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Sämmtliche Werke 4: Mirgorod cover

Sämmtliche Werke 4: Mirgorod

Chapter 17: Elftes Kapitel
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About This Book

A set of independent tales rooted in a Ukrainian provincial setting, blending earthy realism, satirical comedy, folkloric fantasy, and historical adventure. One story portrays the simple routines and slow decline of elderly landowners; another dramatizes the fierce loyalties and brutal conflicts of Cossack life; a comic novella traces a petty but escalating quarrel between neighbors; and a supernatural tale stages eerie encounters with witches and demonic forces. Together the pieces juxtapose domestic detail, grotesque humor, and mythic violence to examine social customs, human folly, and the thin boundary between the ordinary and the uncanny.

In der Stadt hatte noch niemand etwas davon erfahren, daß die Hälfte der Saporoger abgezogen war, um die Tataren zu verfolgen. Vom Rathausturm bemerkte man allerdings, daß ein Teil der Wagen hinter dem Walde verschwunden war, allein man glaubte, daß die Kosaken den Leuten in der Stadt einen Hinterhalt legen wollten, und so dachte auch der welsche Ingenieur. Mittlerweile aber hatte sich die Meinung des Hetmans bestätigt: in der Stadt machte sich wieder ein großer Mangel an Lebensmitteln bemerkbar: wie stets in diesen Zeiten, so hatte man es auch diesmal nicht für nötig gehalten, die Bedürfnisse des Heeres im voraus zu berechnen. So versuchte man denn, einen Ausfall aus der Stadt zu machen — indes die Hälfte der Waghalsigen wurde auf der Stelle von den Kosaken niedergemacht, und die andern wurden mit leeren Händen in die Stadt zurückgeschickt. Die Juden aber wußten den Ausfall gut auszunutzen: sie kriegten alles heraus: wohin und weshalb die Saporoger fortgezogen waren, welche Führer, welche Abteilungen und wieviel Leute an Ort und Stelle zurückgeblieben waren, und was sie zu tun beabsichtigten — kurz, man war in der Stadt bald darauf aufs genaueste über alles unterrichtet.

Die Führer schöpften neuen Mut und entschlossen sich, den Kosaken eine Schlacht zu liefern. Taraß erriet diese Absicht schon an dem Lärm und der Bewegung in der Stadt, worauf auch er schnell alle Anstalten traf, alle nötigen Befehle und Anordnungen gab und die einzelnen Abteilungen in drei Lager teilte, indem er sie von Proviantwagen wie mit Festungswällen umstellen ließ, — eine Kampfart, in der die Saporoger unbesieglich waren. Zwei Abteilungen befahl er, sich in den Hinterhalt zu legen, und einen Teil des Feldes ließ er mit spitzen Pfeilen, zerbrochenen Säbeln und Lanzen spicken, um, wenn es glücken sollte, die feindliche Reiterei hineinzujagen. Als alles aufs trefflichste instand gesetzt war, hielt er eine Ansprache an die Kosaken: nicht etwa um sie zu ermutigen oder anzufeuern — er wußte, daß sie auch ohnedies mutig und tapfer genug waren, sondern einfach weil er selbst einmal aussprechen wollte, was er auf dem Herzen hatte.

„Werte Herren, ich will euch sagen, was unsere Kameradschaft bedeutet. Ihr habt von den Vätern und Großvätern vernommen, wie unser Land überall geehrt wurde: die Griechen haben es kennen gelernt, und von Konstantinopel erhielt es Dukaten als Tribut; es hatte herrliche Städte, Kirchen und Fürsten — Fürsten von altem russischen Adel, seine eigenen Fürsten und nicht katholische Ketzer. Und nun haben uns die Ungläubigen alles geraubt, und es ist alles verloren gegangen: nur wir arme Waisen sind übrig geblieben — und wie eine Witwe, deren starker Mann dahingegangen ist, ist auch unser Land verwaist und schutzlos geworden. In einer solchen Zeit haben wir uns die Hände gereicht, Kameraden, um Brüderschaft miteinander zu schließen! Und das ist es, worauf unsere Kameradschaft gegründet ist! Es gibt keine heiligeren Bande als die der Waffenbrüderschaft; der Vater liebt sein Kind, die Mutter liebt ihr Kind, das Kind liebt Vater und Mutter, doch was bedeutet das alles, Brüder? Auch das Tier liebt ja sein Junges! Eine Seelengemeinschaft die noch über die Blutsbande hinausgeht, die kann nur bei Menschen bestehen! Auch in andern Ländern haben treue Freunde und Kameraden zusammengehalten, aber nirgends noch gab es solche, wie die russische Erde sie hervorbrachte. Viele von euch haben lange, lange Zeit in der Fremde geschmachtet, gewiß, auch dort gibt es Menschen — auch sie sind von Gott erschaffen worden, und man kann mit ihnen sprechen wie mit seinesgleichen. Aber wenn es sich um Worte handelt, die die ganze Seele aufrühren, da merkt man sofort den Unterschied! Gewiß, es sind kluge Leute, und doch fehlt es ihnen an etwas, es sind Menschen wie wir, und doch ganz anders geartet. Nein Brüder, so lieben, wie ein russisches Herz es kann — ich meine nicht mit dem Verstande oder irgend etwas Ähnlichem, sondern mit allem, was uns Gott gegeben hat, mit alledem, was im Menschen verborgen ist — ah,“ sagte Taraß, indem er die Hand sinken ließ, sein graues Haupt schüttelte und mit dem Schnurrbart zuckte, „nein, so kann kein anderer lieben! Ich weiß wohl, es sind jetzt schlimme Sitten in unser Land gedrungen, alle Leute denken nur an ihre Heuschober, ihre Kornspeicher, ihre Roßherden und legen den allergrößten Wert darauf, daß die versiegelten Metflaschen in ihren Kellern nur ja unberührt bleiben; sie nehmen der Teufel weiß was für heidnische Sitten an, verachten ihre eigene Sprache und wollen kaum noch mit ihren eigenen Stammesgenossen sprechen, ja sie verkaufen den eigenen Bruder wie irgend ein seelenloses Vieh, das man auf dem Markte feilbietet. Die Gunst eines fremden Königs, ja nicht einmal eines Königs, sondern nur das schmähliche Wohlwollen eines polnischen Magnaten, der sie mit seinen gelben Stiefeln ins Gesicht schlägt, liegt ihnen mehr am Herzen als alle Brüderschaft. Aber auch im letzten Lumpen, so niedrig und gemein er auch sein mag, selbst wenn er sich noch so sehr in Staub, Schmutz und Unterwürfigkeit wälzt, auch in ihm, Brüder, lebt noch ein Fünkchen russischen Gefühls, und der Tag kommt, an dem er wieder erwacht und zur Besinnung kommt; dann wird er sich wie ein Verzweifelter gegen die Brust schlagen, sich am Kopfe fassen, sein schändliches Leben laut verfluchen, und seine schmachvolle Tat mit tausend Qualen sühnen wollen. So mögen sie denn alle wissen, was die Kameradschaft in russischen Landen bedeutet! Und wenn es denn gilt, zu sterben, so wird niemand von ihnen so zu sterben wissen wie wir. Niemand, niemand! Das bringt ihre Mäusenatur nicht fertig!“

So sprach der Hauptmann, und als er seine Rede beendet hatte, schüttelte er noch lange sein silberweißes Haupt, das in den vielen Kosakenzügen ergraut war.

Alle Umstehenden hatte seine Rede aufs tiefste ergriffen und bis ins Innerste erschüttert. Die Ältesten verharrten in völliger Bewegungslosigkeit, sie hatten ihre grauen Häupter zu Boden gesenkt, und in ihren alten Augen glänzte eine verstohlene Träne, die sie langsam mit dem Ärmel fortwischten. Dann aber erhoben sie alle wie auf Verabredung gleichzeitig die Hände und schüttelten die greisen Häupter.

Der alte Taraß mußte wohl mancherlei Vertrautes und Schönes wachgerufen haben, das tief im Herzen der Menschen schlummert, eines Menschen, der durch Not, Mühsal, Leichtsinn und allerhand Mißgeschick klüger geworden ist oder der zwar noch nicht alles erfahren, aber doch in seiner jungen reinen Seele vieles empfunden hat, zur Freude seiner greisen Eltern, die ihn erzeugt haben.

Doch schon kam das feindliche Heer aus der Stadt herangezogen, die Pauken und Posaunen dröhnten, und die Ritter nahten, die Hände in die Seiten gestemmt, auf ihren stolzen Rossen, umgeben von zahllosen Reisigen. Der dicke Oberst teilte Befehle aus. Ohne Verzug rückten die Polen gegen die Kosakenlager vor und legten drohend ihre Gewehre an, wobei ihre Augen zornig funkelten und ihre Kupferrüstungen glänzten.

Kaum hatten die Kosaken gesehen, daß sie nur noch auf Schußweite entfernt waren, so ergriffen auch sie ihre sechs Fuß langen Gewehre und eröffneten ein ununterbrochenes Feuer. Das dumpfe Knattern tönte über alle Wiesen und Felder und wuchs zu einem beständigen Donner an. Das ganze Schlachtfeld war in Rauch gehüllt, aber die Saporoger fuhren fort zu schießen, ohne auch nur die geringste Pause eintreten zu lassen, die hinteren Reihen taten hierbei nichts, als daß sie die Gewehre luden, die sie den vorderen reichten, worüber der Feind aufs äußerste bestürzt war, da er nicht begreifen konnte, wie die Kosaken zum Schuß kämen, ohne die Gewehre zu laden. Infolge des dichten Rauchs, der beide Heere einhüllte, war es völlig unmöglich, wahrzunehmen, wie bald der eine, bald der andere in den Reihen fehlte; doch die Polen fühlten sehr wohl, daß ein wahrer Kugelregen auf sie niederprasselte, und daß der Kampf sehr ernst wurde; als sie sich ein wenig zurückzogen, um aus dem Pulverrauche herauszukommen, und sich ein wenig umsahen, merkten sie, daß in ihren Reihen viele fehlten, während bei den Kosaken höchstens zwei oder drei vom Hundert gefallen waren. Die Kosaken aber setzten ihr Gewehrfeuer unablässig fort, ohne auch nur einen Augenblick inne zu halten.

Selbst der ausländische Ingenieur wunderte sich über diese noch nie gesehene Kampfart und erklärte laut und vor allen Leuten:

„Wackere Kerls diese Saporoger! So sollte man überall kämpfen, auch in anderen Ländern.“ Und er riet, unverzüglich die Kanonen auf das Lager zu richten. Dumpf brüllten die Kanonen aus ihren weiten ehernen Schlünden, weithin und dröhnend erbebte der Erdboden, und das ganze Schlachtfeld hüllte sich in noch dichteren Pulverdampf. In den Straßen und Plätzen der benachbarten und entfernteren Städte machte sich der Pulvergeruch bemerkbar, allein die Polen hatten zu hoch gezielt: die glühenden Kugeln beschrieben einen zu großen Bogen, flogen mit schrecklichem Getöse über die Köpfe des gesamten Lagers hinweg und bohrten sich tief in den Boden ein, wobei sie das schwarze Erdreich völlig aufwühlten und hoch in die Luft schleuderten. Angesichts einer solchen Ungeschicklichkeit raufte sich der welsche Kriegskünstler die Haare und begann die Kanonen nun selbst zu richten, ohne darauf zu achten, daß die Kosaken ununterbrochen feuerten.

