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Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Chapter 41: 2. Szene
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About This Book

The play satirizes provincial administration through a sequence of misunderstandings and escalating panic after local dignitaries mistake a passing junior official for a secret inspector. Efforts to conceal inefficiency and secure favor prompt theatrical flattery, bribes, and farcical attempts at impressing the supposed evaluator, while the supposed inspector and his servant exploit the error. Sharp comedic episodes expose vanity, petty corruption, and social pretensions as differing personalities react with fear, opportunism, and hypocrisy across the play's structured scenes.

Schulinspektor (versucht zu rauchen und schlottert am ganzen Leibe).

Chlestakóff. Aber Sie rauchen ja verkehrt!

Schulinspektor (läßt vor Schreck die Zigarre fallen, spuckt aus und weht sich mit der Hand vor dem Gesicht; für sich). Hol das alles doch der Teufel! Diese verfluchte Schüchternheit!

Chlestakóff. Sie scheinen kein Freund von Zigarren zu sein. Ich freilich habe offen gesagt geradezu eine Schwäche dafür. Es geht mir damit so wie mit dem schönen Geschlecht, ich kann da absolut nicht gleichgültig sein. Und Sie? Was mögen Sie mehr, die Brünetten oder Blondinen?

Schulinspektor (schwebt in völliger Ratlosigkeit, was er sagen soll).

Chlestakóff. Nein, frei heraus, Brünette oder Blondinen?

Schulinspektor. Ich wage keine Ansicht ...

Chlestakóff. Nein, nein, keine Ausrede! Ich will unbedingt Ihren Geschmack kennen lernen!

Schulinspektor. Dann würde ich mir ergebenst zu bemerken gestatten ... (Beiseite.) Ich weiß ja selber nicht was; alles dreht sich mir im Kopfe herum.

Chlestakóff. Aha! Sie wollen es nicht sagen! Gewiß hat’s Ihnen so eine kleine Brünette angetan! Hab’ ich recht?

Schulinspektor (schweigt).

Chlestakóff. Ja, ja, Sie erröten, sehen Sie wohl! Warum gestehn Sie’s denn nicht?

Schulinspektor. Meine Befangenheit, Ew. Wohl... Hochwohl... Exzell... (Beiseite.) Läßt mich doch richtig die verdammte Zunge im Stich!

Chlestakóff. Befangenheit! In der Tat, ich habe in meinen Augen so ein gewisses Etwas, das befangen macht. Wenigstens weiß ich genau, daß kein Weib ihm zu widerstehen vermag. Nicht wahr?

Schulinspektor. Ganz zweifellos!

Chlestakóff. Da ist mir ein seltsamer Fall passiert — ich habe mich auf der Reise ganz verausgabt. Könnten Sie mir wohl dreihundert Rubel leihen?

Schulinspektor (greift in die Tasche; für sich). Schöne Blamage, wenn ich jetzt nichts bei mir hätte! Ist da! Ist da! (Zieht die Scheine heraus und überreicht sie zitternd.)

Chlestakóff. Herzlichen Dank!

Schulinspektor. Ich wage nicht, Sie länger mit meiner Gegenwart zu belästigen.

Chlestakóff. Leben Sie wohl.

Schulinspektor (eilt fast laufend hinaus und spricht beiseite). Nun Gott sei Dank! der guckt mir nicht in meine Klassen hinein!

6. Szene

Chlestakóff. Hospitalverwalter, in Haltung und die Hand am Degen.

Hospitalverwalter. Habe die Ehre, mich vorzustellen: Hospitalverwalter und Hofrat Semljaníka.

Chlestakóff. Schönen guten Tag, bitte nehmen Sie gefälligst Platz.

Hospitalverwalter. Ich hatte gestern die Ehre, Sie persönlich empfangen und Ihnen in der meiner Aufsicht anvertrauten Anstalt aufwarten zu dürfen.

Chlestakóff. Ach ja, ich erinnere mich. Sie gaben mir ein vorzügliches Frühstück.

Hospitalverwalter. Ich bin glücklich, dem Vaterlande dienen zu können.

Chlestakóff. Offen gestanden, es ist das meine schwache Seite — ich liebe eine gute Küche. Sagen Sie doch mal, mir scheint — waren Sie nicht gestern ein Endchen kleiner, wie?

Hospitalverwalter. Sehr wohl möglich. (Nach kurzer Pause.) Ich darf es aussprechen, daß ich mit größter Aufopferung und Hingebung meinen Dienst erfülle. (Rückt näher und spricht halblaut.) Sehen Sie, der hiesige Postmeister tut gar rein gar nichts; alles ist gänzlich verwahrlost: Sendungen werden unterschlagen ... bitte nur selbst einmal nachzusehen. Auch der Kreisrichter, der eben vor mir drin war, geht immer nur auf die Hasenjagd, hält seine Hunde im Gerichtslokal, und seine Moral, wenn ich es vor Ihnen bekennen darf — indessen zum Wohle des Vaterlandes muß ich es tun, obwohl er mein Anverwandter und Freund ist — seine Moral ist die denkbar schlechteste. Hier lebt ein Hausbesitzer Dóbtschinski, Sie geruhten ihn bereits bemerkt zu haben, und wenn dieser Dóbtschinski nur einen Schritt aus seinem Hause tut, gleich ist der Kreisrichter drin und treibt mit seiner Frau ... ich kann es beschwören ... Sie brauchen sich da nur mal die Kinder anzusehen: keins von ihnen gleicht dem Dóbtschinski, aber alle, sogar das jüngste Töchterchen, sind dem Kreisrichter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Chlestakóff. Was Sie sagen! Das hätte ich nie gedacht!

Hospitalverwalter. Und dann der Schulinspektor. Ich verstehe nicht, wie die Obrigkeit ihm solch ein Amt anvertrauen konnte. Er ist schlimmer als ein Jakobiner und bringt der Jugend derartig verwerfliche Grundsätze bei, daß es schwer zu beschreiben ist. Befehlen Sie, daß ich darüber ein schriftliches Memorandum aufsetze?

Chlestakóff. Schön, jedenfalls schriftlich. Es wird mir sehr willkommen sein. Wissen Sie, ich liebe es sehr, für langweilige Stunden etwas Erbauliches zum Lesen zu haben ... Wie heißen Sie doch? Ich vergesse immer alles.

Hospitalverwalter. Semljaníka.

Chlestakóff. Ach ja, Semljaníka. Sagen Sie, haben Sie Kinder?

Hospitalverwalter. Freilich, ganze fünf, zwei schon erwachsen.

Chlestakóff. So, so, auch schon erwachsene! Na und die ... welchen Geschl...?

Hospitalverwalter. Sie geruhten wahrscheinlich zu fragen, wie sie heißen?

Chlestakóff. Ja wohl, wie sie heißen.

Hospitalverwalter. Nikolái, Iwán, Elisabeth, Márja und Perpetua.

Chlestakóff. Famos.

Hospitalverwalter. Ich wage nicht, Sie länger durch meine Gegenwart zu belästigen und Ihnen kostbare Zeit zu rauben, die den heiligsten Pflichten gewidmet ist ... (Verneigt sich und will abtreten.)

Chlestakóff (Gibt ihm das Geleit). Nein, durch aus nicht. Das ist ja alles sehr spaßhaft, was Sie mir da erzählt haben. Machen Sie mir bald wieder das Vergnügen ... ich höre so etwas sehr gerne. (Geht schnell wieder zur Türe, öffnet sie und ruft hinter ihm her.) He Sie! Wie heißen Sie doch noch? Ich vergesse alles, wie heißen Sie mit Vor- und Vaternamen?

Hospitalverwalter. Artémij Filíppowitsch.

Chlestakóff. Tun Sie mir den Gefallen, Artémij Filíppowitsch, mir ist ein komischer Fall begegnet: ich gab mich auf der Reise vollständig aus. Könnten Sie mir wohl vierhundert Rubel leihen?

