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Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Chapter 114: 4. Auftritt
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About This Book

The play satirizes provincial administration through a sequence of misunderstandings and escalating panic after local dignitaries mistake a passing junior official for a secret inspector. Efforts to conceal inefficiency and secure favor prompt theatrical flattery, bribes, and farcical attempts at impressing the supposed evaluator, while the supposed inspector and his servant exploit the error. Sharp comedic episodes expose vanity, petty corruption, and social pretensions as differing personalities react with fear, opportunism, and hypocrisy across the play's structured scenes.

Agathe Tichonowna (tritt ein). Wie mir das Herz klopft ... ich kann es gar nicht sagen. Wohin ich schaue, wohin ich mich wende ... überall sehe ich Iwan Kusmitsch vor mir sitzen. Es muß wohl wahr sein, daß niemand seinem Schicksal entgehen kann. Vorhin versuchte ich an ganz etwas anderes zu denken! Aber, was ich mir auch vornehme ... ich probierte Garn abzuwickeln, fing an, den Pompadour zu sticken, aber ach, immerzu, in einem fort drängt sich mir das Bild Iwan Kusmitschs auf. (Pause.) Ach, also wirklich, nun soll die große Veränderung in meinem Leben kommen ... Erst wird man mich in die Kirche führen ... dann mich mit ihm allein lassen; ... mit dem Manne ... oh, mir wird schon jetzt ganz schaurig! — ja, leb wohl, meine schöne Mädchenzeit! (Sie weint.) Wie viele Jahre hab’ ich so ruhig dahingelebt; — lebte und lebte vor mich hin! Und nun mit einem Male soll ich heiraten, die Frau eines Mannes werden. Und all die Sorgen, die einen da erwarten. Die Kinder ... ach ... und die Knaben, dieses wilde Volk ... Und dann kommen auch die Mädchen, die werden schnell groß und wollen dann ebenfalls versorgt sein. Noch gut, wenn sie brave Männer bekommen; aber vielleicht kriegen sie einen Säufer ... oder einen solchen Kerl, der alles auf eine Karte zu setzen bereit ist ... (Sie fängt wieder an zu weinen.) Eigentlich habe ich doch meine Mädchenzeit gar nicht so recht genossen ... Nur siebenundzwanzig Jahre hat sie gedauert ... (Mit veränderter Stimme.) Aber warum zögert nur Iwan Kusmitsch so lange?

Agathe Tichonowna und Podkoliessin, den Kotschkarjows Hände in die Tür hineinschieben.

Podkoliessin (stockend). Ich komme, mein Fräulein, um Ihnen eine Erklärung abzugeben ... aber ... ich wüßte nämlich gerne zuvor, ob Ihnen diese Erklärung nicht zu seltsam vorkommen wird.

Agathe Tichonowna (die Augen senkend). Um was handelt es sich denn?

Podkoliessin. Nein, Fräulein, sagen Sie mir erst, daß Sie sich nicht darüber wundern werden.

Agathe Tichonowna (wie vorher). Ich weiß doch gar nicht, was es ist.

Podkoliessin. Gestehen Sie nur, es wird Ihnen sicherlich sehr merkwürdig vorkommen, was ich Ihnen zu sagen habe.

Agathe Tichonowna. Aber ich bitte Sie, warum denn merkwürdig? ... Alles was Sie mir sagen, ist mir angenehm.

Podkoliessin. Aber so etwas haben Sie gewiß noch niemals gehört ... (Agathe Tichonowna läßt die Augen noch tiefer sinken; inzwischen ist Kotschkarjow leise hereingetreten. Er stellt sich hinter Podkoliessin.) Es handelt sich nämlich ... um das folgende ... Aber nein, sprechen wir lieber ein andermal davon.

Agathe Tichonowna. Aber was ist es denn nur?

Podkoliessin. Es ist ... nämlich ... ich möchte Ihnen nämlich erklären, aber ich habe noch immer Zweifel ...

Kotschkarjow (beiseite, die Hände zusammenschlagend). Herrgott, ist das ein Mensch! Das reinste alte Weib, und kein Mensch! Ein Hohn, eine Parodie auf die Menschheit! ...

Agathe Tichonowna. Aber warum zweifeln Sie denn noch?

Podkoliessin. Ach, ich weiß nicht, mir kommen immer wieder Bedenken.

Kotschkarjow (laut). Herrgott, wie dumm ist das alles! Wie dumm! Fräulein, Sie sehen doch, er hält eben um Ihre Hand an. Er will Ihnen erklären, daß er ohne Sie nicht länger leben, nicht existieren kann. Er möchte Sie nur fragen, ob Sie bereit wären, ihn glücklich zu machen.

Podkoliessin (beinahe erschrocken, gibt ihm einen Rippenstoß und spricht lebhaft). Ich bitte dich, was sagst du da? ...

Kotschkarjow. Also, entschließen Sie sich, mein Fräulein. Wollen Sie diesen Sterblichen glücklich machen?

Agathe Tichonowna. Ach, wie könnte ich glauben, daß es in meiner Macht liegen sollte, das Glück eines Mannes ... das Glück eines Mannes ... Nun gut, ich bin einverstanden ...

Kotschkarjow. Natürlich! Selbstverständlich! Warum denn nicht gleich so? So reicht euch doch die Hände, Kinder!

Podkoliessin. Gleich! (Er will Kotschkarjow etwas ins Ohr flüstern. Dieser zeigt ihm die Faust, runzelt die Stirn, und Podkoliessin reicht Agathe Tichonowna die Hand.)

Kotschkarjow (legt ihre Hände ineinander). So, Gott segne euch! Auch ich gebe euch meinen Segen zu eurem Bunde. Die Ehe, wißt ihr, ist immer so ’ne Sache. Ja, das ist nicht, als ob man sich ’ne Droschke nimmt, sich reinsetzt und irgendwohin losfährt. Das ist eine ganz andere Sache; ja, das ist eine Pflicht! Leider habe ich jetzt keine Zeit mehr; darum will ich euch nachher sagen, was das für eine Pflicht ist. So, Iwan Kusmitsch, und jetzt küsse deine Braut! Nunmehr darfst du es tun; ja, mein Freund, nun mußt du es sogar tun! ... (Agathe Tichonowna senkt die Augen.) Nicht doch, nicht doch, mein Fräulein. Das muß so sein. Sie müssen sich küssen lassen.

Podkoliessin. Nein, Fräulein, gestatten Sie ... Jetzt müssen Sie schon gestatten. (Er küßt sie und nimmt sie bei der Hand.) Welch ein herrliches Händchen! Woher haben Sie nur ein so herrliches Händchen, mein Fräulein? ... Und noch eins ... Lassen Sie unsere Hochzeit sofort stattfinden! Sofort!

Agathe Tichonowna. Wie, gleich? ... Aber das ist am Ende doch zu schnell!

Podkoliessin. Nein, nein, davon will ich nichts hören! Die Trauung soll gleich stattfinden. So schnell als möglich!

Kotschkarjow. Vorzüglich! Bravo! ... Sehr gut! Du bist ja ein Prachtkerl! Ich muß sagen, ich habe immer nur das Beste von dir erwartet. Und Sie, Fräulein, beeilen Sie sich jetzt. Ziehen Sie sich recht schnell um. Jetzt darf ich’s ja verraten. Ich habe schon vorhin einen Wagen besorgt und auch ein paar Gäste für heute abend geladen. Sie sind wahrscheinlich schon auf dem Wege nach der Kirche. Ihr Hochzeitskleid liegt doch schon bereit, nicht wahr?

Agathe Tichonowna. O gewiß, schon lange. Ich kleide mich schnell um und bin sofort fertig.

19. Auftritt

Kotschkarjow und Podkoliessin.

Podkoliessin. Nun, lieber Freund, ich bin dir wirklich dankbar. Jetzt begreife ich erst, was du mir für einen Dienst erwiesen hast. Mein eigener Vater konnte nicht das für mich tun, was du mir getan hast. Ja, jetzt sehe ich es, du hast dich nur von deiner Freundschaft leiten lassen. Ich danke dir, Bruder! Ja, das werde ich dir nie vergessen. (Gerührt.) Nächstes Frühjahr werde ich dem Grabe deines Vaters einen Besuch abstatten.

