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Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke cover

Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Chapter 19: 2. Szene
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About This Book

The play satirizes provincial administration through a sequence of misunderstandings and escalating panic after local dignitaries mistake a passing junior official for a secret inspector. Efforts to conceal inefficiency and secure favor prompt theatrical flattery, bribes, and farcical attempts at impressing the supposed evaluator, while the supposed inspector and his servant exploit the error. Sharp comedic episodes expose vanity, petty corruption, and social pretensions as differing personalities react with fear, opportunism, and hypocrisy across the play's structured scenes.

Chlestakóff. Ach ja, leihen Sie mir welches. Ich befriedige dann sofort den Wirt. Zweihundert Rubel genügen mir, auch weniger.

Polizeimeister (die Brieftasche ziehend). Genau zweihundert Rubel, bitte bemühen Sie sich nicht erst nachzuzählen.

Chlestakóff (nimmt das Geld). Danke verbindlichst! Ich schicke es Ihnen postwendend von Hause zurück ... mir war ganz zufällig ... Ich sehe, Sie sind ein anständiger Mensch. Jetzt sieht die Sache wesentlich anders aus.

Polizeimeister (beiseite). Gott sei Dank, er nimmt! Nun wird’s wohl glatter gehen. Statt 200 habe ich ihm 400 angedreht!

Chlestakóff. He, Ossip! (Ossip tritt ein.) Ruf den Kellner her! (Zum Polizeimeister und Dóbtschinski.) Aber warum stehen Sie denn, bitte, setzen Sie sich! (Zu Dóbtschinski.) Aber so nehmen Sie doch Platz, ich bitte recht sehr!

Polizeimeister. Keine Ursache, wir können ebenso gut stehen.

Chlestakóff. So machen Sie mir doch das Vergnügen und setzen Sie sich! Jetzt erkenne ich erst vollkommen die Lauterkeit und Güte Ihres Charakters; aber wahrhaftig, ich hatte anfänglich gemeint, Sie kämen um mich ... (Zu Dóbtschinski.) So setzen Sie sich doch! (Polizeimeister und Dóbtschinski setzen sich; Bóbtschinski schielt durch die Tür und horcht.)

Polizeimeister (beiseite). Man muß dreister vorgehen. Er wünscht, daß man sein Inkognito respektiert. Schön, spielen wir die Komödie mit, tun wir, als ob wir nicht wüßten, wen wir vor uns haben. (Laut.) In Ausübung meiner Pflichten hatte ich hier mit Herrn Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski, Hausbesitzer hiesiger Stadt, den Gasthof betreten, um mich zu überzeugen, ob die Herren Reisenden gut verpflegt werden; denn ich bin total anders als sonstige Amtskollegen, die sich um dergleichen gar nicht kümmern; ich dagegen wünsche, ganz abgesehen von meiner Pflicht, schon aus christlicher Nächstenliebe, daß ein jeder hier eine gute Aufnahme findet — und so verdanke ich der Gunst des Zufalls diese willkommene Bekanntschaft.

Chlestakóff. Auch ich bin sehr erfreut. Ohne Sie hätte ich wahrhaftig lange hier sitzen können; ich wußte nicht mehr, womit ich bezahlen sollte.

Polizeimeister (beiseite). I rede du nur zu! Wußte nicht, womit bezahlen! (Laut.) Ist es erlaubt, zu fragen, wohin Sie zu reisen gedenken?

Chlestakóff. Ich reise ins Gouvernement Sarátow, auf mein Familiengut.

Polizeimeister (beiseite mit ironischem Lächeln). Ah? und errötet nicht einmal! Oh, bei dem muß man die Ohren steif halten! (Laut.) Ein höchst anerkennenswertes Vorhaben! Abgesehen vom Zustand der Fahrwege bereitet das Reisen zwar manche Ungelegenheiten durch öfteren Mangel an Postpferden, dafür aber auf der anderen Seite auch viel schöne Zerstreuung. Sie reisen vermutlich nur zum Vergnügen!

Chlestakóff. Nein, Papa will mich haben. Der Alte ist verdrießlich, daß ich es in Petersburg noch nicht weiter gebracht habe. Er bildet sich ein, daß man nur dort hinzukommen braucht, um sofort den Wladímir ins Knopfloch zu bekommen. Ich gönnte es ihm, sich selber mal in so einer Kanzlei herumzuschlagen.

Polizeimeister (beiseite). Hat man jemals solche Aufschneiderei erlebt? Sogar einen Papa hat er bei der Hand! (Laut.) Gedenken Sie, dort lange zu verweilen?

Chlestakóff. Ich weiß selbst noch nicht. Sehn Sie, mein Vater ist eigensinnig, ein alter Querkopf, hart wie ein Stock. Ich werde ihm aber kurz und bündig sagen: wie du wünschst, aber ohne Petersburg kann ich nicht leben. Warum soll ich denn durchaus mitten unter den Bauern verkommen! Danach steht mir jetzt nicht der Gaumen, meine Seele dürstet nach Licht.

Polizeimeister (beiseite). Unglaublich, wie dick der aufträgt! Eine Lüge nach der andern, und verhaspelt sich nicht mal! Und dabei ein so schmächtiges Bürschchen, daß man ihn mit dem kleinen Finger plattdrücken könnte. Na, warte nur! Du sollst mir schon noch Reden führen! (Laut.) Sehr richtig bemerkt. Was soll man in so einem Winkel auch anstellen? Da lobe ich mir wenigstens ein Städtchen wie das unsre: nachts kein Auge zu, man plagt sich für sein Vaterland, gönnt sich keinerlei Schonung, ohne die leiseste Hoffnung, künftig einmal Dank dafür zu ernten. (Blickt im Zimmer umher.) Dieses Zimmer scheint etwas feucht?

Chlestakóff. Schauderhaftes Zimmer, und Wanzen, wie ich sie noch nie erlebt habe: beißen wie die Hunde.

Polizeimeister. Nicht möglich! Ein so erlauchter Gast und derartig unerhörten Martern ausgesetzt? Seitens fluchwürdiger Wanzen, die es überhaupt auf der Welt nicht zu geben brauchte! Und wie dunkel es in diesem Zimmer ist!

Chlestakóff. Ja, vollkommen dunkel. Der Wirt hat die Angewohnheit, keine Kerzen herzugeben. Man will mal was arbeiten, lesen oder einen poetischen Gedanken zu Papier bringen — unmöglich: Nacht, schwarze Nacht.

Polizeimeister. Dürfte ich mich erkühnen, Ihnen eine Bitte vorzutragen ... doch nein, ich bin dessen nicht würdig.

Chlestakóff. Was ist’s denn?

Polizeimeister. Nein, nein, ich bin nicht würdig, bin nicht würdig!

Chlestakóff. Na, heraus damit, was ist’s?

Polizeimeister. Ich wollte mich erkühnen ... Ich habe in meinem Hause ein für Sie vorzüglich geeignetes Zimmer, hell, ruhig .... doch nein, ich fühle es selbst, es wäre der Ehre zu viel für mich, zürnen Sie mir nicht, ich schlug das lediglich in aller Herzenseinfalt vor.

Chlestakóff. Ganz im Gegenteil, bitte sehr, ich nehme es mit größtem Vergnügen an. In einem Privathaus fühle ich mich bei weitem behaglicher als in dieser Schankbude.

Polizeimeister. Ich bin hoch entzückt! Und wie wird sich erst meine Frau freuen! Dahin geht nun einmal der Zug meines Charakters: schlichte, aber herzliche Gastfreundschaft, vorzüglich gegen erlauchte Personen. Seien Sie überzeugt, daß dahinter keine Art von Schmeichelei verborgen ist; nein, von derartigen Lastern bin ich frei, ich spreche aus vollem Herzen.

Chlestakóff. Verbindlichsten Dank! Auch ich hasse die doppelzüngigen Menschen. Ihre Aufrichtigkeit und Ihr Freimut berühren mich äußerst sympathisch und ich verlange, um es offen zu bekennen, nichts weiter als Ergebenheit und Hochachtung, Hochachtung und Ergebenheit.

