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Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke cover

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Chapter 142: 5. Auftritt
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About This Book

The play satirizes provincial administration through a sequence of misunderstandings and escalating panic after local dignitaries mistake a passing junior official for a secret inspector. Efforts to conceal inefficiency and secure favor prompt theatrical flattery, bribes, and farcical attempts at impressing the supposed evaluator, while the supposed inspector and his servant exploit the error. Sharp comedic episodes expose vanity, petty corruption, and social pretensions as differing personalities react with fear, opportunism, and hypocrisy across the play's structured scenes.

Glow. Das ist schon richtig, gewiß, aber glauben Sie mir, es gibt im Leben so viele Freuden, sozusagen heilige Pflichten. Ach meine Herren, hören Sie doch auf einen alten Mann. Es gibt für den Menschen keine bessere Bestimmung als das Familienleben, im häuslichen Kreis. Alles was Sie jetzt umgibt, sind ja nichts als Aufregungen, bei Gott, nur Aufregungen, aber das eigentliche Glück haben Sie ja noch nicht genossen. Nehmen Sie mal mich, glauben Sie mir, ich kann die Minuten kaum zählen, bis ich die Meinigen wiedersehe, bei Gott! Wenn ich mir vorstelle, wie mein Töchterlein mir um den Hals fällt: Papachen, liebstes Papachen! Auch mein Sohn ist aus dem Gymnasium gekommen, ich habe ihn ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Wahrhaftig, ich kann’s gar nicht aussprechen; bei Gott, so ist es! Nach alledem will man keine Karte mehr ansehen!

Icharew. Aber weshalb soll man denn die väterlichen Gefühle mit den Karten zusammenwerfen? Die väterlichen Gefühle sind etwas für sich, und die Karten sind wieder etwas für sich.

Alexej (tritt ein, zu Glow). Ihr Diener fragt wegen der Koffer: befehlen Sie, sie hinauszutragen? Die Pferde warten schon.

Glow. Ah, sofort. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich Sie für einen Augenblick verlasse. (Ab.)

11. Auftritt

Schwochnew. Icharew. Krugel. Uteschitelny.

Icharew. Nein, da ist keine Hoffnung!

Uteschitelny. Ich habe dir’s ja vorher gesagt. Ich begreife nicht, wie Sie es dem Menschen nicht sofort ansehen! Man braucht ja nur hinzusehen, um zu wissen, wenn einer nicht spielen will.

Icharew. Aber ich glaube, man müßte ihm doch ordentlich zusetzen. Weshalb hast du ihn denn noch selber unterstützt?

Uteschitelny. Aber mein Liebster, anders geht’s doch nicht. Mit diesen Leuten muß man sehr vorsichtig umgehen, sonst merkt er’s ja gleich, daß man ihm etwas abgewinnen will.

Icharew. Nun, und was ist daraus geworden? Er reist ja bald ab, es ist ja doch ganz egal.

Uteschitelny. Na, warten wir ab, die Sache ist noch nicht ganz zu Ende.

12. Auftritt

Dieselben und Glow.

Glow. Besten Dank für die angenehme Bekanntschaft, meine Herren. Ich bedaure wahrhaftig nur, daß sie erst so spät zustande gekommen ist. Gott wird uns übrigens vielleicht noch einmal zusammenführen.

Schwochnew. O gewiß, die Wege sind glatt, und die Menschen treiben sich weit herum, warum sollte man da nicht noch mal zusammentreffen? Wenn nur das Schicksal es so will!

Glow. Bei Gott, ganz richtig, wenn das Schicksal will, so sehen wir uns vielleicht schon morgen wieder, das ist die reinste Wahrheit! Adieu, meine Herren! Aufrichtigsten Dank! Und Ihnen, Stepan Iwanowitsch, bin ich besonders verpflichtet. Wahrhaftig, Sie haben mir meine Einsamkeit versüßt!

Uteschitelny. Aber bitte, hat nichts zu sagen. Ich habe getan, was ich konnte.

Glow. Nun, wenn Sie schon so gut sind, so erweisen Sie mir noch eine Gunst, wenn ich Sie bitten darf.

Uteschitelny. Welche? Sagen Sie mir bloß alles; alles, ich bin zu allem bereit!

Glow. Beruhigen Sie einen alten Vater.

Uteschitelny. Wieso denn?

Glow. Ich lasse meinen Sascha hier. Ein netter Junge, eine gute Seele, aber immerhin nicht ganz zuverlässig, zweiundzwanzig Jahre alt, ich bitte Sie, was sind das für Jahre? Fast noch ein Kind. Er hat die Schule durchgemacht und denkt nun an nichts anderes als an die Husaren. Ich sage zu ihm: „Es ist ja noch zu früh, Sascha, warte doch, sieh dich doch ein bißchen um, warum willst du denn Husar werden? Wer weiß, vielleicht hast du ganz zivile Anlagen. Du kennst ja noch die Welt gar nicht, die Zeit gehört ja dir!“ Nun, Sie begreifen wohl, ein so junges Wesen, da kommt ihm bei den Husaren alles so glänzend vor; die reiche gestickte Uniform ... Was ist da zu machen? Die Bestrebungen kann man ja nicht aufhalten .... Also seien Sie doch so gut, Väterchen Stepan Iwanowitsch! Er bleibt nun ganz allein. Ich habe ihm einige geschäftliche Aufträge gegeben. Er ist ja ein junger Mann, es kann ja alles passieren; daß ihn da nur die Beamten nicht irgendwie beschwindeln. Wer weiß! Also nehmen Sie ihn doch unter Ihren Schutz! Beaufsichtigen Sie seine Schritte, halten Sie ihn von allem Bösen ab! Seien Sie doch so gut, Väterchen! (Faßt seine beiden Hände.)

Uteschitelny. Bitte, bitte sehr. Alles, was ein Vater für seinen Sohn tun kann, werde ich für ihn tun.

Glow. Ach, Väterchen! (Sie umarmen und küssen sich.) Da sieht man doch gleich, wenn einer ein gutes Herz hat, bei Gott! Gott wird Sie dafür belohnen! Adieu, meine Herren! Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Beste!

Icharew. Adieu, glückliche Reise!

Schwochnew. Ich wünsche, daß Sie die Ihrigen gesund vorfinden!

Glow. Ich danke Ihnen, meine Herren!

Uteschitelny. Und ich werde Sie bis zum Wagen begleiten und Ihnen hineinhelfen.

Glow. Ach, Väterchen, wie gut sind Sie!

13. Auftritt

Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Fort ist der Vogel!

Schwochnew. Ja, man hätte doch was ergattern können!

Icharew. Ich muß gestehen, wie er da sagte: zweihunderttausend, da bekam ich sogar Herzklopfen.

Krugel. An eine solche Summe ist es sogar süß zu denken.

Icharew. Wenn man bedenkt, wieviel Geld umsonst, ohne irgendeinen Nutzen herumliegt! Was hat man nun davon, daß er zweihunderttausend bekommen wird? Das alles wird ja bei Einkäufen von irgendwelchen Lappen und altem Zeug draufgehen.

Schwochnew. Alles das ist Plunder und Tand.

Icharew. Und wieviel Geld geht so in der Welt ohne Umsatz verloren! Wieviel tote Kapitalien gibt es, die wie die Toten in den Banken herumliegen. Es ist wahrhaftig ein Jammer! Ich möchte nicht mehr haben, als was im Vormundschaftsrat liegt.

Schwochnew. Ich wäre schon mit der Hälfte zufrieden.

Krugel. Und ich mit einem Viertel.

Schwochnew. Na, na, flunkere nicht, Deutscher, du wirst schon noch mehr verlangen.

Krugel. Auf Ehrenwort!

Schwochnew. Schwindel!

14. Auftritt

Dieselben und Uteschitelny (kommt eilig, mit vor Freude strahlendem Gesicht).

Uteschitelny. Schadet nichts, schadet nichts, meine Herren, er ist fort, hol ihn der Teufel! Desto besser! Der Sohn ist dageblieben. Der Vater hat ihm die Vollmacht übergeben und alle Rechte auf den Empfang der Gelder vom Fiskus; und er hat mir die Aufsicht über alles anvertraut. Der Sohn ist ein feiner Kerl, es zieht ihn zu den Husaren. Da gibt’s eine Ernte. Ich gehe und bringe ihn gleich zu euch. (Schnell ab.)