Kotschkarjow. Ach, nicht doch, lieber Freund! Ich freue mich ja selber. Komm, laß dich küssen. (Küßt ihn erst auf eine und dann auf die andre Backe.) Gebe Gott, daß du glücklich wirst. (Sie küssen sich.) Hoffentlich schickt er dir nun auch Reichtum und Überfluß und einen ganzen Haufen Kinder.

Podkoliessin. Dank dir, Bruder! Wahrhaftig; jetzt erst fange ich an, zu begreifen, was es heißt, leben! Eine völlig neue Welt tut sich plötzlich vor mir auf ... Nun erkenne ich, daß sich das alles bewegt, sich regt, fühlt, empfindet, sich gewissermaßen verflüchtigt, weißt du, man weiß sozusagen selbst nicht recht, wie und was eigentlich vorgeht. Früher aber habe ich nichts davon gesehen, nichts von alle dem begriffen. Das heißt, ich war einfach ein unwissender, ahnungsloser Mensch, der über nichts weiter nachdachte, in nichts tiefer hineinblickte, und so dahinlebte ... wie jeder andre Mensch.

Kotschkarjow. Das freut mich, freut mich von Herzen. Doch, ich muß jetzt gehen und mal nachschauen, ob der Tisch auch gut gedeckt ist. Ich bin gleich wieder da. (Beiseite.) Aber seinen Hut will ich doch lieber verstecken, für alle Fälle. (Er nimmt den Hut und trägt ihn mit sich fort.)

20. Auftritt

Podkoliessin (allein).

Podkoliessin. Es ist wahr! Was war ich denn bis auf den heutigen Tag? ... Hatte ich auch nur einen Begriff vom Leben? ... Ach, gar keine Ahnung hatt’ ich! Was war denn schließlich dies mein Junggesellen-Dasein? ... Was galt ich? ... Was tat ich? Ich lebte ... vegetierte so hin ... versah meinen Dienst ... ging ins Departement ... aß und schlief ... mit einem Wort, ich war der hohlste, gewöhnlichste Mensch von der Welt. Jetzt erst sehe ich ein, wie dumm doch die Menschen sind, die nicht heiraten. Und wenn man so zusieht, wie viele so blind dahintrotten. Wenn ich ein König wäre, wahrhaftig, ich erließe ein Gesetz ... alle Menschen in meinem Reiche müßten sich verheiraten. Unter meiner Herrschaft sollte es auch nicht einen Hagestolzen geben! Ja, wenn ich so daran denke, noch ein paar Augenblicke, und ich werde verheiratet sein. Wie lange noch, ... und ich werde alle Wonnen auskosten, wie sie eigentlich doch nur im Märchen vorkommen. Eine Seligkeit, die sich nicht ausdrücken läßt, und für die sich keine Worte finden lassen. (Pause.) Übrigens mag man sagen, was man will, aber es wird einem beinahe unheimlich zumute, wenn man sich das alles so genau vorstellt! ... Sich für immer ... für das ganze Leben, sei dem, wie ihm wolle ... sich für das ganze Leben zu binden. Denn: dann gibt’s keine Reue mehr ... keine Ausrede ... nichts, nichts mehr ... dann ist’s vorbei ... dann ist alles zu Ende! Ja, eigentlich könnte ich ja schon jetzt nicht mehr zurück. Noch ein paar Augenblicke, ... und man steckt im Joch! Nicht mal durchgehen könnte man mehr ... dort unten steht schon der Wagen, ... und ... alles ist schon vorbereitet! ...

Wie? Sollte es denn wahrhaftig kein Zurück mehr geben? Natürlich, jetzt geht’s nicht mehr! Dort in der Tür und überall stehen Menschen. Wie? ... sie würden fragen: ... He, was ist los? ... Nein, nein, es geht nicht mehr! Doch halt, da ist ja ein offenes Fenster! Wie, wenn ... wenn, wenn ich da hinausspränge? ... Nein, unmöglich ... Das würde sich nicht schicken ... Und dann ... ist es ja wohl auch zu hoch ... (Er geht ans Fenster.) Na, gar so hoch ist’s eigentlich nicht! Es sind ja nur die Grundmauern, und die sind ja gar nicht so hoch. Aber nein, ich habe ja nicht einmal meinen Hut bei mir! ... So, ohne Hut ... das würde sich wirklich nicht passen! Hm, wie ... Sollte es wirklich nicht ohne Hut gehen? ... Hm, wie, wenn man es vielleicht doch versuchte! ... Soll ich es wagen? ... Wie? ... (Er steigt auf die Fensterbank und springt hinunter mit den Worten:) Gott steh mir bei! (Man hört ihn draußen ächzen und stöhnen.) Mein Gott, das ist aber verdammt hoch! ... He, Kutscher! ...

Stimme eines Droschken-Kutschers. Soll ich vorfahren?

Podkoliessins Stimme. Nach dem Kanal, an der Semjonowschen Brücke.

Die Stimme des Kutschers. Einen Groschen, gnädiger Herr, das ist nicht zu viel.

Podkoliessins Stimme. Na, schön ... Nur los!

(Man hört die Droschke fortrollen.)

21. Auftritt

Agathe Tichonowna (im Brautkleide, tritt mit verschämt gesenktem Blick herein). Ich weiß selbst nicht, was in mir vorgeht. Ich schäme mich schon wieder und zittre am ganzen Körper; ach, wenn er doch nur einen Augenblick, nur gerade jetzt nicht im Zimmer wäre! Möcht’ er doch nur fortgegangen sein! (Sich ängstlich umblickend.) Ja, wo ist er denn nur? Niemand hier? Wo ist er denn nur hinausgegangen? (Sie öffnet die Tür ins Vorzimmer und ruft) Thekla, wo ist Iwan Kusmitsch hingegangen? ...

Theklas Stimme. Er ist doch drinnen!

Agathe Tichonowna. Wo drinnen?

Thekla (eintretend). Na, er saß doch noch eben hier im Zimmer.

Agathe Tichonowna. Aber er ist doch nicht da, das siehst du doch selbst.

Thekla. Aus dem Zimmer ist er aber auch nicht herausgekommen! Ich hab’ doch die ganze Zeit im Flur gesessen.

Agathe Tichonowna. Ja, wo kann er bloß sein?

Thekla. Wahrhaftigen Gott, ich weiß nicht wo. Er ist doch nicht etwa durch die andere Tür, die Hintertreppe hinuntergelaufen? ... Oder nein ... gewiß sitzt er in Arina Panteleimonownas Zimmer.

Agathe Tichonowna. Tantchen! Tantchen!

22. Auftritt

Die Vorigen. Arina Panteleimonowna.

Arina Panteleimonowna (festlich gekleidet). Was ist los?

Agathe Tichonowna. Ist Iwan Kusmitsch bei Ihnen?

Arina Panteleimonowna. Nein, er muß doch hier sein. Er war gar nicht bei mir.

Thekla. Und im Vorzimmer war er auch nicht. Die ganze Zeit über saß ich draußen ...

Agathe Tichonowna. Nun und hier ist er auch nicht, das seht ihr selbst.

23. Auftritt

Die Vorigen und Kotschkarjow.

Kotschkarjow. Nun? Was ist passiert? ...

Agathe Tichonowna. Iwan Kusmitsch ist fort.

Kotschkarjow. Wie? Fort? Ist er denn fortgegangen?

Agathe Tichonowna. Nein, er ist nicht da, und fortgegangen ist er auch nicht.

Kotschkarjow. Wie ist das möglich? Fort? Und doch nicht weggegangen?

Thekla. Wo kann er nur hin sein? Das will mir nicht in den Kopf! Die ganze Zeit über saß ich im Vorzimmer. Nicht vom Fleck habe ich mich gerührt.

Arina Panteleimonowna. Aber über die Hintertreppe kann er auch nicht gegangen sein.

