Koróbkin. Gestatten Sie mir die Frage: wo befindet sich denn zur Zeit der erlauchte Gast? Ich hörte, er sei verreist.
Polizeimeister. Ja, er fuhr für einen Tag fort, in einer besonders wichtigen Angelegenheit.
Anna Andréjewna. Zu seinem Onkel, um ihn um seinen Segen zu bitten.
Polizeimeister. Um seinen Segen zu erbitten. Doch morgen schon ... (Niest; vielstimmiges gleichzeitiges „Zum Wohlsein“.) Danke vielmals! Doch morgen schon (niest; brausendes „Zum Wohlsein“; dazwischen gleichzeitig mehrere andere Stimmen.)
Polizeiinspektor. Gesundheit, Euer Hochwohlgeboren!
Bóbtschinski. Hundert Jahre und einen Sack Dukaten!
Dóbtschinski. Gott schenke Ihnen langes Leben!
Hospitalverwalter. Verrecken sollst du!
Frau Koróbkin. Hol dich der Satan! (Alle fünf gleichzeitig.)
Polizeimeister. Danke verbindlichst! Ich wünsche Ihnen allen das gleiche.
Anna Andréjewna. Wir beabsichtigen, nach Petersburg überzusiedeln. Offen gesagt, die hiesige Atmosphäre ... doch gar zu kleinstädtisch ... wirklich sehr unangenehm ... sehen Sie, und mein Mann ... er soll dort General werden ...
Polizeimeister. Und ich muß gestehen, meine Herrschaften, ich habe große Lust, hol’s der Teufel, General zu werden.
Schulinspektor. Gott erfülle Ihren Wunsch!
Rastakówski. Bei Gott ist kein Ding unmöglich!
Kreisrichter. Ein großes Schiff braucht ein breites Fahrwasser!
Hospitalverwalter. Dem Verdienste seine Krone!
Kreisrichter (beiseite). Was der angeben wird, wenn er wirklich General werden sollte! Dem paßt der Generalsrock wie der Kuh der Sattel. Nein, bis dahin hat’s noch gute Wege. Hast hier gut gelernt, Schäfchen zu scheren, aber zum General langt’s doch noch nicht.
Hospitalverwalter (beiseite). Eh, zum Henker, das möchte schon General werden! Ein findiger Kerl, darf sich’s auch erlauben. Ist ja auch schlau genug, daß ihn kein Teufel fassen kann. (Wendet sich zum Polizeimeister.) Vergessen Sie uns dann nicht, Antón Antónowitsch!
Kreisrichter. Und wenn mal irgend was passiert, zum Beispiel eine kleine Unregelmäßigkeit im Amt, bleiben Sie dann unser Beschützer!
Koróbkin. Im nächsten Jahre will ich meinen Sohn nach der Residenz bringen, damit er die Staatskarriere einschlägt, dann bitte schenken Sie ihm Ihre Protektion! Vertreten Sie Vaterstelle bei der armen Waise!
Polizeimeister. Ich bin gern bereit, mich für ihn zu verwenden.
Anna Andréjewna. Antón, du versprichst auch immer gleich alles. Erstens wirst du gar keine Zeit haben, daran zu denken, und dann, wer wird sich gleich mit solchen Versprechungen belasten!
Polizeimeister. Weshalb denn, meine Liebe, zuweilen geht das doch!
Anna Andréjewna. Gewiß geht’s, aber deswegen braucht man doch nicht gleich jedem Gründling seine Protektion zuzuwenden!
Frau Koróbkin. Haben Sie gehört, wie sie uns traktiert?
Eine Dame. Ja, so war sie immer, ich kenne sie genau. Setze sie an den Tisch, und sie legt die Beine ...
8. Szene
Die Vorigen. Der Postmeister (in Hast mit einem aufgebrochenen Brief in der Hand.)
Postmeister. Unglaubliche Sache, Herrschaften! Der Beamte, den wir für einen Revisor hielten, war gar kein Revisor!
Alle. Wie, kein Revisor?
Postmeister. Absolut kein Revisor! Ich erfuhr’s durch einen Brief.
Polizeimeister. Was soll das heißen? Durch was für einen Brief?
Postmeister. Durch einen eigenhändigen Brief von ihm. Man bringt mir einen Brief auf die Post, ich schaue die Adresse an, lese „Poststraße“, und war starr vor Schreck. Na, denke ich, bei mir hat er richtig Unregelmäßigkeiten in der Postverwaltung entdeckt und berichtet darüber der Behörde. Nehm ihn und brech ihn auf.
Polizeimeister. Wie kommen Sie dazu?!
Postmeister. Ich weiß selbst nicht wie, eine übernatürliche Gewalt zwang mich dazu. Ich hatte schon den Kurier kommen lassen, der ihn per Estafette befördern sollte — aber da überkam mich eine so heftige Neugierde, wie ich sie noch nie empfunden habe. Ich darf nicht, ich darf nicht, ich weiß, ich darf nicht — aber es zieht, zieht immer stärker. In einem Ohre flüstert es: „mach ihn nicht auf, du fällst rein“, aber ins andere Ohr raunt mir ein Satan: „brich auf, brich auf, brich auf“, und wie ich das Siegel berühre — Feuer, und wie ich’s erbrochen hatte — Eis — kaltes Eis. Mir zitterten die Hände und alles drehte sich rundherum.
Polizeimeister. Wie konnten Sie sich erdreisten, den Brief einer so hochbevollmächtigten Persönlichkeit zu erbrechen?!
Postmeister. Das ist ja gerade der Spaß, daß er weder hochbevollmächtigt, noch auch eine Persönlichkeit ist!
Polizeimeister. Was sollte er denn nach Ihrer Meinung sein?
Postmeister. Nicht dies, nicht das, weiß der Teufel, was.
Polizeimeister (zornig). Wie, nicht dies, nicht das? Wie können Sie sich unterstehen, von ihm zu sagen „nicht dies, nicht das, und weiß der Teufel, was?“ Ich lasse Sie verhaften!
Postmeister. Wer, Sie?
Polizeimeister. Ja, ich!
Postmeister. Hände weg!
Polizeimeister. Wissen Sie denn überhaupt, daß er meine Tochter heiraten wird, daß ich selbst zu den Großen zählen werde, und daß ich Sie ins hinterste Sibirien verschicken kann?!
Postmeister. I, Antón Antónowitsch, Sibirien! Sibirien ist weit! Ich werde Ihnen lieber gleich den Brief vorlesen. Herrschaften, soll ich vorlesen?
Alle. Lesen Sie, lesen Sie!