15. Auftritt

Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Der Uteschitelny! Ist das einer!

Schwochnew. Bravo! Die Sache nimmt eine vortreffliche Wendung! (Alle reiben sich vor Freude die Hände.)

Icharew. Ein braver Kerl, der Uteschitelny! Jetzt begreife ich, warum er sich an den Alten herangemacht hat und ihm in allem zustimmte. Und das alles so fein, so glatt!

Schwochnew. Oh, dazu hat er ein ungewöhnliches Talent!

Krugel. Ganz ungeheuere Fähigkeiten!

Icharew. Ich muß gestehen, als der Vater sagte, daß er den Sohn hier läßt, da ging mir selber ein Gedanke durch den Kopf, aber nur einen Augenblick, und dieser hat’s gleich ... was für ein Scharfblick!

Schwochnew. Oh, du kennst ihn noch nicht genügend!

16. Auftritt

Dieselben, Uteschitelny und Alexander Michailowitsch Glow, ein junger Mann.

Uteschitelny. Meine Herren, gestatten Sie, daß ich Ihnen vorstelle: Alexander Micháilowitsch Glow, ein vorzüglicher Kamerad. Ich bitte Sie, ihn zu lieben, wie mich selbst!

Schwochnew. Sehr erfreut! (Drückt ihm die Hand.)

Icharew. Ihre Bekanntschaft ist uns ...

Krugel. Gestatten Sie, daß wir Sie gleich umarmen!

Glow. Meine Herren, ich ...

Uteschitelny. Bitte ohne Zeremonien, ganz ohne Zeremonien. Gleichheit ist hier die erste Sache, meine Herren. Glow, du siehst, hier sind alle Kameraden, daher zum Teufel mit aller Etikette. Wollen wir uns gleich „du“ sagen?

Schwochnew. Jawohl, „du“.

Glow. Ja „du“. (Reicht ihnen allen die Hand.)

Uteschitelny. So, bravo! Kellner, Champagner! Bemerken Sie, meine Herren, wie er schon heute etwas vom Husaren an sich hat. Nein, dein Vater, gestatte bitte das harte Wort, ist ein großes Viech. Du mußt schon verzeihen, wir sind ja auf „du“. Wie konnte er nur so einen famosen Kerl in den Tintendienst stecken wollen! Nun, Bruder, findet die Hochzeit deiner Schwester bald statt?

Glow. Hol’s der Teufel mit der Hochzeit! Ich bin furchtbar ärgerlich, daß der Vater mich deswegen drei Monate auf dem Dorfe festgehalten hat!

Uteschitelny. Hör mal, ist deine Schwester hübsch?

Glow. So hübsch ... Wenn sie nicht meine Schwester wäre, dann würde ich’s ihr schon zeigen.

Uteschitelny. Bravo, bravo, Husar, da sieht man gleich den Husaren! Nun hör mal, würdest du mir helfen, wenn ich sie entführen wollte?

Glow. Warum denn nicht? Gewiß würde ich dir helfen.

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist ein richtiger Husar, zum Teufel! Kellner, Champagner! Das ist mein wahrer Geschmack, solche offenherzigen Menschen habe ich gern! Warte mal, meine Seele, laß dich umarmen!

Schwochnew. Laß mich ihn auch umarmen. (Umarmt ihn.)

Icharew. Auch ich! (Umarmt ihn.)

Krugel. Nun, wenn’s so ist, dann werde auch ich ihn umarmen. (Umarmt ihn. Alexej bringt eine Flasche, den Korken mit den Fingern festhaltend, der knallend an die Decke fliegt. Er füllt die Gläser.)

Uteschitelny. Meine Herren, auf das Wohl des künftigen Husaren! Möge er der erste Haudegen, der erste Kurschneider, der erste Säufer, kurz, möge er alles mögliche werden!

Alle. Möge er alles mögliche werden! (Trinken.)

Glow. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Erhebt das Glas.)

Alle. Auf das Wohl des gesamten Husarentums! (Trinken.)

Uteschitelny. Meine Herren, man muß ihn jetzt schon in alle Husarenbräuche einweihen. Wie Sie sehen, trinkt er schon leidlich gut, aber das ist ja ’ne Kleinigkeit. Man muß dazu auch noch ein rechter Kartenspieler werden. Spielst du Bank?

Glow. Ich möchte schon recht gerne spielen, ich möchte furchtbar gern, aber ich habe kein Geld.

Uteschitelny. Das ist Unsinn, kein Geld! Man braucht nur etwas zu haben, um sich an den Spieltisch zu setzen, dann kommen die Gelder schon, du wirst ja gewinnen.

Glow. Man muß doch aber was haben, um anzufangen.

Uteschitelny. Ah, wir werden dir’s kreditieren. Du hast ja eine Vollmacht auf die Gelder vom Fiskus. Wir können ja warten. Wenn du sie bekommst, so wirst du uns sofort bezahlen, bis dahin kannst du uns ja einen Wechsel geben. Übrigens, was sage ich da: als ob du unbedingt verlieren müßtest! Du kannst ja sofort einige Tausend in bar gewinnen.

Glow. Wenn ich aber verliere?

Uteschitelny. Schäme dich, was bist du denn für ein Husar! Natürlich, eins von beiden: entweder gewinnst du, oder du verlierst. Aber darin besteht ja die ganze Sache, in dem Risiko liegt ja die Haupttugend. Nicht riskieren kann ja jeder. Aufs Gewisse hin würde auch eine Beamtenseele es wagen und ein Jude eine Festung bestürmen.

Glow. Hol’s der Teufel! Wenn’s so ist, dann spiele ich, was soll ich mir da noch aus dem Vater machen!

Uteschitelny. Bravo, Junker! Kellner! Karten! (Schenkt ihm ein.) Was braucht man denn hauptsächlich? Man braucht Kühnheit, Kraft. Nun gut, meine Herren, ich werde eine kleine Bank von fünfundzwanzig Tausend halten. (Gibt Karten nach rechts und links.) Nun, Husar? Und du, Schwochnew, was setzt du? (Gibt.) Wie sonderbar die Karten fallen! Höchst interessant das zu berechnen! Der Bube ist geschlagen, die Zehn hat gestochen. Was hast du da, sieh mal nach. Auch die Vier hat geschlagen, was? Ah, Husar, Husar! Ist das ein Husar! Bemerkst du, Icharew, wie er schon die Einsätze großartig erhöht? Und das As kommt noch immer nicht heraus. Schwochnew, warum schenkst du ihm nicht ein? Da, da, da ist das As! Da hat Krugel auch schon was geholt, der Deutsche hat immer Schwein! Die Vier hat gewonnen. Ah, bravo, bravo, Husar! Hörst du’s, Schwochnew? Der Husar hat schon beinahe fünftausend gewonnen.

Glow (biegt die Karte um). Hol’s der Teufel! Paroli! Da ist schon wieder die Zehn auf dem Tisch. Die gilt auch, und noch fünfhundert Rubel Einsatz!

Uteschitelny (weitergebend). Ah, bravo, Husar! Die Sieben ist geschla— — ach nein, zum Teufel! Wieder pliez! Wieder pliez! Ah, nun hat der Husar verloren. Na, Liebster, was ist da zu machen? Nicht jeder hat eine Marie zur Frau, das kommt so, wie’s Gott gibt! Krugel, hör doch auf, zu rechnen, setze doch die, welche du gezogen hast. Bravo, da hat der Husar wieder gewonnen. Warum gratuliert ihr ihm nicht? (Alle trinken und gratulieren ihm, indem sie mit den Gläsern anstoßen.) Man sagt, Pique-Dame verrät einen immer, aber ich kann’s nicht behaupten. Erinnerst du dich, Schwochnew? Deine Brünette, die du Pique-Dame genannt hast? Was macht die jetzt, die Liebste? Die ist wohl ganz außer Rand und Band? Krugel, deine ist geschlagen! (Zu Icharew.) Und auch deine ist geschlagen! Schwochnew, deine ist auch geschlagen, der Husar ist auch kaputt.