Kotschkarjow. Was bedeutet das zum Teufel? ... Er kann doch nicht einfach verschwunden sein ... wenn er das Zimmer nicht verlassen hat. Vielleicht versteckt er sich irgendwo. Iwan Kusmitsch, wo bist du? Mach doch keine faulen Witze! Komm schnell her! Was sollen denn die dummen Späße? Es ist höchste Zeit, zur Kirche zu fahren. (Er guckt in den Schrank und wirft sogar flüchtige Blicke unter die Stühle.) Unbegreiflich! Doch nein, fort kann er ja nicht sein! Das ist vollständig ausgeschlossen! Er ist hier! Dort im Zimmer liegt ja sein Hut. Ich hatte ihn ja absichtlich dorthin gelegt.

Arina Panteleimonowna. Ich will doch mal das Mädchen fragen. Sie hat die ganze Zeit über auf der Straße gestanden. Dunjaschka! ... Dunjaschka! ...

24. Auftritt

Die Vorigen und Dunjaschka.

Arina Panteleimonowna. Wo ist Iwan Kusmitsch? Hast du ihn nicht gesehen?

Dunjaschka. Gewiß! Der Herr sind ja aus dem Fenster gesprungen.

Agathe Tichonowna (schreit auf und schlägt die Hände zusammen).

Alle. Aus dem Fenster? ...

Dunjaschka. Jawohl, aus dem Fenster! Dann haben sie sich eine Droschke genommen und sind losgefahren.

Arina Panteleimonowna. Ist es denn auch wahr, was du da schwatzt?

Kotschkarjow. Du lügst! Das kann nicht sein!

Dunjaschka. Gott helfe mir, sie sind rausgesprungen! Auch der Kaufmann nebenan im Kramladen hat’s gesehen. Eine Droschke für einen Groschen haben sie genommen und sind fortgefahren.

Arina Panteleimonowna (auf Kotschkarjow zugehend). Wie, mein Herr, wollen Sie uns verhöhnen? Wollen Sie Ihren Spott mit uns treiben? ... Uns an den Pranger stellen? ... Bald sechzig bin ich jetzt, aber solche Schande hab’ ich noch nicht erlebt. Wahrhaftig Herr, ich spucke Ihnen ins Gesicht, wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein Schuft sind Sie, wenn Sie ein ehrlicher Mensch sind! Ein armes Mädchen so vor der ganzen Welt zu beschimpfen. Ich bin ja nur eine einfache Frau, aber so was hätte ich niemals fertig gebracht! Und das will noch ein Adliger sein! Aber man sieht, euer Adel reicht auch nur für allerhand Gaunereien und Schweinereien. (Sie geht wütend ab, die Braut hinter sich herziehend.)

Kotschkarjow (steht wie niedergeschmettert da).

Thekla. He, so, so sieht also der Herr aus, der seine Sache so gut versteht? He, wollte eine Heirat zustande bringen ... ohne die Heiratsvermittlerin! Mögen meine Freier sein, wie sie wollen, gerupft und gezupft und weiß Gott wie, aber solche, die zum Fenster hinausspringen, solche findst du bei mir nicht! Haltet zu Gnaden, mein gnädiger Herr.

Kotschkarjow. Aber das ist ja alles Unsinn! Das stimmt ja alles nicht! Ich laufe hin zu ihm und hol’ ihn zurück! (Ab.)

Thekla. Ja, hol ihn nur wieder! ... Du kennst wohl das Heiratsgeschäft nicht ... Wäre er noch zur Türe hinausgelaufen, dann ging’s allenfalls noch an; ... aber wenn der Bräutigam durchs Fenster hoppst ... da ... gesegnete Mahlzeit! ... Alle Achtung, gnädiger Herr! ...

Dramatische Fragmente
und
Einzelne Szenen
(1832-1837)

Die Spieler

Deutsch von
Gregorius Itelson

Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt
Alle Rechte vorbehalten

„Geschichten aus alten Zeiten ...“

1. Auftritt

(Ein Zimmer in einem städtischen Gasthaus.)

Icharew kommt in Begleitung des Hoteldieners Alexej und seines eigenen Dieners Gawrjuschka.

Alexej. Bitte, bitte sehr, hier haben Sie ein Zimmerchen, das allerruhigste; gar kein Lärm.

Icharew. Lärm gibt’s wohl keinen, aber Kavallerie, Springer wohl genug, was?

Alexej. Das heißt, Sie meinen wohl von wegen der Flöhe? Seien Sie nur ruhig. Wenn ein Floh oder eine Wanze Sie beißen sollte, so haben wir’s zu verantworten, das ist unsere Sache.

Icharew (zu Gawrjuschka). Geh, bringe die Sachen aus dem Wagen her! (Gawrjuschka ab; zu Alexej) Wie heißt du?

Alexej. Alexéj.

Icharew. Nun höre, (mit Bedeutung) erzähl mal, wer wohnt bei euch?

Alexej. Hier wohnen jetzt viele, fast alle Zimmer sind besetzt.

Icharew. Wer denn alles?

Alexej. Schwóchnew — Peter Petrowitsch, Krugel — Oberst, Stepán Iwánowitsch Uteschítelny.

Icharew. Spielen die?

Alexej. Schon die sechste Nacht hintereinander spielen sie.

Icharew. Da hast du ein paar Rubelstücke. (Steckt ihm in die Hand.)

Alexej (sich verbeugend). Danke gehorsamst!

Icharew. Nachher gibt’s noch mehr.

Alexej. Gehorsamsten Dank!

Icharew. Spielen die untereinander?

Alexej. Nein, neulich haben sie den Leutnant Artunówsky bearbeitet; und dem Fürsten Schenkin haben sie sechsunddreißig Tausend abgewonnen.

Icharew. Hier hast du noch einen roten Lappen. Wenn du mir ehrlich dienst, kriegst du noch. Gestehe doch, die Karten hast du gekauft?

Alexej. Nein, die haben sie selbst gekauft.

Icharew. Bei wem?

Alexej. Bei dem hiesigen Kaufmann Wachraméjkin.

Icharew. Du lügst, Schwindler!

Alexej. Bei Gott!

Icharew. Gut, wir werden später mit dir verhandeln. (Gawrjuschka bringt eine Schatulle.) Stelle sie hierher. Jetzt geht und bringt mir etwas zum Waschen und zum Rasieren. (Die Diener ab.)

2. Auftritt.

Icharew allein.

Öffnet die Schatulle, die ganz mit Kartenspielen gefüllt ist.

Icharew. Ist das ein Anblick, was? Jedes Dutzend von Gold! Mit Schweiß, mit Mühe ist jedes hergestellt. Eine Kleinigkeit, bis jetzt flimmert’s mir noch vor den Augen von diesen verdammten Sprenkeln. Aber dafür ist’s ein wahres Kapital! Man kann’s den Kindern als Erbteil hinterlassen. Da ist es, das schicksalschwere Päckchen. Einfach eine Perle! Dafür hat es auch einen Namen, jawohl: Adelaida Iwanowna. Diene mir nur, mein Liebchen, so wie dein Schwesterchen mir gedient hat; gewinne mir ebenfalls achtzig Tausend, so werde ich dir ein Marmordenkmal setzen, wenn ich auf das Gut komme; in Moskau werde ich es bestellen. (Hört ein Geräusch und schließt schnell die Schatulle zu.)

3. Auftritt

Alexej und Gawrjuschka bringen eine Waschschüssel, einen Wasserkrug und ein Handtuch.

Icharew. Sind die Herren jetzt zu Hause?

Alexej. Ja wohl, sie sind jetzt im Salon.

Icharew. Ich werde mal hingehen und nachsehen, was für Leute das sind. (Ab.)

4. Auftritt

Alexej und Gawrjuschka.

Alexej. Kommt ihr von weitem her?

Gawrjuschka. Aus Rjasán.

Alexej. Seid ihr selbst auch aus jenem Gouvernement?

Gawrjuschka. Nein, wir selber sind aus dem Smolénskischen.

Alexej. So, so! Also, das heißt, das Gut ist im Smolenskischen?

Gawrjuschka. Nein, nicht im Smolenskischen. Im Smolenskischen haben wir hundert Seelen und im Kalúgischen achtzig.

Alexej. Ich verstehe schon, also in zwei Gouvernements.

Gawrjuschka. Jawohl, in zwei Gouvernements. Da ist bei uns an Dienerschaft: Ignát der Buffetier, Pawlúscha, der früher mit dem Herrn reiste, Gerássim, der Lakai, Iwán, ebenfalls Lakai, Iwán, der Hundeknecht, noch einmal Iwán, der Musikant, dann der Koch Grigórij, der Koch Semjón, Baruch, der Gärtner, Deméntij, der Kutscher — so ist es bei uns!