9. Szene

Die Vorigen und der Kellner, von Ossip geleitet. Bóbtschinski guckt zur Tür herein.

Kellner. Sie geruhten mich rufen zu lassen?

Chlestakóff. Ja, bring mir die Rechnung.

Kellner. Ich habe sie Ihnen aber doch erst vor kurzem überreicht.

Chlestakóff. Was weiß ich von deinen dummen Rechnungen. Wieviel macht’s?

Kellner. Am ersten Tage geruhten Sie ein Diner einzunehmen, am zweiten Tage aßen Sie bloß Lachs — und von da an ließen Sie alles auf Rechnung gehen.

Chlestakóff. Schafskopf! Muß das noch einmal vorrechnen! Was macht’s im Ganzen?

Polizeimeister. Bitte machen Sie sich doch keine Umstände: der Kerl kann warten. (zum Kellner.) Scheer dich hinaus, man wird’s schicken!

Chlestakóff. In der Tat, das ist das vernünftigste. (Steckt das Geld wieder ein; der Kellner ab; Bóbtschinski schielt durch die Tür.)

10. Szene

Polizeimeister. Chlestakóff. Dóbtschinski.

Polizeimeister. Würden Sie jetzt vielleicht geneigt sein, einige unserer städtischen Anstalten zu besichtigen, etwa die Hospitäler und anderes?

Chlestakóff. Was gibt’s denn da zu sehen?

Polizeimeister. Nun, Sie könnten da zum Beispiel einen Einblick gewinnen in die Art unserer Verwaltung ... die Reinlichkeit ...

Chlestakóff. Mit dem größten Vergnügen, bin gern bereit. (Bóbtschinski steckt den Kopf durch die Tür.)

Polizeimeister. Und von dort könnte man sich, wenn Sie es wünschen sollten, zur Kreisschule begeben, um die Ordnung, in der sich der Unterricht vollzieht, in Augenschein zu nehmen.

Chlestakóff. Schön, schön.

Polizeimeister. Dann, falls Sie das Gefängnis und die städtischen Arrestlokale zu besuchen wünschten — könnten Sie sich überzeugen, wie bei uns die Verbrecher gehalten werden.

Chlestakóff. Gefängnis? — ach wozu? Sehen wir uns dann doch lieber die Hospitäler an.

Polizeimeister. Ganz wie Sie wünschen. Befehlen Sie Ihre eigene Equipage oder nehmen Sie mit meinem bescheidenen Wagen vorlieb?

Chlestakóff. Na, ich fahre dann schon besser mit Ihnen zusammen.

Polizeimeister (zu Dóbtschinski). Pjótr Iwánowitsch, nun habe ich für Sie keinen Platz.

Dóbtschinski. O bitte, hat nichts zu sagen!

Polizeimeister (leise zu Dóbtschinski). Hören Sie, laufen Sie, aber was Ihre Beine laufen können, und bestellen Sie mir zwei Billetts, eins an Semljaníka ins Hospital, das andere meiner Frau. (Zu Chlestakóff.) Darf ich Sie um die Erlaubnis bitten, in Ihrer Gegenwart eine Zeile an meine Frau zu richten, damit sie sich zur Aufnahme eines so geschätzten Gastes vorbereiten kann?

Chlestakóff. Aber weshalb denn? ... Übrigens Tinte ist vorhanden, nur weiß ich nicht, ob Papier ... Vielleicht auf dieser Rechnung?

Polizeimeister. Genügt vollkommen! (Schreibt und spricht während dieser Zeit vor sich hin.) Nun wollen wir doch einmal sehen, wie die Sache nach dem Frühstück und ein paar tüchtigen Flaschen in Gang kommen wird. Wir haben da so einen hiesigen Madeira, äußerlich ganz harmlos, aber kräftig, um einen Elefanten umzuwerfen. Wenn ich nur herausbekäme, was er ist und von welcher Seite man sich vor ihm in acht nehmen muß. (Übergibt das Papier Dóbtschinski: dieser wendet sich zur Türe, aber im selben Augenblick bricht diese aus den Angeln und fliegt zusammen mit dem dahinter horchenden Bóbtschinski auf die Szene. Alle stoßen einen Ruf der Überraschung aus. Bóbtschinski erhebt sich.)

Chlestakóff. Oh, haben Sie sich verletzt?

Bóbtschinski. Durchaus nicht, durchaus nicht, habe fast nichts abbekommen, nur über der Nase eine unbedeutende Schramme. Ich laufe gleich zum Doktor Hübner; er hat ein großartiges Pflaster, da heilt’s geschwind.

Polizeimeister (macht Bóbtschinski ein Zeichen des Vorwurfs; zu Chlestakóff). Das hat gar nichts auf sich. Bitte untertänigst voranzugehen. Ich werde Ihren Diener bescheiden, daß er den Koffer hinüberbringt. (Zu Ossip.) Mein Freundchen, trage das alles zu mir herüber, zum Polizeimeister, jeder kann dich hinweisen. Bitte untertänigst! (Läßt Chlestakóff den Vortritt und folgt ihm; im Hinausgehen dreht er sich noch einmal um und sagt in vorwurfsvollem Ton zu Bóbtschinski.) Sie sind mir auch der Rechte! Konnten sich keinen besseren Ort zum Hinpflanzen aussuchen! Und auf allen vieren wie — weiß der Teufel wie! (Ab. Bóbtschinski hinterher. Der Vorhang fällt.)

(Ende des zweiten Aufzuges.)

Dritter Aufzug

Dasselbe Zimmer wie im ersten Aufzug

1. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna am Fenster in der gleichen Haltung wie am Schluß des ersten Aufzuges.

Anna Andréjewna. Da lauern wir nun schon eine geschlagene Stunde, und alles nur wegen deiner albernen Ziererei: war deine Toilette nicht längst fertig — aber nein, da muß immer noch getrödelt werden ... Noch nichts von ihr zu hören. Rein zum Verdrießen! Nirgends eine Seele, wie auf Verabredung! Als wenn alles ausgestorben wäre!

Márja Antónowna. Aber wirklich, Mama, in zwei Minuten erfahren wir alles. Awdótja muß gleich wiederkommen. (Blickt aus dem Fenster und ruft aus.) Ach Mama, Mama, da kommt jemand, da, am Ende der Straße.

Anna Andréjewna. Wo, wo? — Was du auch ewig phantasierst! — Nun ja doch, es kommt jemand. Wer mag das sein? Untersetzt ... im Frack ... Wer ist das? Wer? Man könnte umkommen vor Ärger! Wer ist es denn nun?

Márja Antónowna. Dóbtschinski ist’s, Mamachen!

Anna Andréjewna. Ach was, Dóbtschinski! Immer diese Einbildungen! Nicht entfernt Dóbtschinski. (Winkt mit dem Taschentuch.) Heda Sie, hierher, rasch!

Márja Antónowna. Ganz gewiß, Mama, Dóbtschinski!

Anna Andréjewna. Nur um widersprechen zu können. Du hast gehört, es ist nicht Dóbtschinski!

Márja Antónowna. Na und nun, Mama? Siehst du, es ist doch Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Nun ja doch, Dóbtschinski, jetzt seh ich’s auch; warum streitest du denn? (Ruft aus dem Fenster.) Schnell, schnell, sputen Sie sich doch! Wie steht’s, wo sind sie? Wie? Antworten Sie doch gleich von da, ganz egal! Na, wohl sehr streng? Wie? Und mein Mann, mein Mann? (Ärgerlich vom Fenster zurücktretend.) Tölpel der, wird nichts reden, bis er nicht mitten im Zimmer steht!

2. Szene

Die Vorigen. Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Nun, so reden Sie doch gefälligst, haben Sie denn kein Gewissen? Auf Sie allein habe ich mich verlassen wie auf einen ordentlichen Menschen; alle liefen sie davon und Sie hinterher! Bis diesen Augenblick kann ich von keiner Seele etwas herausbekommen. Schämen Sie sich denn gar nicht? Habe ich nicht Ihren Wánitschka und Ihre Lísotschka aus der Taufe gehoben? Und so behandeln Sie mich?

