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Sämmtliche Werke 4: Mirgorod cover

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod

Chapter 13: Siebentes Kapitel
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About This Book

A set of independent tales rooted in a Ukrainian provincial setting, blending earthy realism, satirical comedy, folkloric fantasy, and historical adventure. One story portrays the simple routines and slow decline of elderly landowners; another dramatizes the fierce loyalties and brutal conflicts of Cossack life; a comic novella traces a petty but escalating quarrel between neighbors; and a supernatural tale stages eerie encounters with witches and demonic forces. Together the pieces juxtapose domestic detail, grotesque humor, and mythic violence to examine social customs, human folly, and the thin boundary between the ordinary and the uncanny.

In diesem Augenblick trat die Tatarin ins Zimmer. Sie hatte das von Andrij mitgebrachte Brot bereits in Scheiben geschnitten und trug es auf einer goldenen Schale herein, die sie vor ihrer Herrin hinstellte.

Das schöne Mädchen sah ihre Dienerin lange an, betrachtete das Brot, blickte Andrij an, und ihre Augen leuchteten vielsagend auf. Dieser rührende Blick, in dem sich ihre Ohnmacht und Unfähigkeit, ihre Gefühle auszusprechen, ausdrückten, war für Andrij verständlicher als alle Worte. Es wurde ihm plötzlich leicht ums Herz, wie wenn sich alles in ihm gelöst hätte. Die Bewegungen und Gefühle seines Herzens, die bisher noch mühsam gezügelt wurden, fühlten sich jetzt frei, aller Fesseln ledig und wollten sich schon in einem endlosen Redestrom ergießen, als sich die Schöne plötzlich der Tatarin zuwandte und unruhig fragte:

„Und die Mutter? Hast du der Mutter etwas gebracht?“

„Sie schläft.“

„Und dem Vater?“

„Ihm habe ich etwas gebracht; er sagte, er wolle selbst kommen, um dem Ritter zu danken.“

Sie nahm eine Scheibe Brot und führte sie zum Munde. Mit unaussprechlichem Vergnügen sah Andrij, wie sie es mit ihren weißen schimmernden Fingern zerbrach und aß. Plötzlich aber erinnerte er sich an den Mann, der vor Hunger tobsüchtig geworden war und in seiner Gegenwart seinen Geist aufgegeben hatte, als er ein Stück Brot verschlang. Er wurde bleich, ergriff ihre Hand und rief:

„Genug! Iß nicht weiter! Du hast so lange nicht gegessen. Das Brot ist Gift für dich.“ Sie ließ sofort die Hand sinken, legte das Brot auf den Teller und sah ihm wie ein gehorsames Kind in die Augen. O wenn das Wort nur etwas ausdrücken könnte! Aber weder Meißel noch Pinsel, noch die allmächtige Sprache vermögen das wiederzugeben, was in solch einem Blick einer Jungfrau liegt und was nur das Gefühl der Rührung auszudrücken vermag, das der empfindet, der einen solchen Blick auf sich gerichtet fühlt.

„Herrin,“ rief Andrij von den tiefsten, innigsten und heiligsten, überquellenden Empfindungen erfüllt aus, „was verlangst du? Was willst du? Befiehl! Fordere jeden Dienst von mir, selbst den unmöglichsten, den es auf der Welt gibt — und ich eile, um ihn auszuführen. Befiehl mir, was menschliche Kraft nicht auszuführen vermag — ich werde es tun, und sollte ich mich dabei ins Verderben stürzen. Ja, ins Verderben stürzen! Für dich zu sterben — o ich schwöre es dir beim heiligen Kreuz — ist Süßigkeit für mich. Aber Worte sagen ja nichts. Ich besitze drei Gehöfte, die Hälfte der väterlichen Herden, alles, was meine Mutter dem Vater mit in die Ehe gebracht, und sogar das, was sie vor ihm verheimlicht hat, — alles dies gehört mir. Kein Kosak besitzt solche Waffen wie ich; allein für den Griff meines Säbels bietet man mir die beste Roßherde und noch dreitausend Schafe dazu. Von all dem will ich mich lossagen, es verlassen, verbrennen, ins Wasser werfen, wenn du mir nur ein Wort sagst oder deine zarten schwarzen Augenbrauen nur leise bewegst! Ich weiß wohl, daß ich vielleicht dumme Dinge rede, die hier ganz und gar nicht angebracht sind, und nicht hierher gehören; ich weiß, daß es sich für mich, der sein ganzes Leben in dem Seminar und der Sjetsch zugebracht hat, nicht schickt, so zu reden, wie es dort Sitte ist, wo Könige, Fürsten und die Edelsten der Ritterschaft sich einfinden. Ich sehe wohl, daß du ein anderes Geschöpf Gottes bist wie wir alle, und daß alle Bojarenfrauen nebst ihren Töchtern weit unter dir stehen. Wir sind nicht wert, deine Sklaven zu sein, nur die himmlischen Engel sind würdig, dir zu dienen.“

Mit steigender Verwunderung, gespannten Ohres und ohne ein Wort zu verlieren, vernahm die Jungfrau diese offene und begeisterte Rede, in der sich die junge, kraftvolle und leidenschaftliche Seele ausprägte wie in einem Spiegel. Jedes dieser einfachen Worte, das mit einer Stimme gesprochen wurde, die aus tiefstem Herzensgrunde kam, war voller Kraft und Leidenschaft. Sie neigte ihr schönes Antlitz vor, warf die widerspenstigen Haare weit zurück, öffnete die Lippen und sah ihn lange mit offnem Munde an. Sie wollte etwas sagen, allein sie hielt inne, denn sie erinnerte sich plötzlich, daß der Ritter eine andere Bestimmung hatte, daß sein Vater, seine Brüder, sein Vaterland als strenge Richter hinter ihm standen, sie dachte daran, was für schreckliche Menschen die Saporoger waren, die die Stadt belagerten, und wie sie und alle in der Stadt einem furchtbaren Tode verfallen wären — und ihre Augen füllten sich mit Tränen; schnell ergriff sie ihr kunstvoll gesticktes Seidentuch, bedeckte ihr Gesicht, und in wenigen Augenblicken war das Tuch ganz feucht von ihren heißen Tränen. Lange saß sie so da, den wunderschönen Kopf zurückgelehnt, ihre schneeweißen Zähne in die herrliche Unterlippe drückend, als ob sie plötzlich den Biß einer giftigen Schlange gefühlt hätte, und ohne das Tuch vom Gesicht zu nehmen, damit Andrij ihren herzzerreißenden Schmerz nicht sähe.

„Sprich doch ein Wort,“ sagte Andrij und ergriff ihre sammetweiche Hand. Bei dieser Berührung strömte es wie glühendes Feuer durch seine Adern, und er preßte ihre Hand zusammen, die gefühllos in der seinen lag. Aber sie schwieg und verharrte regungslos in derselben Stellung, ohne das Tuch vom Gesicht hinwegzuziehen.

„Weshalb bist du so traurig? Sage mir doch, weshalb du so traurig bist?“

Da warf sie das Tuch fort, schlug die ins Gesicht fallenden reichen Haarsträhnen zurück und brach in bittere Worte der Klage aus, die sie mit leiser, ganz leiser Stimme vor sich hinsprach, gleich dem Winde, der sich an einem schönen Abend erhebt und durch das dichte Rohr am Wasser fährt. Da geht es plötzlich wie ein Flüstern durch das Rohr, da singen und klingen klagende, zarte Töne durch die Luft. Der Wanderer bleibt stehen und lauscht ihnen mit einer unerklärlichen Schwermut, und er merkt nicht das Nahen des Abends, noch die heiteren Lieder der Arbeiter, die vom Feld und von der Ernte zurückkehren, noch das Rasseln eines fern vorbeirollenden Wagens.

„Bin ich nicht ewig bemitleidenswert? Ist die Mutter nicht unselig, die mich zur Welt gebracht hat? Gibt es ein Los, bitterer als das meine? Quälst du mich nicht zu Tode, schreckliches Schicksal! Alles hast du mir zu Füßen gelegt: die besten Männer der ganzen Schlachta, die reichsten Herren, Grafen und fremden Barone und die höchste Blüte unserer Ritterschaft? Alle liebten sie mich, und jeder hätte meine Gegenliebe für das größte Glück gehalten. Ich brauchte nur mit der Hand zu winken, und jeder von ihnen, der Schönste und Vornehmste von Angesicht und Herkunft wäre mein Gatte geworden. Und keinem von ihnen hast du, grausames Schicksal, mein Herz zugewendet. Den besten Helden unseres Vaterlandes hast du es entzogen und den Betörungen eines Fremden, eines Feindes überliefert. Warum, o heilige Mutter Gottes, um welcher Sünden und schwerer Verbrechen willen verfolgst du mich so grausam, so unbarmherzig? In Überfluß, Reichtum und Pracht sind meine Tage verflossen. Die herrlichsten auserlesensten Speisen, die süßesten Weine bildeten meine tägliche Nahrung. Und warum, wozu war das alles? Nur dazu, um mich zuletzt eines schrecklichen Todes sterben zu lassen, wie ihn kaum der letzte Bettler im Lande stirbt! Doch nicht genug, daß ich zu einem so schrecklichen Los verurteilt bin, nicht genug, daß ich vor meinem Ende Vater und Mutter in unerträglichen Qualen dahinwelken sehen muß, sie, für die ich, wenn ich ihnen nur helfen könnte, tausendmal mein Leben hingeben würde! Nein, das alles genügt noch nicht, ich muß auch noch, bevor ich sterbe, Worte vernehmen und eine Liebe kennen lernen, wie ich sie noch nie erfahren habe! Er muß mir mit seinen Worten das Herz zerreißen, auf daß mein bitteres Los noch bitterer werde, auf das ich mein junges Leben noch mehr betrauere, daß mir mein Tod noch schrecklicher dünke, und daß ich dir, o grausames Schicksal, und dir, heilige Mutter Gottes, — vergib mir die Sünde — noch im Sterben so furchtbare Vorwürfe mache!“

Endlich verstummte sie, und ein Ausdruck qualvollster Hoffnungslosigkeit spiegelte sich in ihrem Antlitz. Jeder Zug ihres Gesichts verriet eine tiefe nagende Schwermut, alles, die traurig gesenkte Stirn, die niedergeschlagenen Augen und die auf den leise glühenden Wangen versiegenden Tränen — alles schien zu sagen: Dies Angesicht weiß nichts von Glück!