Glow. Hol’s der Teufel! Va banque!

Uteschitelny. Bravo, Husar! Das ist die richtige Husarenschneidigkeit! Weißt du, Schwochnew, daß das eigentliche Gefühl doch stets herauskommt? Bis jetzt sah man immer schon, daß er einmal ein Husar sein wird, nun aber sieht man, daß er auch schon jetzt ein Husar ist. Das ist so die Natur! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. Va banque!

Uteschitelny. Bravo, Husar! Auf alle fünfzigtausend! Das nennt man Seelengröße! Na, such doch mal, wo findest du so einen Zug. Das ist ja eine wahre Heldentat! Der Husar ist wieder geschlagen!

Glow. Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!

Uteschitelny. Oho, Husar, auf hunderttausend! Was? Und die Äuglein, die Äuglein! Merkst du’s Schwochnew, wie seine Äuglein brennen? Er hat etwas von einem Barklai de Tolly. Das ist etwas Heroisches! Der König ist noch immer nicht da! Hier hast du die Karo-Dame, Schwochnew. Da, hier, Deutscher, friß die Sieben! Routé, unbedingt routé! Der König scheint gar nicht im Spiel zu sein. Wahrhaftig, das ist sogar sonderbar. Ah, da ist er, da ist er. Wieder ist der Husar geschlagen!

Glow (hitzig). Va banque! Hol’s der Teufel! Va banque!

Uteschitelny. Nein, Bruder, halt! Du hast jetzt schon zweihunderttausend verloren. Erst zahlen, ohne das kann man kein weiteres Spiel anfangen. Soviel können wir dir nicht kreditieren!

Glow. Aber wo soll ich’s denn hernehmen? Ich hab’ ja jetzt kein Geld!

Uteschitelny. So gib uns einen Wechsel! Unterschreibe!

Glow. Bitte, ich bin bereit! (Nimmt die Feder.)

Uteschitelny. Und gib uns auch die Vollmacht auf die Gelder heraus.

Glow. Hier habt ihr auch die Vollmacht!

Uteschitelny. Jetzt unterschreibe dies, und dann auch dies! (Gibt ihm etwas zu unterschreiben.)

Glow. Bitte, ich bin bereit, alles zu tun. Hier habe ich unterschrieben. Jetzt wollen wir weiterspielen.

Uteschitelny. Nein, Liebster, warte, erst mußt du das Geld vorzeigen!

Glow. Ich werd’s euch doch bezahlen, seid nur ganz ruhig!

Uteschitelny. Nein, Bruder, erst das Geld auf den Tisch!

Glow. Was ist denn das? Das ist ja die reinste Niedertracht!

Krugel. Nein, das ist keine Niedertracht.

Icharew. Nein, das ist eine ganz andere Sache, die Chancen sind ja nicht gleich.

Schwochnew. Auf die Weise wirst du dich hinsetzen, um uns das Geld abzugewinnen. Das kennt man: wer sich ohne Geld zum Spiel hinsetzt, der setzt sich hin, um sicher zu gewinnen.

Glow. Was wollt ihr denn? Fordert doch beliebige Zinsen, ich bin zu allem bereit. Ich werde euch doppelt bezahlen!

Uteschitelny. Was machen wir uns aus deinen Zinsen, Liebster? Wir sind selber bereit, beliebige Zinsen zu zahlen, aber borg uns erst Geld.

Glow (verzweifelt und entschlossen). So sagt doch euer letztes Wort: wollt ihr spielen?

Schwochnew. Bring Geld, und wir wollen gleich spielen.

Glow (eine Pistole aus der Tasche herausholend). Nun, dann lebt wohl, meine Herren! Ihr werdet mich auf dieser Welt nicht mehr wiedersehen! (Schnell ab mit der Pistole.)

Uteschitelny. Du, du, bist du verrückt? Man muß ihm nach! In der Tat, er könnte sich ja noch erschießen! (Schnell ab.)

17. Auftritt

Schwochnew, Krugel und Icharew.

Icharew. Das gibt noch eine Geschichte, wenn dieser Teufel sich erschießt.

Schwochnew. Hol ihn der Teufel, mag er sich erschießen, nur nicht jetzt, denn noch sind die Gelder nicht in unseren Händen; das ist das Schlimme.

Krugel. Ich befürchte alles. Es ist ja auch möglich ...

18. Auftritt

Dieselben, Uteschitelny und Glow.

Uteschitelny (faßt Glow bei der Hand, in der er die Pistole hält). Was ist mit dir, was ist mit dir, Bruder? Bist du verrückt? Hören Sie, hören Sie doch, meine Herren? Er hatte schon die Pistole in den Mund gesteckt. He, schäm dich!

Alle (an ihn herantretend). Du, du ... Um Gottes willen, was ist mit dir?

Schwochnew. Und dabei ist er so’n gescheiter Mensch; und wegen so einer Lappalie will er sich erschießen!

Icharew. Auf diese Weise müßte sich ja ganz Rußland erschießen: Jeder hat verspielt oder hat doch die Absicht, zu verspielen. Wenn das nicht wäre, so könnte man ja auch nicht gewinnen, das mußt du doch selber bedenken!

Uteschitelny. Du bist einfach ein Dummkopf, laß dir’s sagen. Du kennst dein eigenes Glück nicht. Fühlst du denn nicht, daß du gewonnen hast, indem du verloren hast?

Glow (ärgerlich). Ihr haltet mich wirklich für einen Dummkopf. Was ist denn da für ein Gewinn, zweihunderttausend zu verlieren! Der Teufel auch!

Uteschitelny. Ei, du Einfaltspinsel, weißt du denn nicht, was für einen Ruhm du dir im Regiment erwirbst? Hörst du, eine Kleinigkeit: noch nicht Junker sein und zweihunderttausend verlieren! Die Husaren werden dich ja auf den Händen tragen!

Glow (ermuntert sich). Was denkt ihr denn? Werde ich denn nicht den Mut haben, auf das alles zu pfeifen, wenn es so weit ist? Hol’s der Teufel! Es lebe das Husarentum!

Uteschitelny. Bravo, es leben die Husaren! Teremtete! Champagner! (Man bringt ein paar Flaschen.)

Glow (das Glas in der Hand). Es leben die Husaren!

Icharew. Es leben die Husaren! Hol’s der Teufel!

Schwochnew. Teremtete! Es leben die Husaren!

Glow. Ich pfeife auf alles, wenn es so ist. (Stellt das Glas auf den Tisch.) Aber das eine ist schlimm, wie komme ich nach Hause? Mein Vater! Mein Vater! (Faßt sich beim Haar.)

Uteschitelny. Wozu willst du denn zum Vater? Ist ja gar nicht nötig!

Glow (ihn verwundert anglotzend). Wieso?

Uteschitelny. Du kannst ja von hier direkt ins Regiment fahren! Wir geben dir was zur Equipierung. Liebster Schwochnew, wir müssen ihm jetzt zweihundert Rubel geben, mag der Junker sich etwas amüsieren. Ich hab’s schon bemerkt, er hat so ’ne Brünette, was?

Glow. Hol’s der Teufel! Ich laufe gleich zu ihr, und werde sie im Sturme nehmen!

Uteschitelny. Ist das ein Husar, was? Schwochnew, hast du nicht zweihundert Rubel bei dir?

Icharew. Ich werde ihm schon was geben, mag er sich ordentlich amüsieren! (Glow nimmt das Papiergeld und fuchtelt damit in der Luft herum.)

Alle. Champagner! (Man bringt die Flaschen.)

Glow. Es leben die Husaren!

Uteschitelny. Sie leben hoch! Weißt du, Schwochnew, was mir jetzt eingefallen ist? Wir wollen ihn auf die Hände nehmen und in die Höhe werfen, wie man es bei uns im Regiment tat. Nun, antreten! faßt ihn an! (Alle treten an ihn heran, fassen ihn an den Händen und Füßen, wiegen ihn auf und ab und singen dabei nach der bekannten Melodie das bekannte Lied:)

Herzlich lieben wir dich allesamt,

Bleibe unser Haupt du immerdar,

Unsre Herzen sind für dich entflammt,

Wir sind deine treue Kinderschar!