Dóbtschinski. Mein Gott, Frau Gevatterin, ich bin so gerannt, um Ihnen gefällig zu sein, daß mir alle Luft ausgegangen ist. Ergebenster Diener, Márja Antónowna!

Márja Antónowna. Guten Tag, Pjotr Iwánowitsch!

Anna Andréjewna. Nun rasch, so reden Sie doch, wie und was geht drüben vor?

Dóbtschinski. Antón Antónowitsch schickt Ihnen dieses Billett.

Anna Andréjewna. Nun und er? Natürlich ein General?

Dóbtschinski. Nein, General nicht, aber zum mindesten soviel wie General. Eine Bildung und ein Auftreten!

Anna Andréjewna. Ah, also derselbe, von dem meinem Mann geschrieben wurde?

Dóbtschinski. Eben derselbe! Ich und Bóbtschinski haben das zuallererst entdeckt.

Anna Andréjewna. Weiter, weiter, was geschah weiter?

Dóbtschinski. Gott sei gelobt, alles steht gut. Zuerst geruhte er Antón Antónowitsch etwas hart anzulassen, ja, er wurde sehr heftig und sagte: im Gasthofe wäre alles miserabel, und er würde sich nicht seinetwegen ins Gefängnis sperren lassen; nachher aber, wie er sah, daß Antón Antónowitsch unschuldig waren, und beide sich kurzer Hand verständigt hatten, da setzte er gleich eine andere Miene auf — und Gott sei Dank, alles lief gut ab. Jetzt sind sie ausgefahren, um das Hospital zu besichtigen ... aber wahrhaftig, Antón Antónowitsch schienen bereits befürchtet zu haben, daß man ihn denunziert hätte. Ich selber bekam es so ein bißchen mit der Angst.

Anna Andréjewna. Wovor haben Sie sich denn zu fürchten? Sie sind doch kein Beamter!

Dóbtschinski. Na immerhin, wissen Sie, wenn so ein Vorgesetzter spricht, fährt’s einem doch in die Glieder.

Anna Andréjewna. Ach gehen Sie ... das ist ja dummes Zeug. Nun, und wie sieht er aus? Alt, jung?

Dóbtschinski. Jung, noch ein ganz junger Mann, so an dreiundzwanzig; aber reden tut er wie ein alter. „Sehn Sie“, sagt er, „ich reise da und dahin“ ... (Gestikulierend.) Alles so überlegen. „Ich schreibe auch“, meint er, „und lese auch dann und wann, aber die Dunkelheit im Zimmer behindert mich etwas.“

Anna Andréjewna. Und im Äußeren — brünett oder blond?

Dóbtschinski. Nein, mehr aschblond, und Augen so scharf wie ein Luchs, um das Zittern zu kriegen.

Anna Andréjewna. Was schreibt er mir denn da auf dem Zettel (liest): „Ich eile, mein Herz, dich wissen zu lassen, daß meine Lage sehr kritisch war; doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit für zwei gesalzene Gurken apart und eine halbe Portion Kaviar ein Rubel fünfundzwanzig Kopeken ...“ (Innehaltend.) Das verstehe ich nicht, was sollen hier gesalzene Gurken und Kaviar?

Dóbtschinski. Ach, Antón Antónowitsch benutzten in der Eile ein beschriebenes Papier; da stand so eine Rechnung drauf.

Anna Andréjewna. Ach ja, richtig: (liest weiter) „doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit darf ich auf einen glücklichen Ausgang hoffen. Laß schnell ein Zimmer für den illustren Gast einrichten, das mit den gelben Tapeten; für Mittag brauchst du nicht zu sorgen, wir speisen im Hospital bei Artémij Filíppowitsch; nur Wein laß recht viel kommen; sag dem Kaufmann Awdúljin, er soll vom besten hergeben, sonst schlage ich ihm seine ganze Bude kurz und klein. Mit Handkuß, mein Herz, verbleibe ich dein Antón Skwósnik-Dmuchánowski.“ Ach mein Gott! Jetzt heißt’s aber eilen! He, niemand da? Míschka!

Dóbtschinski (läuft und ruft durch die Tür). Míschka! Míschka! Míschka! (Míschka kommt herein.)

Anna Andréjewna. Hör mal, lauf zum Kaufmann Awdúljin ... warte, ich gebe dir einen Zettel (setzt sich an den Tisch, schreibt und spricht währenddem). Diesen Zettel gibst du dem Kutscher Sídor, er soll zum Kaufmann Awdúljin rennen und Wein holen. Und geh gleich und bring mir dies Zimmer hübsch in Ordnung für einen Gast. Stell ein Bett auf, einen Waschtisch und so weiter.

Dóbtschinski. Und ich, Anna Andréjewna, will hinlaufen und zusehn, wie er inspiziert.

Anna Andréjewna. Gehn Sie, gehn Sie, ich halte Sie nicht.

3. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Anna Andréjewna. Nun, Máscha, jetzt müssen wir an unsere Toilette denken. Er ist ein Residenzler: Gott bewahre uns davor, von ihm irgendwie belächelt zu werden. Du solltest am besten dein blaues Kleid mit den schmalen Volants anziehen.

Márja Antónowna. Fi, Mama, das blaue! Das kann ich nicht leiden: die Ljápkin-Tjápkin geht schon in einem blauen und Fräulein Semljaníka geht auch in einem blauen. Nein, ich ziehe lieber das geblümte an.

Anna Andréjewna. Das geblümte! ... wirklich, du sprichst nur um zu widersprechen. Das andere stünde dir viel besser, weil ich mein strohfarbenes anziehen will; ich schwärme für das strohfarbene.

Márja Antónowna. Aber Mama, das strohfarbene steht dir ja gar nicht!

Anna Andréjewna. Mir nicht stehn?

Márja Antónowna. Nein, es steht dir nicht, ich wette was du willst, es steht dir nicht; dafür muß man dunkle Augen haben.

Anna Andréjewna. Nun wird’s reizend! Ich und keine dunklen Augen? Die dunkelsten von der Welt! Was schwatzt du für einen Unsinn! Wieso nicht dunkel, wenn doch beim Kartenlegen für mich immer Treffdame herauskommt?

Márja Antónowna. Ach Mamachen, viel öfter doch Coeurdame!

Anna Andréjewna. Possen! Nichts als Possen! Ich war nie Coeurdame! (Verläßt mit Márja Antónowna in Eile das Zimmer und spricht noch hinter der Szene.) Was das für Phantasien sind, Coeurdame! Soll der Himmel wissen, was das ist! (Nach ihrem Abgang öffnet sich die seitliche Tür und Míschka wirft einen Haufen Kehricht heraus. Durch die andere Tür tritt, einen Handkoffer auf dem Kopfe, Ossip herein.)

4. Szene

Míschka und Ossip.

Ossip. Wo damit hin?

Míschka. Hierher, Kamerad, hierher!

Ossip. Wart, laß mich erst verschnaufen. Miserables Leben das! Auf’n leeren Magen is jeder Packen ’ne Last.

Míschka. Na, Kamerad, kommt der General bald?

Ossip. Was für’n General denn?

Míschka. Na, dein Herr.

Ossip. Mein Herr? Der ’n General?

Míschka. Na, is er denn kein General?

Ossip. General schon, aber vom andern Ende rauf.

Míschka. Is das nu mehr oder weniger als ’n eigentlicher General?

Ossip. Mehr.

Míschka. Siehste wohl! Darum auch das Halloh im Hause.

Ossip. Hör mal, Kleiner; ich seh, du bist ’n flinker Junge — schaff doch unser einem ’n Happen zu essen!

Míschka. Nee, Kamerad, für euch is noch nichts fertig; unsre Hauskost werd’t Ihr ja nich anrühren, aber wenn sich dein Herr erst zu Tisch setzt, kriegst du auch dein Teil ab.

Ossip. Na und Hauskost, was gibt’s denn da bei euch so?

Míschka. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen.

Ossip. Kohlsuppe, Grütze und Fleischkuchen — her damit! Egal, eß ich alles. Na, denn rin mit dem Koffer. Is da noch’n Ausgang?

Míschka. Freilich. (Beide tragen den Koffer ins Nebenzimmer.)

