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Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen cover

Sämmtliche Werke 3: Abende auf dem Gutshof bei Dikanka; Phantastische Novellen

Chapter 46: XV.
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About This Book

The volume gathers linked short tales set in a rural setting, merging rustic humor, vivid local speech, and folkloric supernaturalism. Framed by conversational prefaces, the stories depict village festivities, fairs and household gatherings where practical jokes, courtships, and petty vanities intersect with uncanny occurrences such as witches, devils and enchanted places. Narration alternates between playful satire and eerie atmosphere, balancing comic sketches of gullibility and social manners with lyrical descriptions of seasonal rituals. The arrangement presents a variety of voices and narrative modes, from anecdote and fable to fantastical novella, producing a patchwork of regional customs, moral ironies and uncanny imaginings.

Doch wer kommt dort inmitten der Nacht — bei Finsternis oder Sternenglanz — auf dem riesigen Rappen daher geritten? Welch ein Recke von übermenschlichem Körpermaß fegt die Berge entlang und über die Seen dahin und spiegelt sich samt seinem Riesenroß in den leblosen Gewässern, daß sein unermeßlicher Schatten furchtbar über die Berge hinhuscht? Es glänzt der Harnisch von herrlichem Schmiedeeisen; er trägt eine Pike auf der Schulter, am Sattel rasselt der Säbel, das Visier ist niedergelassen, schwarz hängt ihm der Schnurrbart herab, die Augen sind geschlossen, und die Lider gesenkt. — Er schläft und hält im Schlafe die Zügel fest, hinter ihm auf demselben Roß sitzt der junge Page und auch er schläft und klammert sich schlafend an den Ritter. Wer ist er, wo reitet er hin und zu welchem Ziele? Wer weiß etwas von ihm? Nicht einen Tag nur oder zwei reitet er schon über die Berge dahin. Der Tag bricht an, die Sonne geht auf, aber er ist nicht zu erblicken. Nur selten sehen die Bergbewohner einen langen Schatten durch die Berge huschen — und doch ist der Himmel ganz klar, und keine Wolke zieht über ihn hin. Aber kaum bricht die Nacht an und mit ihr die Finsternis, so läßt er sich wieder sehen; dann spiegelt er sich in den Seen, und hinter ihm kommt zitternd sein Schatten einher gesprungen. Schon ist er an vielen Bergen vorbeigekommen und selbst auf den Kriwan ist er hinaufgeritten. Und doch ist in den Karpathen kein Berg höher als dieser, denn einem Könige gleich erhebt er sich über die andern. Da machte Roß und Reiter Halt; tiefer noch sank er in Schlaf, und herabsinkende Wolken bedeckten ihn.

XIII.

Pst ... still doch, Weib! Lärme nicht so! Mein Kind ist eingeschlafen. Lang hat mein Kindchen geschrien, jetzt aber schläft es. Ich geh’ in den Wald, Weib! Was siehst du mich denn so an? Du bist fürchterlich: eiserne Zangen strecken sich aus deinen Augen hervor — — oh, und wie lang sie sind, und brennen wie Feuer! Du bist gewiß eine Hexe! Hör, wenn du eine Hexe bist, so verschwinde! Du willst mir meinen Sohn stehlen! Wie töricht ist doch dieser Jessaul: er glaubt, es machte mir Vergnügen, in Kijew zu leben; doch nein, mein Mann und mein Sohn sind hier, wer soll denn das Haus überwachen? Ich bin so leise davongeschlichen, daß weder Katze noch Hund es hören konnten. Weib, du willst wieder jung werden? O, das ist garnicht so schwer: man muß nur recht viel tanzen. Schau, wie ich tanze .....“ Und nachdem sie diese zusammenhanglosen Worte gesprochen hatte, fing Katerina an zu tanzen, sie drehte sich wie ein Wirbel herum — blickte stier nach allen Seiten, stemmte die Arme in die Hüften, und ihre silbernen Hufeisen klirrten regellos und ohne Takt. Ihre schwarzen aufgelösten Flechten hingen ihr über den weißen Hals hinüber, sie schwirrte wie ein Vogel dahin, weiter und immer weiter ohne Halt, schwang die Arme im Kreise, schüttelte den Kopf, und es schien so, als müßte sie gleich matt zu Boden sinken oder weit hinausfliegen aus dieser Welt.

Traurig stand die alte Amme vor ihr, und die Tränen strömten ihr über die tiefen Runzeln hinab, schwer wie ein Stein lastete es auf dem Herzen der treuen Burschen, die zusehen mußten, wie ihre Herrin tanzte. Doch schon fing sie an, müde zu werden, träg stampfte sie mit den Beinen auf ein und derselben Stelle herum und glaubte doch, sie tanze den Lachtaubentanz. „Ah, ich hab’ auch ein Perlenhalsband, ihr Burschen!“ rief sie endlich aus und hielt inne. „Ihr aber habt keins! .... Wo ist mein Mann?“ schrie sie plötzlich auf und zog rasch einen Türkendolch aus dem Gürtel. „Oh, das ist kein Messer, wie ich es brauche!“ und dabei flossen ihr die Tränen über ihr schmerzbewegtes Gesicht. „Das Herz meines Vaters ist weit, weit von hier, und dieses Messer wird’s nicht erreichen. Sein Herz ist von Eisen, eine Hexe hat es ihm auf dem höllischen Feuer geschmiedet. Warum erscheint mein Vater nur nicht? Weiß er denn nicht, daß die Zeit gekommen ist, wo ich ihn töten muß? Er will wohl gar, daß ich selbst zu ihm komme ....“ Und ohne ihre Rede vollendet zu haben, lachte sie seltsam auf. „Eine komische Mär kam mir in den Sinn: Ich erinnerte mich, wie sie mir den Gemahl begruben. Sie haben ihn lebendig begraben ... O, wie mußte ich lachen! ...... Hört, hört!“ und statt weiterzureden, begann sie ein Lied zu singen:

Da fährt ’ne Karre im Blut .....

’S liegt ein Kosak im Wagen

Zerschossen und zerschlagen,

Hält in der Rechten einen Spieß,

Und von dem Spieß läuft soviel Blut

Soviel Blut,

Daß es ’nen Blutstrom wies.

Überm Bach da steht ein Ahornschragen

Und ein Rabe krächzt darüber her.

Vom Kosaken will die Mutter klagen,

Wein nicht, Mutter, gräm dich nicht zu sehr!

Dein Sohn hat wohl genommen

Ein Fräuleinchen gar fein,

Drum soll er auch bekommen

Ein Stübchen eng und klein,

Ohne Fenster, ohne Tür,

So geht’s immer für und für.

Ging ein Fisch mit ’nem Krebs zu Tanz ...

Wer mich nicht leiden mag, den soll der Kuckuck ..

So wirrten sich bei ihr alle Lieder durcheinander. Schon einen oder zwei Tage lang lebte sie in ihrem Hause und wollte nichts von Kijew hören; sie betete nicht, sie floh vor den Menschen und vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein streifte sie im dunklen Eichwald umher. Spitzige Äste ritzten ihr weißes Gesicht und ihre Schultern, der Wind zerzauste ihr die aufgelösten Flechten, das Herbstlaub raschelte unter ihren Füßen — sie aber achtete es nicht. Zu der Stunde, da das Abendrot erlischt, die Sterne noch nicht vom Himmel herab blinken und der Mond noch nicht leuchtet, ist es voll Grauen, durch den Wald zu wandern. Die ungetauften Kinder kratzen an den Baumstämmen, hangen an den Zweigen, heulen, lachen gellend auf und wälzen sich wie ein Knäuel über die Wege und durch das dichte Dornengestrüpp; den Fluten des Dnjepr entsteigt ein Reigen von Jungfrauen, die selbst ihre Seele verderbten, die Haare rieseln ihnen vom grünlichen Haupte auf die Schultern herab; das Wasser rinnt laut glucksend vom langen Haare hinunter, und der Leib der Jungfrau schimmert durchs Wasser hindurch wie durch ein gläsernes Hemd, seltsam lächeln die Lippen, die Wangen glühen, die Blicke locken einem die Seele aus dem Leibe .... sie möchte in Liebe entbrennen, sie sehnt sich nach heißen Küssen .... Fliehe, der du ein Mensch bist und ein Christ, ihre Lippen sind Eis, ihr Bett ist das kühle Wasser, sie wird dich zu Tode kitzeln und dich mit in den Fluß schleifen. Katerina aber blickt niemanden an. Sie, die Wahnsinnige, fürchtet die Waldgeister und Wasserjungfrauen nicht; zu später Stunde läuft sie umher mit dem Dolche im Busen und sucht nach dem Vater.

Ganz früh am Morgen kam ein stattlicher Gast in rotem Schupan angeritten und fragte nach Pan Danilo; als er die traurige Kunde vernahm, wischte er sich die weinenden Augen mit dem Ärmel und zuckte die Achseln. Er habe manch einen Feldzug mit dem verstorbenen Burulbasch gemacht, und sie hätten gemeinsam gegen die Krimschen Tataren und Türken gefochten; wie hätt’ er erwarten können, daß Pan Danilo so enden würde! Und noch von manchem anderen wußte der Gast zu berichten, und dann wünschte er Pani Katerina zu sehen.

Katerina achtete zuerst nicht darauf, was der Gast erzählte; schließlich aber begann sie dennoch, seinen Reden zu lauschen, ganz als ob sie bei Vernunft wäre. Er sprach davon, daß er und Danilo miteinander wie Brüder gelebt, wie sie sich einst hinter einem Damm vor den Krimschen Tataren versteckt hielten und mehr dergleichen ....... Katerina hörte dies alles und wandte keinen Blick von ihm ab.

„Sie kommt wieder zu sich,“ dachten die Burschen, die sie aufmerksam beobachteten. „Der Gast wird sie heilen! Schon hört sie ihm zu wie ein vernünftiges Wesen!“

Unterdessen aber begann der Gast zu berichten, wie Pan Danilo ihm in vertraulicher Stunde gesagt hatte: „Sieh, Bruder Koprian: ist es einmal Gottes Wille, und ich bin nicht mehr unter den Lebenden, dann nimm mein Weib zu dir, und sie soll deine Gattin sein ....“

Da heftete Katerina die Augen mit einem fürchterlichen Ausdruck auf ihn. „Ah!“ rief sie, „er ist es, er ist es. Es ist mein Vater!“ und sie stürzte sich mit einem Messer auf ihn.