„Nie ward es erhört auf dieser Welt, es kann nicht sein und ich dulde es nimmer,“ sprach Andrij, „daß die schönste und edelste der Frauen ein so bitteres Los ertragen sollte, sie, die dazu geboren ist, die Besten und Edelsten unserer Zeit vor sich wie vor einem Heiligtume knien zu sehen! Nein, du sollst nicht sterben! Du sollst nicht sterben; ich schwöre es bei meiner Geburt und bei allem, was mir teuer ist auf dieser Welt — du wirst nicht sterben! Sollte es aber trotz allem so kommen, sollte dies bittere Schicksal weder durch Kraft, noch Gebet, noch Mut abgewendet werden können, so werden wir zusammen sterben, und ich zuerst vor dir und zu deinen herrlichen Füßen; erst wenn ich tot bin, wird man mich von dir trennen können.“

„Täusche nicht dich und mich, Ritter,“ sagte sie leise, ihr schönes Haupt schüttelnd, „ich weiß es, ich weiß es zu meinem bitteren Leid nur zu wohl, daß du mich nicht lieben darfst, und ich kenne deinen Beruf und deine Pflicht: Dich ruft der Vater, die Kameraden, das Vaterland; wir aber sind — deine Feinde!“

„Was sind mir Vater, Vaterland und Kameraden,“ rief Andrij, ungestüm sein Haupt schüttelnd und sich machtvoll emporreckend, daß seine Gestalt der Balsampappel am Ufer glich. „Wenn es denn sein muß, nun wohl, so habe ich niemand, niemand, niemand,“ wiederholte er mit einer Stimme und Handbewegung, mit der wohl ein wackerer Kosakenheld seinen unerschütterlichen Entschluß zu einer unerhörten Tat zum Ausdruck bringt, der kein anderer gewachsen ist. „Wer sagt, daß die Ukraine mein Vaterland ist? Wer hat sie mir zum Vaterland gegeben? Das Vaterland ist da, wo es unsere Seele sucht, ist das, was ihr das liebste ist. Mein Vaterland — das bist du! Du bist mein Vaterland! Und dieses Vaterland will ich in meinem Herzen tragen! So lange ich lebe, werde ich es dort tragen: und ich möchte sehen, welcher Kosak es wagen will, dich aus meinem Herzen zu reißen. Ja, alles was ich besitze, will ich weggeben, verschenken, verkaufen und zugrunde richten für dies mein Vaterland!“

Einen Augenblick schien es, als ob sie zu einer herrlichen Bildsäule erstarrt sei. Dann sah sie ihm fest in die Augen, schluchzte laut auf und schlang ihm mit jener wundersamen hingebenden Leidenschaft, deren nur eine großmütige und zu starken Gefühlsausbrüchen neigende Frau fähig ist, die nichts von Berechnung weiß, ihre herrlichen, schneeweißen Arme um den Hals. In diesem Augenblick hörte man von der Straße ein wirres Geschrei hereindringen, das von Posaunenstößen und Paukenklängen begleitet wurde. Aber Andrij hörte nichts davon: er fühlte nur die wohlige Wärme ihres süßen Atems, ihre wundervollen Lippen, fühlte nur, wie ihre Tränen in Strömen über sein Antlitz flossen, und wie ihr reich herabwallendes, duftendes Haar ihn wie in dunkel glänzende Seide einhüllte.

Plötzlich kam die Tatarin mit einem Freudenschrei hineingestürmt. „Wir sind gerettet, gerettet,“ rief sie ganz außer Atem, „die Unseren sind in die Stadt gedrungen und haben Brot, Weizen, Mehl und gefangene Saporoger mitgebracht.“ Aber niemand wollte hören, was für „Unserige“ in die Stadt gedrungen, was sie mitgebracht hätten, und welche Saporoger gefangen worden seien. Von überirdischen Gefühlen erfüllt, küßte Andrij die süß duftenden Lippen, die sich an seine Wange geschmiegt hatten, und diese Lippen ließen ihn nicht ohne Antwort. Sie erwiderten seine Liebkosungen, und in diesem gegenseitigen, ineinanderschmelzenden Kuß empfanden beide, was der Mensch nur einmal im Leben zu empfinden vermag.

Der Kosak war verloren! Für immer verloren für das ritterliche Kosakentum! Niemals mehr würde er die Sjetsch, niemals die väterlichen Fluren und nie mehr sein Gotteshaus wiedersehen! Und nie mehr sollte die Ukraine ihn wiederfinden, ihn, der einer ihrer tapfersten Söhne war und sie mit seinem Leben zu verteidigen gelobt hatte! Rauf dir die grauen Haare aus deinem Schopf, alter Taraß, und verfluche Tag und Stunde, da du zu deiner Schmach dir einen solchen Sohn erzeugtest.

Siebentes Kapitel

Im Lager der Saporoger herrschte Lärm und Bewegung. Anfangs vermochte niemand genaue Auskunft zu geben, wie es geschehen konnte, daß die Truppen in die Stadt eindrangen. Doch bald wurde festgestellt, daß die ganze Perejaslawsche Abteilung, die ihr Lager vor einem Seitentor der Stadt aufgeschlagen hatte, am Abend vorher total betrunken gewesen war. So war es weiter nicht wunderbar, daß die Hälfte von ihnen erschlagen und der Rest, noch ehe man recht wußte, was passiert war, gefangen wurde. Bevor noch die benachbarten Abteilungen, vom Lärme aufgeschreckt, zu den Waffen greifen konnten, zogen die Truppen schon durch das Stadttor ein; ihre letzten Reihen verteidigten sich gegen den nachstürmenden Feind, indem sie einige Schüsse auf die schlaftrunkenen und noch nicht ganz nüchternen Saporoger abgaben, die sie ohne jede Ordnung zu verfolgen suchten.

Der Hetman ließ alle Kosaken ohne Ausnahme zusammenkommen, und als sie alle schweigend und mit den Mützen in den Händen im Kreise herumstanden, sagte er: „Ihr seht, liebe Herren und Brüder, was sich diese Nacht ereignet hat. Dahin also hat uns der Trunk gebracht! Eine solche Schmach hat uns der Feind angetan! Das scheint bei euch wohl Brauch zu sein; wenn man eure Rationen verdoppelt, so seid ihr gleich bereit, euch derart vollzutrinken, daß der Feind aller christlichen Streiter euch nicht nur die Hosen abziehen, sondern euch wohl gar ins Gesicht speien kann, ohne daß ihr etwas davon merkt!“

Die Kosaken standen alle mit gesenkten Köpfen und schuldbewußt da. Nur der Hauptmann Kukubenko von der Nesamaikow-Abteilung erwiderte:

„Halt mal, Väterchen! es ist zwar nicht vorschriftsmäßig, daß man Einspruch gegen das erhebt, was der Hetman im Angesicht des ganzen Heeres sagt, aber die Sache war doch nicht ganz so, und darum will ich reden. Nicht ganz mit Recht hast du dem gesamten christlichen Heer einen Vorwurf gemacht. Freilich wären die Kosaken des Todes schuldig gewesen, die sich im Feldzug, im Kampf oder während eines schweren Unternehmens vollgetrunken hätten. Wir aber führten ein untätiges Lagerleben vor der Stadt, aus dem uns keine Arbeit aufrüttelte. Es herrschten ja weder Fasten, noch sonst eine Zeit, während der die christliche Kirche eine strenge Enthaltsamkeit vorschreibt: wie sollte es da ausbleiben, daß sich der Mensch, wenn er doch gar nichts zu tun hat, aus Langeweile einmal ordentlich betrinkt? Das ist doch keine Sünde! Aber wir wollen ihnen schon zeigen, was es heißt, über wehrlose Menschen herfallen. Wir haben’s ihnen schon früher tüchtig gegeben, jetzt aber wollen wir es ihnen so heimzahlen, daß ihre Füße sie nicht mehr nach Hause tragen sollen!“

Die Rede des Hauptmanns gefiel den Kosaken. Sie erhoben wieder das Haupt, und viele von ihnen gaben durch Nicken des Kopfes ihre Zustimmung zu erkennen und sagten: „Kukubenko hat gut gesprochen!“ Allein Taraß Bulba, der nicht weit vom Hetman stand, sprach: „Nun, Hetman, Kukubenko hat wohl die Wahrheit gesprochen. Was kannst du hierauf antworten?“

„Was ich antworte? Das will ich dir sagen: Selig ist der Vater, der einen solchen Sohn gezeugt hat. Es ist noch kein Zeichen von großer Weisheit, ein Wort des Vorwurfs zu sagen, es ist ein weit größeres, sich bei dem Unglück eines Menschen nicht lustig zu machen, sondern ihm Mut einzureden, so wie die Sporen das Pferd zu neuen Leistungen antreiben, das sich an der Tränke erfrischt hat. Ich hatte selbst die Absicht, euch später ein paar tröstliche Worte zu sagen, Kukubenko ist mir jedoch zuvorgekommen.“

„Auch der Hetman hat gut gesprochen,“ tönte es jetzt aus den Reihen der Saporoger. „Ein gutes Wort,“ wiederholten andere. Sogar die Ältesten unter ihnen, die wie blaue Täuberiche dastanden, nickten mit den Köpfen, rümpften die mit grauen Schnurrbärten gezierten Lippen und sagten leise: „Ja, ja, das war gut gesprochen.“

„So hört denn, ihr Herren,“ fuhr der Hetman fort, „die Stadt zu erstürmen, ihre Mauern zu erklimmen und unterirdische Gänge anzulegen, wie es die ausländischen deutschen Meister tun — die der Teufel holen mag — das ist nicht Kosakenart und auch nicht ihre Sache. Aber nach dem zu urteilen, wie die Sache liegt, so ist der Feind nur mit wenig Vorräten in die Stadt eingezogen. Er hat ja nur ein paar Wagen mit sich geführt. Die Leute in der Stadt sind ausgehungert und werden daher alles auf einmal aufessen; auch die Pferde brauchen ja Heu — ich weiß nicht, vielleicht schüttet ihnen einer ihrer Heiligen etwas auf ihre Gabeln herunter — Gott mag es wissen — ihre Priester verstehen sich zwar mehr auf Worte. Sei dem nun wie ihm wolle, jedenfalls sollen sie uns nicht aus der Stadt herauskommen. Teilt euch also in drei Haufen und besetzt die drei Wege, die zu den drei Toren führen. Fünf sollen sich vor dem Haupttor und je drei vor den beiden anderen aufstellen. Die Djadkiwsche und Korsunsche Abteilung dagegen bleiben im Hinterhalt liegen. Ebenso der Hauptmann Taraß mit seiner Abteilung. Die Titarewsche und Timoschewsche Abteilung decken die Vorräte auf der rechten Seite der Wagen. Die Abteilung Schtscherbinow und Teblikow die linke! Und ihr, ihr Jungen, die ihr Haare auf den Zähnen habt, tretet mal hervor aus euren Reihen, um den Feind ein wenig zu reizen! Der Pole ist ein hohler Patron, er verträgt keine Beschimpfungen, und vielleicht kommen sie noch heute aus den Toren herausgelaufen. Die Hauptleute sollen ihre Abteilungen gut im Auge behalten! Wem es an Kosaken fehlt, der soll sie aus den Resten der Perejaslawschen Abteilung ergänzen. Mustert sie noch einmal ordentlich. Gebt jedem Kosaken vorher noch ein Glas Branntwein, damit er wieder nüchtern wird und ein Stück Brot zur Stärkung. Aber ihr seid sicher noch alle satt von gestern, denn — der Wahrheit die Ehre — ihr habt euch gestern so voll gegessen, daß ich mich höchlichst wundere, wie heute nacht keiner von euch geplatzt ist. Ja, und noch eins habe ich euch zu sagen: sollte irgend so ein jüdischer Schankwirt einem Kosaken ein Maß Branntwein verkaufen, so lasse ich dem Hund ein Schweinsohr an die Stirn nageln und ihn an den Beinen aufhängen! Doch nun ans Werk, ihr Brüder, auf! Frisch ans Werk!“

Der Hetman gab seine Anweisungen, und alle verneigten sich tief vor ihm und begaben sich, ohne die Mützen aufzusetzen, zu ihren Wagen und ins Lager zurück; erst als sie schon ganz weit waren, bedeckten sie wieder ihre Häupter. Alle begannen sich zu rüsten und zum Kampfe vorzubereiten, sie prüften die Säbel und Lanzen, schütteten Pulver aus den Säcken in die Pulverhörner, rückten und stellten die Wagen zurecht und suchten sich die besten Pferde aus.