Postmeister (liest). „Lieber Trapítschkin! In Eile will ich dir davon Mitteilung machen, was für Wunderdinge mir hier passiert sind. Auf der Reise hatte mich ein Hauptmann so vollständig ausgebeutelt, daß der Gastwirt schon nahe daran war, mich ins Loch stecken zu lassen, als plötzlich, dank meiner Petersburger Physiognomie und meinem Petersburger Kostüm, mich das ganze Städtchen für einen Generalgouverneur zu halten begann. Kurz, jetzt wohne ich beim Polizeimeister, schlemme und schneide abwechselnd bald seiner Frau und bald seiner Tochter auf Mord die Cour; ich schwanke bloß, an welche von beiden ich mich zuerst heranmachen soll — wahrscheinlich aber an die Mama, da sie aussieht, als ob sie zu jeder Gefälligkeit bereit sei. Weißt du noch, wie wir beide in der Klemme saßen und uns unser Mittagbrot zusammenmausten, und mich einmal ein Konditor am Kragen erwischte à conto einiger Pasteten, die wir zu Lasten der Schatulle des Königs von Britannien verspeist hatten? Jetzt hat sich das Blättchen vollständig gewendet! Alle pumpen mir so viel, wie ich nur haben will. Unglaubliche Exemplare, du würdest bersten vor Lachen! Du schreibst ja so kleine Feuilletons; verewige sie denn durch deine Feder. Da ist zuerst gleich der Polizeimeister: borniert wie ein grauer Wallach ...“
Polizeimeister. Das ist nicht möglich! Das kann nicht dastehn!
Postmeister (zeigt ihm die Stelle). Bitte, lesen Sie doch selbst.
Polizeimeister (liest). ... „wie ein grauer Wallach.“ Unmöglich, das haben Sie selbst geschrieben!
Postmeister. Wie käme ich denn dazu?
Hospitalverwalter. Lesen!
Schulinspektor. Lesen!
Postmeister (liest weiter). „... der Polizeimeister: borniert wie ein grauer Wallach ...“
Polizeimeister. Hol ihn der Satan! Muß das noch einmal wiederholen! Als ob’s nicht so wie so schon dastünde!
Postmeister (liest weiter). Hm .. hm .. hm „.. grauer Wallach ... Der Postmeister ist gleichfalls ein netter Kunde ...“ (Hält im Lesen inne). Nun, hier drückt er sich auch über mich wenig respektvoll aus.
Polizeimeister. Nein, lesen Sie weiter!
Postmeister. Aber wozu denn? ...
Polizeimeister. Nein, zum Henker, wenn schon lesen, dann auch alles lesen! Lesen Sie alles vor!
Hospitalverwalter. Geben Sie, ich werde lesen. (Setzt die Brille auf und liest.) „Der Postmeister gleicht auf ein Haar unserm Departements-Hausknecht Michéjeff, auch ein Gauner und säuft Schnaps.“
Postmeister (zu den Zuschauern). Ein niederträchtiger Lümmel, der nichts weiter als eine Tracht Prügel verdient!
Hospitalverwalter (liest weiter). „Der Hospitalverw... w.. w..“ (Stotternd).
Koróbkin. Warum bleiben Sie denn stecken?
Hospitalverwalter. Unleserliche Schrift .. man sieht auch zur Genüge, daß das ein Flegel ist.
Koróbkin. Lassen Sie mich lesen! Ich glaube, ich habe bessere Augen! (will den Brief nehmen).
Hospitalverwalter (hält den Brief fest). Nein, diese Stelle kann man ja überschlagen, weiterhin wird es leserlicher.
Koróbkin. Geben Sie nur her, ich weiß schon Bescheid.
Hospitalverwalter. Aber was denn — lesen kann ich auch — weiterhin ist alles ganz deutlich.
Postmeister. Nein, alles vorlesen! Vorher ist auch alles vorgelesen worden!
Alle. Abgeben, Artémij Filíppowitsch, Brief abgeben! (Zu Koróbkin.) Lesen Sie vor!
Hospitalverwalter. Gleich, gleich. (Er gibt Koróbkin den Brief.) Erlauben Sie ... (deckt die Stelle mit dem Finger zu) ... da ... bitte von hier ab. (Alle umdrängen Koróbkin.)
Postmeister. Vorlesen! vorlesen! zum Kuckuck! alles vorlesen!
Koróbkin (liest). „Der Hospitalverwalter Semljaníka ist ein komplettes Schwein mit einer Nachtmütze.“
Hospitalverwalter (zu den Zuschauern). Sehr geistreich! Schwein mit einer Nachtmütze! Welches Schwein trägt Nachtmützen?
Koróbkin (liest weiter). „Der Schulinspektor ist durch und durch mit Knoblauch verpestet.“
Schulinspektor (zu den Zuschauern). Bei Gott, ich habe nie Knoblauch in den Mund genommen!
Kreisrichter (beiseite). Gott sei Dank, mich läßt er ungeschoren!
Koróbkin (liest weiter). „Der Kreisrichter ...“
Kreisrichter. Hopsa! (Laut.) Meine Herrschaften, ich denke, der Brief ist doch wohl zu lang ... Wozu in aller Welt solchen Quatsch vorlesen!
Schulinspektor. Nein!
Postmeister. Nein, vorlesen!
Hospitalverwalter. Nein, lesen Sie nur vor!
Koróbkin (fährt fort). „Der Kreisrichter Ljápkin-Tjápkin ist im höchsten Grade mauvais ton ...“ (Hält inne). Das scheint ein französischer Ausdruck zu sein.
Kreisrichter. Mag der Teufel wissen, was das bedeutet! Wenn bloß Halunke, dann gut; aber es kann noch was viel Schlimmeres sein.
Koróbkin (liest weiter). „Im übrigen ist das Völkchen gastfreundlich und äußerst harmlos. Lebe wohl, teuerster Trapítschkin. Ich gedenke mich nach deinem Vorbild jetzt ebenfalls der Literatur zu widmen, denn, lieber Freund, man bekommt diese Art Leben schließlich doch satt und sehnt sich nach geistiger Nahrung. Ich sehe es ein, man muß wirklich höheren Zielen zustreben. Schreibe mir doch nach Gouvernement Sarátoff, Gutsbezirk Podkalítowka. (Dreht den Brief um und liest die Adresse.) Seiner Hochwohlgeboren, dem wohledlen Herrn, Herrn Iwán Wassíljewitsch Trapítschkin, St. Petersburg. Poststraße 97, Hof geradezu, drei Treppen rechts.“
Eine Dame. Welch unverhoffte Züchtigung!
Polizeimeister. Sollte es treffen, dann hat’s jetzt getroffen! Vernichtet, total vernichtet! Ich erkenne nichts mehr; ringsum nichts wie Schweineschnauzen, und keine Menschengesichter! .... Haltet ihn fest, haltet ihn fest! (Fährt mit den Armen durch die Luft.)
Postmeister. Was festhalten! Ich ließ ihm wie abgekartet das beste Gespann geben, und der Satan riet mir auch noch Relais vorauszubestellen!
Frau Koróbkin. Das nenn’ ich doch beispiellose Konfusion!
Kreisrichter. Zu allem Überfluß — hol’s der Teufel, meine Herren, hat er mir sogar dreihundert Rubel abgepumpt!
Hospitalverwalter. Mir auch dreihundert!
Postmeister (seufzt.) Ach, und mir auch dreihundert!
Bóbtschinski. Und von mir und Dóbtschinski nahm er fünfundsechzig Rubel in Papier, jawohl!
Kreisrichter (breitet in höchstem Erstaunen die Arme aus). Aber ich bitte Sie um alles, meine Herren, wie konnten wir bloß auf solch einen Schwindel hereinfallen?!