5. Szene

Polizeidiener öffnen beide Türflügel. Herein tritt Chlestakóff, gefolgt vom Polizeimeister; weiter zurück Hospitalverwalter, Schulinspektor, Dóbtschinski und Bóbtschinski, mit einem Pflaster auf der Nase. Polizeimeister weist die Polizeidiener auf ein am Boden liegendes Stück Papier; sie rennen hin, um es aufzuheben und stoßen dabei vor Eifer mit den Köpfen zusammen.

Chlestakóff. Vortreffliche Anstalten! Es gefällt mir besonders gut, daß man in Ihrer Stadt die Durchreisenden in alle Sehenswürdigkeiten einführt. In andern Städten hat man mir gar nichts gezeigt.

Polizeimeister. In andern Städten, so wage ich zu behaupten, haben Behörden und Beamte mehr ihren eigenen Vorteil im Auge; hier aber, das darf ich wohl sagen, waltet nur das eine Streben: durch Ordnung und Fürsorge sich das Wohlwollen seiner Obrigkeit zu verdienen.

Chlestakóff. Das Frühstück war ausgezeichnet; ich habe mich ordentlich überessen. Gibt es so was bei Ihnen alle Tage?

Polizeimeister. Lediglich zu Ehren eines hochwillkommenen Gastes.

Chlestakóff. Ich esse gern mal gut. Dafür lebt man ja doch schließlich, um die Blüte des Daseins zu pflücken. Wie hieß doch noch der Fisch?

Hospitalverwalter (vortretend). Laberdan, Ew. Gnaden.

Chlestakóff. Sehr schmackhaft! Wo speisten wir doch? Im Lazarett, nicht wahr?

Hospitalverwalter. Sehr wohl, Ew. Gnaden, im Hospital.

Chlestakóff. Ach ja, ich erinnere mich, da standen Betten. Die Kranken sind wohl geheilt? Viele schienen da nicht zu sein.

Hospitalverwalter. Höchstens zehn Mann, mehr nicht; die übrigen sind alle geheilt. Das ist eben die Wirkung der vorzüglichen Ordnung. Seitdem ich die Verwaltung übernahm — es wird Ihnen freilich kaum glaubhaft erscheinen — seitdem werden sie alle gesund wie die Fliegen. Kaum kommt ein Kranker ins Lazarett, und schon ist er geheilt; und das weniger durch Medikamente als durch unsere Redlichkeit und Pflichttreue.

Polizeimeister. Und wie aufreibend — verzeihen Sie die Kühnheit — wie aufreibend die verantwortungsvolle Tätigkeit eines Stadtoberhauptes! Sachen jeder Art häufen sich, um nur der öffentlichen Bauten, der Reparaturen und der Straßenreinigung zu gedenken ... mit einem Wort, der klügste Mann käme in Verlegenheit — doch, Gott sei Dank, hier bei uns geht alles wie am Schnürchen. Ein andrer Polizeimeister würde da zweifellos an seinen eigenen Vorteil denken; aber wollen Sie es mir glauben, daß ich jeden Abend vor dem Schlafengehen für mich bete: „Herr, mein Gott, lenke meine Taten, damit die Obrigkeit meinen Eifer erkenne und zufriedengestellt sei!“ ... Selbstverständlich ist es ihr freier Wille, ob sie mich belohnen will oder nicht, aber ich für mein Teil habe wenigstens ein reines Gewissen. Ist die Stadt überall wohlbestellt, sind die Straßen gesäubert, die Gefangenen gut gehalten und wenig Betrunkene zu sehen ... was will ich dann mehr? Bei Gott, nach Auszeichnungen strebe ich nicht. Gewiß haben sie viel Verlockendes, aber vor der Tugend sind sie nichts wie eitel Nichtigkeit und Staub.

Hospitalverwalter (beiseite). Tagedieb der, wie er auspackt! Gott schenke mir solche Gabe!

Chlestakóff. Sehr richtig. Offen gestanden, auch ich philosophiere zuweilen gerne; manchmal nur so in Prosa, aber gelegentlich entschlüpft mir auch mal ein Vers.

Bóbtschinski (zu Dóbtschinski). Wie tiefsinnig, wie tiefsinnig das alles, Pjotr Iwánowitsch! Diese Bemerkungen ... man sieht’s, der hat die Bildung studiert.

Chlestakóff. Ach, sagen Sie doch bitte, gibt es hier bei Ihnen keine sogenannten Gesellschaften oder Klubs, wo man zum Beispiel ein Spielchen Karten machen könnte?

Polizeimeister (beiseite). Seht doch das Füchschen, will einem Steine über den Zaun werfen! (Laut.) Gott behüte! Solche Gesellschaften kennt man hier kaum vom Hörensagen. Ich habe überhaupt noch nie Karten angefaßt, weiß nicht einmal, wie man Karten spielt. Ich kann sie auch nicht mit ruhigem Blute betrachten, und wenn ich mal zufällig so einen Karo-König oder dergleichen vor Augen kriege, dann überkommt mich solch Ekel, daß ich geradezu ausspucken muß. Einmal hatte ich den Kindern zu Gefallen ein Kartenhaus aufgebaut, und hinterher mußte ich die ganze Nacht von dem Plunder träumen! Hol sie der Kuckuck! Wie kann man nur seine kostbare Zeit daran verschwenden ...

Schulinspektor (beiseite). Gauner, und hast mir erst gestern hundert Rubel abgeknöpft!

Polizeimeister. ... ich verwerte sie lieber zum Wohle des Vaterlandes.

Chlestakóff. Nun, so ganz sollten Sie das doch nicht ... es hängt eben alles davon ab, von welcher Seite man ein Ding betrachtet. Ja, wenn man z. B. gerade in dem Augenblick paßt, wo man hätte va banque spielen sollen ... na, dann allerdings! ... Nein, sagen Sie das nicht, zuweilen hat so ein kleines Spielchen was sehr Verlockendes.

6. Szene

Die Vorigen. Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Polizeimeister. Ich habe die Ehre, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine Frau, meine Tochter.

Chlestakóff (sich verneigend). Wie glücklich bin ich, Gnädigste, meinerseits das Vergnügen zu haben, Sie begrüßen zu dürfen.

Anna Andréjewna. Wir sind noch weit entzückter, eine so hohe Person begrüßen zu dürfen.

Chlestakóff (mit Affektation). Aber bitte sehr, Gnädigste, im Gegenteil, mir ist es noch weit willkommener.

Anna Andréjewna. Nein, wie ist’s möglich! Sie sagen das sicherlich nur aus Galanterie. Bitte untertänigst Platz zu nehmen.

Chlestakóff. Neben Ihnen zu stehen, Gnädigste, bedeutet schon Glück; wenn Sie es aber durchaus befehlen, setze ich mich auch. Wie entzückt bin ich, endlich neben Ihnen sitzen zu dürfen.

Anna Andréjewna. Ach, ich darf kaum wagen, das auf mich zu beziehen ... Ich denke, nach der Residenz müssen Sie die Exkursiong nach hierher sehr unangenehm empfunden haben.

Chlestakóff. Äußerst unangenehm! Daran gewöhnt, comprenez-vous, in der großen Welt zu leben und sich dann plötzlich auf der Landstraße wiederfinden — schmutzige Schenken, roheste Unbildung ... Ich gestehe, ohne einen solchen Zufall, der mich ... (betrachtet Anna Andréjewna und spielt den Galanten) ... für alles entschädigt ...

Anna Andréjewna. In der Tat, Sie müssen das sehr unangenehm empfunden haben!

Chlestakóff. Oh, in diesem Augenblick, Gnädigste, finde ich es sehr angenehm!

Anna Andréjewna. Aber wie ist’s nur möglich! Zuviel der Ehre ... ich verdiene es durchaus nicht.

Chlestakóff. Aber weshalb sollten Sie es nicht verdienen? Sie verdienen es, Gnädigste, wirklich, Sie verdienen es.

Anna Andréjewna. Ich lebe auf dem Dorfe ...