Als Taraß zu seiner Abteilung zurückkehrte, dachte er lange darüber nach, wo wohl Andrij weilen könnte, und er konnte es sich durchaus nicht erklären, wo er geblieben war. Er fragte sich, ob man ihn vielleicht zusammen mit den andern gefangen genommen oder ihn im Schlafe gefesselt habe — aber nein, Andrij war nicht der Mann, sich lebend gefangen nehmen zu lassen. Unter den erschlagenen Kosaken war er auch nicht zu finden. Taraß verfiel in tiefes Sinnen und schritt draußen seine Abteilung ab, ohne zu hören, daß ihn schon lange jemand beim Namen rief. „Wer will was von mir,“ sagte er endlich, wie aus einem Traume erwachend. Vor ihm stand der Jude Jankel.

„Herr Hauptmann, Herr Hauptmann,“ sagte der Jude schnell und hastig, wie wenn er ihm eine wichtige Nachricht mitzuteilen hätte, „ich war in der Stadt, Herr Hauptmann.“

Taraß sah den Juden an und wunderte sich, daß er es fertiggebracht hatte, sich in die Stadt zu stehlen.

„Wer zum Teufel hat dich denn da hineingebracht?“

„Ich will’s Euch sofort erzählen,“ sagte Jankel. „Wie ich bei Tagesanbruch das Schreien und Schießen der Kosaken hörte, da ergriff ich so schnell wie möglich meinen Kaftan und lief ohne ihn anzuziehen so rasch ich konnte dorthin; erst unterwegs fuhr ich in die Ärmel. Ich wollte nämlich die Ursache des Lärms erfahren und nachsehen, warum die Kosaken in so früher Stunde schießen. Ich lief immer vorwärts und kam grad in dem Augenblick an das Tor, als das letzte Regiment in die Stadt einzog. Plötzlich sehe ich den Herrn Fähnrich Galjandowitsch an der Spitze der Truppen. Ich kenne ihn sehr gut, er schuldet mir schon seit drei Jahren hundert Dukaten. Ich ging also hinter ihm her, wie wenn ich ihn an seine Schuld mahnen wollte, und gelangte auf diese Weise in die Stadt.“

„Wie bist du denn in die Stadt hineingekommen, wenn du doch nur eine Schuld eintreiben wolltest,“ sagte Bulba, „hat er dich denn nicht sofort aufhängen lassen wie einen Hund?“

„Ja, bei Gott, das wollte er tun!“ antwortete der Jude. „Seine Diener hatten mich schon gepackt und mir den Strick um den Hals gelegt; ich aber flehte den Herrn an und sagte, daß ich mit meiner Schuld warten würde, solange der Herr es wünscht, ja ich versprach ihm sogar ihm noch mehr zu leihen, wenn er mir nur helfen wolle, das Geld von den anderen Rittern einzutreiben; denn der Herr Fähnrich hatte — um gleich alles zu sagen — nicht einen einzigen Dukaten in der Tasche. Wenn er auch viel Land, einige Güter, vier Schlösser und Grund und Boden besitzt, der bis an das Tor der Stadt Schkloff reicht, er hatte doch keinen baren Groschen — wie ein rechter Kosak! Und wenn ihn jetzt zum Beispiel nicht ein paar Breslauer Juden ausgerüstet hätten, hätte er gar nicht in den Krieg ziehen können. Deshalb war er auch nicht zum Reichstag gekommen.“

„Und was hast du in der Stadt gemacht? Hast du die Unsrigen gesehen?“

„Gewiß! Da gibt es doch viele von unseren Leuten. Den Itzig, den Rachum, den Schmul, den Chaiwalch, einen jüdischen Pächter ...“

„Hol der Teufel die Hunde,“ rief Bulba ärgerlich, „was geht mich deine Judensippe an. Ich frage dich nach unsern Saporogern!“

„Unsere Saporoger habe ich nicht gesehen, nur den Herrn Andrij.“

„Du hast Andrij gesehen,“ rief Bulba, „sprich, wo hast du ihn gesehen? In einem unterirdischen Gewölbe? Unter der Erde? Im Kerker? Hat man ihn entehrt und mit Schmach bedeckt? Ist er gefesselt?“

„Wer hätte gewagt, Herrn Andrij zu fesseln! Nein, er ist jetzt ein vornehmer Ritter — bei Gott, ich habe ihn kaum wiedererkannt! Sein Schulterbesatz ist eitel Gold, auch seine Ärmel sind mit Gold gestickt, er hat einen goldenen Spiegel, und seine Mütze glänzt von lauter Gold. Am Gürtel schimmert Gold, und überall ist Gold, und alles an ihm ist Gold! Wie die Sonne im Frühling glänzt, wenn im Garten jedes Vögelchen zwitschert und singt und die Kräuter duften, so glänzt und schimmert auch er von Gold. Der Wojewode hat ihm auch das schönste Pferd geschenkt, ein Pferd, das allein zweihundert Gulden kostet.“

Bulba stand wie erstarrt da. „Weshalb hat er denn die fremde Rüstung angelegt?“

„Weil sie schöner ist, hat er sie angelegt. Und er reitet überall umher; die andern reiten auch überall umher, und er gibt ihnen und sie geben ihm gute Lehren, wie wenn er der reichste unter den polnischen Herren wäre.“

„Wer konnte ihn dazu zwingen?“

„Ich sage nicht, daß ihn jemand gezwungen hat. Weiß denn der Herr nicht, daß er aus freiem Willen zu ihnen übergegangen ist?“

„Wer ist übergegangen?“

„Nun, der Herr Andrij!“

„Wohin ist er übergegangen?“

„Auf ihre Seite. Er gehört doch jetzt schon ganz zu ihnen.“

„Du lügst, Schweinehund!“

„Wie sollte ich denn lügen? Bin ich etwa ein Narr, daß ich lügen werde? Ich würde mich ja um meinen eigenen Kopf bringen. Weiß ich nicht, daß man den Juden aufhängen wird wie einen Hund, wenn er den Herrn belügt?“

„Du willst also sagen, daß er sein Vaterland und seinen Glauben verraten hat?“

„Ich sage doch nicht, daß er verraten hat — ich habe nur gesagt, daß er zu ihnen übergegangen ist.“

„Du lügst, Satan von einem Juden! So etwas ist noch nie dagewesen in der ganzen Christenheit! Du lügst, Hund!“

„Das Gras soll wachsen auf der Schwelle meines Hauses, wenn ich lüge! Anspeien soll jeder das Grab meines Vaters, meiner Mutter, meines Schwiegervaters, meines Vaters Vaters und des Vaters meiner Mutter, wenn ich lüge. Wenn der Herr es wünscht, will ich sogar sagen, warum er zu ihnen übergegangen ist.“

„Nun?!“

„Der Wojewode hat eine schöne Tochter — heiliger Gott, ist die schön! ...“ Bei diesen Worten versuchte der Jude ihre Schönheit, so gut er es konnte, mit seinem Gesicht auszudrücken: er breitete die Hände aus, zwinkerte mit den Augen und verzog den Mund, als ob er etwas Köstliches genossen hätte.

„Nun, was soll das?“

„Für sie hat er alles getan und ist übergegangen. Wenn sich ein Mensch verliebt, geht es mit ihm wie mit einer Stiefelsohle, die man biegen kann, wie man will, wenn man sie erst im Wasser aufgeweicht hat ...“

Bulba versank in tiefes Sinnen. Er dachte daran, wie groß die Macht eines schwachen Weibes ist. Wieviel Starke sie schon ins Verderben gestürzt hatte, und daß Andrijs Natur ihr nur allzuleicht unterlag. Und lange stand er wie versteinert auf einer Stelle.

„Hört, Herr, ich will Euch alles ausführlich erzählen,“ sagte der Jude.

„Im selben Augenblick, wie ich den Lärm hörte und sah, wie die Soldaten durch das Stadttor einzogen, da steckte ich für alle Fälle eine Perlenschnur zu mir; ich sagte mir: es gibt doch in der Stadt schöne Edelfrauen, die werden mir schon ein paar Perlen abkaufen, auch wenn sie nichts zu essen haben. Und kaum daß mich die Knechte des Fähnrichs losgelassen hatten, da lief ich schnell nach dem Hause des Wojewoden, um die Perlen zu verkaufen. Dort fragte ich eine Dienerin, eine Tatarin aus, von der ich alles erfuhr. Es wird bald Hochzeit gefeiert, sowie die Saporoger verjagt sind. Der Herr Andrij hat versprochen, die Saporoger fortzujagen.“

„Und du hast ihn nicht sofort totgeschlagen, den Satan!“ schrie Taraß.

