„Du lügst, Iwan Iwanowitsch!“ schrie Grigori Grigorjewitsch, der zugehört hatte.
„Ich will Ihnen was sagen,“ fuhr Iwan Iwanowitsch zu seinem Nachbar gewandt fort, indem er so tat, als ob er Grigori Grigorjewitschs Worte gar nicht gehört hätte. „Als ich sie im vorigen Jahre nach Gadjatsch brachte, da bot man mir fünfzig Kopeken pro Stück, und doch wollte ich sie nicht dafür hergeben.“
„Ich sage dir, du lügst, Iwan Iwanowitsch!“ rief Grigori Grigorjewitsch, hierbei betonte er, um noch deutlicher zu sein, jede Silbe und sprach noch lauter als vorher.
Aber Iwan Iwanowitsch tat so, als ob ihn das gar nicht anginge und fuhr in seiner Rede fort, nur sprach er jetzt bedeutend leiser als früher. „Ja, mein Herr, ich wollte das Geld nicht nehmen. In Gadjatsch hatte kein Gutsbesitzer ....“
„Iwan Iwanowitsch! du bist ganz dumm und weiter nichts,“ rief Grigori Grigorjewitsch laut. „Iwan Fjodorowitsch weiß doch das alles besser als du und glaubt dir sicher nicht!“
Da aber fühlte sich Iwan Iwanowitsch verletzt; er verstummte und begann, mit dem Truthahn aufzuräumen, trotzdem dieser lange nicht so fett war, wie die Truthähne, die man „gar nicht ansehen“ mochte.
Eine Zeitlang ersetzte das Klappern der Messer, der Löffel und Teller das Gespräch; am lautesten aber hörte man, wie Grigori Grigorjewitsch das Mark aus einem Hammelknochen aussog.
„Haben Sie schon gelesen,“ fragte Iwan Iwanowitsch nach einigem Stillschweigen, steckte den Kopf aus seinem Wagen und wandte ihn Iwan Fjodorowitsch zu, „haben Sie das Buch: ‚Korobejnikows Reise ins heilige Land‘ gelesen? Ein wahrer Genuß für Seele und Leib! Jetzt werden keine solchen Bücher mehr gedruckt. Leider habe ich nicht nachgesehen, aus welchem Jahre es stammt.“
Als Iwan Fjodorowitsch hörte, daß es sich um ein Buch handelte, begann er, eifrig seine Sauce aufzulöffeln.
„Ein wahres Wunder, mein Herr, wenn man bedenkt, daß ein einfacher Kleinbürger all diese Länder durchwandert hat: über dreitausend Werst, mein Herr! Über dreitausend Werst! Wahrlich, Gott selbst hat ihn würdig befunden, bis nach Palästina und Jerusalem zu kommen.“
„Sie sagen, daß er auch in Jerusalem war,“ rief Iwan Fjodorowitsch, der noch als Soldat von seinem Burschen viel über Jerusalem gehört hatte.
„Worüber sprechen Sie, Iwan Fjodorowitsch?“ rief Grigori Grigorjewitsch vom Ende des Tisches herüber.
„Ich habe, das heißt, ich bemerkte gelegentlich, daß es in der Welt ferne Länder gibt!“ antwortete Iwan Fjodorowitsch, innerlich hochbefriedigt, daß es ihm gelungen war, einen so langen und schweren Satz zu Ende zu bringen.
„Glauben Sie ihm nicht, Iwan Fjodorowitsch!“ sagte Grigori Grigorjewitsch, ohne genauer hinzuhören, „alles ist gelogen!“
Das Diner war zu Ende. Grigori Grigorjewitsch zog sich nach seiner Gewohnheit zurück, um ein Nickerchen zu machen; und die Gäste folgten der alten Hausfrau und den jungen Mädchen ins Gastzimmer, wo derselbe Tisch, auf dem sie den Schnaps stehen gelassen hatten, als sie sich zum Mittagsmahl begaben, sich wie auf einen Wink verwandelt und mit Schälchen voll verschiedener Konfitüren und Schüsseln mit Melonen, Kirschen und Zuckerkürbissen bedeckt hatte.
Grigori Grigorjewitschs Abwesenheit machte sich an allem bemerkbar: die Hausfrau wurde gesprächig und teilte ganz von selbst, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, mancherlei Geheimnisse über die Zubereitung von Marmelade und das Trocknen von Birnen mit. Selbst die jungen Mädchen begannen zu sprechen, doch blieb die Blonde, die sechs Jahre jünger aussah als ihre Schwester und von Ansehen etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte, etwas schweigsam.
Am meisten aber redete und betätigte sich Iwan Iwanowitsch. Da er sicher war, daß ihn nun niemand mehr unterbrechen und in Verlegenheit bringen würde, redete er von allem möglichen: von Gurken und Kartoffelsaat, davon, wie gescheit die Leute früher waren — was wären die Heutigen dagegen? — und davon, wie jetzt alle immer klüger würden, je weiter man komme, wie man noch die allergescheitesten Dinge ersinnen würde; kurz er war einer von den Menschen, die sich mit dem größten Vergnügen erbaulichen Gesprächen hingeben und über alles reden, worüber man nur reden kann. Wenn das Gespräch wichtige und heilige Gegenstände berührte, seufzte Iwan Iwanowitsch nach jedem Worte auf und nickte leise mit dem Kopfe; wenn es sich um Wirtschaftsangelegenheiten handelte, so steckte er den Kopf aus seinem Wagen hervor und schnitt seltsame Gesichter, aus denen man ganz deutlich entnehmen konnte, wie man den Birnenmost zubereiten müsse, wie groß die Melonen seien, von denen er sprach, und wie fett die Gänse wären, die bei ihm im Hofe herumliefen.
Endlich gelang es Iwan Fjodorowitsch mit vieler Mühe und erst gegen Abend, sich zu verabschieden; aber obwohl er leicht zu überreden war und man ihn geradezu zwingen wollte, über Nacht dazubleiben, bestand er doch auf seiner Absicht, nach Hause zu fahren — und fuhr richtig davon.
V.
Der neue Plan der Tante
„Nun? Hast du die Urkunde von dem alten Schelm herausgelockt?“ Dies war die erste Frage, mit der Iwan Fjodorowitsch von seiner Tante empfangen wurde, die ihn bereits seit einigen Stunden voller Ungeduld an der Freitreppe erwartete, und sich schließlich kaum hatte überwinden können, nicht bis vors Tor zu laufen.
„Nein, liebe Tante!“ sagte Iwan Fjodorowitsch indem er ausstieg. „Grigori Grigorjewitsch hat gar keine Urkunde.“
„Und du hast ihm geglaubt? Er lügt, der verdammte Kerl! O, ich bekomme ihn noch eines Tages zu sehen, wahrhaftig, und dann prügle ich ihn mit meinen eigenen Händen durch. Oh, ich werde ihm schon etwas von seinem Fett abzapfen! Übrigens wollen wir zuerst mit unsrem Gerichtsschreiber reden, ob man vielleicht auf gerichtlichem Wege .... Aber es handelt sich jetzt ja nicht darum. Nun, war das Diner gut?“
„Sehr gut! .... sehr gut, liebe Tante!“
„Nun, und was gab’s dort zu essen? Erzähle! ich weiß schon, die Alte versteht sich gut auf die Küche.“
„Käsekuchen mit Rahm, liebe Tante; Sauce mit gefüllten Tauben ....“
„Und gab es auch einen Truthahn mit Pflaumen?“ fragte die Tante, denn sie selbst verstand es meisterhaft, dieses Gericht zuzubereiten.
„Es gab auch Truthahn! .... Die Schwestern von Grigori Grigorjewitsch sind sehr hübsche junge Mädchen, besonders die Blonde!“
„Ah!“ rief die Tante und sah Iwan Fjodorowitsch scharf an, er errötete und ließ die Augen sinken. Ein neuer Gedanke blitzte in ihr auf. „So?“ fragte sie voll Neugierde, „und was für Augenbrauen hat sie?“ Hier ist es nicht überflüssig zu bemerken, daß für die Tante das Schönste an der Frau die Augenbrauen waren.
„Das Fräulein hat genau solche Augenbrauen, liebe Tante, wie Sie sie nach Ihren Erzählungen in Ihrer Jugend gehabt haben müssen, und ihr ganzes Gesicht ist voller Sommersprossen.“
„Ah!“ rief die Tante, äußerst befriedigt über Iwan Fjodorowitschs Bemerkung, der allerdings nie daran gedacht hatte, der Tante ein Kompliment machen zu wollen. „Und was für ein Kleid hatte sie an? Man findet zwar heutzutage keine solchen haltbaren Stoffe mehr wie zum Beispiel den, aus dem dieser Morgenrock gemacht ist. Aber es handelt sich jetzt nicht darum. Und hast du dich gut mit ihr unterhalten?“
„Das heißt, wie meinen Sie .... liebe Tante? Sie glauben vielleicht schon ....“
„Was denn? Was ist denn Wunderbares dabei? Das ist nun mal Gottes Wille! Vielleicht ist’s euch beiden noch beschieden, einmal ein Paar zu werden.“
„Ich verstehe nicht, liebe Tante, wie Sie nur so reden können. Das beweist doch nur, daß Sie mich absolut nicht kennen ....“
„So, nun fühlt er sich richtig beleidigt!“ sagte die Tante. „Der Junge ist noch nicht alt genug!“ dachte sie bei sich. „Er weiß noch von nichts! Ich werde die beiden mal zusammenbringen, sie sollen einander näher kennen lernen!“
Und die Tante ging nach der Küche und ließ Iwan Fjodorowitsch allein. Aber seit der Zeit dachte sie an nichts anderes, als daran, ihren Neffen möglichst bald zu verheiraten und seine kleinen Enkelkinder zu wiegen. Ihr Kopf war nur noch von Gedanken an die Vorbereitungen zur Hochzeit erfüllt, und man sah ganz deutlich, daß sie noch viel emsiger war als vorher, obwohl alles eher schlimmer als besser ging. Wenn sie jetzt einen Kuchen zubereitete, den sie übrigens niemals der Köchin anzuvertrauen pflegte, versank sie häufig in Gedanken, bildete sich ein, neben ihr stehe ein kleines Enkelchen, das ein Stückchen Kuchen haben wollte, und streckte zerstreut die Hand mit dem besten Stücke aus; der Hofhund machte sich das gewöhnlich zunutze, packte den leckeren Bissen und weckte sie durch sein lautes Schmatzen aus ihrer Nachdenklichkeit, wofür der Hund übrigens immer Schläge mit dem Ofenhaken bekam. Sie gab sogar ihre Lieblingsbeschäftigung auf und fuhr nicht mehr zur Jagd, besonders seitdem sie einmal statt eines Truthahns eine Krähe geschossen hatte, was ihr früher niemals widerfahren war.