Chlestakóff. Oh, auch das Dorf hat seine hübschen runden Hügel und stillen Bäche ... Nun freilich, wer wird das alles auch gleich mit Petersburg vergleichen wollen! Ah, Petersburg! Welch ein Leben! Sie denken vielleicht, ich wäre bloß so ein kleiner Aktenschreiber — nicht entfernt! Ich stehe mit dem Abteilungschef auf dem vertrautesten Fuße. Der schlägt mir dann wohl gelegentlich auf die Schulter und sagt: „Na, Kollege, Mahlzeit!“ Ins Departement komme ich höchstens für zwei Minuten, nur um dort Anweisungen zu geben — das so, das so, das so. Da steht gleich so ein Sekretär, flink wie eine Ratte, setzt bloß die Feder an — kri-kri, kri-kri, kri-kri, das fliegt nur so! Man wollte mich sogar zum Kollegien-Assessor machen, na, ich weiß genau warum. Und der Portier kommt mir noch auf die Treppe nachgelaufen und ruft: „Erlauben Sie, Iwán Alexándrowitsch, daß ich Ihnen erst die Stiefel säubere!“ (Zum Polizeimeister.) Aber warum stehen Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen Sie sich doch!

Polizeimeister. Unser bescheidner Rang gebietet uns zu stehen.

Hospitalverwalter. Wir können auch stehen.

Schulinspektor. Bitte bemühen Sie sich doch nicht. (Alle drei gleichzeitig.)

Chlestakóff. Rang bei Seite, bitte setzen Sie sich! (Polizeimeister und alle anderen setzen sich.) Im Gegenteil, ich bemühe mich sogar möglichst unbemerkt durchzuschlüpfen, aber unmöglich sich zu verbergen, rein unmöglich! Kaum trete ich wo heraus, gleich heißt’s: „Ei, da ist ja Iwán Alexándrowitsch!“ Einmal hielten sie mich sogar für den Oberkommandierenden; die Soldaten rannten aus der Hauptwache und präsentierten das Gewehr. Nachher sagte mir ein Offizier, ein guter Bekannter von mir: „Schau doch Freundchen, haben wir dich wahrhaftig für den Oberkommandierenden gehalten.“

Anna Andréjewna. Nun sagen Sie bloß!

Chlestakóff. Hübsche Schauspielerinnen kenne ich auch. Auch verschiedene Vaudevilliers ... Mit Schriftstellern verkehre ich viel. Mit Puschkin bin ich ganz intim. Trifft man sich mal, dann sage ich so zu ihm: „Na, Puschkinchen, wie geht’s?“ „Na, wie soll’s gehn, Kollege,“ meint er dann, „danke, es macht sich.“ Ein Original, dieser Puschkin.

Anna Andréjewna. Dann schreiben Sie also auch? Wie wundervoll muß sich doch ein Schriftsteller fühlen! Sie veröffentlichen gewiß auch in Journalen?

Chlestakóff. O ja, auch in Journalen. Ich habe übrigens schon eine Menge Schriften verfaßt: Figaros Hochzeit, Robert der Teufel, Norma ... kaum daß ich die Namen alle noch behalten habe. Und alles wie aus dem Ärmel geschüttelt; ich wollte eigentlich gar nicht schreiben, aber die Theaterdirektoren setzen einem zu: „Liebster, Bester, schreib uns doch was!“ Ich überlege bei mir: „Na, wollen mal sehn.“ Und dann ist’s an einem einzigen Abend hingeworfen. Ich besitze eine geradezu spielende Phantasie. Alles, was unter dem Namen „Baron Brambeus“ ging: „Fregatte Hoffnung“ und „Moskauer Telegraph“ ... das war alles von mir.

Anna Andréjewna. Ach, also Sie waren Brambeus?

Chlestakóff. Freilich, ich korrigiere ihnen allen ja auch ihre Verse. Smírdin zahlt mir 40000 dafür.

Anna Andréjewna. Dann ist sicherlich auch der „Júrij Milosláwski“ von Ihnen?

Chlestakóff. Ganz gewiß.

Anna Andréjewna. Das hatte ich mir gleich gedacht!

Márja Antónowna. Aber Mama, auf dem Titel steht doch: „von Sagóskin“!

Anna Andréjewna. Wußte ich’s doch, daß du selbst hier streiten würdest!

Chlestakóff. Ah, richtig, es ist ja wahr, der ist von Sagóskin; aber es gibt noch einen andern Júrij Milosláwski, und der ist der meinige.

Anna Andréjewna. Nun also, und gerade den Ihren habe ich gelesen. Wie prachtvoll geschrieben!

Chlestakóff. Offen gestanden, ich lebe für die Literatur. Ich führe das erste Haus in Petersburg. Stadtbekannt ist es, das Haus des Iwán Alexándrowitsch. (Sich an alle Anwesenden wendend.) Machen Sie mir doch das Vergnügen, meine Herrschaften, wenn Sie mal in Petersburg sind, bitte, bitte, besuchen Sie mich. Ich gebe auch Bälle.

Anna Andréjewna. Ich kann mir vorstellen, wie stilvoll und glänzend diese Bälle sein müssen!

Chlestakóff. O durchaus nicht, ganz schlicht. Auf dem Tisch zum Beispiel eine Wassermelone — das heißt, so eine für siebenhundert Rubel. Die Suppe in einer Kasserole direkt per Dampfer aus Paris bezogen; man hebt den Deckel ab — ein Duft, wie es nichts Köstlicheres in der Welt gibt! Ich gehe jeden Tag auf den Ball. Dort habe ich auch meine Whistpartie: der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der französische Botschafter, der deutsche Botschafter und ich. Wir verbeißen uns oft derart ins Spiel, daß man’s kaum beschreiben kann. Rennt man dann nach Haus und klettert in seine vierte Etage hinauf — kann man grade noch zur Köchin stammeln: Mawrúscha, den Überzieher ... Was plappere ich denn — ich vergaß ja, ich wohne doch Beletage, nur eine Treppe hoch ... Auch sehr interessant, mein Antichambre zu sehen, ehe ich mich morgens erhoben habe: da drängen sich Grafen und Fürsten und sumsen wie die Hummeln, man hört nur: sum, sum, sum; zuweilen, wenn der Minister ... (Polizeimeister und die übrigen Herren erheben sich ehrfurchtsvoll von den Sitzen.) Selbst auf meinen Paketadressen steht: an Seine Exzellenz ... Einmal habe ich sogar das Departement geleitet. Das war ganz komisch; der Chef war verreist, keiner wußte wohin. Nun ging natürlich das Gerede los; was macht man, wer soll die Stelle ausfüllen? Viele Generale kamen als Bewerber, treten ein, versuchen — nein, zu schwer! Es scheint ganz leicht, aber näher zugesehn — unmöglich, hol’s der Teufel! Kaum sehn sie, daß es nicht geht — zu mir! Und im selben Augenblick durch die Straßen: Kuriere, Kuriere, Kuriere ... Stellen Sie sich bloß vor: fünfunddreißigtausend Kuriere! Da frage ich Sie doch, welche Situation! „Auf, Iwán Alexándrowitsch, aufs Departement!“ Ich war, offen gestanden, etwas verblüfft, kam im Schlafrock heraus, wollte absagen, denke mir aber: wenn das bis vor Majestät kommt, na, und das Avancement ... „Schön, meine Herren, ich komme, ich komme,“ sage ich, „abgemacht, ich komme; aber daß mir keiner, na, na, na! ich habe feine Ohren, ich will euch ...“ Gesagt, getan: ich quer durchs Departement, das reine Erdbeben, alles schwankt und zittert wie Espenlaub. (Polizeimeister und die Übrigen beben vor Schreck; Chlestakóff erhitzt sich noch stärker.) O ich spaße nicht; ich habe es ihnen allen beigebracht! Selbst der Staatsrat fürchtet sich vor mir. Warum auch nicht? Das ist so meine Art! Ich nehme auf niemand Rücksicht ... Zu jedem sage ich: „Ich weiß alleine Bescheid!“ Ich bin überall, überall. Jeden Tag fahre ich zu Hofe. Morgen werde ich gleich zum Feldmarsch... (schwankt und fällt beinahe zu Boden, wird aber von den Beamten ehrfurchtsvoll gestützt.)