5. Auftritt

Dieselben; Krugel, Schwochnew, vorsichtig eintretend.

Krugel. Wahrhaftig, ich fürchte, daß er uns hier antreffe.

Schwochnew. Tut nichts, Stepan Iwanowitsch wird ihn aufhalten. (Zu Alexej.) Geh, Lieber, man ruft dich. (Alexej ab. Schwochnew vorsichtig an Gawrjuschka herantretend.) Woher ist dein Herr?

Gawrjuschka. Jetzt kommt er aus Rjasán.

Schwochnew. Gutsbesitzer?

Gawrjuschka. Gutsbesitzer.

Schwochnew. Spielt?

Gawrjuschka. Spielt.

Schwochnew. Hier hast du einen Roten (gibt ihm das Papiergeld), erzähl mir alles.

Gawrjuschka. Werden Sie aber dem Herrn auch nichts sagen?

Beide. I wo, hab keine Angst.

Schwochnew. Wie, ist er jetzt bei Gewinn, was?

Gawrjuschka. Kennen Sie den Oberst Tschebotaróff?

Schwochnew. Nein! Warum?

Gawrjuschka. Vor drei Wochen haben wir ihm achtzig Tausend in Geld abgewonnen, einen Warschauer Wagen, eine Schatulle, einen Teppich und mehrere Paar goldene Epaulettes, an reinem Gold sechshundert Rubel.

Schwochnew (sieht Krugel bedeutungsvoll an). He! Achtzigtausend? (Krugel schüttelt den Kopf.) Glaubst du, es ist eine reine Sache? Das wollen wir gleich erfahren. Hör mal, Gawrjuschka, wenn dein Herr allein zu Hause bleibt, was macht er dann?

Gawrjuschka. Was heißt das: was macht er? Was soll er denn machen? Er ist ein Herr, er hält sich gut, er tut gar nichts.

Schwochnew. Du lügst; er läßt wohl die Karten nicht aus der Hand?

Gawrjuschka. Das kann ich nicht wissen. Ich reise erst zwei Wochen mit dem Herrn; früher reiste immer Pawluscha mit ihm. Wir haben auch Gerassim, den Lakai, noch mal Iwan, den Lakai, Iwan, den Hundeknecht, Iwan, den Musikanten, Dementij, den Kutscher, und neulich haben wir uns aus dem Dorfe noch einen geholt.

Schwochnew (zu Krugel). Was glaubst du? Ein Falschspieler?

Krugel. Sehr möglich.

Schwochnew. Na, probieren müssen wir’s doch.

(Beide schnell ab.)

6. Auftritt

Gawrjuschka (allein). Geschickte Herren, aber fürs Papiergeld besten Dank. Dafür kriegt Matrjóna eine Haube und die Bengels Pfefferkuchen. Ach, wie liebe ich das Leben auf Reisen! Da fällt ja immer etwas ab. Der Herr schickt mal, was einzukaufen, da kann man schon ein Zehnkopekenstück vom Rubel in die Tasche legen. Wenn man bedenkt, was für ein schönes Leben die Herren haben: wohin du willst, da reist du hin. Hast du’s in Smolénsk satt, gehst du nach Rjasán, willst du nicht nach Rjasán, so nach Kasán, willst du nicht nach Kasán, dann direkt nach Jarosláw. Aber das eine weiß ich bis jetzt nicht, welche von diesen Städten ist ziviler: Rjasán oder Kasán? Kasán wird wohl ziviler sein, denn in Kasán ...

7. Auftritt

Icharew, Gawrjuschka, nachher Alexej.

Icharew. Sie haben nichts Besonderes an sich, wie mir scheint. Übrigens ... Ach, wie möchte ich sie gern rupfen! Lieber Gott, wie möcht’ ich’s so gern! Wenn ich daran denke, wahrhaftig, so kriege ich Herzklopfen! (Nimmt eine Bürste und Seife, setzt sich vor den Spiegel und fängt an, sich zu rasieren.) Die Hand zittert mir, ich kann mich nicht rasieren. (Alexej tritt ein.)

Alexej. Befehlen Sie — etwas zu essen?

Icharew. Gewiß, gewiß, bring etwas Imbiß für vier Personen: Kaviar, Lachs und vier Flaschen Wein, und gib ihm auch zu essen. (Zeigt auf Gawrjuschka.)

Alexej (zu Gawrjuschka). Bitte nach der Küche, da steht für Sie was bereit. (Gawrjuschka ab.)

Icharew (sich rasierend). Hör mal, haben sie dir viel gegeben?

Alexej. Wer denn?

Icharew. Nun, mach keine Faxen, sprich!

Alexej. Jawohl, sie haben mir was für Bedienung geschenkt.

Icharew. Wieviel? Fünfzig Rubel?

Alexej. Jawohl, fünfzig haben sie mir gegeben.

Icharew. Von mir kriegst du nicht fünfzig, sondern — siehst du, dort auf dem Tisch, da liegt ein Hundertrubelschein, nimm ihn dir. Hab keine Angst, er beißt nicht. Von dir wird nichts mehr verlangt, als Ehrlichkeit, verstehst du? Die Karten mögen beim Wachramejkin oder bei einem anderen Kaufmann gekauft werden, das geht mich nichts weiter an. Aber hier hast du als Zugabe noch ein Dutzend Kartenspiele von mir. (Gibt ihm ein versiegeltes Paket.) Hast du verstanden?

Alexej. Was ist denn da nicht zu verstehen? Sie können sich darauf verlassen, das ist schon meine Sache.

Icharew. Und die Karten verstecke ordentlich, daß man sie nicht gewahr wird. (Legt Bürste und Seife weg und trocknet sich das Gesicht mit dem Handtuch ab. Alexej ab.) Das wäre sehr, sehr schön. Ach, ich gestehe, ich möchte sie recht gern hineinlegen.

8. Auftritt

Schwochnew, Krugel und Stepan Iwanowitsch Uteschitelny treten mit Verbeugungen ein.

Icharew (mit einer Verbeugung ihnen entgegenkommend). Bitte um Entschuldigung: das Zimmer ist, wie Sie sehen, nicht besonders schön: im ganzen vier Stühle.

Uteschitelny. Die Freundlichkeiten des Hausherrn sind wertvoller, als alle Bequemlichkeiten.

Schwochnew. Man lebt ja nicht mit dem Zimmer, sondern mit guten Menschen.

Uteschitelny. Die reine Wahrheit. Ich könnte gar nicht ohne Gesellschaft auskommen. (Zu Krugel.) Erinnerst du dich, mein Bester, wie ich hierherkam, mutterseelenallein? Denken Sie sich, nicht einen einzigen Bekannten hatte ich hier. Die Wirtin — eine alte Greisin. Auf der Treppe irgendeine furchtbar häßliche Scheuerfrau. Da sehe ich: um sie herum scharwenzelt ein Infanterist, scheint ganz ausgehungert ... Mit einem Wort — eine tödliche Langeweile! Da plötzlich sendet mir das Schicksal ihn, und nachher führt mich der Zufall mit diesem da zusammen. Nun war ich aber froh! Ich kann keine Stunde ohne Gesellschaft von Freunden auskommen. Alles, was ich auf der Seele habe, bin ich bereit, jedem zu erzählen.

Krugel. Ja, Freundchen, das ist aber auch dein Fehler, und keineswegs eine Tugend. Jedes Zuviel schadet, du bist vermutlich schon mehr als einmal betrogen worden.

Uteschitelny. Jawohl, ich bin betrogen worden und werde noch immer betrogen werden, und doch kann ich ohne Aufrichtigkeit nicht leben.

Krugel. Nun weißt du, ich muß gestehen, das ist mir unbegreiflich! Mit jedem aufrichtig sein! Freundschaft, das ist ganz was anderes.

Uteschitelny. Das schon, aber der Mensch gehört der Gesellschaft an.

Krugel. Er gehört wohl, aber nicht ganz.

Uteschitelny. Nein, ganz.

Krugel. Nein, nicht ganz.