„Warum totschlagen? Er ist doch aus freien Stücken übergegangen! Was kann er dafür? Es geht ihm dort besser als hier: so ist er eben zu ihnen gegangen!“

„Hast du ihn von Angesicht gesehen?“

„Bei Gott, von Angesicht zu Angesicht! Welch ein vornehmer Herr! Weit schöner als alle andern! Gott schenke ihm Gesundheit — er hat mich sogleich erkannt und als ich zu ihm herantrat, sagte er sofort ...“

„So? Was hat er gesagt!“

„Er sagte ... doch nein, er winkte mir erst mit der Hand, und dann erst sagte er: „Jankel“. Worauf ich sagte: „Herr Andrij!“ „Jankel, sag dem Vater, sag dem Bruder, sag den Kosaken, sag den Saporogern, sag ihnen allen, daß der Vater mir von heute ab kein Vater, der Bruder kein Bruder, der Kamerad kein Kamerad mehr ist, und daß ich mit ihnen kämpfen werde, mit ihnen allen kämpfen werde!“

„Du lügst, satanischer Judas!“ schrie Taraß außer sich, „du lügst, verfluchter Hund! Du hast auch Christus gekreuzigt, du gottverfluchtes Geschöpf! Satan, ich erschlage dich! Fliehe, flieh von hier — sonst bist du gleich des Todes!“ Mit diesen Worten riß Taraß seinen Säbel aus der Scheide, und der erschrockene Jude ergriff die Flucht und lief, so schnell er konnte, davon, so weit ihn seine trockenen dürren Beine trugen. Lange lief er, ohne sich umzusehen, durch das Kosakenlager, immer weiter und weiter über das freie Feld, obgleich ihn Taraß garnicht verfolgte — er hatte es sich überlegt, daß es unvernünftig sei, seinen Zorn an dem ersten besten auszulassen.

Jetzt erinnerte er sich daran, daß er Andrij in der vorigen Nacht mit einem Weibe durch das Lager habe gehen sehen, und er ließ sein graues Haupt mutlos herabsinken. Aber er wollte noch immer nicht daran glauben, daß ihm eine solche Schmach hätte angetan werden können und daß der eigene Sohn seinen Glauben und seine Seele verraten konnte. Endlich ermannte er sich, führte seine Abteilung in den erwähnten Hinterhalt und verschwand im Walde, dem einzigen, der noch nicht von den Kosaken niedergebrannt war. Die andern Saporoger, das Fußvolk wie die Reiter, rückten in drei Zügen bis an die drei Tore vor. Eine Abteilung zog hinter der andern her: die Abteilungen Uman, Popowitschew, Kanew, Steblikiw, Nesamaikow, Gurgusiw, Tymoschew usw. Nur die Abteilung Perejaslaw fehlte. Diese hatte nämlich am Abend vorher ein äußerst stürmisches Zechgelage veranstaltet, und die Folge davon war, daß einige von ihnen gefesselt im feindlichen Lager und andere gar nicht erwachten, sondern sogleich in die feuchte Erde gebettet wurden. Chlib, der Hauptmann, wurde ohne Hemd und Hose ins polnische Lager gebracht.

In der Stadt hörte man bald von der Bewegung im Kosakenlager. Alle liefen auf die Wälle hinaus, und ein prächtiges Bild entfaltete sich vor den Augen der Kosaken. Die polnischen Ritter standen, einer immer schöner als der andere, auf den Wällen. Die kupfernen Helme, mit schwanenweißen Federn geziert, glänzten wie kleine Sonnen. Andere trugen leichte rosa und hellblaue Mützen, deren oberer Teil auf der Seite etwas eingebogen war. Ihre Röcke mit den herabhängenden Ärmeln waren mit Goldstickereien oder einfachen Schnüren versehen; sie hatten reichverzierte Säbel und Waffen, die die polnischen Herren teuer genug bezahlt haben mochten, und vielerlei andere Schmuckgegenstände. In der vordersten Reihe stand der Oberst von Budschakow in würdiger Haltung mit einer roten, goldgestickten Mütze. Der Oberst war bedeutend größer und stärker als alle übrigen, und sein weiter kostbarer Rock war fast zu eng für seine mächtige Hühnengestalt. Auf der anderen Seite, ganz nahe am Seitentor, stand ein anderer Oberst, ein kleiner dürrer Mann, dessen winzige, scharfe Augen lebhaft unter dichten Augenbrauen hervorblickten; er drehte sich schnell nach allen Seiten um, und seine hagere Hand wies gebieterisch bald hierher und bald dorthin. Man sah, daß er trotz seiner Kleinheit sich trefflich auf das Kriegshandwerk verstand. Unweit von ihm stand der Fähnrich, ein langer Kerl mit einem dichten buschigen Schnurrbart und einer fast zu frischen Gesichtsfarbe; der Herr liebte die starken Getränke und war der Freund einer reichbesetzten Tafel. Hinter ihnen sah man noch viele viele Ritter, von denen sich ein Teil auf eigene Kosten bewaffnet und ausgerüstet hatte, der andere dagegen auf Kosten der Staatskasse oder mit jüdischem Gelde, da diese Herrn all ihr Hab und Gut, das die Schlösser der Väter bargen, versetzt hatten. Es gab darunter auch eine nicht geringe Zahl von jenen Schmarotzern, die das Gefolge der Senatoren zu bilden pflegten, und die an ihrer Tafel sitzen durften, um ihren Glanz zu erhöhen; oft genug stahlen sie dort als Entgelt die silbernen Becher von den Tischen und aus den Schränken weg und lenkten vielleicht schon morgen, ihrer Ehre entkleidet, vom Kutscherbock herab die Pferde eines großen Herrn. Da gab es alle möglichen Sorten und Gattungen von Menschen. Manch einer besaß noch nicht genug, um sich einen Becher Branntwein zu kaufen: für den Krieg aber hatten sie sich alle aufs schönste herausgeputzt.

Die Kosaken standen gelassen vor den Stadtmauern. An ihnen war auch nicht eine Spur von goldenem Zierat zu bemerken, nur ab und zu blitzte es an einem Säbelgriff oder einem Gewehrkolben auf. Die Kosaken liebten es nicht, sich zur Schlacht reich zu schmücken. Ihre Panzer und Kleider waren alle höchst einfach und bescheiden: bloß ihre schwarzen Lammfellmützen mit den roten Spitzen konnte man weithin schimmern sehen.

Zwei Kosaken lösten sich von den Reihen der Saporoger ab und sprengten nach vorn; der eine war noch ganz jung, der andere etwas älter, beide hatten Haare auf den Zähnen, verstanden sich gut aufs Reden, doch auch nicht minder gut auf das Handeln. Sie hießen Ochrim Nasch und Mykyta Golokopytenko. Ihnen folgte Demid Popowitsch, ein stämmiger Kosak, der sich schon lange in der Sjetsch aufhielt, bei Adrianopel gekämpft und schon mancherlei erlebt und erfahren hatte: sollte er doch bereits einmal lebendigen Leibes auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden; damals war er mit geteertem und geschwärzten Kopf und abgesengten Schnurrbart in der Sjetsch erschienen, aber Popowitsch hatte sich bald wieder erholt und sich einen langen Schopf, der ihm bis übers Ohr herabhing, und einen pechschwarzen, buschigen Schnurrbart wachsen lassen. Übrigens konnte Popowitsch oft recht bissig werden.

„Ja, das muß man sagen, schöne Kleider habt ihr an, ihr tapferen Ritter; ich möchte nur wissen, ob euer Mut und eure Tapferkeit ebenso groß ist?“

„Ich will’s euch schon zeigen,“ rief der dicke Oberst von oben herab, „ich lasse euch allesamt binden und an die Kette legen. Gebt eure Gewehre und Pferde her, ihr Knechtsseelen. Habt ihr’s gesehen, wie ich eure Leute habe binden lassen? Hollah, schleppt doch mal die Saporoger auf den Wall!“

Und die aneinandergebundenen Saporoger wurden auf den Wall geschleppt. Zuerst erschien der Hauptmann der Abteilung, Chlib, ohne Hemd und Hose — ganz so, wie man ihn im Rausche erwischt hatte. Er ließ den Kopf tief sinken, denn er schämte sich, daß er sich vor den Kosaken in seiner Blöße zeigen mußte, und daß er schlaftrunken wie ein Hund in Gefangenschaft geraten war. Sein mächtiger Kopf war in der einen Nacht ergraut.

„Sei nicht traurig, Chlib, wir werden dich schon befreien“, riefen ihm die Kosaken von unten zu.

„Sei nicht traurig, Freund,“ fügte der Hauptmann Borodaty hinzu, „es ist nicht deine Schuld, daß sie dich nackt gefaßt haben, jedem Menschen kann solch ein Unglück passieren. Sie müssen sich schämen, daß sie dich so hergebracht und nicht einmal deine Blöße anständig bedeckt haben.“

„Ihr scheint ja gegen Schlafende besonders tapfer zu sein,“ sagte Golokopytenko und blickte zum Wall empor.

„Wartet’s nur ab, wir werden euch schon eure Mähnen abschneiden,“ riefen ihnen jene zu.

„Das möchte ich doch sehen, wie sie es fertig bringen werden, uns die Mähnen abzuschneiden,“ sagte Popowitsch, dann wandte er sich auf seinem Pferde zu seinen Leuten um, sah sie an und sagte: „Übrigens ist es vielleicht doch wahr, was die Polen sagen; wenn der Dicke ihr Führer ist, brauchen sie sich nicht zu fürchten, das ist eine gute Schutzwehr.“

„Weshalb glaubst du, daß sie dann in Sicherheit sind?“ fragten die Kosaken, welche wußten, daß sich Popowitsch wahrscheinlich schon auf eine Antwort vorbereitet hatte.

„Na, einfach deshalb, weil sich das ganze Heer hinter ihm verstecken wird. Höchstens, daß man hinter seinem dicken Wanst einen mit der Lanze hervorholt!“

Alle Kosaken brachen in ein schallendes Gelächter aus und noch lange schüttelten einzelne von ihnen den Kopf und sagten:

„Ja ja, der Popowitsch! Der versteht’s! Wenn der es auf einen abgesehen hat, dann ...“ Allein die Kosaken sagten nicht, was „dann“ kommt. „Schnell fort — schnell fort von den Mauern,“ rief der Hetman, denn die Polen schienen die boshaften Bemerkungen nicht vertragen zu können, und der Oberst hatte schon mit der Hand ein Zeichen gegeben.

Kaum waren die Kosaken einige Schritte zurückgewichen, da hagelten auch schon die Kartätschen von den Wällen herab. Auf dem Wall geriet alles in Bewegung, selbst der graue Wojewode kam zu Pferde herangesprengt. Die Tore öffneten sich, und das Heer zog hindurch. Vorne in wohlgeordneten Reihen ritt ein Trupp Husaren in schön gestickten Röcken, dann kamen, eine Abteilung Lanzenreiter und Schwerbewaffnete in schweren Kupferhelmen und schließlich etwas abseits und in einiger Entfernung die vornehmsten von den Rittern, jeder nach seinem besonderen Geschmack gekleidet. Die stolzen Herren wollten sich nicht unter die andern mischen, und wer von ihnen über kein Kommando verfügte, ritt allein mit seinen Dienern. Dann folgten von neuem lange Reihen von Soldaten, hinter denen ein Fähnrich einherritt. Dann wieder mehrere Reihen Soldaten und hinter ihnen der dicke Oberst; und endlich ganz zu letzt kam der kleine Hauptmann hinter dem Heere dahergesprengt.