Lange rang jener mit ihr und wollte ihr das Messer entwinden; endlich riß er ihr’s aus den Händen, holte aus — und die schaurige Tat geschah: der Vater erstach seine wahnsinnige Tochter.

Entsetzt stürzten sich die Kosaken auf ihn, aber der Zauberer schwang sich aufs Pferd und war aller Blicken entschwunden.

XIV.

Vor Kijew begab sich ein unerhörtes Wunder. Alle hohen Herren und Hetmans kamen zusammen, dies Wunder anzustaunen, und plötzlich war es weithin zu sehen bis an alle Enden der Welt. Weit in der Ferne blaute die breite Mündung des Stroms, und hinter ihr rollte das Schwarze Meer. Weltkundige Leute wollten auch die Krim erkennen, die wie ein Berg aus dem Meere emporstieg, und auch den sumpfigen Siwasch erkannten sie. Zur Linken aber sah man das galizische Land.

„Und was ist das?“ fragte das versammelte Volk die großen Männer, und alle wiesen auf die fern am Himmel leuchtenden mächtigen weißen Spitzen, die grauen Wolken glichen.

„Das sind die Karpathen!“ sprachen die alten Männer. „Da gibt’s auch solche darunter, von denen der Schnee nie verschwindet; dort landen und übernachten die Wolken.“

Und nun geschah ein neues Wunder: die Wolken senkten sich vom höchsten Berggipfel herab, und auf seiner Spitze erschien ein Recke zu Roß und in voller Ritterrüstung; seine Augen waren geschlossen, und er war zu schauen, als ob er ganz in der Nähe vor allen dastände.

Da sprang einer von der schreckvoll staunenden Menge aufs Pferd und jagte eilig und so schnell er konnte, fort.

Er blickte wild um sich, als wollte er mit seinen Augen prüfen, ob nicht jemand ihm nachsetzte. Es war der Zauberer! Doch was hatte ihn so in Schrecken gesetzt? Als er den wunderbaren Ritter betrachtete, hatte er plötzlich dasselbe Gesicht erkannt, das ihm damals bei seinen schwarzen Künsten so ungerufen erschienen war. Er konnte es selbst nicht begreifen, warum bei diesem Anblick alles in ihm zusammenschrak, und er raste, scheu um sich blickend, auf seinem Rosse dahin, bis ihn der Abend überraschte und die Sterne am Himmel erschienen. Da erst machte er kehrt und floh heimwärts, vielleicht um die unreinen Mächte zu befragen, was dies Wunder wohl zu bedeuten hatte. Schon wollte er mit dem Roß über den schmalen Bach setzen, der wie ein Ärmel sich mitten über den Weg dahinzog, als sein Roß mit einem Male gerad vor dem Sprunge anhielt, das Maul zu ihm wandte, und — o Wunder! — zu lachen begann. Zwei Reihen weißer Zähne grinsten ihm aus der Dunkelheit entgegen. Das Haar sträubte sich auf dem Haupte des Zauberers, er schrie wild auf, kreischte laut wie ein Besessener und spornte sein Pferd stracks auf Kijew zu. Es war ihm, als ob jemand von überall her nach ihm haschte: die Bäume schienen zu einem dichten Wald zusammenzulaufen und ihn einzuschließen, sie schüttelten ihre schwarzen Bärte und reckten ihre langen Zweige heraus, als ob sie lebendig wären und ihn erdrosseln wollten. Die Sterne schienen ihm vorauszueilen und vor der ganzen Welt auf den Sünder zu weisen; selbst die Landstraße, schien ihm, jagte auf seinen Spuren hinter ihm her.

Und der Zauberer floh voller Verzweiflung nach den heiligen Wallfahrtsorten der Stadt Kijew.

XV.

Ein Anachoret saß einsam in seiner Höhle vor einer Leuchte und wandte seine Blicke nicht von dem heiligen Buche ab, das vor ihm lag. Seit vielen Jahren schon hatte er sich in der Höhle eingeschlossen und schon hatte er sich den hölzernen Sarg gezimmert, in dem er zu ruhen pflegte, wie in einem Bett. Der heilige Greis schloß eben das Buch und begann zu beten .... Da stürzte plötzlich ein Mann von seltsamem und schrecklichem Äußeren herein. Zum ersten Male erstaunte der heilige Einsiedler und trat einen Schritt zurück vor diesem Menschen. Der aber bebte am ganzen Leibe wie Espenlaub, seine Augen irrten wild umher; ein schreckliches Feuer glomm furchtsam in ihnen, und sein verzerrtes Gesicht machte die Seele erschauern.

„Bete, Vater! So bete doch!“ schrie er verzweifelt. „Bete für eine verlorene Seele!“ Und er stürzte zu Boden.

Der heilige Anachoret machte das Zeichen des Kreuzes, holte das Buch hervor, schlug es auf, aber er wich entsetzt zurück und ließ das Buch wieder herabsinken. „Nein, du unerhörter Sünder! Es gibt keine Gnade für dich! Flieh von hinnen! Nie vermag ich für dich zu beten!“

„Nie!“ schrie der Sünder wie toll.

„Blick hin: die heiligen Lettern dieses Buches sind blutüberströmt .... noch niemals hat die Welt einen solchen Sünder gesehen.“

„Vater! Du spottest über mich!“

„Geh, du gottverdammter Sünder! Ich spotte nicht. Angst ergreift mich. Nichts Gutes bedeutet es für einen Menschen, in deiner Nähe zu weilen.“

„Nein, nein! Du spottest, rede nicht .... Ich sehe, wie dein Mund sich öffnet und mich die weißen Reihen deiner alten Zähne spöttisch anblicken!“

Und er sprang rasend vor — und erschlug den heiligen Einsiedler.

Da stöhnte etwas schwer auf, und das Stöhnen hallte durch Feld und Wald weiter. Hinter dem Walde streckten sich ein Paar dürre hagere Hände mit langen Krallen hervor, fingen an zu beben und verschwanden wieder.

Und schon war keine Angst mehr da, und er fühlte nichts mehr. Alles erschien ihm verschwommen: in seinen Ohren sauste es, es rauschte ihm im Kopfe wie wenn er trunken wäre. Er sprang aufs Roß und ritt gen Kanew, von dort gedachte er seinen Weg über Tscherkany geradeaus zu den Tataren und nach der Krim zu lenken, doch wußte er selbst nicht, zu welchem Zweck er es tat. Er ritt einen Tag lang und ritt einen zweiten, aber Kanew wollte sich immer noch nicht sehen lassen. Es war der richtige Weg, und er hätte schon längst in Kanew sein müssen, aber die Stadt wurde und wurde nicht sichtbar. Da leuchteten plötzlich in der Ferne die Kuppeln von Kirchen auf, aber es war nicht Kanew, sondern Schumsk. Der Zauberer war aufs höchste betroffen, als er sah, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen hatte; er jagte sein Roß zurück auf Kijew zu, und einen Tag später tauchte eine Stadt vor ihm auf, aber es war wieder nicht Kijew, sondern Halitsch, eine Stadt, die noch weiter von Kijew entfernt ist als selbst Schumsk und schon nahe bei Ungarn liegt. Ohne zu wissen, was er tun sollte, riß er sein Pferd wieder herum. Aber wiederum fühlte er, daß er in der entgegengesetzten Richtung dahinritt, und immer weiter und weiter. Kein Mensch in der Welt hätte sagen können, was in der Seele des Zauberers vorging; und hätte jemand hinein geblickt und gesehen, was dort geschah, so hätte er keine Nacht mehr ruhig geschlafen, und nie hätt’ er mehr gelacht. Das war nicht Wut, nicht Furcht noch wilder Groll. Es gibt kein Wort dafür in der Welt. Es glühte und siedete in ihm, die ganze Welt hätte er mit seinem Rosse zerstampfen, die ganze Erde von Kijew bis Halitsch mitsamt all den Menschen und allem, was drauf lebte, packen, und sie im Schwarzen Meere ertränken mögen. Doch war es nicht Grimm, warum er dies tun wollte, er wußte selbst nicht warum. Und er erbebte, als ganz nahe vor ihm die Karpathen und der hohe Kriwan erschienen, der sich eine schwarze Wolke wie eine Mütze auf seinen Schädel gestülpt hatte; aber das Roß jagte immer weiter dahin und trabte schließlich bis ins Gebirge. Plötzlich verschwanden die Wolken und vor ihm erschien in furchtbarer Erhabenheit der Reiter ..... Der Zauberer mühte sich, Halt zu machen und zog die Zügel straff, aber das Roß wieherte wild, warf den Kopf empor und raste dem Ritter entgegen. Da ward dem Zauberer zumute, als ob alles in ihm erstarrte und ihm schien, der regungslose Ritter rührte sich vom Fleck; er machte auf einmal die Augen weit auf, sah den ihm entgegeneilenden Zauberer an und lacht laut auf. Wie ein Donner rollte das wilde Gelächter durchs Gebirge, hallte dröhnend im Herzen des Zauberers wieder und erschütterte sein ganzes Innere. Es schien ihm, als ob ein furchtbares, gewaltiges Wesen in ihn hineingekrochen wäre und in seinem Inneren umherwandere, auf sein Herz und alle seine Sehnen loshämmerte, so gewaltig hallte das Gelächter in ihm wieder!

Der Reiter packte den Zauberer mit seiner schrecklichen Hand und hob ihn hoch in die Lüfte, und im Nu war der Zauberer tot, doch er öffnete nach dem Tode noch die Augen; aber schon war er ein Leichnam und sah wie ein Toter vor sich hin. So fürchterlich blickt kein Lebender und auch kein Auferstandener. Er rollte die blinden Augen nach allen Seiten, und er sah, wie sich die Toten in Kijew, Galizien und in den Karpaten erhoben, und sie alle glichen ihm von Angesicht, wie zwei Tropfen Wasser einander gleichen.

Bleich, totenbleich, der eine den anderen an Größe überragend, und der eine knochiger als der andere, so drängten sie sich um den Ritter, der seine furchtbare Beute in der Hand hielt. Noch einmal lachte der Ritter auf und dann schleuderte er sie in den Abgrund. Und alle Toten sprangen in den Abgrund herab, fingen den toten Zauberer auf und bohrten ihre Zähne in ihn hinein. Aber da war noch einer, der größer und furchtbarer war als alle; der wollte sich auch aus der Erde erheben, doch er vermochte es nicht, er hatte nicht mehr die Kraft, es zu tun. — So riesengroß war er geworden in seiner Erdengrube; hätte er sich erhoben, so hätte er die Karpathen umgestürzt und das Siebengebirge und das Türkenreich dazu. Ein wenig nur rührte er sich im Grabe — und es ging ein Beben über die ganze Erde, viele Häuser wurden allerorten umgeworfen, und viele Menschen erstickten.