Uteschitelny. Nein, ganz!

Schwochnew (zu Uteschitelny). Streite nicht, lieber Freund, du hast unrecht.

Uteschitelny (hitzig). Nein, ich werde dirs beweisen, das ist eine Pflicht, das ist — das ist — das ist — eine Schuldigkeit, das ist — das ist ...

Schwochnew. Nun ist er losgegangen! Er ist nämlich furchtbar hitzig; die ersten paar Worte von dem, was er spricht, kann man noch verstehen, aber weiter versteht man nichts.

Uteschitelny. Ich kann nicht, ich kann nicht! Wenn es die Pflicht betrifft, so komme ich ganz außer Fassung! Ich erkläre gewöhnlich schon von vornherein: meine Herren, wenn die Rede von so etwas Ähnlichem sein wird, so müssen Sie schon verzeihen, ich lasse mich hinreißen, ja, ich lasse mich hinreißen. Wie im Rausch gleichsam, und meine Galle kocht und kocht über!

Icharew (für sich). Nun, lieber Freund, ich kenn’ schon die Leute, die sich hinreißen lassen und hitzig werden bei dem Worte Pflicht. Deine Galle wird schon überkochen, aber nicht bei solcher Gelegenheit. (Laut.) Nun, meine Herren, während hier über heilige Pflichten gestritten wird, wollen wir da nicht auch ein Spielchen machen? (Während des Gespräches wird das Frühstück serviert.)

Uteschitelny. Bitte, wenn’s nur ein kleines Spiel ist, warum nicht?

Krugel. Unschuldigen Vergnügungen bin ich nie abgeneigt.

Icharew. Wie ist es, in diesem Hotel wird’s wohl Karten geben?

Schwochnew. Oh, Sie brauchen nur zu befehlen!

Icharew. Karten! (Alexej macht sich am Kartentisch zu schaffen.) Und inzwischen, bitte, meine Herren, (zeigt mit der Hand auf den Frühstückstisch und tritt heran) der Lachs ist, wie es scheint, nicht sonderlich, aber der Kaviar geht an.

Schwochnew (indem er ein Stück in den Mund steckt). Nein, der Lachs ist auch nicht übel.

Krugel (ebenfalls). Der Käse ist auch gut; auch der Kaviar ist nicht übel.

Schwochnew (zu Krugel). Erinnerst du dich, was für vortrefflichen Käse wir vor zwei Wochen gegessen haben?

Krugel. Nein, nie in meinem Leben werde ich den Käse vergessen, den ich bei Peter Alexándrowitsch Alexándrow gegessen habe.

Uteschitelny. Sieh mal, mein Lieber: wann ist denn der Käse eigentlich gut? Er ist dann gut, wenn du dir nach einem Mittagessen noch ein zweites vornimmst — das ist seine eigentliche Bestimmung. Er ist gleichsam wie ein guter Quartiermeister; er sagt: bitte, meine Herrschaften, hier ist noch Platz.

Icharew. Bitte, meine Herrschaften, die Karten sind auf dem Tisch.

Uteschitelny (an den Kartentisch herantretend). Ah, das ist nun wieder einmal eine Sache aus alten Zeiten! Sieh mal, Schwochnew, Karten! Ha, wieviele Jahre sind’s wohl her?

Icharew (zur Seite). Na, na! Tu doch nicht so!

Uteschitelny. Wollen Sie die Bank halten?

Icharew. Eine kleine, gewiß! Fünfhundert Rubel! Wollen Sie abheben? (Gibt Karten. Das Spiel fängt an. Man hört Ausrufe.)

Schwochnew. Vier, Aß, beide zu zehn.

Uteschitelny. Gib mir mal dein Kartenspiel, Liebster, ich will mir eine Karte wählen: auf das Glück unserer Frau Adelsmarschall.

Krugel. Gestatten Sie mir eine Neun hinzuzufügen.

Uteschitelny. Schwochnew, gib mal die Kreide! Ich schreibe an und schreibe ab.

Schwochnew. Hol’s der Teufel, Paroli!

Uteschitelny. Und fünf Rubel Einsatz!

Krugel. Attendez! Gestatten Sie mir, nachzusehen, ich glaube, es müssen noch zwei Dreien im Spiel sein.

Uteschitelny (springt auf, für sich). Hol’s der Teufel, die Sache ist nicht sauber, hier sind andere Karten, das ist augenscheinlich (Das Spiel geht weiter.)

Icharew (zu Krugel). Gestatten Sie die Frage: Gelten beide?

Krugel. Beide!

Icharew. Erhöhen Sie nicht?

Krugel. Nein.

Icharew (zu Schwochnew). Und Sie, setzen Sie nichts?

Schwochnew. Gestatten Sie, daß ich dieses Spiel abwarte. (Steht auf, geht eilig auf Uteschitelny zu und sagt schnell:) Hol’s der Teufel, Liebster, er macht alle möglichen Kunststücke. Ein Falschspieler ersten Ranges.

Uteschitelny (erregt). Wollen wir denn auf die Achtzigtausend verzichten?

Schwochnew. Natürlich verzichten wir, wenn’s nicht geht.

Uteschitelny. Nun, das ist noch die Frage, aber vorläufig müssen wir uns mit ihm verständigen.

Schwochnew. Wieso?

Uteschitelny. Ihm einfach alles eingestehen.

Schwochnew. Wozu denn?

Uteschitelny. Das sage ich dir nachher, komm. (Gehen beide auf Icharew zu und klopfen ihm von beiden Seiten auf die Schulter.)

Uteschitelny. Verschießen Sie nicht umsonst Ihr Pulver.

Icharew (zusammenfahrend). Wieso?

Uteschitelny. Was ist da lange zu reden? Erkennt denn einer nicht seinesgleichen?

Icharew (höflich). Gestatten Sie die Frage, wie soll ich das verstehen?

Uteschitelny. Ganz einfach, ohne überflüssige Worte und Zeremonien. Wir haben Ihre Kunst gesehen, und seien Sie versichert, wir wissen Ihren Wert zu schätzen. Und deshalb schlage ich Ihnen im Namen unserer Kameraden ein Freundschaftsbündnis vor. Wenn wir unsere Kenntnisse und Kapitalien zusammentun, können wir viel erfolgreicher arbeiten als einzeln.

Icharew. In welchem Maße darf ich von der Richtigkeit Ihrer Worte überzeugt sein?

Uteschitelny. In diesem Maße: Für Aufrichtigkeit zahlen wir mit Aufrichtigkeit. Wir gestehen Ihnen hier ganz offen, daß wir uns verabredet haben, Sie zu beschwindeln, weil wir Sie für einen gewöhnlichen Menschen gehalten haben. Aber jetzt sehen wir, daß Ihnen die höchsten Geheimnisse bekannt sind. Und nun, wollen Sie unsere Freundschaft annehmen?

Icharew. Zu einem so freundlichen Anerbieten kann ich nicht nein sagen.

Uteschitelny. Also reichen wir einander die Hände. (Alle drücken nacheinander Icharew die Hand.) Von nun ab sei alles gemeinschaftlich, fort mit Verstellung und Zeremonien! Gestatten Sie die Frage, seit wann haben Sie angefangen, die Tiefe der Wissenschaft zu erforschen?

Icharew. Ich muß gestehen, schon seit meiner frühen Jugendzeit war es stets mein Bestreben. Schon in der Schule während der Vorlesungen des Professors habe ich meinen Kommilitonen unter dem Tisch die Bank gehalten.

Uteschitelny. Das dachte ich mir. Eine solche Kunst kann man nicht erwerben ohne eine Praxis in den Jahren der zartesten Jugend. Erinnerst du dich des ungewöhnlichen Knaben, Schwochnew?

Icharew. Welches Knaben?

Uteschitelny. Erzähle mal.