„Hindert sie, hindert sie, ihre Stellungen einzunehmen“, rief der Hetman, „rückt auf sie los; alle Abteilungen vor! Laßt die andern Tore im Stich. Die Abteilung Tytarew greift von der einen Seite an, die Djadkiwsche Abteilung von der andern. Kukubenko und Palywoda, fallt ihnen in den Rücken! Bringt sie in Verwirrung und sprengt sie auseinander.“

Die Kosaken rückten von allen Seiten heran. Sie drängten die polnischen Reihen zurück, brachten sie in Verwirrung und gerieten selbst in ein wirres Durcheinander. Man ließ sich nicht einmal Zeit, die Gewehre zu laden und abzufeuern, sondern zog sofort das Schwert und gebrauchte die Lanze. Alles drängte sich zu einem Haufen zusammen, und jeder hatte Gelegenheit, seinen Mut und seine Kraft zu zeigen.

David Popowitsch säbelte drei gemeine Soldaten nieder, warf zwei der tapfersten Edelleute von den Pferden und rief: „Sind das schöne Pferde! Solche Pferde hatte ich mir längst gewünscht!“ Er jagte die Rosse weit ins Feld hinaus und rief einigen Kosaken zu, sie sollten sie festhalten. Dann stürzte er sich wieder in den Haufen und warf sich über die am Boden liegenden Edelleute: den einen erschlug er und dem andern warf er eine Schlinge um den Hals, band ihn am Sattel fest und schleifte ihn über das ganze Feld, nachdem er ihm zuvor seinen Säbel mit dem kostbaren Griff abgenommen und seinen Beutel mit Goldstücken vom Gürtel abgerissen hatte.

Kobita, ein wackerer und noch junger Kosak, war ebenfalls mit einem der tapfersten der polnischen Kämpfer handgemein geworden; das war ein langer Kampf; jetzt brauchten sie bereits ihre Fäuste ... der Kosak hatte schon beinahe die Oberhand gewonnen, den Feind niedergeworfen und ihm ein langes türkisches Messer in die Brust gestoßen. Aber er hatte dabei nicht acht auf sich gegeben; im selben Augenblick durchbohrte ihm eine heiße Kugel die Schläfe. Einer der edelsten Herren, der schönste Ritter aus einem der ältesten Fürstengeschlechter hatte ihn hingestreckt. Schlank wie eine Pappel saß er auf seinem Schimmel, und hatte schon manch hohes Beispiel von seinem Heldenmut gegeben; zwei Saporoger hatte er geradezu zerspalten, den Fedor Korsch, einen wackeren Kosaken, samt seinem Pferde niedergehauen, den Gaul erschossen, und den Reiter unter dem Rosse mit ein paar Lanzenstichen getötet, vielen andern hatte er den Kopf oder die Arme abgeschlagen und endlich den Kosaken Kobita durch eine wohlgezielte Kugel, die jenem die Schläfe durchbohrte, niedergestreckt.

„Das ist ein Kerl, mit dem ich einmal meine Kräfte messen möchte,“ rief der Hauptmann Kukubenko von der Abteilung Nesamaikow aus. Er gab seinem Pferde die Sporen, sprengte von hinten an ihn heran und schrie so laut, daß alle, die in der Nähe standen, bei diesem unmenschlichen Gebrüll erbebten. Der Pole wollte schnell sein Pferd herumreißen, um ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten; aber das Pferd gehorchte ihm nicht. Erschreckt von dem entsetzlichen Geschrei sprang es zur Seite, und so gelang es Kukubenko, dem Ritter eine Kugel in den Leib zu jagen. Sie drang ihm ins Schulterblatt, und er stürzte vom Pferde. Aber auch jetzt ergab sich der Pole noch nicht, sondern versuchte es noch immer, seinem Gegner einen Schlag zu versetzen, doch sein kraftloser Arm vermochte den Säbel nicht mehr emporzuheben. Unterdessen ergriff Kukubenko mit beiden Händen seinen schweren Pallasch und stieß ihn dem Polen in das erbleichende Antlitz. Der Säbel hieb ihm zwei von den milchweißen Zähnen heraus, spaltete die Zunge, zerschmetterte den Halswirbel und drang noch tief in die Erde hinein. So nagelte er ihn für ewig an die feuchte Erde fest. Das edle rote Ritterblut spritzte hoch empor, so rot wie die Dolden der Eberesche am Flusse, und färbte den gelben goldgestickten Rock des Ritters. Aber Kukubenko kümmerte sich nicht mehr um ihn und stürzte mit seinen Nesamaikow-Kosaken mitten ins Gedränge hinein.

„Ei, wie kann man nur eine so kostbare Rüstung liegen lassen,“ rief der Hauptmann der Uman-Abteilung, Borodaty, der die Seinen verlassen hatte und nach der Stelle geritten war, wo der von Kukubenko erschlagene Edelmann in seinem Blute lag.

„Sieben Edelleute habe ich eigenhändig erschlagen, aber noch bei keinem habe ich eine so kostbare Rüstung gesehen!“ Von der Beute angelockt, bückte sich Borodaty, um dem Toten die kostbare Rüstung abzunehmen; schon bemächtigte er sich des türkischen Dolches mit dem Griff aus farbigen leuchtenden Edelsteinen, löste das Täschchen mit den Dukaten vom Gürtel ab und zog ihm einen Beutel mit feiner Wäsche, kostbarem silbernem Zierat und einer schönen Mädchenlocke, die hier zur Erinnerung aufbewahrt wurde, aus dem Busen. So kam es, daß Borodaty es nicht hörte, wie der Fähnrich mit der roten Nase, den er schon einmal aus dem Sattel geworfen und einen kräftigen Denkzettel versetzt hatte, hinterrücks auf ihn eindrang. Der Fähnrich holte tüchtig aus und gab ihm mit dem Säbel einen furchtbaren Hieb über den niedergebeugten Nacken. Die Beutegier trug dem Kosaken nichts Gutes ein; sein mächtiges Haupt flog ihm von den Schultern, der kopflose Leichnam brach zusammen und tränkte den Boden ringsherum mit seinem Blute. Die rauhe Kosakenseele stieg zürnend und murrend, aber zugleich voller Verwunderung, daß sie schon so früh aus dem starken Körper entweichen mußte, zum Himmel empor. Kaum aber hatte der Fähnrich die Mähne des Hauptmanns gepackt, um sie an seinen Sattel zu binden, da nahte auch ihm schon der schreckliche Rächer.

Wie ein am Himmel schwebender Habicht, der plötzlich, nachdem er mit seinen starken Flügeln manch gewaltigen Kreis beschrieben hat, mit ausgebreiteten Schwingen an einer Stelle hängen bleibt und dann wie ein Pfeil auf die singende Wachtel am Wege herabstößt, so stürzte sich Taraß’ Sohn, Ostap, auf den Fähnrich und warf ihm schnell den Strick um den Hals. Das rote Antlitz des Fähnrichs wurde noch röter, als ihm die grausame Schlinge die Kehle zuschnürte; er griff nach der Pistole, aber die krampfhaft zusammengedrückte Hand vermochte nicht mehr zu zielen, und die Kugel flog nutzlos ins Feld hinaus. Sofort löste Ostap die seidene Schnur vom Sattel des Fähnrichs, die dieser zur Fesselung der Gefangenen mit sich führte, und band ihm mit seiner eigenen Schnur Hände und Füße zusammen; das Ende befestigte er an seinem Sattel und schleifte dann den Polen über das Feld, indem er alle Kosaken der Abteilung Uman laut ermahnte, ihrem Hauptmann die letzte Ehre zu erweisen.

Als die Uman-Kosaken hörten, daß ihr Hauptmann Borodaty gefallen sei, verließen sie das Schlachtfeld und eilten herbei, um seinen Leichnam in Sicherheit zu bringen. Dann gingen sie sofort zu Rate, wen sie zu ihrem Hauptmann wählen sollten. Endlich sagten sie: „Wozu sollen wir lange überlegen? Wir können ja doch keinen bessern Hauptmann bekommen als Ostap Bulba; er ist zwar der jüngste von uns, aber er hat soviel Verstand wie ein älterer Mann.“

Ostap nahm die Mütze ab und dankte allen Kameraden für die Ehre, ohne sich erst lange mit seiner Jugend oder seiner geringen Erfahrung zu entschuldigen, denn er wußte, daß man während des Krieges keine Zeit zu solchen Dingen hat. Er führte seine Kosaken sogleich dorthin, wo das Gedränge am größten war, und bewies so, daß sie nicht übel beraten waren, als sie ihn zum Hauptmann wählten. Als die Polen merkten, daß die Sache doch etwas ernst wurde, zogen sie sich zurück und stürmten quer über das Feld, um sich am andern Ende wieder zu sammeln. Der kleine Hauptmann gab den vierhundert Mann, die in der Nähe des Tores standen und noch nicht am Gefecht teilgenommen hatten, ein Zeichen — und ein Kartätschenregen hagelte auf die Reihen der Kosaken nieder; sie trafen jedoch nur wenige. Dafür aber streiften einige Kugeln die Ochsenherden der Kosaken, die die Schlacht mit entsetzten Blicken anstarrten. Die erschrockenen Ochsen brüllten laut auf, stürmten auf das Kosakenlager zu, zertrümmerten die Wagen und traten viele Leute zu Boden. In diesem Augenblick jedoch stürzte Taraß mit seiner Abteilung aus dem Hinterhalte hervor und verlegte den Tieren den Weg, die aufs höchste gereizt, kehrt machten und sich mit angstvollem Gebrüll auf die polnischen Regimenter stürzten, die Reiter über den Haufen warfen und alles zerstampften und zertraten.

„Hallo, Dank ihr Ochsen!“ schrien die Saporoger, „ihr habt uns während des ganzen Feldzuges schon manchen Nutzen gebracht und jetzt leistet ihr uns gar noch Kriegsdienste!“

Und mit frischen Kräften stürzten sie sich auf den Feind. Da wurde manch ein Pole niedergemetzelt, und viele von den Kosaken zeichneten sich durch ihre Kraft und ihren Heldenmut aus! Meteliza, Schilo, die beiden Pisarenko, Wowtusenko und noch mancher andere.