Taraß hatte von weitem die Gefahr bemerkt, die der ganzen Abteilung Nesamaikow und Steblikiw drohte, und rief mit dröhnender Stimme: „Alle Mann hinter den Wagen vor, und sofort auf die Pferde!“ Allein die Kosaken hätten kaum noch Gelegenheit gehabt, das eine oder das andere zu tun, wenn nicht Ostap sich mitten in die Schlachtreihe des Feindes gestürzt hätte: hierbei schlug er sechs Kanonieren die Lunten aus den Händen, bei vier anderen mißglückte ihm jedoch dieser waghalsige Versuch, und die Polen trieben ihn wieder zurück. Nun aber ergriff der ausländische Hauptmann selbst die Lunte, um sie an ein Riesengeschütz zu legen, wie es noch keiner von den Kosaken bisher gesehen hatte: Es bot mit seinem furchtbaren Schlunde einen schrecklichen Anblick dar, und hundert Tode blickten aus ihm hervor. Und als es erdröhnte und zugleich mit ihm noch drei andere ihren ehernen Mund öffneten, und ein vierfacher Stoß den ganzen Erdboden erschütterte — welch entsetzliches Unheil richteten sie da an! Wie viele Kosaken blieben auf der Walstatt! Manch alte Mutter sollte ihren gefallenen Sohn beklagen und mit den knochigen Händen ihren welken Busen schlagen! Wie viele Witwen in Gluchow, Nemirow, Tschernigow und in anderen Städten sollten ihre Männer beweinen! Tag für Tag sollten die Bräute auf den Markt hinauslaufen, jeden Vorübergehenden festhalten und ihm in die Augen blicken, ob sich nicht der unter ihnen befindet, der ihr der Liebste ist! Aber viele Soldaten sollten durch die Stadt ziehen, doch der über alles Geliebte sollte nicht unter ihnen sein!

Die Hälfte der Abteilung Nesamaikow war wie weggeblasen. Wie der Hagel ein ganzes Erntefeld niedermäht, aus dem jede Ähre gleich einem vollwertigen Dukaten glänzt, so wurden sie erschlagen und niedergestreckt!

Wie da aber die Kosaken vorwärtsstürmten! Wie sie sich alle auf den Feind stürzten! Der Hauptmann Kukubenko schäumte vor Wut, als er sah, daß die Hälfte seiner Leute nicht mehr da war. Mitten ins feindliche Zentrum warf er sich jetzt mit dem Rest seiner Abteilung. Den ersten, der ihm begegnete, hieb er in seiner Wut in Stücke zusammen; zahllose Ritter stürzte er von ihren Rossen, indem er Roß und Reiter mit seiner Lanze durchbohrte: schon hatte er sich bis zu den Kanonieren durchgeschlagen und sich einer Kanone bemächtigt, als er sah, daß die Befehlshaber der Abteilungen Uman und Stephan Guska die Riesenkanone fortschleppten. Er überließ dies also jenen Abteilungen und sprengte mit den Seinen in den feindlichen Haufen zurück. Und immer öffnete sich eine Gasse, wo sich die Krieger von Nesamaikow zeigten! Wo sie eine Wendung machten, da tat sich eine Straße auf. Man sah, wie die Reihen der Polen sich immer mehr lichteten und wie ein Haufen nach dem andern niedersank. In der Nähe der Wagen stand Wowtusenko, vor ihm Tscherewitschenko, hinter dem letzten Wagen Degtarenko und noch weiter zurück der Abteilungsführer Wertychwist. Zwei Edelleute hatte Degtarenko bereits mit seiner Lanze durchbohrt und war jetzt an den dritten geraten, der sich so leicht nicht ergeben wollte. Dieser Pole war äußerst gewandt und stark, er trug eine prachtvolle Rüstung, und fünfzig Krieger bildeten sein Gefolge.

Er versetzte Degtarenko einen gewaltigen Streich, warf ihn zu Boden und schrie jetzt, den Säbel hoch über ihm schwingend: „Ihr Hunde von Kosaken, es gibt keinen unter euch, der es mit mir aufzunehmen wagte!“

„Doch, es gibt einen,“ sagte Mossy Schilo und trat vor. Er war ein starker Kosak, der die Kosaken schon oft zu Wasser befehligt und schon manches Mißgeschick erlebt hatte. Die Türken hatten ihn und seine Leute einst bei Trapezunt ergriffen und sie alle als Sklaven auf die Galeere geschleppt; ganze Wochen lang hatten sie ihnen kein Brot gegeben und sie ekles Meerwasser trinken lassen. Allein die armen Sklaven erlitten und ertrugen alles, nur um ihren heiligen Glauben nicht abzuschwören. Der Hauptmann, Mossy Schilo, vermochte jedoch diesen Zustand nicht mehr zu ertragen: er trat das heilige Gebot mit Füßen, schlang den abscheulichen Turban um sein sündiges Haupt und gewann dadurch das Vertrauen des Paschas, der ihn zum Schließer und Oberaufseher über das Schiff und alle Sklaven machte. Da wurden die armen Sklaven sehr traurig; sie wußten, wenn ein Bruder den Glauben verrät und zu den Bedrückern übergeht, dann wird es unter seiner Herrschaft noch viel schlimmer als unter der eines Ungläubigen. Und so kam es auch. Mossy Schilo legte allen neue Ketten an, schloß je drei zusammen, fesselte sie mit furchtbaren Stricken, die sich bis auf die weißen Knochen ins Fleisch einschnitten und versetzte ihnen kräftige Hiebe über Nacken und Kopf. Als jedoch die Türken voller Freude, daß sie einen solchen Aufseher gewonnen hatten, ihre religiösen Vorschriften vergaßen, sich zum Schmausen niederließen und sich ganz sinnlos betranken, da trug Mossy Schilo alle vierundsechzig Schlüssel herbei und gab sie den Gefangenen, ließ sie ihre Ketten aufschließen, die Fesseln ins Meer werfen, statt ihrer einen Säbel in die Hand nehmen und alle Türken niedermetzeln. Die Kosaken machten eine große Beute und kehrten ruhmbedeckt in die Heimat zurück; und lange noch sangen die Bandurenspieler von Mossy Schilo. Man hätte ihn wohl zum Hetman gewählt, wenn er nicht ein so seltsamer Kosak gewesen wäre. Manchmal vollführte er Dinge, die auch dem Weisesten nicht eingefallen wären; ein anderes Mal plagte ihn einfach der Teufel. Er vertrank und verjubelte alles, was er besaß; in der Sjetsch war er jedem etwas schuldig, und dazu kam noch, daß er einmal einen Diebstahl begangen hatte — wie ein gewöhnlicher Straßenräuber. Eines Nachts stahl er eine vollständige Kosakenausrüstung aus einer benachbarten Abteilung und gab sie einem Schenkwirt zum Pfand. Wegen dieser schimpflichen Tat wurde er auf den Markt geschleppt, an einen Pfahl gebunden, und es wurde ein Knittel neben ihn gelegt, mit dem ihm jeder einen kräftigen Schlag versetzen mußte; es fand sich aber keiner unter den Saporogern, der den Knittel wider ihn erhoben hätte: denn sie gedachten alle seiner früheren Verdienste. So war der Kosak Mossy Schilo.

„Es gibt doch noch Männer, ihr Hunde, die euch niederzuhauen wissen“, sagte er und fiel über den Polen her. Und beide hieben wild aufeinander los. Die Schulterstücke und Brustharnische verbogen sich unter ihren Schlägern. Der wütende Pole spaltete ihm den eisernen Panzer, und sein Schwert drang tief in seinen Körper. Das Hemd des Kosaken färbte sich blutrot, aber Schilo achtete nicht darauf: er hob seinen sehnigen Arm (und wie schwer war dieser stämmige Arm!) und versetzte dem Polen einen furchtbaren Hieb, der ihn betäubte. Der kupferne Helm flog in Stücke, der Pole schwankte und fiel zu Boden, und Schilo schickte sich gerade an, dem Betäubten den Garaus zu machen; — ach hätte er doch den Feind nicht vollends totgeschlagen und sich lieber umgedreht! Allein der Kosak tat es nicht, im selben Augenblick aber stieß ihm einer der Leute des Erschlagenen sein Messer in den Hals. Schilo drehte sich um und hätte den Waghalsigen vielleicht noch erreicht, aber er verschwand rechtzeitig im Pulverdampf. Unterdessen knatterten von allen Seiten die Luntenbüchsen, Schilo schwankte, er fühlte, daß seine Wunde tödlich war. Er sank nieder, preßte die Hand an die Wunde, wandte sich an seine Kameraden und schrie: „Lebt wohl, werte Herren und Waffenbrüder! Möge es ewig leben, das rechtgläubige Rußland, und ewig sei sein Ruhm und seine Ehre!“ Er schloß die brechenden Augen, und die Kosaken-Seele entfloh aus dem rauhen Kriegerleib. Da aber kam Sadoroschny mit seinen Leuten herangerast, auch der Hauptmann Wertychwist durchbrach die Reihen, und Balaban machte sich zum Angriff bereit.

„Hallo, ihr Herren,“ rief Taraß zu den Hauptleuten herüber, „habt ihr noch Pulver in den Hörnern? Ist eure Kosakenkraft noch nicht erlahmt? Steht der Kosak noch fest und beugt er sich nicht?“

„Noch ist Pulver in den Hörnern, Väterchen, noch ist die Kosakenkraft umgebrochen, und noch steht der Kosak fest und beugt sich nicht!“

Und die Kosaken drangen heftig auf den Feind ein und brachten die Reihen des Gegners in Verwirrung. Der kleine Hauptmann ließ die Trommel rühren und acht bunte Fahnen aufrollen, um seine Leute, die über das ganze Feld zerstreut waren, wieder zusammenzubringen. Die Polen strömten den Bannern zu, kaum hatten sie sich jedoch wieder in Reih und Glied aufgestellt, als der Hauptmann Kukubenko mit seinen Leuten wieder in das Zentrum einfiel und sich ohne weiteres auf den dicken Hauptmann stürzte. Der hielt nicht stand, wandte sein Pferd und galoppierte davon, allein Kukubenko setzte ihm weit über das Feld nach und verlegte ihm den Weg zu dem Heere. Als Stephan Guska das auf dem linken Flügel bemerkte, sprengte er seinerseits herbei, um ihm behilflich zu sein; den Kopf auf den Hals des Pferdes gebeugt und eine Schlinge in der Hand, so wartete er einen günstigen Augenblick ab und warf dem Polen plötzlich die Schlinge um den Hals: der Hauptmann wurde rot, griff mit beiden Händen nach dem Strick und suchte ihn zu zerreißen, aber da bohrte ihm der Kosak mit einem kraftvollen Stoß die tödliche Lanze in den Leib, und festgenagelt blieb jener am Boden liegen. Aber auch Guska stand nichts Gutes bevor. Die Kosaken hatten kaum Zeit, sich umzusehen, da drangen ihm schon vier Lanzen in den Leib. Er vermochte gerade noch die Worte hervorzubringen:

„Mögen doch alle Feinde untergehen, und möge das russische Reich ewig, ewig blühen und gedeihen!“ — dann verschied er.

