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Sämmtliche Werke 4: Mirgorod cover

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod

Chapter 11: Fünftes Kapitel
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About This Book

A set of independent tales rooted in a Ukrainian provincial setting, blending earthy realism, satirical comedy, folkloric fantasy, and historical adventure. One story portrays the simple routines and slow decline of elderly landowners; another dramatizes the fierce loyalties and brutal conflicts of Cossack life; a comic novella traces a petty but escalating quarrel between neighbors; and a supernatural tale stages eerie encounters with witches and demonic forces. Together the pieces juxtapose domestic detail, grotesque humor, and mythic violence to examine social customs, human folly, and the thin boundary between the ordinary and the uncanny.

„Befehlt ihr, Herren, daß auch wir die Zeichen unserer Würde niederlegen?“ fragten der Richter, der Schreiber und der Kosakenfähnrich. Sie machten sich schon bereit, Tintenfaß, Stab und Heeressiegel niederzulegen.

„Nein, ihr sollt bleiben,“ schrie man aus der Menge, „wir wollen nur den Hauptmann los sein. Was ist das für ein Weib! Wir brauchen einen Mann zum Hauptmann!“

„Wen wollt ihr denn aber zum Hauptmann wählen?“ fragten die Ältesten. „Wählt Kukubjenko,“ schrie ein Teil. „Nein, wir wollen Kukubjenko nicht,“ schrie ein anderer. „Er ist noch zu jung, er hat ja kaum die Kinderschuhe abgelegt.“

„Schilo soll unser Hauptmann sein,“ schrien verschiedene, „Schilo soll Hauptmann sein!“

„Daß euch der Schilo in den Leib fahre!“ schrien andere wieder durcheinander. „Was ist denn das für ein Kosak? dieser Hundsfott stiehlt ja wie ein Tatar! Der Teufel soll ihn holen, steckt ihn in den Sack, den Säufer!“

„Borodaty, wählen wir doch Borodaty zum Hauptmann!“

„Wir wollen Borodaty nicht! Zum Teufel mit Borodaty!“

„Ruft Kirdiaga,“ flüsterte Taraß Bulba einigen zu.

„Kirdiaga, Kirdiaga,“ schrie die Menge. „Borodaty, Borodaty! Kirdiaga, Kirdiaga! Schilo! Zum Teufel mit Schilo! Kirdiaga!“

Die Genannten traten sofort aus der Menge heraus, damit man nicht glauben sollte, sie suchten ihre Wahl durch persönliche Anteilnahme zu befördern.

„Kirdiaga! Kirdiaga!“ Dieser Name erklang öfter als die andern. „Borodaty!“ Endlich wurde die Sache durch die Fäuste ausgefochten, und Kirdiaga trug den Sieg davon.

„Schnell, holt den Kirdiaga,“ riefen viele Stimmen, und sogleich sonderten sich zehn Kosaken von der Menge ab. Einige von ihnen waren so bezecht, daß sie sich kaum aufrecht halten konnten. Sie begaben sich direkt zu Kirdiaga, um ihn von der Wahl zu unterrichten.

Kirdiaga war zwar ein schon recht bejahrter, aber kluger Kosak, der schon lange in seine Strohhütte zurückgekehrt war und so tat, als ob er nichts von dem Vorgefallenen wüßte. „Nun, meine Herren, was wünscht ihr?“ fragte er.

„Komm, du bist zum Hauptmann gewählt worden.“

„Aber ich bitte euch, ihr Herren,“ sagte Kirdiaga, „wie komme ich zu einer solchen Ehre? Wie kann ich euer Hauptmann sein? Ich bin ja gar nicht klug genug, um eine solche Würde zu tragen! Als ob ihr im ganzen Heere keinen Besseren finden könntet, als mich!“

„Komm schnell, hörst du!“ schrien die Saporoger. Zwei von ihnen packten ihn bei den Armen, und so sehr er sich auch mit den Füßen gegen den Boden stemmte, er wurde doch schließlich unter andauernden Schimpfworten, Rippenstößen und aufmunternden Zurufen auf den Platz gebracht. „Sträube dich doch nicht, du Satan! Nimm doch das Ehrenamt an, wenn man es dir anbietet!“ Auf diese Weise wurde Kirdiaga in den Kreis der Kosaken geschleppt.

„Nun Herrschaften!“ riefen die, die ihn hergebracht hatten, laut aus, „seid ihr einverstanden, daß dieser Kosak unser Hauptmann wird?“

„Ja, wir sind alle einverstanden,“ schrie die Menge, und das ganze Feld hallte wider von ihrem Geschrei.

Einer von den Ältesten hob die Keule auf und überreichte sie dem neuerwählten Hauptmann. Der Sitte gemäß weigerte sich Kirdiaga zunächst, sie anzunehmen. Der Älteste bot sie ihm darauf zum zweiten Male an, und Kirdiaga wies sie zum zweiten Male zurück. Erst beim dritten Mal nahm er die Keule an. Nunmehr brach die Menge in ein lautes Beifallsgebrüll aus und wiederum hallte das Feld vom Geschrei der Kosaken wider. Darauf traten vier von den ältesten Kosaken mit grauen Köpfen und Bärten aus der Mitte des Volkes heraus. (Ganz Alte gab es in der Sjetsch nicht, denn kein Saporoger starb eines natürlichen Todes.) Jeder von ihnen nahm eine Handvoll Erde, die um jene Zeit durch den Regen in Kot verwandelt war, und legte sie Kirdiaga aufs Haupt. Die nasse Erde rann ihm vom Kopf herunter, floß ihm über den Schnurrbart und über die Wangen, und beschmutzte ihm das ganze Gesicht. Aber Kirdiaga blieb stehen, rührte sich nicht von der Stelle und dankte den Kosaken für die ihm erwiesene Ehre.

So endete diese höchst geräuschvolle Wahl, über die sich vielleicht niemand so innig freute, wie Bulba. Zunächst, weil er sich an dem früheren Hauptmann gerächt hatte, und dann war Kirdiaga sein alter Kamerad, der mit ihm die gleichen Kriegszüge zu Wasser und zu Lande gemacht, und mit dem er die Mühen und Gefahren des Kriegslebens geteilt hatte. Die Menge zerstreute sich, um die Wahl sofort zu feiern, und nun erhob sich ein Jubel, wie ihn Ostap und Andrij bisher noch nicht erlebt hatten. Die Schnapsläden wurden verwüstet, Met, Branntwein und Bier wurden heruntergegossen, ohne daß jemand an Bezahlung dachte, und die Gastwirte waren schon zufrieden, daß sie selbst verschont blieben. Die ganze Nacht hindurch brüllte und sang man Lieder, in denen die Heldentaten gefeiert wurden, und der aufgehende Mond beleuchtete noch lange die Haufen von Musikanten, die mit Banduren, Teorben und runden Balaleiken durch die Straßen zogen, sowie die Kirchensänger, die man sich in der Sjetsch zur Abhaltung des Gottesdienstes und zur Lobpreisung der Taten der Saporoger hielt. Endlich begann sich der Rausch und die Müdigkeit auch der starken Köpfe zu bemächtigen. Bald da, bald dort sank ein Kosak zur Erde, ein Kamerad umarmte den andern, und wurde rührselig — ja mancher begann sogar zu weinen und taumelte dann zusammen mit dem andern zu Boden. Dort wälzte sich ein ganzer Haufen herum; ein Kosak suchte sich einen möglichst bequemen Ruheplatz und legte sich dabei gerade auf einen Holzklotz. Ein einziger, der stärker war als die übrigen, hielt noch allerhand unzusammenhängende Reden, aber endlich tat es auch diesem der Rausch an — er fiel nieder — und die ganze Sjetsch versank in Schlummer ...

Viertes Kapitel

Gleich am nächsten Tage beriet sich Taraß Bulba mit dem neuen Hetman, wie man die Saporoger zu einem Kriegszuge anstacheln könnte. Der Hetman war ein kluger, gewiegter Kosak, er kannte die Saporoger und sagte daher zuerst:

„Den Eid können wir nicht brechen. Das geht auf keinen Fall.“ Dann schwieg er eine Weile und fuhr fort:

„Es macht nichts, es geht auch so. Wir werden den Eid nicht verletzen, aber ein Vorwand wird sich schon finden. Sorge nur dafür, daß sich das Volk wieder versammelt, aber nicht auf meinen Befehl hin, sondern aus freiem Antriebe ... ihr wißt ja selbst am besten, wie das gemacht wird. Dann kommen wir sogleich mit den Ältesten auf den Platz geeilt, als ob wir von nichts wüßten.“

Es war noch keine Stunde seit diesem Gespräch vergangen, als schon die Pauken erdröhnten. Sogleich war auch wieder eine ganze Menge von betrunkenen und unvernünftigen Kosaken zur Stelle. Tausende von Kosakenmützen füllten plötzlich den Platz. Ein mächtiges Stimmengewirr erhob sich. Überall ertönten Fragen: „Was ist geschehen? Warum hat man uns zusammengerufen?“ Niemand antwortete. Endlich tönte es aus dieser und jener Ecke hervor: „So vergeudet man die Kosakenkraft! Es gibt keinen Krieg! Die Vorsteher haben sich hinter den Ofen gelegt, und schwimmen in ihrem Fett! Es gibt keine Gerechtigkeit mehr in der Welt!“ Die Kosaken hörten erst eine Weile zu und stimmten dann mit in das Geschrei ein: „Wahrhaftig, es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt.“ Die Ältesten schienen über die Vorwürfe sehr bestürzt zu sein. Endlich trat der Hetman vor und sagte: „Werte Herren Saporoger! erlaubt ihr mir, eine Rede zu halten?“

„Rede!“

„Werte Herren, es wird jetzt darüber gesprochen, und ihr wißt es am besten, daß viele Saporoger bei den Juden in den Schenken und auch bei den eigenen Kameraden viele Schulden haben! Kein Teufel traut ihnen mehr. Außerdem spricht man darüber, daß es bei uns eine große Anzahl von jungen Burschen gibt, die noch nie mit eigenen Augen eine Schlacht gesehen haben — während ihr doch selbst wißt, werte Herren, daß so ein junger Mensch ohne Krieg nicht leben kann. Was ist denn das auch für ein Saporoger, der sich noch nie mit den Heiden herumgeschlagen hat!“

„Er spricht ausgezeichnet,“ dachte Bulba.

