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Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen cover

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen

Chapter 40: IX.
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About This Book

The volume gathers linked short tales set in a rural setting, merging rustic humor, vivid local speech, and folkloric supernaturalism. Framed by conversational prefaces, the stories depict village festivities, fairs and household gatherings where practical jokes, courtships, and petty vanities intersect with uncanny occurrences such as witches, devils and enchanted places. Narration alternates between playful satire and eerie atmosphere, balancing comic sketches of gullibility and social manners with lyrical descriptions of seasonal rituals. The arrangement presents a variety of voices and narrative modes, from anecdote and fable to fantastical novella, producing a patchwork of regional customs, moral ironies and uncanny imaginings.

Still leuchtete es über dem Weltall auf: der Mond schien hinterm Berg empor. Mit einem kostbaren Schleier aus schneeweißem Damast verhüllte er des Dnjepr gebirgiges Ufer und sein Schatten schlich weit zurück bis ins Dickicht der Fichten.

Inmitten des Dnjepr schwimmt ein eichener Kahn, vorn sitzen zwei Burschen, die schwarzen Kosakenmützen schief in die Stirn gedrückt, und von ihren Rudern sprühen Wasserstrahlen nach allen Seiten auf, wie aus dem Feuerstein Funken.

Warum singen die Kosaken nicht? Warum sprechen sie nicht davon, daß die römischen Pfaffen die Ukraine durchwandern, die Kosaken umzutaufen und zu Katholiken zu machen, und auch nicht davon, wie ihre Horde zwei ganze Tage lang am Salzsee gekämpft. Wie sollten sie auch singen und sagen von kühnen Taten? Pan Danilo, ihr Herr, war in Gedanken versunken, ein Ärmel seines rostroten Schupans glitt aus dem Boot und sank ins Wasser, aber ihre Herrin, Pani Katerina, wiegte leise das Kind und wendete kein Auge von dem Manne, und auf ihren festlichen Rock, der nicht von schützender Leinwand bedeckt war, sprühte das Wasser herab wie grauer Staub.

Köstlich ist von der Mitte des Dnjepr die Schau auf die hohen Berge, die weiten Wiesen und die Wälder im Grün! Das sind nicht Berge wie andere auch: ihr Fuß ist nicht zu sehen, nach oben wie nach unten ragen die spitzen Gipfel empor, sich im Wasser spiegelnd, und über und unter ihnen dehnt sich hoch und weit der Himmel. Auch auf den Hügeln die Wälder sind keine Wälder: das sind Haare auf des Waldgreises zottigem Haupte. Unten umspült ihm das Wasser den Bart, und ganz hoch über dem Barte und über den Haaren erhebt sich der hohe Himmel. Auch die Wiesen sind keine Wiesen: ein grüner Gürtel ist’s, der den runden Himmel in der Mitte umgürtet, und auf seiner oberen wie auf der unteren Hälfte lustwandelt der Mond.

Pan Danilo blickt nicht zur Seite, er blickt auf sein junges Weib. „Warum versankst du in Gram, mein junges Weib, meine goldene Katerina?“

„Nicht bin ich in Gram versunken, mein Herr Danilo! Mich erschreckten nur die seltsamen Sagen vom zaubernden Mann. Man sagt doch, gar furchtbar an Gestalt sei er zur Welt gekommen ..... und von klein auf wollte kein Kind mit ihm spielen. Hör’, Pan Danilo, wie schrecklich das ist, was man erzählt: man sagt, es dünkte ihn stets, daß ihn alle verhöhnten. Geschieht’s, daß abends, wenn’s dunkelt, ein Mensch ihm begegnet, so meint der gleich zu sehen, wie jener den Mund auftut und die Zähne fletscht. Und dann ist der Mensch am folgenden Tage tot. Es ward mir so sonderbar, so grauenvoll ward mir zumute, als ich die Mären vernahm,“ sprach Katerina, und sie nahm ein Tuch und wischte damit ihrem Kinde, das ihr in den Armen schlief, das Gesicht. Dies Tuch war mit Blättern und Beeren geziert, die mit roter Seide darauf gestickt waren.

Pan Danilo sprach kein Wort. Er blickte ins Dunkel der Schatten hinüber, wo in der Ferne sich hinter dem Wald ein Erdwall gleich einem schwarzen Streifen dahinzog, und wo hinter dem Walle ein altes Schloß in die Höhe starrte. Da zeichneten sich in Danilos Antlitz drei Falten über den Brauen ab, und die linke Hand spielte mit dem kecken Schnurrbart. „Nicht das ist schrecklich, daß er ein Zauberer ist,“ sprach er, „schrecklich ist’s, daß er ein schlimmer Gast ist. Was fiel ihm ein, hierher zu kommen? Ich hörte, die Polen wollen eine Festung bauen, um uns den Weg zu den Saporogern abzuschneiden. Mag’s wahr sein ..... Dies Teufelsnest will ich vernichten, sobald nur das Gerücht umzugehen beginnt, daß das ein Schlupfwinkel sei! Ich will den alten Zauberer verbrennen, daß selbst den Raben nichts zu picken mehr bleibt. Doch ich denke mir, er besitzt wohl nicht wenig Gold und allerhand Gut. Hier ist’s, wo dieser Satan wohnt! Wär’ Gold bei ihm zu finden, so ...... Wir rudern sogleich bei den Kreuzen vorbei — da ist der Friedhof, wo das unreine Gebein seiner Ahnen modert. Sie alle, sagt man, waren bereit, sich für einen Groschen dem Satan zu verkaufen, mitsamt ihrer Seele und ihrem zerlumpten Schupan. Doch besitzt er in Wahrheit soviel Gold, dürfte man jetzt nicht lange mehr zögern, nicht immer kann man’s im Kriege da erbeuten.“

„Ich kenne dein Vorhaben wohl: nichts Gutes verkündet mir die Begegnung mit ihm. Du atmest so schwer, du blickst so rauh, deine Brauen sind so finster über den Augen geballt! ....“

„Schweig, Weib!“ rief Danilo wütend, „wer sich mit euch verbindet, wird selbst zum Weibe. Gib mir Feuer für meine Pfeife, Junge!“

Er wandte sich an einen der Ruderer, der klopfte glühende Asche aus seiner Pfeife und tat sie in die Pfeife des Herrn.

„Sie schreckt mich mit dem Zauberer!“ fuhr Pan Danilo fort. „Der Kosak fürchtet, Gott Lob und Dank, weder Teufel, noch römische Priester. Das wär’ was Rechtes, wenn wir auf die Weiber zu hören anfingen. Nicht wahr, Burschen? Unsere Frau ist die Pfeife und die Schärfe des Schwerts!“

Katerina verstummte und ließ die Augen über das träge Wasser gleiten; der Wind kräuselte die stille Flut, und der ganze Dnjepr schimmerte silbern wie ein Wolfsfell zur Nacht.

Der Kahn machte eine Wendung und glitt am waldigen Ufer entlang. Jetzt wurde der Friedhof am Ufer sichtbar. Haufen morscher Kreuze drängten sich da aneinander. Da blühte kein Wachholder zwischen ihnen, da grünte kein Moos, und nur der Mond schien von seiner himmlischen Höhe wärmend auf sie herab.

„Hört ihr das Schreien, ihr Burschen? Jemand ruft uns zu Hilfe!“ sprach da Pan Danilo, indem er sich an seine Ruderer wandte.

„Ja, wir hören jemand rufen, und dort von jener Seite her, scheint’s!“ riefen alle Burschen zugleich und wiesen nach dem Friedhof. Doch es war schon wieder alles still. Der Kahn wendete nun und fuhr um eine Landzunge herum. Plötzlich ließen die Leute ihre Ruder sinken und blickten starr zum Ufer hinüber. Auch Pan Danilo hielt inne: Angst und kaltes Grauen rannen durch der Kosaken Adern.

Das Kreuz auf einem der Gräber wankte, und plötzlich erhob sich daraus ganz leise ein vertrockneter Leichnam. Er hatte einen Bart, der bis auf den Gürtel reichte, und lange Krallen an den Fingern, die noch länger waren als die Finger. Leis erhob er die Arme, sein Gesicht erschauerte und verzerrte sich. Man sah ihm an, daß er entsetzliche Qualen litt.

„Mir ist so schwül, so schwül!“ stöhnte er mit wilder unmenschlicher Stimme. Seine Stimme bohrte sich einem ins Herz wie ein Messer. Aber plötzlich war der Leichnam wieder in der Erde verschwunden. Dann wankte ein anderes Kreuz, und wiederum entstieg ein Leichnam dem Grabe, noch schrecklicher und noch größer als jener: er war ganz von Haar überwachsen, sein Bart ging bis an die Knie und die Krallen an den Knochen waren noch länger. Er rief noch wilder: „Mir ist so schwül!“ und sank in die Erde zurück. Jetzt wankte ein drittes Kreuz, und ein dritter Leichnam stand auf. Da schien’s, als wenn ein riesenhaftes Knochengerüst sich hoch über die Erde erhob. Der Bart floß bis zu den Fersen herab, die Finger mit den riesigen Krallen gruben sich tief in die Erde, furchtbar warf er die Arme empor, als ob er bis an den Mond langen wollte, und er begann zu schreien, wie wenn ihm einer seine gelben Knochen zersägte ....

Das schlafende Kind, das in Katerinas Armen lag, stieß einen Schrei aus und erwachte; die Pani selbst schrie auf, die Ruderer ließen die Mützen in den Dnjepr fallen, und auch der Pan erschauerte.

Auf einmal aber war alles verschwunden, als wär’ es überhaupt nie gewesen, doch die Burschen griffen noch lange nicht zu den Rudern. Besorgt blickte Burulbasch auf seine junge Frau, die das schreiende Kind voller Schrecken in ihren Armen in Schlaf wiegte; er drückte sie an sein Herz und küßte sie auf die Stirn. „Fürchte dich nicht, Katerina! Schau: es ist ja nichts!“ sprach er und wies nach allen Seiten. „Der Zauberer will den Menschen nur Schrecken einjagen, damit ihm niemand bis an sein unsauberes Nest gelange. Nur Weiber kann er damit schrecken! Gib mir den Sohn doch herüber!“

Bei diesen Worten hob Pan Danilo seinen Sohn in die Höhe und drückte ihn an seine Lippen. „Nun, mein Iwan, fürchtest du dich vor Zauberern? — Sag: ‚nein, Vater, ich bin ein Kosak!‘ Doch genug, hör auf zu weinen! Wir fahren nach Hause! Gleich sind wir wieder zu Haus, dann kocht Mutter dir Brei, legt den Iwan in die Wiege und singt ihm das Lied:

Lulli, lulli, lulli, lulli!