Die Kosaken sahen sich um, hei, wie da Meteliza den Polen zusetzte und bald den einen, bald den andern niederschlug; von der andern Seite her rückt der Hauptmann Newelytschki mit seinen Leuten heran; bei dem Wagen steht Sagruriguba und teilt Hieb auf Hieb aus: noch weiter zurück hat Pissarenko der Dritte bereits eine ganze Schar in die Flucht getrieben, und an einer andern Stelle ist man schon handgemein und kämpft hoch oben auf den Wagen.

„Hallo, meine Herren,“ rief hier der Hauptmann Taraß, der allen voranritt, „ist noch Pulver in den Hörnern? Ist die Kosakenkraft noch ungebrochen? Stehen die Kosaken noch fest und beugen sie sich nicht?“

„Noch ist Pulver in den Hörnern, Väterchen! Die Kosakenkraft ist noch ungebrochen, noch stehen die Kosaken fest, noch beugen sie sich nicht.“

Schon war Bowdjug vom Wagen gefallen. Eine Kugel hatte ihn gerade in das Herz getroffen, aber er raffte noch einmal seine ganze Kraft zusammen und rief: „Ich trauere nicht, daß ich Abschied von der Welt nehmen muß! Gott gebe jedem ein solches Ende! Hoch lebe Rußland bis in alle Ewigkeit!“ Und Bowdjugs Seele stieg zum Himmel empor, um den längst hinübergegangenen Genossen zu berichten, wie man in Rußland zu kämpfen, und vor allem, wie man dort für den heiligen Glauben zu sterben weiß!

Bald darauf stürzte auch der Hauptmann Balaban zu Boden. Er hatte drei tödliche Wunden erhalten: eine von einer Lanze, eine von einer Kugel und eine von einem schweren Säbel. Und war doch einer der wackersten Kosaken gewesen! Er war Hetman und hatte viele Züge zur See unternommen, vor allen aber war sein Zug an die Küsten Anatoliens berühmt. Viele Zechinen hatten sie damals erbeutet, kostbare türkische Stoffe, Gewebe und allerlei Schmuck. Aber auf der Heimfahrt traf sie großes Unheil. Die Ärmsten kamen plötzlich unter den Regen der türkischen Geschosse. Es hagelte nur so auf sie los, die Hälfte ihrer Schiffe und Kähne kenterte, und viele Kosaken stürzten ins Wasser, jedoch das an den Seiten der Fahrzeuge befestigte Schilf rettete sie vor dem Untergange. Balaban ruderte mit Aufbietung aller Kräfte vorwärts, immer mitten in der Sonne, und ward so unsichtbar für das türkische Schiff. Die ganze Nacht schöpften er und seine Leute mit Schaufeln und Mützen das Wasser aus den Boten und besserten die beschädigten Stellen aus. Dann machten sie sich Segel aus ihren weißen Kosakenhosen, setzten sich in die Kähne und entkamen so den schnellsten türkischen Schiffen. Sie erreichten nicht nur unversehrt die Sjetsch, sondern brachten auch dem Archimandriten des Klosters Meschigorsk zu Kiew noch ein goldgesticktes Amtsgewand und einen Rahmen aus reinem Silber für den heiligen Pokrow in der Sjetsch mit. Und lange noch rühmten die Bandurenspieler die Geschicklichkeit und das Glück der Kosaken ... Da er den Tod herannahen fühlte, senkte er das Haupt und murmelte leise: „Mir scheint, ihr Brüder, ich sterbe einen schönen Tod. Sieben Feinde habe ich in Stücke gehauen, neun mit der Lanze durchstoßen, viele hat mein Pferd niedergetreten, und ich weiß nicht mehr, wieviele meine Kugel getroffen hat ... So möge denn das russische Reich ewig blühen!“ Und seine Seele entfloh.

Kosaken, Kosaken! Opfert doch nicht die schönste Blüte eures Heeres! Schon war Kukubenko umzingelt, schon waren von der Abteilung Nesamaikow nur noch sieben Mann übrig geblieben, und auch deren Kraft war erschöpft. Schon ist Kukubenkos Gewand über und über mit Blut bespritzt ... Taraß, der seine schlimme Lage übersieht, eilt ihm sofort zu Hilfe. Aber die Kosaken kommen zu spät: Eine Lanze war ihm ins Herz gedrungen, noch bevor es gelang, die ihn umzingelnden Feinde davonzujagen. Stumm sank er in die offenen Arme der Brüder, und sein junges Blut schoß in Strömen aus seinen Wunden hervor, gleich einem köstlichen Wein, den unvorsichtige Diener in gläsernen Gefäßen aus dem Keller tragen: gerade am Eingang des Gemaches gleiten sie aus, lassen die Kanne fallen, sie zerschellt, und ihr ganzer Inhalt ergießt sich über den Estrich. Was hilft es, daß der Hausherr herbeieilt und sich an den Kopf greift, da er den Wein doch für ein besonders glückliches Ereignis in seinem Leben aufbewahrt hatte, um sich, so Gott wollte, noch einst als Greis mit einem Jugendfreunde bei einem Becher der früheren, besseren Zeiten zu erinnern, als der Mensch noch anderer und reinerer Freuden fähig war. Kukubenko blickte langsam um sich und sagte: „Ich danke Gott, daß er mich vor euren Augen sterben läßt, Kameraden. Möchten doch unsere Söhne und Enkel noch tüchtiger sein als wir, und ewig blühe und gedeihe Christi geliebtes russisches Reich!“ Und er hauchte sterbend seine junge Seele aus. Die Engel nahmen sie in ihre Hände und trugen sie gen Himmel. Wie wohl wird es ihm dort sein! „Setz dich neben mich, Kukubenko,“ wird Christus sagen, „du hast deine Brüder nicht im Stich gelassen, hast nie die Ehre verletzt, hast keinen im Unglück verlassen und hast immer meine heilige Kirche behütet und beschützt.“ Alle Kosaken waren durch den Tod Kukubenkos aufs tiefste erschüttert. Ihre Reihen waren schon stark gelichtet, und viele, viele Tapfere fehlten, aber trotz alledem standen die Kosaken noch ihren Mann und hielten sich wacker.

„Nun, ihr Herren,“ rief Taraß den übrigen Befehlshabern zu, „ist noch Pulver in den Hörnern? Sind die Säbel noch nicht stumpf geworden? Ist die Kraft der Kosaken noch ungebrochen? Stehen die Kosaken noch ihren Mann?“

„Noch ist Pulver da, Väterchen, die Säbel sind noch scharf, die Kosakenkraft ist noch ungebrochen, und noch stehen die Kosaken ihren Mann!“

Und wieder stürzten sie sich in die Feinde, als hätten sie noch keine Verluste erlitten. Nur noch drei Befehlshaber waren am Leben, überall flossen Bäche von Blut, und hoch türmten sich die Leichen der Kosaken und der Feinde. Taraß blickte zum Himmel: ein Zug Falken flog vorüber. „Ja, einer wird sich sicher freuen,“ murmelte er vor sich hin. Und schon war Meteliza von einer Lanze durchbohrt, schon drehte sich das Haupt des zweiten Pissarenko im Kreise herum, seine Augen brachen, und schon stürzte Ochrim Guska vom Rosse herab und sank gevierteilt zu Boden.

„Wohlan denn,“ sagte Taraß und schwenkte sein Tuch hoch in der Luft. Ostap verstand das Zeichen, er brach aus dem Hinterhalt hervor und fiel mit unerhörter Kraft über die polnische Reiterei her. Die Polen hielten dem starken Ansturm nicht stand, und er trieb sie gerade nach dem Platz, wo die Pfähle und abgebrochenen Lanzen in die Erde gerammt waren. Die Pferde strauchelten, stürzten, und die Polen flogen über ihre Köpfe hinweg zu Boden. Jetzt feuerten auch die Kosaken der Korsunabteilung, die die Reserve bildeten und weit hinter den Wagen standen, ihre Büchsen auf die Polen ab, da sie sahen, daß diese sich nur in Schußweite von ihnen befanden. Die Polen gerieten in Verwirrung und verloren den Mut, während die Kosaken von neuer Hoffnung erfüllt wurden. „Jetzt ist der Sieg unser,“ schallten die Stimmen der Saporoger von allen Seiten, die Posaunen ertönten, und die Siegesbanner flatterten auf. Die geschlagenen Polen flohen nach allen Richtungen auseinander und suchten, wo sie sich verstecken könnten. „Nein, noch ist der Sieg nicht unser,“ sagte Taraß mit einem Blick auf das Stadttor, und er hatte die Wahrheit gesagt. Die Tore öffneten sich, und eine Schar Husaren, der Stolz der gesamten Reiterei, kam hervorgesprengt. Sie saßen insgesamt auf dunkelbraunen, schnellfüßigen Pferden, voran sprengte ein Ritter, schöner und mutiger als alle andern; sein schwarzes Haar wehte unter dem kupfernen Helm hervor, und am Arme trug er eine kostbare Binde, die die schönste unter den Polinnen ihm gestickt hatte. Taraß war starr vor Schreck, als er Andrij erkannte. Der aber flog, ganz vom Feuer und dem Wüten der Schlacht ergriffen und von dem einen Wunsche getrieben, sich das um den Arm gewundene Zeichen zu verdienen, dahin wie ein junger Jagdhund, der schönste, schnellste und jüngste von der ganzen Meute. Der Jäger ruft ihm zu — und er rast fort, die Füße wie eine gerade Linie in die Luft streckend, den Körper zur Seite geneigt, den Schnee aufwühlend und alle Hasen in seinem Laufe zehnmal überholend. Der alte Taraß blieb stehen und sah zu, wie er sich einen Weg bahnte, alles vertrieb, in Stücke zusammenschlug und nach rechts und links hin Hiebe austeilte. Das konnte Taraß nicht länger mit ansehen, und er rief laut aus: „Was, auf die eigenen Brüder schlägst du los, du Satanskind?!“ Allein Andrij sah nicht, wen er vor sich hatte: ob es die eigenen Kameraden oder Fremde waren, er sah nichts als Locken: ein paar lange, lange Locken, einen schwanenweißen Busen, einen schneeweißen Hals, zwei alabasterne Schultern, und alles, was geschaffen ist für wahnsinnige, glühende Küsse.