Vier Tage später sah man endlich die Kalesche aus dem Schuppen in den Hof fahren. Der Kutscher Omeljko, der gleichzeitig auch Gärtner und Aufseher war, fing schon seit dem frühen Morgen an zu hämmern und das Leder anzunageln, während er immerzu die Hunde davonjagen mußte, die herankamen und an den Rädern leckten. Hier halte ich es für meine Pflicht, dem Leser zu berichten, daß dies dieselbe Kalesche war, in der schon Adam gefahren ist, und sollte daher jemand eine andere für die Adams ausgeben, so wäre das sicherlich eine freche Lüge, und die Kalesche wäre unecht. Es ist nicht genau bekannt, wie sie der Sintflut entronnen ist, man kann nur annehmen, daß in der Arche Noah ein besonderer Schuppen für sie vorhanden war. Es ist sehr schade, daß ich dem Leser ihre Gestalt nicht lebendig vor Augen führen kann. Es genüge daher zu sagen, daß Wassilissa Kaschparowna mit ihrer Bauart äußerst zufrieden war und es stets bedauerte, daß die alten Equipagen aus der Mode gekommen seien. Selbst das, daß die Kalesche etwas schief, und daß die rechte Seite etwas höher war, als die linke, erregte ihren Beifall, denn so konnte von der einen Seite, wie sie behauptete, ein Mensch von kleinem Wuchse, und von der anderen ein großer aussteigen. Im übrigen konnte die Kalesche etwa fünf Personen von kleiner Statur und drei solche, wie die Tante, in ihrem Inneren aufnehmen.
Als er mit der Kalesche fertig war, führte Omeljko gegen Mittag drei Pferde aus dem Stall, die etwas jünger waren als die Kalesche und band sie mit einem Strick fest an die majestätische Equipage. Iwan Fjodorowitsch und die Tante stiegen ein, er von der einen, sie von der anderen Seite, und die Pferde zogen an. Alle Bauern, die ihnen begegneten, blieben beim Anblick dieser vornehmen Equipage (die Tante pflegte nämlich nur selten in ihr auszufahren) respektvoll stehen, nahmen die Mützen ab und verbeugten sich bis zur Erde.
Nach etwa zwei Stunden machte der Wagen vor der Freitreppe Halt; ich glaube, es ist hier nicht erst nötig zu sagen, vor wessen Freitreppe er hielt. Grigori Grigorjewitsch war nicht zu Hause; und die Alte und die Fräuleins empfingen die Gäste im Speisezimmer; die Tante näherte sich ihnen mit majestätischen Schritten, stellte mit viel Geschicklichkeit einen Fuß vor und sagte laut:
„Gnädige Frau, ich freue mich, daß ich die Ehre habe, Ihnen persönlich meine Hochachtung ausdrücken zu dürfen, zugleich erlaube ich mir mit Respekt, Ihnen meinen Dank für die gastfreundliche Aufnahme meines Neffen Iwan Fjodorowitsch auszusprechen, der Ihres Lobes voll ist. Sie haben einen wundervollen Buchweizen, gnädige Frau, das habe ich bemerkt, als ich mich dem Dorfe näherte. Darf ich fragen, wieviel Sie pro Deßjatin ernten?“
Hierauf küßten alle einander aufs herzlichste ab und erst als man im Gastzimmer Platz genommen hatte, begann die Alte:
„Was den Buchweizen anbetrifft, so kann ich Ihnen nichts Genaues darüber sagen. Das ist Grigori Grigorjewitschs Ressort; ich beschäftige mich schon längst nicht mehr damit, auch könnte ich’s nicht, selbst wenn ich wollte: ich bin schon zu alt dazu! In früheren Zeiten wuchs, wie ich mich besinne, der Buchweizen bei uns so hoch, daß er einem bis an den Gürtel reichte, jetzt ist das nicht mehr so, obwohl man stets behauptet, es werde jetzt alles immer besser.“ Die Alte stieß einen Seufzer aus, und ein aufmerksamer Beobachter hätte in ihm das Aufseufzen des alten achtzehnten Jahrhunderts vernehmen können.
„Ich habe gehört, daß bei Ihnen im Hause großartige Teppiche gemacht werden, gnädige Frau,“ sagte Wassilissa Kaschparowna und berührte damit die empfindlichste Seite der Alten: bei diesen Worten lebte jene auf, und nun strömten ihre Reden nur so hin: wie man das Gewebe färben, welchen Faden man dazu nehmen müsse und was dergleichen mehr ist.
Von den Teppichen ging die Unterhaltung bald aufs Gurkeneinlegen und Birnentrocknen über. Kurz, es war noch keine Stunde verflossen, da unterhielten sich die beiden Damen schon so lebhaft, als ob sie ihr Lebtag miteinander bekannt gewesen wären. Ja, Wassilissa Kaschparowna sprach sogar über viele Dinge so leise mit der Alten, daß Iwan Fjodorowitsch nichts mehr hören konnte.
„Wollen Sie nicht selbst sehen?“ sagte die greise Hausfrau und erhob sich.
Die Fräuleins und Wassilissa Kaschparowna erhoben sich mit ihr und begaben sich ins Mädchenzimmer. Die Tante machte Iwan Fjodorowitsch ein Zeichen, er solle zurückbleiben und flüsterte der alten Dame etwas zu.
„Maschenjka!“ sagte die Alte zu dem blonden Fräulein, „bleibe bei unserem Gaste und unterhalte ihn, damit ihm die Zeit nicht zu lang wird!“
Das blonde Fräulein blieb zurück und setzte sich auf das Sofa. Iwan Fjodorowitsch saß auf seinem Stuhle wie auf Nadeln, errötete und schlug die Augen nieder; aber das Fräulein schien dies gar nicht zu bemerken, saß gleichgültig auf dem Sofa, beobachtete fleißig die Fenster und die Wände, oder verfolgte die Katze, die scheu unter den Stühlen umherlief, mit den Augen.
Iwan Fjodorowitsch wurde etwas mutiger und wollte schon ein Gespräch anknüpfen, es war ihm aber so, als ob er unterwegs alle Worte verloren hätte. Es wollte ihm kein einziger Gedanke in den Sinn kommen.
Dieses Schweigen dauerte eine Viertelstunde lang, aber das Fräulein saß noch immer ebenso da wie früher.
Endlich faßte Iwan Fjodorowitsch sich ein Herz. „Im Sommer gibt’s so viel Fliegen, gnädiges Fräulein!“ rief er mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte.
„Ja, außerordentlich viele Fliegen!“ versetzte das Fräulein. „Mein Bruder hat eigens deswegen aus Mamas altem Schuh eine Fliegenklappe hergestellt, aber es bleiben doch noch immer sehr viele übrig.“
Hier stockte die Unterhaltung, und Iwan Fjodorowitsch wollte durchaus kein Wort mehr einfallen.
Endlich kamen die Alte, die Tante und das dunkle Fräulein zurück. Nachdem man sich noch etwas unterhalten hatte, nahm Wassilissa Kaschparowna Abschied von der Dame und den Fräuleins, obwohl sie dringend gebeten wurde, über Nacht da zu bleiben. Die Dame und die Fräuleins begleiteten die Gäste bis zur Freitreppe und winkten der aus der Kalesche hinausblickenden Tante und ihrem Neffen noch lange zu.
„Nun, Iwan Fjodorowitsch, worüber hast du dich mit dem Fräulein unterhalten?“ fragte die Tante unterwegs.
„Marja Grigorjewna ist ein sehr bescheidenes und sittsames Fräulein!“ sagte Iwan Fjodorowitsch.
„Höre, Iwan Fjodorowitsch: ich will ernst mit dir reden. Du bist, Gott sei Dank, schon fast achtunddreißig Jahre alt; und einen schönen Rang hast du auch schon: es wird nun bald Zeit, an die Kinder zu denken! Du brauchst unbedingt eine Frau ....“
„Wie, liebe Tante!“ rief Iwan Fjodorowitsch ganz erschrocken: „Wie? Eine Frau! Nein, liebe Tante, seien Sie doch so lieb .... Sie beschämen mich .... Ich bin noch nie verheiratet gewesen .... Ich weiß ja gar nicht, was ich mit einer Frau anfangen soll!“
„Du wirst’s schon lernen, Iwan Fjodorowitsch, du wirst es schon lernen,“ rief die Tante lächelnd und dachte bei sich: ‚Kein Gedanke! Der Junge ist noch ein richtiges Kind: er weiß ja von gar nichts!‘ — „Ja, ja, Iwan Fjodorowitsch!“ fuhr sie laut fort, „eine bessere Frau als Marja Grigorjewna wirst du wohl nie finden. Außerdem hat sie dir ja doch gut gefallen. Die Alte und ich haben schon viel darüber gesprochen: sie wäre sehr froh, dich zum Schwiegersohn zu bekommen. Freilich weiß man noch nicht, was dieser alte Sünder Grigori Grigorjewitsch dazu sagen wird; aber wir werden nicht darauf achten, und sollte er dir etwa die Mitgift nicht herausgeben wollen, so würden wir ihn auf gerichtlichem Wege ....“
In diesem Augenblick fuhr der Wagen in den Hof und die uralten Stuten lebten auf, als sie die Nähe des Stalles witterten.
„Höre, Omeljko! laß die Pferde zuerst gut ausruhen und führe sie nicht gleich zur Tränke. Die Pferde sind ja noch ganz heiß. — Also, Iwan Fjodorowitsch, ich rate dir, dir die Sache gründlich zu überlegen. Ich muß noch etwas in der Küche nachschauen: ich habe vergessen, das Abendbrot bei der Solocha zu bestellen und das nichtsnutzige Weib hat sicher nicht von selbst daran gedacht.“
Iwan Fjodorowitsch stand da wie vom Donner gerührt. Marja Grigorjewna war zwar ein sehr nettes Fräulein: aber heiraten! .... Das erschien ihm so sonderbar und wundersam, daß er nicht ohne Schreck daran denken konnte. Mit einer Frau zusammen leben! .... das war doch ganz unbegreiflich! Er sollte nicht mehr allein in seinem Zimmer sein können, sondern sie würden immer zu zwei sein! .... Und der Schweiß trat ihm auf die Stirn, je mehr er sich in die Betrachtung vertiefte.
Früher als sonst ging er zu Bett, aber trotz aller Bemühungen konnte er nicht einschlafen. Endlich suchte ihn der ersehnte Schlaf, dieser Ruhebringer und Tröster aller Menschen auf. Aber was war das für ein Schlaf! Unzusammenhängendere Träume hatte er noch niemals gesehen. Bald träumte er, rings um ihn rausche und drehe sich alles, und er selbst laufe und laufe atemlos dahin .... Schon verließen ihn die Kräfte .... Plötzlich aber packte ihn jemand am Ohr. „O je! Wer ist das?“ — „Das bin ich, deine Frau!“ sprach eine lärmende Stimme zu ihm — und er erwachte. Bald schien es ihm, er sei schon verheiratet und alles in dem Häuschen sei so absonderlich und so merkwürdig; in seinem Zimmer stehe statt eines einfachen Bettes ein Doppelbett und auf dem Stuhle sitze seine Frau. Es war ihm ganz eigentümlich zumute: er wußte nicht, wie er an sie herantreten, worüber er mit ihr sprechen sollte, und nun erst merkte er, daß sie das Gesicht einer Gans hatte. Zufällig drehte er sich um und sah eine zweite Frau, die ebenfalls einen Gänseschnabel hatte, er drehte sich auf die andere Seite um — da stand eine dritte Frau, er wandte sich nach hinten — da stand noch eine Frau. Da erfaßte ihn eine wilde Angst; er stürzte in den Garten, aber im Garten war es heiß, er nahm den Hut ab, und siehe: auch im Hute saß eine Frau. Schweiß bedeckte sein Gesicht; er wollte das Taschentuch aus der Tasche holen — aber auch in der Tasche saß eine Frau; er zog sich die Watte aus dem Ohre — auch da saß eine Frau .... Dann hüpfte er wieder auf einem Bein, und die Tante sah zu und sprach mit würdevoller Miene: „Ja, jetzt kannst du hüpfen und springen, denn du bist ja jetzt ein verheirateter Mann.“ Er eilte auf sie zu; aber die Tante war nicht mehr die Tante, sondern ein Glockenturm. Und er fühlte, wie jemand ihn an einem Strick auf den Glockenturm hinaufzog. „Wer zieht mich da hinauf?“ fragte Iwan Fjodorowitsch klagend. „Ich ziehe dich, ich, deine Frau, denn du bist eine Glocke!“ „Nein, ich bin keine Glocke, ich bin Iwan Fjodorowitsch!“ schrie er. „Nein, du bist eine Glocke!“ sprach der Oberst des P—er Infanterieregiments im Vorübergehen.