Die Polen sahen, daß es schlecht mit ihnen stand, und so befahlen sie denn, die Fahnen zu hissen und das Stadttor zu öffnen. Knarrend öffnete sich das eisenbeschlagene Tor und nahm die sich stoßenden und drängenden, erschöpften und bestaubten Reiter auf wie der Stall die Schafe. Viele Saporoger sprengten ihnen nach, aber Ostap hielt seine Leute zurück und sagte: „Haltet euch fern von den Mauern, werte Herren und Brüder, haltet euch fern von ihnen. Es ist gefährlich, sich ihnen zu nähern.“ Er hatte die Wahrheit gesprochen, denn die Polen schleuderten alles, was sie in die Hände bekamen, von den Mauern herab, und hierbei wurde mancher Kosak gefährlich verletzt. In diesem Augenblicke ritt der Hetman an Ostap heran, lobte ihn und sagte:

„Der Hauptmann ist zwar noch jung, aber er leitet seine Schar wie ein alter, gewiegter Heerführer!“

Der alte Bulba wandte sich um, um zu sehen, von was für einem neuen Hauptmann die Rede sei, und erblickte Ostap, der mit der Mütze auf dem Ohr und mit dem Hauptmannsstab in der Hand an der Spitze seiner Leute hoch zu Rosse saß. „Das ist ein Kerl!“ rief der Alte, ihn voller Freude betrachtend und dankte allen Uman-Kosaken für die seinem Sohne erwiesene Ehre.

Die Kosaken kehrten wieder um und machten sich bereit, ihr Lager aufzusuchen, als die Polen abermals, diesmal aber bereits in zerrissenen Gewändern auf den Wällen der Stadt erschienen. An vielen kostbaren Kleidern klebte geronnenes Blut, und die schönen Kupferhelme waren mit Staub bedeckt.

„Na, habt ihr uns zusammengebunden?“, riefen ihnen die Saporoger von unten zu.

„Ich werde euch schon fassen,“ schrie der dicke Oberst immer wieder von oben herab und drohte mit einem Strick; die erschöpften und bestaubten Krieger wollten noch immer nicht aufhören, Drohungen auszustoßen, und die Heißblütigsten ließen es auf beiden Seiten nicht an kräftigen Worten fehlen.

Endlich zerstreuten sich alle miteinander. Die einen begaben sich, vom Kampf ermüdet, zur Ruhe, die andern legten Erde auf ihre Wunden und zerrissen Tücher und die kostbaren Gewänder, die sie dem Feinde abgenommen hatten, um sich zu verbinden. Die, die sich etwas frischer fühlten, brachten die Erschlagenen fort und erwiesen ihnen die letzte Ehre; sie gruben ihnen mit einem Schwert oder einer Lanze ein Grab und trugen die Erde in ihren Mützen und Rockschößen fort; andächtig legten sie die toten Kosaken hinein und schütteten frische Erde über sie, damit ihnen Krähen und Adler nicht die Augen aushacken sollten. Die Leichen der Polen banden sie zu je zehn und mehr an die Schweife wilder Rosse und ließen diese zügellos über das ganze Feld rasen, ja, sie jagten noch hinter ihnen her und schlugen sie auf die Lenden. Die rasenden Pferde flogen über Furchen, Hügel, Gräben und Bäche und schleiften die mit Blut und Staub bedeckten Körper der Polen über den Erdboden.

Dann lagerten sich die Kosakenschaaren im Kreise, um ihr Abendessen einzunehmen, und redeten des langen und breiten über die Heldentaten, die ein jeder vollbracht hatte, zur Nacheiferung und zum Gedächtnis für die Neuhinzukommenden und die Nachfahren. Es dauerte lange, ehe sie sich niederlegten, aber länger als alle blieb der alte Taraß auf, der fortwährend darüber nachsann, was es wohl bedeuten mochte, daß Andrij sich nicht unter den feindlichen Kriegern befunden hatte. Ob sich der Judas vielleicht geschämt hatte, gegen die Seinen zu kämpfen, oder ob der Jude gelogen und Andrij einfach gefangen war? Aber er mußte doch wieder daran denken, wie empfänglich sein Herz für die Worte der Frauen war, ein tiefer Gram erfaßte Taraß, und er verfluchte im tiefsten Innern die Polin, die seinen Sohn bezaubert hatte. Oh er wollte seinen Schwur halten; ohne nur im geringsten ihrer Schönheit zu achten, wollte er sie an ihren schönen üppigen Haaren packen und zwischen den Kosaken hindurch über das ganze Feld schleifen. Staub und Blut sollten ihre schönen Brüste und Schultern bedecken und mochten sie noch so weiß sein und schimmern wie der ewige Schnee auf den Berggipfeln, sie sollten gegen die harte Erde schlagen und von ihr zerfetzt und zerrissen werden. In tausend Stücke wollte er ihren wunderbaren schwellenden Körper reißen, und die Teile in den Wind zerstreuen. Aber Bulba wußte nicht, was Gott dem Menschen für den morgigen Tag aufbehalten hat ..... er vergaß endlich seinen Schmerz und schlief ein. Die Kosaken plauderten noch immer miteinander, und die ganze Nacht hindurch standen nüchterne Wachtposten bei den Lagerfeuern und blickten scharfen Auges nach allen Seiten.

Achtes Kapitel

Die Sonne stand noch nicht im Zenit, als sich die Saporoger bereits zu einer allgemeinen Beratung versammelten. Aus der Sjetsch war die Nachricht gekommen, daß die Tataren sie während der Abwesenheit der Kosaken überfallen und völlig ausgeplündert, ja daß sie sogar die Schätze, die die Kosaken unter der Erde versteckt hielten, ausgegraben und alle, die zu Hause geblieben waren, totgeschlagen oder in die Gefangenschaft geführt hätten, und daß sie mit den geraubten Rinder- und Roßherden geradewegs nach Perekop gezogen wären. Nur einem einzigen Kosaken, Marim Goloducha, war es unterwegs gelungen, sich aus den Händen der Tataren zu befreien; er hatte den Mirza erstochen, dessen mit Zechinen gefüllten Beutel geraubt und sodann in tatarischer Kleidung und auf einem Tatarenpferde einen Tag und zwei Nächte auf der Flucht vor seinen Verfolgern zugebracht. Hierbei hatte er sein eigenes Pferd zu Tode gehetzt, ein anderes bestiegen, das er ebenfalls zu Schanden geritten hatte, und so war er erst am dritten Tage ins Lager der Saporoger gekommen, nachdem er unterwegs erfahren, daß diese bei Dubno standen. Er vermochte nur noch zu sagen, daß das Unglück geschehen war; wie es aber geschehen konnte, ob die zurückgebliebenen Saporoger sich nach Kosakenart betrunken hatten und dann im Rausch gefangen genommen worden, und wie die Tataren die Stelle entdeckt hatten, an der sich der Kriegsschatz befand — von alledem vermochte er nichts zu sagen. Der Kosak war furchtbar erschöpft und am ganzen Körper geschwollen; der heiße Wind hatte ihm das Gesicht verbrannt, genug, er sank sofort nieder und verfiel in einen tiefen Schlaf.

In solchen Fällen war es bei den Saporogern Sitte, den Räubern unverzüglich nachzujagen und sie noch unterwegs einzuholen, denn es konnte sonst leicht geschehen, daß die Gefangenen plötzlich auf den kleinasiatischen Bazaren, in Smyrna, auf der Insel Kreta oder an anderen Orten auftauchten, und Gott allein mochte wissen, wo man den buschigen Schädeln der Saporoger noch sonst begegnete. Das war der Grund, weswegen die Saporoger sich versammelt hatten. Sie alle, vom ersten bis zum letzten, hatten ihre Mützen aufbehalten, denn sie waren nicht hergekommen, um von ihrem Hetman Befehle zu hören, sondern um sich als Gleichgestellte miteinander zu beraten. „Die Ältesten sollen zuerst sprechen,“ riefen einige Stimmen aus der Menge. „Nein, Hetman, gib du uns einen Rat,“ sagten andere.

Der Hetman nahm die Mütze ab, nicht mehr als ihr Anführer, sondern als ihr Kamerad, dankte für die Ehre und sprach: „Es gibt viele unter uns, die älter sind, als ich, und viele, die einen klügeren Rat erteilen könnten, da man mir aber die Ehre erwiesen hat, mich zu fragen, so ist dies mein Rat: Verliert keine Zeit, Kameraden, und setzt den Tataren nach, denn ihr wißt ja selbst, was der Tatar für ein Mensch ist. Er wird mit seinem geraubten Schatz kaum auf unsere Ankunft warten, sondern ihn sofort verschleudern, sodaß auch nicht eine Spur von ihm übrig bleibt. Dies also ist mein Rat. Wir müssen aufbrechen, wir haben uns hier schon genug Bewegung gemacht. Die Polen wissen, wer die Kosaken sind, wir haben unsern Glauben nach Kräften gerächt. Die ausgehungerte Stadt aber kann für uns nicht mehr viel bedeuten. Darum lautet mein Rat: Brechen wir auf!“

„Aufbrechen, aufbrechen!“ schrieen die Abteilungen der Saporoger. Aber diese Worte wollten Taraß Bulba wenig gefallen. Finster runzelte er seine rabenschwarzen, leicht ergrauten Augenbrauen, die dem dichten Gestrüpp glichen, das auf dem Scheitel eines Berges wächst und dessen Spitzen mit feinen weißen Nadeln bereift sind. „Nein, dein Rat ist nicht gut, Hetman,“ sagte er, „deine Worte sind nicht richtig, du scheinst zu vergessen, daß die Unsern in der Gefangenschaft bei den Polen zurück bleiben. Du scheinst zu wollen, daß wir das erste und heiligste Gesetz der Freundschaft mißachten; daß wir unsere Brüder in Stich lassen, damit man ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abzieht oder ihren Kosakenleib vierteilt und ihn dann durch alle Städte und Dörfer schleppt, wie sie das bereits mit dem Hetman und den besten Helden der Ukraine gemacht haben. Haben sie unser Heiligstes noch nicht genug beschimpft? Was sind wir denn? frage ich euch alle. Was ist das für ein Kosak, der seinen Kameraden in der Not verläßt und zugibt, daß er in der Fremde verreckt wie ein Hund? Wenn es schon so weit gekommen ist, daß niemand die Kosakenehre mehr heilig hält und daß jeder sich erlaubt, uns ins Angesicht und auf unseren großen Schnurrbart zu speien, und Schimpfworte auf uns zu häufen — so soll wenigstens mir keiner einen Vorwurf machen können. Ich bleibe hier und wenn ich der einzige bin!“

Alle anwesenden Saporoger begannen zu schwanken.