Polizeimeister (tritt näher und versucht, am ganzen Leibe zitternd, zu sprechen). Aber E... E... E...

Chlestakóff (in heftigem, befehlendem Ton). Was wollen Sie?

Polizeimeister. Aber E... E... E... E...

Chlestakóff (im gleichen Ton). Verstehe gar nichts, alles Unsinn.

Polizeimeister. Euer E... Ex...zellenz befehlen vielleicht etwas auszuruhen ... Hier ist ein Zimmer, alles ist bereit.

Chlestakóff. Blödsinn — ausruhen! Meinetwegen auch ausruhen ... Ihr Frühstück, meine Herren, famos ... sehr zufrieden, sehr zufrieden .... (mit Emphase.) Laberdan! Laberdan! (Ab ins Nebenzimmer, gefolgt vom Polizeimeister.)

7. Szene

Die Vorigen außer Chlestakóff und Polizeimeister.

Bóbtschinski. Das ist ein Mann, Pjotr Iwánowitsch! Das heißt doch ein Mann! Noch nie im Leben habe ich vor einer so bedeutenden Persönlichkeit gestanden; vor Furcht bin ich fast gestorben. Was glauben Sie, Pjotr Iwánowitsch, welchen Rang mag er wohl bekleiden?

Dóbtschinski. Ich meine zum mindesten General.

Bóbtschinski. Ich meine jedoch, ein General reicht dem nicht an die Gamaschen! Und wenn selbst General, dann mindestens Generalissimus. Sie hörten ja, wie er den Staatsrat angeblasen hat. Kommen Sie, erzählen wir’s rasch Ammós Fjódorowitsch und Koróbkin. Empfehle mich, Anna Andréjewna!

Dóbtschinski. Empfehle mich, Frau Gevatterin! (Beide ab.)

Hospitalverwalter (zum Schulinspektor). Seltsam, höchst seltsam, weshalb, das weiß ich selbst nicht. Und wir sind nicht einmal in Gala! Was dann, wenn er erwacht und sofort darüber nach Petersburg berichtet? (Verläßt mit dem Schulinspektor nachdenklich das Zimmer; im Hinausgehen:) Empfehlen uns, Gnädigste!

8. Szene

Anna Andréjewna und Márja Antónowna.

Anna Andréjewna. Ach, was für ein reizender junger Mann!

Márja Antónowna. Ach und wie lieb!

Anna Andréjewna. Und diese vornehmen Manieren! Man merkt doch gleich den Großstädter! Haltung und alles von einer Feinheit ... Ach, wie entzückend! Ich schwärme für dergleichen junge Männer! Wirklich, ich bin ganz außer mir. Ich habe übrigens Eindruck auf ihn gemacht; ich bemerkte es wohl, er sah immer nach mir hin.

Márja Antónowna. Aber Mama, mich hat er angesehen!

Anna Andréjewna. Bleib mir gefälligst fort mit deinem Unsinn! Der ist hier überflüssig!

Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama!

Anna Andréjewna. Natürlich! Gott bewahre mich, alles muß sie abstreiten! Jetzt schweig aber mal still! Er und dich ansehn? Weshalb hätte er dich ansehn sollen?

Márja Antónowna. Ganz gewiß, Mama, immerfort hat er mich angesehen. Als er von der Literatur anfing, da sah er mich an, und nachher, wie er erzählte, daß er mit den Botschaftern Whist spielt, da sah er mich auch an.

Anna Andréjewna. Nun, kann sein, vielleicht so einmal, aber dann höchstens etwa so: „Na, sehen wir uns die auch mal an!“

9. Szene

Die Vorigen und Polizeimeister.

Polizeimeister (tritt auf den Fußspitzen herein). Pst ... pst ...

Anna Andréjewna. Wie steht’s?

Polizeimeister. Es ist mir doch fatal, daß er sich übernommen hat. Indes, und wenn auch nur die Hälfte von dem, was er gesagt hat, wahr ist? (Überlegend.) Warum sollte es denn auch nicht wahr sein? Im Rausch offenbart der Mensch alles: wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Freilich, ein bißchen geflunkert hat er schon; aber ohne Flunkern kommt schließlich keine vernünftige Unterhaltung zustande. Mit den Ministern spielt er Karten und fährt zu Hofe ... Wahrhaftig, je mehr man darüber nachdenkt ... weiß der Teufel, was in meinem Schädel vorgeht; mir ist gerade so, als ob ich hoch oben auf einem Glockenturme stünde — oder gehängt werden sollte.

Anna Andréjewna. Ich für mein Teil habe mich durchaus nicht befangen gefühlt: ich sah in ihm lediglich den gebildeten, weltgewandten, vornehmen Mann, sein Rang geht mich dabei gar nichts an.

Polizeimeister. So seid ihr eben alle — ihr Weiber! Alles ist gleich in schönster Ordnung, da genügt ein einziges Wörtchen! Euch ist alles — Spielkram! Das plappert bald so, bald so. Und habt ihr euch verheddert, seht doch, wie sie da nach dem teuren Gatten schreien! Du, meine Verehrteste, hast ihn eben leider so harmlos genommen, wie irgend einen beliebigen Dóbtschinski.

Anna Andréjewna. Sei bitte meinetwegen ganz ohne Sorge. Ich weiß vollkommen, was sich schickt! (wirft dabei einen bedeutsamen Blick auf die Tochter.)

Polizeimeister (für sich). Mit euch auch reden! ... Aber wahrhaftig, dieser ganze Fall! Ich kann mich noch immer nicht vom Schreck erholen. (Öffnet die Tür und ruft hinaus) Míschka! Ruf die Polizeidiener Swistúnoff und Djerschimórda: sie müssen hier irgendwo beim Tore sein. (Nach längerem Schweigen.) Sonderbar, wie es jetzt in der Welt zugeht; wenn es wenigstens ansehnliche Kerle wären, aber so ein unscheinbares, schmächtiges Herrchen — wie soll man da herausbekommen, was er ist? Ein Militär ist immer noch was Greifbares; zieht er aber den Frack an — dann schaut er aus wie eine Fliege mit ausgerupften Flügeln. Hat sich vorhin im Gasthof lange genug verbarrikadiert und mit so viel Anspielungen und Zweideutigkeiten geplänkelt, daß man’s in Ewigkeit nicht hätte zusammenreimen können. Nun hat er endlich die Waffen gestreckt. Hat sogar noch mehr geredet, als nötig war. Eins ist wenigstens sicher: der ist noch sehr jung!

10. Szene

Die Vorigen und Ossip. Alle laufen ihm winkend entgegen.

Anna Andréjewna. Komm doch mal her, mein Lieber!

Polizeimeister. Pst! ... Wie steht’s? Schläft er?

Ossip. Nein, er reckt sich noch ’n bissel.

Anna Andréjewna. Hör mal, mein Lieber, wie heißt denn du?

Ossip. Ossip, Gnädigste.

Polizeimeister (zu Frau und Tochter). Laßt schon, laßt! (Zu Ossip) Nun, Freundchen, hat man dich ordentlich versorgt?

Ossip. Gut versorgt, allerschönsten Dank, tüchtig versorgt.

Anna Andréjewna. Sag doch mal: dein Herr bekommt wohl oft Besuch von Grafen und Fürsten?

Ossip (zur Seite). Was red’t man da nu? Haben sie einen jetzt gut gefüttert, füttern sie einen hernach vielleicht noch besser. (Laut). Ja, auch Grafen kommen.

Márja Antónowna. Ach, Ossipchen, wie reizend ist doch dein Herr!

Anna Andréjewna. Sag doch, Ossip, dein Herr ist wohl ...

Polizeimeister. So hört doch mal auf! Ihr stört mich nur mit euren albernen Fragen. Na Freundchen ...

Anna Andréjewna. Und welchen Rang hat denn dein Herr?

Ossip. Na den gewöhnlichen.

Polizeimeister. Mein Gott, ewig diese Fragereien! Kein Wort kann man zur Sache reden. Nun, mein Freund, wie ist denn so dein Herr? ... Streng? Schimpft er auch mal gerne oder nicht?

Ossip. O ja, auf Ordnung hält er sehr. Alles muß bei ihm auf die Minute gehn.