Schwochnew. Eine solche Begebenheit werde ich nie vergessen. Sagt mir da einmal sein Schwager (zeigt auf Uteschitelny) Andréj Iwánowitsch Pjátkin: „Schwochnew, willst du ein Wunder sehen? Ein Junge von elf Jahren, der Sohn von Iwán Micháilowitsch Kubischew, macht solche Kartenkunststücke, wie kein einziger Spieler. Reise mal nach dem Tjetjúschischen Kreis und sieh dir’s an!“ Ich muß gestehen, ich habe mich sofort nach dem Tjetjúschischen Kreis begeben, ich frage nach dem Dorf des Iwan Michailowitsch Kubischew und komme direkt zu ihm. Ich lasse mich anmelden. Es kommt ein Herr gesetzten Alters, ich stelle mich vor und sage: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe gehört, daß Gott Ihnen einen ganz ungewöhnlichen Sohn geschenkt hat.“ — „Jawohl, das muß ich zugeben“, sagt er, und was mir gefallen hat, verstehen Sie wohl, ohne irgendwelche Umschweife und Prätentionen — Ja, sagt er, das ist richtig, wenn’s auch einem Vater nicht zukommt, seinen eigenen Sohn zu loben, aber der ist wirklich gewissermaßen ein Wunder. Mischa, sagt er, komm mal her, zeig mal dem Gast deine Kunst. Nun wissen Sie, wie so’n Junge ist, der Junge ist noch ganz Kind, reicht mir kaum bis an die Schulter, und in den Augen ist auch nichts Besonderes zu bemerken. Er fängt an, Karten zu geben, und ich bin ganz baff! Es übersteigt alle Beschreibung!

Icharew. Ist es möglich, daß gar nichts zu bemerken war?

Schwochnew. Nichts, gar nichts, nicht die Spur. Ich schaute zu mit beiden Augen.

Icharew. Das ist unbegreiflich!

Uteschitelny. Ein Phänomen, ein wahres Phänomen!

Icharew. Wenn ich noch bedenke, daß dazu doch Kenntnisse notwendig sind, die auf der Schärfe der Augen und einem aufmerksamen Studium des Musters beruhen.

Uteschitelny. Aber jetzt ist das ja sehr viel leichter geworden. Jetzt ist das Besprenkeln und Bezeichnen ganz aus dem Gebrauch gekommen. Man sucht jetzt den Schlüssel zu erlernen.

Icharew. Das heißt, den Schlüssel der Zeichnung?

Uteschitelny. Jawohl. Den Schlüssel der Zeichnung auf der Rückseite. Da lebt in einer Stadt, — in welcher, das will ich nicht sagen, — ein ehrbarer Mann, der nichts anderes tut, als nur dies: Jedes Jahr bekommt er aus Moskau einige hundert Kartenspiele, von wem, — das bleibt ein Geheimnis. Seine ganze Aufgabe und Pflicht besteht darin, das Muster auf der Rückseite jeder Karte zu untersuchen, und einen Schlüssel dazu einzuschicken, d. h. sieh nur hin: bei der Zwei, da ist die Zeichnung so angeordnet, bei einer anderen Karte ist die Sache so, und dann wieder so, und für das allein bekommt er jährlich fünftausend in barem Gelde.

Icharew. Das ist allerdings eine sehr wichtige Sache!

Uteschitelny. Ja, das muß übrigens auch so sein. Das ist, was man in der National-Ökonomie die Arbeitsteilungen nennt. Zum Beispiel, ein Wagenbauer, der macht ja nicht selbst den ganzen Wagen, er gibt doch auch dem Schmied und dem Tapezierer was ab. Sonst würde ja das ganze Menschenleben nicht ausreichen.

Icharew. Gestatten Sie eine Frage: Wie machten Sie’s bis jetzt, um Ihre Kartenspiele in Kurs zu setzen. Die Bedienung bestechen, das ist ja nicht immer möglich.

Uteschitelny. Gott behüte! ist auch gefährlich. Das hieße ja manchmal, sich selbst verraten. Wir machen es anders. Einmal machten wir’s auf folgende Weise: Unser Agent kommt zum Jahrmarkt und nimmt als Kaufmann Logis im Stadthotel; er habe noch nicht Zeit gefunden, sich einen Laden zu mieten. Da stehen nun die Kisten und Ballen noch so im Zimmer herum. Er lebt im Hotel, macht Ausgaben, ißt, trinkt und verschwindet plötzlich, man weiß nicht, wohin, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben. Der Hotelwirt sucht im Zimmer herum und sieht, es ist nur ein Ballen zurückgeblieben. Er macht den Ballen auf, sieh da: hundert Dutzend Kartenspiele. Die Karten werden natürlich gleich verauktioniert. Das Dutzend einen Rubel billiger, da kaufen die Kaufleute in einem Augenblick alles für ihren Laden auf, und in vier Tagen hat die ganze Stadt ihr Geld im Spiel verloren.

Icharew. Das ist sehr geschickt.

Schwochnew. Nun, und bei jenem, beim Gutsbesitzer?

Icharew. Was denn, beim Gutsbesitzer?

Uteschitelny. Ja so, die Geschichte war auch nicht schlecht gemacht. Ich weiß nicht, ob’s Ihnen bekannt ist, es gibt einen Gutsbesitzer Arkádij Antónowitsch Dergunów, ein furchtbar reicher Mann, spielt vorzüglich, ist von beispielloser Redlichkeit, und, verstehen Sie, ihn herumzukriegen, ist gar keine Möglichkeit. Alles beaufsichtigt er selbst, seine Dienerschaft ist gut erzogen, — die reinen Kammerherren, das Haus — ein Palast, sein Garten — alles nach englischem Muster, kurz, ein russischer Edelmann im vollen Sinne des Wortes. Wir sind schon drei Tage bei ihm. Wie fängt man’s an? Einfach keine Möglichkeit! Endlich kamen wir auf einen Gedanken. Eines Morgens rast am Hofe ein Dreigespann vorbei, im Wagen sitzen ein paar junge Burschen, alle im höchsten Grade besoffen, alles singt Lieder und treibt’s, wie die wilde Jagd. Zu so einem Schauspiel kommt natürlich die ganze Dienerschaft herbeigelaufen. Sie gaffen, lachen und bemerken, daß aus dem Wagen etwas herausgefallen ist. Sie kommen hinzu und sehen einen Reisekoffer. Sie winken mit den Händen und rufen: Halt! Aber i wo, niemand hört, sie sind fortgerast, und nur der Staub auf dem ganzen Wege ist aufgewirbelt. Sie machen den Reisekoffer auf, finden Wäsche, einige Kleidungsstücke, zweihundert Rubel bares Geld und gegen vierzig Dutzend Kartenspiele. Nun natürlich, auf das Geld wollten die Dienstboten nicht verzichten, die Kartenspiele kamen auf den herrschaftlichen Tisch und schon am nächsten Tage waren gegen Abend alle, der Hausherr wie die Gäste, ohne eine Kopeke in der Tasche, und das Spiel war zu Ende.

Icharew. Sehr geistreich! Das bezeichnen die Leute mit Schwindel oder ähnlichen Namen, aber das ist ja nur Scharfsinn und feiner Verstand.

Uteschitelny. Die Leute verstehen ja nichts vom Spiel. Im Spiel gibt es kein Ansehen der Person, das Spiel sieht auf nichts. Mag mein eigener Vater mit mir Karten spielen; ich würde meinen Vater beschwindeln. Setze dich nicht mit mir hin! Hier sind alle gleich.

Icharew. Richtig, das versteht man nicht, daß ein Spieler der tugendhafteste Mensch sein kann. Ich kenne einen, der zu allen möglichen Mogeleien geneigt ist, aber einem Armen gibt er seine letzte Kopeke. Und er wird es keineswegs verschmähen, sich mit Dreien gegen Einen zu verbinden und ihm das Geld abzunehmen. Aber meine Herren, da wir schon so aufrichtig miteinander sind, so will ich Ihnen eine ganz wunderbare Sache zeigen. Wissen Sie, was das heißt, ein kombiniertes oder zusammengesuchtes Kartenspiel, in dem jede Karte von mir auf eine bedeutende Distanz erraten werden kann?

Uteschitelny. Ich weiß es wohl, aber vielleicht in etwas anderer Art.

Icharew. Ich kann mich wohl rühmen, daß Sie ein ähnliches nirgends finden werden. Es hat fast ein halbes Jahr Arbeit gekostet. Ich habe zwei Wochen nachher das Sonnenlicht nicht sehen können. Der Arzt befürchtete eine Augenentzündung. (Nimmt es aus der Schatulle.) Da ist es, aber nehmen Sie mir’s nicht übel, es hat auch einen Namen wie ein Mensch.