Schlaf, mein Söhnchen, schlafe ein!

Bleib gesund und wachs mir fein!

Bring Kosaken Ruhm und Freud,

Und den Feinden Schmerz und Leid!

Hör’, Katerina, ich glaube, dein Vater will nicht in Frieden mit uns leben. So mürrisch kam er hier an und so verdrießlich, als zürnte er uns ... Wenn er nicht zufrieden ist — wozu kam er denn her? Er wollte nicht mit uns trinken auf die Kosakenfreiheit und hat nicht einmal das Kind in den Armen gewiegt! Zuerst wollte ich ihm alles anvertrauen, was mir das Herze beschwert, doch etwas hielt mich zurück, und meine Rede stockte. Nein, er hat kein Kosakenherz! Ein Kosakenherz fängt gleich laut in der Brust an zu schlagen, wenn’s einem andern begegnet! Nun, liebe Burschen, ist das Ufer schon nah? Ihr sollt auch neue Mützen bekommen. Du, Stetzko, kriegst eine, die mit Sammet und Gold verziert ist. Ich hab’ sie dereinst einem Tataren mitsamt seinem Kopfe genommen; auch sein ganzes Rüstzeug fiel mir damals zu, nur seine Seele allein ließ ich frei. Legt an! Siehst du, Iwan, da sind wir schon, und du weinst noch immer! Nimm ihn, Katerina!“

Alle gingen ans Land. Hinter dem Berge stieg ein Strohdach auf, das war Pan Danilos Erbsitz. Dahinter lag noch ein anderer Berg, dann kam gleich freies Feld, und hundert Werst weit konnte man laufen, ohne auf eine Kosakenseele zu stoßen.

III.

Das Landgut Pan Danilos liegt zwischen zwei Bergen in einem engen Tal, das auf den Dnjepr hinausgeht. Das Haus ist nicht hoch, gleicht von außen der Hütte eines einfachen Kosaken, und bloß eine Stube ist drin; doch ist Raum darinnen genug für ihn, wie für sein Weib und für die alte Magd und zehn auserlesene Burschen. An den Wänden entlang laufen oben eichene Bohlen. Dort stehen zahlreiche Schüsseln und Töpfe für die Mahlzeiten, darunter auch Pokale von Silber, in Gold gefaßte Becher, die der Pan zum Geschenke erhielt oder im Kriege erbeutete. Kostbare Musketen hängen von den Wänden herab, Säbel, Feuergewehr und Lanzen; freiwillig oder mit Gewalt nahm man sie aus Tatarenhänden oder von Türken und Polen, und darum haben sie auch so viele Scharten. Ihr Anblick gemahnte Pan Danilo gar oft wie Merkzeichen an seine vielen Gefechte. An den Wänden ziehen sich glatte, gehobelte Eichenbänke hin und daneben, vor der Ofenbank, hängt die Wiege an ein paar Stricken, die man durch einen Ring an der Zimmerdecke oben gezogen hat. In der ganzen Stube ist der Fußboden glatt gestampft und mit Lehm überstrichen. Auf den Bänken schläft Pan Danilo mit seiner Frau, auf der Ofenbank die alte Dienerin; in der Wiege spielt und schaukelt das kleine Kind, und auf dem Fußboden schlafen die Burschen. Doch ist’s dem Kosaken lieber, auf nackter Erde unter dem freien Himmel zu schlafen, da braucht er weder Kissen noch Federbett: er bettet sich frisches Heu unter den Kopf und streckt sich wohlig hin aufs Gras. Dann freut’s ihn wohl, wenn er mitten in der Nacht erwacht, nach dem hohen, von Sternen besäten Himmel zu sehen, und in der nächtlichen Kälte, die doch den Kosakenknochen soviel Frische verleiht, zu erschauern; er dehnt sich, murmelt schlaftrunken etwas, steckt seine Pfeife an und hüllt sich fester in seinen warmen Pelz.

Es war nicht mehr ganz früh, als Burulbasch nach dem gestrigen Fest erwachte; er setzte sich auf eine Bank in der Ecke und begann seinen neu eingetauschten türkischen Säbel zu schleifen, Pani Katerina aber machte sich dran, ein seidenes Tuch mit Gold zu besticken.

Auf einmal trat Katerinas Vater ein, griesgrämig und mürrisch, mit einer fremdländischen Pfeife zwischen den Zähnen. Er ging auf seine Tochter zu und begann streng sie auszuforschen, was wohl der Grund sei, daß sie so spät nach Hause gekommen.

„Nach solcherlei Dingen hast du, Schwäher, nicht sie zu befragen, sondern mich! Nicht der Frau steht die Antwort zu, sondern dem Manne. So ist es nun einmal Sitte bei uns, nehmt es nicht übel!“ sprach Danilo, ohne von seiner Arbeit zu lassen, „vielleicht ist es in manchen Ländern, wo Ungläubige wohnen, anders — das freilich weiß ich nicht!“

Das rauhe Gesicht des Schwiegervaters verfärbte sich, und seine Augen blitzten wild auf. „Wer hat denn sonst nach seiner Tochter zu sehen wenn nicht der Vater!“ murmelte er vor sich hin. „Nun denn, so frage ich dich: wo bist du herumgestrichen bis spät in die Nacht?“

„Das hört sich schon anders an, lieber Schwäher. Darauf will ich dir antworten, daß ich schon lange nicht mehr zu denen gehöre, die von einem Weib in Windeln gewickelt werden. Ich weiß wohl, hoch zu Pferde zu sitzen und in der Hand den scharfen Säbel zu schwingen; auch manches andere noch versteh’ ich ... Ich versteh es auch, niemandem Rechenschaft zu geben über das, was ich treibe!“

„Ich seh’ es, Danilo, ich weiß, du suchst Hader! Wer Heimliches tut, der führt sicher nichts Gutes im Schilde.“

„Denk doch, was dir beliebt,“ sagte Danilo, „auch ich denke das Meine. Noch war ich nie in einen schändlichen Handel verwickelt, stets stand ich für rechten Glauben und das Vaterland ein, nicht so wie mancher Landstreicher, der sich, Gott weiß wo, umhertreibt, wenn rechtgläubige Leute sich bis aufs Blut schlagen müssen; der will dann das Korn ernten, das nie er gesät. Die gleichen nicht einmal den Unierten: nicht einmal in Gottes Kirchen schauen sie hinein. Diese Leute sollte man befragen, wo sie sich umhertreiben!“

„Holla, weißt du wohl, Kosak!“ rief jener .... „Ich schieße ja nicht gut, höchstens bis auf hundert Klafter trifft meine Kugel ins Herz, auch bin ich kein allzu starker Fechter: die Stücke, in die ich die Menschen schlage, sind kleiner als die Körner, draus man Brei kocht!“

„Ich bin bereit,“ rief Pan Danilo und schlug flink mit dem Schwert ein Kreuz in der Luft, als hätt’ er gewußt, wozu er’s geschliffen.

„Danilo!“ schrie Katerina laut, ergriff ihn beim Arm und hing sich an ihn, „du Wahnwitziger, bedenke doch, gegen wen du den Arm erhebst! Vater, dein Haar ist so weiß wie Schnee, und doch erhitzest du dich wie ein törichter Knabe!“

„Weib!“ rief Danilo streng, „du weißt, das leide ich nicht, bleibe bei deinen Weibergeschäften!“

Furchtbar erklirrten die Säbel; Eisen schlug Eisen, und die Kosaken wurden von Funken besprüht wie von Staub. Weinend lief Katerina in eine gesonderte Kammer, warf sich aufs Bett und hielt sich die Ohren zu, um nichts von den Säbelhieben zu hören.

Doch so schlecht kämpften die Kosaken nicht, daß man ihren Hieb überhören konnte. Das Herz wollte ihr springen, sie hört’ es in ihrem ganzen Leibe erzittern bei den klirrenden Lauten: Klick — klack!

„Nein, ich halt es nicht aus, ich halt’s nicht aus ... vielleicht sprudelt schon purpurnes Blut aus dem weißen Leibe, vielleicht hat meinen Liebsten schon seine Kraft verlassen, und ich liege noch hier!“ Und bleich, und kaum atmend schlich sie in die Stube.

Gleichmäßig und furchtbar schlugen sich die Kosaken, nicht der, noch jener hatte einen Vorteil errungen. Bald drang Katerinas Vater vor und Pan Danilo wich zurück oder Pan Danilo griff an, und der Vater wehrte sich finster, und dann standen beide wieder gleich. Die Wut kocht in ihnen. Sie holten aus .... hui! wie die Säbel schmettern .... und tosend fliegen die Klingen zur Seite.

„Ich danke dir, Gott!“ rief Katerina, doch tat sie gleich einen neuen Schrei, als sie sah, wie die Kosaken nach den Musketen griffen; sie richteten die Feuersteine und spannten die Hähne.

Pan Danilo feuerte ab und traf nicht. Jetzt zielte der Vater. Er war alt, er sah nicht so scharf wie ein Junger und doch zittert ihm die Hand nicht. Da krachte der Schuß ..... Pan Danilo wankte, und rot lief sein helles Blut in den linken Ärmel des Kosakenschupans.

„Nein!“ rief er, „so billig verkauf ich mich nicht! Nicht der linke Arm ist der Herr, ’s ist der rechte! Bei mir an der Wand hängt eine türkische Pistole: noch nie in meinem Leben ist sie mir untreu geworden. Komm von der Wand herab, alter Genosse! Erweis dem Freund deinen Dienst!“ Und Danilo streckte die Hand aus.