„Denkt übrigens nicht, ihr Herren, daß ich das sage, um den Frieden zu stören. Gotte behüte mich! Ich meine das nur so. Und ein Gotteshaus haben wir — es ist eine wahre Sünde, wie es aussieht! Solange schon blüht die Sjetsch durch Gottes Gnade, und bis jetzt sind die Heiligenbilder — von dem Äußeren wage ich garnicht zu sprechen — noch immer ohne jeden Schmuck! Hätte ihnen wenigstens noch jemand ein silbernes Gewand geschmiedet! So aber haben sie nur gerade das erhalten, was ihnen der eine oder der andere Kosak hinterlassen hat. Diese Gaben waren aber meistens recht ärmlich, hatten sie doch schon bei Lebzeiten alles vertrunken. Ja, also ich rede nicht etwa, um den Krieg gegen die Ungläubigen zu predigen: wir haben dem Sultan Frieden geschworen, und es wäre eine große Sünde ihn zu brechen, denn wir haben auf unsern Glauben geschworen.“

„Was schwatzt er denn da durcheinander,“ sagte Bulba vor sich hin.

„Ihr seht also, werte Herren, daß sich ein Krieg nicht so leicht beginnen läßt: das wäre gegen unsere Ritterehre. Aber ich in meinem einfältigen Verstande denke mir folgendes: Man müßte einmal allein die Jungen auf Kähnen ein bißchen an der Küste Anatoliens herumstreifen lassen! Was denkt ihr darüber, ihr Herren?“

„Führe uns, führe uns alle dahin,“ schrie die Menge von allen Seiten, „für unsern Glauben opfern wir gern unser Leben.“

Der Hetman erschrak. Er hatte durchaus nicht die Absicht, alle Saporoger in Aufruhr zu bringen; jedenfalls hielt er es in diesem Falle für ehrlos, den Frieden zu brechen. „Gestattet mir noch einige Worte, werte Herren.“

„Hör auf,“ riefen die Saporoger, „was Besseres kannst du ja doch nicht sagen!“

„Nun, wenn ihr meint, so möge es denn sein. Ich bin der Knecht eures Willens. Wie es ja schon in der Schrift heißt: Volkes Stimme — Gottes Stimme. Es läßt sich nichts Klügeres erdenken, als was das ganze Volk ersonnen hat. Aber, werte Herren, ihr wißt, daß der Sultan das Vergnügen, das sich unsere tapfern Burschen gestatten werden, nicht ungestraft lassen wird? Allein inzwischen müssen auch wir uns rüsten und frische Kräfte sammeln, dann brauchen wir niemand zu fürchten. Aber während unserer Abwesenheit könnten die Tataren die Sjetsch überfallen: diese türkischen Hunde wagen es nicht, einem ins Gesicht zu sehen und einem offen gegenüberzutreten, dagegen beißen sie einem gern von hinten in die Fersen, und das gründlich. Hm, und um die Wahrheit zu sagen: wir verfügen auch nicht über so viel Boote und Pulver, wie wir benötigten, wenn alle mitziehen wollten. Im übrigen: was mich betrifft — ich bin zu allem bereit: ich bin nur der Knecht eures Willens.“

Der listige Hetman schwieg. Einzelne Haufen begannen miteinander zu beratschlagen, ebenso die Hauptleute der einzelnen Heerabteilungen. Zum Glück waren nicht allzuviele von ihnen betrunken, und man beschloß daher, sich dem vernünftigen Rat zu fügen.

Sofort wurden einige Leute ans gegenüberliegende Ufer des Dnjepr nach dem Zeughaus gesandt, wo sich in unzugänglichen Verstecken, unter dem Wasser und im Schutt, die Kriegeskasse, sowie ein Teil der vom Feinde erbeuteten Waffen befanden. Die andern machten sich schnell an die Boote, um sie gründlich zu besichtigen und für die Reise auszurüsten. In einem Augenblick war das Ufer vom Volk überschwemmt. Die Zimmerleute kamen mit dem Beil in der Hand herbeigeeilt. Alte, sonnenverbrannte, breitschultrige Saporoger, mit graumelierten und schwarzen Schnurrbärten standen mit aufgeschürzten Schifferhosen bis zu den Knien im Wasser und zogen die Boote an einem festen Tau vom Ufer herab. Andre schleppten fertige, trockene Balken und Baumstämme herbei. Da wurde ein Kahn mit Brettern verschlagen, dort kehrte man einen um und kalfaterte und teerte ihn. Hier befestigte man nach Kosakenbrauch lange Schilfbündel an den Kahnwänden, damit die Meereswellen die Boote nicht zum Kentern bringen sollten. Etwas abseits am Ufer wurden kupferne Kessel aufgestellt, in denen man Pech zum Teeren der Boote siedete. Die Älteren und Erfahrenen belehrten die Jungen, ringsum hallte alles von dem Lärm der Arbeit wider, das ganze Ufer war voller Leben und Bewegung.

Unterdessen näherte sich dem Ufer eine große Fähre, deren Bemannung schon von fern mit den Händen winkte. Es waren Kosaken in zerlumpten Röcken. Ihre zerrissene Bekleidung — mehrere von ihnen hatten nichts als ein Hemd an und eine kurze Pfeife in den Zähnen — bewies, daß sie soeben einer großen Gefahr entronnen waren oder ihr gesamtes Besitztum vertrunken und verbummelt hatten. Aus ihrer Mitte trat ein kleiner, breitschultriger Kosak von etwa fünfzig Jahren hervor, und stellte sich vorn auf die Fähre. Er schrie und bewegte die Arme noch heftiger, als die andern: aber der Lärm und das Klopfen der Arbeiter übertönte seine Stimme. „Wie kommt ihr hierher,“ fragte der Hetman, als die Fähre ans Ufer stieß. Alle Arbeiter stellten die Arbeit ein, ließen Beil und Meißel ruhen und schauten voller Erwartung drein.

„Wir haben Unglück gehabt,“ schrie der kleine Kosak auf der Fähre.

„Was für ein Unglück?“

„Erlauben die Herren Saporoger einige Worte?“

„Sprich.“

„Wollt ihr nicht lieber eine Versammlung abhalten?“

„Sprich, wir sind alle hier.“

Das Volk drängte sich zu einem Haufen zusammen.

„Habt ihr denn garnichts davon gehört, was in der Ukraine vorgeht?“

„Was denn?“ fragte einer der Hauptleute.

„Was? euch hat wohl der Tatar die Ohren verstopft, daß ihr nichts gehört habt!“

„So sprich doch, was geschehen ist!“

„Es geschieht etwas, was wir seit unserer Geburt und unserer Taufe nicht gesehen haben!“

„So sag doch endlich, was es ist, du Hundessohn!“ schrie einer aus der Menge, der die Geduld zu verlieren schien.

„Es ist eine Zeit angebrochen, wo selbst die heiligen Kirchen nicht mehr uns gehören!“

„Weshalb gehören sie uns nicht?“

„Sie sind jetzt an die Juden verpachtet. Wenn man die Juden nicht erst bezahlt, kann man keine Messe mehr darin abhalten.“

„Was faselst du?“

„Und wenn so ein Judenhund mit seiner unreinen Hand nicht ein Zeichen über die Hostie macht, kann man auch kein Ostern mehr feiern.“

„Er lügt, Brüder, es ist unmöglich, daß der unreine Jude ein Zeichen über die Hostie macht!“

„Hört zu, ich werde euch noch ganz andere Dinge erzählen. Katholische Geistliche fahren jetzt in Bauernwagen in der Ukraine herum. Das ist ja freilich noch kein Unglück, daß sie in Bauernwagen herumfahren; wohl aber das, daß sie statt der Pferde rechtgläubige Christen vorspannen. Ja, noch mehr hört mal weiter: man erzählt, daß sich die Judenweiber Röcke aus den Gewändern der Geistlichen nähen! So liegen die Dinge in der Ukraine! Und ihr sitzt hier in der Sjetsch und unterhaltet euch! Ja, man sieht, der Tatar hat euch einen solchen Schrecken eingeflößt, daß ihr weder Augen noch Ohren noch sonst etwas habt, daß ihr nichts davon merkt, was in der Welt vorgeht!“

„Halt, halt,“ unterbrach ihn hier der Hetman, der bis dahin mit zu Boden gesenkten Augen dagestanden hatte, wie alle Saporoger, die sich bei wichtigen Angelegenheiten nie von dem ersten Eindruck hinreißen lassen, sondern schweigen, bis ihre Erbitterung im stillen um so mächtiger anschwillt. „Hör auf, hör auf, hier habe ich auch noch ein Wort mitzureden. Und was habt ihr — der Teufel soll eurem Vater das Fell gerben — was habt ihr getan? Hattet ihr denn keine Säbel, he? Wie konntet ihr denn solche Niederträchtigkeiten zulassen?“

„Wie man eine solche Niederträchtigkeit unbestraft lassen kann! He? Versuch doch nur was anzufangen, wo uns allein fünfzigtausend Polen gegenüberstanden. Und dann, wir wollen unsere Schande nicht verheimlichen; es gab auch Hunde unter uns, die schon den feindlichen Glauben angenommen hatten!“

„Und was taten euer Hetman und eure Heerführer?“

„Unser Hetman hat etwas getan, wovor uns alle Gott bewahre!“

„Wie? was sagst du?“

„Hört zu: Unser Hetman liegt jetzt eingepökelt in einem kupfernen Kessel zu Warschau und die Köpfe und Hände unserer Hauptleute werden zur Augenweide für alles Volk auf den Jahrmärkten herumgeschleppt. So ist es unsern Anführern gegangen!“

Die ganze Volksmasse geriet in Bewegung. Zuerst herrschte tiefes Schweigen, wie es wohl einem schweren Unwetter vorhergeht, dann aber hallte plötzlich das ganze Ufer von wilden Reden, Ausrufen und Schreien wider.

„Was, die Juden haben die christlichen Kirchen gepachtet! Die katholischen Geistlichen spannen rechtgläubige Christen an ihre Deichseln!! Wie, man duldet auf russischem Boden solche Grausamkeiten von den verfluchten Ungläubigen! Und daß sie so mit unsern Heerführern und Hetmans umgehen! Das kann nicht sein, das darf nicht sein!“

So hallte es aus allen Ecken. Die Saporoger schrien sehr laut: sie empfanden ihre Kraft. Das war nicht mehr das Aufbrausen eines leichtsinnigen Völkchens; das war die Erregung bedachtsamer und männlicher Charaktere, die langsam in Hitze gerieten, aber, einmal entflammt, ihr inneres Feuer lange und dauernd bewahrten.