Glow (mit erhobenem Glas). Hurrah!

Alle. Hurrah! (lassen ihn auf die Erde hinab).

Glow (wirft das Glas zu Boden, alle zerschlagen ebenfalls ihre Gläser, die einen mit dem Stiefelabsatz, die anderen direkt am Boden). Ich gehe gleich zu ihr.

Uteschitelny. Können wir nicht auch mit, wie?

Glow. Nein, niemand soll ..., und wenn jemand ... so geht’s auf Säbel.

Uteschitelny. Ach, ist das ein Haudegen, was? Eifersüchtig und streitsüchtig wie ein Teufel. Ich glaube, meine Herren, daß aus ihm noch ein richtiger Kampfhahn wird. Nun adieu, leb wohl, Husar, wir halten dich nicht weiter auf.

Glow. Adieu!

Schwochnew. Komm und erzähl uns nachher! (Glow ab).

19. Auftritt.

Dieselben ohne Glow.

Uteschitelny. Man muß ihn sanft behandeln, so lange das Geld noch nicht in unsern Händen ist. Aber dann hol ihn der Teufel!

Schwochnew. Ich fürchte nur eins, daß sich die Sache mit der Herausgabe der Gelder vom Fiskus lange hinziehen könnte.

Uteschitelny. Ja, das wäre sehr schlimm. Übrigens meine Herren, wie ihr wißt, gibt’s ja zu diesem Zweck Antreiber. Wie dem auch sein mag, wir werden schon diesem oder jenem etwas Geld in die Hände stecken müssen; der Ordnung halber.

20. Auftritt.

Dieselben und der Beamte Samuchrischkin; er ist mit einem etwas schäbigen Frack bekleidet und steckt den Kopf durch die Tür.

Samuchrischkin. Gestatten Sie die Frage, ist hier Glow, Alexander Michailowitsch Glow?

Schwochnew. Nein, er ist eben fortgegangen. Was wünschen Sie denn?

Samuchrischkin. Ich komme in Geschäften wegen der Herausgabe der Gelder.

Uteschitelny. Wer sind Sie denn?

Samuchrischkin. Ich bin ein Beamter aus dem Fiskus.

Uteschitelny. Ah, bitte sehr, bitte gehorsamst, Platz zu nehmen. Für diese Sache haben wir alle das lebhafteste Interesse, um so mehr, als wir freundschaftliche Abmachungen mit Alexander Michailowitsch abgeschlossen haben. Deshalb werden Sie begreifen, daß Sie von ihm und von ihm und von ihm (zeigt mit den Fingern auf alle) den aufrichtigsten Dank zu gewärtigen haben. Es handelt sich nur darum, daß man die Gelder aus dem Fiskus möglichst schnell erhalte.

Samuchrischkin. Wie Sie wollen, vor zwei Wochen geht’s nicht.

Uteschitelny. Nein, das ist aber furchtbar lang. Sie vergessen ja, daß wir uns unsererseits bedanken ...

Samuchrischkin. Das versteht sich ja von selbst, es wird alles angenommen: wie könnte ich das vergessen? Wir sprechen auch deshalb von zwei Wochen, sonst würden wir Ihnen vielleicht drei Monate lang zu schaffen machen. Das Geld wird bei uns nicht vor anderthalb Wochen eintreffen, und augenblicklich haben wir im ganzen Amt auch nicht eine Kopeke. In der vorigen Woche haben wir hundertundfünfzigtausend erhalten, die haben wir aber alle ausgegeben. Jetzt warten noch drei Gutsbesitzer auf Geld, die bereits im Februar ihre Güter verpfändet haben.

Uteschitelny. Nun, das gilt für andere. Für uns aber machen Sie es aus Freundschaft. Wir müssen uns etwas näher kennen lernen. Nun ja, wir stehen einander doch nahe. Ja, wie heißen Sie gleich? Fentafléj Perpéntitsch, nicht?

Samuchrischkin. Psoj Stáchitsch.

Uteschitelny. Nun, das ist ja fast dasselbe. Also hören Sie, Psoj Stachitsch. Seien wir wie alte Freunde. Nun wie steht’s, wie gehen die Geschäfte? Wie ist Ihr Dienst?

Samuchrischkin. Ja, wie soll denn der Dienst sein? Wie gewöhnlich: Man dient eben.

Uteschitelny. Nun, und wie ist es mit den verschiedenen Einkünften, verstehen Sie? Sagen wir einfach, nehmen Sie viel Geschenke?

Samuchrischkin. Aber ich bitte Sie: natürlich, wovon soll man denn leben?

Uteschitelny. Nun sagen Sie mal ganz aufrichtig, wie ist es bei Ihnen im Amt: Greifen alle zu?

Samuchrischkin. Ach Gott, nun lachen Sie auch, wie ich sehe. Ach, meine Herren! ... Sehen Sie mal: auch die Herren Schriftsteller, die lachen alle über die, die sich bestechen lassen; aber wenn man genauer zusieht, so lassen sich auch andere Leute bestechen, die besser als wir zu sein scheinen. Z. B. Sie meine Herren, Sie haben nur einen vornehmeren Namen dafür erfunden. Eine Spende für wohltätige Zwecke oder so was. Weiß der Himmel, wie das heißt. Aber sieht man genauer zu, so ist’s in Wirklichkeit dieselbe Bestechung: wie sagt man doch, dieselbe Couleur in grün.

Uteschitelny. Wie ich sehe, fühlt sich unser Psoj Stachitsch gekränkt. So ist es, wenn man dem Ehrgefühl zu nahe tritt.

Samuchrischkin. Ja, das Ehrgefühl ist eine kitzlige Sache, das wissen Sie wohl selber. Aber ich bin gar nicht böse. Ich habe schon ein langes Leben hinter mir, Väterchen.

Schwochnew. Schon gut, wir wollen ganz freundschaftlich miteinander sprechen, Psoj Stachitsch. Wie steht’s mit Ihnen, was machen Sie, wie geht’s bei Ihnen? Wie schlagen Sie sich in der Welt durch? Haben Sie ein Frauchen und Kinderchen?

Samuchrischkin. Gott sei Dank, Gott hat mich gesegnet. Zwei Jungens besuchen schon die Kreisschule, die zwei anderen sind noch etwas jünger. Einer läuft noch im Hemdchen rum und der andere kriecht noch auf allen Vieren.

Uteschitelny. Nun, und sie können wohl alle mit den Händchen schon so machen, glaub ich. (Zeigt mit der Hand, wie man Geld nimmt.)

Samuchrischkin. Ach bitte, meine Herren, sind Sie aber! Sie fangen schon wieder an.

Uteschitelny. Nun, nun, schon gut, Psoj Stachitsch. Das geschieht ja alles aus Freundschaft. Was ist denn nun dabei, wir sind ja unter uns. Heda, ein Champagnerglas für Psoj Stachitsch. Wir müssen ja jetzt gute Freunde sein. Wir wollen Sie auch bald mal besuchen.

Samuchrischkin (nimmt das Glas). Ah, bitte schön, meine Herren, Sie sollen herzlich willkommen sein! Ich kann Ihnen aufrichtig sagen, einen solchen Tee wie Sie ihn bei mir trinken werden, finden Sie nicht einmal beim Gouverneur.

Uteschitelny. Natürlich ein Geschenk vom Kaufmann?

Samuchrischkin. Jawohl, vom Kaufmann, direkt aus Kjachta bezogen.

Uteschitelny. Aber wie ist denn das, Psoj Stachitsch, Sie haben ja gar keine amtlichen Beziehungen zu den Kaufleuten.