Oft hört man in den Karpathen ein Schnauben, wie wenn das Wasser über tausend Mühlräder dahinrauscht: das sind die Toten, die in einem Abgrund, dem man nicht entrinnen kann und den noch nie ein Mensch gesehen hat, an einem Leichnam nagen, und jeden graut es, vorbeizugehen. Gar oft geschieht es, daß die Erde von einem Ende bis zum andern erbebt: das kommt, wie die Schriftgelehrten sagen, daher, daß irgendwo, in der Nähe des Meeres ein Berg steht; aus dem schlagen Flammen und fließen brennende Ströme hervor. Aber die greisen Männer im Ungarlande und auch in Galizien wissen es besser und erzählen von dem ungeheueren Toten, der in die Erde hineinwuchs, sich erheben will und so das Weltall erschüttert.

XVI.

In der Stadt Gluchow hatte sich das Volk um einen greisen Harfenspieler geschart und lauschte wohl schon eine Stunde lang dem Spiele des Blinden. Kein Harfenspieler hatte je so wundersame Lieder, so herrlich hatte noch nie ein Harfenspieler gesungen. Er sang von den Hetmans der alten Zeiten: von dem Sagajdatschny und von Chmelnitzki. Ja, das war eine andere Zeit: weit berühmt und geehrt waren damals die Kosaken; sie zertraten ihre Feinde mit den Hufen ihrer Rosse, und niemand wagte es, ihrer zu spotten. Aber der Greis sang auch lustige Lieder und er ließ seine Augen im Kreise umherwandern wie ein Sehender, und die Finger mit den Knochenstäbchen flogen wie Fliegen über die Saiten, sodaß die Saiten von selbst zu spielen schienen; und ringsherum stand das Volk, — die Greise gesenkten Hauptes, und die Jungen, die Augen zum Sänger erhoben, und wagten es nicht einmal, untereinander zu flüstern.

„Wartet einmal!“ sprach der Alte. „Ich will euch singen von einer längstvergangnen Begebenheit.“

Die Leute drängten sich noch enger zusammen, und der Blinde begann:

Zur Zeit Pan Stephans, des Fürsten von Siebenbürgen (der Fürst von Siebenbürgen war auch König der Polen), da lebten einmal zwei Kosaken: Iwan und Petro. Sie lebten wie zwei Brüder. „Hör, Iwan,“ sagte Petro einst, „alles, was wir erbeuten, — sei zu gleichen Teilen unter uns geteilt; des einen Freude sei des andern Freude und des einen Kummer sei des andern Schmerz; des einen Beute soll auch dem anderen zukommen, und wenn der eine in Gefangenschaft gerät, soll der andere alles verkaufen und Lösegeld zahlen, oder selbst in Gefangenschaft gehen.“ Und so geschah’s auch, alles, was die Kosaken erbeuteten, teilten sie untereinander: ob sie nun fremdes Vieh wegtrieben oder Pferde — sie teilten alles zu gleichen Teilen unter sich.


Einst führte König Stephan Krieg mit dem Türkenvolk. Drei Wochen schon focht er gegen den Türken und konnte ihn immer noch nicht vertreiben. Die Türken aber hatten einen Pascha, der ganz allein mit zehn Janitscharen ein ganzes Heer in die Flucht schlagen konnte. Da tat König Stephan kund, wenn sich ein Wagehals fände, der ihm den Pascha lebend oder tot brächte, so wolle er ihm allein einen so hohen Lohn bezahlen, wie den, den er seinem ganzen Heere zukommen ließ. Da sprach Iwan zu Petro: „Komm, Herzensbruder, wir wollen den Pascha fangen!“ Und die Kosaken ritten davon: der eine hierhin, der andere dorthin.


Ob ihn Petro nun gefangen hätte oder nicht, das läßt sich nicht sagen, doch schon führt Iwan den Pascha an einem Strick um den Hals vor den König. „Tapfrer Kosak,“ sprach König Stephan und ließ ihm allein soviel Lohn ausbezahlen, als sonst sein ganzes Heer erhielt; und er hieß ihm Land zuzuteilen, wo er welches haben wollte, und Vieh schenken, soviel er nur wünschte. Wie Iwan nun den Lohn vom König erhalten hatte, teilte er ihn noch am selbigen Tage zu gleichen Teilen unter sich und Petro. Petro bekam die Hälfte vom Lohne des Königs, aber der konnte es nicht verwinden, daß Iwan vom Könige solche Ehren zuteil geworden waren, und in den Tiefen seiner Seele regten sich Rachegedanken.


Einst ritten die beiden Ritter jenseits der Karpathen durch das Land, das der König ihnen geschenkt hatte, und der Kosak Iwan hatte auch seinen Sohn neben sich auf dem Roß sitzen und ihn fest an sich gebunden. Schon senkte sich die Dämmerung aufs Land herab — sie aber ritten immer weiter und weiter. Der Knabe schlief, und auch Iwan fing an einzuschlummern. „Schlaf nicht, Kosak, denn gefahrvoll sind die Pfade in den Bergen!“ .... Doch der Kosak hatte ein Pferd, das alle Wege kannte, und nie stolperte oder strauchelte es. Ein Abgrund lag tief zwischen den Bergen versenkt, und noch niemand hatte den Grund des Schlundes gesehen, denn so hoch es von der Erde bis zum Himmel ist, so tief ist es bis zum Grunde jener Schlucht. Über den Abgrund führte ein Steg — über dem noch gerade zwei Menschen hinweg reiten konnten, nicht aber drei. Behutsam schritt das Roß mit dem schlummernden Kosaken über den Steg. An seiner Seite aber ritt Petro, er bebte am ganzen Leibe und hielt vor Freude den Atem an, und nun blickte er um sich, stieß seinen selbst erkorenen Bruder in den Abgrund hinab, und das Roß stürzte mitsamt dem Kosaken und dem Kinde in die Tiefe.


Doch der Kosak vermochte noch einen Ast zu erfassen, und das Pferd stürzte allein hinab. So begann er denn, mit seinem Sohne auf dem Rücken, in die Höhe zu klimmen; und er war schon beinahe ganz oben, da erhob er die Augen und sah, wie Petro mit seiner Pike nach ihm zielte, um ihn wieder hinabzustoßen. „O, du gerechter Gott! Hätte ich doch lieber nicht die Augen erhoben; warum muß ich jetzt sehn, wie mein erkorener Bruder mit der Pike nach mir zielt, um mich wieder hinabzustoßen. O, lieber Bruder! Stich zu mit der Pike, wenn’s mir denn schon so beschieden ist, nur nimm meinen Sohn zu dir: was hat das unschuldige Kind denn getan, daß es solch grimmen Tod erleiden soll?“ Da lachte Petro, stieß mit der Pike nach ihm, und der Kosak flog samt dem Knaben in den Abgrund hinab. Und Petro nahm all sein Hab und Gut an sich, und lebte dahin wie ein Pascha. Niemand hatte solche Viehherden wie Petro, und nirgends gab’s so viel Schafe und Hammel, wie er besaß. Doch eines Tages starb Petro.


Als Petro tot war, rief Gott die Seele der beiden Brüder, Petro und Iwan, vor Gericht. „Dieser Mensch ist ein großer Sünder!“ sprach Gott. „Iwan! Ich weiß keine Strafe, die groß genug für ihn wäre; wähle du sie!“ Lang grübelte Iwan nach, um eine Strafe zu ersinnen, und endlich sprach er: „Dieser Mensch hat mir einen großen Schmerz zugefügt: er hat seinen Bruder verraten wie ein Judas, und er hat mich meines edlen Geschlechts beraubt und meiner Nachkommenschaft auf Erden, und ein Mensch ohne ehrlich Geschlecht und ohne Nachkommen ist wie ein Getreidekorn, das man auf die Erde wirft, und das in der Erde umkommt. Da gibt’s keine Saat, und niemand erfährt je, daß ein Same ausgesät ward.“


„So tu denn also, o Gott, daß sein ganzes Geschlecht auf Erden kein Glück habe und daß der letzte seines Geschlechts solch ein Bösewicht werde, wie es noch nie einen in der Welt gab: seine Ahnen und Urahnen mögen durch jede seiner Freveltaten aus der Ruhe ihrer Gräber aufgestört werden, und in Qualen, wie die Welt sie nicht kennt, ihren Gräbern entsteigen! Der Judas Petro aber soll nicht die Kraft haben, sich zu erheben, auf daß noch viel größere Martern ihn peinigen; wütend soll er Erde fressen und sich wie ein Rasender unter der Erde winden!“


„Und wenn das Maß der Freveltaten jenes Menschen voll ist, Gott, so erhebe mich mitsamt meinem Roß aus jenem Schlunde bis auf den höchsten Berg, dann soll jener zu mir kommen, und ich will ihn von dem Berge in den tiefen Abgrund stürzen, und alle Toten, seine Ahnen und Urahnen, sie sollen herbeieilen von allen Enden der Welt, wo sie auch bei Lebzeiten geweilet haben mögen, und an ihm nagen zum Dank für die Qualen, die er ihnen zugefügt; ewiglich sollen sie an ihm nagen, ich aber werde mich freuen beim Anblick seiner Qualen. Der Judas Petro aber soll sich nicht aus der Erde erheben können, er soll auch den Wunsch haben, an dem andren zu nagen, aber er mag an sich selbst nagen, und seine Knochen sollen immer größer werden und höher empor wachsen, auf daß darob seine Qual noch stärker werde. Diese Qual ist die fürchterlichste von allen; denn es gibt keine größere Folter für den Menschen, als sich rächen zu wollen und nicht rächen zu können.“


„Furchtbar fürwahr ist die Strafe, die du ersonnen, o Mensch!“ sprach da Gott. „Und alles möge so geschehen, wie du es gesprochen; aber auch du sitze nun ewiglich dort zu Pferde, und das Himmelreich sei dir nicht beschieden, solange du noch dort auf deinem Rosse sitzen mußt!“ Und alles geschah, wie es gesagt ward: auch heute noch steht der wunderbare Ritter auf dem Karpathenberge und sieht im bodenlosen Schlunde die Toten an einem Leichnam nagen, und er fühlt, wie der Leichnam unter der Erde wächst, wie er in furchtbarer Pein an den eigenen Knochen nagt und schrecklich die Erde erschüttert ........