„Danilo!“ schrie Katerina verzweifelt, packte ihn am Arm und warf sich vor ihm auf die Knie, „nicht meinetwegen fleh ich dich an. Dein Ende ist auch das meine: unwürdig ist die Frau, die ihren Mann überlebt; der Dnjepr, der kalte Dnjepr wird mein Grab sein .. Aber siehe deinen Sohn an, Danilo, sieh deinen Sohn! Wer wird das arme Kind beschirmen? Wer wird es hätscheln? Wer wird es lehren, auf rabenschwarzem Rosse dahinzufliegen, für Freiheit und Glauben zu kämpfen, nach Kosakenart zu trinken und zechen? Mein Sohn, geh dahin und verdirb! Dein eigner Vater will dich nicht mehr kennen! Schau, wie er sein Gesicht von dir abwendet. Oh, jetzt kenn ich dich erst! Du bist ein Tier und kein Mensch! Du hast das Herz eines Wolfs und den Sinn einer listigen Schlange! Glaubt’ ich denn nicht, du hegest ein Tröpflein Erbarmen in deinem Herzen, und in deinem steinernen Leibe brenne ein menschlich Gefühl? Wie töricht täuschte ich mich. Ja, das bereitet dir Freude. Deine Knochen werden im Grabe vor Freude springen, wenn sie vernehmen, wie diese ungläubigen Tiere, die Polen, deinen Sohn in die Flamme werfen, wenn dein Sohn dann unter dem Messer und im siedenden Wasser liegt und schreit! Oh, ich kenne dich! Froh wärest du wahrlich, aufzustehn aus dem Grabe und das Feuer mit der Mütze zu schüren, das unter ihm lodert!“

„Halt, Katerina! Komm her zu mir, lieber Iwan, ich will dich küssen! Nein, mein Kind, niemand soll dir ein Härchen krümmen. Du wirst aufwachsen zum Ruhm deines Vaterlands, wie im Sturm rasest du dereinst vor den Kosaken dahin, mit einer Sammetmütze auf dem Kopfe und mit dem scharfen Schwert in der Hand! Vater, reich mir die Hand! Wir wollen vergessen, was zwischen uns vorfiel. Hab’ ich dir Unrecht getan, nun so gesteh’ ich meine Schuld ein. Warum gibst du mir nicht deine Hand?“ sprach Danilo zu Katerinas Vater, der immer noch auf seinem alten Platze dastand und dessen Gesicht weder von Zorn noch von Versöhnung sprach.

„Vater!“ rief Katerina, umarmte und küßte ihn, „laß dich erbitten. Vergib Danilo, er wird dich nimmermehr kränken!“

„Nur deinetwegen vergebe ich ihm, meine Tochter,“ erwiderte jener, küßte sie und seine Augen glänzten absonderlich auf.

Katerina schrak leise zusammen: so seltsam erschien ihr der Kuß, so seltsam der Glanz seiner Augen. Sie stützte sich mit der Hand auf den Tisch, auf dem Pan Danilo seinen verwundeten Arm verband. Indessen sann Danilo darüber nach, daß er falsch gehandelt, und nicht nach rechter Kosakenart, als er um Vergebung gebeten, obwohl er sich keiner Schuld bewußt war.

IV.

Ein Tag kam herauf, doch ein Tag ohne Sonne: der Himmel war finster, und ein feiner Regen rieselte über die Felder und Wälder und über den breiten Dnjepr hernieder. Pani Katerina war aufgewacht, aber ihr war nicht recht froh zumute: ihre Augen waren verweint, und sie war wirr und ruhelos. „Geliebter Mann, teurer Mann,“ sprach sie, „ich hab’ einen wunderlichen Traum geträumt!“

„Was für einen Traum, meine liebe Pani Katerina?“

„Mir träumte etwas so Wunderliches, und wahrlich so lebensvoll, als ob ich wachte, mir träumte, mein eigner Vater sei jenes selbe Ungeheuer, das wir beim Jessaul geschaut. Doch ich bitt’ dich, trau’ dem Traume nicht: was träumt man nicht alles für Torheit! Mir war’s, als stände ich vor ihm und zitterte, und bei jedem Wort von ihm stöhnte es auf in meinen Adern. O hättest du gehört, was er gesprochen ....“

„Was sprach er denn, meine goldene Katerina?“

„Er sprach: „Schau mich an, Katerina, ich bin schön! Zu Unrecht sagen die Leute, daß häßlich ich sei. Doch werde ich dir ein trefflicher Mann sein. Sieh, wie mein Auge glüht!“ — Da warf er einen flammenden Blick auf mich, und ich schrie auf und erwachte!“

„Ja, vieles Wahre sagen die Träume. Ist es dir auch bekannt, daß hinter den Bergen nicht alles mehr ruhig ist? Die Polen sollen sich wieder gezeigt haben. Gorobetz ließ mir verkünden, ich solle nicht schlafen; doch seine Sorge ist grundlos: auch ohne dies bin ich kein Schläfer. Meine Burschen schlugen heut Nacht zwölf Schanzen auf. Wir wollen den Herren vom Polenreich mit Bleipflaumen aufwarten, und die Schlachzizen sollen unter der Zuchtrute tanzen lernen!“

„Und weiß mein Vater das?“

„Dein Vater sitzt mir auf dem Halse! Er blieb mir ein Rätsel bis zur Stunde. Er hat wohl viel gesündigt im fremden Lande. Wahrlich, was mag das für einen Sinn haben — schon einen Monat fast lebt er hier, und noch nie war er lustig und froh, wie ein rechter Kosak! Er weigert sich, Meth zu trinken! Hörst, Katerina, weigert sich Meth zu trinken, den ich herausgesackt habe von den Brester Juden! Heda, Bursche!“ rief Pan Danilo, „lauf schnell in den Keller, Junge, und hol mir Judenmeth! Auch trinkt er keinen Schnaps! Hölle und Teufel! mir scheint fast, Pani Katerina, er glaubt wohl auch nicht an Christus, unseren Herrgott! Was dünkt dir?“

„Weiß Gott, was alles du sprichst, Pan Danilo!“

„’S ist wunderlich, Pani,“ fuhr Danilo fort und nahm den Tonkrug aus der Hand des Kosaken entgegen. „Selbst die Katholiken im heidnischen Rom sind Freunde des Schnapses. Nur die Türken trinken ihn nicht. Nun, Stetzko, hast du im Keller tüchtig vom Meth geschluckt?“

„Ich habe nur gekostet, Pan!“

„Du lügst, Hundesohn! Sieh nur, wie sich die Fliegen auf deinen Schnurrbart stürzen! Ich seh’s an deinen Augen, daß du einen halben Kübel ausgesoffen hast. Hei, ihr Kosaken! Was für ein tolles Volk seid ihr doch! Ihr seid bereit, alles dem Freunde hinzugeben, doch wenn’s gilt zu saufen, dann schluckt ihr’s selbst herunter. Ich war schon lange nicht mehr betrunken, wie, Katerina?“

„Ei, warum lange! Erst am letzten .....“

„Fürchte dich nicht, fürchte dich nicht! Ich trink nicht mehr, als einen Krug! Da kommt der türkische Abt durch die Tür geschlichen!“ murmelte er durch die Zähne, als er den Schwiegervater erblickte, der sich bückte, um durch die Tür zu kommen.

„Nun, meine Tochter,“ sagte der Vater, nahm die Mütze vom Kopf und ordnete seinen Gürtel, an dem ein Säbel mit wundersamem Gestein hing, „die Sonne steht schon hoch, und noch ist das Mittagsmahl nicht bereitet.“

„Das Mahl ist bereit, Herr Vater, bald wird es gerichtet sein! Nimm den Topf mit den Klößen vom Feuer!“ fuhr Pani Katerina zu der alten Dienerin gewandt fort, die das Holzgerät abwischte. „Nein, warte, ich tu’ es lieber selbst, ruf mir die Burschen!“

Alle ließen sich im Kreis auf die Erde nieder, der Vater gegenüber dem Heiligenbild, ihm zur Linken Pan Danilo, ihm zur Rechten Pani Katerina und zehn der allertreuesten Burschen in blauen und gelben Schupans.

„Ich mag diese Klöße nicht!“ sprach der Herr Vater; er aß nur wenig und legte den Löffel hin, „sie schmecken nach nichts!“

„Ich weiß, besser schmecken dir Judennudeln!“ dachte Danilo bei sich. „Warum, meinst du, die Klöße schmeckten nach nichts, Herr Schwäher?“ fuhr er laut fort. „Oder sind sie vielleicht schlecht bereitet? Meine Katerina macht so gute Klöße, wie sie selbst der Hetman selten zu essen bekommt. So was verschmäht man nicht: ’s ist ein christlich Gericht! Alle heiligen und gottesfürchtigen Männer haben stets Klöße gegessen!“

Der Vater sagte kein Wort, und auch Pan Danilo verstummte. Hierauf wurde ein gebratener Eber mit Kohl und Pflaumen gebracht. „Ich mag das Schweinefleisch nicht!“ sprach Katerinas Vater und steckte den Löffel in den Kohl.

„Wie kann man Schweinefleisch verschmähen?“ sagte Danilo: „nur Türken und Juden essen kein Schweinefleisch.“

Des Vaters Stimmung wurde noch finsterer und düsterer; nichts als Mehlbrei mit Milch aß der Alte, und statt des Schnapses trank er nur dann und wann eine dunkle Flüssigkeit aus einer Flasche, die er im Busen verwahrt hielt.

Nach dem Mahl legte sich Danilo zu einem kräftigen Schläfchen nieder und wachte erst gegen Abend auf. Er setzte sich hin, Sendbriefe zu schreiben an das Heer der Kosaken. Pani Katerina aber saß währenddessen auf der Ofenbank und schaukelte die Wiege mit ihrem Fuße. Pan Danilo sitzt da, blickt mit dem linken Aug’ auf die Schrift und mit dem rechten nach dem Fenster. Und ins Fenster leuchten die Berge und glänzt der Dnjepr von ferne herein; hinter dem Dnjepr blauen die Wälder, und von oben glimmt der geklärte Himmel der Nacht. Doch nicht auf dem fernen Himmel noch auf dem blauen Walde ruht Danilos Blick; er schaut nach der vorspringenden Landzunge. Schwarz erhebt sich darauf das alte Schloß. Ihn deuchte, es blitzte im Schlosse ein schmales Fensterchen auf. Doch alles blieb still; gewiß hatte es ihm nur so geschienen. Unten hörte man nur den Dnjepr dumpf rauschen und von drei Seiten das Tosen der jäh erwachten Wogen herüber hallen. Nicht Aufruhr war’s oder Empörung: der Dnjepr murrte und grollte wie ein Greis; nichts wollte ihm gefallen, denn alles um ihn herum war verändert; er führte einen heimlichen Krieg mit den Bergen, den Wäldern und den Wiesen am Ufer und Klage trägt er ob ihrer zum Schwarzen Meere hin.