Oder er träumte, seine Frau sei gar kein Mensch, sondern ein wollener Stoff; er käme nach Mohilew in einen Laden, und der Kaufmann fragte ihn: „Was für einen Stoff wünschen Sie? Nehmen Sie doch Frau, das ist der modernste Stoff! Er ist sehr haltbar! Man macht jetzt Röcke daraus.“ Und der Kaufmann maß und schnitt ein Stück von der Frau ab. Iwan Fjodorowitsch nahm sie unter den Arm und ging damit zum jüdischen Schneider. — „Nein,“ meinte der Jude, „das ist ein schlechter Stoff! Daraus läßt sich doch niemand einen Rock machen ....!“
Voller Angst und ganz außer sich erwachte Iwan Fjodorowitsch; der kalte Schweiß troff nur so von ihm herunter wie ein Platzregen.
Kaum war er aufgestanden, so wandte er sich sofort an sein Wahrsagebuch, dem ein tugendhafter Buchhändler in seiner seltenen Güte und Uneigennützigkeit noch einen kurzen Traumdeuter angehängt hatte. Aber dort stand nichts, was diesem sinnlosen Traume auch nur einigermaßen entsprochen hätte.
Indessen aber reifte im Kopfe der Tante ein ganz neuer Plan, von dem Sie im nächsten Kapitel hören sollen.
Der verhexte Ort
Sage
Erzählt vom Küster an der Kirche zu ***
Bei Gott, ich hab’ das Erzählen satt! Was glaubt ihr denn? Es ist wahrhaftig auch zu langweilig: man erzählt und erzählt, und kommt nie wieder davon los! Na, meinetwegen, ich will euch noch was erzählen, aber gebt acht, es ist das letztemal. Ja, ihr habt also davon gesprochen, daß ein Mensch mit dem unreinen Geiste fertig werden könne. Gewiß, das heißt, wenn man genauer zusieht, dann merkt man dennoch, daß es in der Welt allerhand sonderbare Vorfälle gibt .... Indessen sagt das nicht: will einen die Teufelsmacht blenden, so tut sie es, bei Gott, sie tut es! ..... Nun also, mein Vater hatte im ganzen vier Kinder; ich war damals noch ein Grünschnabel, und war erst elf Jahre alt ... Doch nein, ich war noch nicht elf Jahre alt, ich erinnere mich, wie wenn’s heute wäre, daß ich einmal auf allen Vieren herumkroch und wie ein Hund zu bellen anfing, und wie da mein Vater den Kopf schüttelte und mich anschrie: „Ei, Foma, Foma! Es ist Zeit, daß man dich verheiratet, sonst wirst du noch so närrisch wie ein junges Maultier!“
Mein Großvater war damals noch gesund und — mag ihm in jener Welt der Schluckauf leicht werden — noch ziemlich gut auf den Beinen. Wenn der nun manchmal so ..... Aber wozu erzähle ich euch das eigentlich? Der eine von euch wühlt schon seit einer Stunde im Ofen herum und sucht nach einer Kohle für seine Pfeife, und ein anderer ist in die Kammer gelaufen, um sich was zu holen ... Ach was! Wenn ich mich euch noch aufgedrängt hätte — aber ihr habt ja selbst darauf bestanden .... Man hört entweder ordentlich zu oder gar nicht.
Mein Vater war schon im Anfang des Frühlings in die Krim gefahren, um Tabak zu verkaufen. Ich kann mich nun nicht mehr daran erinnern, ob er zwei oder drei Wagen ausgerüstet hatte; aber der Tabak stand damals hoch im Preise. Er nahm meinen dreijährigen Bruder mit sich, um ihn frühzeitig an das Handwerk zu gewöhnen; wir dagegen: der Großvater, die Mutter, ich, ein Bruder und noch ein zweiter Bruder blieben zu Hause. Der Vater hatte dicht an der Landstraße ein Stück Land, das er bebaut hatte; er siedelte daher in seine Hütte auf dem Felde über, und nahm auch uns mit, um ihm die Spatzen und die Elstern von den Feldern verscheuchen zu helfen. Man kann nicht sagen, daß es uns gerade schlecht ging. Den Tag über aß man sich so sehr an Gurken, Melonen, Rüben, Zwiebeln und Erbsen voll, daß es einem zumute war, als ob einem die Hähne im Bauche krähten. Dazu brachte es auch noch etwas ein: manch ein Reisender zog auf der Straße vorbei, und da wollte jeder gerne eine Wassermelone oder eine Zuckermelone kosten, oder man brachte von den umliegenden Vorwerken Hühner, Eier und Truthähne herbei und tauschte sie ein. Das war ein schönes Leben.
Am meisten aber freute sich der Großvater, wenn jeden Tag an die fünfzig Frachtfuhrleute vorbeigezogen kamen. Das sind meist Leute, die was erlebt und erfahren haben: und dann ging ein Erzählen los, daß man nur so die Ohren aufsperren mochte! Für den Großvater aber war das halt, so wie Knödel für einen Hungrigen. Manchmal stieß er auf alte Bekannte, — denn meinen Großvater kannte jedermann, — na, ihr könnt euchs ja wohl selbst denken, wie das ist, wenn die alten Leute zusammensitzen: dann geht’s taratata und taratata, über dies und jenes, diese und jene Zeiten, da floß ihnen wohl der Mund über, wenn sie so anfingen, sich auf Anno dazumal zu besinnen.
Einst ging der Großvater über Feld — ’s ist mir wahrhaftig, als wär’s jetzt eben geschehen —; die Sonne war im Begriff unterzugehen, und Großvater war damit beschäftigt, die Blätter von den Zuckermelonen abzunehmen; er pflegte die Melonen nämlich den Tag über mit Blättern zu bedecken, damit sie nicht so in der Sonne brieten.
„Schau, Ostap!“ sagte ich zu meinem Bruder, „da kommen Frachtfuhrleute angefahren!“
„Wo sind die Fuhrleute?“ fragte der Großvater und machte ein Zeichen auf einer großen Melone, damit sie ihm die Buben nicht gelegentlich wegäßen.
Und in der Tat, auf der Landstraße kamen so an die sechs Wagen dahergezogen. Vorn schritt ein Fuhrmann mit einem angegrauten Schnurrbart. Er kam uns — nun, wie soll ich sagen, — so etwa bis auf zehn Schritte nah’ und blieb dann stehen.
„Guten Tag, Maxim! Sieh nur, wo Gott uns wieder zusammengeführt hat!“
Der Großvater kniff die Augen zusammen: „Ah! Guten Tag! Guten Tag! Woher des Wegs? Ist Boljatschka auch da? Grüß Gott, Bruder! Was Teufel! Da sind ja alle miteinander: Krutotrystschenko! Und Petzcherytzja, Kowelek und Stetzko! Grüß euch Gott! Haha, hoho! ...“ Und alle umarmten und küßten sich.
Die Ochsen wurden ausgespannt und auf die Wiese getrieben, die Wagen aber blieben auf der Landstraße stehen; alle setzten sich in einen Kreis zusammen und steckten sich ihre Pfeifchen an. Aber da kam keiner recht zum Rauchen! Vor lauter Erzählen und Klatschen kam kaum ein Zug auf jeden. Nach dem Essen begann der Großvater, die Gäste mit Melonen zu bewirten. Jeder nahm eine Melone und putzte sie hübsch mit dem Messerchen ab (das waren alles gerissene Kerle, die waren weit in der Welt herumgekommen, und hatten mancherlei erfahren, daher wußten sie auch, wie man in der vornehmen Welt ißt — man hätte sie geradezu an einen herrschaftlichen Tisch setzen können), sie putzten die Melonen also hübsch ab, bohrten mit dem Finger ein Löchelchen in sie hinein, sogen den Saft raus, zerschnitten sie in Stücke und schoben sie in den Mund.
„Und ihr, Jungens!“ rief der Großvater uns zu, „was haltet ihr Maulaffen feil? Tanzt doch los, ihr Hundesöhne! Ostap, wo ist deine Schalmei? Nun also, einen Kosakentanz! Foma, die Hände auf die Hüften! Recht so! hei, hopp!“
Ich war damals noch ein beweglicher Bursche. Ach ja, dieses verdammte Alter! Jetzt kann ich’s nicht mehr so: anstatt zierliche Sprünge zu machen, stolpere ich über meine eigenen Beine. Lang schauten der Großvater und die Fuhrleute uns zu, und ich merkte, daß seine Beine nicht mehr ruhig bleiben wollten, gleich als ob jemand an ihnen zupfte.
„Schau, Foma!“ sagte Ostap, „der alte Knaster tritt wohl selbst noch zum Tanze an!“
Was glaubt ihr? Kaum hatte er das gesagt, da konnte das Großväterchen wirklich nicht mehr an sich halten! Der wollte den Fuhrleuten nämlich zeigen, was er konnte. „Was, ihr Teufelskinder? tanzt man denn so? So tanzt man!“ rief er, sprang auf die Beine, streckte die Arme vor und stampfte mit dem Hacken auf.
Und in der Tat, man konnte nichts dawider sagen, er tanzte wahrhaftig so gut, daß er auch mit der Hetmansfrau hätte tanzen können. Wir traten ein wenig zur Seite, und nun begann der alte Knasterbart seine Beine auf dem glatten Plätzchen, das sich neben dem Gurkenbeet befand, in die Luft zu werfen. Kaum war er jedoch bis in die Mitte des Platzes gelangt — und wollte nun erst richtig losgehen, wie ein Wirbel mit den Füßen dahinfahren und uns ein besonderes Kunststückchen zeigen — da wollten die Beine plötzlich nicht vom Fleck und aus war es! War das ein sonderbarer Teufelsspuk! Er fing noch einmal an, gab sich einen Schwung, kam wieder bis zur Mitte, aber wieder ging es nicht weiter! Tu einer, was er will — es ging und ging nicht! Die Beine waren plötzlich so steif wie ein Stück Holz. „So eine verteufelte Stelle, so ein Satansspuk! Da ist wohl gar der Herodes, dieser Feind des Menschengeschlechts mit im Spiel!“ Und nun gar noch diese Schmach vor den fremden Lastführern! Er fing aber wiederum an, und begann von neuem mit ganz kleinen Schritten im Takt herumzuhüpfen, daß es nur so eine Freude war, es mit anzusehen; aber wie er bis zur Mitte kam, ging’s wieder nicht weiter, und der Tanz wollte ihm durchaus nicht gelingen! „Ah, verdammter Satan! Daß du doch an einer faulen Melone erstickest! Als Kind schon sollst du krepieren, du Hundesohn! Mir in meinen alten Tagen noch eine solche Schmach anzutun ....“ Und in der Tat, hinter ihm lachte jemand laut auf.