Der Blinde hatte sein Lied beendet, schon fing er von neuem an, die Saiten zu zupfen und schon begann er wieder ergötzliche Märlein von Choma und Jerjoma, und von Stkljar Stokosa zu singen ... aber Alt und Jung konnten noch immer nicht zu sich kommen, und lange noch standen sie mit gesenktem Haupte da, in tiefes Sinnen versunken über die schreckliche Tat aus vergangenen Zeiten.

Iwan Fjodorowitsch Schponjka
und seine Tante

Mit dieser Geschichte ist selbst eine Geschichte passiert: erzählt hat sie uns Stepan Iwanowitsch Kurotschka aus Gadjatsch. Nun muß ich euch vermelden, daß mein Gedächtnis ganz unmöglich schlecht ist: ob mir einer was sagt oder nicht, das kommt ganz auf dasselbe hinaus, es ist genau so, als wenn man Wasser in ein Sieb gießt. Weil ich aber meinen Fehler kenne, so habe ich ihn gebeten, die Geschichte in ein Heftchen einzutragen. Gott schenke ihm ein langes Leben, er hat sich mir gegenüber immer als guter Mensch erwiesen, und so hat er die Geschichte denn auch wirklich aufgeschrieben. Nun gut. Ich legte also das Heftchen in das kleine Tischchen: — Ich glaube, ihr kennt es alle, es steht gleich in der Ecke, wenn man zur Tür hereinkommt ..... Ja, da hab’ ich richtig vergessen, daß ihr noch niemals bei mir wart! Meine Alte, mit der ich schon an die dreißig Jahre zusammen lebe, hat, — was soll ich ein Hehl daraus machen, — ihr Lebtag nichts vom Lesen verstanden. Einmal bemerkte ich nun, wie sie Küchel auf Papier bäckt. Diese Küchelchen kann sie nämlich ganz wunderbar backen, lieber Leser; bessere Küchel bekommt ihr sicherlich nirgends zu essen. Wie ich mir nun so den Boden eines Küchelchens anschaue, da finde ich plötzlich geschriebene Worte! Ich laufe zum Tischchen, als ob mein Herz es geahnt hätte: — vom Hefte ist kaum mehr als die Hälfte übrig! Sie hatte sich alle übrigen Blätter für ihre Kuchen weggeschleppt! Was sollte man da machen? Man kann sich doch nicht auf seine alten Tage noch raufen! Nun reiste ich aber im vorigen Jahre so einmal durch Gadjatsch hindurch: noch, bevor ich in die Stadt kam, hatte ich mir absichtlich einen Knoten ins Taschentuch gemacht, um nicht zu vergessen, daß ich Stepan Iwanowitsch meine Bitte vortragen wollte. Mehr noch, ich nahm mir selbst das Versprechen ab: mich, sobald ich in der Stadt niesen würde, daran zu erinnern. Aber es war alles vergebens. Ich kam durch die Stadt, nieste auch, schneuzte mich in mein Taschentuch und vergaß es dennoch; erst als ich schon sechs Werst hinterm Tor war, da fiel es mir wieder ein. Na, da war nichts mehr zu machen, und so mußte die Geschichte denn notgedrungen ohne Schluß abgedruckt werden. Übrigens, wenn jemand unbedingt wissen will, wie diese Geschichte weitergeht, braucht er nur nach Gadjatsch zu fahren und bei Stepan Iwanowitsch vorzusprechen. Der wird sie ihm mit dem größten Vergnügen von Anfang bis zu Ende erzählen. Stepan Iwanowitsch wohnt nicht weit von der steinernen Kirche. Da ist gleich so ein kleines Gäßchen: sobald ihr in dies Gäßchen einbiegt, ist’s der zweite oder dritte Torweg. Oder noch besser: wenn ihr im Hofe eine lange Stange mit einer Wachtel erblickt und euch ein dickes Weibsbild in einem grünen Rocke entgegenkommt (nebenbei bemerkt, er führt ein Junggesellenleben), so ist das sein Hof. Ihr könnt ihm übrigens auch auf dem Markt begegnen, wo er jeden Morgen bis gegen neun Uhr Fische oder Gemüse für seinen Tisch einkauft und sich mit Vater Antip oder mit dem jüdischen Händler unterhält. Ihr werdet ihn sofort erkennen, denn niemand außer ihm trägt Hosen aus bedruckter Leinewand oder einen gelben Nankingrock. Oder, da habt ihr noch ein gutes Merkzeichen: wenn er geht, so schlägt er mit den Armen um sich. Der Assessor am Ort, Denis Petrowitsch, pflegte immer zu sagen, wenn er ihn von ferne herankommen sah: „Seht, seht doch, da kommt die Windmühle!“

I.
Iwan Fjodorowitsch Schponjka

Es ist schon vier Jahre her, daß Iwan Fjodorowitsch Schponjka Abschied vom Militär genommen hatte und auf seinem Gutshof Wytrebenjki hauste. Als er noch der kleine Iwan hieß, besuchte er die Kreisschule zu Gadjatsch, und das muß man sagen, er war ein höchst sittsamer und fleißiger Junge. Sein Lehrer in der russischen Grammatik, Nikifor Timofejewitsch Dejepritschastje, behauptete immer, wenn alle so fleißig gewesen wären wie Schponjka, dann hätte er das Ahornlineal nicht in die Klasse mitzunehmen brauchen, denn er war, wie er selbst eingestand, es schon müde, den Faulen und Mutwilligen immer auf die Finger zu klopfen. Iwans Heftchen war stets sauber; es war rings herum mit einem Rande versehen, und nirgends war ein Fleckchen zu entdecken. Er saß stets still mit gefalteten Händen und die Augen auf den Lehrer gerichtet, da; nie heftete er einem vor ihm sitzenden Kameraden einen Zettel auf den Rücken, schnitzte nie Buchstaben oder Zeichen in die Bank und spielte auch nie „Drängeln,“ bevor der Lehrer in die Klasse trat. Wenn jemand ein Messer brauchte, um sich eine Feder zu schneiden, so wandte er sich sofort an Iwan Fjodorowitsch, da jeder wußte, daß er stets ein Messerchen bei sich hatte; und Iwan Fjodorowitsch, der damals noch einfach „Wanjuscha“ genannt wurde, holte das Messer aus dem kleinen Ledertäschchen, das am Knopfloch seines grauen Rockes hing, und bat nur darum, man möchte die Feder nicht mit der scharfen Seite des Messers schaben, denn er behauptete, daß die stumpfe Seite dazu da sei.

Diese Sittsamkeit lenkte bald sogar die Aufmerksamkeit des lateinischen Lehrers auf ihn, der schon im Korridor durch sein Husten, und noch bevor sein Friesmantel und sein blatternarbiges Gesicht in der Tür erschien, die ganze Klasse in Angst und Schrecken jagte. Dieser fürchterliche Lehrer, auf dessen Katheder stets zwei Rutenbündel prangten, und bei dem die Hälfte aller Schüler auf den Knien stehen mußten, machte Iwan Fjodorowitsch zum Auditor der anderen, obwohl es in der Klasse viele Schüler gab, die bedeutend begabter waren als er. Hier darf ein Fall nicht übergangen werden, der einen gewissen Einfluß auf Iwans Leben gewann. Einer der ihm anvertrauten Schüler, der den Auditor bewegen wollte, ihm ein „Scit“ ins Klassenbuch zu schreiben, obgleich er keine blasse Ahnung von seiner Lektion hatte, brachte einen in Papier eingewickelten und mit Butter übergossenen Eierkuchen in die Klasse mit. Trotzdem Iwan Fjodorowitsch sonst stets gerecht war, war er doch gerade in diesem Augenblick sehr hungrig und daher konnte er der Versuchung nicht widerstehen. Er nahm den Eierkuchen, pflanzte ein Buch vor sich auf und begann ihn zu verzehren. Er war so damit beschäftigt, daß er nicht einmal merkte, wie es plötzlich in der Klasse totenstill wurde. So kam er erst wieder zu sich, als sich eine schreckliche Hand aus dem Friesmantel hervorstreckte, ihn beim Ohr packte und mitten in die Klasse zerrte. „Gib den Eierkuchen heraus, gib ihn heraus! sagt man dir, du Taugenichts!“ rief der schreckliche Lehrer, ergriff den fettigen Eierkuchen mit den Fingern und warf ihn durchs Fenster, wobei er es übrigens nicht vergaß, den im Hofe herumlaufenden Schuljungen aufs strengste zu verbieten, ihn aufzuheben. Darauf schlug er Iwan Fjodorowitsch gleich an Ort und Stelle kräftig auf die Finger, und das mit Recht: denn die Finger waren ja gerade die Schuldigen, sie hatten sich ja den Eierkuchen genommen und kein anderer Körperteil. Wie dem auch sei, genug, seitdem wurde Iwans Schüchternheit, die aufs engste mit seiner Person verwachsen war, nur noch größer. Vielleicht war eben dieses Geschehnis der Grund davon, daß er später nie Lust hatte, in den Zivildienst einzutreten; hatte er doch aus eigener Erfahrung erkannt, daß es uns nicht immer gelingt, unsere Sünden zu verbergen.

Er war nicht weniger als fünfzehn Jahre alt, als er in die zweite Klasse versetzt wurde, wo er vom kleinen Katechismus und den vier Spezies in der Arithmetik, zum großen Katechismus, zum Buch von den Pflichten des Menschen und zu den Brüchen überging. Aber da er merkte, daß, je größer der Wald, um so dichter die Baumstämme beieinander ständen, und als er die Nachricht erhielt, daß sein Vater das Zeitliche gesegnet habe, blieb er nur noch zwei Jahre dort und trat dann mit Einwilligung seiner Mutter in das P—er Infanterieregiment.