Da erschien plötzlich ein Kahn wie ein schwarzer Fleck auf dem breiten Spiegel des Dnjepr, und im Schlosse flammte es von neuem auf. Leise pfiff Danilo, und auf den Pfiff lief der treue Bursche herzu: „Nimm schnell den scharfen Säbel und das Gewehr, Stetzko, und folge mir!“

„Du gehst?“ fragte Pani Katerina.

„Ja, Frau, ich gehe. Ich muß überall hingehen, zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“

„Ich fürchte mich so, allein zu bleiben. Der Schlaf kommt über mich. Wie, wenn ich heute wieder dasselbe träumte? Ich bin nicht gewiß, ob es auch wirklich nur ein Traum war, — so lebendig stand alles vor mir!“

„Die Alte bleibt bei dir, und auf der Diele und im Hof schlafen die Kosaken!“

„Die Alte schläft auch schon, und auf die Kosaken vertrau ich nicht sehr. Hör, Pan Danilo: Schließ mich im Zimmer ein und nimm den Schlüssel mit dir. Dann ist mir nicht so schrecklich zumute, und die Kosaken laß vor der Tür schlafen.“

„Sei’s denn so,“ sagte Danilo, wischte den Staub von der Flinte und schüttete Pulver auf.

Der treue Stetzko stand schon angekleidet da in seiner ganzen Kosakenausrüstung. Danilo setzte die Lammfellmütze auf, machte das Fenster zu, schob den Riegel vor die Tür, schloß sie ab und ging zwischen den schlafenden Kosaken hindurch auf den Hof und in die Berge hinaus.

Der Himmel war jetzt schon fast völlig klar. Ein frischer Wind wehte leise vom Dnjepr herüber. Und hätte man nicht von ferne den Schrei einer Möwe gehört, so wäre alles tot und starr erschienen. Doch jetzt vernahm man ein Rascheln ..... Burulbasch versteckte sich leise mit seinem treuen Diener hinter dem Gestrüpp, das einen Verhau verdeckte. Vom Berge kam jemand herabgeschritten, mit zwei Pistolen im roten Schupan, und an der Seite den Säbel. — „Das ist der Schwäher!“ sagte Pan Danilo, während er ihn hinterm Busch beschaute. „Wohin nur geht er zu dieser Stunde und wozu? — Gähne nicht, Stetzko, und gib acht, welchen Weg der Herr Vater einschlägt!“ Der Mann im roten Schupan schritt zum Ufer hinab, machte eine Wendung und ging auf die Landzunge zu: „Ah, dahin geht’s also!“ sprach Pan Danilo. „Wie, Stetzko, ist er nicht geradeswegs in die Höhle des Zaubrers geschlichen?“

„Ja, sicher an keinen anderen Ort, Pan Danilo, sonst würden wir ihn auf jener Seite sehen, aber er ist vor dem Schlosse verschwunden.“

„Halt, kriechen wir aus dem Verhau und gehen wir seinen Spuren nach. Dahinter steckt etwas. Nein, Katerina, hab’s dir wohl gleich gesagt, daß dein Vater kein guter Mensch sei; sein Tun ist nicht das eines Rechtgläubigen!“

Schon standen Pan Danilo und sein getreuer Bursch auf der Landzunge. Schon waren sie nicht mehr zu sehen, denn der dichte Wald, der das Schloß rings umgab, ließ nichts von ihnen gewahr werden. In der Höhe leuchtete schwach ein Fensterchen auf. Unten standen die Kosaken und trachteten hineinzukommen: doch waren weder Tor noch Tür zu sehen; vom Hof aus gab’s sicher einen Zugang, aber wie sollte man dort hingelangen? Von ferne hörte man Ketten rasseln und Hunde herumlaufen.

„Was grüble ich noch lange!“ sprach Pan Danilo, als er eine hohe Eiche vor dem Fenster erblickte. „Bleib hier, mein Junge! Ich steig’ auf die Eiche: von hier aus kann ich gerad ins Fenster schauen.“

Da nahm er seinen Gürtel ab, legte den Säbel nieder, damit er nicht klirrte, griff in die Zweige und schwang sich hinauf. Das Fenster war immer noch hell. Dicht davor klammerte er sich mit einer Hand, auf einem Aste zusammengekauert, am Baum fest, und was sah er? Im Zimmer brannte kein Licht, doch es leuchtete ganz. Die Wände waren mit wunderlichen Zeichen bedeckt und mit Waffen behängt; doch war es höchst seltsames Gewaffen: solches tragen weder die Türken noch die Bewohner der Krim, weder Polen noch Christen, noch das wackere Schwedenvolk. Unter der Decke flogen Fledermäuse hin und her, und ihr Schatten huschte über die Wände, die Türen und die Diele. Doch da öffnete sich ganz leise und ohne zu knarren die Tür. Ein Mann im roten Schupan trat herein und ging geradewegs auf den Tisch zu, der mit einem weißen Tuche bedeckt war. „Er ist’s! Es ist der Schwiegervater!“ Pan Danilo kauerte sich noch mehr zusammen und drückte sich noch fester an den Baumstamm.

Doch der Schwiegervater hatte nicht Zeit darnach zu sehen, ob ihm jemand ins Fenster guckte oder nicht. Finster trat er herein und zornig riß er die Decke vom Tisch herab — und plötzlich ergoß sich fast unmerklich ein blau durchsichtiges Licht übers Zimmer, und nur die Wellen des alten bleichgoldigen Lichtes, die sich noch nicht mit dem neuen vermischt hatten, fluteten auf und ab wie ein azurenes Meer und zogen sich, wie ein buntscheinendes Aderngeflecht im Marmor, durch die Luft. Da stellte er einen Topf auf den Tisch und begann Kräuter hineinzuwerfen.

Pan Danilo sah genauer hin, doch jetzt gewahrte er schon den roten Schupan nicht mehr; statt dessen hatte jener weite Pluderhosen an, wie sie die Türken tragen, in seinem Gürtel steckten Pistolen, und auf dem Kopfe hatte er eine wunderliche Mütze, ganz mit Zeichen bemalt, die aber weder dem russischen, noch dem polnischen Alphabet angehörten. Er sah ihm ins Antlitz — und auch das Gesicht begann sich zu verwandeln: die Nase fing an sich zu dehnen und hing ihm bald über die Lippe herüber; der Mund breitete sich bis an die Ohren, ein Hauer kroch aus ihm hervor und bog sich zur Seite — vor ihm stand derselbe Zauberer, der einst beim Jessaul auf der Hochzeit erschienen war. „Dein Traum ist wahr, Katerina!“ dachte Burulbasch.

Der Zauberer fing an, den Tisch schneller zu umkreisen, die Zeichen an der Wand begannen sich rascher zu ändern und Fledermäuse flatterten wilder herauf und herab, hin und her. Das blaue Licht ward milder und milder und schien ganz zu verlöschen. Und schon hellte die Kammer sich auf von sanft rosigem Licht. Wie ein zarter Klang, so floß das wundersame Licht in alle Winkel, doch plötzlich schwand es dahin, und es wurde ganz dunkel. Nur ein Geräusch war noch zu hören, wie wenn zur stillen Abendstunde der Wind kreisend auf dem Wasserspiegel spielt und die Silberweiden noch tiefer zum Wasser biegt. Und Pan Danilo ist’s, als ob im Gemach ein Mond aufglänzte, Sterne auf und ab wandelten und ein dunkelblauer Himmel darüber aufleuchtete, ja sogar die Kühle der Nachtluft hauchte ihm ins Gesicht. Dann aber ist’s Pan Danilo plötzlich so (er zupfte sich gar am Schnurrbart, ob er nicht schliefe), als breite sich im Gemach schon kein Himmel mehr aus, sondern als sei dies seine eigene Schlafkammer: an den Wänden hängen seine Säbel von Tataren und Türken; längs der Wände Bretter mit allerhand Geschirr und Hausgeräten; auf dem Tische Brot und Salz, und dort hängt die Wiege. Doch statt der Heiligen blickten schreckliche Larven aus den Bilderrahmen hervor, und auf der Ofenbank ..... aber nun sank ein Nebel hernieder und legte sich auf alles, und es wurde wieder dunkel. Und wieder erfüllt sich der Raum in wunderbarem Klingen mit rosigem Lichte und wieder steht der Zauberer regungslos da in seinem sonderbaren Turban. Die Klänge werden immer stärker und tiefer, das sanfte Rosenlicht wird immer heller, und etwas wie eine weiße Wolke strich durch das Zimmer. Und es kam Pan Danilo so vor, als sei die Wolke keine Wolke, sondern eine Frau; doch was war das, war sie gar aus Luft gewebt? Wie stand sie denn da, ohne die Erde zu berühren? Sie stützte sich auf nichts, und das rosige Licht und die Zeichen an der Wand schimmerten durch sie hindurch. Doch jetzt bewegte sie den durchsichtigen Kopf: die blaßblauen Augen leuchteten still auf, das Haar fiel ihr kraus wie ein fahlgrauer Nebel über die Schultern, ein blasses Rot färbte ihre Lippen, wie wenn in der Frühe das junge Morgenrot kümmerlich durch den bleichen durchsichtigen Himmel hindurchschimmert, ganz wie ein schwacher Schatten leuchteten ihre Brauen. „Ah! es ist Katerina.“ Und Danilo fühlte, wie ihm die Glieder erstarrten; er wollte sprechen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos.

Der Zauberer stand regungslos auf seinem Platze. „Wo bist du gewesen?“ fragte er, und sie, die vor ihm stand, erschauerte.

„Oh, warum hast du mich gerufen?“ stöhnte sie leise. „Ich war so froh. Ich befand mich an jenem Ort, wo ich geboren ward, und ich lebte fünfzehn Jahre lang dort. O, wie herrlich ist’s da! Wie grün und duftig ist diese Wiese, auf der ich in meiner Kindheit spielte! Auch die Feldblümelein sind noch dieselben, und das Haus und der Garten auch! Wie zärtlich umarmte mich die gute Mutter! Wieviel Liebe ist in ihren Augen! Sie hat mich geherzt und auf Wange und Mund geküßt und meine blonden Flechten mit dem dichten Kamme gekämmt. Vater!“ Sie heftete ihre bleichen Augen auf den Zauberer. „Warum hast du meine Mutter ermordet?“

Der Zauberer drohte zornig mit dem Finger. „Hab’ ich verlangt, du sollest davon sprechen?“ Und die aus Luft gewobene Schöne erbebte.