Hospitalverwalter. Zu dienen.

Chlestakóff. Wie gut sich das trifft! Danke verbindlichst!

7. Szene

Chlestakóff. Dóbtschinski und Bóbtschinski.

Bóbtschinski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner hiesiger Stadt, Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski junior.

Dóbtschinski. Hausbesitzer Pjotr Iwánowitsch Dóbtschinski junior.

Chlestakóff. Sieh da, wir kennen uns ja bereits! Mir scheint, Sie fielen damals hin? Nun, was macht Ihre Nase?

Bóbtschinski. O danke sehr, bitte bemühen Sie sich nicht: schon ganz trocken, vollkommen trocken.

Chlestakóff. Das ist ja sehr schön. Ich bin sehr erfreut ... (Plötzlich und überraschend.) Haben Sie Geld bei sich?

Dóbtschinski. Geld? Wieso Geld?

Chlestakóff. Um mir tausend Rubel zu leihen.

Bóbtschinski. Eine solche Summe, bei Gott, nein; Sie vielleicht, Pjotr Iwánowitsch?

Dóbtschinski. Ich auf keinen Fall, weil ich mein Geld, belieben Sie zu vermerken, bei der Staatskreditbank angelegt habe.

Chlestakóff. Na, wenn nicht tausend, dann doch hundert.

Bóbtschinski (in den Taschen wühlend). Haben Sie nicht hundert Rubel, Pjotr Iwánowitsch? Ich habe nur vierzig in Papier.

Dóbtschinski. Und ich fünfundzwanzig alles in allem.

Bóbtschinski. Sehen Sie nur genauer nach, Pjotr Iwánowitsch! Ich weiß genau, in Ihrer rechten Tasche ist ein Loch, da werden sich gewiß ein paar verkrochen haben.

Dóbtschinski. Nein, auch da ist nichts drin.

Chlestakóff. Nun egal: was liegt daran; meinetwegen also fünfundsechzig Rubel ... Ist mir einerlei. (Nimmt das Geld.)

Dóbtschinski. Ich möchte mir die Freiheit nehmen, Ihnen noch eine besondere Bitte in einer delikaten Angelegenheit vorzutragen.

Chlestakóff. Und das wäre?

Dóbtschinski. Die Sache ist sehr delikater Natur: mein ältester Sohn, bitte ergebenst zu vermerken, wurde noch kurz vor meiner Hochzeit geboren ...

Chlestakóff. So?

Dóbtschinski. Ja, das heißt, man nennt das nur so, aber er ist so gewiß mein leiblicher Sohn, als wenn er in der Ehe geboren wäre, und überdies habe ich hinterher alles, wie sich’s gehört, durch den gesetzlichen Ehebund geordnet. Nun möchte ich gerne, bitte zu vermerken, daß er von jetzt an auch richtig, das heißt gesetzlich mein Sohn sei und sich nennen dürfte wie ich, Dóbtschinski.

Chlestakóff. Gut, mag er sich doch so nennen, warum nicht?

Dóbtschinski. Ich würde Sie auch damit gar nicht belästigt haben, aber es wäre zu schade um seine Talente. So ein Kerlchen ... berechtigt zu den schönsten Hoffnungen: die verschiedensten Gedichte sagt er auswendig her, und wenn er wo ein Messer in die Finger kriegt, da schnitzt er Ihnen gleich kleine Wägelchen, so geschickt wie ein Tausendkünstler. Pjotr Iwánowitsch kann’s bezeugen.

Bóbtschinski. Ja, er hat wunderbare Talente!

Chlestakóff. Gut gut! Ich werde mir Mühe geben, will Rücksprache nehmen ... ich hoffe ... es soll geschehen, ja, ja ... (zu Bóbtschinski gewandt). Haben Sie nicht auch noch ein Anliegen?

Bóbtschinski. Freilich, ich hätte eine untertänigste Bitte.

Chlestakóff. Nun und welcher Art?

Bóbtschinski. Bitte untertänigst, wenn Sie wieder nach Petersburg kommen, sagen Sie bitte all den verschiedenen hochmögenden Senatoren und Admirälen: Ew. Exzellenz, oder: Ew. Hochwohlgeboren, dort in der und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski — genau so: lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski.

Chlestakóff. Sehr gerne.

Bóbtschinski. Auch wenn Sie mal zufällig den Kaiser treffen, dann sagen Sie bitte auch dem Kaiser: Halten zu Gnaden, kaiserliche Majestät, aber in der und der Stadt lebt Pjotr Iwánowitsch Bóbtschinski.

Chlestakóff. Aber sehr gerne.

Dóbtschinski. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so belästigt haben.

Bóbtschinski. Verzeihen Sie, daß wir Sie mit unserer Gegenwart so belästigt haben.

Chlestakóff. Bitte, hat nichts zu sagen! War mir sehr angenehm. (Geleitet sie bis an die Tür.)

8. Szene

Chlestakóff allein.

Chlestakóff. Recht viel Beamte gibt’s hier. Sie scheinen mich übrigens alle für ein großes Tier zu halten. Freilich, ich habe ihnen gestern einigen blauen Dunst vorgemacht. Die Schafsköpfe! Ich müßte das alles doch an Trapítschkin nach Petersburg schreiben: er verfaßt so kleine Feuilletons — mag er die doch mal gehörig vornehmen. — He, Ossip! Gib mir Tinte und Papier. (Ossip guckt zur Tür herein und ruft: „Gleich!“) Für Trapítschkin wäre das ein gefundenes Fressen — ein gefährlicher Bursche: würde seinen eigenen Vater für einen guten Witz preisgeben, und Geld sieht er auch gern. Diese Beamten sind übrigens recht biedere Leute; ein netter Zug von ihnen, daß sie mir Geld leihen. Ich muß doch mal nachsehen, wie viel es ist. Diese dreihundert vom Kreisrichter — diese dreihundert vom Postmeister, sechshundert — siebenhundert — achthundert ... was für ein fettiger Lappen! achthundert — neunhundert ... Oho, bis an die tausend hat sich das aufgeläppert ... Was sagst du nun, mein schlauer Hauptmann? Komm mir jetzt mal unter die Finger, wollen doch mal sehen, wer den anderen unterkriegt! —

9. Szene

Chlestakóff. Ossip (mit Schreibzeug und Papier).

Chlestakóff. Na, du Esel, siehst du wohl, wie sie mich hier verwöhnen und hofieren! (Beginnt zu schreiben.)

Ossip. Ja, Gott sei gelobt! Aber wissen Sie was, Iwán Alexándrowitsch?

Chlestakóff. Na?

Ossip. Reisen Sie ab! Wahrhaftig, ’s is Zeit!

Chlestakóff (schreibt). Verrücktheit! Weshalb denn?

Ossip. Na so. Was gehen uns alle die Leute an! Zwei Tage haben wir uns hier ausgetobt, na und nu is genug! Was brauch man sich länger mit ihnen abgeben. Spucken Sie drauf! Die Luft is auch nich ganz rein: ’s kann wer anders ankommen — wahrhaftig, Iwán Alexándrowitsch! Und Pferde gibt’s hier so tüchtige — laufen können die ...!

Chlestakóff (schreibt). Nein, ich möchte noch bleiben. Meinetwegen denn morgen.

Ossip. Eh, morgen! Fahren wir doch heute, Iwán Alexándrowitsch! Und wenn man Ihnen hier auch viel Ehre antut, Sie wissen’s ja alleine: besser is auf und davon ... Man nimmt Sie hier ja doch nur für einen andern, und unser alter Herr wird sich ärgern, wenn Sie solange fackeln. Fein könnten wir wahrhaftig abkutschieren! Und stramme Pferde würden sie geben!