Das P—er Infanterieregiment war nun keineswegs von der Sorte, zu der die meisten Infanterieregimenter gehören; und obwohl es gewöhnlich nur in Dörfern lag, lebte es doch auf großem Fuße, so daß es manchem Kavallerieregiment nichts nachgab. Der größte Teil der Offiziere trank den stärksten Schnaps, den man nur durch Gefrierenlassen gewinnt, und verstand es nicht schlechter als die Husaren, die Juden bei den Schläfenlöckchen zu packen und nach sich zu ziehen; einige von den Offizieren konnten sogar Mazurka tanzen, und der Oberst des P—schen Regiments ließ sich in Gesellschaft nie die Gelegenheit entgehen, dies besonders zu betonen. „Bei mir,“ sagte er gewöhnlich und tätschelte sich bei jedem Wort seinen Bauch, „bei mir im Regiment tanzen viele Mazurka, jawohl viele, sogar sehr viele!“ Um dem Leser den Grad der Bildung, der im P—er Infanterieregiment herrschte, noch deutlicher vor Augen zu führen, wollen wir noch hinzufügen, daß zwei seiner Offiziere ganz schreckliche Spielratten waren und Uniform, Mütze, Mantel samt ihrer Troddel und ihrer Unterkleidung im Bankspiel verloren, und das kommt ja selbst bei den Kavalleristen nicht immer vor.

Der Umgang mit solchen Kameraden hatte jedoch nicht im geringsten dazu beigetragen, die Schüchternheit von Iwan Fjodorowitsch zu vermindern, und da er nur einfachen Schnaps trank, und zwar ein Gläschen vor dem Mittag- und ein Gläschen vor dem Abendessen — weder Mazurka tanzte noch Karten spielte, so blieb er natürlich immer allein. Auf diese Art pflegte er, während die anderen auf Gutspferden zu den kleineren Grundbesitzern zu Besuch fuhren, in seiner Wohnung zu sitzen und sich Beschäftigungen zu widmen, die nur zu einer sanften und gütigen Seele passen: bald putzte er seine Knöpfe, bald las er im Wahrsagebuch, bald stellte er in allen Winkeln seines Zimmers Mausefallen auf, und bald warf er endlich die Uniform ab und lag dann lang ausgestreckt auf dem Bette.

Dafür aber gab es niemand im Regiment, der zuverlässiger gewesen wäre, als Iwan Fjodorowitsch, und er befehligte seine Korporaltruppen so gut, daß der Kompagniechef ihn den andern immer zum Vorbild aufstellte. Dafür wurde er auch, kaum elf Jahre, nachdem er die Fähnrichscharge erhalten hatte, zum Sekondeleutnant ernannt.

Während dieser Zeit erhielt er die Nachricht, seine Mutter sei gestorben und seine Tante, die leibliche Schwester seiner Mutter, eine Tante, die er nur daher kannte, weil sie ihm in seiner Kindheit einmal getrocknete Rosinen und äußerst schmackhafte, selbst gebackene Bretzeln mitgebracht hatte und die ihm später dergleichen schöne Dinge sogar nach Gadjatsch schickte (sie war mit seiner Mutter verfeindet, und daher bekam sie Iwan Fjodorowitsch später nicht mehr zu sehen), — diese Tante habe aus reiner Gutherzigkeit die Verwaltung seines kleinen Gutes übernommen, wovon sie ihm rechtzeitig in einem Briefe Mitteilung machte.

Iwan Fjodorowitsch, der von dem verständigen Sinn seiner Tante vollkommen überzeugt war, verrichtete indes seinen Dienst weiter wie früher. Manch einer an seiner Stelle wäre, wenn er solch einen Rang erklommen hätte, stolz geworden; aber jeglicher Stolz war ihm völlig fremd, und auch als Sekondeleutnant blieb er ganz derselbe Iwan Fjodorowitsch, der er auch als Fähnrich gewesen war. Er brachte nach diesem für ihn so denkwürdigen Ereignis noch weitere vier Jahre so zu, und war gerade im Begriff, mit seinem Regiment aus dem Gouvernement Mohilew nach Großrußland zu ziehen, als er einen Brief folgenden Inhalts erhielt:

„Mein lieber Neffe Iwan Fjodorowitsch!

Ich schicke Dir Wäsche: fünf Paar Zwirnsocken und vier feine Leinenhemden; auch möchte ich geschäftlich mit Dir reden: da Du ja schon einen nicht geringen Rang erklommen, und, wie ich glaube, ein Alter erreicht hast, wo man weiß, daß es an der Zeit ist, sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen, so solltest Du nicht länger noch beim Militär bleiben. Ich bin schon alt und kann auf Deinem Besitztum nicht alles selbst besorgen; auch muß ich Dir vieles persönlich mitteilen. Komm, mein Lieber. Indem ich sehnsüchtig auf das Vergnügen warte, Dich wiederzusehen, verbleibe ich Deine Dich innig liebende Tante

Wassilissa Zuptschewska.

P. S. Bei uns im Garten gibt’s jetzt herrliche Rüben: sie gleichen schon mehr Kartoffeln als Rüben.“

Acht Tage nach Empfang des Briefes erhielt Iwan Fjodorowitschs Tante folgende Antwort:

„Liebe Tante Wassilissa Kaschparowna!“

„Vielen Dank für die Wäschesendung. Besonders meine Socken sind schon sehr alt, so daß der Bursche sie bereits viermal stopfen mußte; dadurch sind sie mir auch zu eng geworden. Was Ihre Ansicht über den Dienst anbelangt, so bin ich ganz mit Ihnen einverstanden, und habe daher vorgestern meinen Abschied eingereicht. Sobald ich den Dispens erhalte, nehme ich mir sogleich einen Wagen. Ihren früheren Auftrag, Ihnen sibirischen Weizensamen zu besorgen, konnte ich leider nicht ausführen: im ganzen Gouvernement Mohilew gibt es keinen solchen Samen. Schweine werden hier meistenteils mit Mais gemästet, wobei man etwas gegorenes Bier hinzutut.

Mit vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich
Ihr Neffe
Iwan Schponjka.“

Endlich erhielt Iwan Fjodorowitsch seinen Abschied, und wurde dabei zum Oberleutnant befördert; mietete sich für vierzig Rubel einen jüdischen Fuhrmann von Mohilew bis Gadjatsch und nahm im Wagen Platz, just zu der Zeit, da die Bäume sich mit den ersten jungen Blättern schmückten, die Erde in frischem Grün prangte, und alle Felder einen herrlichen Frühlingsduft ausströmten.

II.
Die Reise

Unterwegs passierte nichts besonders Bemerkenswertes. Man reiste etwas über vierzehn Tage lang. Vielleicht wäre Iwan Fjodorowitsch noch früher angekommen, wenn der fromme Jude nicht seinen Sabbath eingehalten und nicht den ganzen Tag über, in seine Pferdedecke gehüllt, gebetet hätte. Wie ich übrigens schon gelegentlich bemerkt habe, war Iwan Fjodorowitsch ein Mensch, der keine Langeweile aufkommen ließ. Während dieser Zeit schnallte er seinen Koffer auf, nahm seine Wäsche heraus, musterte sie, ob sie auch gut gewaschen und richtig zusammengelegt sei, entfernte behutsam ein Federchen von seiner Uniform, die schon keine Epauletten mehr zierten, und legte alles wieder in schönster Weise zusammen. Er liebte im Allgemeinen das Bücherlesen nicht; und wenn er auch hie und da in das Wahrsagebuch hineinblickte, so geschah es nur deshalb, weil er es gern hatte, bekannten Dingen, die er schon einige Male gelesen, wieder einmal zu begegnen. Genau so besucht der Städter seinen Klub, nicht etwa um irgend etwas Neues zu hören, sondern um dort Freunde zu treffen, mit denen er seit unvordenklichen Zeiten im Klub zu plaudern gewohnt ist. Oder so liest ein Beamter ein paarmal täglich mit viel Genuß das Adreßbuch, nicht etwa um irgendwelcher tiefer diplomatischer Pläne willen, sondern weil ihn die gedruckten Namen amüsieren. „Ah! Das ist Iwan Gawrilowitsch so und so! ....“ murmelt er dumpf vor sich hin. „Ah! Da bin ich! hm! ....“ Und am folgenden Tage liest er’s wieder, wobei er seine Lektüre mit denselben Interjektionen begleitet.

Nach einer vierzehntägigen Fahrt erreichte Iwan Fjodorowitsch ein Dörfchen, das hundert Werst von Gadjatsch entfernt war. Es war gerade ein Freitag und die Sonne war schon längst untergegangen, als er samt seinem Wagen und dem Juden in den Hof des Gasthauses einfuhr.

Dieses Gasthaus unterschied sich durch nichts von allen andren Gasthäusern, die man in kleinen Dörfern vorfindet. Dort bringt man dem Fremden zumeist mit viel Eifer Heu und Hafer entgegen, gleich als ob er ein Postgaul wäre. Will er dagegen frühstücken, wie anständige Leute es gewöhnlich zu tun pflegen, so soll er sich seinen Appetit ruhig und unversehrt bis zu einer anderen Gelegenheit aufsparen. Indessen, da Iwan Fjodorowitsch all das wußte, hatte er sich rechtzeitig zwei Bündel Brezeln und Wurst besorgt, bestellte sich jetzt nur einen Schnaps, an dem es in keinem Wirtshaus fehlt, und begann sein Abendmahl, indem er auf der Bank vor dem Eichentisch Platz nahm, der fest in den Lehmboden eingegraben war.

Währenddessen kam unter mächtigem Gerassel ein Wagen heran. Das Tor knarrte, aber der Wagen fuhr noch lange nicht in den Hof hinein und man hörte jemand mit lauter Stimme auf die Alte losschimpfen, der das Wirtshaus gehörte. „Gut, ich steige hier ab,“ hörte Iwan Fjodorowitsch den Fremden rufen, „wenn mich aber auch nur eine Wanze beißt, so prügle ich dich durch, bei Gott, du alte Hexe, ich prügle dich durch, und bezahle dir nichts für dein Heu!“

Einen Augenblick später ging die Tür auf, und herein trat, oder richtiger gesagt, kroch ein dicker Mann in einem grünen Rock. Sein Kopf saß unbeweglich auf dem kurzen Halse, der infolge des Doppelkinns noch dicker erschien. Schon nach dem bloßen Äußeren hätte man glauben können, einen Mann vor sich zu haben, der sich nie den Kopf über Alfanzereien zerbrach, und dessen Leben ruhig dahinglitt wie Öl.

„Ich wünsche Ihnen eine gute Gesundheit, mein Herr!“ rief er, als er Iwan Fjodorowitsch erblickte.