„Wo ist deine Herrin jetzt?“

„Meine Herrin, Pani Katerina, ist jetzt eingeschlafen. Ich freute mich des, flatterte empor und flog von hinnen. Ich wollte meine Mutter schon lang wieder sehen. Auf einmal war ich wieder fünfzehn Jahre alt und so leicht wie ein Vogel. Warum hast du mich gerufen?“

„Denkst du noch an all das, was ich dir gestern gesagt?“ fragte der Zauberer so leise, daß man’s kaum hören konnte.

„Gewiß denk’ ich dran, gewiß. Aber was würd’ ich darum geben, es zu vergessen. Arme Katerina! Sie weiß gar manches von dem nicht, was ihre Seele weiß.“

„Das ist die Seele Katerinas!“ dachte Pan Danilo, aber er wagte es noch immer nicht, sich zu bewegen.

„Tu Buße, Vater! Ist’s dir denn nicht fürchterlich, wenn nach jedem deiner Morde die Toten aus den Gräbern steigen?“

„Schon wieder die alten Reden!“ unterbrach sie der Zauberer streng „Ich setz’ meinen Willen durch, ich werde dich zwingen, mir zu gehorchen. Katerina wird mich lieben lernen!“

„Oh, ein Ungeheuer bist du, du bist nicht mein Vater!“ stöhnte sie auf. „Nein, nicht sei es so, wie du willst! Hast dir freilich mit unreinen Zauberkünsten die Macht erworben, meine Seele heraufzubeschwören und sie zu martern. Doch Gott allein kann sie zwingen, ihm den Willen zu tun. Nein, nie wird Katerina, solange ich in ihr lebe, die gottverfluchte Tat vollbringen. O, Vater! Das jüngste Gericht ist nahe! Und wärst du auch nicht mein Vater, nie würdest du mich zwingen können, meinen treuen, geliebten Gatten zu betrügen. Ja, wär’ mir mein Gemahl auch nicht so lieb und so treu, ich würd’ ihn dennoch nie betrügen; denn Gott liebt die meineidigen und treulosen Seelen nicht!“

Da heftete sie ihre bleichen Augen auf das Fenster, vor dem Pan Danilo saß, und hielt starr inne ....

„Wohin blickst du? Was siehst du dort?“ schrie der Zauberer auf.

Die luftgewobene Katerina erzitterte. Aber Pan Danilo war schon längst wieder unten auf der Erde und zog mit seinem getreuen Stetzko in die Berge.

„Furchtbar, furchtbar!“ sprach er bei sich selber und Angst umfing sein Kosakenherz.

Bald war er wieder auf seinem Hofe, wo die Kosaken noch immer fest schliefen; nur der eine saß da, hielt Wache und rauchte sein Pfeifchen.

Der Himmel war ganz mit Sternen besät.

V.

Wie gut tatest du, daß du mich wecktest!“ sprach Katerina, und während sie sich mit dem gestickten Ärmel ihres Hemdes die Augen rieb, betrachtete sie ihren Mann, der vor ihr stand, vom Kopf bis zu Füßen. „Welch schrecklichen Traum ich gehabt! Wie schwer atmete meine Brust! Oh! .... mir war’s als stürbe ich ....“

„Was war das für ein Traum? Vielleicht dieser?“ und Burulbasch erzählte seinem Weibe alles, was er geschaut.

„Wie konntest du das nur erfahren, mein Gemahl?“ fragte Katerina erstaunt. „Doch, nein. Gar vieles, was du erzählt hast, ward mit nicht bekannt. Nein, mir hat nicht geträumt, der Vater habe meine Mutter getötet; auch hab’ ich keine Toten gesehen, ich habe nichts gesehen. Nein, Danilo, es war ganz anders, wie du’s erzählst. O, wie furchtbar ist doch mein Vater!“

„Das ist fürwahr auch kein Wunder, daß du gar vieles davon nicht sahest! Du weißt doch nicht den zehnten Teil von dem, was deine Seele weiß. Weißt du — dein Vater — das ist der Antichrist! Erst im vorigen Jahr, als ich mich mit den Polen zum Feldzug in die Krim aufmachte (damals hielt ich’s noch mit diesem Heidenvolk), da hat der Abt des Bruderklosters zu mir gesagt (und das ist ein heiliger Mann, Weib!), der Antichrist habe die Macht, jedes Menschen Seele zu beschwören; die lustwandle dann nach eigenem Willen, wenn er einschläft, und fliege zusammen mit den Erzengeln um Gottes Gemach herum. Schon auf den ersten Blick wollt’ mir deines Vaters Gesicht nicht recht gefallen. Hätt’ ich geahnt, daß du solch einen Vater hast, nie hätt’ ich mich mit dir vermählt; ich hätt’ dich verlassen und der Seele nimmer die Sünde aufgebürdet, mich der Sippe des Antichrist zu verschwägern.“

„Danilo!“ rief Katerina, verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte auf. „Hab’ ich je eine Schuld gegen dich auf mich geladen? Ward ich dir je untreu, geliebter Gemahl? Womit hab’ ich deinen Zorn auf mich gelenkt? Hab’ ich dir nicht treu gedient? Hab’ ich denn je ein widriges Wort gesprochen, wenn du angezecht vom lustigen Schmaus heimkamst? Gebar ich dir nicht einen schwarzbrauigen Sohn? ...“

„Weine nicht, Katerina, jetzt kenne ich dich, und ich werde dich nie verlassen. Alle Sünden liegen bei deinem Vater!“

„Nein, nenne ihn nicht meinen Vater! Er ist nicht mein Vater! Gott ist mein Zeuge, ich sage mich von ihm los! Er ist der Antichrist und ein Gottesverächter! Mag er verderben, mag er ersaufen, nie biet’ ich die Hand ihm zur Rettung. Und wenn er dahinsiecht an einem todbringenden Kraut, so will ich ihm kein Wasser zum Trinken reichen. Du bist mir mein Vater!“

VI.

In Pan Danilos tiefem Verließe sitzt der Zauberer in eiserne Ketten geschmiedet; fern über dem Dnjepr brennt sein satanisches Schloß, und blutrote Wellen gurgeln und lecken an den uralten Mauern empor. Nicht wegen Hexerei, noch um gottwidrige Taten sitzt der Zauberer im tiefen Verließ: die richtet nur Gott; um eines geheimen Verrates willen sitzt er dort, und wegen seines Bundes mit den Feinden des rechtgläubigen Russenlands — den er mit den Römlingen eingegangen, um ihnen das ukrainische Volk zu verschachern und die christlichen Kirchen niederzubrennen. Gar finster und grimmig ist der Zauberer; nachtschwarzes Sinnen zieht durch seinen Kopf; nur ein Tag noch bleibt ihm zu leben, und morgen gilt’s, Abschied zu nehmen von der Welt: morgen erwartet ihn Tod. Kein leichter Tod wartet auf ihn: es ginge noch gnädig ab, wenn er lebendig im Kessel gekocht oder wenn ihm die sündhafte Haut abgezogen würde. Düster und grimmig ist der Zauberer, und er läßt den Kopf hängen. Vielleicht geht er vor seiner Sterbestunde noch in sich; doch sind seine Sünden nicht so, daß Gott ihm verzeihen könnte. Hoch oben vor ihm ist ein schmales Fenster, das Eisenstäbe vergittern. Mit seinen klirrenden Ketten hat er sich bis zum Fenster emporgehoben, um zu schauen, ob seine Tochter nicht vorbeiginge. Sie ist mild wie ein Täubchen und nicht rachesüchtig. Würde sie sich nicht des Vaters erbarmen? ... Aber es war niemand da. Tief unten zieht der Weg sich hin, aber niemand wandert auf ihm. Und tiefer noch zieht der Dnjepr vorbei; aber der achtet auf niemand: er tost dahin, und schmerzlich ist’s dem Gefesselten, seinem dumpfen Rauschen zu lauschen.

Da erschien jemand auf dem Wege — es war ein Kosak! Schwer seufzte der Gefangene auf, und wieder ward alles tot und leer. Doch dort in der Ferne kam jemand herab ...... Ein grüner Überwurf flatterte empor, ein goldener Kopfschmuck glänzte auf dem Haupte. Das war sie! Noch enger preßte er sich ans Fenster. Sie kam näher und immer näher ...

„Katerina! Meine Tochter, erbarme dich! Hab’ Mitleid mit mir! .......“

Aber sie blieb stumm, sie wollte ihn nicht hören. Sie wendete nicht einmal die Augen nach dem Gefängnis, und schon war sie vorbei und wieder verschwunden. Leer wird die Welt, wehmütig rauscht der Dnjepr; hoffnungslose Trauer und Wehmut umfängt das Herz; aber wußte wohl der Zauberer, was Wehmut ist?

Der Tag ging zur Neige. Schon sank die Sonne hinab, schon ist sie nicht mehr. Schon war es Abend. Kühl ward es, irgendwo brüllte ein Stier, von irgendwo tönten verwehte Klänge herüber; sicherlich kamen jetzt die Menschen von ihrer Arbeit, um auszuruhen und fröhlich zu sein: über den Dnjepr glitt ein Kahn ...... aber wer kümmerte sich um den Gefangenen? Die silberne Sichel leuchtet am Himmel auf; da schreitet jemand von der anderen Seite den Weg empor; schwer war’s, im Dunkeln zu erkennen, wer das war: Es war Katerina, die jetzt zurückkehrte.

„In Christi Namen, Tochter! Selbst das grausame Junge des Wolfes zerfleischt seine Mutter nicht! Tochter, so wirf doch nur einen Blick auf deinen sündigen Vater!“

Aber sie hörte ihn nicht und ging weiter.

„Tochter, im Namen deiner unglücklichen Mutter ...“ Sie blieb stehen.

„Komm und vernimm mein letztes Wort!“

„Wozu rufst du mich, Gottesverächter? Nenn’ mich nicht Tochter! Zwischen uns ist keine Verwandtschaft! Was willst du von mir im Namen meiner unglücklichen Mutter?“

„Katerina, mein Ende ist nahe! Ich weiß, dein Mann gedenkt, mich an den Schweif eines Rosses zu binden und übers Feld zu schleifen, oder vielleicht erfindet er einen noch grauenvolleren Tod für mich ...“

„Gibt es denn auf der Welt einen Tod, der deinen Sünden gleichkommt? Mach dich darauf gefaßt, für dich wird niemand bitten!“

„Katerina, mich schreckt nicht der Tod, mich schrecken die Qualen in jener Welt! ...... Du bist frei von Schuld, Katerina: deine Seele wird im Paradies in Gottes Nähe weilen, aber die Seele deines gottlosen Vaters wird im ewigen Feuer brennen, und nimmer wird dieses Feuer erlöschen, nur noch höher und höher wird es emporlodern. Kein Tautropfen wird auf ihn herabfallen, und kein Wind wird ins Feuer hauchen.“

„Ich habe nicht die Macht, deine Strafe durch Gebet zu mindern!“ sprach Katerina und wandte sich ab.