Chlestakóff (schreibt). Na gut. Aber erst besorge mir diesen Brief, und dann kannst du meinetwegen gleich einen Postwagen bestellen. Aber sieh zu, daß wir tüchtige Pferde bekommen. Sag dem Postillon: ich lasse ein paar silberne springen, wenn er mich flott wie einen Staatskurier fährt und hübsch dazu bläst! ... (Schreibt weiter.) Ich sehe schon im voraus, wie sich Trapítschkin totlachen wird ...

Ossip. Herr, ich schick den Brief lieber mit dem Hausknecht fort und pack unterdessen geschwind ein, damit keine Zeit verloren geht.

Chlestakóff. Gut. Bring ein Licht.

Ossip (geht hinaus und spricht hinter der Szene). He, Kamerad! Sollst ’n Brief auf die Post tragen und sag dem Postmeister, er soll ihn franko befördern, und er soll dem Herrn gleich die beste Tróika schicken, mit Kurierpferden; und sag, der Herr zahlt dafür nich, sag: ’ne Fuhre auf Staatskosten. Aber flott muß alles gehn, sonst schimpfen seine Gnaden der Herr. Wart, der Brief is noch nich fertig.

Chlestakóff (schreibt weiter). Möchte nur wissen, wo er jetzt wohnt, ob auf der Poststraße oder der Krautstraße; er liebt auch von einem Quartier ins andre zu ziehn und die Miete schuldig zu bleiben. Na, ich schreibe aufs Geratewohl: Poststraße. (Faltet den Brief und adressiert.)

Ossip (bringt ein Licht).

Chlestakóff (siegelt).

(Währenddessen hört man die Stimme Djerschimórdas: „Fort, du Lausbart, hörst doch, daß keiner rein darf!“)

Chlestakóff (gibt Ossip den Brief). Da, bring ihn fort.

(Stimmen der Kaufleute: „Laß uns doch rein! Du mußt uns reinlassen, wir kommen um Geschäfte!“)

Stimme Djerschimórdas. Raus! Raus! Er empfängt nich, er schläft!

(Der Lärm nimmt zu.)

Chlestakóff. Was ist da los, Ossip? Sieh mal nach, was der Lärm bedeutet.

Ossip (sieht aus dem Fenster). Da sind Kaufleute, die rein wollen, aber der Polizist läßt sie nich. Sie winken mit Papieren. Wahrscheinlich wollen sie zu Ihnen.

Chlestakóff (tritt ans Fenster). Was wollt ihr, guten Leute?

Stimmen der Kaufleute. Wir kommen zu deiner Barmherzigkeit! Hab Mitleid, Herr, und nimm unsere Bittschriften an!

Chlestakóff. Man soll sie hereinlassen! Sie mögen kommen. Ossip, sag ihnen, sie mögen kommen.

Ossip (geht hinaus).

Chlestakóff (nimmt durchs Fenster Bittschriften entgegen, faltet eine auseinander und liest). „Seiner hochwohlgeborenen Erlauchtheit dem Herrn Finanziell vom Kaufmann Awdúljin ...“ der Teufel soll wissen, was das ist; und solchen Titel gibt’s erst recht nicht!

10. Szene

Chlestakóff. Kaufleute (mit Weinkörben und Zuckerhüten).

Chlestakóff. Was wollt ihr, lieben Leute?

Kaufleute. Klagen kommen wir vor Eure Barmherzigkeit.

Chlestakóff. Worum handelt es sich?

Kaufleute. Laß uns nicht verderben, allergnädigster Herr! Unschuldig richtet er uns zugrunde!

Chlestakóff. Wer?

Einer der Kaufleute. Alles unser Polizeimeister! Herr, so einen Polizeimeister hat’s noch nie gegeben. Was der uns für Niedertracht antut, das is nich auszudenken. Hat uns so ausgeplündert, daß man bloß noch ’ne Schlinge um den Hals braucht. Wie geht er auch mit einem um! Kriegt einen beim Bart zu packen und sagt: „Ach du Tatarenhund!“ Bei Gott, das tut er! Wenn wir ihm noch hätten was abgehen lassen; aber wir tun ja alles, was wir nur können: was er verlangen kann zu Kleidern für seine Frau und seine Tochter — daran läßt man’s ja nicht fehlen. Aber, siehste, das is ihm alles noch nich genug! Kommt in den Laden rein, und was ihm in die Hände fällt, alles nimmt er mit: sieht er ’n Stück Stoff: „He, Freundchen, schöner Stoff; trag ihn mal zu mir rüber!“ Nu und man muß ’n ihm hintragen, und dabei sind’s doch wenigstens fünfzig Ellen!

Chlestakóff. Nicht möglich? Ist das ein Spitzbube!

Kaufleute. Wirklich wahr! Auf so’n Polizeimeister kann sich keiner nich besinnen. Man versteckt schon alles im Laden, wenn man ihn kaum kommen sieht. Nich mal feine Sachen nur nimmt er, nein, er nimmt jeden Dreck: Backpflaumen, die schon sieben Jahr in der Tonne liegen und die bei uns kein Hausknecht fressen möchte — aber er steckt sich so ’ne Handvoll davon da rein. Auf St. Anton ist sein Namenstag, und man denkt nu, man hat alles gegeben, was er nur brauchen kann: nein, noch mehr soll man geben; er sagt, auf St. Onuphrius hätt’ er auch noch ’n Namenstag. Was soll man nu tun? Man muß auch den St. Onuphrius feiern.

Chlestakóff. Aber das ist ja ein richtiger Räuber!

Kaufleute. Ach Gott, ja. Aber versuch’ einer sich zu sperren, gleich schickt er einem ’n ganzes Regiment Einquartierung. Schlägt man Lärm, dann läßt er einem die Türen verrammeln und sagt: „Foltern und geißeln kann ich dich nicht, das erlaubt mir das Gesetz nicht, aber, Bürschchen, du sollst mir Heringe fressen, bis dir ...!“

Chlestakóff. Dieser Halunke! Der gehört ja direkt nach Sibirien!

Kaufleute. Ach, wo deine Gnade ihn auch hinschickt, das ist uns alles recht, nur weiter weg von uns. Lieber Vater, verachte nich unser Salz und Brot: laß uns dir mit diesem Endchen Zucker und ’nem Körbchen Wein unsere Ehrfurcht beweisen.

Chlestakóff. Nein, das laßt bleiben: ich nehme absolut keine Geschenke. Aber wenn ihr mir zum Beispiel dreihundert Rubel leihen wolltet, das wäre dann was anderes; das kann ich nehmen.

Kaufleute. Bitte, lieber Vater, bitte! (Sie holen Geld heraus.) Warum nur dreihundert? Nimm doch lieber gleich fünfhundert, nur hilf uns!

Chlestakóff. Wohlverstanden: ein Darlehn — dabei bleibt’s; ich nehme es an.

Kaufleute (reichen ihm auf einer silbernen Schale das Geld). Tu uns die Gnade und behalt’ auch gleich die Schale.

Chlestakóff. Nun, meinetwegen auch die Schale.

Kaufleute (sich verbeugend). Dann nimm doch auch schon auf einen Hieb die Zuckerhüte und ...

Chlestakóff. O nein, Geschenke niemals ...

Ossip. Euer Hochwohlgeboren! Warum nehmen Sie’s nich? Nehmen Sie’s doch. Auf der Reise kann man alles brauchen. Her mit dem Zucker und mit den Körben! Alles her! Alles kann zu was taugen. Was is da? ’n Strick? Her mit dem Strick! Auch ’n Strick is gut auf die Reise; bricht mal was am Wagen oder sonst was — man kann’s dann doch binden.

Kaufleute. Tun Sie uns nu auch die Gnade, Euer Herrlichkeit! Wenn Sie uns auf unsre Bitten nich helfen, dann wissen wir nich mehr wohin, dann schon lieber gleich ’n Strick um den Hals.

Chlestakóff. Unbedingt! Unbedingt! Ich werde mich bemühen.