Iwan Fjodorowitsch verneigte sich stumm.

„Darf ich fragen, mit wem habe ich die Ehre, zu sprechen?“ fuhr der dicke Fremde fort.

Bei diesen Fragen erhob sich Iwan Fjodorowitsch unwillkürlich von seinem Platze und richtete sich stramm auf, wie er es zu tun pflegte, wenn sein Oberst sich bei ihm nach irgend etwas erkundigte. „Leutnant außer Diensten Iwan Fjodorowitsch Schponjka,“ antwortete er.

„Darf ich fragen, wohin Sie zu fahren belieben?“

„Auf mein Gut Wytrebenjki“.

„Wytrebenjki!“ rief der gestrenge Frager. „Gestatten Sie, mein Herr, gestatten Sie!“ rief er, indem er auf ihn zutrat und mit den Armen um sich schlug, gleich als ob er sich gegen jemanden wehren, oder sich durch eine Menschenmenge hindurchdrängen wollte. Dann aber trat er auf ihn zu, schloß Iwan Fjodorowitsch in die Arme und küßte ihn zuerst auf die rechte, dann auf die linke und dann wieder auf die rechte Wange. Iwan Fjodorowitsch fand Gefallen an diesem Zärtlichkeitsausbruch, denn die großen Wangen des Fremden erschienen seinen Lippen wie zwei weiche Kissen.

„Erlauben Sie, mein Herr, daß wir einander kennen lernen!“ fuhr der Dicke fort. „Ich bin Gutsbesitzer, und zwar ebenfalls im Kreise Gadjatsch; ich bin Ihr Nachbar, wohne höchstens fünf Werst von Ihrem Gutshof Wytrebenjki entfernt auf meinem Gute Chortystsche, und heiße Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Nein, unbedingt, mein Herr, unbedingt .... ich will nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht zu mir nach Chortystsche zu Besuch kommen. Jetzt muß ich eilig in Geschäften weiter .... Was soll denn das da bedeuten?“ sprach er mit sanfter Stimme zu seinem Reitknecht, einem Knaben in einem Kosakenkittel mit geflickten Ellenbogen und verwunderter Miene, der allerhand Pakete und Schachteln auf den Tisch stellte. „Was soll das? Wie?“ — und Grigori Grigorjewitschs Stimme wurde zusehends strenger und strenger. „Habe ich dir etwa befohlen, das hierher zu stellen, du Schurke? Habe ich dir nicht befohlen, zuerst das Huhn warm zu machen, Halunke du? Pack dich!“ rief er und stampfte mit dem Fuße auf. „Halt, du Fratz du! Wo ist denn das Kästchen mit den Flaschen? Iwan Fjodorowitsch!“ fuhr er fort, indem er ein Gläschen Kräuterschnaps einschenkte, „bitte ergebenst: ärztlich empfohlen!“

„Bei Gott, ich kann nicht .... ich hatte schon Gelegenheit ....“ sagte Iwan Fjodorowitsch stockend.

„Nein, ich will nichts hören, mein Herr!“ rief der Gutsbesitzer mit erhobener Stimme, „ich will nichts hören! Ich rühr’ mich nicht vom Fleck, bis Sie getrunken haben ....“

Iwan Fjodorowitsch sah ein, daß hier eine Weigerung unmöglich war, und trank den Schnaps nicht ohne Vergnügen.

„Hier ist Huhn, mein Herr,“ fuhr der dicke Grigori Grigorjewitsch fort, indem er das Huhn in seinem Holzkästchen mit dem Messer zerlegte. „Ich muß Ihnen sagen, meine Köchin Jawdocha liebt es manchmal, ein Gläschen hinter die Binde zu gießen, und daher macht sie’s zuweilen zu trocken. He, Junge!“ und hierbei wandte er sich an den Knaben im Kosakenkittel, der gerade ein Federbett und ein Kissen hereinbrachte, „mach mir das Bett auf dem Fußboden, mitten in der Stube! Paß aber auch gut auf, lege recht viel Heu unter das Kopfkissen! Und reiße dem Frauenzimmer ein bißchen Hanf aus der Decke, damit ich mir zur Nacht die Ohren zustopfen kann! Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß ich die Gewohnheit habe, mir nachts die Ohren zuzustopfen, seit jener verfluchten Geschichte, wo mir einmal in einer großrussischen Kneipe eine Schwabe ins Ohr gekrochen ist. Wie ich später erfahren habe, essen diese verdammten Russen sogar Kohlsuppe mit Schwaben. Es ist unmöglich zu beschreiben, was damals mit mir vorging: es kitzelte und kitzelte mir nur so im Ohr ... na, um auf die Wände zu klettern! Schließlich hat mir ein einfaches altes Weib geholfen, aber das war schon hier in unserer Gegend, und womit glauben Sie? Ganz einfach, indem sie mich besprach. Was denken Sie über die Ärzte, mein Herr? Ich meine, die foppen uns nur und halten uns zum Besten; manche alte Frau weiß zwanzigmal mehr, als all diese Ärzte.“

„In der Tat, was Sie da zu sagen belieben, ist vollkommen richtig. In der Tat, es gibt ....“ Und Iwan Fjodorowitsch hielt inne, als ob er kein passendes Wort finden konnte. An dieser Stelle muß ich sagen, daß er überhaupt ziemlich wortkarg war. Vielleicht rührte das von seiner Schüchternheit her, vielleicht aber entsprach es auch nur dem Wunsche, sich möglichst hübsch auszudrücken.

„Schüttle das Heu nur recht tüchtig; tüchtig, hörst du!“ rief Grigori Grigorjewitsch seinem Lakai zu. „Hier ist das Heu so abscheulich, daß man nur allzuleicht auf ein Ästchen stoßen kann. Ich erlaube mir, Ihnen eine gute Nacht zu wünschen, mein Herr! Morgen werden wir uns wohl nicht mehr sehen: ich fahre noch vor Tagesanbruch weiter. Ihr Jude wird hier wohl seinen Sabbath halten, morgen ist nämlich Sonnabend; da brauchen Sie nicht so früh aufzustehen. Vergessen Sie nur meine Bitte nicht, ich will einfach nichts von Ihnen wissen, wenn Sie nicht nach Chortystsche kommen.“

Der Kammerdiener zog dem Grigori Grigorjewitsch Rock und Stiefel aus, half ihm statt dessen in einen Schlafrock hinein, und Grigori Grigorjewitsch warf sich auf sein Bett, was genau so aussah, wie wenn ein riesiges Federbett sich auf ein anderes gelegt hätte.

„He, Bursche! Wo steckst du nur, du Schuft? Komm her, leg mir die Decke zurecht! He, Junge, lege mir noch Heu unter den Kopf! Wie? sind die Pferde schon getränkt? Noch mehr Heu! Hierher, da unter die Seite! Aber so lege mir doch die Decke zurecht, du Schurke! So! Besser, noch besser .... Oh! ....“

Und Grigori Grigorjewitsch seufzte noch ein paarmal tief auf, und erfüllte das ganze Zimmer mit einem fürchterlichen Pfeifen, das aus seiner Nase hervordrang; er schnarchte zuweilen so laut, daß die alte Frau, die auf der Ofenbank schlummerte, aufwachte, verwundert in alle Ecken und Winkel guckte, und erst, als sie nichts besonderes bemerkte, beruhigt wieder einschlief.

Als Iwan Fjodorowitsch am nächsten Morgen erwachte, war der dicke Gutsbesitzer nicht mehr da. Das war das einzige merkwürdige Ereignis, das sich während seiner Reise zugetragen hatte. Zwei Tage darauf näherte er sich seinem Gutshof.

Er fühlte, wie sein Herz heftig zu schlagen begann, als die Windmühle, ihre Flügel schwenkend, hervorschaute, und als in dem Maße, wie der Jude seine Stuten den Berg hinaufjagte, unten eine Reihe von Weiden auftauchte. Hell und lebhaft schimmerte der Teich zwischen ihnen auf und strömte eine kühlende Frische aus. Hier pflegte er früher zu baden; und in demselben Teiche war er einstmals mit den Dorfjungen, bis zum Halse im Wasser, herumgewatet, um Krebse zu fangen. Das Wägelchen fuhr den Damm hinauf, und jetzt erblickte Iwan Fjodorowitsch das alte mit Schilf gedeckte Häuschen, und die alten Äpfel- und Kirschbäume, auf denen er einstmals heimlich herumgeklettert war. Kaum war er in den Hof eingefahren, so kamen von allen Seiten Hunde aller möglichen Rassen herbeigelaufen: schwarze, dunkelbraune, graue, scheckige. Die einen warfen sich den Pferden bellend vor die Füße, die anderen liefen hinterdrein, da sie merkten, daß die Achse mit Fett eingeschmiert war; ein Hund stand neben der Küche, hatte die Pfote auf einen Knochen gelegt und kläffte aus Leibeskräften; ein andrer bellte von ferne, rannte hin und her, und wedelte mit dem Schweif, gleich als ob er sagen wollte: „Seht, ihr Christenmenschen, was ich noch für ein Jüngling bin!“ Mehrere Jungen in schmutzigen Hemden kamen herausgelaufen, um zu gaffen. Eine Sau, die mit sechzehn Ferkeln im Hofe herumpromenierte, hob ihre Schnauze mit prüfender Miene in die Höhe und grunzte noch lauter als sonst. Im Hofe lag auf einem Stück grober Leinwand eine Unmenge Weizen, Gerste und Buchweizen, und all dieses trocknete in der Sonne. Auch auf dem Dache lagen allerhand Kräuter zum Trocknen: Nagelkraut, Grindkraut und mehr dergleichen.

Iwan Fjodorowitsch war dermaßen in Betrachtung all dieser Herrlichkeiten versunken, daß er erst wieder zu sich kam, als ein scheckiger Hund den vom Bock herunterkriechenden Juden in die Wade biß. Das Gesinde, das auch herbeigeeilt war und aus einer Köchin, einer Frau und zwei Mädeln in wollenen Röcken bestand, meldete ihm, nachdem alle laut ausgerufen hatten „Da ist ja der junge Herr!“, daß sich die Tante im Gemüsegarten befände und zusammen mit der Dienstmagd Paloschka und dem Kutscher Omeljka, der manchmal auch das Amt eines Gärtners und Wärters versah, Weizen säe. Aber die Tante, die den Wagen von ferne erblickt hatte, war schon selbst erschienen. Iwan Fjodorowitsch erstaunte, als sie ihn fast in ihren Armen in die Höhe hob, und er fing beinahe an zu zweifeln, ob das auch wirklich dieselbe Tante sei, die ihm so viel von ihrer Gebrechlichkeit und Kränklichkeit geschrieben hatte.