„Hallo, ihr Burschen, lockt mir mal den Reiter in den Wald! Schnell, lockt ihn mir nur hinein,“ rief Taraß. Und schon machten sich dreißig der schnellsten Kosaken daran, ihn in den Wald zu locken. Sie rückten ihre hohen Mützen zurecht und stürmten auf ihren Rossen dahin, um den Husaren den Weg zu verlegen. Sie griffen die Vorderreihen von der Seite an, sprengten sie auseinander und trennten sie von den hinteren Reihen, wobei sie beiden einen tüchtigen Denkzettel verabreichten. Hierbei versetzte Golokopytenko Andrij eins mit der flachen Klinge über den Rücken, und dann jagten die Kosaken alle auf und davon, so schnell sie nur konnten, um den Husaren zu entschlüpfen.

Da aber geriet Andrij in Wut! Das junge Blut stürmte wild durch all’ seine Adern. Er gab seinem Rosse die Sporen und jagte aus aller Kraft hinter den Kosaken her, ohne sich umzusehen und ohne zu bemerken, daß ihm nur zwanzig von seinen Leuten folgten. Die Kosaken sprengten mit Windeseile auf ihren Pferden dahin und ritten auf den Wald zu. Auch Andrij raste auf seinem Rosse weiter, und schon hatte er Golokopytenko erreicht, als plötzlich eine starke Hand seinem Pferde in die Zügel fiel. Andrij blickte auf: vor ihm stand Taraß! Er erbebte am ganzen Körper und wurde totenbleich, wie ein Schüler, der unüberlegterweise einen Kameraden geprügelt und von diesem mit dem Lineal einen Schlag auf den Kopf erhalten hat: plötzlich lodert er auf wie Feuer, springt von der Bank, um hinter seinem Mitschüler herzujagen und ihn in Stücke zu reißen — da erblickt er den Lehrer, der gerade die Klasse betritt: der ganze leidenschaftliche Zorn legt sich plötzlich, und seine ohnmächtige Wut ist wie fortgeblasen. So verschwand Andrijs Zorn augenblicklich, als hätte er nie in ihm getobt. Er sah nur noch seinen furchtbaren Vater vor sich.

„Nun, was sollen wir jetzt machen?“ sagte Taraß, und blickte ihm offen ins Antlitz. Aber Andrij konnte kein Wort hervorbringen und stand mit gesenkten Blicken da.

„Nun, mein Söhnchen, haben dir deine Polen geholfen?“

Andrij vermochte noch immer nichts zu sagen.

„Also Verrat und Tücke! Den Glauben verkaufen! Die Seinen verraten! Nun, steig mal vom Pferde herunter.“

Gehorsam wie ein Kind stieg Andrij vom Pferde und blieb mehr tot als lebendig vor Taraß stehen.

„Steh still und rühre dich nicht. Ich habe dich gezeugt — ich werde dich auch töten,“ sagte Taraß, trat einen Schritt zurück und nahm das Gewehr von der Schulter. Andrij war totenbleich geworden, man sah nur, wie sich seine Lippen leise bewegten und einen Namen flüsterten: aber das war nicht der Name seines Vaterlandes, oder der seiner Mutter, oder seiner Brüder — es war der Name der schönen Polin. Taraß drückte los.

Wie die Ähre im Felde von der Sichel getroffen dahin sinkt, wie ein junges Lamm, das den tödlichen Stahl im Herzen spürt, so ließ Andrij den Kopf sinken und stürzte lautlos, und ohne ein Wort zu sagen, auf das Gras.

Der Kindesmörder blieb stehen und betrachtete lange den leblosen Leichnam. Er war schön auch noch im Tode: das kühne Gesicht, das eben noch Kraft und Heldentum atmete, und einen unwiderstehlichen Reiz auf die Frauen ausübte, trug noch immer den Stempel vollendeter Schönheit. Die schwarzen Brauen ließen seine bleichen Züge wie ein Trauerflor noch stärker hervortreten.

„Was fehlte ihm zu einem braven Kosaken!“ sagte Taraß, „ist er nicht groß gewachsen, sind seine Brauen nicht schwarz, hat er nicht das Gesicht eines Edelmanns und einen starken Arm in der Schlacht? Und mußte doch zugrunde gehen. Ruhmlos zugrunde gehen — wie ein räudiger Hund.“

„Vater, was hast du getan? Du hast ihn getötet?“ fragte Ostap, der in diesem Augenblick herangesprengt kam.

Taraß nickte mit dem Kopf.

Ostap blickte dem Toten bange in die Augen. Er empfand Mitleid mit dem Bruder und sagte: „Vater, wir wollen ihm ein ehrliches Begräbnis bereiten, damit die Feinde ihn nicht beschimpfen und die Raubvögel seinen Körper nicht zerhacken.“ „Man wird ihn auch schon ohne uns begraben,“ sagte Taraß, „und es wird ihm nicht an Klageweibern und ähnlichen Dingen fehlen!“

Einige Sekunden schwankte er, ob er ihn den Wölfen zum Fraße überlassen, oder den tapferen Ritter in ihm ehren sollte, den jeder Krieger achten muß, wer er auch sei — da sah er plötzlich Golokopytenko heransprengen. „Es steht Schlimm um uns, Hauptmann, die Polen haben Verstärkungen erhalten, neue Truppen sind ihnen zu Hilfe gekommen!“ Und kaum hatte Golokopytenko dies gesagt, als sich Wowtusenko ihnen eiligst näherte: „Uns droht Unheil, Hauptmann, neue Truppen rücken heran ...“ Kaum hatte Wowtusenko ausgeredet, als Pissarenko ohne Roß herbeigeeilt kam: „Wo bleibst du Väterchen? Die Kosaken suchen dich. Die Hauptleute Newelytschki, Sadoroschni und Tscherewitschenko sind erschlagen; aber die Kosaken halten noch stand; sie wollen nicht sterben, bevor sie noch einmal dein Antlitz geschaut haben: sie wollen, daß du sie anblickst in ihrer Todesstunde!“

„Zu Pferd, Ostap,“ rief Taraß und sprengte davon, um die Kosaken aufzusuchen, sie noch einmal zu sehen und sie noch einmal vor ihrem Tode den Hauptmann sehen zu lassen. Aber sie hatten den Wald noch nicht verlassen, als die Feinde sie plötzlich von allen Seiten umzingelten, und überall zwischen den Bäumen Reiter mit geschwungenen Schwertern und Lanzen auftauchten. „Ostap, Ostap, ergib dich nicht,“ schrie Taraß, zog seinen blitzenden Säbel und hieb nach allen Seiten um sich. Sechs Feinde hatten sich auf Ostap gestürzt — aber das war ihr Unglück. Dem einen flog der Kopf von den Schultern, ein anderer machte kehrt und floh entsetzt davon, dem dritten fuhr die Lanze in die Rippen; der vierte war etwas mutiger, er hatte den Kopf zur Seite gewandt und war so einer heißen Kugel entgangen, die seinem Pferde in die Brust drang. Doch dieses bäumte sich wütend auf, stürzte zu Boden und begrub den Reiter unter sich. „Gut, Söhnchen, gut, Ostap,“ rief Taraß, „ich bin gleich bei dir!“ Er wußte sich der Andrängenden noch immer zu erwehren. Taraß säbelt und haut um sich, bald gibt er dem, bald dem einen Hieb über den Schädel, aber er blickt immer vor sich nach Ostap; da sieht er plötzlich, wie sich wenigstens acht Feinde auf den Sohn stürzen. „Ostap, Ostap, weich nicht zurück!“ Aber schon haben sie Ostap bezwungen, schon hat ihm einer die Schlinge um den Hals geworfen, schon bindet man ihn und schleppt ihn fort. „Ostap, Ostap,“ schreit Taraß, bahnt sich einen Weg zu ihm und haut alles um sich herum in Stücke. „Ach Ostap, Ostap ...!“

Aber plötzlich trifft ihn selbst etwas wie ein schwerer Stein. Ein Schwindel überfällt ihn, alles dreht sich um ihn. Einen Augenblick kreist alles vor seinen Blicken: Köpfe, Lanzen, der Rauch, das Flackern des Feuers, die Baumzweige mit ihren Blättern blitzen vor ihm auf. Wie eine gefällte Eiche stürzt er zu Boden, und Nebel bedeckt seine Augen.

Zehntes Kapitel

Ich habe wohl lange geschlafen!“ sagte Taraß wie nach einem Rausch aus schwerem Schlafe erwachend, und er versuchte es, die ihn umgebenden Gegenstände zu erkennen. Dabei fühlte er eine entsetzliche Schwäche in seinen Gliedern. Die Wände und Ecken des ihm ganz unbekannten Zimmers bewegten sich leise hin und her. Endlich bemerkte er, daß sein Kamerad Towkatsch neben ihm saß und jedem seiner Atemzüge zu lauschen schien.

„Ja,“ dachte Towkatsch, „du wärst vielleicht für immer eingeschlafen!“ Er sagte nichts, sondern drohte nur mit dem Finger und machte ihm ein Zeichen, daß er schweigen solle.

„So sag mir doch, wo ich jetzt bin?“ fragte Taraß von neuem. Er strengte seinen Verstand an und bemühte sich, sich das Vergangene wieder ins Gedächtnis zu rufen.

„So schweig doch,“ fuhr ihn der Gefährte scharf an, „was willst du noch wissen? Siehst du denn nicht, daß du ganz zerhauen bist? Schon zwei Wochen galoppiere ich mit dir herum, ohne mir Zeit zum Atmen zu gönnen, und während dieser Zeit sprichst und schwatzt du im Fieber allen möglichen Unsinn zusammen. Es ist heute das erstemal, daß du ruhig eingeschlafen bist. So schweige doch endlich, wenn du nicht selbst das Unheil auf dich herabrufen willst.“

Taraß strengte sich aus aller Kraft an, seine Gedanken zu sammeln und sich das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen. „Die Polen hatten mich aber doch gepackt und mich ganz umzingelt? Ich hatte doch gar keine Möglichkeit, zu entkommen?“

„So schweig doch, hörst du, du Teufelssohn!“ schrie Towkatsch ärgerlich wie eine ungeduldige Wärterin, die ein unartiges und unruhiges Kind anschreit. „Was hast du davon, wenn du weißt, wie du davongekommen bist! Sei froh, daß es so ist! Es fanden sich eben Männer, die dich nicht im Stich gelassen haben — und nun sei zufrieden. Wir haben noch manche Nacht zu reiten. Du meinst wohl, daß sie dich für einen Kosaken halten? Nein, man hat deinen Kopf auf zweitausend Dukaten geschätzt!“

„Und Ostap?“ rief Taraß plötzlich, indem er sich aufzurichten versuchte. Jetzt erst erinnerte er sich, wie man Ostap gefangen und vor seinen Augen gebunden hatte, und daß er sich jetzt in den Händen der Polen befand. Und Schmerz und Trauer übermannten den Alten. Er riß die Verbände von seinen Wunden, schleuderte sie weit von sich und wollte laut etwas sagen — aber er sprach nur unzusammenhängende Worte, das Fieber bemächtigte sich seiner aufs neue, und er begann wieder zu phantasieren und allerhand unzusammenhängendes Zeug zu reden. Unterdessen stand sein treuer Gefährte neben ihm und überschüttete ihn mit zahllosen Schmähungen und Vorwürfen. Endlich packte er ihn an Händen und Füßen, wickelte ihn ein wie ein Kind und brachte die Verbände wieder in Ordnung. Dann hüllte er ihn in eine Ochsenhaut, band sie mit Bast zusammen, befestigte seine Last mit Stricken am Sattel und ritt mit ihm auf und davon.