(Die Kaufleute entfernen sich; man hört die)

Stimme eines Weibes. Nein, du darfst mich nicht abweisen; auch dich werde ich verklagen; stoß mich doch nicht so!

Chlestakóff. Wer ist dort? (Tritt ans Fenster.) Was willst du, Mütterchen?

Stimme zweier Frauen. Um deine Barmherzigkeit flehen wir, Vater! Herr, hör uns an!

Chlestakóff (ruft hinaus). Einlassen!

11. Szene

Chlestakóff. Die Schlosserfrau und die Unteroffizierfrau.

Schlosserfrau (auf die Knie fallend). Barmherzigkeit!

Unteroffizierfrau. Barmherzigkeit!

Chlestakóff. Wer seid ihr denn?

Unteroffizierfrau. Die Unteroffizierfrau Iwánow.

Schlosserfrau. Die Schlosserfrau und Bürgerin Fewrónja Pjetrówna Poschljópkina, mein Vater ...

Chlestakóff. Halt, erst soll eine reden. Was willst du?

Schlosserfrau. Barmherzigkeit. Ich klage gegen den Polizeimeister, soll ihn Gott schlagen mit allem Bösen, daß seine Kinder und er, der Halunke, und seine Onkels und seine Tanten alle, alle nicht wissen, wo sie hin sollen!

Chlestakóff. Was ist denn vorgefallen?

Schlosserfrau. Er hat meinem Mann den Kopf scheren lassen und ihn unter die Soldaten gesteckt und das Los war doch nicht auf uns gefallen, dieser Schuft! Und auch das Gesetz erlaubt’s nicht. Er ist ja verheiratet.

Chlestakóff. Wie konnte er denn das tun?

Schlosserfrau. Er hat’s getan, der Halunke! Er hat’s getan! Soll ihn Gott verdammen in dieser und in jener Welt! Und wenn er eine Tante hat, soll ihm auch seine Tante mit allen Pestilenzen geschlagen sein! Und sein Vater, wenn er noch lebt, die Kanaille! daß auch der verrecken soll oder ersticken soll in alle Ewigkeit! So ein Halunke der! Der Schneidersohn sollte genommen werden, der war ja auch ’n Säufer. Aber seine Eltern gaben ein schönes Stück Geld, da machte er sich dann an den Sohn der Kaufmannsfrau Panteléjeff. Aber die Panteléjeff schickte seiner Frau drei Stück Leinwand und da kam er zu mir. „Wozu brauchst du einen Mann,“ sagte er. „Für dich taugt er ja doch nichts mehr.“ Aber ich weiß alleine, ob er noch taugt oder nicht. Das ist schon meine Sache. So ein Halunke! „Ein Dieb ist er,“ sagt er, „wenn er auch jetzt nichts gestohlen hat. Ganz egal,“ sagt er, „stehlen wird er doch und sie werden ihn ja doch sowieso nächstes Jahr unter die Soldaten stecken.“ Was soll ich dann anfangen ohne Mann? So ein Halunke! Sollen doch alle seine Verwandten es so kriegen, daß sie Gottes Licht nicht mehr sehen können und wenn er eine Schwiegermutter hat, so soll auch die Schwiegermutter ...

Chlestakóff. Genug, genug! Nun und du? (Schafft dabei die Schlosserfrau hinaus.)

Schlosserfrau (im Fortgehen). Vergiß es nicht, mein Vater, sei barmherzig.

Unteroffizierfrau. Ich kam wegen dem Polizeimeister.

Chlestakóff. Nun, und warum? Antworte kurz.

Unteroffizierfrau. Ausgepeitscht, Herr.

Chlestakóff. Wie?

Unteroffizierfrau. Aus Irrtum, mein Vater. Die Weiber zankten sich auf dem Markte und wie die Polizei kam und sie nicht fangen konnte, da griffen sie mich und haben mich so zerschunden, daß ich zwei Tage nicht sitzen konnte.

Chlestakóff. Ja, aber was ist jetzt da zu machen?

Unteroffizierfrau. Gewiß ist nichts zu machen, aber für den Fehler soll er Strafe zahlen. Ich muß ja mein Kreuz nun doch tragen, aber Geld könnte ich jetzt grade brauchen.

Chlestakóff. Gut, gut. Geh, geh. Ich werde es anordnen. (Nach dem Fenster strecken sich Hände mit Bittschriften empor.) Wer ist denn da noch? (Geht ans Fenster.) Ich will nicht, ich will nicht! Genug, genug! (Tritt zurück.) Das habe ich jetzt satt. Hol’s der Teufel! Niemand mehr einlassen!

Ossip (schreit aus dem Fenster). Fort, fort! Keine Zeit, kommt morgen wieder!

(Die Tür öffnet sich und es erscheint in ihr eine Gestalt im wollenen Mantel mit verwildertem Bart, geschwollenen Lippen und verbundener Backe. Hinter ihr erscheinen noch einige andere Gestalten.)

Ossip. Raus! Raus! Was untersteht ihr euch! (Packt den ersten um den Leib und zieht ihn mit sich hinaus ins Vorzimmer, die Tür hinter sich zuschlagend.)

12. Szene

Chlestakóff. Márja Antónowna.

Márja. Ach!

Chlestakóff. Warum erschraken Sie so, mein Fräulein?

Márja. Oh, ich bin gar nicht erschrocken.

Chlestakóff (galant.) Aber mein Fräulein, es ist mir ja gerade sehr angenehm, daß Sie mich für einen Menschen hielten, welcher ... Darf ich so kühn sein, zu fragen, wohin Sie zu gehen beabsichtigten?

Márja. Wirklich, ich wollte nirgends hin.

Chlestakóff. Was wollten Sie beispielsweise mit dem nirgendshin sagen?

Márja. Ich dachte, ob Mama vielleicht hier ...

Chlestakóff. Nein, ich möchte eben gerne wissen, weshalb Sie nirgend wohin gingen?

Márja. Ich habe Sie gestört. Sie waren mit wichtigen Angelegenheiten beschäftigt.

Chlestakóff (galant). Ihre Augen sind reizvoller als alle wichtigen Angelegenheiten. Sie können mich überhaupt nicht stören. Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, Sie können mir nur Vergnügen bereiten.

Márja. Sie sprechen im Tone der Großstadt —

Chlestakóff. Zu einem so entzückenden Geschöpf, wie Sie es sind. Darf ich mir das Glück gönnen, Ihnen einen Stuhl anzubieten? Doch nein, Sie sollten keinen Stuhl, Sie sollten einen Thron haben.

Márja. Wirklich, ich weiß nicht ... ich hätte doch wohl gehen müssen. (Setzt sich.)

Chlestakóff. Was haben Sie da für ein reizendes Halstuch?

Márja. Sie sind ein Spötter, und wollen sich nur über eine Provinzialin lustig machen.

Chlestakóff. Ach, mein Fräulein, wie sehr wünschte ich, Ihr Halstuch zu sein, um Ihren Lilienhals umschlingen zu können!

Márja. Ich verstehe ganz und gar nicht, wovon Sie sprechen. Dieses Halstuch ... Was für wunderbares Wetter heute ist!

Chlestakóff. Ihre Lippen, mein Fräulein, sind schöner als jedes Wetter.

Márja. Wie Sie auch immer reden ... Ich möchte Sie bitten, mir lieber ein paar Verse zur Erinnerung ins Album zu schreiben. Sie wissen jedenfalls eine Menge.

Chlestakóff. Für Sie, mein Fräulein, tue ich alles, was Sie wünschen. Was für Verse wollen Sie haben?

Márja. Irgendwelche, nur recht hübsche, neue.

Chlestakóff. Was heißt Verse! Ich kenne so viele.

Márja. Also sagen Sie, welche wollen Sie mir einschreiben?

Chlestakóff. Weshalb sagen? Ich kenne sie auch so.