III.
Die Tante

Tante Wassilissa Kaschparowna war damals gegen fünfzig Jahre alt. Sie war nie verheiratet gewesen, und sie behauptete, das jungfräuliche Leben sei ihr wertvoller als alles auf der Welt. Übrigens hatte — so viel ich mich besinnen kann, — auch nie jemand um ihre Hand angehalten. Das kam daher, daß alle Männer ihr gegenüber eine gewisse Schüchternheit empfanden und nicht den Mut hatten, ihr ihre Gefühle zu erklären. „Wassilissa Kaschparowna hat sehr viel Charakter,“ sagten die Freier, und sie hatten recht, denn Wassilissa Kaschparowna verstand es, einen sammetweich zu machen. Aus dem versoffenen Müller, der zu gar nichts mehr zu gebrauchen war, hatte sie ohne Anwendung irgendwelcher äußerer Mittel und nur indem sie ihn täglich ein paarmal am Schopfe rupfte, verstanden, einen ganzen Menschen, ja, mehr noch, geradezu einen Goldklumpen zu machen. Ihr Wuchs ging ins Riesenhafte, und ihre Beleibtheit und Kraft entsprachen ihm. Es hatte den Anschein, als ob die Natur einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, als sie es ihr zum Schicksal bestimmte, an den Werktagen ewig einen dunkelbraunen Morgenrock mit kleinen Säumchen und am Ostersonntag und an ihrem Namenstage einen roten Kaschmir-Schal zu tragen, während ihr ein Dragonerschnurrbart und lange Schaftstiefel am besten gestanden hätten. Dafür aber entsprach ihre Beschäftigung vollkommen ihrem Charakter, sie konnte rudern, und zwar besser als irgend ein Fischer; sie ging auf die Jagd; sie beaufsichtigte die Schnitter, sie kannte die Zahl der Kürbisse und Melonen auf dem Felde auswendig; sie erhob eine Steuer von fünf Kopeken von jedem Wagen, der über ihren Damm fuhr; sie kletterte auf die Bäume und schüttelte die Birnen herunter; sie prügelte eigenhändig ihre faulen „Vasallen“ mit ihrer schrecklichen Hand und belohnte die Würdigen mit einem Schnaps aus derselben gestrengen Hand. Und fast zur gleichen Zeit konnte sie schimpfen, Leinwand färben, in die Küche rennen, Kwas bereiten, und Honig einmachen; sie machte sich den ganzen lieben Tag zu schaffen und versäumte nichts. Die Folge davon war, daß Iwan Fjodorowitschs kleines Gut, das nach der letzten Revision achtzehn Leibeigene gezählt hatte, förmlich aufblühte, und zwar im vollen Sinne dieses Wortes. Übrigens liebte sie auch ihren Neffen viel zu sehr und hob sorgsam jede Kopeke für ihn auf.

Seit Iwan Fjodorowitsch wieder zu Hause war, ging eine große Veränderung in seinem Leben vor und es schlug völlig neue Bahnen ein. Es schien so, als ob die Natur ihn geradezu dazu geschaffen hätte, ein Gut mit achtzehn Leibeigenen zu beaufsichtigen. Sogar die Tante merkte, daß er einen guten Landwirt abgeben würde, obwohl sie ihm übrigens nicht gestattete, sich in alle Fragen der Wirtschaft einzumischen. „Der Junge ist noch nicht alt genug!“ pflegte sie gewöhnlich zu sagen, trotzdem Iwan Fjodorowitsch mindestens vierzig Jahre alt war; „woher soll er auch alles wissen!“

Er wich jedoch auf dem Felde keinen Schritt von den Schnittern und Mähern, und dies bereitete seiner sanften Seele einen unaussprechlichen Genuß. Ein Dutzend glänzender Sensen und mehr fliegen einmütig in einem Schwunge in die Höhe; das Gras sinkt rauschend in harmonischen Reihen zur Erde; und nun erklingen die Lieder der Schnitterinnen, bald lustig, wie beim Empfang von Gästen, und bald wehmütig, wie bei einer Trennung; der Abend ist still und die Luft ist rein! — O wie köstlich ist solch ein Abend! Wie leicht und frisch ist die Luft! wie erscheint dann alles belebt: die Steppe rötet sich, blaut und glüht in allen Farben auf; Wachteln, Trappgänse, Möwen, Heimchen und tausende von Insekten: sie alle pfeifen, summen, knarren, schreien, und auf einmal ist’s ein harmonischer Chor; und nichts verstummt auch nur für einen Augenblick. Schon senkt sich die Sonne herab und versteckt sich. Ah! wie frisch und wohlig wird einem da! Auf dem Felde werden hie und da Feuer entzündet und Kessel aufgestellt, und die schnauzbärtigen Schnitter setzen sich rings um die Kessel herum; von den brodelnden Klößen steigt ein Dampf auf; der Abend graut .... Es wäre schwer zu sagen, was dann in Iwan Fjodorowitsch vorging. Er vergaß es, wenn er sich zu den Schnittern gesellte, von ihren Klößen zu kosten, obwohl er sie doch so gerne aß, stand regungslos auf einem Fleck da, verfolgte eine hoch im Himmel schwirrende Möwe mit den Augen oder zählte die Garben des abgemähten Kornes, die das Feld überfluteten.

Bald erzählte man überall von Iwan Fjodorowitsch, er sei ein großer Landwirt vor dem Herrn. Die Tante konnte sich nicht genug über ihren Neffen freuen und ließ sich keine Gelegenheit entgehen, mit ihm zu prahlen und wichtig zu tun. Eines Tages aber — es war am Ausgang des Juli und schon nach Beendigung der Ernte — faßte Wassilissa Kaschparowna ihren Neffen mit geheimnisvoller Miene bei der Hand und erklärte ihm, sie wolle mit ihm über etwas sprechen, was sie schon seit langem beschäftigte.

„Es ist dir wohl bekannt, lieber Iwan Fjodorowitsch,“ begann sie, „daß dein Gutshof achtzehn Leibeigene zählt; übrigens nur laut der letzten Revision, in Wirklichkeit werden’s vielleicht noch mehr sein, vielleicht gar bis an die vierundzwanzig. Doch es handelt sich nicht darum, du kennst wohl das Wäldchen, das sich hinter unserer Trift befindet, und wohl auch die breite Wiese hinter diesem Walde: sie ist mindestens zwanzig Deßjatin groß, und es wächst so viel Gras darauf, daß man jedes Jahr für mehr als hundert Rubel davon verkaufen kann, besonders wenn, wie man erzählt, ein Kavallerie-Regiment in Gadjatsch stehen wird.“

„Gewiß, liebe Tante; das Gras ist sehr gut!“

„Ich weiß selbst, daß es sehr gut ist; aber weißt du auch, daß dieses ganze Land eigentlich von Rechts wegen dir gehört? Was siehst du mich so groß an? Hör mich an, Iwan Fjodorowitsch! Erinnerst du dich noch an Stepan Kusmitsch? Warum sage ich eigentlich: erinnerst du dich? Du warst ja damals noch so klein, daß du nicht einmal seinen Namen aussprechen konntest. Wie solltest du dir da noch eine Erinnerung bewahrt haben! Ich weiß noch: als ich grad vor Philippi zu euch kam und ich dich auf die Arme nahm, da hättest du mir beinahe das ganze Kleid verdorben; zum Glück konnte ich dich noch der Amme Matrjona übergeben, so abscheulich warst du damals .... Aber es handelt sich ja nicht darum. Das ganze Land, das sich hinter unserem Gutshof befindet, und selbst das Dorf Chortystsche gehörte damals Stepan Kusmitsch. Und da muß ich dir sagen — denn damals warst du noch nicht auf der Welt — der kam zu jener Zeit oft zu deiner Mutter zu Besuch, — freilich zu einer Zeit, da dein Vater nicht zu Hause war. Ich sag’ es jedoch nicht, um ihr einen Vorwurf daraus zu machen. — Gott sei ihrer Seele gnädig! Obwohl die Selige mir gegenüber im Unrecht war. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Wie dem auch sei, genug, Stepan Kusmitsch setzte eine Schenkungsurkunde auf, in der er dir das Gut vermachte, von dem ich dir eben sprach. Deine selige Mutter hatte jedoch, — unter uns gesagt, einen ganz wunderlichen Charakter. Selbst der Teufel (Gott verzeih mir dies häßliche Wort!) hätte sie nicht verstehen können. Wohin sie diese Urkunde gesteckt hat — das weiß der liebe Himmel. Ich glaube einfach, sie befindet sich in den Händen des alten Junggesellen, Grigori Grigorjewitsch Stortschenko. Und nun ist alles diesem dickbäuchigen Schurken zugefallen. Bei Gott, ich wäre bereit, um alles in der Welt zu wetten, daß er die Urkunde einfach unterschlagen hat.“

„Darf ich fragen, liebe Tante, ob das derselbe Stortschenko ist, den ich auf der Station kennen gelernt habe?“ Und Iwan Fjodorowitsch erzählte ihr von seiner Begegnung.

„Wer weiß!“ antwortete die Tante nach kurzem Nachdenken. „Vielleicht ist er doch kein Schuft. Es ist wahr, er lebt erst ein halbes Jahr lang hier, und in so kurzer Zeit kann man einen Menschen nicht genau kennen lernen. Die Alte, das heißt seine Mutter, soll, wie ich gehört habe, eine sehr vernünftige Frau sein und sich meisterlich darauf verstehen, Gurken einzulegen, und ihre Mägde sollen großartige Teppiche weben. Da er dich, wie du sagst, so freundlich empfangen hat, so fahre nur zu ihm hin: vielleicht wird der alte Sünder auf sein Gewissen hören und zurückgeben, was ihm nicht gehört. Du kannst meinetwegen die Kalesche nehmen, nur haben die verdammten Kinder hinten alle Nägel herausgezogen; man muß vorher dem Kutscher Omeljko sagen, daß er das Leder festnageln soll.“

„Wozu nur, liebe Tante? Ich nehme lieber das Wägelchen, in dem Sie auf die Jagd fahren.“

Damit schloß das Gespräch.