Er sah sich um, das Feld und die Fuhrleute waren verschwunden, hinter ihm, vor ihm, und zu beiden Seiten sah man nichts als flaches Land. „He ... da haben wir die Bescherung!“ Er begann mit den Augen zu blinzeln, der Ort kam ihm nicht unbekannt vor: auf der einen Seite lag ein Wald, und hinter dem Wald ragte eine hohe Stange empor, die bis weit in der Ferne zu sehen war. Was Teufel! Das ist ja der Taubenschlag im Gemüsegarten des Popen! Auch von der anderen Seite schimmerte etwas grau herüber; er sah näher hin. Es war die Scheune des Gemeindeschreibers. Teufel auch, wohin einen die unreine Macht forttragen kann! Er lief ein paarmal hin und her und im Kreise herum und entdeckte endlich einen kleinen Pfad. Der Mond war unsichtbar, und an seiner Stelle blinkte ein weißer Fleck durch eine Wolke. „Morgen wird’s sehr windig sein!“ dachte der Großvater, da leuchtete plötzlich, etwas abseits vom Wege auf einem kleinen Grabe, ein Flämmchen auf. „Sieh mal an!“ und der Großvater blieb stehen, stemmte die Hände in die Hüften und sah näher hin: nun war das Flämmchen erloschen, aber weiter und noch etwas weiter, da flackerte ein anderes auf. „Ein Schatz!“ schrie der Großvater, „bei Gott, ich möchte alles darum geben, daß das ein Schatz ist!“ Und schon wollte er sich in die Hände spucken, um nach dem Schatz zu graben, da fiel ihm ein, daß er ja weder Schippe noch Spaten bei sich hatte. „Schade, schade! Aber wer weiß? Vielleicht braucht man nur den Rasen wegzuräumen, und der Herzensschatz liegt gleich darunter! Na, da ist eben nichts zu machen! Merken wir uns wenigstens den Platz, daß wir’s später nicht vergessen.“
Er nahm einen mächtigen Ast, der offenbar vom Sturm zerbrochen worden war, wälzte ihn auf das Grab, auf dem das Licht gebrannt hatte, und ging seines Weges. Der junge Eichenwald lichtete sich; und ein geflochtener Zaun tauchte vor ihm auf. „Na also, hab’ ich’s nicht gleich gesagt, daß es die Trift des Popen ist!“ dachte der Großvater, „da ist ja auch sein Zaun. Jetzt ist’s keine ganze Werst mehr bis zu meinem Melonenfeld.“
Er kam aber erst spät am Abend heim und wollte nicht einmal von den Klößen kosten. Er weckte meinen Bruder Ostap, fragte nur, ob die Fuhrleute schon lange fort seien, und wickelte sich dann in seinen Schafspelz. Mein Bruder wollte ihn ausfragen. „Wo haben dich denn heute die Teufel hingebracht, Großvater?“ begann er.
„Frage nicht,“ sagte dieser, sich noch fester in seinen Pelz hüllend, „frage nicht, Ostap, vom vielen Fragen kriegt man graue Haare!“ Und er fing so an zu schnarchen, daß die Sperlinge, die sich im Melonenfelde niedergelassen hatten, vor Schreck in die Luft aufflogen. Aber in Wahrheit schlief er gar nicht! Es ist nicht zu sagen, was das für eine schlaue Bestie war — Gott hab ihn selig — aber er verstand es vorzüglich, sich mit allem abzufinden. Manchmal konnt’ er einem ein Liedchen singen, daß man sich nur so in die Lippen biß.
Kaum aber brach der nächste Tag an, und kaum begann es im Felde zu dämmern, da zog der Großvater seinen Kittel an, legte den Gürtel um, nahm einen Spaten und eine Schaufel unter den Arm, setzte die Mütze auf, trank einen Krug Brotkwas, wischte sich die Lippen mit dem Rockschoß und ging geradewegs in des Popen Gemüsegarten. Er war schon am Zaun und an dem niedrigen Eichenwäldchen vorbei. Da schlängelte sich zwischen den Bäumen ein Pfad hin, der gerad ins Feld führte; offenbar derselbe, den er gestern entdeckt hatte. Er betrat das Feld — es war dieselbe Stelle, wo er gestern gewesen war. Da ragte auch der Taubenschlag in die Höhe, aber die Scheune war nicht zu sehen. „Nein, das ist nicht der rechte Ort. Der liegt also etwas weiter; ich muß offenbar umkehren und auf die Scheune zugehen!“ Er kehrte also um, und ging auf einem andern Wege weiter: jetzt war die Scheune zu sehen, aber nun war der Taubenschlag fort! Er kehrte also wieder um und näherte sich dem Taubenschlag, doch nun war wieder die Scheune verschwunden. Und nun begann, wie zu Fleiß, noch ein Regen herunterzurieseln. Er lief wieder nach der Scheune — aber der Taubenschlag war fort; oder zum Taubenschlag — dann war die Scheune fort.
„Verfluchter Satan, daß du es nie mehr erlebtest, deine Kinder zu sehen!“ Der Regen aber rauschte in Strömen herab. Der Großvater zog sich die neuen Stiefel aus, wickelte sie in ein Tüchlein ein, damit sie sich nicht vor Nässe zusammenzögen und gab Fersengeld wie ein herrschaftlicher Renner. Er kroch, ganz durchnäßt bis auf die Knochen, in die Hütte, bedeckte sich mit dem Schafspelz und begann etwas durch die Zähne zu murmeln und den Teufel mit so lieblichen Worten zu traktieren, wie ich sie mein Lebtag noch nicht gehört habe. Ich gestehe, ich wäre ganz rot geworden, wenn so etwas am helllichten Tage geschehen wäre.
Am anderen Morgen erwache ich und sehe: der Großvater zieht auf dem Felde umher, als ob nichts geschehen wäre und bedeckt die Wassermelonen mit Blättern von Kletten. Beim Essen wurde der Alte erst wieder gesprächig und begann meinen jüngeren Bruder damit zu schrecken, daß er ihn gegen ein Paar Hühner umtauschen werde wie eine Wassermelone; nach Tisch schnitt er sich selbst eine Flöte aus Holz und fing an, auf ihr zu blasen; dann gab er uns eine Melone zum spielen, die ganz zusammengeschrumpft war wie eine Schlange, und die er eine türkische Melone nannte. Ich habe nie wieder eine solche Melone gesehen; er hatte den Samen von weit her gesandt bekommen.
Abends, nach dem man gevespert hatte, ging der Großvater mit dem Spaten ins Feld, um ein neues Beet für die späten Kürbisse zu graben. Wie er nun an der behexten Stelle vorüberkam, da konnte er nicht an sich halten und murmelte durch die Zähne: „Verfluchter Ort!“, er trat in die Mitte des Platzes, wo er tags zuvor nicht hatte zu Ende tanzen können, und schlug wütend mit dem Spaten auf die Erde. Da lag plötzlich wieder dasselbe Feld vor ihm: auf der einen Seite ragte der Taubenschlag empor, auf der anderen stand die Scheune. „Noch gut, daß ich so klug war, einen Spaten mitzunehmen,“ dachte er: „Da ist auch der Pfad, da ist das Grab, und da liegt noch der Ast! Sieh, da brennt ja auch das Flämmchen! Daß ich mich nur nicht irre!“
Leise lief er herzu, hob den Spaten in die Höhe, als ob er einem Eber, der sich bis ins Feld verirrt hatte, einen Schlag versetzen wollte, und blieb vor dem Grabe stehen. Das Flämmchen war erloschen und auf dem Grabe lag ein mit Gras bewachsener Stein. „Diesen Stein muß ich heben!“ dachte der Großvater und begann rings um ihn herum die Erde aufzugraben. Der verfluchte Stein war verdammt groß! Doch, nun stemmte er die Füße fest gegen die Erde und stieß ihn vom Grabe herab. „Bums —!“ dröhnte es weit durch’s Tal. „Nun sind wir dich los! Jetzt wird die Arbeit schneller gehen!“ dachte der Großvater.
Und der Alte machte ein wenig Halt, holte seinen Tabaksbeutel hervor, schüttete sich etwas Tabak auf die Faust und wollte ihn an die Nase bringen, als plötzlich über seinem Kopfe ein „Pschü!“ ertönte und jemand so laut nieste, daß die Bäume zu schwanken begannen und das ganze Gesicht des Großvaters bespritzt wurde. „Du könntest dich doch auch abwenden, wenn du niesen willst!“ rief der Großvater und rieb sich die Augen. Er sah sich um, aber es war niemand da. „Der Teufel liebt wohl den Tabak nicht!“ fuhr er fort, steckte den Beutel wieder in die Brust und nahm den Spaten wieder in die Hand. „Er ist wirklich dumm genug dazu! Solch einen Tabak hat weder sein Großvater noch sein Vater je geschnupft!“ Und er begann zu graben. Die Erde war weich, und der Spaten versank nur so in ihr. Jetzt klirrte etwas. Er schaufelte die Erde weg und erblickte einen Kessel.
„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ rief der Großvater und schob den Spaten unter den Kessel.
„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ piepte ein Vogel und pickte auf den Kessel.
Der Großvater wich zur Seite und ließ den Spaten fallen.
„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ blökte ein Hammelkopf von einem Baumwipfel herab.
„Ah, Täubchen, hier also bist du!“ brüllte ein Bär, seine Schnauze hinter dem Baum hervorschiebend.
Den Großvater überlief es kalt. „Hier hat man ja rein Angst, noch ein Wort zu sagen“, brummte er vor sich bin.
„Hat man ja rein Angst, ein Wort zu sagen!“ piepte der Vogelschnabel.
„Angst, ein Wort zu sagen!“ blökte der Hammelkopf.
„Wort zu sagen!“ brüllte der Bär.
„Hm ....“ machte der Großvater, und schrak zusammen.
„Hm!“ piepte der Vogel.
„Hm!“ blökte der Hammelkopf.
„Hum!“ brüllte der Bär.
Voll Angst blickte der Großvater um sich: O Gott, was für eine Nacht! Weder Mond, noch Sterne; und ringsumher nichts wie Schluchten; ihm zu Füßen lag ein schier bodenloser Abgrund, ihm zu Häupten hing ein Fels herab, der gerade auf ihn herunterstürzen wollte! Und es deuchte den Großvater, als blinzelte ihn hinter dem Felsen eine Fratze an: Hu! Hu! Die hatte eine Nase wie der große Blasebalg in der Schmiede; die Nüstern waren so groß, daß man einen Eimer Wasser in jede hinein gießen konnte, und zwei Lippen hatte sie, bei Gott, rein wie zwei Holzklötze! Die roten Augen glotzten nach oben und dazu steckte sie noch die Zunge heraus und bläkte ihn an! „Hol dich der Teufel!“ rief da der Großvater und warf den Kessel hin. „Da hast du deinen Schatz! Solch eine widerwärtige Fratze!“ Und schon wollte er Reißaus nehmen, aber da sah er sich um, und siehe da, es war alles wie früher. „Der Satan will mich nur schrecken!“ dachte er sich.