Márja. Ich habe Verse so gern.

Chlestakóff. Ich weiß eine Menge der verschiedensten Gattung. Was meinen Sie zum Beispiel zu diesen:

„O du, der du in Liebesnot

Umsonst mit deinem Schöpfer rechtest!“

Oder anderes dergleichen. Sie wollen mir jetzt gerade nicht einfallen. Aber das tut nichts, statt dessen ziehe ich es vor, Ihnen meine Liebe anzutragen, die durch Ihren Blick ... (Rückt mit dem Stuhle näher).

Márja. Liebe? Ich verstehe nichts von Liebe. Ich habe noch nie gewußt, was Liebe ist. (Rückt mit dem Stuhl weiter ab).

Chlestakóff. Warum rücken Sie denn fort? Es wäre doch viel netter, wenn wir nahe beieinander säßen.

Márja (rückt mit ihrem Stuhl weiter ab). Warum denn nahe? Es kann ja auch weiter sein.

Chlestakóff (rückt näher). Warum denn weiter? Es kann ja auch näher sein.

Márja. Aber warum denn?

Chlestakóff (rückt näher). Sehen Sie, es scheint Ihnen bloß so, daß das nahe ist. Bilden Sie sich ein, es sei weiter. Wie glücklich würde ich sein, mein Fräulein, Sie in meine Arme schließen zu können!

Márja (blickt nach dem Fenster). Was war das, was da vorbeiflog, eine Elster oder ein anderer Vogel?

Chlestakóff (küßt sie auf die Schulter und blickt nach dem Fenster). Eine Elster!

Márja (steht unwillig auf). Nein, das geht zu weit! Diese Dreistigkeit!

Chlestakóff (hält sie zurück). Verzeihen Sie, mein Fräulein, das tat ich nur aus Liebe, aus reiner Liebe.

Márja. Sie halten mich für eine Art von Provinzmädchen ... (Sie bemüht sich hinauszukommen.)

Chlestakóff (hält sie immer noch fest). Nur aus Liebe, wirklich nur aus Liebe. Ich scherzte nur ein wenig, Márja Antónowna. Zürnen Sie mir nicht. Ich bin bereit, Sie auf den Knien um Verzeihung zu bitten. (Fällt auf die Knie.) Verzeihen Sie, verzeihen Sie! Sie sehen mich auf den Knien!

13. Szene

Die Vorigen und Anna Andréjewna.

Anna Andréjewna (erblickt Chlestakóff auf den Knien liegend). Ah, welche Situation!

Chlestakóff (sich erhebend). Verflucht!

Anna Andréjewna (zur Tochter). Was soll das heißen, mein Fräulein? Was ist das für ein Betragen?

Márja. Ach, Mama, ich ...

Anna Andréjewna. Marsch hinaus, hörst du, hinaus, und wage es nicht, mir unter die Augen zu treten. (Márja in Tränen ab).

Anna Andréjewna. Verzeihen Sie, aber meine große Bestürzung ...

Chlestakóff (beiseite). Auch noch ganz appetitlich. Gar nicht übel. (Fällt auf die Knie.) Gnädigste, Sie sehen, ich brenne vor Liebe.

Anna Andréjewna. Wie, auf den Knien? Ach, stehen Sie auf, der Fußboden ist hier so staubig.

Chlestakóff. Nein, auf den Knien, durchaus auf den Knien. Ich muß wissen, was meiner harrt, Leben oder Tod!

Anna Andréjewna. Aber erlauben Sie, ich verstehe den Sinn Ihrer Worte noch gar nicht. Irre ich nicht, so wollen Sie sich zugunsten meiner Tochter erklären?

Chlestakóff. Nein, ich liebe Sie, mein Leben hängt an einem Faden. Wenn Sie meine unwandelbare Liebe nicht krönen, so bin ich des irdischen Daseins nicht wert. Mit flammendem Herzen bitte ich um Ihre Hand!

Anna Andréjewna. Aber gestatten Sie mir zu bemerken, ich bin gewissermaßen — ich bin verheiratet.

Chlestakóff. Was liegt daran! Die Liebe kennt keinen Unterschied. Sagte doch schon Karámsin, „die Gesetze verdammen“. Wir ziehen uns in den Schatten eines Baches zurück. Ihre Hand, ich bitte um Ihre Hand!

14. Szene

Die Vorigen. Márja Antónowna eilt plötzlich herein.

Márja. Mama, Papa wünscht, du möchtest (erblickt Chlestakóff auf den Knien und ruft aus.) Ah, welche Situation!

Anna Andréjewna. Nun was soll das? Wohin? Warum? Welche Keckheit! Hereinzustürzen wie eine verbrannte Katze! Nun, was ist daran so Erstaunliches? Was hat dir so aufzufallen? Wirklich gerade wie ein dreijähriges Kind. Ich weiß nicht, ob du jemals vernünftiger werden und dich benehmen wirst, wie es sich für ein wohlerzogenes Mädchen schickt. Ob du jemals begreifen wirst, was es heißt, gute Sitte und anständiges Betragen!

Márja (unter Tränen). Wirklich Mama, ich wußte nicht ...

Anna Andréjewna. Ewig hast du Flatterkram im Kopf. Du nimmst dir dein Beispiel an den Töchtern des Kreisrichters. Was brauchst du nach denen hinzusehen, du sollst dich nicht um sie scheren. Du kannst andere Vorbilder haben. Sieh deine Mutter an. Nach solchen Vorbildern sollst du dich richten!

Chlestakóff (nimmt die Tochter bei der Hand). Anna Andréjewna, widersetzen Sie sich nicht unserm Glück, segnen Sie unsere treue Liebe.

Anna Andréjewna (in höchstem Erstaunen). Dann wären Sie also in sie ...

Chlestakóff. Entscheiden Sie, ob Leben oder Tod.

Anna Andréjewna. Nun sieh, du Närrin, sieh, deinetwegen, um solch albernes Ding hat unser Gast die Gnade gehabt, sich auf die Knie herabzulassen und du rennst plötzlich fort wie eine Verrückte. Wahrhaftig, ich hätte alle Veranlassung, mich zu weigern. Du bist eines solchen Glückes nicht wert!

Márja. Nie wieder tu ich’s, Mama, wirklich nie wieder!

15. Szene

Die Vorigen. Polizeimeister in größter Hast hereintretend.

Polizeimeister. Nie wieder, Euer Exzellenz! Verderben Sie mich nicht, verderben Sie mich nicht!

Chlestakóff. Was haben Sie denn?

Polizeimeister. Die Kaufleute da haben sich bei Eurer Exzellenz beschwert. Auf Ehre versichere ich, nicht die Hälfte von dem ist wahr, was sie sagen. Sie selber betrügen und übervorteilen das Volk. Die Unteroffiziersfrau hat Ihnen vorgelogen, ich hätte sie durchpeitschen lassen. Sie lügt, bei Gott sie lügt. Sie hat sich selber durchgepeitscht.

Chlestakóff. Weg mit der Unteroffiziersfrau! Was geht die mich an!

Polizeimeister. Glauben Sie ihnen nicht! Glauben Sie ihnen nicht! Das sind solche Lügner, kein Wickelkind glaubt denen mehr. Die ganze Stadt kennt sie als Lügner, und was die Spitzbüberei betrifft, sie selbst sind Spitzbuben, wie es noch keine auf der Welt gab.

Anna Andréjewna. Weißt du denn auch, welcher Ehre uns Iwán Alexándrowitsch würdigt? Er bittet um die Hand unserer Tochter.

Polizeimeister. Aber, aber, Frauchen, du bist von Sinnen! Bitte zürnen Sie nicht, Exzellenz, sie ist ein bißchen wunderlich. Die Mutter war auch so.

Chlestakóff. Nein, ich bitte tatsächlich um ihre Hand. Ich liebe sie.