„Die ganze Judenbande muß gehenkt werden,“ schrie es aus der Menge, „sie sollen ihren Judenweibern keine Röcke mehr aus den geistlichen Gewändern nähen! Sie sollen keine Zeichen auf den heiligen Hostien machen!“

„Ersauft doch dies ganze Heidenpack im Dnjepr!“ Diese Worte, die einer aus der Menge gerufen hatte, zündeten blitzartig in allen Köpfen. Die Menge stürzte in die Vorstadt, mit dem festen Entschlusse, die ganze Judenschaft umzubringen.

Die armen Kinder Israel verloren ihre Geistesgegenwart und ihren letzten, schon ohnedies nicht allzu großen Mut, sie versteckten sich in leeren Branntweinfässern und in den Öfen, und verkrochen sich sogar unter den Röcken der Jüdinnen. Aber die Kosaken wußten sie überall zu finden.

„Erlauchte Herren,“ schrie ein langer spindeldürrer Jude, indem er sein mitleiderregendes, schreckentstelltes Haupt aus der Menge seiner Freunde hervorstreckte. „Erlauchte Herren! laßt mich euch nur ein Wort sagen, ein einziges Wort. Wir werden euch etwas mitteilen, was ihr noch nie gehört habt — etwas so Wichtiges; man kann garnicht sagen, wie wichtig es ist!“

„Gut, mag er sprechen,“ sagte Bulba, der es immer liebte, auch den schuldigen Teil anzuhören.

„Erlauchte Herren,“ sprach der Jude, „solche Herren hat man noch nie gesehen! So edle, gute und tapfere Männer gab es noch nie auf Erden.“ Seine Stimme erstarb und zitterte vor Angst. „Wie wäre es möglich, daß wir schlecht von den Saporogern dächten! Die gehören ja gar nicht zu uns, die in der Ukraine die Kirchen pachten! Bei Gott, sie gehören nicht zu uns! Das sind ja gar keine Juden! Der Teufel weiß, was das für Leute sind, das sind solche Schufte, die man bloß anspucken und ausrotten sollte! Alle hier werden es mir bestätigen! Nicht wahr, Schloma, nicht wahr, Schmuhl?“

„Bei Gott! Ob es wahr ist,“ riefen Schloma und Schmuhl aus der Menge; sie trugen zerrissene Mützen und waren so bleich wie Kalk. „Wir haben es nie mit den Feinden gehalten,“ fuhr der lange Jude fort, „und die Katholiken mögen uns überhaupt gestohlen bleiben. Der Teufel kümmere sich um sie. Wir fühlen mit den Saporogern wie mit unsern eigenen Brüdern ...“

„Was! Die Saporoger sollen eure Brüder sein!“ rief einer aus der Menge. „Verfluchte Juden, das überlebt ihr nicht! In den Dnjepr mit ihnen, werte Herren, wir wollen diese verfluchten Hunde ersäufen!“ Diese Worte wirkten wie ein Signal. Man packte die Juden bei den Händen und warf sie in die Wogen. Von allen Seiten ertönte ein jämmerliches Schreien, aber die rauhen Saporoger lachten nur, als sie die mit Schuhen und Strümpfen bekleideten Füße der Juden in der Luft herumzappeln sahen.

Der arme Redner, der durch seine Worte das Unglück selbst heraufbeschworen hatte, wand sich aus dem Kaftan heraus, bei dem man ihn bereits gepackt hatte, warf sich in seinem scheckigen und engen Kamisol Bulba zu Füßen und flehte ihn mit jämmerlicher Stimme an: „Großer, erlauchter Herr! Ich habe Euern Bruder gekannt, den seligen Dorosch! Er war die Zierde des ganzen Rittertums. Ich habe ihm achthundert Zechinen gegeben, als er Geld brauchte, um sich aus der Gefangenschaft der Türken auszulösen!“

„Du kanntest meinen Bruder?“ fragte Bulba.

„Bei Gott, ich kannte ihn! Was war das für ein großmütiger Herr!“

„Und wie heißt du?“

„Jankel.“

„Gut,“ sagte Taraß und wandte sich nachdenklich an die Kosaken. „Wenn es sein muß, werden wir immer noch genug Zeit haben, den Juden aufzuknüpfen — jetzt aber überlaßt ihn mir.“

Mit diesen Worten führte Taraß ihn zu seinem Wagen, neben dem seine Kosaken standen. „Nun, krieche unter den Wagen, bleib dort liegen und rühr dich nicht vom Fleck; und ihr, Brüder, laßt mir den Juden nicht entweichen!“

Hierauf begab er sich nach dem Platz, wo die ganze Schar bereits versammelt war. Alle hatten das Ufer und die Arbeit an den Kähnen augenblicklich verlassen, stand doch jetzt ein Kriegszug zu Lande und nicht zu Wasser bevor, und man bedurfte der Schiffe und der Kosakenboote nicht mehr, wohl aber der Wagen und Pferde. Jetzt wollten alle mit in den Krieg, Alt und Jung; im Einverständnis mit dem Rate der Ältesten, dem Hetman, den Hauptleuten und dem ganzen Heer der Saporoger beschloß man, direkt nach Polen zu ziehen, um sich für alles Böse, für die Schändung des heiligen Glaubens und der Kosakenehre, zu rächen, in den eroberten Städten Beute zu machen, Dörfer und Scheunen in Brand zu setzen und überall in der Steppe seinen Ruhm zu verbreiten. Alles rüstete und bewaffnete sich. Der Hetman schien um mehrere Zoll gewachsen zu sein. Das war nicht mehr der schüchterne Vollstrecker der launischen Wünsche eines ungezähmten Volkes; das war ein unbeschränkter Gebieter, ein Despot, der nur zu befehlen verstand. Alle die eigenwilligen und stolzen Ritter standen bewegungslos in Reih und Glied mit ehrerbietig gesenkten Köpfen, und keiner erhob die Augen, wenn der Hetman Befehle erteilte. Er tat es ruhig, ohne viel Geschrei und ohne sich zu übereilen, aber bedächtig wie ein alter, vielerfahrener Kosak, der nicht zum erstenmal einen klug erdachten Plan zur Ausführung bringt.

„Seht euch um, seht euch recht gut um,“ sagte er, „bringt die Wagen und Teereimer in Ordnung, prüft eure Gewehre. Nehmt nicht zu viel Kleidung mit euch: ein Hemd und zwei Paar Hosen pro Mann und einen Topf mit Hirsebrei — keiner soll mehr bei sich führen. In den Wagen wird schon soviel Vorrat sein, als unbedingt nötig ist. Jeder Kosak soll ein Paar Pferde mit sich führen, auch nehmen wir zweihundert Paar Ochsen mit, da wir ihrer bei den Furten und in den morastigen Gegenden bedürfen könnten. Und, werte Herren, haltet vor allem auf Ordnung! Ich weiß, daß es einige unter euch gibt, die, sobald Gott eine reiche Beute schickt, sich sofort die Füße in Nanking und Seide hüllen. Laßt euch nicht vom Teufel verführen, werft allen Tand fort und nehmt euch höchstens ein Gewehr mit, wenn es gut ist, und ein paar Dukaten oder etwas Silbergeld — das sind Dinge, die nicht viel Raum einnehmen und die man immer gebrauchen kann.

Und das sage ich euch im voraus, werte Herren: sollte sich jemand von euch während des Feldzuges betrinken, so lasse ich ihn ohne jedes Gerichtsverfahren, wie einen Hund beim Genick packen, an den Wagen binden, und — mag er der tapferste Kosak sein — er wird sofort wie ein Hund erschossen und ohne Begräbnis den Vögeln zum Fraß überlassen, denn jemand, der sich im Feldzug betrinkt, ist eines christlichen Begräbnisses unwürdig. Ihr aber, ihr jungen Männer, gehorcht in allem den Alten. Wenn euch eine Kugel trifft oder ein Säbel euch am Kopf oder sonstwo verwundet: legt dem keine große Bedeutung bei; mischt eine Ladung Pulver in einem Becher Schnaps, trinkt ihn mit einem Satz aus, und alles geht vorüber, ohne jedes Fieber; oder wenn die Wunde nicht gar zu groß ist, so legt einfach etwas Erde darauf, nachdem ihr sie erst auf der Handfläche mit etwas Speichel verrieben habt: dann heilt sie bald zu. Und nun, an eure Arbeit, ihr Jungen, an die Arbeit, aber ohne Eile und mit Bedacht!“

So sprach der Hetman, und sobald er seine Rede beendet hatte, machten sich alle Kosaken sofort an ihre Arbeit. Die ganze Sjetsch wurde nüchtern und nirgends war ein Betrunkener mehr zu sehen, als hätte es unter den Kosaken nie welche gegeben. Die einen brachten die Räderreifen in Ordnung und ersetzten die alten Wagenachsen durch neue, andere trugen Säcke mit allerhand Vorräten in die Wagen oder luden Waffen auf, andere wieder trieben die Pferde und Ochsen zusammen. Von allen Seiten hörte man das Stampfen der Pferde, das Einschießen der Gewehre, das Klirren der Säbel, das Gebrüll der Ochsen, das Knarren der schwerbepackten Wagen und das laute Schreien und Rufen der Krieger. Bald dehnte sich das Kosakenlager über das ganze Feld aus. Und der hätte lange laufen können, der es von Anfang bis Ende hätte durchqueren wollen. In der kleinen Holzkirche hielt der Geistliche einen Gottesdienst ab und besprengte alle mit Weihwasser, und alle küßten das Kreuz. Als das Lager sich in Bewegung setzte und aus der Sjetsch hinauszog, da sahen sich alle Saporoger noch einmal um. „Leb wohl, du, unsere Mutter,“ riefen sie fast einstimmig, „möge dich Gott vor jedem Unglück bewahren!“

Als sie durch die Vorstadt zogen, bemerkte Taraß Bulba, daß der Jude Jankel sich bereits wieder eine Bude mit einem Schutzdach eingerichtet hatte und Feuersteine, Decken, Pulver und allerlei nützliche Dinge, die ein Heer im Kriege brauchen kann, ja sogar Zwieback und Brot feilbot. „So ein Teufelskerl dieser Jude,“ dachte Taraß, sprengte an ihn heran und sagte: „Du Narr, was sitzt du hier? Willst du, daß man dich wie einen Sperling niederschießt?“

Jankel trat vorsichtig zu ihm heran, machte ihm mit beiden Händen allerhand Zeichen, als wolle er ihm ein Geheimnis mitteilen, und sagte: „Wenn der Herr nur schweigen und es sonst keinem sagen wollte; unter den Kosakenwagen befindet sich einer, der mir gehört, ich führe allerlei nützliche Dinge für die Kosaken mit, und will euch unterwegs den Proviant so billig liefern, wie noch nie ein anderer Jude; bei Gott, es ist so, so wahr mir Gott helfe!“

Taraß Bulba zuckte die Achseln; er wunderte sich über die zähe, flinke Natur des Juden und ritt ins Lager zurück.