Samuchrischkin (trinkt das Glas aus und stützt sich mit den Händen auf die Knie). Die Sache ist nämlich so. Der Kaufmann hat eigentlich nur aus Dummheit blechen müssen. Der Gutsbesitzer Frakassow, wenn Sie den vielleicht kennen, nimmt eine Hypothek auf sein Gut auf, alles ist abgemacht, wie sich’s gehört, und am nächsten Tag soll er das Geld bekommen. Er plant die Errichtung irgendeiner Fabrik halbpart mit dem Kaufmann. Nun, Sie begreifen wohl, uns geht es ja gar nichts an, ob das Geld für eine Fabrik verwendet wird oder für etwas anderes, und wessen Kompagnon er ist, das ist gar nicht unsere Sache. Aber der Kaufmann plappert aus Dummheit in der Stadt herum, daß er mit dem Gutsbesitzer halbpart ein Kompagnie-Geschäft abgeschlossen hat und von ihm von Stunde zu Stunde Geld erwartet. Da ließen wir dem Kaufmann sagen: wenn er uns zweitausend schickt, so wird das Geld gleich ausgezahlt, wenn nicht, so kann er lange warten. Indessen aber, verstehen Sie wohl, sind ihm schon die Kessel und die andern Gerätschaften für die Fabrik gebracht worden, und man wartet bloß noch auf das Handgeld. Der Kaufmann sieht — die Sache ist schlimm, er bezahlt seine zweitausend und jedem von uns noch drei Pfund Tee. Man wird vielleicht sagen, das ist Bestechung, aber es geschieht ihm doch recht. Warum ist er so dumm, wer hat ihn denn zum Reden gezwungen; er hätte doch seiner Zunge Halt gebieten können.

Uteschitelny. Hören Sie mal, Psoj Stachitsch, bitte erledigen Sie doch unser Geschäftchen, wir werden Ihnen schon was geben, und Sie machen es mit Ihrem Vorgesetzten ab, wie sich’s gehört. Nur um Gottes Willen möglichst schnell, Psoj Stachitsch, wie?

Samuchrischkin. Wir werden uns schon Mühe geben. (Steht auf.) Aber ich will Ihnen ganz offen sagen, so schnell, wie Sie wollen, geht es nicht. Bei Gott, bei uns im Amt ist keine Kopeke vorhanden, aber ich will mir schon Mühe geben.

Uteschitelny. Nun, und wie soll ich nach Ihnen fragen?

Samuchrischkin. Fragen Sie ganz einfach nach Psoj Stachitsch Samuchrischkin. Auf Wiedersehen, meine Herren! (Geht zur Tür).

Schwochnew. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, (sieht sich um) sehen Sie doch zu.

Uteschitelny. Psoj Stachitsch, bitte Psoj Stachitsch, helfen Sie recht schnell.

Samuchrischkin. Ich habe ja schon gesagt, ich werde mir Mühe geben.

Uteschitelny. Zum Henker, das dauert aber lange, (schlägt sich mit der Hand vor die Stirn) nein, ich will ihm nachgehen, vielleicht erreiche ich etwas, ich werde kein Geld sparen, hol ihn der Teufel, ich werde ihm dreitausend von meinem Geld geben. (Schnell ab).

21. Auftritt

Schwochnew, Krugel, Icharew.

Icharew. Natürlich wäre es besser, das Geld möglichst bald zu bekommen.

Schwochnew. Und wie dringend nötig wir es haben, wie dringend nötig!

Krugel. Ach, wenn er ihn nur herumkriegen könnte.

Icharew. Wie, sind denn etwa Ihre Angelegenheiten ...

22. Auftritt

Dieselben und Uteschitelny.

Uteschitelny (tritt ein, verzweifelt). Zum Teufel, früher als in vier Tagen kann er es keinesfalls machen, ich möchte mir den Kopf an der Wand zerschellen.

Icharew. Warum hast du denn nur solche Eile, kannst du denn nicht noch vier Tage warten?

Schwochnew. Das ist es ja, Liebster, das ist für uns viel zu wichtig.

Uteschitelny. Warten? Weißt du denn, daß man uns stündlich in Nischni-Nowgorod erwartet? Wir haben es dir noch nicht erzählt. Schon vor vier Tagen haben wir die Meldung bekommen, wir müßten eiligst dahin und sollten unter allen Umständen etwas Geld mitbringen. Ein Kaufmann hat da für sechshunderttausend Rubel Eisen mitgebracht. Dienstag ist die endgültige Abmachung, und das Geld wird ihm bar ausgezahlt; und gestern ist ein anderer mit Flachs für eine halbe Million angekommen.

Icharew. Nun, was ist denn dabei?

Uteschitelny. Wieso, was ist denn dabei? Die Alten sind doch zu Hause geblieben, und haben an ihrer Stelle ihre Söhne hingeschickt.

Icharew. Ob aber die Söhne auch ganz bestimmt spielen werden?

Uteschitelny. Aber wo lebst du bloß? Etwa in China? Weißt du denn nicht, wie diese Kaufmannssöhnchen sind? Der Kaufmann erzieht ja seinen Sohn derart, daß er entweder gar nichts weiß, oder nur das weiß, was ein Adliger und nicht was ein Kaufmann zu wissen braucht. Natürlich ist auch das Söhnchen danach: spaziert am Arm mit Offizieren, und bummelt herum. Das ist für uns die einträglichste Kundschaft, mein Liebster. Diese Schafsköpfe wissen nicht, daß sie für jeden Rubel, den sie uns abschwindeln, tausend bezahlen. Jawohl, das ist unser Glück, daß der Kaufmann nur daran denkt, seine Töchter mit einem General zu verheiraten und dem Sohne Rang und Titel zu verschaffen.

Icharew. Und sind das auch sichere Sachen?

Uteschitelny. Ob es sichere Sachen sind! Man würde uns doch nicht benachrichtigt haben. Es ist fast alles in unsern Händen, jede Minute ist jetzt teuer.

Icharew. Ach, zum Teufel, was sitzen wir denn hier. Meine Herren, wir haben ja abgemacht, gemeinschaftlich zu arbeiten.

Uteschitelny. Gewiß, das ist auch unser Vorteil. Hör mal, was mir eingefallen ist. Du brauchst ja vorläufig nicht zu eilen. Du hast jetzt achtzigtausend in barem Geld. Gib uns das Geld und nimm Glows Wechsel von uns, du bekommst sicher hundertfünfzigtausend, also das Doppelte, und uns würdest du noch gar einen Dienst erweisen. Denn wir brauchen jetzt das Geld so sehr, das wir mit Freuden das Dreifache für jede Kopeke zu zahlen bereit sind.

Icharew. Sehr gern, warum nicht: um Ihnen zu beweisen, daß die Freundschaft ... (Geht an die Kassette und nimmt einen Haufen Geldscheine hervor.) Hier habt ihr achtzigtausend.

Uteschitelny. Und hier hast du die Wechsel. Jetzt eile ich gleich zu Glow, ich will ihn herbeiholen und alle Formalitäten erledigen. Krugel, bring das Geld auf mein Zimmer. Hier hast du den Schlüssel zu meiner Kassette. (Krugel ab.) Ach, wenn wir es einrichten könnten, daß wir heute abend abreisen können! (Ab.)

Icharew. Natürlich, natürlich, hier ist keine Minute zu verlieren.

Schwochnew. Und dir rate ich auch, hier nicht noch lange sitzen zu bleiben. Sowie du das Geld bekommen hast, komme sofort zu uns. Mit den zweihunderttausend — weißt du, was man damit machen kann? Man kann einfach den ganzen Jahrmarkt in die Luft sprengen ... Ach, ich habe ganz vergessen, dem Krugel etwas Wichtiges zu sagen. Warte nur, ich komme gleich zurück. (Schnell ab.)

