenart! Womit deckst du denn da, Nachbar?“
„Was da — womit? Mit Trümpfen natürlich!“
„Das sind vielleicht bei euch Trümpfe, bei uns aber nicht!“
Sieh mal an — es war in der Tat nur eine einfache Farbe. So eine hundsföttische Zauberei! Er mußte zum zweitenmal Schafskopf werden, und das Teufelspack brüllte von neuem: „Schafskopf, Schafskopf!“ so daß der Tisch wackelte und die Karten auf dem Tische herumhüpften. Der Großvater geriet in Hitze; er gab zum letzten Male Karten. Wieder ging es schlecht und recht. Die Hexe spielte wieder eine Fünf aus; der Großvater deckte sie und kaufte eine ganze Hand voll Trümpfe.
„Trumpf!“ schrie er und schlug mit der Karte so mächtig auf den Tisch, daß sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer Acht. „Und womit stichst du, alter Teufel?“ Die Hexe hob die Karte auf, unter der eine einfache Sechs lag. „Ach verdammtes Satansgeflunker!“ rief der Großvater und schlug vor Ärger aus aller Leibeskraft mit der Faust auf den Tisch. Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten hatte; der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner Hand. Er begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam so schlechte Karten, daß er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. „Da hast du die Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!“ Der Großvater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug ein Kreuz über sie; und auf einmal hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und Trumpf-Bube in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt. „Ein schöner Narr bin ich gewesen,“ dachte er sich. — „Trumpf-König! Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß! einen Buben! ....“ Ein donnerndes Dröhnen rollte durch die ganze Hölle; die Hexe verfiel in Krämpfe, und auf einmal flog dem Großvater — patsch! — die Mütze ins Gesicht. „Nein, das ist zu wenig!“ schrie der Großvater schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt hatte. „Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage wahrhaftig das heilige Kreuz über euch alle!“ Und schon erhob er die Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hörte.
„Da hast du dein Pferd!“
Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus, wie ein törichtes Kind. Schade um den alten Freund! „Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit ich aus eurem Nest herauskomme!“ Der Teufel knallte mit seiner Hetzpeitsche, — ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Großvater herauf, und er flog wie ein Vogel in die Höhe. Aber mitten im wilden Ritt ergriff ihn eine mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe oder auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte. An was für Orten war er damals nicht überall gewesen! schon beim bloßen Erzählen überkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber weg! Der Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals über Kopf, durch Gestrüpp und über Felsen flog er hinab in den Schlund und prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm der Atem verging. Wenigstens konnte er sich später auf nichts mehr besinnen, was damals mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah, da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses.
Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz. „Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht für Wunderdinge widerfahren können!“ Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah in das vor ihm stehende Wasserfaß — auch sein Gesicht war voller Blut. Er wusch sich gründlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: „Sieh doch, sieh — die Mutter springt herum wie verrückt!“ Und wahrhaftig: sein Weib sitzt eingeschlafen vorm Spinnrocken, hält die Spindel in der Hand und hüpft im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater nahm sie sanft bei der Hand und weckte sie. „Grüß Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?“ Jene starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte, sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der Schaufel alle Töpfe und Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß, was noch alles! „Na ja,“ sagte der Großvater, „dein Traum war meine Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus mit Weihwasser besprengen — aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren.“ So sprach der Großvater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben hatte. Da bekam der Großvater solche Wunderdinge zu sehen, daß er noch lange nachher davon erzählen konnte: wie er in ein Schloß geführt wurde, welches so hoch war, daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen können, und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach hineinblickte — die Zarin war nicht drin, — dann in ein zweites — auch da war sie nicht, in ein drittes — auch da nicht, — in ein viertes — sie war immer noch nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen, funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und aß goldene Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit blauen Scheinen vollstopfen, und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der Großvater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mühe, ihn so weit zu bringen, daß er’s erzählte. Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen.
Ende des ersten Teils.