Er ging wieder daran, den Kessel auszugraben — doch nein, er war zu schwer! Was war da zu machen? Er konnte ihn doch nicht etwa da lassen! So nahm er denn alle Kraft zusammen und packte ihn mit beiden Händen: „Nun also, eins — zwei, drei!“ und er hatte ihn emporgehoben. „So, jetzt nehmen wir mal erst eine Prise!“ dachte er sich.
Er holte den Tabaksbeutel hervor. Zuerst aber sah er sich um, ob auch niemand da war. Nein, es war niemand da, so schien es wenigstens! Aber auf einmal kam es ihm so vor, als ob der Baumstamm ihn anfauchte und sich aufblies, zwei Ohren traten hervor, ein Paar rote Augen quollen heraus, die Nüstern bliesen sich auf und eine Nase zog sich kraus, als wollte sie niesen. „Nein, ich will lieber doch nicht schnupfen!“ dachte der Großvater und steckte den Tabak wieder ein. „Sonst spuckt mir der Satan wieder in die Augen!“ Er ergriff also schnell den Kessel und begann aus allen Leibeskräften zu laufen, da fühlte er, wie ihm von hinten jemand wie mit Ruten auf die Beine schlug ..... „O je, o je!“ schrie der Großvater und rannte weiter, als ob er nicht gescheit wäre; erst als er an des Popen Gemüsegarten vorbeikam, schöpfte er wieder ein wenig Atem.
„Wo mag nur der Großvater geblieben sein?“ dachten wir, nachdem wir drei Stunden auf ihn gewartet hatten. Die Mutter war schon längst vom Vorwerk zurückgekommen und hatte einen Topf mit heißen Klößen mitgebracht. Der Großvater aber kam und kam nicht! Wir setzten uns also allein hin, um zu vespern. Nach dem Abendessen wusch die Mutter den Topf und suchte mit den Augen nach einer Stelle, wo sie das Spülicht ausgießen konnte; denn ringsum gab es nichts als Beete, da sieht sie auf einmal, wie ihr eine Tonne entgegengerollt kommt. Es war ziemlich dunkel. Sicherlich hatte sich jemand von den Burschen mutwillig hinter die Tonne gesteckt und schob sie vor sich hin. „Ei, da kann ich ja das Spülicht in die Tonne gießen,“ sagte sie und goß das heiße Spülicht hinein.
„O weh!“ schrie da eine tiefe Baßstimme auf. Sieh da. Es war der Großvater! Ja, wer konnte denn das wissen! Bei Gott, wir dachten einfach, ein Faß käme herangerollt! Offen gestanden, wenn’s auch eine Sünde ist, aber es war wirklich furchtbar komisch, als der graue Kopf des Großvaters ganz von Spülicht triefend und mit Melonenschalen behängt hervorschaute.
„So ein Teufelsweib!“ rief der Großvater und wischte sich den Kopf mit dem Rockschoß ab. „Wie die mich verbrüht hat, rein wie ein Schwein vor Weihnachten! Na, Jungens, jetzt sollt ihr aber Bretzeln bekommen. Ihr sollt nur in goldenen Schupans herumlaufen, ihr Hundesöhne. Seht her! Seht, was ich euch mitgebracht habe!“ rief der Großvater und deckte den Kessel auf.
Und was glaubt ihr wohl, was drin war? Überlegt’s euch wohl, hört ihr — ihr denkt wohl: Gold? Aber das ist’s ja eben, daß es kein Gold war: Mist, Unrat und sowas ..... Es ist eine Schande zu sagen, was alles da drin war. Der Großvater spuckte aus, warf den Kessel hin und wusch sich die Hände.
Und seit der Zeit beschwor uns der Großvater, niemals dem Teufel zu trauen. „Denkt lieber gar nicht dran!“ sagte er oft zu uns. „Alles, was der Feind Jesu Christi spricht, hat er erlogen, dieser Hundesohn! Der hat auch nicht für einen Deut Wahrheitsliebe!“ Und kaum vernahm der Alte, daß es irgendwo rumore, so rief er uns schon zu: „Schnell Kinder, machen wir ein Kreuz darüber! So, so, so geschieht’s ihm recht! Tüchtig soll er’s kriegen!“ und dann legte er los mit dem Kreuzschlagen. Jenen verhexten Ort aber, an dem er nicht zu Ende tanzen konnte, ließ er umzäunen und ließ von da ab alles, was man nicht brauchen konnte, also den ganzen Schutt und Unrat, den er auf dem Felde ausgrub, dort hinwerfen.
So also foppte des Satans Macht den Menschen! Ich kenne diesen Ort sehr gut: später haben ein paar Kosaken aus der Nachbarschaft ihn von meinem Vater gepachtet, um ihn zu bebauen. Der Boden ist prachtvoll, und die Ernte war immer ganz herrlich; aber von einem behexten Orte kann ja nie Gutes kommen. Man sät etwas, was man braucht, dann aber geht etwas auf, wovon nur der Teufel weiß, was es ist: Es ist kein Kürbis, keine Melone und auch keine Gurke ..... Weiß der Teufel, was es ist.
Biographische Skizze von B. Schenrock
Nikolaj Wassiljewitsch Gogol, der mit vollem Recht als einer der großen schöpferischen Geister im Gebiete der Wortkunst anerkannt wird, hat sich, wie bekannt, seinen Anspruch auf Unsterblichkeit nicht nur durch die großen Qualitäten seiner Werke, sondern auch durch die entscheidende Wirkung erworben, die er als richtunggebende Kraft auf die gesamte Entwicklung des russischen Schrifttums ausübte. Als ein Schriftsteller, der der Literatur unschätzbare Dienste erwies: indem er sie von der Nachahmung befreite und sie endgültig auf die Darstellung des wirklichen Lebens richtete, hat Gogol sich für immer einen der ersten Plätze in der Literaturgeschichte gesichert, wie groß auch die Verdienste seiner Nachfolger sein mögen.
Die persönlichste Note Gogols, des Menschen wie des Dichters, ist die unbezweifelbare Eigenart seiner Erscheinung, dies Wort in seinem höchsten Sinne genommen. Ihr hat er es zu verdanken, daß er fast allein durch sein natürliches Temperament die hohe Vollkommenheit erreichte, die seine Werke auszeichnet. Es ist kaum möglich, einen ähnlich bedeutsamen Vertreter der russischen Literatur zu nennen, der in gleich geringem Maße fremden Einflüssen verpflichtet ist.
Gogol war ein echter Kleinrusse. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der großen russischen Dichter war er sowohl seiner Abstammung wie seiner Erziehung nach fast gänzlich frei von jeder Beimischung fremder Einwirkungen. Mit den frühesten Eindrücken seiner Kindheit sog er zugleich alle nationalen Eigenheiten des Kleinrussentums ein, als er noch die Luft seiner heimatlichen, so inniggeliebten Ukraine atmete. Immer blieb ihm Kleinrußland, das der Gegenwart wie der Vergangenheit, teuer und er forschte lebhaft nach seinen Ahnen, wenn auch nicht in dem Sinne genealogischen Nachspürens. Im Gegenteil: Gogol empfand aufs tiefste den dichterischen Zauber der Erinnerung an die Ahnen, dem er in folgenden tief gefühlten Zeilen Ausdruck gab: „O Vergangenheit, Vergangenheit! Welch ein Jubel, welch eine Befreiung erfüllt unsere Seele, wenn wir von dem hören, was vor langer, langer Zeit, vor Jahr und Tag einmal in der Welt geschah! Und wenn nun noch ein Blutsverwandter, ein Großvater oder Urgroßvater an jenen Ereignissen teilnahm, ah — dann verstummt der sonst so beredte Mund.“ Wir wollen hier nicht die Geschichte Ostaps erzählen, der vermutlich ein Ahne Gogols war und bemerken nur, daß diese echt kleinrussische Familie, wenn auch nur für kurze Zeit, mit zweien ihrer Mitglieder in die Reihen der polnischen Schlachta eingetreten war, was eine Erklärung für den zweiten polnischen Namen liefert, dem die Gogols dem ihren anfügten: Gogols Urgroßvater hieß Jan, nach ihm nannten sie sich auch Janowski, und ihr Erbgut im Kreise Mirgorod, Regierungsbezirk Poltawa, erhielt den Namen Janowschtschina (wie ein anderes Gut, Wassiljewka, seinen Namen nach Gogols Vater Wassilij erhalten hatte). Später war Gogol bemüht, diesen zweiten Namen abzulegen, denn er behauptete, daß „die Polen“ dieses Anhängsel erfunden hätten.
Und doch war Gogol den Professoren und Mitschülern fast ausschließlich unter dem Namen Janowski bekannt. Schon der Sohn Jan Gogols war griechisch-katholisch geworden; er wurde in der Kiewer Akademie erzogen und trat sogar in den geistlichen Stand ein; sein Enkel, der Großvater unseres Dichters, war den Zeugnissen nach, die sich erhalten haben, ein echter Kleinrusse. Für uns hat die Bekanntschaft mit den Ahnen Gogols vor allem die Bedeutung, daß sie uns von der Überlieferung alle als hochbegabte Menschen geschildert werden — jedenfalls waren sie keine gewöhnlichen Erscheinungen. Auch der Vater Gogols, Wassilij Afanaßjewitsch, war ein außerordentlich begabter und herzensguter Mensch, mit einem lebendigen und wißbegierigen Verstand, literarischen Neigungen und einem ausgesprochenen Erzählertalent. Sorglos und geliebt von Nachbarn und Freunden begnügte er sich mit seinem bescheidenen Familienglück und träumte nie von dem lockenden Ruhm des Dichters. Ein Zufall, die Übersiedelung nach dem Gute des bekannten kleinrussischen Magnaten Troschtschinsky, einem Verwandten seiner Frau, Kibinzu, erschloß der dichterischen Begabung Wassilij Afanaßjewitschs ein würdigeres Feld. Dank der weitherzigen Gastfreundschaft Troschtschinskys war dieser immer von Freunden umringt: stets standen Zimmer und ganze Flügel für die Ankömmlinge bereit. In seinem Hause herrschte ewiger Feiertag: man musizierte, spielte Theater, arrangierte Feste — und alles war immer von einer erregten Atmosphäre von Freude und Glanz umgeben. Nicht minder hing man in diesem Schlosse geistigen Interessen nach: selbst bloße Vergnügungen trugen das Merkmal vollendeten Taktes und Geschmacks, und keiner widerstand dem bezaubernden Eindruck des Ganzen. Gogols Eltern wurden hier gern gesehen, und man schien in diesem zeitgenössischen Athen dem alltäglichen Leben ganz entrückt zu sein.