23. Auftritt

Icharew (allein). Was für eine Wendung doch die Umstände genommen haben, was? Noch heute morgen bloß achtzigtausend, und gegen abend schon zweihunderttausend, wie? Für manchen bedeutet das ja ein ganzes Leben voll Dienst und Arbeit, den Preis für ein ständiges Sitzen, Entbehrungen, Verlust der Gesundheit, und hier bist du in einigen Stunden, ja in einigen Minuten ein regierender Prinz. Eine Kleinigkeit das: Zweihunderttausend! Ich kann mir denken, was aus mir geworden wäre, wenn ich auf dem Lande gesessen wäre und mich mit den Starosten und Bauern herumgeschlagen hätte, um jährlich dreitausend einzuheimsen. Ist denn Bildung eine Kleinigkeit? Die Unbildung, die sich auf dem Lande an dir festsetzt, die kannst du nachher nicht mit dem Messer abkratzen. Womit hätte man da seine Zeit verloren? Mit Gesprächen mit den Starosten und den Bauern ... Ich aber will mich mit gebildeten Menschen unterhalten! Jetzt bin ich sichergestellt, jetzt habe ich freie Zeit. Jetzt kann ich mich damit beschäftigen, was zu unserer Bildung beiträgt. Wenn ich nach Petersburg will, kann ich auch nach Petersburg reisen, da gehe ich ins Theater, sehe die Münze, da spaziere ich am Palais, am Englischen Quai vorbei, gehe in den Sommergarten. Oder ich gehe nach Moskau und diniere bei Jar, ich kann mich nach der Mode der Residenz kleiden, kann mich mit den andern gleichstellen und die Pflichten eines aufgeklärten Menschen erfüllen. Und was ist die Ursache davon? Was gibt mir die Möglichkeit dazu? Das, was man Betrügerei nennt. Ach, Unsinn, das ist eben gar keine Betrügerei, ein Betrüger kann man in einer Minute werden, hierzu aber ist Praxis, Studium nötig. Aber zugegeben, es sei Betrügerei. Es ist doch eben eine notwendige Sache; was kann man denn ohne sie machen? Sie ist gewissermaßen eine Warnung. Wenn ich z. B. nicht alle Feinheiten kennte, wenn ich das alles nicht begriffen hätte, wie hätte man mich da nicht beschwindeln können! Sie haben mich ja auch wirklich beschwindeln wollen. Dann sahen sie aber, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen Menschen zu tun haben, und gingen mich selbst um meine Hilfe an. O nein, Verstand — das ist eine große Sache; und in der Welt ist Feinheit notwendig. Ich sehe das Leben von einem ganz anderen Standpunkt an. So leben, wie ein dummer Kerl, so kann jeder leben, das ist kein Kunststück, aber mit Witz und mit Kunst leben, alle betrügen und doch selbst nicht betrogen werden, das ist die eigentliche Aufgabe, das wahre Ziel.

24. Auftritt

Icharew und Glow, der eilig eintritt.

Glow. Wo sind sie denn? Ich bin eben im Zimmer gewesen, das ist leer.

Icharew. Sie sind soeben hier gewesen, sie sind nur auf einen Augenblick fortgegangen.

Glow. Wie, schon fort? Haben sie Geld bei dir genommen?

Icharew. Jawohl, wir haben’s schon abgemacht. Jetzt handelt sich’s noch um dich.

25. Auftritt

Dieselben und Alexej.

Alexej (zu Glow). Sie wünschen zu wissen, wo die Herren sind?

Glow. Jawohl.

Alexej. Die sind ja schon abgereist.

Glow. Wieso abgereist?

Alexej. So, sie hielten schon seit einer halben Stunde Wagen und Pferde bereit.

Glow (schlägt die Hände zusammen). Nun sind wir beide hineingelegt!

Icharew. Was für ein Unsinn? Ich verstehe kein Wort. Uteschitelny muß jeden Augenblick zurückkommen. Du weißt ja, daß du die ganze Schuld jetzt mir bezahlen mußt. Sie haben sie mir zediert.

Glow. Ach was, Schuld? Zum Teufel! Du willst bezahlt haben? Siehst du denn nicht, daß du zum Narren gehalten und angeführt bist wie ein Gimpel?

Icharew. Was sprichst du da für einen Unsinn? Du scheinst deinen Rausch noch immer im Kopf zu haben.

Glow. Nun, wie es scheint, haben wir beide einen Rausch. Erwache doch! Glaubst du etwa, ich bin Glow? Ich bin ebensowenig Glow, wie du der Kaiser von China.

Icharew (unruhig). Aber ich bitte dich, was sprichst du da für einen Unsinn? Und dein Vater? ... und ...

Glow. Der Alte? Erstens ist er gar nicht mein Vater, und wird den Teufel Kinder haben; und zweitens heißt er auch nicht Glow, sondern Krinizin und nicht Michailo Alexandrowitsch, sondern Iwán Klímitsch; der ist von derselben Bande.

Icharew. Hör mal, sprich du im Ernst; damit treibt man keinen Spaß.

Glow. Was für einen Spaß? Ich habe mich ja selber daran beteiligt und bin ebenfalls betrogen. Sie haben mir dreitausend für meine Mühe versprochen.

Icharew (geht auf ihn zu, hitzig). He, treib keinen Spaß, sage ich dir! Du glaubst, ich bin so dumm? Und die Vollmacht, und der Fiskus? Da war doch noch soeben der Beamte aus dem Fiskus, Psoj Stachitsch Samuchrischkin. Du glaubst, ich kann ihn wohl nicht gleich herbeiholen lassen?

Glow. Erstens ist er gar kein Beamter aus dem Fiskus, sondern ein Stabskapitän a. D. von derselben Bande; und dann heißt er gar nicht Samuchrischkin, sondern Mursaféjkin und nicht Psoj Stachitsch, sondern Frol Semjónowitsch.

Icharew (verzweifelt). Und wer bist du, Teufel? sprich, wer bist du?

Glow. Wer ich bin? Ich war ein anständiger Mensch und bin durch die Not zu einem Schwindler geworden. Sie haben mir alles im Spiel abgewonnen, alles bis aufs Hemd. Was soll ich nun machen? ich will doch nicht vor Hunger sterben. Für dreitausend habe ich mich dazu hergegeben, mitzuarbeiten und dich zu beschwindeln. Ich sag’ es dir gerade heraus, du siehst, ich handle vornehm.

Icharew (faßt ihn wütend am Kragen). Du Schwindler.

Alexej (für sich). Na, da kommt’s, wie es scheint, gleich zu einer Rauferei, da will ich lieber verschwinden. (Ab.)

Icharew (Glow fortziehend). Komm, komm.

Glow. Wohin, wohin?

Icharew (in Wut). Wohin? zum Gericht! zum Gericht!

Glow. Aber ich bitte dich, du hast ja gar kein Recht dazu!

Icharew. Wieso, ich habe kein Recht? Stehlen, am hellichten Tage Geld wegnehmen ... in so gaunerischer Weise! Ich hätte kein Recht? Aber warte nur, im Gefängnis, in Sibirien wirst du wohl auch sagen, daß ich kein Recht habe? Warte nur, man wird eure ganze Gaunerbande noch abfassen! Ihr werdet schon sehen, was es heißt, das Vertrauen und die Ehrlichkeit gutmütiger Menschen zu hintergehen. Das Gesetz, das Gesetz, das Gesetz werde ich anrufen. (Zieht ihn fort.)

Glow. Du könntest das Gesetz ja dann anrufen, wenn du selbst nicht gesetzwidrig gehandelt hättest. Aber bedenke doch, du hast dich ja mit ihnen verbunden, um mich zu beschwindeln und mir das Geld abzugewinnen, und die Karten waren ja dein eigenes Fabrikat. Nein, Brüderchen, das ist ja eben die Sache, daß du gar kein Recht hast, zu klagen.

Icharew (schlägt sich in seiner Verzweiflung mit der Hand vor die Stirn). Zum Teufel, das ist wahr. (Fällt entkräftet auf den Stuhl, indessen eilt Glow fort). Aber solch ein teuflischer Betrug!

Glow (steckt den Kopf durch die Tür). Tröste dich, du hast es ja noch nicht so schlimm, dir bleibt ja noch die Adelaida Iwanowna! (Verschwindet).