Polizeimeister (schlägt sich vor die Stirne). Und ich — und ich grauer Esel? Verdient hab’ ich’s, ich hirnverbrannter Schöps! Dreißig Jahre stehe ich im Dienst, habe mich von keinem Krämerhund oder Bauunternehmer jemals übers Ohr hauen lassen, habe einen Gauner mit dem andern betrogen, habe jeden Schelm und jeden Spitzbuben, der alle Welt bestahl, doch noch an meiner Angel gefangen, habe drei Gouverneure übertölpelt! ... Ach was, Gouverneure, (mit einer Handbewegung) wo bleiben da Gouverneure ...
Anna Andréjewna. Aber das kann nicht sein, Antón, er hat sich doch mit Máscha verlobt!
Polizeimeister (zornig). Verlobt! Der Fuchs mit der Gans! Nette Verlobung! ... Kommt mir noch mit Verlobung! (In fassungslosem Erstaunen.) Seht her, seht her, Welt und alle Christenheit, seht her, was für ein Ochs der Polizeimeister geworden ist! Pfeift ihn aus, den alten Halunken! (Droht sich selber mit der Faust.) O ich Rindvieh, halte einen Windhund und Waschlappen für einen gewaltigen Herrn! Da fährt er nun hin und bimmelt das auf allen Straßen aus! Trägt die infame Historie bei aller Welt herum! Ins Gespött kommen ist da noch gar nichts, aber da finden sich Federfuchser und Zeilenschmierer, die bringen mich auf die Bretter! Da wird Rang und Name nicht geschont und alle werden sie grinsen und applaudieren! Was lacht ihr? Ihr lacht über euch selber! ... Ihr! ... (Stampft vor Wut auf den Boden.) Ich möchte ihnen mal kommen, diesen Zeilenschmierern! Pfui über euch Federfuchser, verdammte Liberalen! Teufelsbrut! In ein Bündel sollte man euch allesamt zusammenschnüren, zu Staub zermalmen und dann dem Teufel zum Fraß! (Ballt die Faust und stampft auf dem Boden. — Nach einer kurzen Pause.) Bis diesen Augenblick kann ich noch nicht zu mir kommen! Wahrlich, wen Gott strafen will, den schlägt er zuvor mit Blindheit. Was hatte denn dieser Windbeutel mit einem Revisor gemein? Nichts! Nicht so viel wie der kleine Finger — und mit einmal schreit alles: „der Revisor, der Revisor!“ Antwortet mir!
Hospitalverwalter. Schlagt mich tot, wenn ich sagen kann, wie das kam. Ein Nebel hat uns irre geführt, der Satan hat uns geblendet.
Kreisrichter. Aber wer hat’s denn ausgeheckt — wer denn? Diese Bürschchen da! (Deutet auf Bóbtschinski und Dóbtschinski.)
Bóbtschinski. Ich nicht, ich nicht, nicht mal gedacht hab’ ich ...
Dóbtschinski. Ich weiß von nichts, von gar nichts ...
Hospitalverwalter. Freilich ihr!
Schulinspektor. Selbstredend! Kamen wie die Besessenen aus dem Wirtshaus gerannt: „Er ist da! er ist da! und Geld zahlt er auch keins!“ ... Einen sauberen Vogel habt ihr gegriffen!
Polizeimeister. Natürlich ihr! Klatschbasen, Lügner verdammte!
Hospitalverwalter. Hol euch der Teufel mit eurem Revisor und euren Aufschneidereien!
Polizeimeister. Nichts tun Sie, wie in der Stadt ’rumrennen und alles in Aufruhr versetzen! Plappermäuler verfluchte! und Klatsch verbreiten, gekappte Elstern ihr!
Kreisrichter. Verdammte Sudelköche!
Schulinspektor. Hansnarren!
Hospitalverwalter. Kurzbäuchige Mistpilze!
(Alle umringen die beiden.)
Bóbtschinski. Bei Gott, ich war’s nicht, Dóbtschinski war’s!
Dóbtschinski. Nein, Bóbtschinski, ich nicht, Sie waren zuerst derjenige ...
Bóbtschinski. Oho nein, zuerst waren Sie’s!
Letzte Szene
Die Vorigen. Ein Gendarm.
Gendarm. Soeben mit Spezialmission von Petersburg eintreffend, fordert der Herr Revisor Sie unverzüglich zu sich. Er ist im Gasthof abgestiegen!
(Diese Worte treffen alle wie ein Donnerschlag. Ein einziger Schrei der Überraschung entringt sich dem Munde sämtlicher Damen. Die ganze Gruppe wechselt plötzlich die Stellung und bleibt in dieser wie versteinert stehen.)
Stumme Szene
Als Schlußbild des letzten Aufzuges.
(In der Mitte der Polizeimeister wie eine Bildsäule, mit ausgestreckten Armen und hintenüber geworfenem Kopf. Zu seiner Rechten seine Frau und seine Tochter in einer mit ängstlicher Spannung auf ihn gerichteten Körperhaltung; neben ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt, den Zuschauern zugekehrt; neben diesem der Schulinspektor, in blödeste Bestürzung versetzt; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, drei weibliche Gäste, eng gruppiert, deren höhnischer Gesichtsausdruck dem Polizeimeister und seinen Angehörigen gilt. Zur Linken des Polizeimeisters der Hospitalverwalter, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, als wenn er auf etwas lausche; neben ihm der Kreisrichter, mit gespreizten Händen fast am Boden kauernd und die Lippen bewegend, als wenn er pfeifen oder sagen wolle: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Neben ihm Koróbkin, den Zuschauern zugewandt, ein Auge blinzelnd zugekniffen und schadenfroh auf den Polizeimeister weisend; neben ihm, unmittelbar am Seitenrande der Bühne, Dóbtschinski und Bóbtschinski, einander die Hände entgegenstreckend und sich mit aufgesperrtem Munde und weit aufgerissenen Augen anstarrend. Alle übrigen Gäste stehen wie Bildsäulen da. Fast anderthalb Minuten verharrt die ganze versteinerte Gruppe in dieser Stellung, bis der Vorhang fällt.)
(Ende des letzten Aufzuges.)
Anhang zur Komödie
„Der Revisor“
I.