Am 19. März 1800 wurde W. A. Gogol, das ältere von den zwei am Leben gebliebenen Kindern, unser Dichter, geboren. Von dem ersten Tag an war er der Abgott der Familie, vor allem der Mutter, deren Güte und Freundlichkeit allgemein hochgeschätzt wurde. Es ist selbstverständlich, daß der Knabe von seinen Eltern mit zartester Sorgfalt behütet wurde, und so wuchs er mitten unter Gutsherrn und Bauern alten Schlages auf. Schon als Kind hatte ihm die Natur eine außerordentliche Beobachtungsgabe verliehen, und so prägte sich ihm von früher Jugend an das Bild eines kleinrussischen Dorfes ein: unmerklich schleichen sich die kleinrussischen Sagen, Sitten und Tänze in sein Herz. Auf dem Gute Troschtschinskys lernt er vieles kennen, was ihm in der Enge seines väterlichen Hauses ewig unbekannt geblieben wäre. Und hier erlebte er seinen ersten künstlerischen Genuß: als er bezaubert den Dramen Kotlarewskis zuschaute, die von Leibeigenen auf dem Haustheater gespielt wurden. Mit zehn Jahren brachte man ihn nach Poltawa, um ihn dort für sein späteres Studium vorbereiten zu lassen; bald jedoch wurde er nach Njäschin geschickt in das „Gymnasium der höheren Wissenschaften,“ wo er vom Mai 1821 bis Juni 1828 als Schüler verblieb. In der Schule machte der kränkliche, nicht allzufleißige Knabe, der seine geringe Zuneigung zu den Wissenschaften durch eine innige Hingabe an allerlei kleine Streiche und Neckereien ersetzte, weder auf seine Altersgenossen noch auf die älteren Schüler einen besonders guten Eindruck: die einen lachten ihn als einen Spaßmacher aus, die andern verachteten ihn als einen Faulenzer. Der natürlichen Begabung des Knaben, die sich vorläufig nur dadurch kundgab, daß er den Lehrern treffende Spitznamen gab und ihre Eigenheiten geschickt nachahmte, schenkte keiner irgendwelche ernstere Beachtung: aber die von ihm erfundenen Spitznamen werden von den andern sogleich aufgegriffen, und alles belacht seine närrischen Streiche, wenn auch keiner glaubt, daß sich hierin irgend etwas ungewöhnliches ausdrückt. In dieser Zeit faßt er plötzlich eine leidenschaftliche Hinneigung zur Malerei, wohl auch zu Büchern: aber bald beherrscht das Theater widerspruchslos seine Sehnsucht. Er bemüht sich, im Njäjiner Lyzeum kleine Aufführungen zu arrangieren und als Schauspieler gelingen ihm vor allem die Rollen der komischen Alten. Seine Leidenschaft entflammte auch seine Kameraden. Bald gibt er eine Schülerzeitschrift heraus und träumt von seiner Zukunft, die sich in lichten Farben vor ihm eröffnet. Als er sechzehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater plötzlich. Dadurch wird seine Entwicklung entscheidend in eine andere Bahn gelenkt. Aus dem spielerischen Knaben wird unversehens ein Jüngling. Sein und seiner Angehörigen Schicksal, dem er sich ganz widmen will, bemächtigt sich seiner Phantasie: vor allem will er der jüngeren Schwester den Vater ersetzen. Noch immer sind seine Fortschritte in der Schule gering, nur für Geschichte wird ein größeres Interesse bei ihm bemerkbar, ebenso für die Poesie, wenn ihn auch der Literaturunterricht im Gymnasium wenig anzieht. Er macht sich über den Professor, dessen vorsintflutliche Anschauungen noch in der „guten alten Zeit“ wurzeln und der Puschkin verachtet, lustig ... Und dann erwacht die jugendliche Sehnsucht nach Freundschaft in ihm. Außer seiner Knabenfreundschaft mit Danilewski, dem Sohne des Gutsnachbars, gewinnt er noch Wyssozki und die Brüder Prokopowitsch zu Freunden. Die letzten Jahre der Schulzeit eilen schnell vorüber; Wyssozki, der die Schule absolviert hat, reist nach Petersburg, und Gogol, der oft mit dem Freunde von der Hauptstadt im Norden geträumt hat, sehnt sich heiß nach den Ufern der Newa. Seine Träume zaubern ihm das herrliche Leben in Petersburg vor, wo die großen Ziele locken: gereizt empfindet er das Provinzielle seiner Umgebung. Seine scharfe Beobachtungsgabe verbindet sich mit schneidendem Humor zu bissigen Ironien. Aus den kühnen Träumen der Jugend gestaltet sich das Idyll „Hans Küchelgarten“. Endlich naht die Zeit der Abschlußprüfung. Gogol fühlt, daß er noch große Lücken auszufüllen hat und beginnt angestrengt zu arbeiten. In den Briefen an seine Mutter, die in dieser Zeit geschrieben sind, macht er der Schule bittere Vorwürfe, daß sie ihn so lange aufgehalten hat, ohne ihm sichere Kenntnisse beizubringen. Aber endlich besteht er die Prüfling.
Er kehrte auf kurze Zeit in seine Heimat zurück, um dann mit seinem treuen Kameraden Danilewski nach Petersburg zu fahren. Bald enttäuscht die grausame Wirklichkeit die großartigen Träume der Jugend: statt in einem großen Zimmer mit hohen Fenstern auf die Newa hinaus zu wohnen, muß er sich mit einem Raum in einer höheren Etage in einer viel prosaischeren Gegend begnügen; die hohen Preise machen ihn niedergeschlagen. Die Empfehlungsbriefe, mit denen ihn die sorgliche Mutter ausgerüstet hatte, öffnen ihm zwar die Häuser einiger angesehener Personen, bleiben aber ohne jegliches praktisches Resultat. Er leidet Not und muß im Winter mit einem Sommermantel herumlaufen. Er muß allen Vergnügungen entsagen: nicht einmal das heißgeliebte Theater kann er besuchen ... Er fühlt sich tief unglücklich und mit fieberhafter Eile unternimmt er einen Versuch nach dem andern; aber alles mißglückt ihm. Er erinnert sich der Erfolge, die er auf der Bühne des Schultheaters errungen hatte und läßt sich als Schauspieler prüfen: aber sein Organ, klar und jeder Übertreibung bar, macht auf die zeitgenössischen Theateraristarchen einen ungünstigen Eindruck. Er selbst bemerkt es während der Probe und entfernt sich heimlich, ohne das Resultat abzuwarten. Dann fiel es ihm ein, sein Idyll „Hans Küchelgarten“ drucken zu lassen, aber die Kritik nahm es kühl auf, und der gekränkte Dichter warf eiligst seinen Erstling in die Flammen. Inzwischen war ihm aber das Interesse der Petersburger für alles Kleinrussische aufgefallen, und der unternehmungslustige Jüngling beschäftigt sich mit dem Plan, die Komödien seines Vaters aufzuführen. Ebenso beginnt er, mit Hilfe der Mutter und seiner Freunde näheres Material für einige geplante kleinrussische Erzählungen zu sammeln, die er auch wirklich niederschreibt und die unter dem Namen „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ bald eine umfassende Popularität erlangten. Über seine Stimmung zu dieser Zeit mögen einige Zeilen Auskunft geben, die einem gleichzeitigen Brief an seine Mutter entnommen sind: „Ist das eine ein Mißerfolg, kann man zum andern greifen, und mißglückt das auch — dann zum dritten usw. Das Kleinste kann manchmal eine große Hilfe bedeuten.“ In dieser Stimmung reifte plötzlich der Plan in ihm, ins Ausland zu reisen — in das Ausland, von dem er seit seiner Schülerzeit zu Njäschin geträumt hatte! Er sehnte sich nach einem phantastischen Land des Glücks und der schöpferischen Arbeit. Aber auch diesmal enttäuschte die Wirklichkeit die farbige Glut seiner Jugendträume. In der „Beichte des Dichters“ bekannte er, daß „er sich kaum auf dem Meere, auf dem Dampfer, unter fremden Menschen“ befand, als schon die frohen Träume von einem glücklichen exotischen Leben in nichts zerflossen. Kaum hatte er sich flüchtig umgesehen, kaum hatte er Lübeck, Travemünde, Hamburg kennen gelernt, als er schon zurück nach Petersburg eilte. (Nach A. S. Danilewskis Angabe war Gogol aus Petersburg fortgefahren, um sich in Amerika anzusiedeln.) Bald nach seiner Rückkehr erhielt er eine Stellung im Apanagen-Departement. So kläglich hatten seine herrlichen Dichterträume geendet. Und gerade diesen Ausgang hatte er wie das Feuer gefürchtet, und mit allen Kräften sträubte er sich gegen den Gedanken, daß „das Schicksal ihm ein düsteres Heim des Ungekanntseins zugedacht hätte“.