„Und wenn du auch unterwegs sterben solltest, ich bringe dich doch in die Heimat zurück. Ich werde es nicht zulassen, daß die Polen deine Kosakenehre beschimpfen, deinen Körper in Stücke reißen und ins Wasser werfen. Soll dir denn der Adler durchaus die Augen aushacken — so mag es wenigstens unser Steppenadler sein und kein polnischer Adler, keiner der aus polnischen Ländern kommt. Tot oder lebendig — ich bringe dich in die Ukraine zurück.“

So sprach der treue Gefährte. Und er ritt Tag und Nacht rastlos dahin, bis er den völlig Bewußtlosen wirklich in die Sjetsch der Saporoger brachte. Dort behandelte er ihn unermüdlich mit Kräutern und Umschlagen, machte eine erfahrene, kenntnisreiche Jüdin ausfindig, die Taraß einen Monat lang allerlei Getränke einflößte — und so fing er denn wirklich an, sich zu erholen. Ob es nun die Medizin oder seine eigene eiserne Natur war — genug, nach anderthalb Monat stand er wieder auf den Beinen. Die Wunden waren verheilt, und nur die Säbelnarben bezeugten noch, wie schwer der alte Kosak einst verwundet worden war. Allein er war immer traurig, und sein Gemüt war sehr verdüstert. Drei tiefe Falten hatten sich in seine Stirn gegraben und schwanden nicht mehr von ihr. Soweit er um sich blicken mochte: alles war ihm neu in der Sjetsch. Die alten Waffenbrüder waren alle tot. Keiner von denen, die einst für die gerechte Sache, den Glauben und die Kameradschaft gekämpft hatten, war noch da, und auch jene, die zusammen mit dem Hetman die Tataren verfolgt hatten, waren nicht mehr am Leben. Sie alle waren tot und elend umgekommen. Die einen waren einen ehrlichen Tod im Kampfe gestorben, die andern vor Hunger und Erschöpfung in den Salzgründen der Krim zugrunde gegangen, andere wieder waren, unfähig diese Schmach zu ertragen, in der Gefangenschaft umgekommen. Auch der frühere Hetman war tot, keiner von den alten Kriegsgefährten war mehr am Leben, und längst schon wuchs Gras über ihnen, die einst so kraftvolle und mutige Kosaken gewesen waren.

Er hörte nur, daß man ein großes lärmendes Fest gefeiert hatte. Das Geschirr war in Stücke zerschlagen, kein Tropfen Wein war übrig geblieben, die Gäste und ihre Diener hatten alle kostbaren Becher und Gefäße gestohlen — und der Hausherr stand traurig da und dachte: „O hätte doch jenes Fest gar nicht stattgefunden!“ Vergebens bemühte man sich, Taraß zu ermuntern und zu zerstreuen. Vergebens rühmten die alten bärtigen Bandurenspieler, die zu zweien oder dreien durch die Sjetsch kamen, seine Heldentaten unter den Kosaken — finster und gleichgültig ließ er alles geschehen; auf seinem unbeweglichen Gesicht malte sich ein tiefes, nie verstummendes Leid, und mit gesenktem Kopf sprach er leise vor sich hin: „Mein Sohn, mein Ostap.“

Mittlerweile hatten die Saporoger ein Unternehmen zur See vorbereitet. Zweihundert Boote fuhren den Dnjepr hinab; plötzlich erblickte man in Klein-Asien eine Schar von Kosaken mit rasierten Schädeln und langen Mähnen: und mit Feuer und Schwert verheerten sie die blühenden Küsten. Die Turbane der mohammedanischen Bevölkerung lagen blutgetränkt gleich abgemähten Blumen auf den blutigen Feldern umher, oder schwammen an den Ufern. Auch manche teerbeschmierte Kosakenhose sah man in Kleinasien und manch muskulöse Faust mit der schwarzen Kugelpeitsche. Die Saporoger fraßen alle Weintrauben auf, vernichteten alle Weinberge, ließen ganze Haufen Unrat in den Moscheen zurück, umhüllten ihre Füße mit kostbaren persischen Tüchern oder banden sie als Gürtel um ihre schmutzigen Kittel. Und noch lange nachher sah man dort die kurzen Tabakpfeifen der Kosaken herumliegen. Dann fuhren sie fröhlich wieder zurück. Allein ein türkisches Schiff mit zehn Kanonen jagte hinter ihnen her und zerstreute ihre morschen Boote mit einer Salve aus allen Geschützen wie scheue Vögel. Der dritte Teil versank in den Tiefen des Meeres; die übrigen vermochten sich jedoch wieder zu sammeln und erreichten mit zwölf Fässern voller Zechinen die Mündung des Dnjepr.

Doch dies alles ließ Taraß völlig kalt. Wie mit der Absicht, zu jagen, durchstreifte er Felder und Steppen, aber niemals gab sein Gewehr einen Schuß ab. Voller Schwermut legte er es neben sich, während er sich unbeweglich am Meeresgestade niederließ. Lange saß er so mit gesenktem Kopf da und flüsterte immer wieder vor sich hin: „Ostap, mein Ostap“. Das ungeheure schwarze Meer lag leuchtend und blitzend vor ihm, im fernen Schilf schrie eine Möwe, sein grauer Schnurrbart schimmerte silbern, und eine Träne nach der andern rollte über seine Wangen.

Endlich aber hielt es Taraß nicht länger aus. „Was da auch kommen mag, ich will hingehen und erfahren, was mit ihm geschehen ist. Ob er noch lebt, oder schon im Grabe liegt? Vielleicht hat er nicht einmal ein Grab. Ich muß es erfahren, es koste, was es wolle.“ Eine Woche später war er bereits, hoch zu Roß, mit Lanze und Säbel bewaffnet, den Reisesack am Sattel und mit einem Kessel voll Weizenbrei, Pulver, Patronen, einem Koppelseil und sonstigem Gerät ausgerüstet, in der Stadt Uman. Er ritt geradewegs auf ein schmutziges Häuschen zu, dessen kleine verräucherte Fenster kaum zu sehen waren. Der Schornstein war mit einem Lappen zugestopft, und auf dem durchlöcherten Dach wimmelte es von Spatzen. Vor der Tür lag ein Kehrichthaufen, und aus dem Fenster guckte der Kopf einer Jüdin heraus, die ein mit schwärzlichen Perlen besetztes Häubchen trug.

„Ist dein Mann zu Hause?“ fragte Bulba, stieg vom Pferde und band die Zügel an einen eisernen Haken, der sich neben der Tür befand.

„Ja, er ist zu Hause,“ antwortete die Jüdin und trug eiligst Weizen für das Pferd und einen Krug Bier für den Ritter herbei.

„Wo ist denn dein Jude?“

„Er betet im andern Zimmer,“ sagte die Jüdin, verbeugte sich tief und wünschte Bulba, als er den Krug an die Lippen führte, eine gute Gesundheit.

„Bleib hier, füttere und tränke mein Pferd, ich will mit ihm allein sprechen. Ich habe Wichtiges mit ihm zu verhandeln.“

Dieser Jude war der uns wohlbekannte Jankel. Er war jetzt bereits Pächter und Schankwirt. Mit der Zeit hatte er alle benachbarten Herren und Edelleute in seine Hände bekommen, ihnen nach und nach fast all ihr Geld abgenommen und sich überhaupt in jener Gegend äußerst bemerkbar gemacht; drei Meilen weit nach allen Richtungen war kein Haus mehr in einem ordentlichen Zustand, alles verfiel und wurde alt und morsch, alle Leute hatten sich dem Trunke ergeben, und man bemerkte nichts als Armut und Elend. Die ganze Gegend sah so aus, als ob hier ein verheerender Brand stattgefunden, oder als ob die Pest hier gehaust hätte. Und hätte Jankel noch zehn Jahre dort gelebt, er hätte wahrscheinlich die ganze Wojewodenschaft zugrunde gerichtet.

Taraß trat ins Zimmer. Der Jude saß in einem ziemlich schmutzigen Leinenrock da und betete; er wandte sich gerade um, um zum letztenmal auszuspeien wie es seine Religion vorschreibt, als sein Blick plötzlich auf den hinter ihm stehenden Bulba fiel. Das erste, was dem Juden einfiel, waren die zweitausend Dukaten, die auf Bulbas Kopf gesetzt waren, aber er schämte sich gleich wieder seiner Geldgier und bemühte sich, den unablässigen Hunger nach Geld zu unterdrücken, der an seiner Seele nagte, wie an der aller Juden.

„Hör zu, Jankel,“ sagte Taraß zu dem Juden, der sich vor ihm verbeugte, und schloß vorsichtig die Tür, damit man ihn nicht sehen sollte, „ich habe dir das Leben gerettet — die Saporoger hätten dich wie einen Hund in Stücke gerissen — jetzt ist die Reihe an dir, mir einen Dienst zu erweisen.“

Das Gesicht des Juden verfinsterte sich ein wenig. „Was für einen Dienst? Wenn es möglich ist, warum nicht?“

„Genug, kein Wort mehr. Bringe mich nach Warschau.“

„Nach Warschau? Warum nach Warschau,“ fragte Jankel, indem er Schultern und Brauen bestürzt in die Höhe zog.

„Schweig. Bring mich nach Warschau. Was auch geschehen mag, ich will ihn noch einmal sehen und ihm wenigstens noch ein Wort sagen.“

„Wem ein Wort sagen?“

„Ihm, Ostap, meinem Sohne!“

„Hat denn der Herr nicht gehört, daß schon ...“

„Ich weiß, ich weiß alles, man bietet zweitausend Dukaten für meinen Kopf. Was verstehen die Narren von Preisen! Ich werde dir fünftausend Dukaten geben.