Abriß aus einem Brief
(1841)
den der Autor bald nach der ersten Aufführung an einen Schriftsteller richtete
„.... Der Revisor ist aufgeführt worden — und mir ist so seltsam, so traurig zumute ... Ich ahnte, ich wußte im voraus, wie es kommen würde, und doch hat sich ein Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit und herber Enttäuschung meiner bemächtigt. Mein eigenes Werk kam mir unausstehlich, fremd und gar nicht wie mein eigenes vor. Die Hauptrolle mißriet vollständig; das hatte ich schon vorausgesetzt. Dürr begriff absolut nicht, was Chlestakoff bedeutet. Er machte aus ihm eine Art Alnaskaroff, von der Sorte landläufiger Vaudeville-Schelme, die sich im Gefolge der Pariser Theaterstücke bei uns breit zu machen beliebten. Er machte einen ganz gewöhnlichen Schwindler aus ihm, eine armselige Figur, wie sie seit zweihundert Jahren in ein und derselben Maske auftritt. Ist denn wirklich aus der Rolle selber nicht zu erkennen, was Chlestakoff bedeutet? Oder war ich selber bis heute von einem blinden Dünkel besessen, reichte mein Können nicht aus, um diesen Charakter zu meistern, so daß sich für den Schauspieler keine Spur, kein Fingerzeig bot? Und mir erschien er so klar. Chlestakoff ist ganz und gar kein Betrüger, kein Lügner von Profession; er vergißt selber, daß er lügt, und glaubt beinahe selber an das, was er faselt. Er läßt sich gehen, ist gut aufgelegt; sieht, daß alles nach Wunsch geht, daß er umdienert wird; und gerade deshalb redet er flotter, ungezwungener, frisch von der Leber weg, plaudert sorglos ins Blaue hinein, und zeigt sich namentlich beim Lügen in seiner wahren Gestalt. Unsere Schauspieler verstehen überhaupt nicht zu lügen. Sie bilden sich ein, lügen hieße weiter nichts, als dummes Geschwätz machen. Lügen heißt vielmehr: eine Lüge in einem so die Wahrheit vortäuschenden, so natürlichen und naiven Tone aussprechen, wie man eben nur die Wahrheit selber sagen kann; und gerade darauf beruht die ganze Komik der Lüge. Ich bin fast überzeugt, daß Chlestakoff einen besseren Erfolg gehabt haben würde, wenn ich diese Rolle einem der wenigst talentierten Schauspieler anvertraut und ihm bloß gesagt hätte: Chlestakoff ist ein gewandter Mensch, durchaus comme il faut, gescheit und, wenn man so will, wohlanständig, und es sei nur nötig, ihn genau so darzustellen. Denn Chlestakoff ist gar kein abgefeimter oder theatralisch-prahlerischer Lügner: er lügt mit Gefühl; aus seinen Augen spricht das Behagen, das er dabei empfindet. Es ist dies überhaupt der schönste und poetischste Augenblick seines Lebens, beinahe eine Art Begeisterung. Wenn wenigstens ein Hauch davon zu spüren gewesen wäre! Aber nicht eine Spur eines solchen Charakters, weder der Person, noch des äußeren Gebarens oder der Physiognomie war dem armen Chlestakoff gegeben worden. Freilich, die alten Beamten in ihren verschlissenen Alltagsuniformen nebst abgescheuerten Kragen waren ungleich leichter zu karikieren; das Erfassen solcher Züge dagegen, welche als ziemlich wohlanständig nicht durch scharfe Ecken über das gesellschaftlich allgemein Gültige hinausragen, ist Sache eines erprobten Meisters. Bei Chlestakoff darf nichts stark betont werden. Er gehört dem Kreise an, der sich augenscheinlich in keiner Weise von der Art sonstiger junger Leute unterscheidet. Er hat auch zuweilen eine gute Haltung, spricht hin und wieder vernünftig, und nur in Fällen, die entweder Geistesgegenwart oder Charakter erfordern, offenbart sich seine halb niederträchtige, halb unbedeutende Natur. Die Züge der Rolle so eines Polizeimeisters sind deutlicher und schärfer umrissen. Ihn bezeichnet allein schon sein stark persönliches, unveränderliches, rücksichtsloses Äußere und läßt durch sich zum Teil auf seinen Charakter schließen. Chlestakoffs Züge sind viel unschärfer, viel schwächer angedeutet, und darum schwerer zu erfassen. Was ist denn, wenn wir genauer prüfen wollen, dieser Chlestakoff so recht eigentlich? Ein junger Mensch, ein Beamter und Einfaltspinsel, wie man zu sagen pflegt, der aber viele Eigenschaften in sich vereinigt, die Leuten anhaften, welche die Welt keineswegs einfältig nennt. Derartige Eigenschaften an Leuten zur Schau zu stellen, welche daneben auch tüchtige Verdienste aufzuweisen haben, wäre ein Verbrechen von seiten des Schriftstellers, denn er würde sie dadurch dem allgemeinen Gelächter preisgeben. Mag doch also lieber jeder sich zu seinem Teil in dieser Rolle wiedererkennen und sich dabei ruhig umschauen dürfen, ohne befürchten zu müssen, daß jemand mit Fingern auf ihn weist und ihn bei Namen nennt. Mit einem Wort, diese Figur soll ein Typus vieles dessen sein, was in den verschiedensten russischen Charakteren zerstreut vorhanden ist, sich aber hier zufällig in einer Person vereinigte, wie das in der Natur ja sehr häufig vorkommt. Wenigstens eine Minute lang, wenn nicht gar mehrere, war oder ist jeder einmal ein Chlestakoff, wenn er sich das natürlich auch nicht wird eingestehen wollen; er macht sich sogar über die Tatsache gern selber lustig, allerdings nur bei anderen, nicht bei der eigenen Person. Auch der gewandte Gardeoffizier, auch der Staatsmann, selbst unser lieber Bruder, der sündige Literat, alle zeigen sich zuweilen als Chlestakoff. Es gibt überhaupt kaum einen Menschen, der es im Leben nicht wenigstens einmal gewesen wäre; die Sache ist nur die, daß er sich hinterher sehr geschickt so zu drehen weiß, als sei er’s gar nicht gewesen.
Sollte nun also in meinem Chlestakoff nichts davon zu erkennen sein? Sollte er wirklich eine nichtssagende Figur sein, während ich mich von einer momentanen hoffärtigen Stimmung hinreißen ließ zu glauben, daß ein Schauspieler von hervorragendem Talent sich einst noch bei mir bedanken würde für die Vereinigung so vieler verschiedenartiger Wesenszüge in einer einzigen Person, die ihn in den Stand setzt, sein Können nach allen Richtungen zugleich glänzen zu lassen? Und statt dessen wäre aus Chlestakoff eine kindische, inhaltlose Rolle geworden! Das ist niederdrückend und tief verstimmend.
Schon von Beginn der Vorstellung an saß ich gelangweilt im Theater. Um Beifall und Aufnahme seitens des Publikums kümmerte ich mich nicht. Nur vor einem Kritiker unter all denen, die anwesend waren, hatte ich Bange, — und dieser Kritiker war ich selbst. In meinem Innern vernahm ich Murren und Vorwürfe gegen mein eigenes Stück, die alle übrigen übertönten. Aber das Publikum war im allgemeinen zufrieden. Die eine Hälfte der Zuschauer nahm das Stück sogar mit Wohlwollen auf, die andere tadelte bei einzelnen Anlässen, die sich jedoch nicht auf das Kunstwerk selbst bezogen. Auf welche Weise man tadelte, darüber wollen wir uns bei unserem nächsten Wiedersehen unterhalten: es ist manches Lehrreiche und viel Spaßhaftes darunter. Ich habe sogar einiges davon aufgeschrieben, doch das nebenbei.