Inzwischen aber gediehen die „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ fleißig weiter; außerdem begann Gogol seine ersten literarischen Versuche in Zeitschriften zu veröffentlichen und Beziehungen zu Schriftstellern anzuknüpfen. So war er endlich auf der Bahn, die zu einer Verwirklichung seiner Träume führen konnte. Delwig, Schukowski, Pletniew — vor allem der letztere — erkannten seine glänzende Begabung und entwickelten für seine Zukunft eine geradezu väterliche Besorgnis. Pletniew verschaffte ihm eine Stellung als Geschichtslehrer am „Patriotischen Institut,“ wo er selbst Geschichtsunterricht erteilte, und ebenso einige Stunden in vornehmen Häusern. Er war es auch, der ihn mit Puschkin bekannt machte. Noch ein paar Mißerfolge hatte Gogol zu überwinden, und dann erhaschte er das Glück, das phantastische, zauberhafte Glück ... Plötzlich fühlte er sich in die Sphäre der höheren literarischen Welt gehoben ... aussichtsreiche Beziehungen eröffneten sich ihm. Vor allem befreundete er sich mit dem vielumworbenen Fräulein A. O. Rosset, der späteren Frau Smirnowa. Ihre gemeinsame heiße Liebe zur Ukraine hatte sie zusammengeführt, und das war für ihn um so bedeutungsvoller, als sich sein Verhältnis zur Heimat in den seelischen Erschütterungen der letzten Jahre wesentlich verändert hatte. War es früher seine leidenschaftliche Sehnsucht, nur schnell in die Hauptstadt zu kommen, so sehnte er sich jetzt aus den schweren Enttäuschungen der großen Stadt in seine geliebte Ukraine zurück, obwohl er die Bedeutung Petersburgs für seine Zukunft wohl erkannt hatte. Im Jahre 1831 gab er unter dem ihm von Pletniew empfohlenem Pseudonym Rudy Panjko die „Abende auf dem Gutshof bei Dikanka“ heraus. Den Sommer verbrachte er in Zarskoje Selo, in glücklicher Gemeinschaft mit Puschkin und Schukowski. (Nunmehr war er überhaupt einer „derer um Puschkin“ geworden.) Erst im Sommer 1832 benutzte er seine Ferien, um die Heimat aufzusuchen. Eine neue Idee hatte sich um diese Zeit seiner bemächtigt: er wollte eine Komödie schreiben, deren Stoff dem alltäglichen Leben entnommen sein sollte. Seine eminente Beobachtungsgabe mußte einmal einen solchen Gedanken gebären, um sich vollkommen entladen zu können: durch sie wurden Züge seiner Umgebung hell bestrahlt, die dem gewöhnlichen Blick für immer verborgen bleiben, obwohl sie in Wahrheit die am tiefsten charakteristischen sind. Das zeitgenössische Repertoire bestand in der Mehrzahl aus affektierten Dramen und Tragödien: teils waren es lärmende Trauerspiele im pseudoklassischen Geschmack, teils anspruchslose Komödien, die, ohne jede Bedeutung, nur der Abwechslung dienten. Es kann nicht stark genug betont werden, daß in dieser Lage Gogols Plan geradezu eine Offenbarung bedeutete: und wenn um Gogols schöpferischer Stellung in der Literatur vielleicht gestritten werden kann, so kann über seine Bedeutung für die dramatische Kunst nicht der geringste Zweifel herrschen. Denn die Entwicklung des russischen Dramas kann selbst durch so starke ästhetische Schöpfungen wie Puschkins „Geizige Ritter“, „Mozart und Salieri“ oder „Der steinerne Gast“ nicht erklärt werden: überall wird man der entscheidenden Einwirkung Gogols begegnen. Seine Ansicht von der Bedeutung des Dramas, die ihm aus tiefstem Innern zugeflossen war, war so selbstständig und neu, daß sie ihm bei einem vorübergehenden Aufenthalt in Moskau die gerühmten Produkte der zeitgenössischen dramatischen Literatur ganz bedeutungslos erscheinen ließ; diesen Aufenthalt in Moskau — übrigens auf seiner Reise in die Heimat — benutzte er, um literarische Beziehungen anzuknüpfen, die er sich vorher sorgfältig ausgewählt hatte und von denen er eine Förderung seiner dramatischen Absichten erwarten konnte, oder die ihm bei einer praktischen Ausnutzung seiner Geschichtsstudien behilflich sein konnten. Gogols Ansichten frappierten allgemein und selbst ein so kultivierter Kenner des Theaters wie S. T. Aksakow war von einigen gelegentlichen Äußerungen aufs tiefste überrascht, deren tiefe Wahrheit er trotz ihrer scheinbaren Seltsamkeit sofort einsah. In Moskau kam Gogol mit M. P. Pogodin und seinen Landsleuten Maximowitsch und dem Schauspieler Schtschepkin in nähere Berührung. Seine Rückkehr in die Heimat bereicherte ihn um viele trostlose Erfahrungen: er kehrte ja nicht mehr als der glückliche, von lichten Träumen erfüllte Jüngling zurück, als der er vor drei Jahren mit Danilewski fortgezogen war. In diesen drei Jahren hatte er etwas köstliches verloren: die frohen Träume der Jugend. Die Träume der Jugend, die voll blühender Sehnsucht die Welt als einen Triumphpfad träumt, mit bunten Blumen überschüttet. Aber der rosa Vorhang ist gesunken, und nackt starrt vor dem bestürzten Auge die kahle Mittelmäßigkeit des Alltags. Und Gogol erfüllt die ernste Tragik des Lebens, die sich unter dem grauen Einerlei des Weltlaufs verbirgt. Alles, was ihm der Traum in verlockenden Bildern gemalt hat, was in der Ferne ihm begehrenswert erschienen war — alles zeigte sich noch nichtiger und trostloser, als es ihm vor drei Jahren erschienen war. Und in der Nähe wartete das gleiche Petersburg auf ihn: aber ohne die magische Aureole, die es ihm vor drei Jahren verklärt hatte. Das alles drückt sich in der veränderten Stimmung seiner nächsten Werke aus: deutlich scheidet sich schon „Mirgorod“ hierin von den „Abenden auf dem Gutshof bei Dikanka,“ die in allem die zärtliche Verklärung der Jugend atmen. Aber kaum ist er wieder in Petersburg angelangt, als er sich schon den Traum einer neuen glücklichen Zukunft ausmalt: er will nach Kiew gehen, um sich dort um die Geschichtsprofessur an der eben eröffneten Universität zu bewerben. Erfüllt von dem Gefühl seiner reichen inneren Kräfte, durchdrungen von der Überzeugung, die im Kreise Puschkins alle beherrschte, daß das Genie der Masse und ihrer Meinung absolut überlegen sei — hatte er sich nie ernste Gedanken über die Verantwortlichkeit einer akademischen Stellung gemacht. Er war fest überzeugt, daß allein durch die Kraft der lebendig-bildlich-bewegten Vorstellung die Künste der „welken Schulmeister“ in Schatten gestellt würden. Nachdem er sich mit Puschkins und Schukowskis Hilfe den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte an der Petersburger Universität erobert hatte, hielt er es natürlich auch nicht für nötig, sich für die bevorstehenden Vorlesungen ernsthaft vorzubereiten: statt dessen überläßt er sich der geliebten Arbeit des dichterischen Schaffens. In dieser Zeit schreibt er den „Revisor.“ Sein Selbstvertrauen wächst maßlos: er denkt daran, eine Geschichte Kleinrußlands im Mittelalter zu schreiben. Das Resultat ist nicht anders, als man erwarten konnte: in seiner Universitätszeit entstehen dichterische Schöpfungen von hohem Werte, würdig seines Talents — aber seine wissenschaftlichen Pläne scheitern jammervoll, und seine Vorlesungen sind, wenn man von einigen wirklich glänzenden absteht, flüchtig und mittelmäßig. Die Hörer verlieren Achtung und Vertrauen vor ihrem Professor, und wenn sie ab und zu in sein Auditorium hineinsehen, geschieht es nur, um sich „durch seine phantastische Diktion unterhalten zu lassen.“ Gogols Professur endete mit einem vollständigen Fiasko, zumal er seine Vorlesungen bald aus Mangel an gelehrtem Material ausfallen lassen mußte. Und da gerade zu dieser Zeit die Anforderungen an die Professoren erhöht wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Abschied zu nehmen. Kurz vorher hatte er auch die Stunden im „Patriotischen Institut“ verloren.
Nach diesen Mißerfolgen richtete er all seine Kraft auf die Aufführung des „Revisors“. Am 19. April 1836 wurde dieses große Werk, das bis heute noch eine hohe Zierde der russischen Bühne ist, endlich zum erstenmal gegeben. Anders als jene Dutzendautoren, deren kühnste Hoffnung nur bis zum freundwilligen Applaus des Publikums reicht, blickte Gogol auf die Bühne: mit tiefer Angst und Wehmut verfolgte er das Schicksal seines Werkes, in das er seine ganze Seele, seine edelsten Kräfte gelegt hatte. Die Pfeile der Komödie trafen scharf ins Ziel, und im Publikum wogte eine außerordentliche Erregung gegen das Werk. Kaiser Nilolaj Pawlowitsch, der bei der ersten Vorstellung des Revisors anwesend war, entschlüpften folgende denkwürdige Worte: „Das ist ein Stück! Alle haben ihr Teil bekommen — aber ich am meisten!“ Von tiefer Anteilnahme für die schonungslose Entblößung sozialer Schäden erfüllt, ebnete der Kaiser durch seine Protektion dem Werk den Weg zur Bühne. Aber statt daß der Dichter über eine so offensichtliche Wirkung erfreut ist, ist er überrascht und niedergeschlagen und wehmütig ruft er aus: „Herrgott, wenn nur einer oder zwei geschimpft hätten — Gott segne sie. Aber alle ... alle!“ Bitter beklagt er sich bei seinen Freunden, daß alle das Werk schmähten und doch abends in die Vorstellung liefen. Die Aufführungen werden durch die üblichen Schikanen und Intriguen der Theaterbehörden immer wieder gestört: und das alles bringt den Kelch schließlich zum Überlaufen. Von den schweren Erlebnissen der letzten Jahre gequält und zerrüttet, reist er mit seinem unzertrennlichen Freunde Danilewski ins Ausland, um dort Ruhe und Zerstreuung zu finden.
Trotz der vielen Mißerfolge blickt er mit unzerstörbarer Heiterkeit in sein zukünftiges Leben. Und so reisten beide Freunde in die Welt hinaus, jung, frei, und fortgerissen von dem Drange, sich in das lockende, fremde, westeuropäische Leben zu stürzen. Fröhlich, als hätten sie die Last düsterer, ewig gleicher Eindrücke für immer abgeworfen, eilten sie einer hellen, rosigen Zukunft entgegen. Die goldenen Träume der Jugend schwebten noch über ihnen, und vor ihnen erhob sich die Morgenröte eines besseren poetischeren Lebens, erfüllt von Jubel und lichtem Glück.
Mit dieser Reise in das Ausland begann für Gogol eine neue Epoche seines Lebens. Von allen Interessen der offiziellen Petersburger Welt getrennt, gab er sich ungehemmt der ihm entgegenbrausenden neuen Welle hin. Er schließt neue Bekanntschaften, und die Distanz zwischen ihm und seiner Vergangenheit wird mit jedem Tage größer, entscheidender. Ein, zwei Monate vergehen — und er fühlte sich allen ehmaligen Sorgen und Ärgernissen entfremdet. Nur die innige Liebe zur Heimat erwacht wieder: und jede Erinnerung wird ihm zu einem sorgsam gehegten Schatz. Aber die Bitterkeit, mit der sie die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatte, ließ sich doch nicht ganz vergessen, und in seinen intimen Bekenntnissen stehen neben begeisterten Hymnen auf die Heimat bittere Klagen über ihre Schattenseiten. Beides ist gleichbezeichnend für des Dichters unübertroffene Aufnahmefähigkeit. Mit der Hingabe eines Jünglings weiß er die zahllosen neuen Eindrücke zu genießen, er reist von einem Land in das andere, um sich endlich für längere Zeit in Italien niederzulassen, das er später seine „zweite Heimat“ nennt. Die Wunder der italienischen Natur und Kunst, die große Eigenart Roms, die Lebensführung, die allem früher Gesehenen nur allzu Gewohntem direkt widersprach — wie stark mußte das alles auf die empfängliche Seele des Künstlers wirken! Und gierig schlürft Gogol den Kelch dieses erregten Lebens, oft mit seinem Freund Danilewski, oft auch mit einem andern Enthusiasten, dem edlen und reinen Maler A. A. Iwanow. In einer glücklichen poetischen Umgebung geben sie sich bis zur Selbstvergessenheit dem ästhetischen Genießen der Natur hin, und voll tiefer Seligkeit empfinden sie sich als freie Menschen, unendlich fern von allem Kalten und Offiziellen, von allen materiellen Ablenkungen. Hier in Italien berührten alle Dinge die Seele unserer Einsiedler zärtlich: das stille Genießen der Kunst, der Zauber der wundervollsten Sprachmelodie, das Ergreifende überraschender Farbenwechsel und die mit nichts zu vergleichende Pracht des südlichen Himmels. Jede durchkreuzte Straße dieser hingebend geliebten Stadt, jeder unbedeutende Winkel in den dunklen und nicht immer ganz sauberen Osterien wird ihnen teuer. Eine besondere Freude war es für Gogol, hier in der Fremde Seelenverwandte zu treffen, und er fand ihrer viele. Mit einem Wort: es war die glücklichste, hellste Zeit seines Lebens.
Aber wie es immer im Leben geht, diese Zeit war nicht von langer Dauer, und ihr Glück mußte hart gebüßt werden. Das Schicksal ist nicht freigiebig mit solchen Geschenken, und es war Gogol nicht lange beschieden, in dieser Hochflut ästhetischer Genüsse zu leben. Allein in dieser Zeit hatte er den ersten Band der „Toten Seelen“ geschrieben, eines Werkes, das nunmehr zu seiner Lebensaufgabe heranwächst. Das glückliche Leben verdüsterte sich durch materielle Sorgen, und auch Wolken anderer Art bedrohten seinen heiteren Horizont. Bald mußte er eine kostspielige Reise nach der Heimat machen, um seine Schwestern aus dem Institut zu nehmen und die jungen unerfahrenen Mädchen wenigstens nach Moskau zu begleiten, und die Rückreise brachte neue Sorgen, die eine erhebliche Anleihe verlangten. Bald vergifteten Krankheiten sein Leben; im Jahre 1840 überstand er nacheinander in Wien und Rom zwei schwere Krankenlager. Eine Zeitlang glaubte er sich sogar am Rande des Grabes. Jede Genesung empfindet der von Kindheit an religiös gestimmte Gogol als eine göttliche Erlösung von dem Tode, die ihm das Schicksal nur gewährt hat, um durch neue Schöpfungen dem Nutzen der Menschheit in einem höheren Sinne dienen zu können oder, wie er sich später äußerte, „um einen Hymnus auf die göttliche Schönheit zu singen“.