„Katerina, warte, noch ein Wort: Du kannst meine Seele erretten. Du weißt noch nicht, wie gut und gnädig Gott ist. Hast du je vom Apostel Paulus gehört, der voller Sünden war und dann in sich ging — und ein Heiliger wurde?“

„Was kann ich tun, deine Seele zu retten?“ sprach Katerina. „Sollte ich, ein schwaches Weib, daran denken können?“

„Wenn es mir gelänge, von hier zu entfliehen, so würde ich mein ganzes altes Leben aufgeben! Ich würde Buße tun, in die Wüste gehen, ein härenes Hemd anlegen und Tag und Nacht beten! Ja, nicht einmal Fastenkost und keinen Fisch soll mein Mund mehr berühren! Kein Gewand breit’ ich mir hin, wenn ich mich zum Schlaf niederlege! Und immer nur werde ich beten und beten! Und wenn Gottes Gnade auch nicht den hundertsten Teil meiner Sünden von mir nimmt, dann will ich mich bis an den Hals in die Erde vergraben oder eine Wand von Stein um mich aufmauern, nicht Speise noch Trank will ich mehr zu mir nehmen und sterben, und all mein Hab und Gut will ich den Mönchen vermachen, auf daß sie vierzig Tage und vierzig Nächte lang Seelenmessen für mich lesen!“

Katerina sann nach. „Selbst wenn ich dir das Tor aufschlösse, ich kann dir doch die Ketten nicht aufschmieden!“

„Die Ketten fürchte ich nicht. Du meinst wohl, sie hätten mir Hände und Füße zusammengeschmiedet? O nein, ich senkte Nebel auf die Augen der Menschen und hielt ihnen statt der Hände ein trockenes Holz hin. Schau, hier bin ich: jetzt trag’ ich keine Kette mehr!“ sagte er und trat frei in die Mitte des Raumes. „Ich hätte ja auch die Wände nimmer gefürchtet und wäre hindurchgeschritten; aber dein Mann weiß nicht, was das hier für Mauern sind: Ein heiliger Anachoret hat sie einst errichtet und keine unreine Macht ist imstande, den Gefangenen zu befreien, ohne die Zelle mit jenem Schlüssel aufzuschließen, mit dem der Heilige sie verschloß. Solch eine Zelle will ich, schrecklichster aller Sünder, auch mir erbauen, wenn ich nur frei bin!“

„Nun wohl, so höre: ich lass’ dich hinaus, doch, wie wenn du mich trügst,“ sprach Katerina und blieb vor der Tür starr stehen. „Wenn du, statt in dich zu gehen, wieder des Teufels Bruder wirst?“

„Nein, Katerina, ich hab’ nicht mehr lange zu leben; auch ohne diese Marter ist mein Ende nahe. Glaubst du denn, daß ich mich selbst zu ewigen Qualen verurteilen will?“

Die Schlösser klirrten. „Leb’ wohl, der barmherzige Gott behüte dich, mein Kind!“ sprach der Zauberer und küßte sie.

„Rühr mich nicht an, schrecklichster aller Sünder! Geh schnell von hinnen!“ rief Katerina.

Doch er war schon verschwunden.

„Ich hab’ ihn befreit!“ flüsterte sie und blickte voller Schrecken wie irr auf die Mauern. „Was soll ich jetzt meinem Manne sagen? Ich bin verloren! Ich kann mich nur noch lebendig ins Grab legen.“ Und sie sank schluchzend auf den Klotz, auf dem der Gefangene gesessen hatte. „Aber ich habe eine Seele gerettet!“ sagte sie leise. „Ich tat ein Gott wohlgefälliges Werk. Jedoch mein Mann ...... Ich hab’ ihn zum ersten Male betrogen. O, wie furchtbar, wie schwer wird mir’s werden, ihm die Unwahrheit zu sagen! Da kommt jemand! O, er ist es! es ist mein Mann!“ rief sie verzweifelt, und besinnungslos fiel sie zu Boden.

VII.

Ich bin’s, meine liebe Tochter, ich bin’s, mein Herzchen!“ hörte Katerina jemand sagen, als sie wieder zu sich kam; sie sah ihre alte Dienerin vor sich. Die Alte beugte sich über sie, schien ihr etwas zuzuflüstern, und ihre vertrocknete Hand bespritzte sie mit kaltem Wasser.

„Wo bin ich?“ sagte Katerina, indem sie aufstand und um sich blickte. „Vor mir rauscht der Dnjepr und hinter mir liegen die Berge ... Wohin hast du mich geführt, Weib?“

„Ich hab’ dich nicht weggeführt, sondern hinausgetragen; auf meinen Armen trug ich dich aus dem dumpfen Gewölbe. Ich habe die Tür mit dem Schlüsselchen zugeschlossen, damit dich Pan Danilo nicht findet und bestraft!“

„Wo ist der Schlüssel?“ sprach Katerina und blickte auf ihren Gürtel, „ich seh’ ihn nicht!“

„Dein Mann hat ihn abgebunden, um nach dem Zauberer zu sehen, mein Kind!“

„Um nach ihm zu sehen? .... Weib, ich bin verloren!“ rief Katerina.

„Davor mag Gott uns bewahren, mein Kind! Schweig du nur, liebe Herrin. Niemand wird etwas erfahren!“

„Er ist entflohen, der verfluchte Antichrist! Hast du gehört, Katerina? Er ist entflohen!“ rief Pan Danilo, der auf seine Frau zutrat. Seine Augen sprühten Feuer, und sein Säbel schüttelte sich klirrend an seiner Seite. Sein Weib erstarrte.

„Es hat ihn wohl jemand befreit, lieber Mann?“ sprach sie zitternd.

„Befreit! Du hast recht. Aber der Teufel hat ihn befreit. Schau hin! Statt seiner liegt ein in Eisen geschmiedeter Klotz da. Gott hat’s nun einmal so eingerichtet, daß der Teufel sich nicht vor Kosakenfäusten fürchtet! Wenn einer von meinen Kosaken auch nur von fern daran gedacht haben sollte, und ich erfahre es ..... O, ich würde keine Strafe ausdenken können, die schwer genug für ihn wäre!“

„Und wenn ich es wäre?“ sprach Katerina unwillkürlich und hielt erschrocken inne.

„Wenn du’s getan hättest, so wärest du mein Weib nicht mehr! Ich würde dich in einen Sack einnähen lassen und mitten im Dnjepr ertränken! ....“

Katerina stockte der Atem und ihr war, als lösten sich ihr die Haare vom Haupte.

VIII.

In einer Schänke am Grenzwege sind die Polen versammelt und zechen schon zwei Tage lang. Nicht wenig Gesindel sitzt da beisammen. Sie sind wohl zusammengekommen, um einen Überfall auszuhecken! Manche von ihnen haben Musketen, die Sporen klirren und die Säbel rasseln. Die polnischen Herren sind lustig, schneiden auf und reden prahlerisch von unerhörten Taten, sie spotten über den rechten Glauben, nennen das Volk der Ukraine ihre „Knechte“, zwirbeln stolz den Schnurrbart in die Höhe, und mit hochmütig zurückgeworfenen Köpfen recken sie sich auf den Bänken. Auch ihr Priester ist bei ihnen; doch auch der ist vom selben Schlage wie sie. Er gleicht nicht einmal dem Äußern nach einem christlichen Priester, denn er schmaust und zecht mit ihnen, und seine unreine Zunge führt unzüchtige Reden. Auch das Gesinde gibt ihnen in nichts nach: sie haben die Ärmel der schäbigen Schupans aufgestreift und stolzieren so aufrecht einher, als wären sie was Rechtes! Sie spielen und hauen einander mit den Karten auf die Nasen. Dann haben sie fremde Weiber bei sich und das gibt ein Geschrei und ein Raufen! ... Die polnischen Herren toben nur so und treiben Schabernack mit den Leuten; sie packen einen Juden am Bart, malen ihm ein Kreuz auf seine gottlose Stirn, schießen mit blind geladenen Pistolen nach dem Weibsvolk und tanzen einen Krakowiak mit ihrem schändlichen Priester. Gab’s doch nicht einmal von den Tataren solch Ärgernis im russischen Lande: Gott hat es ihm wohl beschieden, solche Schmach für seine Sünden zu erdulden. Und mitten in diesem Sodom hört man sie vom Gutshof des Pan Danilo am Dnjepr und von seinem schönen Weibe sprechen ..... Wahrlich, nichts Gutes sinnt die Rotte, die hier versammelt ist!

IX.

Pan Danilo sitzt in seiner Stube am Tisch, das Haupt auf den Ellenbogen gestützt, und sinnt nach. Auf der Ofenbank aber sitzt Pani Katerina und singt ein Lied.

„Mir ist so traurig zumute, Weib!“ spricht Pan Danilo, „der Kopf tut mir weh und das Herze auch. Es lastet etwas auf mir! Mein Tod ist wohl nicht mehr fern.“

„O, mein herzliebster Gemahl, neig deinen Kopf zu mir her! Warum hegst du so schwarze Gedanken in deiner Brust?“ dachte Katerina, wagte es aber nicht auszusprechen. Ihr, der Schuldbewußten, wurde es schwer, des Mannes Liebkosungen entgegenzunehmen.