Hauptsächlich scheint der Polizeimeister die günstige Aufnahme des Revisors beim Publikum verursacht zu haben. Auf ihn hatte ich auch schon vorher volles Vertrauen gesetzt, denn für ein Talent wie Ssossnizki konnte diese Rolle nichts Unklares an sich haben. Ich bin wenigstens froh, ihm die Möglichkeit geboten zu haben, ein Talent in seinem ganzen Umfange zeigen zu können, von dem man sich bereits kühl abzuwenden begann, und dabei ihn selbst auf eine Stufe mit vielen Schauspielern stellte, die durch freigebigen Applaus bei alltäglichen Vaudevilles und ähnlichen Unterhaltungsstücken belohnt werden. Auch auf den Diener hatte ich Hoffnungen gesetzt, weil ich bei dem betreffenden Schauspieler viel Beobachtungsgabe und Verständnis für den Text wahrgenommen hatte. Im Gegensatz dazu gerieten unsere beiden Freunde Bóbtschinski und Dóbtschinski über alles Erwarten schlecht. Obschon ich selber erwartet hatte, daß sie schlecht sein würden, weil ich die Rollen der beiden kleinen Beamten Schtschepkin und Rjásanski auf den Leib geschrieben hatte, hegte ich doch die Hoffnung, daß deren Äußeres und Position sie einigermaßen heben und weniger karikieren würden. Es kam aber gerade umgekehrt: eine vollkommene Karikatur wurde daraus. Schon vor Beginn der Vorstellung, als ich sie in ihren Kostümen erblickte, war ich entsetzt. Diese beiden sonst so adretten, etwas korpulenten Menschen mit ihrem sauber geglätteten Haar erschienen plötzlich in plumpen, ungeheuerlichen grauen Perücken, ganz verfilzt, schmierig, struppig, mit übergroßen hervorquellenden Chemisettes; und auf der Bühne schnitten sie derartige Grimassen, daß es einfach unerträglich war. Überhaupt war die Kostümierung der meisten handelnden Personen sehr schlecht und karikiert. Ich hatte das gewissermaßen vorausgeahnt, als ich darum bat, eine Kostümprobe stattfinden zu lassen. Man versicherte mir aber, das sei gar nicht nötig und auch nicht herkömmlich, und die Schauspieler würden schon wissen, was sie zu tun hätten. Wie ich merkte, daß meine Worte in den Wind gesprochen waren, ließ ich die Leute gewähren. Ich wiederhole noch einmal: scheußlich! Ich weiß selber nicht, weshalb mich der Ekel so überkommt.
Während der Vorstellung bemerkte ich, daß der Anfang des vierten Aktes flau wirkte; es machte den Eindruck, als ob der bisher lebhafte Fluß der Handlung hier stocke oder sich träge dahinschleppe. Tatsächlich hatte mich ein einsichtiger und erfahrener Schauspieler schon bei Gelegenheit der Lesung des Stückes darauf aufmerksam gemacht, daß es nicht geschickt sei, Chlestakoff mit dem Geldborgen den Anfang machen zu lassen, und daß es besser sein würde, wenn die Beamten es ihm von sich aus anböten. Obwohl ich die recht feine Bemerkung anerkennen mußte, da sie in gewisser Hinsicht wohlberechtigt war, sah ich dennoch nicht ein, weshalb Chlestakoff als ein sich entwickelnder Chlestakoff nicht zuerst um Geld bitten sollte. Allein die Bemerkung war einmal gemacht, und ich sagte mir: du wirst diese Szene vermutlich schlecht ausgeführt haben. Und wirklich, jetzt während der Vorstellung erkannte ich deutlich, daß der Anfang des vierten Aktes matt ist und das Kennzeichen einer gewissen Schwäche an sich trägt. Zu Haus angekommen, machte ich mich sofort an die Umarbeitung. Jetzt scheint er etwas wirkungsvoller, wenigstens natürlicher geworden zu sein und geht besser aufs Ziel los. Aber ich habe die Kraft nicht mehr, mich um die Aufnahme dieses Zusatzes in das Stück abzuplacken. Ich bin es müde geworden; und da ich überdies weiß, wie man zu solchem Zweck herumkutschieren, bitten und Bücklinge machen muß, so mag der Himmel ihm gnädig sein; er könnte schließlich ja noch in einer zweiten Auflage oder Überarbeitung des „Revisor“ seinen Platz finden.
Noch ein Wort über die letzte Szene. Sie kam absolut nicht zur Geltung. Der Vorhang fällt in einem sozusagen verworrenen Augenblick, und das Stück scheint noch gar nicht zu Ende zu sein. Daran bin ich aber nicht schuld. Man wollte eben nicht auf mich hören. Auch jetzt behaupte ich noch, daß die letzte Szene so lange keinen Erfolg haben wird, bis man nicht begriffen hat, daß sie einfach ein stummes Tableau ist, daß dies Ganze eine versteinerte Gruppe darstellen soll, daß hier das Drama zu Ende ist und von wortloser Mimik abgelöst wird, daß der Vorhang erst nach zwei bis drei Minuten fallen darf, und daß all dies unter denselben Bedingungen erfolgen muß, welche die sogenannten „lebenden Bilder“ erheischen. Man entgegnete mir aber, daß dies den Schauspielern Zwang auferlege, daß man dann die Gruppierung einem Ballettmeister übertragen müßte, was für die Schauspieler einigermaßen demütigend sein würde usw. usw. Und noch manches Weitere konnte ich von den Mienen ablesen, was noch viel ärgerlicher als das Geäußerte war. Aber all dieses „Weiteren“ ungeachtet halte ich meine Meinung aufrecht und behaupte hundertmal: „Nein, das legt durchaus keinen Zwang auf, das ist nicht demütigend.“ Mag immerhin ein Ballettmeister die Gruppe gestalten und anordnen, wenn er nur die Fähigkeit besitzt, sich in die augenblickliche Situation jeder einzelnen Person zu versetzen. Gezogene Grenzen behindern ein Talent nicht, so wenig wie granitene Ufer einen Strom; im Gegenteil, einmal in sie geleitet, wird er mit stärkeren und volleren Wogen dahinrauschen. Ein temperamentvoller Schauspieler kann auch in einer ihm angewiesenen Pose alles ausdrücken. Sein Gesicht bleibt hier von allen Fesseln befreit, einzig die Stellung ist bedingt; sein Gesicht darf zwanglos jede innere Bewegung widerspiegeln. Und in diesem Verstummtsein liegt für ihn eine Fülle mannigfaltigster Möglichkeiten. In diesem Erschrecken gleicht keine der handelnden Personen der anderen, so wenig wie deren Charaktere und der Grad ihrer Furcht und Angst sich gleichen, entsprechend der Verschiedenheit der von jedem einzelnen begangenen Sünden. Anders verdonnert steht der Polizeimeister da, anders seine Frau und seine Tochter. Auf seine besondere Weise erschrickt der Kreisrichter, auf besondere der Hospitalverwalter, der Postmeister usw. usw. Wieder anders fährt es Bóbtschinski und Dóbtschinski in die Glieder, die sich auch hier gleichbleiben und sich gegenseitig mit einer stummen Frage auf den Lippen anstarren. Einzig die Gäste dürfen auf gleichartige Weise betroffen erscheinen, sie stellen aber auch bloß den Hintergrund des Tableaus dar, der mit einem Pinselstrich entworfen und in ein und dasselbe Kolorit getaucht ist. Mit einem Wort: jeder einzelne spielt seine Rolle mimisch weiter und kann, wenn er sich auch vom Ballettmeister begutachten lassen mußte, deshalb doch ein großer Schauspieler bleiben. Aber meine Kräfte reichen nicht aus, um mich noch länger abzuplacken und herumzustreiten. Ich bin seelisch und körperlich ermattet. Es weiß und hört ja auch wahrhaftig niemand meinen Kummer. Mögen sie doch alle in Gottes Namen tun was sie wollen! Mein Stück ist mir zuwider geworden. Ich möchte jetzt weit weg von hier, und nur meine bevorstehende Reise, Dampferfahrt, Meer und andere ferne Himmelsstriche können mich allein noch wiederbeleben. Ich sehne mich unbeschreiblich danach. Kommen Sie um Himmelswillen bald; bevor ich von Ihnen nicht Abschied genommen, reise ich nicht ab. Noch vieles habe ich Ihnen zu sagen, wozu ich in einem langweiligen, kalten Briefe außerstande bin ....“
St. Petersburg, 25. Mai 1836.