Fünftes Kapitel

Bald war der ganze Südwesten Polens eine Beute des Schreckens. Überall erklang der Ruf: „Die Saporoger, die Saporoger sind gekommen!“ Alles was sich in Sicherheit bringen konnte, tat es. Alles machte sich auf und davon, wie es in jenem barbarischen, sorglosen Zeitalter Sitte war, wo man weder Festungen noch Burgen kannte, und wo der Mensch sich seine Strohhütte an dem ersten besten Ort baute. Man dachte: es hat ja doch keinen Sinn, Arbeit und Geld an ein Haus zu wenden, wenn der Tatar es ja doch zerstört. Alles geriet in Bewegung und Unruhe; der eine vertauschte Pflug und Heerde gegen Pferd und Flinte und trat in das Heer ein, ein anderer versteckte sich und sein Vieh und trug fort, was er tragen konnte. Gewiß stieß man hin und wieder auch auf solche, die die Gäste mit der Waffe in der Hand empfingen, aber die weitaus größere Zahl entfloh schon vorher. Alle wußten es, daß es eine schwere Sache ist, sich mit jenem wilden und kriegerischen Haufen einzulassen, der den Namen des „Saporoger Heeres“ trug, und der trotz seiner äußerlichen Willkür und Unordnung eine Ordnung zu halten wußte, wie sie in der Schlacht erforderlich ist. Die Reiter überlasteten und erhitzten ihre Pferde nicht; die Fußgänger schritten nüchtern hinter den Wagen her; das ganze Feldlager bewegte sich nur nachts vorwärts, bei Tage ruhte es aus und zwar auf freien und unbewohnten Plätzen und Wäldern, die damals noch im Überfluß vorhanden waren. Man sandte Kundschafter und Spione voraus, um sich über die jeweilige Lage zu unterrichten. Oft tauchte die ganze Schar gerade an den Orten auf, wo man sie am wenigsten erwartete — und dann sagten alle dem Leben Ade. Die Dörfer wurden an allen Ecken und Enden angezündet; das Vieh und die Pferde, die dem Heere nicht folgen konnten, wurden an Ort und Stelle niedergemacht. Es schien, als ob die Kosaken es mehr auf ein schwelgerisches Leben abgesehen hatten, als auf einen Feldzug. Die Haare stehen einem noch heute zu Berge, wenn wir uns jene schrecklichen Zeichen der Grausamkeit eines halbwilden Zeitalters ins Gedächtnis rufen, wie sie die Saporoger überall offenbarten. Erschlagne Säuglinge, Frauen mit abgeschnittenen Brüsten, das waren ihre Heldentaten; und wenn sie jemand in Freiheit setzten, zogen sie ihm vorher bis zu den Knien die Haut von den Füßen ab. Kurz, die Kosaken zahlten ihre früheren Schulden mit harter Münze heim. Als der Abt eines Klosters hörte, daß sie im Anzuge seien, sandte er ihnen zwei Mönche entgegen und ließ ihnen sagen, sie handelten nicht so, wie es sich gehöre; zwischen den Saporogern und der Regierung sei Frieden geschlossen, daher verletzten sie ihre Pflicht gegen den König und zugleich damit das Völkerrecht. Hierauf erwiderte ihnen der Hetman: „Sage deinem Erzbischof in meinem und aller Saporoger Namen, daß er nichts zu befürchten hat, die Kosaken zünden sich ja bloß ihre Pfeifen an.“

Bald war die majestätische Abtei von vernichtenden Flammen erfaßt, und die mächtigen gotischen Fenster schauten düster durch das lodernde Glutmeer. Flüchtige Haufen von Mönchen, Juden und Frauen erfüllten plötzlich alle Städte, in denen nur ein Schein von Hoffnung auf die Garnison und die städtische Besatzung bestand. Die von der Regierung von Zeit zu Zeit, aber meist immer zu spät zu Hilfe gesandten Detachements fanden die Kosaken entweder nicht oder gaben bei dem ersten Zusammenstoß Fersengeld und flüchteten sich auf ihren wackeren Pferden. Es kam auch vor, daß einige königliche Heerführer, die in früheren Schlachten siegreich geblieben waren, beschlossen, sich den Saporogern mit vereinten Kräften entgegenzustellen. Das aber waren gerade die Gelegenheiten, in denen die jungen Kosaken ihre Kräfte prüften: sie verabscheuten die Geldgier und die Nichtswürdigkeiten gegenüber dem wehrlosen Feind, hier aber brannten sie vor Verlangen, sich vor den Alten auszuzeichnen und sich Mann gegen Mann im offenen Kampfe mit dem kecken und prahlerischen Polen zu messen, der auf seinem stolzen Roß im prächtigen, vom Winde geblähten Mantel mit den herabhängenden Ärmeln angesprengt kam.

Das war eine fröhliche Wissenschaft; sie hatten schon viel reiches Pferdegeschirr, kostbare Säbel und Gewehre erbeutet. Im Verlauf eines Monats hatten die Jünglinge alles Knabenhafte abgelegt, und die kaum flügge gewordenen Jungen waren zu Männern herangereift; ihre Gesichtszüge, die bisher eine gewisse jugendliche Sanftheit aufwiesen, waren nun streng und ernst. Der alte Taraß sah mit Freuden, wie seine beiden Söhne überall die ersten waren. Ostap schien schon in der Wiege dazu bestimmt zu sein, ein Kämpferdasein zu führen, und Heldentaten zu verrichten. Nichts brachte ihn in Verwirrung oder ließ ihn den Kopf verlieren; mit einer für einen zweiundzwanzigjährigen Jüngling fast unverständlichen Kaltblütigkeit wußte er im Augenblick die Gefahr und die Sachlage zu überblicken; und er fand auch sofort ein Mittel, der Gefahr auszuweichen, aber so daß er sie um so sicherer überwand. Seine Bewegungen zeigten schon Erfahrung und Selbstvertraun: man erkannte in ihm sofort den zukünftigen Führer. Sein Körper schwoll von Kraft; und seine ritterlichen Tugenden hatten etwas von der gewaltigen Kraft des Löwen.

„Oh, der wird mit der Zeit noch ein tüchtiger Hetman werden,“ sagte der alte Bulba, „ja, ja, das gibt einen ausgezeichneten Feldherrn ab, der stellt noch den Vater in Schatten.“

Andrij war wie bezaubert von der wundervollen Musik der Kugeln und Schwerter. Er kannte die Bedeutung des Überlegens, Berechnens und des Ausmessens der eignen und fremden Kräfte nicht. Die Schlacht war ihm ein tolles, wonniges Vergnügen, und ihm war in solchen Augenblicken zumute, wie einem Menschen bei einem Feste, wenn das Gesicht glüht, alles vor den Augen schwirrt und durcheinandergeht, die Schädel herabsausen, die Rosse dröhnend zu Boden stürzen, und er wie trunken im Lärm der Kugeln und zwischen blitzenden Säbeln dahinfliegt, und nach allen Seiten um sich haut, ohne selbst die Hiebe zu empfinden, die er empfängt. Oft genug wunderte sich der Vater auch über Andrij, wenn er sah, wie er, von seiner wilden Leidenschaft hingerissen, sich an Dinge wagte, die ein Kaltblütiger und Überlegender stets gemieden hätte, und in seinem rasenden Draufgängertum Wunder verrichtete, über die selbst alte in Schlachten ergraute Kosaken in Staunen geraten mußten. Dann bewunderte ihn der alte Taraß und sagte wohl: „Auch er ist ein tüchtiger Krieger — der Feind vermag nichts gegen ihn. Er ist kein Ostap, aber doch ein tüchtiger, ein sehr tüchtiger Krieger.“

Man hatte beschlossen, direkt gegen die Stadt Dobno zu marschieren, die, wie es hieß, reiche Schätze barg und begüterte Bürger beherbergte. In anderthalb Tagen war der Weg zurückgelegt, und die Saporoger standen bereits vor der Stadt. Die Einwohner hatten beschlossen, sich bis zum letzten Blutstropfen, ja bis zum Äußersten zu verteidigen, und wollten lieber auf den Märkten und an den Schwellen ihrer Häuser sterben, als den Feind in ihr Heim hineinlassen. Ein großer Erdwall umgab die Stadt; wo er zu niedrig war, da erhob sich eine steinerne Mauer, oder ein Haus, das als Batterie diente, oder endlich ein aus eichenen Bohlen errichteter Zaun. Die Besatzung war stark und empfand die ganze Bedeutung der Lage. Die Saporoger hatten schon einen wilden Sturm gegen den Wall versucht, aber ein Kartätschenfeuer prasselte auf sie herab. Auch die Bürger und die sonstigen Stadtbewohner schienen die Hände nicht in den Schoß legen zu wollen und eilten in Massen auf die Stadtmauern. Der feste Wille zu einem verzweifelten Widerstand war in ihren Augen zu lesen: die Frauen beschlossen ebenfalls, an der Verteidigung teilzunehmen, warfen Steine, Fässer und Töpfe voll siedendem Pech auf die Köpfe der Saporoger und schütteten zuletzt Säcke voll Sand über sie aus, die ihnen die Augen blendeten. Die Saporoger hatten es nicht gern mit Festungen zu tun, Belagerungen waren eben ihre Sache nicht. Der Hetman ordnete daher den Rückzug an und sagte: „Genug, werte Herren und Brüder, wir ziehen uns zurück. Aber ihr sollt mich einen schlechten Tataren und nicht einen Christen nennen, wenn wir auch nur einen aus der Stadt herauslassen. Mögen sie alle vor Hunger krepieren, die Hunde!“ Das Heer zog sich zurück, umzingelte die Stadt und begann zum Zeitvertreib die Umgebung zu verwüsten. Man zündete die umliegenden Dörfer und die noch nicht eingebrachten Getreidehaufen an und hetzte die Pferde in Massen auf die von der Sichel noch unberührten Felder, auf denen sich wie zum Trotze fette Ähren wiegten — die Frucht eines außerordentlich guten Jahres, das den Bauern eine reichliche Ernte versprach. Voller Schrecken sahen die Bürger in der Stadt, wie ihre Existenzmittel vernichtet wurden. Unterdessen hatten die Saporoger ihre Wagen in zwei Reihen um die Stadt gezogen, und gerade so wie in der Sjetsch in einzelnen Quartieren ihr Lager aufgeschlagen; sie rauchten ihre Pfeifen, tauschten miteinander ihre erbeuteten Waffen aus, spielten Bockspringen, Gerade und Ungerade, wie sichs traf, und noch andere Glücksspiele und blickten hie und da mit geradezu mörderischer Kaltblütigkeit nach der Stadt hin. Nachts wurden Feuer angezündet, jedes Quartier kochte sich seinen Brei in mächtigen kupfernen Kesseln, und die Wachen, die die ganze Nacht kein Auge schließen durften, standen um das Feuer herum.