Da hast du gleich zweitausend (Bulba schüttete zweitausend Dukaten aus seinem ledernen Beutel), die übrigen erhältst du, sowie ich zurückgekehrt bin.“

Der Jude ergriff sofort ein Handtuch und bedeckte die Dukaten damit. „Ä schönes Geld, ä feines Geld,“ sagte er, drehte einen Dukaten in der Hand herum und prüfte einen zweiten mit den Zähnen. „Ich denke, der Mensch, dem der Herr so schöne Dukaten abgenommen hat, hat keine Stunde mehr gelebt; er ist gleich zum Fluß gegangen und hat sich ertränkt — nachdem er so herrliche Dukaten gehabt hat!“

„Ich würde dich nicht in Anspruch nehmen, vielleicht hätte ich auch allein den Weg nach Warschau gefunden; aber die verfluchten Polen könnten mich irgendwo erkennen und gefangen nehmen, denn ich verstehe mich nicht auf Listen und Kunststücke. Ihr Juden aber seid dafür wie geschaffen. Ihr könnt den Teufel selbst hinters Licht führen, ihr beherrscht alle Kniffe. Jetzt weißt du, weshalb ich zu dir gekommen bin. Ja, und ich allein würde ja auch in Warschau nichts ausrichten. Spann also sofort an und bringe mich nach Warschau!“

„Der Herr denkt wohl, das geht so einfach? Man braucht wohl nur die Stute anzuspannen und zu rufen: „He, holla los“! Glaubt denn der Herr, daß man ihn so mitnehmen kann, ohne ihn zu verstecken?“

„Nun, so verstecke mich — tu was du willst! Steck mich meinetwegen in ein Faß!“

„Ei, ei! Meint der Herr, daß man ihn stecken kann in ein leeres Faß? Weiß denn der Herr nicht, daß jeder denken wird, es sei Branntwein darin!“

„Schön, laß ihn doch denken, daß Branntwein darin ist!“

„Wie! Er soll denken dürfen, daß Branntwein darin ist?“ rief der Jude aus, ergriff seine Locken mit beiden Händen und hob sie m die Höhe.

„Was setzt dich so in Erstaunen?“

„Weiß denn der Herr nicht, daß Gott den Branntwein geschaffen hat, damit ihn jedermann probiere? Das sind doch alles Leckermäuler und Feinschmecker. Fünf Werst wird der Edelmann herlaufen hinter dem Faß, wird ä Löchelchen hineinbohren, und wenn nichts herauskommt, wird er sich gleich sagen: der Jude wird schon kein leeres Faß mit sich herumschleppen, es wird schon was darin sein! Packt den Juden, bindet den Juden, nehmt dem Juden alles Geld fort, steckt den Juden ins Gefängnis! Denn alles was es Schlechtes auf der Welt gibt, wird gewälzt auf den Juden, jeder behandelt den Juden wie einen Hund: alle denken, wer ein Jude ist, ist kein Mensch.“

„Nun, so verstecke mich in einem Fischwagen!“

„Das geht nicht Herr, bei Gott, es geht nicht. In ganz Polen sind die Menschen jetzt so ausgehungert wie die Hunde: sie würden die Fische fortschleppen und den Herrn entdecken.“

„So setz mich meinetwegen auf den Teufel, aber bring mich hin!“

„So hört doch Herr,“ sagte der Jude, streifte die Ärmelaufschläge in die Höhe und streckte seine weit auseinander gespreizten Finger gegen ihn aus. „Wir werden es so machen. Jetzt werden überall Festungen und Schlösser gebaut: es sind französische Baumeister aus Deutschland angekommen, und deshalb gibt es viele Wagen mit Ziegeln und Steinen auf der Landstraße. Der Herr soll sich also auf den Boden eines Wagens ausstrecken, und ich werde über ihn mit Ziegeln bepacken. Der Herr sieht gesund und kräftig aus, es wird ihm nichts schaden, wenn die Last ein bißchen schwer drückt; ich werde unten in den Wagen eine kleine Öffnung bohren, um dem Herrn die Nahrung zu reichen.“

„Mach was du willst, nur spann an!“

Nach einer Stunde verließ ein Wagen mit Ziegelsteinen, vor den zwei Mähren gespannt waren, die Stadt Uman. Auf der einen saß der lange Jankel, und seine großen Hängelocken flatterten lustig unter der Judenmütze hervor, während er auf dem Gaule herumhopste, auf dem er sich ausnahm wie eine am Wege stehende Meilenstange.

Elftes Kapitel

Zu der Zeit, als sich die hier beschriebenen Ereignisse abspielten, gab es in den Grenzorten keine Zollbeamten und Aufseher, diese Schrecken der Handelsstädte, und man durfte mit sich schleppen, was man nur wollte. Nahm jemand eine Revision oder Untersuchung vor, so geschah das mehr zu seinem eigenen Vergnügen, besonders wenn sich allerhand schöne und verlockende Dinge auf dem Wagen befanden: natürlich mußte aber auch die eigene Faust eine gewisse Kraft haben. Nach den Ziegelsteinen gelüstete es jedoch niemanden, und so fuhr der Wagen unbehindert durch das Tor der Hauptstadt ein. Bulba konnte in seinem engen Käfig nur das Lärmen und Fluchen der Kutscher hören, sonst vernahm er nichts. Jankel, der unaufhörlich auf seinem kleinen mit Staub bedeckten Klepper herumhopste, lenkte nach einigen Umwegen in eine dunkle schmale Straße ein, die den Namen Schmutz- oder Judenstraße trug, weil beinah sämtliche Juden von Warschau hier wohnten. Diese Straße besaß große Ähnlichkeit mit der inneren Seite eines Hinterhofs, und die Sonne schien überhaupt nie ihren Weg hierher zu finden. Die gänzlich verräucherten Holzhäuser mit den unzähligen Stangen, die aus den Fenstern hervorragten, schienen die Dunkelheit noch zu vergrößern. Hin und wieder schimmerte eine rote Backsteinwand hervor, aber auch sie war meist schon ganz schwarz. Nur hie und da leuchtete einem von oben ein in Sonne getauchtes, weiß getünchtes Stück Mauer entgegen und blendete die Augen durch seine unerträgliche Helligkeit. Alles, was man hier sah, bot einen abstoßenden und wenig erfreulichen Anblick dar: Röhren, Lumpen, Abfälle und zerbrochene Kübel, die man auf die Straße hinausgeworfen hatte, trieben sich hier herum. Jeder, der etwas besaß, was er nicht brauchen konnte, warf es auf die Straße hinaus und überließ es den Vorübergehenden, ihre Freude an all dem Unrat zu haben. Ein Reiter, der auf seinem Pferde saß, reichte mit der Hand bis fast an die Stangen heran, die mitten über die Straße, von einem Hause zum andern gezogen waren und auf denen die Juden ihre Strümpfe, ihre kurzen Hosen und geräucherte Gänse aufzuhängen pflegten. Hin und wieder blickte das hübsche von nachgedunkelten Perlen umrahmte Gesichtchen einer Jüdin aus dem Fenster hervor, ein Haufen kleiner schmutziger Judenkinder mit krausen Haaren wälzte sich schreiend im Unrat herum. Ein rothaariger Jude, dessen ganzes Gesicht mit Sommersprossen bedeckt war, (was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Spatzenei verlieh) blickte aus einem Fenster heraus und sprach Jankel sofort in seinem Kauderwelsch an, worauf dieser sogleich in den Hof fuhr. Ein anderer Jude, der gerade durch die Straße kam, blieb stehen und nahm auch an dem Gespräch teil, und als Bulba endlich unter den Ziegelsteinen hervorkroch, erblickte er drei Juden, die heftig aufeinander einsprachen.

Jankel wandte sich an ihn und teilte ihm mit, daß alles gehen werde, wie er es wünsche, daß Ostap sich im Stadtgefängnis befinde, und daß er, Jankel hoffe, eine Zusammenkunft zwischen ihnen ermöglichen zu können, obgleich die Wachen sehr schwer zu bestechen seien.

Bulba ging mit den drei Juden ins Zimmer hinauf, und diese fingen wieder an, in ihrer unverständlichen Sprache miteinander zu sprechen. Taraß sah sich jeden von ihnen genau an. Plötzlich schien ihn etwas innerlich aufs heftigste erschüttert zu haben: sein rauhes, gleichgültiges Gesicht wurde von einem hell auflodernden Hoffnungsstrahl erleuchtet — einer Hoffnung, die den Menschen oft noch in Augenblicken höchster Verzweiflung heimsucht; sein altes Herz begann laut zu pochen wie bei einem Jüngling.

„Hört, ihr Juden,“ sagte er, und in seinen Worten klang etwas von einer übermächtigen Begeisterung mit, „ihr könnt alles in der Welt, selbst vom Grunde des Meeres holt ihr alles herauf, und schon lange heißt es im Sprichwort, daß ein Jude sich selbst wegstehlen kann, wenn er es nur will. Befreit mir meinen Ostap! Verschafft ihm die Gelegenheit, den Händen jener Teufel zu entfliehen. Ich habe dem Mann da zwölftausend Dukaten versprochen — ich lege noch zwölftausend Dukaten hinzu. Alle meine kostbaren Becher und alles Gold, das ich in der Erde vergraben habe, will ich verkaufen, selbst mein Haus und meinen letzten Rock; ich will mit euch einen Vertrag schließen, und mein ganzes Leben lang alles mit euch teilen, was ich im Kriege erbeuten werde!“

„O es geht nicht, teurer Herr, es geht nicht!“ sagte Jankel seufzend.

„Nein, es geht wirklich nicht,“ sagte ein anderer Jude.

Die drei Juden sahen einander an.

„Vielleicht versucht man es doch,“ sagte der dritte und schielte mit ängstlichen Blicken zu den beiden andern hinüber, „vielleicht hilft Gott!“

Die drei Juden begannen nun deutsch zu sprechen, aber so sehr Bulba auch hinhorchte, er vermochte nichts zu enträtseln, er hörte nur, daß das Wort „Mardochai“ oft wiederholt wurde, sonst verstand er nichts.

„Höre, Herr,“ sagte Jankel, „wir müssen uns mit einem Manne beraten, wie es noch nie einen in der Welt gegeben hat. Er ist so weise wie Salomo, wenn er nichts hilft, so kann nichts helfen auf der ganzen Welt. Bleib hier sitzen, Herr, hier hast du den Schlüssel und laß niemand herein!“ Und die Juden gingen auf die Straße hinaus.

Taraß schloß die Tür und blickte durch das kleine Fensterchen auf die schmutzige Judengasse. Die Juden blieben mitten auf der Straße stehen und begannen ziemlich heftig miteinander zu reden; bald schloß sich ihnen ein vierter und fünfter an. Er hörte, wie sie immer und immer wieder das „Mardochai, Mardochai“ wiederholten. Die Juden blickten fortwährend die Straße hinab, endlich sah man in der Tat hinter einem schmutzigen Hause einen mit jüdischen Schuhen bekleideten Fuß und dann ein Paar lange Rockschöße auftauchen. „Mardochai, Mardochai,“ schrien alle Juden wie aus einem Munde. Ein dürrer Jude, der etwas kleiner war als Jankel, aber bedeutend mehr Falten im Gesicht als dieser und eine überaus große Oberlippe hatte, näherte sich der ungeduldigen Gruppe, und alle Juden stürzten auf ihn zu und suchten ihn von dem Geschehenen zu unterrichten, wobei sie einander beständig unterbrachen. Mardochai blickte unterdessen mehrere Male nach dem kleinen Fensterchen hin, woraus Taraß schloß, daß von ihm die Rede war, bewegte die Hände hin und her, hörte zu, unterbrach die Redenden, spie oft nach der Seite aus, schlug seine Rockschöße zurück, steckte die Hände in die Taschen und holte ein Paar Klappern hervor, wobei seine abgeschabten Hosen zum Vorschein kamen. Schließlich machten die Juden einen solchen Lärm, daß der wachehaltende Glaubensgenosse ihnen ein Zeichen geben mußte, daß sie schweigen sollten, und Taraß begann schon für seine Sicherheit zu fürchten; dann erinnerte er sich jedoch, daß die Juden nicht anders als auf der Straße verhandeln können, und daß selbst der Teufel ihre Sprachen nicht verstehen könne, worauf er sich gleich wieder beruhigte.