IV.
Das Diner

Iwan Fjodorowitsch kam um die Mittagszeit im Dorfe Chortystsche an, und wurde etwas unruhig, als er sich dem Herrenhause näherte. Dieses Haus war sehr lang und nicht mit Schilf gedeckt, wie die Häuser so vieler Gutsbesitzer in der Umgegend, sondern hatte ein Holzdach. Die zwei Schuppen im Hofe waren ebenfalls mit Holzdächern versehen; und das Tor war aus Eichenholz. Iwan Fjodorowitsch glich einem jener Stutzer, die auf einen Ball kommen und plötzlich bemerken, daß, wohin sie auch blicken mögen, alle Leute feiner gekleidet sind als sie selbst. Er ließ sein Wägelchen respektvoll neben einem Schuppen halten und ging zu Fuß auf die Freitreppe zu.

„Ah! Iwan Fjodorowitsch!“ rief der dicke Grigori Grigorjewitsch, der gerade im Hof herumspazierte; er hatte einen Rock an, aber keine Kravatte, keine Weste und keine Hosenträger. Aber auch dies Kostüm schien ihn bei seiner Leibesfülle noch zu belästigen, denn der Schweiß rieselte ihm nur so vom Gesicht herunter.

„Sie sagten doch, daß Sie sofort kommen würden, sobald Sie Ihre Tante gesehen hätten; warum sind Sie denn dann nicht früher gekommen?“ Und bei diesen Worten berührten die Lippen Iwan Fjodorowitschs die ihm wohlbekannten Kissen.

„Ich war meist in der Wirtschaft beschäftigt .... Ich komme auch nur auf einen Augenblick zu Ihnen, eigentlich sogar in Geschäften ....“

„Was, nur für einen Augenblick? Nein, das gibt’s nicht. He, Junge!“ rief der dicke Hausherr, und der Bursche im Kosakenkittel, den Iwan schon kannte, kam aus der Küche gelaufen. „Sage dem Kaßjan, er solle sofort das Tor schließen, — hörst du! — fest zuschließen! Und die Pferde dieses Herrn sollen auf der Stelle ausgespannt werden. Bitte, kommen Sie mit mir ins Haus: hier ist es so heiß, daß mein Hemd schon ganz naß ist.“

Im Zimmer angelangt, beschloß Iwan Fjodorowitsch, keine Zeit zu verlieren, und trotz seiner Schüchternheit, mit aller Entschiedenheit vorzugehen.

„Meine Tante hatte die Ehre .... Meine Tante hat mir gesagt, daß die Schenkungsurkunde des verstorbenen Stepan Kusmitsch ....“

Es ist schwer zu beschreiben, welch unangenehmen Ausdruck das breite Gesicht Grigori Grigorjewitschs bei diesen Worten annahm. „Bei Gott, ich höre rein gar nichts!“ antwortete er. „Ich muß Ihnen sagen, daß eine Schwabe in mein linkes Ohr hineingekrochen ist, (bei diesen verfluchten Russen gibt’s überall Schwaben in den Häusern); keine Feder kann Ihnen beschreiben, was das für eine Qual war — es kitzelte so fürchterlich, sage ich Ihnen, — es kitzelte und krabbelte ....! Aber eine kluge Frau hat mir mit einem ganz einfachen Mittel geholfen ....“

„Ich wollte nur sagen ....“ wagte Iwan Fjodorowitsch ihn zu unterbrechen, als er sah, daß Grigori Grigorjewitsch das Gespräch absichtlich auf ein andres Thema lenken wollte, „daß im Testament des verstorbenen Stepan Kusmitsch die Rede von .... sozusagen die Rede von einer Schenkungsurkunde ist .... nach der ich ....“

„Ich weiß schon, was Ihre Tante Ihnen eingeredet hat. Das ist alles erlogen, bei Gott, es ist erlogen! Mein Onkel hat nicht die geringste Schenkungsurkunde hinterlassen. Im Testament ist allerdings von einer Urkunde die Rede, aber wo ist sie? Niemand hat sie vorlegen können. Ich sage Ihnen das nur deshalb, weil ich Ihnen von Herzen wohl will. Bei Gott, es ist erlogen!“

Iwan Fjodorowitsch verstummte, da ihm der Gedanke kam, es könnte der Tante vielleicht in der Tat nur so vorgekommen sein.

„Ah, da kommen ja auch meine Mutter und meine Schwestern!“ rief Grigori Grigorjewitsch. „Das Mittagessen ist also schon fertig; gehen wir!“

Und er zog Iwan Fjodorowitsch am Ärmel ins Zimmer, wo bereits allerhand Schnäpse und eine kalte Platte auf dem Tische standen.

In demselben Augenblick trat eine alte Frau herein; sie war sehr klein und glich einer Kaffeekanne, die mit einer Haube bedeckt ist; zwei junge Mädchen, ein blondes und ein brünettes, begleiteten sie. Als wohlerzogener Kavalier küßte Iwan Fjodorowitsch erst der Alten und dann den beiden Fräuleins die Hand.

„Das ist unser Nachbar, Iwan Fjodorowitsch Schponjka, Mütterchen!“ sagte Grigori Grigorjewitsch.

Die Alte sah Iwan Fjodorowitsch scharf an oder gab sich vielleicht auch nur den Anschein, als ob sie ihn anblickte. Übrigens war sie die Güte selbst; es schien, als ob sie Iwan Fjodorowitsch gleich hätte fragen wollen: „Wie viel Gurken machen Sie zum Winter ein?“

„Haben Sie schon einen Schnaps genommen?“ fragte die Alte.

„Sie haben wohl nicht ausgeschlafen, Mütterchen,“ meinte Grigori Grigorjewitsch. „Wer wird denn einen Gast fragen, ob er schon einen Schnaps getrunken hat? Reden Sie dem Gast nur zu; ob wir aber trinken oder nicht, das ist schon unsere Sache. Iwan Fjodorowitsch, bitte: Wollen Sie Tausendgüldenkräuterlikör oder diesen Schnaps? Welchen ziehen Sie vor? Iwan Iwanowitsch! Nun, was stehst du so da?“ rief Grigori Grigorjewitsch, indem er sich rückwärts wandte, und Iwan Fjodorowitsch sah den soeben erwähnten Iwan Iwanowitsch auf den Schnaps zugehen; dies war ein Mann in einem Rock mit langen Schößen und mit einem riesigen Stehkragen, der seinen ganzen Nacken bedeckte, so daß sein Kopf ganz im Kragen steckte, wie in einer Kutsche.

Iwan Iwanowitsch trat an den Schnaps heran, rieb sich die Hände, sah sich das Glas genau an, schenkte ein, hielt es gegen das Licht, und goß den Schnaps mit einem Male aus dem Glase in den Mund, aber er schluckte ihn nicht herunter, sondern spülte sich erst ordentlich den Mund, schluckte ihn erst darauf herunter, nahm etwas Brod und gesalzene Eierschwämme, und wandte sich dann an Iwan Fjodorowitsch.

„Habe ich die Ehre, mit Herrn Iwan Fjodorowitsch Schponjka zu sprechen?“

„Jawohl,“ antwortete Iwan Fjodorowitsch.

„Sie beliebten sich seit der Zeit, wo ich Sie kenne, sehr zu verändern. O ja!“ fuhr Iwan Iwanowitsch fort: „ich kannte Sie, als Sie noch so groß waren!“ Dabei hielt er die Hand eine halbe Elle weit über den Boden. „Ihr seliger Vater — Gott schenke ihm die ewige Seligkeit — war ein seltener Mann. Er hatte solche Kürbisse und Melonen, wie man sie jetzt nirgends mehr findet. Hier zum Beispiel“, fuhr er fort, indem er ihn zur Seite führte, „werden Ihnen auch Melonen vorgesetzt werden — aber was sind das für Melonen? Nicht ansehen möchte man sie. Glauben Sie mir’s, seine Melonen waren ....“ rief er mit geheimnisvoller Miene und spreizte die Arme, als ob er einen dicken Baum umschlingen wollte, „bei Gott, seine Melonen waren so dick!“

„Gehn wir zu Tisch!“ sagte Grigori Grigorjewitsch und faßte Iwan Fjodorowitsch rasch unterm Arm.

Grigori Grigorjewitsch ließ sich auf seinen üblichen Platz am Ende des Tisches nieder; er band sich seine riesige Serviette vor und glich so einem jener Helden, wie sie sich die Barbiere auf ihre Schilder malen lassen. Iwan Fjodorowitsch setzte sich errötend auf den ihm zugewiesenen Platz, den beiden Fräuleins gegenüber, und Iwan Iwanowitsch versäumte nicht, an seiner Seite Platz zu nehmen, innerlich hocherfreut, daß er jemanden hatte, dem er seine Kenntnisse mitteilen konnte.

„Nehmen Sie doch lieber kein Bürzelbein, Iwan Fjodorowitsch! Da ist ja noch ein Truthahn!“ rief die Alte, zu Iwan Fjodorowitsch gewandt, dem der Diener vom Lande in einem grauen Frack mit schwarzem Flicken gerade eine Schüssel reichte. „Nehmen Sie doch ein Stück vom Rücken!“

„Mütterchen! Es hat Sie doch niemand gebeten, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen!“ rief Grigori Grigorjewitsch. „Seien Sie versichert, unser Gast weiß selbst, was er nehmen soll! Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Flügelchen und noch dies zweite und den Magen dazu! Warum haben Sie sich nur so wenig genommen? Nehmen Sie noch ein Beinchen! Was stehst du mit der Schüssel da und sperrst den Mund auf? Du sollst ihn sofort darum bitten, auf die Knie, du Schurke und sag sofort: ‚Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!‘“

„Iwan Fjodorowitsch, nehmen Sie doch ein Beinchen!“ brüllte der Diener, mit der Schüssel in der Hand, und kniete nieder.

„Hm! Was sind denn das für Truthähne!“ sagte Iwan Iwanowitsch halblaut und mit verächtlicher Miene zu seinem Tischnachbar. „Darf denn ein Truthahn so sein, wie der da? Sie hätten mal meine Truthähne sehen sollen! Ich versichere Ihnen, jeder einzelne hatte mehr Fett an sich, als zehn solche, wie die da. Glauben Sie mir, mein Herr, man mag gar nicht ansehen, wie sie bei mir auf dem Hof herumspazieren — so fett sind sie! ....“