„Hör, liebes Weib!“ sagte Danilo, „verlaß meinen Sohn nicht, wenn ich einst tot bin! Gott wird kein Glück auf dich herabsenden, weder in dieser, noch in jener Welt, wenn du ihn von dir stößt. Schwer würde es meinen Knochen werden, in der feuchten Erde zu verfaulen, und noch trauriger wär’ meine Seele!“

„Was sprichst du, mein Gemahl? Warst du es nicht, der uns schwache Frauen einst auslachte? Und jetzt redest du selbst wie ein schwaches Weib. Du wirst noch lange leben!“

„Nein, Katerina, meine Seele ahnt schon den nahen Tod. Es wird so traurig in der Welt und schlimme Zeiten brechen an. Oh! ich besinne mich wohl auf die vergangenen Jahre; die kehren wohl nimmer wieder! Damals war noch der alte Konaschewitsch am Leben, der Ruhm und die Ehr’ unseres Heeres! Und all die Kosakenregimenter ziehen wieder an meinen Augen vorüber. Ja, es war eine goldene Zeit, Katerina! Der alte Hetman saß auf seinem Rappen und in seiner Hand glänzte der Hetmansstab; rings um ihn standen die Führer, und auf den Seiten wogte das rote Meer der Saporoger. Und wenn der Hetman zu sprechen begann, dann stand alles da wie erstarrt. Der Alte weinte, als er der früheren Taten und Gefechte gedachte. Ach, wenn du wüßtest, Katerina, wie wir damals uns mit den Türken schlugen: Noch heute sieht man die Narbe auf meinem Haupte. Vier Kugeln durchbohrten mich an vier Stellen, und keine der Wunden ist je vollständig geheilt. O, wieviel Gold wir damals erbeuteten, und die Edelsteine schöpften die Kosaken wie Wasser mit ihren Mützen. Und was für Pferde, wenn du wüßtest, was für Pferde wir damals raubten, Katerina! Nein, solche Kriege erleb’ ich nie wieder! Noch bin ich ja nicht alt, ich bin noch rüstig, doch das Kosakenschwert entsinkt meiner Hand, ich lebe tatenlos dahin und weiß selbst nicht, wozu ich lebe. In der Ukraine herrscht keine Ordnung mehr: die Feldherrn und Jessauls beißen sich herum wie die Hunde; ’s ist keiner da, dem alle gehorchten und der ihr Haupt wäre. Unsere Schlachzizen haben alles geändert und polnische Sitten eingeführt, sie sind so schlau und so tückisch geworden und haben ihre Seelen verkauft, indem sie die Union annahmen und einen Bund mit dem Papst schlossen. Die Juden knechten das arme Volk. O Zeiten, Zeiten, vergangene Zeiten! Wo seid ihr geblieben, ihr, meine vergangenen Jahre? Geh ins Gewölbe hinab, Bursch, und hol mir einen Krug mit Meth! Ich will trinken auf unser altes Leben und die vergangenen Zeiten!“

„Womit sollen wir die Gäste empfangen, Pan? Die Polen kommen von der Wiese her!“ rief Stetzko, der in diesem Augenblick ins Zimmer hereinstürzte.

„Ich weiß wohl, wozu sie kommen!“ sprach Danilo, sich von seinem Platze erhebend. „Sattelt die Pferde, meine treuen Knechte! Schirrt sie rasch an und heraus mit den Säbeln! Vergeßt auch die blauen Bohnen nicht! Die Gäste sollen mit Ehren empfangen werden!“

Kaum hatten die Kosaken ihre Pferde bestiegen und die Musketen geladen, da überschwemmten die Polen schon den Berg wie Laub, das im Herbst von den Bäumen fällt.

„Hehe, da gibt’s eine feine Gesellschaft!“ rief Danilo und blickte auf die dicken Pans, die sich würdevoll auf ihren goldgeschirrten Rossen schaukelten. „Wohl denn, so werden wir uns einmal noch herrlich tummeln! Freu dich zum letzten Male, Kosakenseele. Wohlauf, ihr Burschen, das Fest hat begonnen!“

Und auf den Bergen ward es fröhlich, und das Fest hub an: da schwirren die Säbel, da fliegen die Kugeln, da wiehern und trampeln die Pferde. Die Schädel dröhnen vom Rufen und Schreien, und der Rauch blendet die Augen. Alles geht wild durcheinander, aber der Kosak ahnt wohl, wo Freund und Feind ist. Eine Kugel kommt gepfiffen, und ein tapferer Reitersmann stürzt vom Roß; ein Säbel klirrt — und ein Kopf wälzt sich, zusammenhanglose Reden lallend, am Boden.

Aber mitten im Haufen, da sieht man die rote Kosakenmütze des Pan Danilo, und wie ein Blitz trifft das Auge das Gefunkel des goldenen Gürtels auf dem blanken Schupan; wie ein Wirbelwind flattert die Mähne des Rapphengstes daher; gleich einem Vogel eilt er bald hier hin, bald dort hin, schreit laut auf, schwenkt den Damaszener-Säbel und schlägt rechts und links um sich. Hau zu, Kosak! Frisch drauf und los, Kosak! Erfreu dein mutiges Herz, aber verguck dich nicht in das Gold der Gespanne und Schupans; tritt Gold und Edelsteine mit den Füßen! Stich zu, Kosak! Frisch drauf los, Kosak! Aber sieh dich nicht um: schon stecken die frevelnden Polen die Hütten in Brand und treiben das ängstliche Vieh fort. Wie ein Sturm wirbelt Pan Danilo zurück, die Mütze mit dem roten Dach blitzt schon dicht neben den Häusern auf, und rings um ihn wird der Haufen geringer.

Nicht nur eine Stunde oder zwei kämpften die Kosaken und Polen. Immer weniger wurden ihrer auf beiden Seiten; doch Pan Danilo ermattete nicht: mit seiner langen Lanze hob er die Feinde aus dem Sattel, und trat mit seinem tapferen Roß das Fußvolk nieder. Schon leert sich der Hof, schon fliehen die Polen, schon reißen die Kosaken die goldenen Schupans und die reiche Rüstung von den Gefallenen herab. Schon will Pan Danilo zur Verfolgung aufbrechen, schon blickt er sich um, die Seinen zu sammeln ..... doch da kocht in ihm die Wut, vor ihm taucht Katerinas Vater auf. Nun steht er auf dem Berge und zielt mit seiner Muskete nach ihm. Danilo treibt sein Pferd grad auf ihn los .... Kosak, du eilst ins Verderben! Da kracht die Muskete, und der Zauberer ist hinter dem Berge verschwunden. Nur der getreue Stetzko hat noch gesehen, wie das rote Gewand und die seltsame Mütze im Husch vorbeiflogen. Danilo schwankt und stürzt zu Boden. Der treue Stetzko eilte zu seinem Pan: sein Herr liegt ausgestreckt auf der Erde, und hat die hellen Augen geschlossen, und das hellrote Blut quillt aus seiner Brust. Aber er erkannte den treuen Diener noch, leis hob er die Lider und blitzte ihn mit den Augen an: „Leb wohl, mein Stetzko! Sag Katerina, sie soll meinen Sohn nicht verlassen! Verlaßt auch ihr ihn nicht, ihr meine treuen Diener!“ und er verstummte. Die tapfere Kosakenseele war aus dem adligen Leibe entflohen; blau sind seine Lippen, der Kosak schläft einen Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.

Da schluchzte der getreue Diener auf und winkte Katerina mit der Hand: „Komm, komm schnell herbei, Pani! Dein Pan hat ausgetobt; sieh, da liegt er, trunken auf feuchtem Erdreich; nimmer wird der aus seinem Rausche erwachen!“

Da schlug Katerina die Hände zusammen und sank über den Leichnam hin wie eine Garbe. „O mein Gemahl, du mein Gemahl! Bist du’s, der geschlossenen Auges daliegt? Steh auf, mein herzallerliebster Falke, rühr deine süße Hand! Erhebe dich doch! O, schau sie nur einmal noch an, deine Katerina, reg deine Lippen und sprich nur ein einziges Wörtlein! ... Doch ach, du schweigst, du schweigst, mein lieber herrlicher Pan! Bläulich wardst du wie das Schwarze Meer, und dein Herz schlägt nicht! Warum bist du so kalt, mein Pan? O, ich seh’s, meine Tränen sind nicht heiß genug, sie können dich nicht erwärmen! Ich seh’s, nicht laut genug ist meine Klage, denn sie kann dich nicht erwecken! Wer wird jetzt deine Heere anführen? Wer wird nun auf deinem Rappen dahinjagen und laut jauchzend vor den Kosaken den Säbel schwingen? Kosaken, Kosaken! Wo ist eure Ehre und euer Ruhm? Da liegt eure Ehre und euer Ruhm geschlossenen Augs auf der feuchten Erde. O, begrabt nun auch mich, begrabt mich zusammen mit ihm! Streut mir Erde auf die Augen, preßt die Bretter von Ahorn mir auf die weißen Brüste! Ich brauche meine Schönheit nicht mehr!“

Und Katerina weinte und klagte bitterlich, da aber steigt eine Staubwolke in der Ferne auf: Gorobetz, der alte Jessaul, sprengt zu Hilfe heran.

X.

Voller Wunder ist der Dnjepr bei heiterem Wetter, wenn er frei und ungehemmt durch Gebirg und Wälder seine reichen Wasser trägt. Da ertönt kein leises Rauschen und kein mächtiger Donnerlaut. Du blickst hin und weißt es kaum, ob sich sein hehrer breiter Rücken regt, ob nicht; ganz aus Glas gegossen scheint die Flut und sein blauer Spiegelweg windet sich, breit ohne Maßen, lang ohn’ Ende, in verschlungenen Bahnen durch die grüne Welt. Dann blickt auch die heiße Sonne selig von der Höhe herab und taucht ihre Strahlen in die kühlen gläsernen Wässer, und selig spiegeln sich die Wälder am Ufer in den klaren Fluten. O, ihr Grüngelockten! Ihr drängt euch mit den Feldblumen zum Wasser hin, beugt euch hinab, schaut hinein und könnt euch nicht satt sehen an eurem klaren Angesicht und ihr lächelt ihm zu und grüßt es, indem ihr die Zweige schüttelt. Aber in die Mitte des Dnjepr wagt ihr doch nicht zu blicken: in sie hinein blickt nur die Sonne und der blaue Himmel, und selten nur kommt ein Vogel bis mitten über den Dnjepr geflogen. O, du herrlicher Fluß! Kein Strom in der Welt kommt dir gleich. Voller Wunder ist auch der Dnjepr in einer stillen Sommernacht, wenn alles in Schlummer sinkt: Mensch und Tier und Vogel. Nur Gott allein blickt majestätisch auf Himmel und Erde und schüttelt gewaltig sein wunderbares Ornat. Und von dem Kleide regnen Sterne herab; die Sterne aber glühen und leuchten über die Welt, und spiegeln sich alle im Dnjepr wieder. Der Dnjepr birgt sie alle in seinem dunklen Schoße, und kein einziger kann ihm entrinnen — es sei denn, daß er am Himmel erlischt. Der schwarze Wald mit seinen Reih an Reih schlafenden Raben und die in grauer Urzeit geborstenen Berge beugen sich vor und suchen ihn wenigstens mit ihren langen Schatten zu bedecken — vergebens! Es gibt nichts auf der Welt, das den Dnjepr überdecken könnte. Azurblau fließt er gemessen dahin, und bei Nacht wie bei Tage sieht man ihn so, wie nur ein Menschenauge sehen kann. Wenn er sich wiegt und wie ein verzärteltes Kind bei der nächtlichen Kühle ans Ufer schmiegt, dann wird er zur silbernen Flut und die flammt auf, wie die stählerne Schneide einer Damaszenerklinge und dann liegt er wieder tiefblau da und schlummert. Und auch dann ist der Dnjepr voller Wunder und kein Fluß in der Welt kommt ihm gleich! Doch wenn sich am Himmel die blauen Wolken zu Bergen ballen, der schwarze Wald bis auf die Wurzeln bebt, die Eichen krachen und der Blitz, aus den Wolken splitternd, plötzlich die ganze Welt erhellt — o, dann ist der Dnjepr schrecklich! Die Wasserhügel tosen, wenn sie gegen die steinigen Felsen anprallen, sinken blitzend und stöhnend zurück und ächzen und heulen in der Ferne. So jammert wohl die alte Kosakenmutter, wenn sie ihren Sohn ins Kriegslager geleitet: frei und kühn reitet er auf seinem rabenschwarzen Roß dahin, die Hand in die Hüfte gestemmt und die Mütze keck aufs Ohr geschoben, sie aber läuft schluchzend hinter ihm her, hängt sich an den Steigbügel, greift ihm in die Zügel, ringt die Hände und zerfließt in heißen Tränen.