Uteschitelny. Wieso einen Namen?

Icharew. Jawohl, einen Namen: Adelaida Iwánowna.

Uteschitelny. Hör mal, Schwochnew, das ist ja eine ganz neue Idee, ein Kartenspiel Adelaida Iwanowna zu nennen. Ich finde es sogar sehr geistreich.

Schwochnew. Sehr schön: Adelaida Iwanowna! Wunderschön.

Uteschitelny. Adelaida Iwanowna! Sogar eine Deutsche! Hörst du, Krugel, da hast du eine Frau.

Krugel. Was bin ich für ein Deutscher? Mein Großvater war ein Deutscher, und auch der verstand kein Deutsch.

Uteschitelny (das Kartenspiel betrachtend). Das ist wahrhaftig ein Schatz. Wirklich, es ist gar nichts zu merken. Können Sie tatsächlich jede Karte erraten, auf jede beliebige Distanz?

Icharew. Bitte, ich stelle mich fünf Schritt weit von Ihnen auf und werde von da aus jede Karte benennen. Ich bin bereit, zweitausend Rubel zu zahlen, wenn ich mich irre.

Uteschitelny. Nun, was ist das für eine Karte?

Icharew. Eine Sieben.

Uteschitelny. Richtig, und diese?

Icharew. Ein Bube.

Uteschitelny. Hol’s der Teufel, ganz richtig! Nun, und diese?

Icharew. Eine Drei.

Uteschitelny. Unbegreiflich!

Krugel (die Achseln zuckend). Unbegreiflich!

Schwochnew. Unbegreiflich!

Uteschitelny. Gestatten Sie mir, noch mal nachzusehen. (Besieht das Kartenspiel.) Ein ganz wundervolles Ding, es ist wirklich wert, daß man ihm einen Namen gab. Aber gestatten Sie die Bemerkung, das Spiel in Gebrauch zu nehmen, ist doch eine schwierige Sache; vielleicht geht’s etwa mit einem ganz unerfahrenen Spieler, man muß es ja selbst vertauschen.

Icharew. Aber das tut man ja nur während der Hitze des Spiels, wenn das Spiel so hoch geht, daß der erfahrenste Spieler unruhig wird, und wenn ein Mensch nur ein bißchen verwirrt ist, so kann man ja mit ihm machen, was man will. Wissen Sie denn nicht, daß das mit den besten Spielern passiert, was man so nennt „sich heiß spielen“. Wenn er zwei, drei Nächte hintereinander spielt, ohne zu schlafen — nun, dann spielt er sich eben heiß. Im Hasardspiel kann ich immer den Talon vertauschen. Glauben Sie mir, die ganze Kunst besteht nur darin, daß man kaltblütig bleibt, wenn der andere hitzig ist; und die Aufmerksamkeit anderer abzulenken, dazu gibt es tausend Mittel. Fangen Sie nur mit einem der Spieler irgendeinen Krakehl an, sagen Sie z. B., er hätte nicht richtig aufgeschrieben, dann wenden sich die Augen Aller auf ihn, und in diesem Augenblick ist das Kartenspiel bereits vertauscht.

Uteschitelny. Nun, ich sehe, daß Sie außer der Kunst auch noch die Tugend der Kaltblütigkeit besitzen. Das ist eine wichtige Sache. Ihre Bekanntschaft ist nun für uns desto wertvoller geworden. Wollen wir alle Zeremonien, alle überflüssigen Formalitäten fallen lassen und wollen wir einander einfach du sagen.

Icharew. Das hätten wir schon längst tun sollen.

Uteschitelny. Kellner! Champagner, zur Bekräftigung des freundschaftlichen Bundes!

Icharew. Jawohl, es gehört sich, daß man das begieße!

Schwochnew. Nun, meine Herren, wir haben uns ja zu Heldentaten versammelt. Das Geschütz ist in unseren Händen, die nötigen Kräfte haben wir, es fehlt nur eins.

Icharew. Richtig, richtig! Die Festung fehlt ja, die zu nehmen wäre, das ist das Pech!

Uteschitelny. Was ist da zu machen? Vorläufig gibt’s noch keinen Feind. (Sieht Schwochnew fest an.) Wie? Du machst ja ein Gesicht, das zu sagen scheint: ein Feind wäre wohl da.

Schwochnew. Ja, da ist ... (Bleibt stecken.)

Uteschitelny. Ich weiß schon, wen du meinst.

Icharew (lebhaft). Wen denn, wen denn? Wer ist es?

Uteschitelny. Ach, Unsinn! Das hat er sich ausgedacht. Der reinste Unsinn! Sehen Sie mal, hier ist ein zugereister Gutsbesitzer, Micháilo Alexándrowitsch Glow. Aber was ist da zu reden, er spielt ja gar nicht. Wir haben uns schon mit ihm zu schaffen gemacht. Ich habe ihm einen ganzen Monat den Hof gemacht, habe mit ihm Freundschaft geschlossen, habe sein Vertrauen erworben und habe doch nichts ausgerichtet.

Icharew. Aber hör mal, kann man ihn denn nicht zu sehen bekommen? Wer weiß, vielleicht doch?

Uteschitelny. Nun, ich sage dir im voraus, das wird ganz vergebliche Mühe sein.

Icharew. Aber wir wollen’s doch mal versuchen.

Schwochnew. Nun, bring ihn doch wenigstens hierher. Wenn’s uns nicht gelingt, so unterhalten wir uns doch ein wenig. Warum wollen wir’s denn nicht versuchen?

Uteschitelny. Meinetwegen, mir macht’s ja nichts, ich bringe ihn schon her.

Icharew. Bring ihn doch, bitte, gleich hierher!

Uteschitelny. Schon gut, schon gut! (Ab.)

9. Auftritt

Dieselben ohne Uteschitelny.

Icharew. Wahrhaftig, wie kann man wissen, manchmal scheint eine Sache ganz unmöglich.

Schwochnew. Ich bin auch derselben Meinung. Wir haben’s doch nicht mit Göttern zu tun, sondern mit einem Menschen, und ein Mensch bleibt immer ein Mensch. Heute sagt er nein, morgen nein, übermorgen nein, und am vierten Tage, wenn man ihm nur ordentlich zusetzt, sagt er ja. Mancher tut ja bloß so, als ob er so unzugänglich sei, aber wenn man genauer zusieht, so merkt man, daß nur viel Lärm um nichts gemacht worden ist.

Krugel. Nun, dieser ist nicht derart.

Icharew. Ach, wenn’s doch wäre! Es ist nicht zu glauben, wie jetzt der Trieb zur Tätigkeit in mir erwacht ist. Sie müssen wissen, daß mein letzter Gewinn von achtzigtausend beim Oberst Tschebotarjów bereits vom vergangenen Monat herrührt. Seitdem habe ich einen ganzen Monat keine Praxis mehr gehabt. Sie können sich kaum denken, was für eine Langeweile ich in dieser ganzen Zeit ausgestanden habe, eine tödliche Langeweile!

Schwochnew. Ich begreife diese Lage ganz wohl. Es ist gerade wie bei einem Feldherrn: was muß der empfinden, wenn es keinen Krieg gibt. Das, mein Liebster, ist einfach eine fatale Zwischenpause. Ich weiß es aus eigener Erfahrung, das ist kein Spaß.

Icharew. Du glaubst es nicht, es kommt manchmal so weit, daß, wenn jemand bloß fünf Rubel in der Bank halten würde, ich bereit wäre, mich hinzusetzen und zu spielen.

Schwochnew. Eine ganz natürliche Sache. So hat auch schon manchmal der geschickteste Spieler verloren: aus Melancholie, wenn keine Arbeit da ist, gerät er in der Hitze manchmal an einen von jenen, die man Habenichtse und Stromer nennt, — nun, und verliert alles um nichts und wieder nichts.

Icharew. Ist der Glow reich?

Krugel. Oh, Geld hat er schon! Ich glaube, so gegen tausend Leibeigene.

Icharew. Ei, der Teufel! Vielleicht könnte man ihm was zu trinken geben, Champagner, was?