II.
Vorbemerkung
für diejenigen, die den „Revisor“ sachgemäß aufzuführen beabsichtigen.
1.
(Die ersten Seiten von Gogols eigenhändiger Reinschrift.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Auch in der kleinsten Rolle darf nichts übertrieben oder trivialisiert werden. Im Gegenteil, der Schauspieler muß sich besondere Mühe geben, noch einfacher, schlichter und gewissermaßen vornehmer zu wirken, als die darzustellende Person in Wirklichkeit ist. Je weniger er es darauf anlegen wird, zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto stärker wird die Komik seiner Rolle zum Vorschein kommen. Sie äußert sich gerade in dem Ernst, mit dem jede in der Komödie auftretende Person ihren Geschäften nachgeht. Alle diese Leute sind eifrig, lebhaft, beinahe hitzig dahinter her, als wenn es sich um die wichtigste Aufgabe ihres Lebens handele. Dem Zuschauer wird die Albernheit ihres Tuns bloß nebenbei sichtbar. Sie selber aber spaßen durchaus nicht und ahnen nicht einmal, daß sich jemand über sie lustig macht. Ein vernünftiger Schauspieler soll, ehe er sich die kleinen Eigenheiten und äußerlichen Absonderlichkeiten der ihm übertragenen Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle zu erfassen suchen .... Er soll zu begreifen suchen, wozu diese bestimmt ist, worin die hauptsächlichste und wesentlichste Beschäftigung jeder Person besteht, von der ihr Dasein erfüllt und die das beständige Ziel ihrer Gedanken ist, — der ewig im Kopf steckende Nagel. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in sie einleben, daß deren Gedanken und Bestrebungen ihm ganz zu eigen werden und während der Dauer der Vorstellung seinen Geist beherrschen. Um szenische Einzelheiten und Nebendinge soll er sich nicht weiter kümmern; sie werden ohne weiteres leicht und sicher gelingen, sofern er nur keinen Augenblick jenen Nagel aus dem Kopf verliert, welcher in dem seines Helden steckt. Alle diese Einzelheiten und verschiedenen kleinen Züge, deren sich oft schon solche Schauspieler mit Glück zu bedienen wissen, welche zwar zu gefallen und Gang und Gebaren abzulauschen, nicht aber eine Rolle auszuschöpfen vermögen, — alle diese Züge also sind höchstens Lichter, die man dann erst aufsetzen darf, wenn das Bild fertig und wohlgelungen ist. Sie sind das Kleid und der Körper der Rolle, nicht aber deren Seele. Und somit muß man sich zuerst diese Seele, dann erst das Kleid der Rolle aneignen.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Dieser Mensch ist vor allem darauf bedacht, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst genauer zu betrachten. Durch sie wurde er zum Blutsauger und, ohne es selber zu merken, erbarmungslos, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken; ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er weiß überhaupt nicht mehr, daß das seinem Nächsten Schaden bringt und manchen zugrunde richtet. Den Kaufleuten, die ihn hatten verderben wollen, verzeiht er im selben Augenblick, wo diese ihm eine verlockende Anerbietung machen, weil der Anreiz irdischer Schätze jede Rücksicht auf Lage und Leiden seines Nächsten in ihm erstickt und abgestumpft hat. Er fühlt zwar, daß er ein Sünder ist; er geht in die Kirche; glaubt sogar fromm zu sein. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, übermächtig auch die eingewurzelte Gewohnheit, sich alles anzueignen und nichts sich entgehen zu lassen.
Er ist ein echter Russe, zwar nicht gerade ein Unmensch, aber doch einer, bei dem sich die Rechtsbegriffe verwirrt haben, der ganz Lüge geworden ist, ohne es selbst zu merken. Darum räsoniert er auch, beißt den Ehrbaren und Würdigen heraus und redet manchmal mit Wärme. Er gehört vielleicht sogar zu den Leuten, die, wenn sie erkannt haben, daß alle um sie her ehrlich geworden sind, daß Ehrlichkeit erford.....
2.
(Der vollständige Entwurf.)
Vor allem muß man sich davor hüten, in eine Karikatur zu verfallen. Nichts darf karikiert erscheinen. Je mehr Einfachheit im Spiel, desto ..... Je weniger es der Schauspieler darauf anlegen wird zum Lachen zu reizen oder komisch zu sein, desto komischer wird die Figur selber wirken. Auf dem Ernst, mit dem jede Person bei ihrer Sache ist, beruht ..... Der Schauspieler soll, ehe er sich die Wunderlichkeiten und kleinen äußeren Besonderheiten jeder Person aneignet, erst einmal den allgemein menschlichen Gehalt der Rolle erfassen. Vor dem eigentlichen Charakter der Person muß man den Zweck ergründen, wofür sie da ist, worin ihre Tätigkeit und Beschäftigung besteht, wovon ihr Leben erfüllt ist und worum es sich hauptsächlich dreht, worauf und wohin sich beständig ihre Gedanken und Bestrebungen richten. Hat er diesen wesentlichsten Daseinszweck der darzustellenden Person erfaßt, dann muß sich der Schauspieler so in diese Tätigkeit einleben, sich alle Gedanken und Bestrebungen so zu eigen machen, daß sie während der ganzen Vorstellung seinen Kopf beherrschen; an szenische Einzelheiten soll er gar nicht denken. Sie werden ohne weiteres gut gelingen, sofern er nur so ernsthaft und eifrig bei seiner Sache ist, wie es die darzustellende Person, ohne zu spaßen, selber tut.