Bald aber wurden den Saporogern die Tatenlosigkeit und die andauernde Nüchternheit, der keine Unternehmungen das Gleichgewicht hielten, langweilig. Der Hetman ordnete sogar an, eine doppelte Ration Wein auszuteilen, wie es im Heer hin und wieder zu geschehen pflegte, wenn keine Schlachten oder sonstige schwierige Unternehmungen bevorstanden. Den jungen Kosaken und besonders Taraß Bulbas Söhnen gefiel ein solches Leben ganz und gar nicht. Andrij war die Ungeduld schon von weitem anzusehen. „Du unvernünftiger Bursche,“ sagte Taraß zu ihm, „hab Geduld, Kosak! — und du wirst Hetman! Nicht der ist ein guter Krieger, der nur in schwierigen Lagen den Kopf oben behält, sondern der, der den Mut nicht sinken läßt, auch wenn es nichts zu tun gibt, der alle Dinge erträgt und endlich doch seinen Willen durchsetzt.“ Aber ein feuriger Jüngling versteht einen Greis nicht so leicht: ihre Natur ist zu verschieden, und sie sehen die gleiche Sache mit ganz andern Augen an.

Inzwischen aber war Taraß’ Aufgebot unter Towkatschs Führung angekommen, und mit ihm zwei Hauptleute, ein Schreiber und andere Offiziere; die Gesamtzahl der Kosaken betrug jetzt mehr als viertausend. Darunter befanden sich auch viele Freiwillige, die ganz von selbst auf das bloße Gerücht von den Kämpfen und ungerufen zu ihnen gestoßen waren. Die Hauptleute brachten Taraß’ Söhnen den Segen der alten Mutter und je ein Heiligenbild aus Zedernholz aus dem Meschigorski-Kloster von Kiew mit. Beide Brüder hingen sich die heiligen Bilder um den Hals und verfielen unwillkürlich in Träumereien, als sie so an die alte Mutter erinnert wurden. Was prophezeite, was verhieß dieser Segen? Den Sieg über den Feind, eine reiche Beute und frohe Rückkehr in die Heimat, ewige Preisgesänge der Lautenspieler — oder ...? Aber die Zukunft kennt keiner — und wie Herbstnebel, der aus dem Sumpf emporsteigt, liegt sie vor dem Menschen: blind fliegen die Vögel, ängstlich mit den Flügeln schlagend, hin und her, sie erkennen einander nicht — das Täubchen nicht den Habicht und der Habicht nicht das Täubchen — und niemand weiß, ob nicht das Verderben schon auf ihn wartet, während er weiter fliegt ...

Ostap beschäftigte sich wieder mit seinen Angelegenheiten und lebte sein gewöhnliches Lagerleben, aber Andrij empfand — er wußte selbst nicht warum — eine gewisse Unruhe im Herzen. Die Kosaken hatten ihr Abendessen bereits eingenommen, das Abendrot war längst verglüht, und die Luft war voll von der Pracht einer wundervollen Julinacht. Allein Andrij suchte sein Lager nicht auf, er legte sich nicht schlafen und versenkte sich unwillkürlich in das Bild, das sich vor ihm ausbreitete. Am Himmel leuchteten viele Sterne voll weißen und kühlen Glanzes auf. Das Feld war über eine weite Strecke hin mit Wagen bedeckt, die allerlei schöne Dinge und den Proviant bargen, den man dem Feinde geraubt hatte, und an denen mit Teer gefüllte Eimer hingen. Neben und unter den Wagen, und nicht weit davon entfernt lagen die Saporoger weit ausgestreckt auf dem Grase. Sie waren in den verschiedensten, malerischsten Stellungen eingeschlafen: der eine hatte sich ein Bündel, der andere die Mütze unter den Kopf geschoben, ein dritter benutzte einfach den Körper seines Kameraden als Kissen. Neben jedem Kosaken lag ein Säbel, eine Büchse, eine kurze Pfeife mit Kupferbeschlag und einem eisernen Stäbchen, sowie ein Feuerstein. Schwerfällige Ochsen lagen, die Beine unter den Körper gezogen, auf dem Felde, und ihre großen weißlichen Massen glichen von ferne grauen Felsblöcken, die auf den abschüssigen Feldern verstreut lagen. Von allen Seiten ertönte das Schnarchen der auf dem Grase ruhenden Krieger, dem vom Felde her die über ihre Fesselung unwilligen Hengste mit lautem Gewieher antworteten.

Diese Julinacht bot indessen auch majestätische und drohende Bilder dar: den Widerschein der brennenden Dörfer im Umkreis. Hier stieg die Flamme stolz und königlich zum Himmel auf, dort loderte sie plötzlich — von neuer Nahrung gespeist — wie ein entfesselter Wirbel pfeifend bis zu den Sternen empor, und ihre Funken erloschen erst fern am Horizont. Drohend wie ein Karthäuser Mönch stand das abgebrannte schwarze Kloster da und ließ bei jedem Aufleuchten des Feuers seine ganze düstere Größe sehen; etwas weiter brannte der Klostergarten, man glaubte die in Rauch gehüllten Bäume prasseln zu hören, und, so oft die Flammen hervorzüngelten, fiel ihr Schein plötzlich mit violettem, phosphoreszierendem Licht auf die reifen Pflaumenbüschel oder verwandelte hie und da die gelben Birnen in eitel Gold, bisweilen aber tauchte gleich einer schwarzen Masse der elende Körper eines an einem Baumast oder an einer Mauer hängenden Juden oder Mönches auf, der zugleich mit dem Gebäude seinen Untergang gefunden hatte. In gemessener Entfernung umkreisten Vögel, die kleinen schwarzen Kreuzen auf einem feuerroten Felde glichen, den Brandherd.

Die umzingelte Stadt schien im Schlaf versunken, ihre Türme, Dächer, Zäune und Mauern leuchteten stumm im Widerschein der fernen Brände ... Andrij schritt durch die Reihen der Kosaken. Die Scheiterhaufen, an denen die Wächter saßen, drohten jeden Augenblick zu verlöschen, und die Wächter selbst waren eingeschlafen, nachdem sie ihren kräftigen Kosakenappetit reichlich befriedigt hatten. Er wunderte sich nicht wenig über ihre Sorglosigkeit und dachte darüber nach, wie gut es doch sei, daß kein starker Feind in der Nähe und daß nichts zu fürchten wäre. Endlich näherte auch er sich einem der Wagen, kletterte hinauf und legte sich auf den Rücken, nachdem er die gefalteten Hände unter den Kopf geschoben hatte. Aber er konnte nicht einschlafen und blickte lange zum Himmel empor, der sich in seiner ganzen Unendlichkeit offen vor ihm ausbreitete; die Luft war rein und durchsichtig, das Sternenheer, das die Milchstraße bildete, zog sich schräg gleich einem Gürtel über den Himmel hin, und alles war wie mit Licht überflutet. Von Zeit zu Zeit schien Andrij alles zu vergessen, ein leichter Schlummer verhüllte wie ein Nebel den Himmel, der sich jedoch bald wieder aufklärte und ganz sichtbar wurde.

Mit einem Male war es ihm, als nähere sich ihm ein sonderbares menschliches Gesicht. Er glaubte natürlich, es sei ein Traum, der sich gleich wieder verflüchtigen werde, öffnete die Augen weit und sah, daß sich wirklich ein welkes und verhärmtes Gesicht über ihn gebeugt hatte und ihm in die Augen starrte. Lange, kohlschwarze, ungekämmte Haarsträhnen krochen wild aus dem dunklen, leicht übergeworfenen Kopftuch hervor. Das sonderbare Leuchten des Auges und die totenhafte Blässe des mageren Antlitzes mit den scharf hervortretenden Zügen verstärkten seine Meinung, ein Gespenst vor sich zu haben. Unwillkürlich griff er nach der Flinte und stieß fast krampfhaft hervor:

„Wer bist du? Bist du ein Teufel, so hebe dich weg, weit fort aus meinen Augen, bist du aber ein Mensch, so scherzest du zur Unzeit, ich nehme mein Gewehr und schieße dich nieder!“

Statt jeder Antwort legte die Erscheinung den Finger an den Mund und schien hierdurch um Schweigen zu flehen. Er ließ den Arm sinken und begann, sie aufmerksamer zu betrachten. An den langen Haaren, dem Hals, der braunen halbentblößten Brust erkannte er eine Frau. Sie schien eine Ausländerin zu sein: ihr Gesicht hatte eine gelblich-braune Farbe und war durch Krankheit völlig abgemagert, die breiten Knochen traten stark unter den eingefallenen Wangen hervor; der schmale Schlitz der Augenlider stieg bogenförmig nach oben empor. Je länger er sie betrachtete, um so bekannter schienen ihm ihre Züge. Endlich hielt er es nicht mehr aus und fragte:

„Sprich, wer bist du? Ich glaube, dich schon einmal gekannt oder gesehen zu haben?“

„Vor zwei Jahren in Kiew ....“

„Vor zwei Jahren in Kiew,“ wiederholte Andrij und suchte sich an alles zu erinnern, was sein Gedächtnis ihm aus seiner Seminarzeit noch aufbehalten hatte. Noch einmal faßte er sie fest ins Auge und plötzlich schrie er laut auf: „Du — du bist die Tatarin! Die Zofe des Fräuleins, der Tochter des Wojewoden!“

„Pst!“ machte die Tatarin, faltete flehend die Hände und sah sich zitternd um, ob nicht etwa jemand durch Andrijs lauten Schrei erwacht sei.