Polizeimeister. Das kann ich unmöglich glauben, Exzellenz.

Anna Andréjewna. Aber wenn man es dir doch sagt!

Chlestakóff. Ich sage das nicht, um zu scherzen. Ich könnte vor Liebe den Verstand verlieren.

Polizeimeister. Ich wage es nicht zu glauben, ich bin dieser Ehre nicht würdig.

Chlestakóff. Wenn Sie sich weigern, mir die Hand ihrer Tochter zu geben, dann bin ich weiß Gott wozu entschlossen.

Polizeimeister. Ich kann es nicht glauben. Sie belieben zu scherzen, Exzellenz.

Anna Andréjewna. Nein, wahrhaftig, was für ein Tölpel! Wenn man’s dir doch nun sagt!

Polizeimeister. Ich kann’s nicht glauben.

Chlestakóff. Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie, ich bin ein tollkühner Mensch und zu allem bereit. Wenn ich mich erschieße, kommen Sie vors Gericht.

Polizeimeister. O mein Gott, ich bin wirklich, wirklich nicht schuld, weder mit Leib noch Seele. Bitte zürnen Sie nicht, handeln Sie, wie es Ihre Gnaden für gut erachten. In meinem Kopfe sieht es augenblicklich ... ich weiß selbst nicht, was da vorgeht. Ich bin jetzt ein solcher Narr, wie ich es noch niemals gewesen bin.

Anna Andréjewna. Nun, gib deinen Segen.

Chlestakóff (tritt mit Márja Antónowna heran).

Polizeimeister. So segne euch Gott, aber ich bin unschuldig! (Chlestakóff tauscht mit Márja Küsse. Polizeimeister blickt auf sie.) Was für ein Teufelskerl, es ist nicht zu sagen! (Reibt sich die Augen.) Ja, ja, küssen sich, ganz klar, küssen sich. Genau wie ein Bräutigam! Hui, da ist mir aber ein Glück einbeschert! Alle Wetter!

16. Szene

Die Vorigen und Ossip.

Ossip. Der Wagen ist bereit.

Chlestakóff. Schön, Ossip, gleich.

Polizeimeister. Sie geruhen abzureisen?

Chlestakóff. Ja, ich reise.

Polizeimeister. Und wann — das heißt — ... Sie geruhten doch selber vorhin auf eine Hochzeit anzuspielen?

Chlestakóff. Ach, das ist nur momentan. Ich reise bloß für einen Tag zu meinem Onkel — reicher alter Mann — morgen bin ich wieder zurück.

Polizeimeister. Wir wagen nicht Sie zurückzuhalten — in Hoffnung auf ein glückbringendes Wiedersehen.

Chlestakóff. Aber was denn! Ich bin ja gleich wieder da. Leb wohl, meine Liebe ... Nein, ich kann es nicht ausdrücken, leb wohl, mein Herzchen! (Küßt ihr die Hand.)

Polizeimeister. Benötigen Sie vielleicht etwas für die Reise? Sie schienen etwas knapp an Geldmitteln?

Chlestakóff. O nein, wie so? (Denkt etwas nach.) Na, übrigens ja, bitte.

Polizeimeister. Wieviel wünschen Sie?

Chlestakóff. Sie gaben mir damals zweihundert, das heißt nicht zweihundert, sondern vierhundert, ich will aus Ihrem Versehen keinen Vorteil ziehen — dann also bitte jetzt noch einmal vierhundert, damit es rund achthundert sind.

Polizeimeister. Sofort. (Holt die Scheine aus der Brieftasche.) Noch dazu, wie bestellt, ganz neue Scheine.

Chlestakóff. Sieh da! (Nimmt und betrachtet die Scheine.) Das ist schön. Heißt es nicht „neues Geld, neues Glück“?

Polizeimeister. Sehr richtig!

Chlestakóff. Leben Sie wohl, Antón Antónowitsch, ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Gastfreundschaft. Ich habe noch nirgendwo eine so gute Aufnahme gefunden. Leben Sie wohl, Anna Andréjewna, mein süßer Schatz, Márja Antónowna!

(Hinter der Szene):

Stimme des Chlestakóff. Leb wohl, Engel meiner Seele, Márja Antónowna!

Stimme des Polizeimeisters. Wie? Sie wollen mit dem einfachen Postwagen reisen?

Stimme des Chlestakóff. Ja, ich bin’s schon so gewohnt. In den federnden Wagen bekomme ich nur Kopfschmerzen.

Stimme des Postillons. Prrr! ...

Stimme des Polizeimeisters. Man sollte ihn wenigstens mit etwas überdecken und wenn’s auch nur ein Teppich wäre. Soll ich nicht nach einem Teppich schicken?

Stimme des Chlestakóff. Nein, wozu. Das ist unnötig. Aber vielleicht doch — gut, lassen Sie einen holen.

Stimme des Polizeimeisters. He, Awdótja, lauf in die Kammer und hol den besten Teppich, den mit dem blauen Fond, den persischen, schnell!

Stimme des Postillons. Prrr!

Stimme des Polizeimeisters. Wann dürfen wir Sie zurück erwarten?

Stimme des Chlestakóff. Morgen oder übermorgen.

Stimme des Ossip. Is das der Teppich? Gib ihn hierher. So hinlegen. So, und dort noch ’n bissel Heu, so.

Stimme des Postillons. Prrr!

Stimme des Ossip. Noch auf der Seite! Hierher! Noch! Genug! So wird’s fein gehn. (Schlägt mit der Hand auf den Teppich.) So, Euer Wohlgeboren, nu setzen Sie sich!

Stimme des Chlestakóff. Adieu, Antón Antónowitsch!

Stimme des Polizeimeisters. Leben Sie wohl, Euer Exzellenz!

Weibliche Stimmen. Adieu, Iwán Alexándrowitsch!

Stimme des Chlestakóff. Adieu, Mama!

Stimme des Postillons. Los, ihr Hengste!

(Die Postglocke ertönt, der Vorhang fällt.)

(Ende des vierten Aufzuges.)

Fünfter Aufzug

(Dasselbe Zimmer.)

1. Szene

Polizeimeister. Anna Andréjewna. Márja Antónowna.

Polizeimeister. Nun Frau, hättest du an so etwas gedacht? Solch einen Fang zu tun? Du Närrin, gesteh’ es, hättest du dir das träumen lassen? — Eben noch eine gewöhnliche Frau Polizeimeisterin und plötzlich — du Glückspilz, mit so einem Teufelskerl verschwägert.

Anna Andréjewna. O, freilich, das wußte ich längst. Nur dich nimmt das Wunder, weil du ein gewöhnlicher Mensch bist und noch nie gebildete Leute gesehen hast.

Polizeimeister. Ich bin auch ein gebildeter Mensch, aber um darauf zurückzukommen, wahrhaftig, wenn man bedenkt, Frau, was wir beide jetzt für stolze Vögel geworden sind! Nein, Frau, und diese erhabene Höhe, hol’s der Teufel! Halt, jetzt will ich doch mal dieser Bande ihre Bittschriften und Denunziationen eintränken. He, niemand da?

Polizeidiener (kommt herein).

Polizeimeister. Ah, du, Iwán Karpówitsch, schaff mir mal die Kaufleute her, ich will die Kanaillen! Sich über mich beschweren! Seht doch, ihr verdammten Schacherseelen! Wartet nur, Bürschchen, habe ich euch bisher nur geschoren, so sollt ihr mir jetzt geschunden werden! Notier mir jeden, der sich über mich beschwert hat und vornehmlich dieses Schmiererpack, das ihnen die Bittschriften aufgesetzt hat, und bringe ihnen allen bei, daß sie wissen sollen, was Gott für einen Segen auf den Polizeimeister herabgeschickt hat, daß er seine Tochter verheiratet, aber nicht an den ersten besten gewöhnlichen Kerl, nein, sondern an einen, wie es in der Welt noch keinen zweiten gegeben hat, der alles vermag, alles, alles! Schärf’s ihnen allen ein, daß sie’s auch gut wissen, laß es in der ganzen Stadt ausrufen, von sämtlichen Glocken ausläuten. Den Teufel auch, wenn schon triumphieren, dann auch ordentlich triumphieren!