Polizeimeister. Du gefällst mir recht gut, Freundchen! Du mußt ein braver Mensch sein. Sag mal ...

Anna Andréjewna. Ach, Ossip, was trägt denn dein Herr dort, Uniform oder ...

Polizeimeister. Ruhe, zum Donnerwetter, ihr Plappermäuler! Hier ist’s dringend, hier geht’s um ein Menschenleben .... (Zu Ossip.) Also, Freundchen, du gefällst mir sehr gut; auf der Reise trinkt man gern mal ein Gläschen Tee; kalt ist’s außerdem; da hast du ein paar Blanke für Tee.

Ossip (nimmt das Geld). Ah, danke allerschönstens, gnädiger Herr! Gott schenke Ihnen alle Gesundheit! Wie gut Sie zu ’n armen Menschen sind.

Polizeimeister. Schon gut, schon gut, ich bin selbst sehr froh. Sag mal — —

Anna Andréjewna. Hör doch, Ossip, was für Augen gefallen deinem Herrn am besten? ...

Márja Antónowna. Ach, Ossipchen, was für ein liebes Näschen dein Herr hat!

Polizeimeister. So schweigt doch schon, laßt mich doch endlich! ... (Zu Ossip). Jetzt sag mal, Freund: worauf achtet dein Herr am meisten, will sagen, was behagt ihm auf der Reise am meisten?

Ossip. Genau besehn, alles was kommt. Am meisten aber liebt er’s, wenn man ihn schön aufnimmt und gehörig verpflegt.

Polizeimeister. So so?

Ossip. Ja so. Und sehn Sie, ich bin doch nur ’n Leibeigner, aber er paßt auch auf, daß ich’s gut kriege. Freilich. Wir kommen wohin: „Na, Ossip, gut bewirtet worden?“ „Schlecht, Hochwohlgeboren!“ „Sieh mal, der miserable Wirt. Du“, meint er, „erinnere mich dran, wenn wir heim kommen“. „Ah“, denk ich bei mir, (mit einer Handbewegung) „laß ihn laufen! Ich bin ’n friedlicher Mensch!“

Polizeimeister. Schön, schön, sehr vernünftig, was du da sagst. Eben gab ich dir was für Tee, da nimm noch was für Zwieback.

Ossip. Zu gnädig, Hochwohlgeboren! (Steckt das Geld ein.) Da trink ich mal auf Ihre Gesundheit.

Anna Andréjewna. Komm her, lieber Ossip, nimm auch von mir das.

Márja Antónowna. Ach Ossipchen, gib deinem Herrn für mich einen Kuß! (Aus dem Nebenzimmer hört man ein leichtes Husten Chlestakóffs.)

Polizeimeister. Pst! (Erhebt sich auf den Fußspitzen.) Könnt ihr denn gar keine Ruhe halten! Geht, geht, es ist genug ...

Anna Andréjewna. Komm Máscha! Ich muß dir was erzählen, ich habe an unserm Gaste was bemerkt, was man nur unter vier Augen wiedersagen kann.

Polizeimeister. Was die sich auch immer zu erzählen haben! Einmal hinhören und sich sofort die Ohren verstopfen! (Wieder zu Ossip gewendet.) Na, mein Freund ...

11. Szene

Die Vorigen. Djerschimórda und Swistúnoff.

Polizeimeister. Pst! Wie diese verdammten vierschrötigen Bären mit den Stiefeln stampfen. Das dröhnt, als ob einer vierzig Zentner vom Lastwagen herabwirft! Welcher Satan schickt euch her?

Djerschimórda. Wir kamen auf Befehl ...

Polizeimeister. Pst! (Hält ihm den Mund zu.) Wie das Rabenvieh krächzt! (schüttelt ihn.) „Wir kamen auf Befehl!“ Brüllt wie aus einer Tonne! (Zu Ossip.) Geh, Freundchen, besorge dort das deinige und verfüge über alles, was das Haus bieten kann. (Ossip ab.) Und ihr — ihr habt mir auf der Treppe zu stehen, und nicht von der Stelle gerührt! Und keinen Unbefugten hereingelassen, vor allem keine Kaufleute! Laßt ihr auch nur einen herein, dann ...! So wie ihr seht, daß jemand mit einer Beschwerdeschrift kommt, oder wenn er auch nur so aussieht, als ob er eine Beschwerde über mich einreichen will, dann ohne weiteres eins ins Genick! So! tüchtig! (Machts ihnen mit dem Fuße vor.) Verstanden? Pst! ... Pst! ... (Geht auf den Zehen hinaus, die Polizeidiener vor sich herschiebend.)

(Ende des dritten Aufzuges.)

Vierter Aufzug

(Dasselbe Zimmer im Hause des Polizeimeisters.)

1. Szene

Es treten auf — behutsam auf den Fußspitzen: Kreisrichter, Hospitalverwalter, Postmeister, Schulinspektor, Dóbtschinski, Bóbtschinski, (sämtlich in voller Gala. Die ganze Szene geht im Flüsterton vor sich.)

Kreisrichter (stellt alle im Halbkreis auf). Um Gotteswillen, meine Herren, schnell einen Halbkreis gebildet, und mehr Richtung! Ein gefährlicher Herr: fährt zu Hofe und schnauzt den Staatsrat an! Stellen Sie sich in Schlachtordnung! Sie Pjotr Iwánowitsch, stellen sich hierher.

(Beide Pjotr Iwánowitsch eilen auf den Zehen herbei.)

Hospitalverwalter. Gestatten Sie, Ammós Fjódorowitsch, man sollte doch zuvor etwas versuchen.

Kreisrichter. Und was denn?

Hospitalverwalter. Na, was ganz bekanntes.

Kreisrichter. Schmieren?

Hospitalverwalter. Nun ja doch, schmieren.

Kreisrichter. Das ist gefährlich, das spricht sich ’rum: ein Staatsbeamter! Vielleicht in Form einer Widmung seitens des Adels — irgendein Andenken.

Postmeister. Oder einfach so: Schaun Sie, Euer Gnaden, da ist Geld auf der Post eingegangen, aber keiner weiß, wem’s gehört.

Hospitalverwalter. Passen Sie dann nur auf, daß er Sie nicht mit der Post weiter wohin befördert. Nein, hören Sie, in einem wohlgeordneten Staate behandelt man derartige Dinge anders. Wozu braucht’s denn hier der ganzen Schwadron? Einzeln muß man sich vorstellen, und dann unter vier Augen ... wie sich’s eben gehört; die Ohren dürfen nichts davon merken! So ist das in der guten Gesellschaft hergebracht. Sie, Ammós Fjódorowitsch, müßten den Anfang machen.

Kreisrichter. Nein, besser Sie; in Ihrer Anstalt hat der hohe Besuch doch auch gespeist.

Hospitalverwalter. Dann eher noch Lúka Lúkitsch in seiner Eigenschaft als Erleuchter der Jugend.

Schulinspektor. Nein ich kann nicht, ich kann nicht, meine Herren! Offen gestanden, ich bin so ängstlich, daß ich, wenn ein höherer Beamter mit mir redet, gleich den Kopf verliere und mir die Zunge im Halse stecken bleibt. Nein, meine Herren, lassen Sie mich aus, lassen Sie mich aus!

Hospitalverwalter. Ja, dann bleiben eben nur Sie, Ammós Fjódorowitsch. Sie haben ja auch einen Redefluß, um den Sie Cicero beneiden könnte.

Kreisrichter. Warum nicht gar! Cicero! Was Sie sich auch ausdenken! Wenn ich mich auch manchmal hinreißen lasse beim Gespräch über Jagd- und Schweißhunde ...

Alle (ihn umdrängend). Nein, nein, nicht nur von Hunden, Sie können sogar vom babylonischen Turm ... Nein, Ammós Fjódorowitsch, lassen Sie uns nicht im Stich, seien Sie unser Vater! Nein, Ammós Fjódorowitsch!

Kreisrichter. Lassen Sie mich frei, meine Herren!

(Im selben Augenblick hört man im Nebenzimmer Schritte und Husten Chlestakóffs. Alle rennen um die Wette nach der Tür und drängen sich, um schnell hinauszukommen, was nicht ohne gegenseitige Püffe abgeht; man hört unterdrückte Ausrufe.)