„Sprich doch, sprich doch, weshalb bist du hier,“ flüsterte ihr Andrij beinah atemlos zu, die innere Erregung ließ ihn jeden Augenblick inne halten. „Wo ist das Fräulein? Lebt sie noch?“

„Sie ist hier, in der Stadt!“

„In der Stadt?“ wiederholte er und hätte beinah aufgeschrien; er fühlte wie sein ganzes Blut plötzlich zum Herzen strömte, „warum ist sie in der Stadt?“

„Weil der alte Herr dort ist, er ist seit anderthalb Jahren Wojewode in Dubno.“

„Und ist sie verheiratet? So sprich doch, sprich! Wie merkwürdig du bist! Was macht sie jetzt?“

„Sie hat seit zwei Tagen nichts mehr gegessen!“

„Was?“

„Die Einwohner unserer Stadt haben schon lange kein Stück Brot mehr gesehen, sie nähren sich nur noch von Erde ...“

Andrij erstarrte vor Entsetzen.

„Das Fräulein hat dich von der Stadtmauer aus bei den Saporogern gesehen und mir den Auftrag gegeben: „Geh und sag dem Ritter: wenn er sich meiner erinnert, soll er zu mir kommen, wenn nicht — so soll er dir ein Stück Brot für meine alte Mutter geben — ich kann nicht sehen, wie meine Mutter vor meinen Augen stirbt. Es ist besser, ich sterbe zuerst und dann sie. Bitte ihn, umschlinge seine Knie und küsse seine Füße; er hat auch eine alte Mutter, er soll mir um ihretwillen ein Stück Brot geben.“

Die widerstreitendsten Gefühle erwachten in Andrij und bewegten die Brust des jungen Kosaken.

„Wie ist dir’s nur gelungen, hierher zu kommen?“

„Ich habe einen unterirdischen Gang benutzt.“

„Gibt es denn einen unterirdischen Gang hierher?“

„Ja.“

„Wo ist er?“

„Wirst du uns auch nicht verraten, Ritter?“

„Ich schwöre dir’s beim heiligen Kreuz.“

„Man geht erst am Ufer entlang und überschreitet das Flüßchen an der Stelle, wo das viele Schilf wächst.“

„Und er führt direkt in die Stadt hinein?“

„Gerade in das städtische Kloster.“

„Komm, komm, laß uns sogleich gehn.“

„Aber um Christi und der heiligen Jungfrau willen — erst ein Stück Brot!“

„Schon gut, du sollst es haben. Bleib hier am Wagen stehen, oder besser, leg dich hinein, so wird dich niemand sehen, alle schlafen, ich komme gleich zurück.“

Und er eilte zu dem Wagen, in dem die Vorräte seiner Truppe aufbewahrt wurden. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die ganze Vergangenheit, alles, was durch das ständige Lagerleben, durch das rauhe Soldatendasein betäubt war — erwachte auf einmal wieder und ließ ihn die Gegenwart völlig vergessen. Wieder tauchte die stolze Frau wie aus dunklen Meeresfluten vor ihm empor, wieder leuchteten ihre herrlichen Arme in seinem Innern auf, ihre Augen, ihre lachenden Lippen, die dichten, dunkelbraunen Haare, die in krausen Locken über ihren Busen fielen — die festen, schöngeformten Glieder ihrer jungfräulichen Gestalt. Nein, dieses Bild war nie aus seinem Herzen geschwunden, es hatte nur für einige Zeit andern mächtigen Gefühlen Platz machen müssen, aber häufig genug hatte es den tiefen Schlaf des jungen Kosaken beunruhigt, und oft lag der Erwachte schlaflos auf seinem Lager, ohne sich den Grund hierfür erklären zu können ...

Er ging, sein Herz klopfte bei dem Gedanken, sie wieder zu sehen, immer stärker und stärker, und seine jungen Knie wankten unter ihm. Als er die Wagen endlich erreicht hatte, wußte er nicht mehr, weshalb er gekommen war; er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und versuchte es, sich an das zu erinnern, was er eigentlich beabsichtigte. Endlich zuckte er zusammen, ein wilder Schrecken erfüllte ihn; plötzlich kam es ihm in den Sinn, daß sie vor Hunger stirbt. Schnell lief er zu dem Wagen heran und steckte sich mehrere große schwarze Brote unter den Arm; aber da ergriff ihn ein Zweifel, ob diese Nahrung, die wohl für einen kräftigen, nicht sehr wählerischen Saporoger genügen mochte, für ein so zartes Wesen wie sie nicht zu grob und zu schwer sein würde. Er erinnerte sich, daß der Hetman die Kosaken, denen die Bereitung des Breis oblag, noch gestern ausgescholten hatte, weil sie das ganze Buchweizenmehl verbraucht hatten, obwohl es für drei Mahlzeiten ausgereicht hätte. Fest davon überzeugt, daß er noch genügend Brei finden würde, holte er den Feldkessel seines Vaters hervor und ging damit zum Koch seiner Abteilung, der zwischen zwei Kesseln schlief, die wohl zehn Eimer fassen mochten und unter denen noch die Asche glimmte. Als er in die Kessel hineinblickte, sah er zu seinem Erstaunen, daß beide leer waren. Die Kosaken mußten geradezu unmenschliche Kräfte entwickelt haben, um alles aufzuessen, zumal seine Abteilung weniger Krieger zählte als die andern. Er blickte auch in die Kessel der anderen Abteilungen hinein, es war alles leer. Unwillkürlich fiel ihm das Sprichwort ein: „Die Saporoger sind wie Kinder: ist wenig da, so begnügen sie sich mit wenig, ist viel da, so lassen sie nichts übrig.“ Übrigens mußte sich im Wagen seines Vaters noch ein Sack mit Weißbrot befinden, den man bei der Plünderung der Klosterküche entdeckt hatte. Er ging geradewegs zum väterlichen Wagen, aber er fand den Sack nicht mehr vor. Ostap hatte ihn sich unter den Kopf gelegt und schnarchte, auf der Erde ausgestreckt, so laut, daß es durch das ganze Feld schallte. Andrij ergriff den Sack mit einer Hand und riß ihn unter Ostaps Kopf hervor, sodaß dieser auf den Boden sank. Ostap fuhr schlaftrunken auf und schrie mit geschlossenen Augen aus voller Kehle: „Greift, greift den verfluchten Polen, greift ihn, fangt doch sein Pferd, fangt sein Pferd!“ „Halt den Mund, sonst schlag ich dich tot,“ rief Andrij voller Schrecken und wollte mit dem Sack dreinschlagen. Aber Ostap war ohnehin schon wieder verstummt und schnarchte so laut, daß sich das Gras, auf dem er schlief, unter seinen Atemzügen hin- und herbewegte. Andrij sah sich scheu nach allen Seiten um, um sich darüber zu vergewissern, ob nicht Ostaps Geschrei einen von den Kosaken aufgeweckt hätte. In dem benachbarten Lager hatte sich in der Tat ein zottiger Kopf aufgerichtet und sah sich um, sank jedoch gleich wieder zu Boden. Andrij wartete noch zwei Minuten und zog dann mit seiner Last ab. Die Tatarin lag noch immer mit krampfhaft angehaltenem Atem auf dem Wagen.

„Steh auf, komm! Alle schlafen, fürchte dich nicht! Kannst du vielleicht eins von diesen Broten tragen, wenn ich keinen Platz für sie alle finden sollte?“ Mit diesen Worten lud er sich die Säcke auf den Rücken, nahm, als sie an einem Wagen vorbeigingen, noch einen Sack mit Hirse mit, ergriff selbst die Brote, die er der Tatarin zum Tragen geben wollte, und schritt dann, von seiner Last ein wenig zusammengebeugt, mutig durch die Reihen der schlafenden Saporoger hindurch.

„Andrij!“ rief der alte Bulba in dem Augenblick, als der Sohn an ihm vorbeikam. Sein Herz stockte, er blieb stehen und fragte zitternd: „Was willst du?“

„Du hast ein Weib bei dir! Wenn ich aufstehe, prügle ich dich durch, so groß du bist. Die Weiber führen einen nie zum Guten!“

Und mit diesen Worten stützte er den Kopf in die Hand und betrachtete aufmerksam die in ihr Tuch eingehüllte Tatarin.

Andrij stand mehr tot wie lebendig daneben. Er hatte nicht den Mut, seinem Vater ins Gesicht zu blicken. Doch als er endlich die Augen zu erheben wagte und ihn ansah, hatte der alte Bulba wieder den Kopf auf die Hand gestützt und schlief.

Andrij schlug ein Kreuz. Der Schrecken wich ebenso schnell aus seinem Herzen, wie er gekommen war. Als er sich nach der Tatarin umwandte, sah er sie in ihr schwarzes Tuch gehüllt, unbeweglich wie eine Granitsäule vor sich stehen, und der Widerschein der fernen Feuersbrunst spiegelte sich in ihren Augen, die starr waren wie die einer Toten. Er zupfte sie am Ärmel, und beide gingen, sich unablässig umschauend, zusammen vorwärts, bis sie endlich an einem Berghang vorbei in ein tiefes Tal oder an eine Böschung gelangten, auf deren Grunde sich ein Flüßchen träge dahinschlängelte; das Tal war mit Riedgras bewachsen und mit zahlreichen kleinen Erdhügeln übersät. Nachdem sie die Schlucht betreten hatten, konnten sie von dem Feld aus, auf dem die Saporoger lagerten, nicht mehr gesehen werden. Wenigstens sah Andrij, als er sich umwandte, die abschüssige Böschung sich hinter ihm gleich einer steilen Wand fast manneshoch erheben. Auf der Höhe schwankten einige große Feldblumen hin und her, und über ihnen stieg der Mond schräg gleich einer Sichel aus gemünztem Golde am Himmel empor. Ein leichter aus der Steppe herabwehender Wind ließ vermuten, daß es nicht mehr lange bis Tagesanbruch sei. Aber nirgends ertönte ein ferner Hahnenschrei: es gab schon seit langer Zeit weder in der Stadt noch in der ausgeplünderten Umgebung einen Hahn mehr.