Polizeidiener (ab).

Polizeimeister. Na, nun, Frau, was? Wo werden wir jetzt leben? Hier oder in Petersburg?

Anna Andréjewna. Natürlich in Petersburg, wer soll’s denn auch hier aushalten.

Polizeimeister. Nun, Petersburg ist Petersburg, aber auch hier war’s gar nicht so übel, und das Polizeimeisterspielen, scheint mir, geht dann auch zum Teufel, was Frau?

Anna Andréjewna. Selbstverständlich, was ist denn an dem Polizeimeister gelegen?

Polizeimeister. Jetzt wird man denn auch, was meinst du Frau, hübsch im Rang in die Höhe klettern können, da er ja mit allen Ministern auf du und du steht und zu Hofe fährt. Er könnte einen dann so nett bugsieren, daß man mit der Zeit auch in den Generalsrock hineinschlüpft. Was meinst du, Frau, ob man das wohl erwischt?

Anna Andréjewna. Und ob! Kleinigkeit!

Polizeimeister. Teufel auch, schön wär’s doch General zu sein, die ganze Brust voller Orden und Ordensbänder. Welches ist dir denn lieber, Frau, das rote oder das blaue?

Anna Andréjewna. Selbstredend das blaue.

Polizeimeister. Ei sieh doch, wie hoch sie hinauswill! Auch das rote ist ganz nett. Sieh, warum wünscht man sich General zu sein? Deshalb, weil, wenn man irgendwo hinreist, immer die Feldjäger und Adjutanten vor einem herfliegen: „Pferde“! Und alle andern müssen auf der Station warten, weil sie keine kriegen, alle diese Titulierten und Hauptleute und Polizeimeister, und nur man selbst ist über alles erhaben. Man speist jedesmal beim Gouverneur, und in der Ecke, sieh doch mal, steht dann so ein Polizeimeister. Hahaha! Kanaillenmäßiger Spaß das! (Lacht, daß ihm die Tränen über die Backen laufen.)

Anna Andréjewna. Dir gefällt auch immer nur das Brutale! Du solltest daran denken, daß sich das Leben bald ganz anders wird gestalten müssen, daß deine Bekannten nicht von dem Schlage sein werden, wie so irgendein „Hetzpeitschen-Kreisrichter“, mit dem du auf die Hasenjagd fährst, oder so ein Semljaníka; im Gegenteil, das werden Leute von feinster Lebensart sein, Grafen und Männer der großen Welt ... Aber ich habe wirklich deinetwegen Angst, dir entschlüpfen nicht selten Ausdrücke und Worte, die man in der guten Gesellschaft nie zu hören bekommt.

Polizeimeister. Ach was, Worte tun einem keinen Schaden.

Anna Andréjewna. Allerdings, so lange du Polizeimeister warst, aber dort ist das Leben ein ganz anderes.

Polizeimeister. Ach freilich, dort soll es ja auch zwei Fische geben, Plötz und Stint, so köstlich, daß einem schon vor dem Essen das Wasser im Munde zusammenläuft.

Anna Andréjewna. Ach du und deine Fische! Ich aber wünsche, daß unser Haus das erste in der Residenz sei und daß in meinem Salon ein solcher Ambraduft schwebt, daß man beim Eintreten vor Entzücken die Augen schließt: (Schließt die Augen und tut, als wenn sie Duft einatmet.) Ah, wie wunderbar!

2. Szene

Die Vorigen und die Kaufleute.

Polizeimeister. Ah, willkommen, Ihr Diebsgesindel!

Kaufleute (sich verneigend). Gesundheit und langes Leben, Herr!

Polizeimeister. Na, Ihr Früchtchen, wie steht’s? Wie gehen die Geschäfte? Was, ihr Hausierer und Ellenreiter, ihr euch beschweren? Erzgauner, Bestien, Piratenbande, euch beschweren! So, habt ihr denn viel blechen müssen? „Nu“ denkt sich das, „dafür sperrt er ihn wohl auch ins Loch!“ Halunken, denen sieben Teufel und eine Hexe an die Gurgel fahren sollten! Wißt ihr auch, daß ...

Anna Andréjewna. O Gott, Antón, was du für schauderhafte Ausdrücke hast!

Polizeimeister (ärgerlich). Ach, was heißt hier Ausdrücke! Wißt ihr, daß derselbe Herr Beamte, bei dem ihr euch beschwert habt, jetzt meine Tochter heiraten wird? He? So, und was sagt ihr nun? Jetzt sollt ihr aber was erleben! Ihr beschwindelt die Leute, ihr übernehmt Lieferungen an den Staat und begaunert ihn um Hunderttausende, liefert verfaultes Tuch, opfert davon zwanzig Ellen und wollt auch noch dafür bedankt sein! Und wenn sie wüßten, wie man ihnen ...! Und dabei bläht sich das auch noch auf „ich bin Kaufmann, rühr mich nicht an!“ Dünkt sich so viel wie ein Edelmann, schöne Edelleute! Knoten seid ihr! Ein Edelmann hat Schulbildung, kriegt er auch mal Prügel in der Schule, dann nur darum, damit er was tüchtiges lerne, aber ihr, mit Schelmenstreichen fängt das an und kriegt vom Nachbar Hiebe, nur weil es sich ertappen läßt. Ehe das noch sein Vaterunser kann, betrügt das schon, und wenn ihnen der Bauch schwillt und sie sich die Taschen vollgeschlagen haben, dann tut das wichtig. Huh, was für ein Wundertier! Wenn das jeden Tag seine sechszehn Samoware angeblasen hat, dann dünkt sich das, wer weiß wie! Auf den Kopf spucken soll man euch und auf eure ganze Dicktuerei!

Kaufleute (sich verbeugend). Vergebung, Antón Antónowitsch, Vergebung!

Polizeimeister. Sich beschweren! Wer hat euch betrügen helfen, als ihr die Brücke bautet, und hat zwanzigtausend Rubel für Stämme angerechnet, obwohl deren kaum für hundert da waren? Ich hab euch geholfen, ihr Bocksbärte! Das habt ihr wohl vergessen, und ich hätte es auf euch schieben können und euch nach Sibirien bringen können. Was sagt ihr dazu, he?

Einer der Kaufleute. Vergebung, Antón Antónowitsch! Der Böse hat uns verführt. Eid darauf, wir beschweren uns nie wieder. Verlange, was du willst, als Sühne, aber zürne nur nicht!

Polizeimeister. Zürne nicht! So, jetzt winselt ihr auf den Knien vor mir und warum? Darum, weil ich jetzt der stärkere bin. Aber wenn ich nur einen Augenblick an eurer Stelle wäre, wie würdet ihr mich, Kanaillen, in den tiefsten Dreck stoßen und noch einen Klotz nachwerfen!

Kaufleute (verneigen sich bis zur Erde). Gnade, Antón Antónowitsch, Gnade!

Polizeimeister. Gnade, jetzt heißt’s Gnade, und vorher? Ich sollte euch ... (wehrt mit der Hand ab.) Nun, Gott möge euch verzeihen, jetzt genug davon. Ich bin nicht nachtragend; aber nun gebt acht, sperrt eure Ohren auf: ich verheirate meine Tochter an keinen beliebigen hergelaufenen Edelmann; daß mir die Aussteuer sich sehen lassen kann ... verstanden! Bildet euch nicht ein, mit so einem Stockfisch oder einem Hut Zucker euch drumrum drücken zu können ..! Und nun hinaus!

Kaufleute (entfernen sich).