Stimme Bóbtschinskis. Au! Dóbtschinski, Dóbtschinski! Meine Hühneraugen!

Stimme des Hospitalverwalters. Herrschaft laßt los, laßt los, Ihr quetscht mir ja die Seele aus dem Leibe!

(Man hört noch weitere Ausrufe ai! au! Endlich haben sich alle durchgedrückt, und das Zimmer ist leer.)

2. Szene

Chlestakóff allein; tritt herein mit verschlafenen Augen.

Chlestakóff. Ich muß ganz tüchtig geschnarcht haben. Wo sie bloß alle diese Matratzen und Federbetten herhaben mögen? Geschwitzt habe ich sogar. Mir scheint, ich habe mir gestern beim Frühstück einen ziemlichen Schwips zugelegt: noch bis jetzt brummt mir der Schädel. Ich sehe, man kann hier seine Zeit auf die angenehmste Weise verbringen. Ich liebe die Gastlichkeit und schätze sie noch höher, wenn ich mehr aus natürlicher Herzensgüte und weniger mit besonderen Hintergedanken bewillkommnet werde. Zudem ist dies Töchterchen des Polizeimeisters durchaus nicht so übel, und selbst bei der Mama könnte man noch ganz gut ... Alles in allem ... wahrhaftig, diese Art Leben behagt mir.

3. Szene

Chlestakóff und Kreisrichter.

Kreisrichter (tritt ein, bleibt stehen und spricht für sich). Gott, mein Gott! Hilf mir aus dieser Klemme; meine Knie brechen mir vor Angst. (Laut, Haltung nehmend und die Hand am Degen.) Habe die Ehre mich vorzustellen: Ljápkin-Tjápkin, Kollegienassessor und Richter des hiesigen Kreises.

Chlestakóff. Bitte nehmen Sie Platz! So, Sie sind Richter hier?

Kreisrichter. Vor zwanzig Jahren wurde ich auf Vorschlag des Adels für drei Jahre gewählt und verwalte mein Amt bis auf den heutigen Tag.

Chlestakóff. Das ist wohl ein recht einträglicher Posten?

Kreisrichter. Nach zweimaliger Wiederwahl erhielt ich den Wladímir vierter Klasse nebst einer Belobigung seitens meiner vorgesetzten Behörde. (Beiseite.) Wie mir das Geld zwischen den Fingern brennt!

Chlestakóff. Der Wladímir ist mir sehr sympathisch; der Annenorden dritter reicht da nicht heran.

Kreisrichter (streckt die geschlossene Hand ein wenig weiter vor; beiseite). Gott im Himmel, ich weiß nicht mehr, wo ich bin, ich sitze wie auf glühenden Kohlen!

Chlestakóff. Was haben Sie da in der Hand?

Kreisrichter (verliert den Kopf und läßt die Scheine auf den Boden fallen). O nichts.

Chlestakóff. Wieso nichts? Da fiel doch Geld hin.

Kreisrichter (am ganzen Leibe zitternd). D — d — durchaus nicht! (Beiseite.) O Gott! Jetzt bin ich gerichtet, der Henkerwagen wartet schon.

Chlestakóff (das Geld aufhebend). Natürlich ist das Geld.

Kreisrichter (beiseite). Nun bin ich verloren, total verloren!

Chlestakóff. Ach wissen Sie, leihen Sie mir das Geld!

Kreisrichter (eilfertig). Wie ... wie ... mit dem größten Vergnügen! (Beiseite.) Mut, Mut, heilige Mutter Gottes, steh mir bei!

Chlestakóff. Sehen Sie, ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt; dies und jenes ... ich schicke es Ihnen übrigens von Hause gleich wieder zurück.

Kreisrichter. Absolut unnötig! An sich schon welche Ehre ... Mit meinen schwachen Kräften der Obrigkeit in Eifer und Hingabe ... zu dienen bereit ... (erhebt sich vom Stuhle, in Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart zu belästigen. Hatten Sie noch irgendwelche Befehle zu erteilen?

Chlestakóff. Was für Befehle?

Kreisrichter. Ich meine — Befehle an den hiesigen Kreisrichter!

Chlestakóff. Wozu? Ich habe augenblicklich gar kein Verlangen nach ihm; nein, durchaus nicht, danke verbindlichst.

Kreisrichter (sich verneigend und im Hinausgehen beiseite). Die Festung ist erobert!

Chlestakóff (nach seinem Abgang). Ein freundlicher Mann, dieser Kreisrichter!

4. Szene

Chlestakóff. Postmeister (tritt ein, in Gala und aufrechter Haltung, die Hand am Degen).

Postmeister. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Postmeister und Hofrat Schpékin!

Chlestakóff. Ah, sehr willkommen! Ich liebe angenehme Gesellschaft. Setzen Sie sich. Leben Sie beständig hier?

Postmeister. Zu dienen.

Chlestakóff. Mir gefällt Ihr Städtchen. Es ist freilich nicht sehr bevölkert — aber was tut das? Es ist ja doch keine Residenz, nicht wahr? Es ist ja doch keine Residenz?

Postmeister. Vollkommen richtig.

Chlestakóff. Den bon ton gibt’s doch eben nur in der Residenz, die hat auch keine Provinzgänse. Was ist Ihre Meinung, wie?

Postmeister. Durchaus die nämliche! (Beiseite.) Scheint gar nicht stolz zu sein; erkundigt sich nach allem.

Chlestakóff. Sagen Sie mal aufrichtig: auch in einer kleinen Stadt läßt es sich wohl ganz hübsch leben?

Postmeister. O gewiß.

Chlestakóff. Ich meine so, was braucht man weiter? Man braucht nur geachtet und geliebt zu sein — nicht wahr?

Postmeister. Sehr richtig bemerkt.

Chlestakóff. Ich bin wirklich recht erfreut, daß Sie so ganz meiner Meinung sind. Ich gelte allerdings für einen Sonderling, aber das ist nun mal meine Charakteranlage. (Sieht ihm in die Augen und spricht für sich.) Ob ich diesen Postmeister wohl anpumpen kann? (Laut.) Was mir da komisches passiert ist! Ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir vielleicht dreihundert Rubel leihen?

Postmeister. Aber sofort! Mit dem größten Vergnügen! Haben Sie die Güte. Stehe bereitwilligst zu Diensten.

Chlestakóff. Sehr verbunden! Offen gestanden, es ist mir in den Tod zuwider, mich auf der Reise einschränken zu sollen; wozu auch? Nicht wahr?

Postmeister. Sehr richtig. (Erhebt sich, in aufrechter Haltung und die Hand am Degen.) Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen ... Hätten Sie einige Anweisungen hinsichtlich des Postdienstes?

Chlestakóff. Nein, nichts. (Postmeister verneigt sich und geht ab.)

Chlestakóff (eine Zigarre anzündend). Der Postmeister scheint auch ein recht netter Mensch zu sein; zum mindesten sehr gefällig. Solche Leute liebe ich.

5. Szene

Chlestakóff und Schulinspektor, der fast zur Tür hereingestoßen wird. Hinter ihm hört man eine ziemlich laute Stimme: „Hasenfuß!“

Schulinspektor (in zitternder Haltung, die Hand am Degen). Habe die Ehre, mich vorzustellen: Schulinspektor und Titularrat Chlópoff.

Chlestakóff. Ah, sehr willkommen! Nehmen Sie Platz, nehmen Sie Platz! Zigarre gefällig? (Reicht ihm eine Zigarre.)

Schulinspektor (unschlüssig, für sich). Hast du nicht gesehn! Darauf war ich nicht vorbereitet. Was nun?

Chlestakóff. Nehmen Sie, nehmen Sie nur; ganz anständiges Kraut. Natürlich nicht so wie in Petersburg. Sehn Sie, mein Verehrtester, dort rauche ich so gewöhnlich das Kistchen zu fünfundzwanzig Rubel, tadellos, man leckt sich ordentlich die Lippen danach. Hier ist Feuer, bitte schön. (Reicht ihm das Licht.)