Auf einem schmalen Brett überschritten sie den Fluß, dessen jenseitiges Ufer sich noch höher erhob als das andere und in Form eines steilen Abhanges emporstieg. Es schien dies der stärkste und von Natur auch der sicherste Punkt der städtischen Befestigungen zu sein; wenigstens war der Erdwall hier niedriger, und doch war von der Besatzung dahinter nichts zu sehen. Allerdings erhoben sich dafür in einiger Entfernung die starken Klostermauern. Das steile Ufer war überall mit Steppengras bewachsen, und der schmale Raum zwischen ihm und dem Flüßchen war mit mannshohem Schilfrohr bedeckt. Oben auf der Böschung sah man die Überreste eines geflochtenen Zauns, der wohl früher einen Gemüsegarten umfriedet hatte; davor wuchsen Disteln mit großen breiten Blättern, aus welchen Gänsefuß, stachelichte Kletten und Sonnenblumen hervorragten, die ihr Haupt stolz in die Luft streckten. Hier angelangt zog die Tatarin ihre Schuhe mit den hohen Absätzen aus und ging barfuß weiter, wobei sie sorgfältig ihr Kleid emporhob, denn der Weg wurde jetzt sumpfig und feucht. Sie bahnten sich mühsam einen Pfad durch das Röhricht, bis sie vor einem Haufen Reisig und Faschinen haltmachten. Sie entfernten das Reisig und fanden eine Art Erdhöhle, deren Öffnung wenig größer als die eines Backofens war. Die Tatarin bückte sich und ging voran, Andrij folgte ihr ebenfalls so gebückt wie möglich, um mit seinen Säcken hindurchzukommen, und bald befanden sich beide in vollkommener Finsternis.

Sechstes Kapitel

Andrij vermochte sich in dem finstern schmalen Gang kaum zu bewegen, zumal er hinter der Tatarin her schleichen mußte, und noch dazu mit den vielen Brotsäcken vollauf bepackt war. „Gleich werden wir wieder sehen,“ sagte seine Führerin, „wir sind schon nahe an der Stelle, wo ich die Lampe hingestellt habe.“

Und in der Tat, die dunklen Wände begannen sich allmählich zu erhellen. Sie erreichten einen kleinen Vorplatz, auf dem sich eine Kapelle zu befinden schien, wenigstens stand ein schmales Tischchen in der Form eines Altars an der Wand, über dem ein völlig verwaschenes und verblichenes Bild der heiligen Jungfrau angebracht war. Ein kleines silbernes Lämpchen, das vor ihm hing, beleuchtete es notdürftig. Die Tatarin bückte sich und hob eine kupferne Lampe vom Boden auf, die sie hier zurückgelassen hatte und an deren schlankem, schmalem Fuß ein Kettchen mit einer Zange, einer Nadel zum Ordnen des Dochtes und ein Löschhorn hing. Sie zündete die Lampe an dem Lämpchen vor dem Heiligenbild an. Die Helligkeit verstärkte sich, und wie sie beide halb von dem Lichte bestrahlt und halb im tiefsten nachtschwarzen Schatten dahinschritten, erinnerten sie an eins der Gemälde von Gherardo dalle Notti. Das frische, von Gesundheit und Jugend strotzende Gesicht des schönen Kosaken bildete einen schneidenden Gegensatz zu dem erschöpften und bleichen Antlitz seiner Gefährtin. Der Durchgang verbreiterte sich allmählich, so daß Andrij in die Höhe zu blicken vermochte. Neugierig betrachtete er die Erdwände, die ihn an die Höhlen in Kiew gemahnten. Ganz wie dort gab es auch hier Nischen in den Wänden, die Särge bargen. An einigen Stellen lagen menschliche Gebeine verstreut, die infolge der Feuchtigkeit morsch geworden und zu Staub zerfallen waren. Offenbar hatten hier einst heilige Anachoreten gelebt, die sich vor den Stürmen der Welt, vor dem Elend und den Versuchungen hierher geflüchtet hatten. Die Feuchtigkeit war so stark, daß ihre Füße bisweilen durch Wasser waten mußten. Andrij mußte oft stehen bleiben, um seine Gefährtin ausruhen zu lassen, die immer wieder von der Müdigkeit überwältigt wurde. Das winzige Stückchen Brot, das sie gierig verschlungen hatte, verursachte ihrem der Nahrung fast entwöhnten Magen starke Schmerzen, und oft verharrte sie minutenlang regungslos auf ein und derselben Stelle.

Endlich erblickten sie eine kleine eiserne Tür. „Gott sei Dank, wir sind zur Stelle,“ sagte die Tatarin mit schwacher Stimme und erhob ihre Hand, um ans Tor zu pochen. Aber ihre Kraft versagte. Statt ihrer pochte Andrij kräftig an die Pforte: man hörte sie stark widerhallen, was auf einen großen, freien Raum hinter der Türe hindeutete. Das Echo wurde gedämpfter, als ob es auf hohe Wölbungen gestoßen sei. Nach zwei Minuten hörte man einen Schlüsselbund rasseln, und es schien, als ob jemand die Treppe herunterkäme. Endlich öffnete sich die Tür: auf der engen Treppe vor ihnen stand ein Mönch, den Schlüsselbund und eine brennende Kerze in den Händen. Beim Anblick eines jener katholischen Mönche, die die Kosaken so haßten und verachteten und mit denen sie fast noch unmenschlicher umzugehen pflegten, als mit den Juden, blieb Andrij unwillkürlich stehen, und auch der Mönch fuhr einen Schritt zurück, als er einen Saporoger Kosaken erblickte. Jedoch die Tatarin flüsterte ihm etwas zu, was Andrij nicht verstand, den andern jedoch zu beruhigen schien. Er leuchtete ihnen voran, schloß die Tür hinter ihnen, führte sie eine Treppe hinauf, und bald befanden sie sich in dem hohen, dunklen Gewölbe der Klosterkirche. Vor einem der Altäre, auf denen hohe Leuchter mit Kerzen standen, kniete ein Priester und betete leise. Rechts und links von ihm knieten zwei junge Chorknaben in violetten und mit weißen Spitzen besetzten Meßgewändern, die Rauchfässer in den Händen schwingend. Sie flehten den Herrn um ein Wunder an: sie baten ihn, er möge die Stadt erretten, die mutlos gewordenen Gemüter wieder stärken, ihnen Geduld schenken und dem Versucher wehren, der sie mit Unzufriedenheit, Kleinmut und schwachmütigen Klagen über die irdischen Leiden heimsuche. Einige Frauen, die wie Gespenster aussahen, lagen auf den Knien; sie stützten oder legten ihre erschöpften Häupter auf die Lehnen der Kirchenstühle und die dunklen Holzbänke vor ihnen; auch sah man einige Männer, welche traurig an den Säulen und viereckigen Wandpfeilern, die die Seitenschiffe des Gewölbes trugen, niedergekniet waren. Das buntbemalte Fenster oberhalb des Altars erglänzte im rötlichen Licht des Morgenrots und warf hellblaue, gelbe und andersfarbige Lichtstrahlen auf den Fußboden, die die ganze Kirche plötzlich mit Licht erfüllten. Der Altar in der entfernten Nische schien wie in Glanz getaucht, und gleich einer regenbogenfarbenen Wolke blieb der Weihrauch in der Luft hängen. Andrij blickte nicht ohne Bestürzung aus seiner dunklen Ecke auf das Wunder, das das Licht hier bewirkt hatte. Im selben Augenblicke durchbrauste das mächtige Rauschen der Orgel die ganze Kirche, es schwoll stärker und stärker an, wurde endlich zu einem gewaltigen Donner und löste sich plötzlich wieder in himmlische Musik auf und schwebte hoch bis zur Wölbung empor, mit seinen wunderbaren harmonischen Klängen an zarte Mädchenstimmen gemahnend. Dann wieder schwoll es zu einem vollen Rauschen und Donner an und verstummte. Lange noch hallten die mächtigen Klänge zitternd im Gewölbe nach, und mit halbgeöffnetem Munde ergab sich Andrij dem Zauber der gewaltigen Musik.

Doch da fühlte er, wie ihn jemand an seinem Rockschoß zupfte. „Es ist Zeit,“ sagte die Tatarin. Von niemand bemerkt durchschritten sie die Kirche und gelangten zu einem Platz, der sich vor ihr befand. Längst schon leuchtete das Morgenrot am Himmel, und alles verkündete den Sonnenaufgang. Der viereckig geformte Platz war vollkommen leer, und nur die hölzernen Tischchen, die überall herumstanden, wiesen darauf hin, daß hier vielleicht noch vor einer Woche Lebensmittelmarkt abgehalten worden war. Die Straßen, die zu jener Zeit noch nicht gepflastert wurden, stellten einen großen, eingetrockneten Schmutzhaufen dar. Der Platz war von kleinen einstöckigen Häusern aus Stein oder Lehm umgeben, deren Wände bis an die Giebel von hölzernen Pfählen und mächtigen Balken durchzogen und ihrerseits wieder von Querbalken durchschnitten wurden. Dies war die Bauart, in der die Bewohner jener Gegend ihre Häuser bauten, wie man das jetzt noch vereinzelt in Polen und Litauen antrifft. Sie hatten alle unverhältnismäßig hohe Dächer und eine Unmenge von Fenstern und Luken. Auf der einen Seite, in der Nähe der Kirche stand ein Gebäude, das alle andern bedeutend überragte und das sich vollständig von ihnen unterschied. Wahrscheinlich war es das Rathaus oder irgend ein anderes städtisches Gebäude. Es hatte zwei Stockwerke und darüber einen Aussichtsturm mit zwei Bogengängen, auf dem ein Wachtposten hin und her patrouillierte. In das Dach war das große Zifferblatt einer Uhr eingefügt. Der Platz war wie ausgestorben, Andrij kam es jedoch so vor, als höre er ein leises Stöhnen. Als er sich umsah, bemerkte er auf der anderen Seite des Platzes eine Gruppe von zwei bis drei Menschen, die fast regungslos auf dem Boden lagen. Er betrachtete sie aufmerksam, um sich zu vergewissern, ob es Schlafende oder Tote seien und stieß plötzlich auf ein Etwas, das zu seinen Füßen lag. Es war der tote Körper einer Frau, offenbar einer Jüdin. Sie schien noch ganz jung zu sein, obgleich ihre entstellten und erschöpften Züge keinerlei Schlüsse darüber zuließen. Ihr Haupt war in ein rotes Tuch gehüllt, ihre Ohren zierten zwei Reihen Perlen aus Wachs oder Glas, und zwei oder drei lange krause Locken glitten ihr den eingefallenen Hals mit den angeschwollenen Adern hinab. Neben ihr lag ein Kind, das die verdorrte Brust der Mutter krampfhaft in seinen Händen hielt und sie in unwillkürlichem Zorn darüber, daß sie keine Milch mehr gab, immer wieder mit den kleinen Fingern zusammenpreßte. Das Kind weinte und schrie nicht mehr, nur die sich leise hebende und senkende Brust ließ daraus schließen, daß es noch nicht tot oder wenigstens erst im Begriff war, den letzten Atemzug auszuhauchen. Sie lenkten wieder in die Straßen ein und wurden plötzlich von einem Tobsüchtigen angehalten, der sich angesichts der kostbaren Last, die Andrij mit sich schleppte, wie ein Tiger auf sie warf und sich mit dem Schrei „Brot“ an ihnen festklammerte. Aber seine Kräfte waren schwächer als seine Gier. Andrij stieß ihn zurück, sodaß er zu Boden fiel. Von Mitleid überwältigt, warf er ihm eins der Brote zu, auf das sich jener wie ein toller Hund stürzte und es gleich auf der Straße zerbiß und zernagte; bald darauf verschied er jedoch infolge der langen Entbehrungen unter schrecklichen Krämpfen. Fast bei jedem Schritte wurden sie durch grauenvolle Opfer der Hungersnot in Schrecken gesetzt. Es schien, als ob viele ihre Qualen zu Hause nicht ertragen konnten und mit Absicht auf die Straße hinausgeeilt waren, weil sie hofften, in der frischen Luft Nahrung und Stärkung zu finden. Vor der Tür eines Hauses saß eine alte Frau; es war unmöglich, zu erkennen, ob sie nur eingeschlafen, bereits tot, oder einfach in Träume versunken war; jedenfalls hörte und sah sie nichts mehr und saß nur, mit auf die Brust gesenktem Haupte, regungslos da. Von dem Dach eines anderen Hauses hing ein langer dürrer Körper an einer Schnur herab. Der arme Kerl hatte die Hungerqualen nicht länger zu ertragen vermocht und es vorgezogen, seinem Leben freiwillig ein Ende zu machen.