„Tapferer Oberst“ entgegnete hierauf der Hetman, „hast du denn vergessen, daß es ebenfalls unsere Kameraden sind, die sich in den Händen der Tataren befinden? Daß ihr Leben ein ewiges Sklaventum unter den Heiden sein wird, entsetzlicher als der schrecklichste Tod, wenn wir sie nicht befreien? Hast du denn vergessen, daß sie unsern gesamten Schatz besitzen, der mit teurem Christenblute erkauft ist?“

Die Kosaken wurden nachdenklich und wußten nicht, was sie sagen sollten. Keiner von ihnen wollte in üblen Ruf kommen. Da trat der Älteste aus dem Heere der Saporoger, Kaßjan Bowdjug, hervor. Er war hochgeehrt bei den Kosaken, war schon zweimal Hetman gewesen und galt auch im Kriege als ein tüchtiger Kosak, aber jetzt war er schon sehr alt und nahm an keinem Feldzuge mehr teil, auch liebte er es nicht, Rat zu erteilen, sondern der alte Kämpe zog es vor, im Kreise der Kosaken auf dem Rücken zu liegen und den Erzählungen über vergangene Abenteuer und Feldzüge der Kameraden zu lauschen. Er mischte sich nie in ihre Reden, sondern hörte nur aufmerksam zu und drückte mit den Fingern die Asche in seiner kurzen Pfeife zusammen, die er nie aus dem Munde ließ. So saß er lange da, die Augen halb geschlossen, und die Kosaken wußten nie, ob er zuhöre oder schon schlafe. Während der letzten Feldzüge war er stets zu Hause geblieben, aber diesmal hatte es ihn aufgerüttelt. Nach Kosakenart hatte er seine Hand geschwungen und gesagt: „Ach was, diesmal komme ich mit euch. Vielleicht kann ich dem Kosakentum noch irgendwie nützlich sein.“ Alle Kosaken verstummten, als er jetzt vor die Versammlung trat, denn schon lange hatte man kein Wort aus seinem Munde gehört. Jeder wollte wissen, was Bowdjug zu sagen hatte.

„Auch an mich ist jetzt die Reihe gekommen, einige Worte zu sagen, ihr Herren und Brüder“, begann er, „so hört denn, was euch ein alter Mann sagt, Kinder. Der Hetman hat weise gesprochen; als Führer des Kosakenheeres, der verpflichtet ist, den Besitz des Heeres zu hüten und zu bewahren, konnte er gar nichts Weiseres sagen. Das laßt euch zuerst gesagt sein. Jetzt aber hört, was ich euch weiter mitzuteilen habe. Und zwar muß ich euch folgendes sagen. Auch der Oberst Taraß hat eine große Wahrheit ausgesprochen! Gott möge ihm ein langes Leben bescheren, und möge es noch oft solche Obersten in der Ukraine geben! Die erste Pflicht und die höchste Ehre des Kosaken ist es, Waffenbrüderschaft zu halten. Solange ich auf der Welt bin, ihr Herren und Brüder, habe ich es noch nicht erlebt, daß der Kosak seinen Kameraden in Stich gelassen oder verraten hätte. Sowohl die einen wie die andern sind unsere Kameraden; ob ihrer nun viele oder wenige sind, das ist ganz gleich, sie sind alle unsere Kameraden und uns alle gleich lieb und wert. Ich will also folgendes sagen: Diejenigen, denen die Gefangenen der Tataren besonders lieb sind, sollen sich an die Verfolgung der Tataren machen, die dagegen, denen die von den Polen Fortgeschleppten mehr am Herzen liegen, und die deren gerechte Sache nicht verlassen wollen, sollen hier bleiben. Der Hetman mag seiner Pflicht gemäß mit der einen Hälfte die Tataren verfolgen, die andere Hälfte aber soll sich unterdessen einen eigenen stellvertretenden Hetman wählen. Und für dieses Amt eignet sich, wenn ihr einem Graukopf folgen wollt, niemand besser, als Taraß Bulba. Es gibt keinen unter uns, der ihm an Mut und Tapferkeit gleich ist.“

So sprach Bowdjug und verstummte; und alle Kosaken freuten sich, daß sie der Alte so auf den richtigen Weg gewiesen hatte. Alle warfen ihre Mützen in die Luft und riefen: „Dank dir, Väterchen! Du hast immer geschwiegen, und geschwiegen, du hast lange geschwiegen, und nun endlich hast du das einzig Richtige und Wahre gesagt. Du hast nicht vergebens erklärt, als du mit uns in den Feldzug zogst, daß du dem Kosakentum nützen könntest: Nun ist es wirklich so gekommen.“

„Seid ihr damit einverstanden?“ fragte der Hetman.

„Ja, wir sind Alle einverstanden,“ riefen die Kosaken.

„Die Versammlung ist also beendet?“

„Die Versammlung ist beendet,“ riefen die Kosaken.

„So vernehmt denn jetzt den Heeresbefehl, Kinder,“ sagte der Hetman, trat vor und setzte die Mütze auf; und alle Saporoger, so viel ihrer da waren, nahmen die ihren ab und hörten ihn entblößten Hauptes und mit zu Boden gesenkten Blicken an, wie es bei den Kosaken Sitte war, wenn einer der Ältesten sprechen wollte. „Jetzt teilt euch in zwei Teile, ihr Herren und Brüder. Wer gehen will, begebe sich auf die rechte Seite, wer bleibt, auf die linke. Geht der größere Teil einer Abteilung mit, so folgt ihnen auch der Führer, ist es jedoch nur der kleinere Teil, so mögen sich die Übrigbleibenden einer anderen Abteilung anschließen.“

Und Alle teilten sich in zwei Gruppen und stellten sich teils auf die rechte, teils auf die linke Seite. Wohin sich der größere Teil einer Abteilung begab, dahin folgte auch der Führer: kleinere Teile schlossen sich an die größeren Abteilungen an. Und es stellte sich heraus, daß beide Gruppen fast gleichstark waren. Folgende Abteilungen hatten sich zum Bleiben entschlossen: beinahe die ganze Abteilung Nesamaikow, die größere Hälfte der Abteilung Popowitsch, die ganze Abteilung Uman und Kanew, und die größere Hälfte der Steblikiwschen und Tymoschewschen Abteilungen. Die übrigen Abteilungen zogen es vor, die Tataren zu verfolgen. Auf beiden Seiten gab es viele tapfere und wackere Kosaken. Unter denen, die beschlossen hatten, den Tataren nachzujagen, befanden sich: ein wackerer, alter Kosak, Tscherewaty, ferner Pokotypole, Lemisch und Prokopowitsch Choma. Auch Demid Popowitsch hatte sich ihnen angeschlossen, denn er hatte eine recht hohe Meinung von sich und liebte es nicht, lange an ein und demselben Ort zu sitzen: er hatte sich nun mit den Polen gemessen, jetzt wollte er es wieder einmal mit den Tataren aufnehmen. Die Anführer der einzelnen Abteilungen waren folgende: Nostjugan, Pokryschka, Newylytschki und noch viele andere wackere und tapfere Kosaken, die Schwert und Kraft im Kampf gegen die Tataren erproben wollten. Aber nicht weniger tapfere und brave Kosaken waren unter denen, die da bleiben wollten: die Abteilungsführer Demytrowitsch, Kukubenko, Wertychwist, Balaban, Bulbenko und Ostap. Außer ihnen gab es da noch viele andere berühmte und gewaltige Kosaken: Wowtusenko, Tscherewytschenko, Stepan Guska, Ochrim Guska, Mykola Gustyj, Sadoroschny, Metelizja, Iwan Sakrutyguba, Mossy Schilo, Degtjarenko, Sydorenko, die drei Pissarenko und noch viele andere ausgezeichnete Kosaken, alles erfahrene, und erprobte Leute. Sie waren an den Küsten Anatoliens, in den Steppen der Krim, auf allen großen und kleinen Flüssen, die in den Dnjepr münden, und in den Schluchten und auf den Inseln dieses Flusses gewesen; sie hatten die Moldau, die Wallachei und die Türkei besucht, hatten das ganze schwarze Meer mit ihren zweiruderigen Kosakenbooten durchkreuzt und mit deren fünfzig die größten und reichsten Schiffe überfallen, nicht wenig Galeeren zum Kentern gebracht und viel, sehr viel Pulver in ihrem Leben verschossen. Oft genug hatten sie kostbare Seiden- und Sammetstoffe zerrissen um sich Fußlappen daraus zu verfertigen, und ihre Beutel am Hosengurt mit goldenen Zechinen vollgestopft. Und wieviel Geld und Gut jeder von ihnen schon vertrunken und verjubelt hatte, — einem andern hätte es für das ganze Leben gereicht — das war garnicht auszurechnen. Sie hatten nach Kosakenart alles verschwendet: alle Welt bewirtet, und Musikanten bestellt, damit alles, was da lebte, lustig sei! Noch jetzt hatten die meisten irgendwo Wertgegenstände vergraben: Becher, silbernes Trinkgeschirr und Armbänder, die sie im Schilf auf den Inseln des Dnjepr versteckt hielten, damit die Tataren sie nicht auffinden konnten, wenn es diesen gelingen sollte, die Sjetsch in einem unglücklichen Augenblick plötzlich zu überfallen. Aber es wäre den Tataren schwer geworden, diese Schätze zu finden, wußten doch oft die Besitzer selbst nicht mehr, wo sie sie vergraben hatten. Das waren die Kosaken, die da bleiben wollten, um die treuen Waffenbrüder und den christlichen Glauben an den Polen zu rächen. Der alte Kosak Bowdjug wollte gleichfalls mit ihnen zurückbleiben und sagte: „Ich bin nicht mehr jung genug, um hinter den Tataren herzulaufen; auch dies ist ein Platz, wo man einen ehrlichen Kosakentod sterben kann! Schon lange bete ich zu Gott, daß ich, wenn ich denn sterben soll, mein Leben im Kampf für die heilige Sache Christi hingeben dürfe. Nun ist es so gekommen. Einen schöneren Tod kann es für einen alten Kosaken nirgends geben.“

Nachdem sie auseinandergegangen waren und sich in zwei Gruppen nach den Abteilungen aufgestellt hatten, schritt der Hetman die Reihen ab und sagte:

„Nun ihr Herren und Brüder, sind die beiden Teile miteinander zufrieden?“

„Wir sind alle zufrieden Väterchen,“ riefen die Kosaken.

„Nun, dann küßt euch und drückt euch zum Abschied die Hände, denn Gott weiß, ob ihr euch noch einmal im Leben wiederseht. Gehorcht eurem Hetman, und tut euer Bestes: ihr wißt ja selbst, was die Kosakenehre von euch fordert.“

Und alle Kosaken, so viele ihrer waren, küßten einander. Die Führer machten den Anfang, sie strichen sich über ihre grauen Schnurrbärte und küßten sich dreimal, dann drückten sie sich die Hände und hielten sie lange fest, als ob sie sagen wollten: „Werden wir uns noch einmal wieder sehen, Herr Bruder oder nicht?“

Sie sagten aber doch nichts, sondern schwiegen, und ihre grauen Köpfe versanken in Nachdenken. Auch die Kosaken nahmen Abschied von einander; alle insgesamt, denn sie wußten, daß es für beide Teile viel zu tun gab. Sie beschlossen aber, sich nicht sofort zu trennen, sondern bis zum Anbruch der Nacht zu warten, damit der Feind nichts davon merke, daß das Kosakenheer kleiner geworden sei. Dann begaben sich alle in die einzelnen Lager, um sich ihr Mittagsmahl zu bereiten.