Icharew (wütend). Hol der Teufel die Adelaida Iwanowna! (Ergreift das Kartenspiel und schleudert es gegen die Tür, einzelne Karten fliegen auf den Boden.) Da muß es nun solche Schwindler geben zum Schimpf und zur Schande der Menschheit! Aber es ist ja einfach zum Wahnsinnigwerden: Wie teuflisch war das alles durchgeführt, wie fein! Dieser Vater, dieser Sohn und dieser Beamte Samuchrischkin — und das alles ist abgekartet, und ich kann nicht einmal klagen. (Springt vom Stuhl auf und geht erregt im Zimmer auf und ab.) Und da soll man noch den Schlauen spielen, da soll man seinen Geist, seinen Witz anstrengen, Mittel erdenken .... Nein, hol’s der Teufel, es lohnt sich gar nicht, es ist des edlen Eifers, es ist der Mühe nicht wert! Da findet sich gleich in deiner Nähe ein Gauner, der dich noch übergaunert, ein Schwindler, der mit einem Male das ganze Gebäude in die Luft sprengt, an dem du jahrelang gearbeitet hast. (Mit einer ärgerlichen Handbewegung.) Zum Teufel, ist das eine schwindelhafte Welt! Nur der hat Glück, der so dumm ist wie ein Klotz, und der nichts versteht, an nichts denkt, nichts tut und mit abgenutzten Karten um einen Groschen Boston spielt!

Szenen aus einer unvollendeten Komödie

Deutsch von Alexandra Ramm

Der Morgen eines vielbeschäftigten Herrn

1. Auftritt

Ein Kabinett. Einige Schränke mit Büchern. Auf dem Tisch liegen zerstreute Papiere. Iwan Petrowitsch, ein Beamter, tritt im Schlafrock herein, reckt sich und klingelt. Im Flur hört man eine Stimme: „Sofort!“ Iwan Petrowitsch klingelt zum zweiten Male; wieder dieselbe Stimme: „Sofort!“ Iwan Petrowitsch klingelt ungeduldig zum dritten Male; der Diener tritt ein.

Iwan Petrowitsch. Bist du taub geworden?

Der Lakai. O nein.

Iwan Petrowitsch. Und warum hat es dir beliebt, nicht eher zu erscheinen, als bis ich zum dritten Male geklingelt habe?

Der Lakai. Wie hätte ich es anders machen können! Ich konnte doch meine Arbeit nicht wegwerfen: ich habe die Stiefel geputzt!

Iwan Petrowitsch. Und was hat Iwan getan?

Der Lakai. Iwan hat das Zimmer gefegt. Und dann ist er in den Pferdestall gegangen.

Iwan Petrowitsch. Hol mir das Hündchen her! (Der Lakai bringt das Hündchen.) Sususchka, Sususchka, ah Sususchka. Wir wollen dir jetzt ein Stückchen Papier anbinden. (Befestigt ihm ein Stückchen Papier am Schwanz.)

Ein anderer Lakai (kommt hereingelaufen). Alexander Iwanowitsch!

Iwan Petrowitsch. Bitte! (Läßt eilig das Hündchen fallen und schlägt ein Gesetzbuch auf.)

2. Auftritt

Iwan Petrowitsch und Alexander Iwanowitsch, (auch ein vielbeschäftigter Herr).

Alexander Iwanowitsch. Guten Morgen, Iwan Petrowitsch.

Iwan Petrowitsch. Nun, wie befinden Sie sich, Alexander Iwanowitsch?

Alexander Iwanowitsch. Danke sehr. Störe ich auch nicht?

Iwan Petrowitsch. Ach, ich bitte Sie. Ich bin ja immer beschäftigt. Nun — um wieviel Uhr sind Sie nach Haus gekommen?

Alexander Iwanowitsch. So um sechs. Als ich aus der Offizierskaja herauskam, fragte ich einen Posten, an dem ich vorüberkam: „Brüderchen, hast du nicht gehört, wie spät es ist?“ „Jawohl, es hat schon sechs geschlagen!“ sagte er. So habe ich erfahren, daß es schon sechs Uhr war.

Iwan Petrowitsch. Denken Sie sich: ich bin auch fast um die gleiche Zeit zurückgekommen! — Nun, denken Sie noch an das Whistchen? Hä hä hä!

Alexander Iwanowitsch. Hä hä hä! ... Ich habe sogar davon geträumt.

Iwan Petrowitsch. Hä hä hä! Ich habe immer gedacht: was soll es nur bedeuten, daß er den König ausspielt! Ich hatte die Dame und zwei kleinere Karten in Kreuz in der Hand und hatte schon längst gesehen, daß Lukian Fedossejewitsch renoncierte.

Alexander Iwanowitsch. Am längsten zog sich die achte Runde hin.

Iwan Petrowitsch. Jawohl. (Nach einer Pause.) Ich hatte Lukian Fedossejewitsch schon zugewinkt, daß er Trumpf ausspielen soll; aber nein! Und dabei hätte er nur einmal Trumpf zu bringen brauchen, und mein Pique-Junge hätte gestochen!

Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie, Iwan Petrowitsch, der Junge hätte nicht gestochen!

Iwan Petrowitsch. Oho! Er hätte doch gestochen!

Alexander Iwanowitsch. Er hätte nicht gestochen, weil Sie ja nie zum Anspielen gekommen wären.

Iwan Petrowitsch. Aber Sie haben ja Lukian Fedossejewitschs Pique-Sieben vergessen!

Alexander Iwanowitsch. Hatte er denn noch ein Pique? Ich kann mich gar nicht daran erinnern ...

Iwan Petrowitsch. Aber gewiß. Er hatte zwei Pique: die Vier, die er auf die Dame gegeben hatte, und eine Sieben.

Alexander Iwanowitsch. Aber nein, Iwan Petrowitsch, erlauben Sie: er konnte nicht mehr als ein Pique haben!

Iwan Petrowitsch. Aber mein Gott, Alexander Iwanowitsch, wem erzählen Sie das! Zwei Pique! Ich sehe sie noch wie jetzt vor mir: eine Vier und eine Sieben!

Alexander Iwanowitsch. Eine Vier hatte er, das stimmt — aber keine Sieben. Dann hätte er doch Trumpf gespielt, das müssen Sie doch zugeben, er hätte dann eben Trumpf gespielt!

Iwan Petrowitsch. Bei Gott, Alexander Iwanowitsch, bei Gott!

Alexander Iwanowitsch. Nein, Iwan Petrowitsch. Es ist durchaus unmöglich.

Iwan Petrowitsch. Erlauben Sie, Alexander Iwanowitsch: wissen Sie, was das Beste ist? Wir fahren morgen zu Lukian Fedossejewitsch. Sind Sie einverstanden?

Alexander Iwanowitsch. Gut.

Iwan Petrowitsch. Fragen wir ihn selbst, ob er eine Pique Sieben in der Hand gehabt hat.

Alexander Iwanowitsch. Bitte sehr — ich bin durchaus nicht abgeneigt. Übrigens, wenn man sich die Sache überlegt, warum spielt eigentlich Lukian Fedossejewitsch so schlecht? Man kann doch nicht sagen, daß er keinen Verstand hat. Er ist ein feiner Mann, und sein Benehmen ...

Iwan Petrowitsch. Und fügen Sie hinzu: von großen Kenntnissen! Ein Mann — das dürfen wir unter uns wohl sagen — wie wir nur wenige in Rußland haben. — Waren Sie bei Sr. Exzellenz?

Alexander Iwanowitsch. Jawohl. Ich komme soeben von ihm. — Es war etwas kalt heut morgen. Wie Ihnen wohl bekannt sein wird, habe ich die Gewohnheit, ein Wams aus Elenleder zu tragen: es ist viel angenehmer als eins von Flanell und wärmt dabei nicht so. Darum ließ ich mir den Pelz geben. Ich komme zu Sr. Exzellenz. — Se. Exzellenz schläft noch. Nun, da habe ich gewartet. Und dann sprachen wir von diesem und jenem.

Iwan Petrowitsch. Und von mir wurde nicht gesprochen?

Alexander Iwanowitsch. Gewiß, auch von Ihnen. Und dann wurde die Unterhaltung noch sehr amüsant.

Iwan Petrowitsch (angeregt). Was, was, was?

Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie ... erlauben Sie, immer eins nach dem andern! Das ist eine höchst unterhaltsame Geschichte. Se. Exzellenz fragte mich unter andern, wo ich meine Zeit verbringe, da er mich so lange nicht gesehen hätte, und sprach den Wunsch aus, etwas über den gestrigen Abend und über die Anwesenden zu erfahren. Ich antwortete: „Ew. Exzellenz, es waren anwesend: Pawel Grigorjewitsch Borschtschow, Ilja Wladimirowitsch Bubunizin.“ Se. Exzellenz sagt nach jedem Wort: „Hem!“ Ich sagte: „Außerdem war noch ein Bekannter Ew. Exzellenz ...“

Iwan Petrowitsch. Nun, nun?