3. Szene

Die Vorigen. Kreisrichter. Hospitalverwalter. Nachher Rastakówski.

Kreisrichter (noch an der Tür). Darf man seinen Ohren trauen, Antón Antónowitsch? Ein außergewöhnliches Glück ist Ihnen zuteil geworden!

Hospitalverwalter. Habe die Ehre, Ihnen zu diesem außergewöhnlichen Glück zu gratulieren! Ich habe mich aufrichtig gefreut, als ich’s vernahm! (Nähert sich Márja Antónowna zum Handkusse.) Márja Antónowna!

Rastakówski (hereintretend). Gratuliere, Antón Antónowitsch! Gott schenke Ihnen und dem jungen Paare ein langes Leben und reiche Nachkommenschaft an Enkeln und Enkelkindern! Anna Andréjewna! (Küßt Anna Andréjewna die Hand.) Márja Antónowna! (Küßt Márja die Hand.)

4. Szene

Die Vorigen. Koróbkin und Frau. Ljuljukóff.

Koróbkin. Habe die Ehre, Ihnen zu gratulieren, Antón Antónowitsch! Anna Andréjewna! (Küßt ihr die Hand.) Márja Antónowna (Küßt Márja die Hand.)

Frau Koróbkin. Gratuliere von Herzen, Anna Andréjewna, zu diesem neuen Glück! (Küssen sich.)

Ljuljukóff. Habe die Ehre zu gratulieren, Anna Andréjewna! (Küßt ihr die Hand und wendet sich dann zu den Zuschauern und schnalzt verwegen mit der Zunge.) Márja Antónowna, habe die Ehre zu gratulieren! (Küßt ihr die Hand mit der gleichen Pantomime zu den Zuschauern.)

5. Szene

Eine Menge Gäste im Frack und Überrock treten herein, küssen erst Anna Andréjewna mit dem Ausruf „Anna Andréjewna“ die Hand, um das gleiche bei Márja Antónowna auszuführen. Bóbtschinski und Dóbtschinski drängen sich nach vorn.

Bóbtschinski. Habe die Ehre zu gratulieren!

Dóbtschinski. Antón Antónowitsch, habe die Ehre zu gratulieren!

Bóbtschinski. Zum glückvollen Ereignis!

Dóbtschinski. Anna Andréjewna!

Bóbtschinski. Anna Andréjewna! (Beide nähern sich ihr gleichzeitig und stoßen mit den Köpfen zusammen.)

Dóbtschinski. Márja Antónowna! (küßt ihr die Hand.) Habe die Ehre zu gratulieren! Ein großes, großes Glück ist Ihnen bereitet, goldene Kleider werden Sie tragen, schöne delikate Suppen werden Sie essen und werden Ihre Zeit auf die anmutigste Weise verbringen ...

Bóbtschinski (ihn unterbrechend). Márja Antónowna, habe die Ehre zu gratulieren, schenke Ihnen Gott allen Reichtum, viele Dukaten und so einen kleinen netten Jungen, so ... so ... (zeigt mit der Hand wie groß.) daß man ihn sich auf die flache Hand setzen kann, jawohl, und schreien wird er immer: Uah! uah! uah!

6. Szene

Es kommen noch einige Gäste zum Handkusse, darunter der Schulinspektor mit Frau.

Schulinspektor. Ich habe die Ehre ...

Frau Schulinspektor (eilt nach vorne). Gratuliere Ihnen, Anna Andréjewna! (sie küssen sich.) Ach, wie habe ich mich gefreut, eben erzählt man mir, „Anna Andréjewna verheiratet ihre Tochter“. Ach, mein Gott, denke ich bei mir, und war so erfreut, daß ich zu meinem Mann sage, „hör doch, Lúkachen, was für ein Glück Anna Andréjewna wiederfahren ist.“ Nun, Gott sei Dank, denke ich bei mir, und sage zu ihm, „ich bin so entzückt, daß ich vor Ungeduld brenne, es Anna Andréjewna persönlich auszudrücken.“ Ach, mein Gott, denke ich bei mir, Anna Andréjewna hat ja lange schon auf eine schöne Partie für ihre Tochter gewartet, und nun erfüllt sich ihr Wunsch und nun ist’s so gekommen, wie sie es gehofft hat. Und war so entzückt darüber, daß ich ganz die Sprache verlor! Und nun kommen mir die Tränen, und ich weine und schluchze. Und Lúka Lúkitsch sagt zu mir: „Schluchze doch nicht so, Nástja.“ „Lúkachen,“ sage ich zu ihm, „ich weiß selbst nicht warum, aber die Tränen fließen mir so wie ein Bach aus den Augen.“

Polizeimeister. Bitte höflichst Platz zu nehmen, meine Herrschaften. He, Míschka, bring mehr Stühle herein! (Die Gäste beginnen sich niederzulassen.)

7. Szene

Die Vorigen. Polizeiinspektor und Polizeidiener.

Polizeiinspektor. Habe die Ehre zu gratulieren, Euer Hochwohlgeboren! Und Ihnen Glück und Heil auf viele Jahre zu wünschen!

Polizeimeister. Danke, danke! Bitte nehmen Sie Platz, meine Herrschaften. (Die Gäste nehmen alle Platz.)

Kreisrichter. Erzählen Sie uns doch, Antón Antónowitsch, wie sich das alles zugetragen hat, und wie eins nach dem andern gekommen ist.

Polizeimeister. Der Verlauf war höchst merkwürdig: er geruhte plötzlich einen Antrag zu machen.

Anna Andréjewna. In höchst ehrenvoller und zartester Form. Ganz über die Maßen taktvoll sagte er: „Anna Andréjewna, einzig und allein aus Hochachtung vor Ihrem Wert.“ Und ein so hübscher gebildeter junger Mann von vornehmsten Manieren! „Glauben Sie mir, Anna Andréjewna, das Leben ist mir keine Kopeke wert, nur die Ehrfurcht vor Ihren seltenen Vorzügen bewog mich dazu.“

Márja Antónowna. Aber Mama, das hat er doch zu mir gesagt!

Anna Andréjewna. Schweig still, gar nichts weißt du, und menge dich nicht in anderer Leute Angelegenheiten! „Anna Andréjewna, ich vergehe vor Bewunderung,“ bewegte sich in so schmeichelhaften Ausdrücken ... und als ich sagen wollte, „wir erkühnen uns nicht, auf eine solche Ehre zu hoffen,“ da fiel er plötzlich auf die Knie und rief in derselben vornehmen Art: „Anna Andréjewna, machen Sie mich nicht unglücklich, erwidern Sie meine Gefühle und wenn nicht, so macht der Tod meinem Leben ein Ende.“

Márja. Aber Mama, damit meinte er doch mich!

Anna Andréjewna. Nun ja doch ... er meinte dich auch, das leugne ich ja gar nicht!

Polizeimeister. Und wie er uns in Angst versetzt hat, sagte, er wolle sich erschießen: „Ich schieße mich tot, ich schieße mich tot!“

Viele Stimmen. Nein, sagen Sie bloß!

Kreisrichter. Aber so etwas!

Schulinspektor. Das gnädige Schicksal hat es so gefügt.

Hospitalverwalter. Nicht das Schicksal, Verehrtester, das Schicksal ist eine blinde Henne, das Verdienst hat hier seinen Lohn empfangen. (Beiseite.) Diesem Schwein fliegen auch immer die gebratenen Tauben ins Maul!

Kreisrichter. Hören Sie, Antón Antónowitsch, ich möchte Ihnen doch gern die Hündin verkaufen, um die wir handelten.

Polizeimeister. Nein, nein, an Hündinnen liegt mir jetzt nichts mehr.

Kreisrichter. Nun, wenn Sie nicht wollen, dann einen andern Hund.

Frau Koróbkin. Ach, Anna Andréjewna, wie ich mich über Ihr Glück freue, Sie können sich das gar nicht vorstellen!