Nach der Mahlzeit legten sich alle, die nach Hause gehen wollten zur Ruhe nieder; sie schliefen lange und fest, wie wenn sie ahnten, daß dies das letzte Mal sei, wo sie sich als freie Männer auf freiem Felde ausschlafen konnten. Sie schliefen bis zum Sonnenuntergang: bei Anbruch der Dunkelheit aber standen sie auf, um ihre Wagen zu schmieren. Als sie fertig waren, schickten sie die Wagen voraus, sie selbst aber grüßten ihre Kameraden nochmals mit den Mützen und schritten langsam und still hinter den Wagen her; die Berittenen zogen in guter Ordnung, ohne die Pferde durch Schreien und Pfeifen anzuspornen, hinter den Fußgängern her, und bald waren sie in der Dunkelheit verschwunden. Nur hie und da hörte man noch das dumpfe Pferdegetrappel und hin und wieder das Knarren eines Rades herüberschallen, das noch nicht recht in Gang gekommen oder während der nächtlichen Dunkelheit schlecht geschmiert worden war.

Und lange noch winkten ihnen die zurückgebliebenen Kameraden zu, obgleich nichts mehr von ihnen zu sehen war. Als sie aber zu ihren Lagerplätzen zurückgekehrt waren, und als sie bei dem sternhellen Himmel sahen, daß die gute Hälfte der Wagen nicht mehr da war, und daß viele ihrer Brüder fehlten, da wurde es ihnen traurig und bang ums Herz, sie wurden unwillkürlich nachdenklich und ließen ihre unruhigen Köpfe herabsinken.

Taraß sah, wie schwermütig die Kosaken wurden, und wie sich ihrer Köpfe eine gewisse Verzagtheit, die eines tapferen Mannes unwürdig ist, bemächtigte; aber er schwieg, er wollte ihnen Zeit lassen, bis sie sich an den Schmerz gewöhnten, den der Abschied der Kameraden in ihnen hervorgerufen hatte. Im stillen nahm er sich jedoch vor, sie plötzlich durch den Kosaken-Kriegsruf aufzurütteln, um ihrer Seele wieder neuen frischen Mut und neue Stärke einzuflößen. Jene Stärke, deren nur die slavische Rasse fähig ist, diese weitherzige, mächtige Rasse, die sich zu den andern Rassen verhält, wie das Meer zu einem seichten Flüßchen. Wenn die Zeit stürmisch ist, dann bricht es in ein dröhnendes Gebrüll und Gedonner aus und wirft und türmt gewaltige Wogenmassen auf, wie es ein kraftloser Fluß nie vermag; wenn aber Windstille und Ruhe herrscht, dann streckt es seine unabsehbare, klare Spiegelfläche aus: den Augen ein ewiges Labsal, und klarer und reiner als je einer der Flüsse.

Taraß befahl seinen Dienern, einen Wagen, der gesondert dastand, auszupacken. Es war der größte und stärkste von allen Kosakenwagen. Seine Räder waren mit doppelten mächtigen Reifen beschlagen, er war hoch beladen, mit Decken und starken Ochsenfellen bespannt und mit gut geteerten Stricken umwunden. Im Innern befanden sich Gefäße und Fässer mit gutem alten Wein, der lange in Taraß’ Kellern gelagert hatte. Er hatte diesen Vorrat für einen feierlichen Augenblick aufgespart, damit ein jeder Kosak — wenn der große Augenblick gekommen war und große Taten winkten, die würdig waren, der Nachwelt überliefert zu werden — einen köstlichen Schluck dieses verbotenen Trunkes koste, auf daß der große Moment in dem Menschen auch ein großes Gefühl auslöse. Auf den Befehl des Obersten liefen die Knechte sofort zu den Wagen, hieben mit ihren Säbeln die dicken Stricke durch, nahmen die starken Ochsenhäute und Decken ab und zogen die Gefäße und Fässer vom Wagen herunter.

„Nehmt nur alle,“ sagte Bulba, „alle, so viele ihr seid, ein jeder nehme, was er bei der Hand hat: einen Becher, einen Eimer, mit dem er sonst sein Pferd tränkt, einen Fausthandschuh oder die Mütze, oder wenn es gar nicht anders geht, so haltet einfach die Hände unter.“

Und alle Kosaken, soviel ihrer da waren, taten, wie Taraß ihnen gebot; der eine hielt einen Becher unter, ein anderer einen Eimer, aus dem er sonst sein Pferd tränkte, ein dritter seinen Fausthandschuh und wieder andere die Mütze, viele aber hielten einfach beide Hände hin. Und Taraß’ Knechte schenkten ihnen allen den Wein aus Gefäßen und Fässern ein. Allein Taraß gebot ihnen, nicht eher davon zu kosten, als bis er ihnen ein Zeichen gäbe, damit alle den Wein auf einmal austränken. Man sah es ihm an, daß er etwas sagen wollte. Taraß wußte, daß, so stark auch die Wirkung an und für sich ist, die ein guter alter Wein auf das Gemüt des Menschen ausübt, und so sehr er ihn ermutigt und belebt, der Einfluß des Trunkes auf Geist und Gemüt noch doppelt so stark ist, wenn er von einem guten Wort begleitet wird. „Ich habe Euch nicht deshalb zu diesem Trunke eingeladen, werte Herren und Brüder,“ sprach Bulba, „weil ihr mich zu euerem Führer erwählt habt, so sehr ich mir das auch zur Ehre anrechne, und auch nicht um den Abschied von unseren Kameraden zu feiern, — das würde sich wohl in anderen Zeiten besser geziemen als gerade in diesem Augenblick. Große, schwere Taten, edlen Schweißes wert, harren unser, Taten, die den gewaltigen Mut der Kosaken erfordern! Und darum, Kameraden, laßt uns den Wein austrinken auf einen Zug: vor allem auf den heiligen christlichen Glauben, damit endlich die Zeit kommt, wo sich der eine wahre und heilige Glaube über den ganzen Erdboden verbreite und alle Mohammedaner, soviel ihrer auch sind, gläubige Christen werden. Und zugleich laßt uns auf die Sjetsch trinken, auf daß diese noch lange bestehen möge zum Schrecken und Verderben der Mohammedaner, und auf daß alle Jahre recht viele brave Kosaken, einer tüchtiger und schöner als der andere, aus ihr hervorgehen mögen. Und endlich laßt uns auch gleich auf unsern eigenen Ruhm trinken, auf daß Kinder und Kindeskinder sich von uns erzählen, daß es einst Kosaken gegeben habe, die nicht Verrat geübt an der Freundschaft und die eigenen Waffenbrüder nicht in Stich gelassen haben! Also es lebe der Glaube, werte Herren. Es lebe der Glaube!“

„Es lebe der Glaube!“ donnerten alle, die in den vordersten Reihen standen mit ihren tiefen Baßstimmen los. „Auf unsern Glauben!“ fielen auch die ferner Stehenden ein, und alle Anwesenden, die Alten und die Jungen, leerten die Becher auf ihren Glauben.

„Auf die Sjetsch!“ sagte Bulba und hob den Arm hoch über den Kopf empor.

„Auf die Sjetsch!“ riefen die in den vordersten Reihen mit lauter Stimme. „Auf die Sjetsch!“, sagten die Alten leise und strichen sich die grauen Schnurrbärte; und die Jungen wiederholten wie ein junger Falke, der aus dem Schlafe erwacht: „Auf die Sjetsch!“ — und weithin drang über das Feld der Ruf, mit dem die Kosaken ihrer Sjetsch gedachten.

„Jetzt noch einen letzten Trunk, Kameraden: auf unsere Ehre und unseren Ruhm und auf alle Christen, die in der Welt leben!“

Und alle Kosaken, vom ersten bis zum letzten, tranken den letzten Schluck auf Ehre und Ruhm und auf alle Christen, die irgendwo in der Welt lebten. Und lange noch wiederholten die einzelnen Gruppen und Abteilungen:

„Auf das Wohl aller Christen, die in der Welt leben!“

Die Becher waren geleert, doch noch immer standen die Kosaken mit erhobenen Händen da; allein wenn auch der Wein ihre Augen heller und freudiger glänzen machte, — sie waren doch immer noch ernst und nachdenklich. Nicht an Beute und Kriegsglück dachten sie jetzt, auch nicht daran, ob ihnen wohl goldene Dukaten, kostbare Waffen, gestickte Röcke und Tscherkessenpferde beschieden sein würden: sie saßen sinnend da wie eine Schar von Adlern, die sich hoch oben auf den Spitzen steinerner Felsen und steiler Berge niedergelassen haben, von wo aus man das weite grenzenlose Meer erblickt, wie es mit Galeeren, Segelschiffen und allerlei Fahrzeugen, gleichwie mit kleinen Vögeln, besät ist, — das Meer mit seinen in der Ferne verschwimmenden Meerbusen und Gestaden, mit Städten, die wie Fliegen, und mit Wäldern, deren Bäume wie niedrige Grashalme aussehen. Mit Adlerblick überschauten sie die ganze Ebene und ihr von ferne winkendes Schicksal. Einst würde das ganze weite Feld, mit all seinen Wegen und Verstecken, mit nackten weißen Kosakenknochen bedeckt sein, und auf dem von Kosakenblut gedüngten Boden würde man zertrümmerte Wagen, zerbrochene Säbel und Lanzen erblicken; überall würden dicht behaarte Köpfe mit zerzausten und blutigen Mähnen und tief herabhängenden Schnurrbärten herumliegen, die Adler würden sich auf die Leichen stürzen und ihnen mit ihren Schnäbeln die Kosaken-Augen heraushacken. Aber wie schön und herrlich war doch trotz allem ein so weites, freies Sterbelager! Keine ihrer großen Taten würde vergessen werden, und der Kosakenruhm würde nie vergehen und nie sich verlieren wie die kleine Kugel, die den Flintenlauf verlassen hat. Ein Bandura-Spieler mit einem weißen, bis an den Gürtel reichenden Bart würde einst von ihm singen oder vielleicht auch ein weißhaariger Greis, der aber noch immer ein Bild kraftvoller männlicher Schönheit ist: ein Wahrsager und Prophet, würde er mit gewaltigen, mächtigen Worten von ihm künden! Und weithin über die Welt würde sich der Ruhm der Kosaken verbreiten, und alle, die nach ihnen geboren würden, würden von ihnen reden. Denn leicht verbreitet sich ein gewaltiges Heldenwort, leicht wie der Ton aus schallendem Glockenerz, in das der Meister viel köstliches und reines Silber gemischt hat, auf daß der herrliche Klang in alle Städte und Dörfer, Paläste und Hütten dringe, und alle Christen zum heiligen Gebete rufe.

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