Alexander Iwanowitsch. Erlauben Sie! Und was meinen Sie wohl, sagte Se. Exzellenz darauf?

Iwan Petrowitsch. Ich weiß nicht ...

Alexander Iwanowitsch. Er sagte: „Wer könnte das sein? —“ „Iwan Petrowitsch Barsukow,“ antwortete ich. „Hem,“ sagte Se. Exzellenz. „Das ist ein Beamter, und noch dazu ...“ (Hebt die Augen empor.) Die Decken sind bei Ihnen recht nett bemalt: ist das auf Ihre Kosten geschehen, oder auf die Ihres Wirts?

Iwan Petrowitsch. Aber nein, das ist doch eine Amtswohnung!

Alexander Iwanowitsch. Sehr, sehr hübsch. Körbchen, eine Lyra, rings herum Zwiebacke, Trommeln und eine Trompete. Wirklich, sehr, sehr natürlich!

Iwan Petrowitsch (ungeduldig). Und was sagte Se. Exzellenz?

Alexander Iwanowitsch. Ach, das hätte ich richtig vergessen. Was sagte er doch noch ...?

Iwan Petrowitsch. Er sagte: „Hem! ... Das ist ein Beamter ...“

Alexander Iwanowitsch. Richtig! „Das ist ein Beamter ...“ ... nun, und ... „und steht in meinem Dienst!“ Nachher war die Unterhaltung nicht mehr so interessant und wandte sich gewöhnlichen Dingen zu.

Iwan Petrowitsch. Und weiter hat er nichts von mir gesagt?

Alexander Iwanowitsch. Nein.

Iwan Petrowitsch (für sich). Nun, das ist vorläufig noch nicht viel. Gott, Gott, wie wäre es, wenn er gesagt hätte: In Berücksichtigung dieser und jener Verdienste schlage ich diesen Barsukow vor ...

3. Auftritt

Die Vorigen und Schreider, der zur Tür hereinschaut.

Iwan Petrowitsch. Kommen Sie herein, kommen Sie herein, es macht nichts, bitte kommen Sie nur her: Was ist das? Ein Rapport?

Schreider. Wollen Sie freundlichst unterschreiben. Hier ist eine Meldung an den Cameralhof, und das ist ein Rapport an den Verwalter.

Iwan Petrowitsch (liest inzwischen). ... dem Herrn Verwalter ... Was ist das! Sie haben ja nicht überall gleichen Rand gelassen? Was soll das? Wissen Sie, daß man Sie dafür mit Arrest bestrafen kann? (Wirft ihm einen bedeutungsvollen Blick zu).

Schreider. Ich habe es Iwan Iwanowitsch gesagt: aber er hat geantwortet, der Minister werde auf solche Lappalien nicht achten.

Iwan Petrowitsch. Lappalien! Iwan Iwanowitsch hat gut reden! Ich selber denke ja auch so: der Minister wird das wirklich nicht beachten! Aber wenn es ihm nun plötzlich doch einfällt?

Schreider. Man kann es ja abschreiben; nur wird es dann zu spät werden. Aber da Sie selbst zu sagen belieben, daß der Minister es nicht beachten wird ...

Iwan Petrowitsch. Natürlich. Das ist ja alles sehr richtig. Ich bin durchaus mit Ihnen einverstanden, er wird sich mit solchen Kleinigkeiten nicht abgeben. Aber setzen Sie den Fall, daß es ihm doch einfällt. Ich will doch mal sehen, wie groß der Raum ist, den man für den Rand gelassen hat ...?

Schreider. Wenn es so ist, werde ich es sofort abschreiben.

Iwan Petrowitsch. Ja eben „wenn es so ist“. Ich spreche ja nur mit Ihnen, weil Sie Universitätsbildung haben. Bei einem andern würde ich kein Wort verlieren.

Schreider. Ich habe es mir nur erlaubt, weil der Herr Minister ...

Iwan Petrowitsch. Gestatten Sie! Gestatten Sie: Das ist vollkommen richtig: ich bin ja auf ein Haar mit Ihnen einig. Gewiß, der Minister wird es nie beachten! er wird sich gar nicht darum kümmern. Aber wenn es ihm plötzlich doch ... was dann?

Schreider. Ich werde es abschreiben. (Entfernt sich.)

4. Auftritt

Iwan Petrowitsch (zuckt die Achseln und wendet sich an Alexander Iwanowitsch). Das hat immer noch Wind im Kopfe! Sonst ein anständiger junger Mann, erst vor kurzem von der Universität gekommen, aber hier (zeigt auf die Stirn) rein gar nichts. Sie können sich keine Vorstellung machen, verehrtester Alexander Iwanowitsch, wieviel Mühe es mir gekostet hat, das alles in Ordnung zu bringen. Sie hätten nur sehen sollen, in welchem Zustand ich meinen Posten übernommen habe! Denken Sie sich — kein Kanzleibeamter konnte einen ordentlichen Buchstaben schreiben! Man mußte es mit ansehen, wie der eine das „An“ auf die falsche Zeile brachte und wie der andere auf der ersten Zeile „Dur“ und auf der andern „chlaucht“ schrieb. Mit einem Wort: es war entsetzlich! Eine babylonische Verwirrung! Und schauen Sie sich jetzt einmal die Akten an: alles ist schön und gut! Das Herz freut sich, die Seele triumphiert! Und eine Ordnung — alles ist an seinem Platz!

Alexander Iwanowitsch. Man kann also sagen, daß Sie sich Ihren Rang mit Schweiß und Blut erworben haben!

Iwan Petrowitsch (seufzend). Jawohl! Mit Schweiß und Blut! Aber was soll ich machen, ich habe nun einmal so einen Charakter! Was wäre ich nicht alles geworden, wenn ich mich nur darum bemüht hätte! Auf meiner Brust wäre kein Platz mehr für die Orden! Aber was soll ich machen? Ich kann nun einmal nicht anders handeln. So nebenbei werde ich ja schon ein paar Andeutungen und Anspielungen fallen lassen, aber geradeheraus etwas fordern, unmittelbar etwas für mich erbitten — nein, das ist meine Sache nicht! Andere steigen fortwährend im Rang — ich dagegen habe nun einmal so einen Charakter: zu allem kann ich mich herbeilassen, aber niemals zu einer Ungerechtigkeit! (Seufzt.) Nur eins möchte ich jetzt: wenn ich doch einen kleinen Orden ins Knopfloch kriegen könnte! Nicht, weil ich ein besonderes Interesse daran hätte, sondern nur darum, damit man merkt, daß meine Vorgesetzten mir einige Aufmerksamkeit schenken. Ich möchte Sie bitten, Alexander Iwanowitsch, seien Sie so hochherzig, machen Sie doch bei Gelegenheit, natürlich so ganz nebenbei, Sr. Exzellenz gegenüber eine Anspielung, daß bei Barsukow in der Kanzlei eine Ordnung herrscht, wie Sie sie selten gefunden haben, oder doch irgend etwas ähnliches.

Alexander Iwanowitsch. Mit dem größten Vergnügen, sowie sich eine Gelegenheit bietet ...

5. Auftritt

Die Vorigen und Katerina Alexandrowna. Iwan Petrowitschs Frau.

Katerina Alexandrowna (erblickt Alexander Iwanowitsch). Ah! Alexander Iwanowitsch! Mein Gott, wie lange wir uns nicht gesehen haben! Sie haben mich ganz vergessen! Wie geht es Natalia Fominischna!

Alexander Iwanowitsch. Gottseidank! Übrigens kränkelt sie seit einer Woche.

Katerina Alexandrowna. Aeh!

Alexander Iwanowitsch. Sie leidet an Stichen und Beklemmungen in der Magengrube. Der Arzt hat ihr ein Abführungsmittel und heiße Kompressen von Kamillentee und Salmiakgeist verschrieben.