Nach ungefähr zwei Minuten betraten die Juden allesamt wieder das Zimmer. Mardochai ging auf Taraß zu, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Wenn wir mit Gottes Hilfe etwas unternehmen, so wird schon alles geschehen, was nötig ist!“

Taraß sah sich diesen Salomon an, wie es noch nie einen zweiten in der Welt gegeben hatte, und schöpfte wieder einige Hoffnung. Und wirklich: seine Erscheinung flößte ein gewisses Vertrauen ein; diese Oberlippe konnte einen einfach schrecken, ihre Dicke war sicherlich auf äußerliche Ursachen zurückzuführen. Der Salomo hatte einen Bart, der im ganzen aus fünfzehn Härchen bestand, und zwar befanden sie sich alle auf der linken Seite. Sein Gesicht trug soviel Spuren von den Prügeln, die man ihm für seine Frechheit verabfolgt hatte, daß er wahrscheinlich ihre Zahl gar nicht mehr kannte und sich daran gewöhnt hatte, sie für Muttermale zu halten.

Mardochai ging zusammen mit seinen Genossen hinaus, die voller Bewunderung für seine Weisheit waren, und Bulba blieb allein zurück. Er befand sich in einer sonderbaren, ihm völlig ungewohnten Lage: zum erstenmal in seinem Leben empfand er etwas wie Unruhe, und ein fieberhafter Zustand hatte sich seiner Seele bemächtigt. Er war nicht mehr der alte, unerschütterliche Bulba: nicht mehr so stark unbeugsam wie eine Eiche, sondern kleinmütig und schwach. Bei jedem Geräusch, und jedesmal wenn sich am Ende der Gasse die Gestalt eines ihm unbekannten Juden zeigte, zuckte er zusammen. In diesem Zustand verharrte er den ganzen Tag, aß nichts, trank nichts und wich keinen Augenblick von dem Fenster, das auf die Straße hinausführte.

Endlich, — es war schon spät abends, — erschienen Mardochai und Jankel. Taraß erstarrte das Herz in der Brust.

„Nun, ist alles gut gegangen?“ fragte er mit der Ungeduld eines wilden Hengstes.

Aber noch ehe die Juden irgend etwas erwidern konnten, bemerkte Taraß, daß Mardochai die letzte Locke fehlte, die sich zwar recht unordentlich aber doch in krausen Ringen unter der Mütze hervordrängte. Man sah, daß er etwas sagen wollte, aber er stammelte ein so unverständliches Zeug zusammen, daß Taraß kein Wort davon begriff.

Auch Jankel führte häufig die Hand an den Mund, wie wenn er sich erkältet hätte.

„O weh, lieber Herr, jetzt ist es ganz unmöglich! Bei Gott es geht nicht. Das sind so schlechte Menschen, daß man ihnen auf den Kopf spucken möchte! Mardochai soll es Euch sagen. Mardochai hat Dinge fertig gebracht, wie noch kein Mensch in der Welt. Aber Gott will nicht, daß es so kommen soll. Es stehen schon dreitausend Soldaten da, die morgen alle hingerichtet werden sollen.“

Taraß sah den Juden ins Gesicht, jetzt jedoch schon ohne Ungeduld und ohne jeden Zorn.

„Wenn der Herr ihn sehen will, dann muß es schon morgen in der Früh sein, noch vor Sonnenaufgang. Die Wachen sind einverstanden, und ein Aufseher hat versprochen, uns zu helfen. Möge das Glück sie fliehen in jener Welt — o weh mir, was sind das für geldgierige Menschen! Nicht einmal unter uns gibt es solche Leute: jedem einzelnen habe ich fünfzig Dukaten geben müssen, und dem Aufseher ...“ „Gut! Führe mich zu ihm,“ sagte Taraß entschlossen, und all sein Mut und seine Festigkeit kehrten wieder in seine Seele zurück. Er war mit Jankels Vorschlag einverstanden, sich als ausländischer Graf zu verkleiden, der aus Deutschland gekommen sei. Der schlaue Jude, der alles vorausgesehen, hatte schon die Kleidungsstücke mitgebracht. Unterdessen war es Nacht geworden. Der Wirt des Hauses, der uns bekannte rothaarige Jude, mit den vielen Sommersprossen im Gesicht, schleppte eine elende Matratze herbei, die er mit einer Strohmatte bedeckte, und legte sie auf die Bank, damit Bulba sich auf ihr niederstrecken solle. Jankel bereitete sich ein ähnliches Lager aus dem Fußboden, der rothaarige Jude trank ein Gläschen Schnaps, zog seinen Rock aus — wenn er bloß mit Schuhen und Strümpfen bekleidet herumlief, hatte er große Ähnlichkeit mit einem Hühnchen — und begab sich schließlich mit seiner jüdischen Frau in eine Art von Schrank, und zwei kleine Judenknaben legten sich wie zwei Haushündchen neben dem Schrank auf den Boden. Aber Taraß konnte nicht schlafen. Unbeweglich saß er da und trommelte mit den Fingern auf dem Tische herum. Er hatte seine Pfeife im Munde und stieß solche Rauchwolken hervor, daß der Jude im Schlafe nieste und seine Nase unter die Decke steckte. Und kaum erschienen am Himmel die blassen Vorboten des Morgenrots, als Taraß Jankel bereits mit dem Fuß stieß. „Steh auf, Jude, und reich mir deine Grafenkleidung!“

In einem Augenblick war er angezogen: er schwärzte sich seinen Schnurrbart und seine Brauen, und setzte ein kleines dunkles Mützchen auf den Kopf, sodaß niemand, nicht einmal die Kosaken, die ihm am nächsten standen, ihn hätten erkennen können. Er sah nicht älter aus als ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Ein gesundes Rot bedeckte seine Wangen, und selbst die Narben standen ihm ausgezeichnet und verliehen ihm etwas Gebieterisches. Das goldverbrämte Gewand kleidete ihn ganz vorzüglich.

Die Straßen lagen noch in tiefem Schlafe, und noch war in der Stadt kein Händler mit seiner Kiste unter dem Arme zu bemerken. Bulba und Jankel gelangten vor ein Gebäude, das wie ein sitzender Reiter aussah. Es war niedrig, breit, außerordentlich groß und ganz vor Alter geschwärzt; auf der einen Seite ragte ein langer, schmaler Turm empor, der wie der Hals eines Storches aussah und auf dessen Spitze sich das Stück eines Daches befand. Dieses Gebäude hatte die allermannigfaltigsten Funktionen: hier befanden sich die Kasernen, das Gefängnis und sogar das Kriminalgericht. Unsere Wanderer traten in das Tor ein und standen gleich darauf in einem geräumigen Saal, oder vielmehr in einem gedeckten Hof, in dem ungefähr tausend Menschen nebeneinander schliefen. Ihnen gegenüber befand sich eine kleine Tür vor der zwei Wachen saßen, und ein merkwürdiges Spiel spielten, welches darin bestand, daß der eine dem andern mit zwei Fingern auf die Handflächen zu schlagen suchte. Sie beachteten die Ankömmlinge kaum und drehten ihre Köpfe erst um, als Jankel zu ihnen sagte:

„Das sind wir, hören Sie meine Herren, das sind wir!“

„Geht hinein,“ sagte der eine von ihnen und öffnete mit der einen Hand die Tür, während er seinem Kameraden die andere zum Schlage hinhielt.

Sie betraten einen schmalen dunklen Gang und gelangten in einen ähnlichen Saal mit einigen kleinen Fenstern an der Decke.

„Wer da?“ riefen mehrere Stimmen, und Taraß erblickte eine beträchtliche Anzahl von Kriegern in voller Rüstung. „Wir haben Befehl, niemanden hineinzulassen.“

„Das sind wir,“ rief Jankel, „bei Gott das sind wir, erlauchte Herren!“ Aber niemand wollte ihm Gehör schenken. Glücklicherweise trat in diesem Augenblick ein dicker Mann herein, der seinem Aussehen nach ein Vorgesetzter sein mußte, denn er schimpfte und fluchte mehr als alle andern zusammen.

„Herr, das sind wir, der Herr kennt uns schon — der Herr Graf wird sich noch persönlich bedanken!“

„Laßt sie durch, Donnerwetter noch ’mal! Von nun ab aber laßt ihr mir keinen mehr herein, und daß mir keiner von euch den Säbel ablegt und sich auf der Erde herumwälzt!“

Die Fortsetzung dieser so eindrucksvollen Rede vernahmen unsere Reisenden jedoch nicht mehr.

„Das sind wir, das bin ich, ein guter Freund,“ sagte Jankel zu jedem, der ihm begegnete.

„Ist’s so weit?“ fragte er eine der Wachen, als sie endlich an die Stelle gelangten, wo der Gang zu Ende war.

„Kommt nur. Ich weiß aber nicht, ob man euch in das Gefängnis selbst hineinlassen wird! Jan ist jetzt nicht mehr da, statt seiner steht ein anderer Wache,“ antwortete ein Wachtposten.

„Oh oh,“ sagte der Jude leise, „das ist schlimm, werter Herr!“

„Schnell, führ mich weiter,“ sprach Taraß hartnäckig. Der Jude gehorchte.

An der Tür eines unterirdischen Gewölbes, das oben scheinbar spitz zulief, stand ein Heiduck mit einem dreistöckigen Schnurrbart. Der eine Teil des Bartes war nach hinten gebürstet, der andere nach vorn, und der dritte hing ihm nach unten herab, sodaß der Mann aussah wie ein Kater.

Der Jude schrumpfte völlig zusammen und beugte sich fast bis zum Erdboden herab. Endlich näherte er sich ihm von der Seite. „Euer Gnaden, allerdurchlauchtigster Herr!“

„Sagst du das zu mir, Jude?“

„Zu dir, allerdurchlauchtigster Herr!“

„Hm ... ich bin aber doch nur ein einfacher Heiduck!“ sagte der Schnurrbartgewaltige und sein ganzes Gesicht strahlte von Eitelkeit.

„Ich dachte, bei Gott, du seist der erhabene Wojewode selbst! Oh oh oh.“ Bei diesen Worten schüttelte der Jude den Kopf und spreizte die Finger. „Oh oh, wie würdig und vornehm der Herr aussehen. Bei Gott — ein Oberst, wie ein richtiger Oberst! Nur noch ein Tröpfchen, und nichts fehlte zu einem Oberst! Der Herr müßte auf einem Pferde sitzen, so schnell, wie eine Fliege, und Parade abhalten über alle Regimenter!“

Der Heiduck brachte den untern Teil seines Bartes in Ordnung, und seine Augen strahlten vor Vergnügen.