Eine der wichtigsten Rollen ist der Polizeimeister. Ein Mensch, der vor allem darauf bedacht ist, seine Taschen zu füllen. Diese Beschäftigung ließ ihm keine Zeit, ernster ins Leben zu schauen oder sich selbst zu betrachten. Durch sie wurde er, vielleicht ohne es selbst zu merken, zum Blutsauger, weil er unfähig ist, böse Gelüste zu unterdrücken. Ihn beherrscht nur das Verlangen, sich alles anzueignen, was sein Auge erblickt. Er hat vergessen, daß dadurch sein Nächster zugrunde gerichtet wird. Er fühlt zwar gelegentlich, daß er ein Sünder ist, betet, geht zur Kirche, glaubt sogar fromm zu sein und denkt auch daran, künftig einmal bereuen zu wollen. Aber das Gelüst, sich die Taschen zu füllen, ist übermächtig, und übermächtig die eingewurzelte Gewohnheit. Das umlaufende Gerücht vom Revisor hat ihn in Aufregung versetzt, mehr noch der Umstand, daß dieser inkognito kommen soll und niemand weiß, wann und von woher er erscheinen wird. Er befindet sich vom Beginn bis zum Schluß des Stückes in Situationen, die weit über alles hinausgehen, was ihm sonst derart im Leben beschieden war. Seine Nerven sind gespannt. Beim Übergang von Furcht zu Freude und Hoffnung bekommt sein Ausdruck etwas Überhitztes, dann ist er der Täuschung stärker ausgesetzt, und er, der zu anderer Zeit nicht so bald ...., ist nun leicht zu übertölpeln. Wie er sieht, daß der Revisor in seiner Hand ist, gar nicht gefährlich ist und sich sogar mit ihm verschwägert hat, überläßt er sich ungestümer Freude in Voraussicht dessen, daß sein Leben von nun an in Gastereien und Trinkgelagen aufgehen wird, daß er selbst Stellungen vergeben, auf den Stationen Pferde verlangen, die Polizeimeister im Vorzimmer warten lassen, groß tun und den Ton angeben wird. Darum bedeutet die plötzliche Meldung von der Ankunft des echten Revisors für ihn einen stärkeren Donnerschlag als für alle anderen und seine Lage wird zu einer wirklich tragischen.
Der Kreisrichter ist, was Bestechlichkeit anbetrifft, weniger sündig. Ihm fehlt sogar die Neigung zum Unrechttun; dafür ist seine Jagdleidenschaft groß ..... Aber das ist nun einmal so, jeder Mensch hat schließlich irgendeine Leidenschaft .... Ihr zuliebe läßt er sich eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten zuschulden kommen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Er beschäftigt sich ausschließlich mit sich und seinem Verstande und ist nur darum gottlos, weil sich ihm auf dieser Bahn Gelegenheit bietet, sich selbst ins gehörige Licht zu stellen. Für ihn ist jedes Ereignis, auch ein solches, was andere in Schrecken versetzt, ein willkommener Fund, weil es ihm Stoff zu seinen Mutmaßungen und Kombinationen gibt, die ihn ebenso befriedigen, wie den Künstler seine Schöpfung. Diese Selbstzufriedenheit muß sich auf dem Gesicht des Schauspielers ausprägen. Während er spricht, beobachtet er gleichzeitig, welchen Eindruck seine Worte auf andere machen. Er forscht .....
Semljaníka ist ein korpulenter Mann, aber ein schlauer Spitzbube. Trotz seiner mächtigen Leibesfülle besitzt er viel Gewandtheit und Schmeichlerisches in Sprache und Auftreten. Auf die Frage Chlestakóffs, wie der verspeiste Fisch hieß, springt er mit der Gelenkigkeit eines 22jährigen Stutzers herzu, um ihm die Worte: „Laberdan, Ew. Gnaden!“ direkt unter die Nase zu blasen. Er ist einer von denen, die, um sich selber zu decken, kein anderes Mittel finden, als andere in die Patsche zu bringen, und deshalb mit Ränkespinnen und Angeberei flink bei der Hand sind, ohne dabei Verwandtschaft und Freundschaft zu ...., einzig darauf bedacht, nur selber durchzuschlüpfen. Trotz seiner Beleibtheit und Schwerfälligkeit ist er immer beweglich. Ein kundiger Schauspieler wird sich natürlich keine solcher Gelegenheiten entgehen lassen, wo die Zuvorkommenheit eines korpulenten Mannes auf die Zuschauer besonders komisch wirken kann, ohne es bis zur Karikatur zu treiben.
Der Schulvorsteher ist nichts weiter als ein durch häufige, aber zwecklose Revisionen und Rüffel eingeschüchterter Mensch; darum fürchtet er alle Besichtigungen wie das Feuer und zittert bei der Kunde vom Revisor wie Espenlaub, obwohl er selber nicht weiß, was er verbrochen hat. Der ihn darstellende Schauspieler hat lediglich die beständige Angst zum Ausdruck zu bringen.
Der Postmeister ist ein bis zu Naivität einfältiger Kerl, der das Leben wie eine zum Zeitvertreib dienende Sammlung amüsanter Histörchen ansieht, die er sich aus erbrochenen Briefen zusammenliest. Für Bestechungen ist er ohne w..... zugänglich. Der Schauspieler hat nichts weiter zu tun, als so einfältig wie möglich zu sein.
Die beiden Stadtklatschbasen Bóbtschinski und Dóbtschinski aber müssen besonders gut gegeben werden. Der Schauspieler muß sie sehr scharf aufzufassen suchen. Es sind das Leutchen, deren ganzes Dasein darin aufgeht in der Stadt umherzurennen, um überall ihre Aufwartung zu machen und Neuigkeiten in Umlauf zu bringen. Ihr ganzes Wesen ist .... Die Leidenschaft zu klatschen hat jede andere Betätigung unterdrückt und wurde zur treibenden Kraft und zum Zweck ihres Lebens. Es ist unbedingt notwendig, ihr Behagen sichtbar werden zu lassen, wenn es ihnen endlich geglückt ist, die Erlaubnis zum Erzählen zu erhalten. Ihre Eilfertigkeit und Hast ist lediglich von der Angst verursacht, es könne sie jemand stören oder am Erzählen hindern. Sie sind neugierig, aus dem Bedürfnis Stoff zum Klatschen zu bekommen. Darum auch, nämlich weil er möglichst rasch erzählen will, stottert Bóbtschinski ein wenig. Beide sind klein, untersetzt und einander ungemein ähnlich, haben auch beide ein kleines Embonpoint. Beide haben ein rundliches Gesicht, saubere Kleidung und glattgescheiteltes Haar. Dóbtschinski hat auch einen Anflug von Glatze: man sieht, daß er kein Hagestolz wie Bóbtschinski, sondern verheiratet ist. Trotzdem hat Bóbtschinski das Übergewicht durch seine größere Lebhaftigkeit und regiert ihn sogar einigermaßen durch Verstand. Der Schauspieler muß alle nebensächlichen Züge außer acht lassen, wenn er diese Rolle gut darstellen will, und hat sich nur bewußt zu bleiben, daß er mit einem starken Sprachfehler behaftet sein soll. Mit einem Wort, es sind Leutchen, die vom Schicksal nicht für eigene, sondern für fremde Interessen in die Welt gesetzt wurden.
Alle übrigen Personen: Kaufleute, Gäste, Polizeibeamte und Bittsteller jeder Art sind Gestalten, wie sie uns täglich vor Augen kommen, und werden darum von jedem leicht aufgefaßt werden können, der Rede und Gebaren von Leuten jederlei Schlages zu beobachten versteht. Das gleiche kann auch vom Diener gesagt werden, obschon diese Rolle wichtiger als die erwähnten ist. Er ist ein russischer Diener in vorgerücktem Alter, der etwas mürrisch ist, seinem Herrn grob kommt, weil er merkt, daß dieser ein Federfuchser und Tropf ist, und ihm hinter dem Rücken Strafpredigten zu halten liebt; ein stilles Wasser, daneben aber sehr findig im Aufspüren von Gelegenheiten, wo etwas für ihn abfallen kann, — also eine allgemein bekannte Figur, weshalb auch diese Rolle stets gut gespielt wurde. Dementsprechend wird man leicht ermessen können, welchen Eindruck die Ankunft des Revisors auf jede einzelne dieser Personen auszuüben imstande ist.