Schwochnew. Er nimmt keinen Tropfen in den Mund.

Icharew. Was ist nun mit ihm zu machen? Wie kommt man an ihn heran? Aber nein, ich denke doch, das Spiel ist eine verführerische Sache. Ich glaube, wenn er sich nur hinsetzen wollte und zusehen, wie die andern spielen, so würde er’s doch nicht aushalten.

Schwochnew. Nun, wir wollen’s jetzt versuchen. Wir wollen hier etwas abseits mit Krugel ein ganz kleines Spielchen machen. Aber man muß ihm nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken, alte Leute sind mißtrauisch. (Setzen sich abseits an den Spieltisch.)

10. Auftritt

Dieselben. Uteschitelny und Michailo Alexandrowitsch Glow, ein Herr in gesetzten Jahren.

Uteschitelny. Hier, Icharew, gestatte, daß ich dir Michailo Alexandrowitsch Glow vorstelle.

Icharew. Ich muß gestehen, ich habe mir schon lange die Ehre gewünscht. Da wir doch in einem Hotel wohnen ...

Glow. Ich freue mich auch, Ihre Bekanntschaft zu machen. Nur schade, daß es fast vor der Abreise geschieht.

Icharew (reicht ihm einen Stuhl). Bitte ergebenst! Leben Sie schon lange in dieser Stadt? (Uteschitelny, Schwochnew und Krugel flüstern miteinander.)

Glow. Ach, lieber Herr, ich habe sie schon so satt, diese Stadt, ich würde mich schon herzlich freuen, von hier fortzukommen.

Icharew. Nun, halten Sie hier Geschäfte davon ab?

Glow. Jawohl, Geschäfte. Ist das eine Sache, diese Geschäfte!

Icharew. Wohl ein Prozeß?

Glow. Nein, Gott sei Dank, kein Prozeß, aber doch eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Sehen Sie mal, ich verheirate jetzt meine Tochter, ein achtzehnjähriges Mädchen. Verstehen Sie meine Lage als Vater? Ich bin hierher gekommen, verschiedene Einkäufe zu machen, hauptsächlich aber eine Hypothek auf ein Gut aufzunehmen. Die Sache wäre schon ganz zu Ende, aber das Amt gibt noch immer das Geld nicht heraus, und so bleibe ich ganz unnützer Weise hier.

Icharew. Gestatten Sie mir die Frage, für welche Summe verpfänden Sie Ihr Gut?

Glow. Für zweihunderttausend. Schon in diesen Tagen sollte das Geld ausgezahlt werden, aber nun zieht sich’s hin, und ich hab’s schon satt, hier zu sitzen. Zu Hause, wissen Sie, habe ich alles nur auf ganz kurze Zeit zurückgelassen. Meine Tochter ist Braut. Alles wartet ... Ich habe sogar schon beschlossen, nicht weiter zu warten und hier alles liegen zu lassen.

Icharew. Wieso? Wollen Sie denn nicht abwarten, bis Sie das Geld bekommen?

Glow. Was ist zu machen, mein Liebster? Bedenken Sie nur meine Lage. Seit einem Monat habe ich meine Frau und die Kinder nicht gesehen und habe auch keinen Brief erhalten. Weiß Gott, wie’s dort zugeht. Ich überlasse alles meinem Sohn, der hierbleibt. Ich hab’s satt. (Sich an Schwochnew und Krugel wendend.) Was machen Sie, meine Herren? Ich glaube, ich störe wohl. Sie waren mit etwas beschäftigt?

Krugel. Unsinn! Das ist nur so; vor Langeweile spielen wir ein bißchen.

Glow. Ich glaube, das ist so etwas wie Bankspiel?

Schwochnew. Ach was, nur zum Zeitvertreib: ein Pfennigspiel.

Glow. Ach, meine Herren, hören Sie, was Ihnen ein alter Mann sagt. Sie sind junge Leute, natürlich, da ist nichts Schlimmes dabei: so’n bißchen Zerstreuung; und in einem Pfennigspiel kann man ja nicht viel verlieren. Das ist ja ganz richtig. Aber immerhin ... Ach, meine Herren, ich habe selbst gespielt und kenne das aus Erfahrung. Da heißt alles auf der Welt eine Pfennigsache, aber sieht man näher zu, so endet ein kleines Spielchen manchmal als sehr großes Spiel.

Schwochnew (zu Icharew). Na, da fängt der Alte schon mit seinem Gerede an. (Zu Glow.) Nun sehen Sie mal, da machen Sie gleich aus einer Kleinigkeit eine wichtige Sache. Das ist so die gewohnte Manier der alten Herren.

Glow. Wieso? Ich bin ja noch gar nicht so alt, aber ich urteile aus Erfahrung.

Schwochnew. Ich meine ja nicht gerade Sie, aber die alten Herren haben es überhaupt an sich: wenn sie sich an etwas verbrannt haben, so sind sie überzeugt, daß auch der andere sich an derselben Sache verbrennen müsse. Wenn sie auf einem Wege dahingingen und aus Zerstreutheit auf dem Glatteis ausgeglitten und hingefallen sind, dann schreien sie gleich und geben es für eine allgemeine Regel aus, daß auf diesem Wege niemand gehen soll, denn da sei an einer Stelle Glatteis und jeder müsse auf die Nase fallen. Das bedenken sie nicht, daß ein anderer vielleicht nicht so zerstreut sein wird und seine Stiefel auch nicht so glatte Sohlen haben. Nein, das alles verstehen sie nicht. Hat mal ein Hund einen Menschen auf der Straße gebissen, dann heißt es, alle Hunde beißen, und niemand darf auf die Straße gehen.

Glow. Nun ja, mein Teuerster, das ist schon richtig, so ne schlechte Gewohnheit gibt’s ja. Aber auch die jungen Leute sind gut, die haben schon gar zu viel Feuer, die laufen jeden Augenblick Gefahr, sich das Genick zu brechen!

Schwochnew. Das ist es eben, daß wir keinen Mittelweg kennen. Die Jugend tobt, daß es nicht mehr auszuhalten ist, und das Alter wird so heuchlerisch, daß wieder die anderen es nicht aushalten können.

Glow. Also so eine beleidigende Meinung haben Sie von den Alten?

Schwochnew. Aber nein, was ist denn das für eine beleidigende Meinung? Das ist die reine Wahrheit, nichts mehr.

Icharew. Gestatte mir doch die Bemerkung: dein Urteil ist zu scharf.

Uteschitelny. Von wegen des Kartenspiels bin ich ganz derselben Meinung wie Michailo Alexandrowitsch. Ich habe selber gespielt und habe stark gespielt, aber Gott sei Dank, ich habe das für immer aufgegeben. Nicht etwa, daß ich all mein Geld verloren hätte oder daß ich mich gegen das Schicksal auflehnte. Glauben Sie mir, das ist noch gar nichts: der Geldverlust ist nicht so wichtig, wie die Seelenruhe. Schon die Aufregung, die man während des Spiels empfindet, verkürzt, was man auch sagen mag, merklich unser Leben.

Glow. Jawohl, richtig, mein Teuerster, bei Gott, das haben Sie sehr weise bemerkt. Gestatten Sie mir eine unbescheidene Frage: Ich habe schon so lange das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu genießen und bis jetzt ...

Uteschitelny. Welche Frage denn?

Glow. Gestatten Sie mir die Frage, wenn es auch eine kitzlige Sache ist: wie alt sind Sie?

Uteschitelny. Neununddreißig.

Glow. Denken Sie mal, was ist das denn, neununddreißig Jahre? Noch ein ganz junger Mensch. Wenn doch bei uns in Rußland recht viele solche wären wie Sie, die so weise urteilen. Du lieber Himmel, das wäre ja ein goldenes Zeitalter, sozusagen eine Asträa. Wie bin ich dem Schicksal dankbar, daß ich Sie kennen gelernt habe!

Icharew. Glauben Sie mir, ich teile auch ganz dieselbe Ansicht. Ich würde jungen Burschen auch nicht gestatten, Karten in die Hand zu nehmen, aber weshalb sollen denn vernünftige, gesetzte Leute sich nicht etwas amüsieren, z. B. ein älterer Herr, der nicht mehr tanzt, warum nicht?