Angesichts dieser furchtbaren Zeugen des Hungers hielt es Andrij nicht länger aus und fragte die Tatarin:

„Konntet ihr denn in der Tat garnichts finden, um euer Leben zu fristen? Wenn die äußerste Not an den Menschen kommt, dann gibt es keine Wahl, dann muß er essen, was ihm früher vielleicht Ekel einflößte, und wenn er sich erst von jenen Wesen nährt, die das Gesetz zu essen verbietet — dann darf er eben alles essen!“ „Es ist schon alles aufgegessen,“ sagte die Tatarin, „alles Vieh ist fort, und es ist kein Pferd, kein Hund, ja nicht einmal eine Maus mehr in der Stadt zu finden. Wir haben hier in der Stadt nie Vorräte gehabt, es wurde uns ja alles von den Bauern geliefert.“

„Ja, wie konntet ihr denn dann, wo euch ein so schrecklicher Tod droht, noch immer daran denken, die Stadt zu verteidigen?“

„Vielleicht hätte der Wojewode sie auch schon dem Feinde überlassen, aber gestern sandte uns der Oberst, der sich in Budschaki befindet, einen Habicht mit der Weisung, uns auf keinen Fall zu ergeben; er komme uns mit einem Regiment zur Hilfe und warte nur noch auf den andern Oberst, um gemeinsam mit ihm zu unserer Entsetzung zu eilen. Sie werden jeden Augenblick erwartet ... Doch, wir sind vor unserm Hause angelangt.“

Andrij hatte schon von weitem ein Haus bemerkt, das sich wesentlich von den andern unterschied und von einem italienischen Architekten gebaut zu sein schien; es war aus schönen schmalen Ziegelsteinen errichtet und zwei Stockwerke hoch. Die Fenster des unteren waren mit weit hervorstehenden Gesimsen eingefaßt; das obere bestand vollständig aus kleinen Bögen, die eine Galerie bildeten, dazwischen befanden sich Gitter mit Wappenschilden. Eine breite Außentreppe aus buntfarbigen Ziegelsteinen führte direkt auf den Platz. Unten zu beiden Seiten der Treppen saßen Schildwachen, sie hielten ebenso malerisch wie symmetrisch mit der einen Hand die Hellebarde und stützten ihre Köpfe auf die andere, so daß sie mehr zwei steinernen Bildsäulen als lebendigen Menschen glichen. Sie schliefen oder schlummerten nicht etwa, schienen aber doch unempfindlich gegen alles zu sein und würdigten die beiden Personen, die jetzt die Treppe hinaufgingen, kaum eines Blicks. Oben trafen Andrij und die Tatarin einen reich gekleideten und von Kopf bis zu Fuß bewaffneten Ritter, der ein Gebetbuch in der Hand hielt. Er richtete seine ermüdeten Augen auf sie, die Tatarin sagte ihm jedoch ein paar Worte, und er versenkte sich sogleich wieder in sein offnes Gebetbuch. Sie traten in das erste Zimmer, das ziemlich geräumig war und als Empfangsraum zu dienen schien, oder vielleicht auch einfach ein Vorzimmer war; dies war völlig mit Soldaten, Dienern, Hundewärtern, Mundschenken und anderen Bedienten angefüllt, wie sie ein polnischer Magnat, ob er nun Offizier oder Rittergutsbesitzer ist, braucht, um die Würde seines Standes ins rechte Licht zu setzen; sie saßen alle in den verschiedensten Stellungen an den Wänden herum. Der ganze Raum war von dem Qualm einer erloschenen Kerze erfüllt, und zwei andere in außerordentlich großen, fast mannshohen Leuchtern brannten noch mitten im Zimmer, trotzdem der Morgen schon längst durch das große vergitterte Fenster hineinblickte. Andrij wollte schon auf eine breite, mit Wappen und verschiedenen Schnitzereien verzierte Eichentür zugehen; die Tatarin zupfte ihn jedoch am Ärmel und wies auf eine kleine Pforte in der Seitenwand. Durch diese gelangten sie in einen Gang und dann in ein Zimmer, das Andrij eingehend besichtigte. Das Licht, das durch die Spalte des Fensterladens hineindrang, küßte die blau und rot gefärbten Vorhänge, das vergoldete Gesims und die Malereien an den Wänden. Die Tatarin bedeutete Andrij, hier zu bleiben und öffnete die Tür zu einem andern Zimmer, aus der ein Lichtschein hereindrang. Er vernahm das leise Flüstern einer Stimme, die sein ganzes Innere erbeben machte. Mit einem flüchtigen Blick durch die Tür erkannte er eine schlanke weibliche Gestalt mit langen prachtvollen Haarflechten, die über den hocherhobenen Arm herabwallten. Die Tatarin kam zurück und bat ihn, hineinzugehen. Es war ihm später ganz unmöglich, anzugeben, wie er in das Zimmer gelangt war und wie sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. Im Zimmer brannten zwei Kerzen und ein Lämpchen, das vor dem Heiligenbild angebracht war: darunter befand sich nach katholischer Sitte ein hoher Hausaltar mit mehreren Stufen, auf denen man beim Beten niederknien konnte. Aber das war es nicht, was Andrijs Augen suchten. Er wandte sich nach der andern Seite und erblickte ein Weib, das in einer schnellen Bewegung erstarrt und versteinert zu sein schien. Es war, als hätte sich ihre schlanke Gestalt ihm entgegenwerfen wollen und sei nun plötzlich wie erstarrt stehen geblieben. Nicht minder bestürzt blieb auch er vor ihr stehen. Denn nicht so hatte er sie wiederzusehen geglaubt. Das war sie nicht, das war nicht jenes Mädchen mehr, das er früher gekannt hatte. Sie hatte nichts, was an jene gemahnte: nein, sie war noch einmal so schön und herrlich anzuschauen wie ehemals. Damals hatte sie noch etwas Unreifes und Unvollendetes — jetzt dagegen glich sie einem vollkommenen und bis auf den letzten Pinselstrich vollendeten Kunstwerk. Jene war ein wunderschönes, leichtsinniges Mädchen, diese ein zu edler Schönheit erblühtes Weib. Ihre emporblickenden Augen verhießen ein unendliches Gefühl: nicht nur Bruchstücke und Andeutungen von Gefühlen, sondern ein ganzes, volles Gefühl. In ihren Augen schimmerten Tränen, die noch nicht ganz getrocknet waren, und verliehen ihnen einen feuchten Glanz, der bis zum Herzen drang. Busen, Schultern und Hals hatten jene wundervollen Formen angenommen, die der vollendeten Schönheit eigen sind, die Haare, die ehemals ihr Antlitz in leichten Locken umringelten, hatten sich in eine starke, prachtvolle Flechte verwandelt; ein Teil war hochgesteckt, während der andere über die ganze Länge des Arms, und in seinen langen Wellen über den wundervollen Busen fiel. Jeder Zug ihres Gesichtes schien sich verändert zu haben. Vergebens bemühte Andrij sich, den einen oder den andern, so wie er in seiner Erinnerung lebte, ins Gedächtnis zurückzurufen — er vermochte es nicht. So tief ihre Blässe auch war, sie verdunkelte ihre wundervolle Schönheit nicht, sondern verlieh ihr eher noch etwas Hinreißendes und unbezwinglich Sieghaftes. Andrij fühlte sich von einem ehrfurchtsvollen Schauder durchzittert und blieb unbeweglich vor ihr stehen. Auch sie schien über den Anblick des Kosaken, der in seiner ganzen Schönheit und der männlichen Kraft seiner Jugend vor ihr stand, betroffen zu sein, obschon selbst die Bewegungslosigkeit seiner Glieder etwas von der Ungezwungenheit und Freiheit ihrer Bewegungen offenbarte. Mut und Festigkeit strahlte aus seinen Augen, die von sammetweichen, kühngeschwungenen Brauen beschattet wurden; die braunen Wangen spiegelten das ganze Feuer einer noch unverbrauchten Jugend wieder, und der zarte Flaum seines Schnurrbarts glänzte wie Seide.

„Nein, ich habe nicht die Kraft, dir zu danken, hochherziger Ritter,“ sagte sie mit zitternder, silberheller Stimme, „Gott allein kann dir’s lohnen und nicht ein schwaches Weib wie ich ....“ Sie senkte die Augen, und die herrlichen Lider mit den, langen Pfeilen gleichenden, Wimpern legten sich in wundervollen, schneeweißen Halbkreisen darüber, ihr herrlicher Kopf hatte sich geneigt, und eine leise Röte überzog den unteren Teil des Gesichts. Andrij wußte nicht, was er antworten sollte; er wollte alles aussprechen, was seine Seele erfüllte, so leidenschaftlich, wie er es in seinem Innern empfand — und vermochte es nicht. Er fühlte, daß ihm etwas die Lippen verschloß, daß es ihm, der im Seminar und in dem Wanderleben des Krieges aufgewachsen war, nicht gelingen würde, die Antwort auf diese Worte zu finden, und der Zorn gegen seine Kosakennatur stieg in ihm auf.