Wild und schwarz ragen zwischen den kämpfenden Wellen auf der Landzunge verkohlte Baumstümpfe und Steine in die Luft. Ein Boot, das landen will, wird ans Ufer geworfen, schießt hoch empor und sinkt dann wieder tief abwärts. Wer ist der Kosak, der sich in den Kahn gewagt, zu einer Zeit, da der alte Dnjepr grollt? Der weiß nicht, daß der Dnjepr die Menschen hinabschlingt wie Fliegen!

Doch nun landete das Boot, und der Zauberer entstieg ihm. Ihm ist nicht heiter zumute. Er grollt über den Totenschmaus, den die Kosaken ihrem erschlagenen Herrn zu Ehren abhielten. Die Polen mußten ihn teuer bezahlen, vierundvierzig vornehme Herren in schönen Schupans, ihr ganzes Pferdegeschirr und dreiunddreißig Knechte dazu wurden in Stücke gehauen, und die übrigen saßen mit ihren Rossen gefangen und sollten an die Tataren verkauft werden.

Er stieg die steinernen Stufen zwischen den verkohlten Baumstümpfen hinab, wo sich tief unten im Erdreich seine Hütte befand. Leise und ohne mit der Türe zu knarren, trat er ein, stellte einen Topf auf den gedeckten Tisch und begann mit seinen langen Armen unbekannte Kräuter in ihn hineinzuwerfen, dann holte er einen Krug herbei, der aus einem merkwürdigen Holz geschnitzt war, schöpfte Wasser und begann es wieder auszugießen, während seine Lippen Beschwörungen murmelten.

Rosiges Licht erhellte die Kammer, und schrecklich war es, sein Gesicht zu schauen: es sah ganz blutig aus, tiefe schwarze Furchen gruben sich drein, und die Augen glühten wie ein Feuer. Schrecklicher Sünder! Der Bart war ihm längst ergraut, und das Gesicht von Runzeln durchfurcht, schon ist er fast gänzlich verdorrt, und noch immer trachtet er nach gottlästerlichen Taten. Inmitten des Raumes erhob sich jetzt eine weiße wehende Wolke, und etwas wie Freude huschte über des Zaubrers Gesicht. Doch warum stand er plötzlich regungslos mit weitgeöffnetem Munde da, warum wagte er es nicht, sich zu bewegen? Und warum sträubten sich die Haare wie Borsten auf dem Haupte? In der Wolke erschien ihm ein sonderbares Gesicht. Ungebeten und ungerufen kam es zu Gaste; immer deutlicher trat es hervor und bohrte die starren Augen in ihn hinein. Die Züge, die Brauen, die Augen, die Lippen — alles war ihm unbekannt und noch nie in seinem Leben hatte er es gesehen. Auch war nichts eigentlich Grauenhaftes an ihm, und doch packte ihn ein unüberwindliches Entsetzen. Das seltsame unbekannte Haupt blickte ihn noch immer starr durch die Wolke an. Doch nun war die Wolke verschwunden, aber das unbekannte Gesicht hing noch klarer vor ihm, und die scharfen schneidenden Blicke wollten sich nicht von ihm wenden. Der Zauberer wurde so weiß wie Leinen; mit einer furchtbaren Stimme, die ihn selber fremd dünkte, schrie er auf, warf den Topf um. Alles war verschwunden.

XI.

Sei ruhig, liebe Schwester!“ sprach der alte Jessaul Gorobetz. „Träume reden selten die Wahrheit.“

„Leg dich doch hin, Schwesterchen!“ sagte seine junge Schwiegertochter. „Ich werde die alte Wahrsagerin rufen: ihr kann keine Macht der Welt widerstehen: sie wird deine Unruhe bannen.“

„Fürchte nichts!“ rief der Sohn und griff nach dem Säbel, „niemand soll dir etwas zuleide tun.“

Mit trüben und düsteren Augen blickte Katerina sie alle an und fand kein Wort zur Antwort. „Ich habe mir selbst mein Verderben bereitet: ich hab ihn befreit!“ Endlich aber sprach sie: „Ich habe keine Ruhe vor ihm. Schon sind’s zehn Tage, daß ich bei euch in Kijew bin, und mein Schmerz ist um keinen Tropfen geringer. Ich hab mir gedacht, ich will nun in aller Stille mein Söhnchen als Rächer aufziehen ...... O, furchtbar, furchtbar war er, wie er mir im Traume erschien. Behüt euch Gott davor, ihn je zu erblicken! Mein Herz pocht noch immer!“ — „Ich hack dir dein Kind in Stücke, Katerina!“ schrie er, „wenn du nicht mein Weib sein willst! ....“ Schluchzend stürzte sie sich auf die Wiege, daß das erschrockene Kindlein die Hände ausstreckte und zu schreien begann.

Des Jessauls Sohn brauste zornig auf, als er diese Rede hörte.

Auch Gorobetz, der Jessaul, raste vor Wut: „Mag er’s nur wagen, hierher zu kommen, der gottlose Antichrist — er soll die Kraft meiner alten Kosakenarme kosten. Gott ist mein Zeuge!“ rief er und hob die scharf blickenden Augen gen Himmel empor. „Bin ich denn Bruder Danilo nicht zu Hilfe geeilt? Doch es war Gottes heiliger Wille! Ich traf ihn schon auf dem kalten Lager, darauf schon so viel Kosakenvolk sich gebettet. Hat man ihm zu Ehren nicht dafür einen prächtigen Leichenschmaus gefeiert? Ist etwa auch nur ein Pole lebend entkommen? Sei ruhig, mein Kind! Niemand wird es wagen, dich zu berühren, solange wir leben, ich und mein Sohn!“

Mit diesen Worten trat der alte Jessaul an die Wiege. Das Kindchen erblickte die rote Pfeife mit der silbernen Fassung am Riemen und den Beutel mit dem glänzenden Feuerstein, streckte die Händchen zu ihm hin und lachte. „Der wird ganz wie der Vater!“ sprach der alte Jessaul, nahm die Pfeife aus dem Munde und reichte sie dem Kinde hin. „Noch hat er die Wiege nicht verlassen und schon will er ein Pfeifchen rauchen!“

Katerina seufzte leise auf und begann die Wiege zu schaukeln. Man verabredete sich, die Nacht gemeinsam zu verbringen; nach einer kurzen Weile schliefen alle, und auch Katerina schlummerte bald ein.

Im Hofe und in der Stube war alles still, nur die Kosaken, die Wache hielten, schlummerten nicht. Plötzlich wachte Katerina mit einem Schrei auf, und mit ihr erwachten alle aus ihrem Schlummer. „Er ist tot, man hat ihn ermordet!“ schrie sie und stürzte zur Wiege hin ..... Alle umringten die Wiege und waren starr vor Entsetzen, als sie das leblose Kind daliegen sahen. Keiner sprach ein Wort und niemand wußte, was er von dem unerhörten Frevel denken sollte.

XII.

Fern vom Lande der Ukraine, wenn man das Polenreich durchreist und schon die volkreiche Stadt Lemberg hinter sich hat, stößt man auf eine Gebirgskette mit hohen Gipfeln. Berg an Berg umklammern hier von rechts und links wie mit steinernen Ketten die Erde und schmieden sie in einen Felsenring, damit das brausende tosende Meer nicht hereinbreche. Die Felsenketten ziehen sich bis in die Wallachei und das Siebengebirge hinein, und ragen wie ein gigantisches Hufeisen zwischen Galiziens und Ungarns Völkern empor. Solche Berge gibt’s in unserer Gegend nicht, und das Auge wagt es nicht, sie zu umspannen. Einige von diesen Gipfeln hat noch kein menschlicher Fuß betreten. Wie ein Mirakel sind sie zu schauen: gleich als wäre ein trotziges Meer während eines Sturmes seinen weiten Ufern entflohen und als hätte es mißgestalte Wogen aufgetürmt, die dann zu Stein geworden, steil in der Luft emporstarrten. Oder sind es schwarze Wolken, die vom Himmel herabgestürzt sind und den Weg zur Erde versperrt haben? Denn ihre Farbe ist ebenso grau wie die der Wolken, und der weiße Gipfel blitzt und funkelt in der Sonne. Bis zu den Karpathen hin hört man die russische Zunge, und auch hinter den Bergen hallt’s hie und da wieder wie ein Klang aus der Heimat; doch dann kommen Menschen mit einem andern Glauben und einer fremden Sprache. Hier lebt das zahlreiche Volk der Ungarn; die reiten, fechten und trinken nicht schlechter als die Kosaken und kargen nicht, wenn’s gilt, goldene Dukaten für Pferdegeschirr und kostbare Kaftans aus dem Beutel zu holen. Groß und frei liegen ihre Seen zwischen den Bergen. Unbeweglich wie Glas sind sie, und wie ein Spiegel werfen sie die nackten Gipfel der Berge und die grünende Sohle zurück.