Das alles geschah an der Grenze der dreißiger und vierziger Jahre. Die sensible Natur des Künstlers hatte sich der schweren Anfechtungen zu erwehren, die unbarmherzig auf ihn niederprasselten. Einer der schwersten Schicksalsschläge, die ihn betroffen hatten, war der frühe Tod des jungen Josef Wielgorski, an dem er während der letzten Monate seines langsamen Dahinschwindens mit ganzer Seele gehangen hatte. Gogol war für die Freundschaft aufs äußerste empfindlich, und gerade darum blieb der Kreis seiner Freunde immer sehr klein. Aber nicht minder zerrütteten ihn die kleinlichen Sorgen des Alltags. Fern von den aktuellen Tagesfragen und den Interessen der zeitgenössischen literarischen Welt, beschränkt durch seine persönlichen Beziehungen und materiellen Verpflichtungen, konnte er seinen Freunden kaum etwas recht tun. Unter dem Kreuzfeuer ihrer Ansprüche und gegenseitiger Gereiztheiten geriet er unwillkürlich in eine unangenehme und unbequeme Lage, da sie sich alle für berechtigt hielten, eine Unterstützung ihrer zahlreichen Zeitschriften durch Arbeiten aus seiner Feder zu verlangen. So entzweite er sich mit dem ihm einst in Moskau (1841) sehr nahestehenden Pogodin, der ihm Geld geliehen hatte und sich berechtigt fühlte, Arbeiten von ihm zu verlangen. Pletniew und seinen andern Petersburger Freunden gefiel wiederum seine Annäherung an die Moskauer nicht, und die Aksakows mit ihrer aufrichtigen, aber wie Gogol selbst sagte, übertriebenen Liebe zu ihm waren durch seine Anhänglichkeit an Italien verletzt. Die Mühen, die das Erscheinen der „Toten Seelen“ im Jahre 1842 verursachte, machten in Gogol die Erinnerung an die schrecklichen Seelenqualen lebendig, die er bei der Aufführung des Revisors erlitten hatte. Wieder die gleichen offiziellen Scherereien, vor allem mit der Zensur, die Meinungen äußerte wie folgende: der Titel „Tote Seelen“ schon könne nicht zugelassen werden, da die Seele unsterblich sei! Besonders hatte die Erzählung vom Kapitän Kopeikin darunter zu leiden. Wieder war Gogol gezwungen, durch Bitten und Besuche hochgestellte Persönlichkeiten zu interessieren, wieder allerlei quälende Intrigen. Und waren es früher nur die Intrigen im Theater, die ihn marterten, so bereiteten ihm jetzt seine Freunde allerlei Schwierigkeiten: vor den Aksakows mußte er seine Beziehungen zu Belinski[1] verbergen, und bei Pogodin war es ihm unangenehm, daß er mit dem von ihm erborgten Gelde dem Maler Iwanow geholfen hatte. Zu gleicher Zeit beunruhigten ihn die finanziellen Verhältnisse seiner Familie auf das äußerste, und er durfte nicht einmal daran denken, zu helfen, da seine eigene materielle Lage eher alles andere als glänzend war. Noch während seines Petersburger Aufenthaltes hatte er in dieser Beziehung allen Boden unter den Füßen verloren. Nachdem er seinen früheren Beruf aufgegeben hatte, war es ihm nie wieder in den Sinn gekommen, zu einer bestimmten Tätigkeit zurückzukehren — ausgenommen natürlich die Arbeit an seinen Dichtungen. Wiederholt wandte er sich an die Regierung mit der Bitte um eine Subvention, wobei er immer wieder darauf hinwies, daß es sein heißer Wunsch sei, dem Vaterlande zu nützen, und daß er, da er sich in keiner Stellung befände, ohne bestimmte Einnahmen sei. Gleichzeitig befestigt sich in ihm die Überzeugung, daß er sich ganz dem heiligen Werk der Arbeit an den „Toten Seelen“ widmen müsse. Er glaubt sich von Gott dazu berufen, in den folgenden Bänden die Ganzheit des russischen Menschen darzustellen und die besseren helleren Seiten seiner Natur. Für Gogol beginnt sich nunmehr die Frage nach der Fortsetzung seiner Arbeit immer stärker mit dem Problem der Rettung seiner Seele zu verknüpfen; und um die ihm gestellte Aufgabe würdig lösen zu können, glaubt er sich geistig ganz neu gebären zu müssen. Er bittet Gott, ihm Kraft zu verleihen, die ihm bevorstehende heroische Tat vollbringen zu können. Inzwischen geht er immer mehr in sich und verschließt seine Seele vor den andern. Er beginnt, seinen früheren Arbeiten wenig Bedeutung beizulegen, er findet sie leer, und mit der ganzen Kraft seiner Seele geht er in dem innig gehegten Traum auf, seinem Volke das ihm so nötige, noch nie gesagte Wort zu verkünden. Grandiose Perspektiven eröffnen sich vor seinem Auge, und unwillkürlich drängt sich ihm die Empfindung auf, daß der erste Teil der „Toten Seelen“ nur die Vorhalle zu einem mächtigen, noch im Bau befindlichen Palast sei. In dieser Stimmung schreibt er Zeilen, wie jene über Rußland, die tiefster Inspiration entsprungen sind und die ihn den von diesem Anspruch gereizten Zeitgenossen als mehr denn anmaßend erscheinen ließen. Tönend verkündet er in diesen Zeilen, daß nunmehr aller Augen auf ihn gerichtet seien und daß er der Sendbote einer anderen neuen Zeit sei, „wo aus einem anderen Quell ein furchtbarer Sturm der Begeisterung sich erheben wird, aus einem Haupte, das von heiligem Schrecken und strahlendem Glanz umweht ist: und in verwirrtem Zittern wird man den erhabenen Donner anderer Reden hören“. Gogol träumt von seiner messianischen Sendung: wenn er auch nicht, wie es der Traum seiner Jugend war, der ganzen Menschheit Segen bringen könne, so doch zumindest seinem geliebten Vaterlande. Er vergißt seine Bitterkeit und die tiefen Wunden, dankbar segnet er die Vorsehung für sein hohes, über der Ebene des gewöhnlichen Lebens gelegenes Schicksal, und er heißt alle Prüfungen willkommen: selbst die Armut, die er nach seinen eigenen Worten liebgewonnen hat, wie der Liebhaber seine Geliebte. Mit starrer Entschlossenheit beschränkt er seine Habe auf ein „Köfferchen“ mit den Handschriften seiner Werke und einigen Büchern religiösen Inhalts; und zuletzt sucht er Tröstung selbst in den physischen Leiden, die seinen von Natur schwachen Körper mehr und mehr untergraben. Diese Idee, an die er sich klammert und die sein ganzes sittliches Sein erfüllt, wandelt seine moralische Persönlichkeit vollkommen um, obschon es keine wurzelhafte Veränderung ist, vielmehr erhalten einige Seiten seiner moralischen Konstitution, die in der Jugend durch Sehnsucht, Lebensfrische, Gestaltungslust im Gleichgewicht gehalten wurden, jetzt mehr und mehr das Übergewicht. Dieser Prozeß beginnt Ende der dreißiger Jahre und erfüllt das ganze nächste Jahrzehnt, er spiegelt sich deutlich in den Briefen dieser Periode, und wenn er mitunter so abweichende, leidenschaftlich vertretene Beurteilungen findet, so ist dies eine Folge der Verschiedenheit des Gesichtswinkels, unter dem man ihn betrachtet; ob man auf das stürmische Wachsen des inneren Menschen in Gogol achtet, der sich bis zum reinsten Idealismus läutert, oder ob man die seelische Krise Gogols vom Standpunkt des Ästhetikers bewertet, der ihren zerstörenden Einfluß auf seine schöpferische Kraft betrachtet. Unter diesem ästhetischen Gesichtspunkt ergibt sich diese Wandlung als notwendige Folge des Zwiespaltes, in den die freie schöpferische Kraft durch ihre Bindung mit — wenn auch zweifellos idealen — religiösen Motiven geraten muß. Eines aber ist unzweifelhaft: das letzte Jahrzehnt des Dichters stellt einen schmerzlichen und langwierigen Auflösungsprozeß seiner physischen Kräfte dar und ihm parallel einen stetigen Niedergang seiner ästhetischen Schöpfungskraft und eine sich bis zum Krankhaften steigernde religiöse Ekstase. Aber trotz der hartnäckigen Gerüchte, die sich bis über seinen Tod hinaus erhielten, hat keiner seiner Freunde je bei ihm eine geistige Störung festgestellt. Andererseits hat jeder von der äußerst schroffen Umwandlung Gogols während seiner letzten Jahre berichtet, und dieser Eindruck, der von seiner Familie wie von seinem Vertrauten Danilewski bestätigt wird, muß bei der Beurteilung dieser Epoche Gogols durchaus mit berücksichtigt werden. Keime der mystischen Stimmung, die Maximowitsch schon 1835 bei Gogol beobachtet hat, und nach ihm — aber immer noch früher als die andern Freunde — S. T. Aksakow, sind unter dem Eindruck der überstandenen Qualen und der ewigen Angst vor der Not der Todesstunde schnell gereift, außerdem fanden sie auch einen günstigen Boden in der Umgebung, in der Gogol sich während seines Lebens im Auslande befand. Die Gesellschaft der Schukowski, Frau Smirnowas, A. P. Tolstois und des kranken Dichters Jasykow schien geradezu auserwählt zu sein, um Gogol, der von der Heimat getrennt und von allen Einflüssen des westeuropäischen Lebens ganz abgeschlossen war, immer tiefer und hemmungsloser in einen bodenlosen Mystizismus versinken zu lassen. Gogols Umwandlung in seinen letzten Lebensjahren war eine endgültige: mitgerissen von seelischen Entdeckungen, Prophetien, und zermarternden Selbstbespiegelungen und bestürmt von grausamen unablässigen Leiden zerrann ihm sein früheres Dasein in nichts. Seine Verschlossenheit und innere Einsamkeit wuchs: seine Zuneigung zu seinen Jugendfreunden verwandelte sich in eine mißtrauische Gespanntheit, seine dichterische Schöpfungskraft nahm an Umfang und Wert ab. Lange noch lebte Gogol im Ausland, mitunter auch in dem von ihm so innig geliebten Italien, aber er ist nicht mehr der frühere Enthusiast, der sich vor der wundervollen italienischen Landschaft begeistert. Immer ausschließlicher beschränkten sich seine Gedanken auf das Religiöse: es zieht ihn nach Palästina, und eine Zeitlang läßt er sogar die Arbeit an den „Toten Seelen“, um die „Ausgewählten Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“ zu schreiben. 1847 erscheint der Briefwechsel: es entspinnen sich leidenschaftliche Diskussionen, und vor allem gefällt er in seiner von der Zensur entstellten und verkürzten Gestalt dem Autor nicht. Gogol ist bis zum Äußersten gequält und niedergedrückt.