„Nein, was sind die Soldaten doch für ein Volk,“ fuhr der Jude fort. „O weh mir, was für ein prächtiges Volk! Schnüre, Tressen, das glänzt ordentlich wie die Sonne! Und die Fräulein, die die Herren Soldaten sehen — oh oh ...“ Und der Jude schüttelte wieder den Kopf.

Der Heiduck strich sich mit der Hand über den oberen Teil des Bartes und gab hierbei einen Laut von sich, der dem Wiehern eines Pferdes glich.

„Darf ich den Herrn untertänigst um eine Freundlichkeit bitten?“ bat der Jude, „der Fürst hier ist aus fremden Landen gekommen; er möchte sich die Kosaken ansehen. Hat er doch in seinem Leben nicht gesehen, was für ein Volk die Kosaken sind!“

Die Besuche ausländischer Grafen und Barone kamen in Polen ziemlich häufig vor; oft führte sie nichts hin als die bloße Neugierde, sich diesen halbasiatischen Winkel Europas anzusehen. Moskau und die Ukraine galt ihnen schon für Asien. Der Heiduck hielt es daher nach einer ziemlich tiefen Verbeugung für nötig, von sich aus noch ein paar Worte hinzuzufügen.

„Ich weiß nicht,“ sagte er, „warum Euer Durchlaucht sie sich ansehen wollen. Das sind ja Hunde und keine Menschen. Und einen Glauben haben sie, den achtet niemand!“

„Das lügst du, Teufelsbrut,“ rief Bulba. „Du selbst bist ein Hund! Wie wagst du, zu sagen, daß man unsern Glauben nicht achtet! Euren ketzerischen Glauben, den verabscheut jeder Rechtgläubige!“

„Aha steht es so!“ rief der Heiduck, „jetzt weiß ich, wer du bist, mein Freund! Du gehörst wohl selbst zu diesen, die hier festsitzen. Warte mal, ich will mal unsere Leute herbeirufen!“

Taraß sah ein, wie unvorsichtig er gewesen war, aber Trotz und Wut hinderten ihn, darüber nachzudenken, wie er es wieder gut machen sollte. Glücklicherweise griff Jankel sofort ein.

„Allerdurchlauchtigster Herr! Wie sollte es möglich sein, daß der Herr ist ein Kosak! Und wenn er ein Kosak wäre, wie käme er zu einer solchen Kleidung und zu einem so gräflichen Aussehen!“

„Lüg dir doch selbst was vor!“ Der Heiduck wollte schon seinen riesigen Mund öffnen, um Lärm zu machen.

„Eure königliche Hoheit! Beruhigen Sie sich! Beruhigen Sie sich um Gottes willen!“ schrie Jankel. „Wir werden Ihnen so viel geben, wie Sie noch nie gesehen haben: wir werden Ihnen zwei goldene Dukaten geben!“

„He, wie? — zwei Dukaten! Aus zwei Dukaten mache ich mir garnichts, die gebe ich dem Barbier, wenn er mir die Hälfte meines Bartes rasiert hat. Hundert Dukaten, Jude!“ Hier drehte der Heiduck seinen Schnurrbart ... „Wenn du mir nicht sofort hundert Dukaten gibst, so schrei ich sofort los!“

„Warum soviel,“ rief der Jude, der ganz kreidebleich geworden war, jammernd und öffnete einen ledernen Säckel: er war aber doch glücklich, daß nicht mehr darin war, und daß der Heiduck nicht weiter als bis hundert zählen konnte.

„Herr, lassen Sie uns schnell fortgehen. Sie sehen doch, was das hier für schlechte Menschen sind!“ sagte Jankel, als er bemerkte, daß der Heiduck das Geld nachzählte, als ob es ihm leid täte, nicht mehr gefordert zu haben.

„Nun, du Satansheiduck?“ rief Bulba. „Das Geld hast du genommen, aber du denkst nicht daran, uns den Gefangenen zu zeigen? Nun, jetzt mußt du ihn uns zeigen! du hast das Geld angenommen, und darum hast Du kein Recht uns abzuweisen!“

„Fort mit euch, geht zum Teufel! Sonst melde ich es sofort! Und man wird euch gleich ... Ich will euch Beine machen, sage ich euch!“

„Herr. Herr, kommt schnell, bei Gott, kommt! Hol sie der Teufel! Gott schicke ihm einen Traum, daß ihm übel wird!“ schrie der arme Jankel.

Bulba wandte sich langsam um und schritt mit gesenktem Kopfe zurück, wobei ihn Jankel mit Vorwürfen überhäufte, der sich über die nutzlos weggeworfenen hundert Dukaten fast zu Tode ärgerte.

„Wozu mußtet Ihr ihn denn reizen! Hättet Ihr doch den Hund ruhig schimpfen lassen! Das ist doch nun mal so ein Volk, die müssen immer schimpfen. O weh mir, was für ein Glück hat Gott diesen Menschen geschickt! Hundert Dukaten dafür, daß er uns fortjagt; Unsereinem dagegen reißt man die Locken ab, man richtet ihm das Gesicht zu, daß man es gar nicht mehr anschauen mag — und kein Mensch gibt ihm hundert Dukaten! O mein Gott! Barmherziger Gott!“

Dieser Mißerfolg hatte jedoch einen noch tieferen Eindruck auf Bulba gemacht: eine verzehrende Flamme glühte in seinen Augen.

„Vorwärts“, sagte Bulba plötzlich, wie aus einem Traum erwachend, „komm, wir wollen auf den Platz gehen. Ich will sehen, wie man ihn foltern wird.“

„O weh, gnädiger Herr, wozu sollen wir hingehen, wir können ihm ja doch nicht mehr helfen.“

„Komm,“ sagte Bulba eigensinnig, und der Jude folgte ihm seufzend, wie eine Kinderfrau.

Es war nicht schwer, den Platz aufzufinden, wo die Hinrichtung stattfinden sollte: denn das Volk strömte von allen Seiten dorthin. In jenen barbarischen Zeiten war das nicht nur für den Pöbel, sondern auch für die höheren Kreise eins der beliebtesten Schauspiele. Viele fromme alte Weiber, eine Unzahl scheuer und ängstlicher junger Mädchen und Frauen, die nachher die ganze Nacht von blutigen Leichen träumten und im Schlafe so laut aufschrien, wie das nur noch ein betrunkener Husar vermag, ließen keine Gelegenheit vorüber, sich das Schauspiel anzusehen. „O welch entsetzliche Qualen,“ schrien manche in hysterischer, fieberhafter Erregung, hielten sich die Hände vor die Augen und wandten sich ab, verharrten aber trotzdem lange auf ihrem Platze. Viele standen mit weitgeöffnetemMunde da, streckten die Arme aus und wären den vor ihnen Stehenden am liebsten auf den Kopf gesprungen, um besser sehen zu können. Aus der Menge der kleinen, schmalen und gewöhnlichen Köpfe ragte hin und wieder das dicke Gesicht eines Schlächters hervor: er sah sich den Vorgang mit Kennermienen an und unterhielt sich in einsilbigen Worten mit einem Waffenschmied, den er Gevatter nannte, weil er sich an Feiertagen mit ihm zusammen in der gleichen Schenke zu betrinken pflegte. Wieder andere erörterten das Ereignis mit großer Erregung und Leidenschaftlichkeit; eine dritte Partei ging sogar Wetten ein. Die meisten der Anwesenden jedoch gehörten zu jener Gattung, die die ganze Welt und alles, was darin vorgeht gleichgültig ansehen und dabei den Finger in die Nase stecken. In der ersten Reihe, neben den mit mächtigen Schnauzbärten gezierten Heiducken, die die Stadtwache bildeten, stand ein junger Edelmann (er sah wenigstens so aus) — in ritterlicher Tracht; er hatte sich mit allem behängt, was er besaß, so daß nur noch ein zerrissenes Hemd und ein Paar alte Stiefel in seiner Wohnung zurückgeblieben waren. Um seinen Hals hatte er zwei Ketten geschlungen, eine über die andre, an denen je ein Dukaten hing. So stand er mit seiner Geliebten Jusysja da und sah sich fortwährend um, damit nur ja niemand ihr seidenes Kleid beschmutzte. Er hatte ihr bereits alles erklärt, so daß gar nichts mehr hinzuzufügen blieb. „Sieh, geliebte Jusysja,“ sagte er „dies ganze Volk, das Du hier siehst, ist hierhergekommen, um zu sehen, wie man die Verbrecher hinrichten wird. Der da, mit dem Beil und den andern Werkzeugen in der Hand, den, den du dort siehst, Liebchen: das ist der Henker, der wird das Urteil vollstrecken. Solange er den Verbrecher rädert und noch auf andere Weise martert, ist der immer noch am Leben; schlägt er ihm aber den Kopf ab, dann ist es aus mit ihm, Liebste. Zuerst wird er natürlich schreien und sich winden — wenn man ihm aber den Kopf abgeschlagen hat, dann kann er nicht mehr schreien, und nicht mehr essen, noch trinken, denn er hat ja keinen Kopf mehr, Liebchen!“ Und Jusysja hörte das alles voller Schrecken und Neugier an. Die Dächer der Häuser waren von einer großen Menschenmenge bedeckt. Aus kleinen Luken blickten merkwürdige Gesichter, mit Schnurrbärten und haubenartigen Kopfbedeckungen hervor. Auf den Balkonen saßen die Edelleute unter Baldachinen. Das schöne Händchen eines lachenden Fräuleins mit einem Gesichtchen, das wie Milchzucker glänzte, lag lässig auf dem Rand des Geländers. Edle Herren von ansehnlicher Beleibtheit blickten mit ernster Miene von oben herab. Ein Leibeigener in kostbarer Tracht und mit zurückgeschlagenen Ärmeln reichte allerhand Speisen und Getränke herum. Bisweilen warf ein mutwilliges Mädchen mit schwarzen Augen und weißen glänzenden Händchen Kuchen und Früchte unter die Menge. Eine Schar hungriger Ritter hielt um die Wette ihre Mützen hin, und ein hagerer Edelmann, der mit seinem Kopfe weit über alles Volk hinausragte und einen verblichenen roten Rock mit nachgedunkelten goldenen Schnüren trug, fing die süße Beute mit seinen langen Armen zuerst auf, küßte sie, drückte sie ans Herz und ließ sie dann im Munde verschwinden. Auch ein Falke, der in einem goldenen Käfig unter dem Balkon hing, gehörte zu den Zuschauern; er saß mit zur Seite gebogenem Schnabel und ausgestreckter Kralle da und beobachtete seinerseits das Volk voller Aufmerksamkeit. Plötzlich begann die Menge unruhig zu werden und zu lärmen, und man schrie von allen Seiten: „sie kommen, sie kommen, die Kosaken kommen!“