Man darf nur nicht vergessen, daß in all diesen Köpfen der Revisor spukt. Jeder beschäftigt sich mit ihm, um ihn drehen sich Furcht und Hoffnung aller handelnden Personen. Die einen wiegen sich in Hoffnung auf ein strenges Gericht und Erlösung von schlimmen Polizeimeistern und sonstigen Schnapphähnen, die andern erfaßt panischer Schrecken bei der Wahrnehmung, daß den obersten Beamten und Spitzen der Behörden angst und bange wird. Bei den übrigen, also denen, die auf die Dinge dieser Welt gleichmütig, mit dem Finger in der Nase zu schauen pflegen, herrscht Neugierde nebst einer gewissen geheimen Scheu, die Persönlichkeit von Angesicht sehen zu sollen, die so viel Furcht verbreitet und die darum unstreitig eine außergewöhnliche und bedeutende sein muß.
Am schwierigsten ist die Rolle dessen, der von der erschreckten Stadt für den Revisor gehalten wird. Chlestakóff ist an und für sich ein unbedeutender Mensch. Sogar einfältige Leute würden ihn ihrerseits sehr einfältig nennen. Nie in seinem Leben ist er zu etwas berufen gewesen, was Nachdenken erforderte. Aber die Wirkung der allgemeinen Furcht macht ihn zu einer bemerkenswert komischen Figur. Indem sie aller Augen benebelt, schafft sie ihm Gelegenheit, eine komische Rolle zu spielen. Eben noch von allem entblößt und sogar des Vergnügens beraubt, stolz auf dem Newski-Prospekt umherzuflanieren, fühlt er mit einmal freie Bahn und sieht sich unverhofft allen Verlegenheiten enthoben. Er ist vollständig überrascht und glaubt zu träumen, kann auch lange Zeit gar nicht begreifen, weshalb man ihm soviel Aufmerksamkeit und Achtung bezeugt. Er empfindet bloß ein angenehmes Behagen bei der Wahrnehmung, wie man ihn hofiert, bedient, alle seine Wünsche erfüllt und begierig jede seiner Äußerungen auffängt. Da redet er denn ziellos ins Blaue hinein. Die Themata für seine Aufschneidereien liefern ihm die Ausfrager, die ihm die Worte gewissermaßen selbst in den Mund legen und somit seine Expektorationen veranlassen. Er fühlt bloß wie leicht sich überall prahlen läßt, wo nichts einen behindert. Er phantasiert, daß er in der Literatur einen Namen hat, auf Bällen die erste Rolle spielt, selber Bälle gibt und, damit nicht genug, auch ein großer Staatsmann ist. Vor nichts scheut er zurück, wonach man ihn etwa .... Das Diner mit all’ den Laberdanen und Weinen hat seine Zunge gelöst und ihn redselig gemacht. Je weiter er fabelt, desto stärker wird seine Einbildungskraft und er gerät wiederholt in ordentliche Hitze. Weil er gar nicht die Absicht hat, aufzuschneiden, vergißt er selber, daß er lügt. Er meint sogar all das wirklich geleistet zu haben, wovon er faselt. Darum versetzt auch die Szene, wo er sich für einen Staatsmann ausgibt, alle Beamten so in Schrecken. Darum zeigt auch, namentlich bei der Erzählung, wie er in Petersburg allen miteinander den Kopf gewaschen hat, sein Antlitz alle Merkmale von Würde und was nur irgend sonst dazu gehört. Weil er gesehen hat, wie man hierorts Rüffel austeilt, auch aus eigner, vielfacher Erfahrung weiß, was es mit dem Gerüffeltwerden auf sich hat, bereitet es ihm (das muß meisterhaft in den Reden zum Ausdruck gebracht werden) in diesem Augenblick besonderes Behagen, endlich auch einmal andere Leute herunterzuputzen — wenn auch nur erzählenderweise. Er würde sich auch noch weiter in seinen Aufschneidereien versteigen, wenn ihm nicht die Zunge bereits den Dienst versagte, infolgedessen sich die Beamten genötigt sehen, ihn ehrerbietig und furchtsam aufs vorbereitete Bett zu bringen.
Beim Erwachen ist er wieder derselbe Chlestakóff wie vorher; er weiß überhaupt nicht mehr, wodurch er sie alle ins Bockshorn gejagt hat. Alle Phantasie ist ihm wieder abhanden gekommen und sein Betragen ist so albern wie zuvor.
Fast gleichzeitig bandelt er mit der Mutter und mit der Tochter an. Er bittet um Geld, weil ihm das wie unwillkürlich über die Lippen kommt und auch schon der erste, an den er sich wandte, es ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte. Erst gegen Schluß des Aktes wird es ihm klar, daß man ihn für irgendein großes Tier hält. Ohne Ossips Warnung aber, dem es mit Mühe gelingt, ihm begreiflich zu machen, daß diese Täuschung nicht lange vorhalten könne, würde er mit größter Seelenruhe solange dageblieben sein, bis man ihn mit Schimpf und Schande hinausgeworfen hätte. Kurz, diese Gestalt ist ein Wahngebilde, das sich wie ein personifiziertes, lügenhaftes Blendwerk mitsamt der Troika verflüchtigt. Dessenungeachtet muß diese Rolle durchaus dem besten verfügbaren Schauspieler anvertraut werden, weil sie die allerschwierigste ist. Denn dieser alberne Mensch und oberflächliche Charakter vereinigt in sich eine Menge von Eigenschaften, welche auch nicht oberflächliche Leute besitzen. Namentlich darf der Schauspieler diese Sucht zu prahlen nicht außer acht lassen, mit der mehr oder weniger alle Menschen behaftet sind und die bei Chlestakóff am stärksten ausgebildet ist, — eine kindische Neigung zwar, die sich nichtsdestoweniger aber bei vielen klugen alten Leuten findet, so daß wohl selten jemand ihr nicht bei irgendeiner Gelegenheit im Leben .... Mit einem Wort, der Schauspieler muß für diese Rolle ein sehr vielseitiges Talent mitbringen, fähig, die mannigfaltigsten Eigenschaften eines Menschen darzustellen und nicht nur ewig ein und dieselben. Er muß zugleich ein gewandter Weltmann sein, weil er sonst außerstande sein würde, naiv und harmlos diesen hohlen, weltlichen Leichtsinn zur Anschauung zu bringen, der einen Menschen über alles und jedes hinwegtändeln läßt und in so beträchtlichem Umfange Chlestakóff zu eigen ist.
Die letzte Szene des „Revisors“ muß ganz besonders umsichtig gespielt werden. Hier ist der Spaß zu Ende, und die Situation vieler Personen ist eine fast tragische. Die des Polizeimeisters ist die allerverzweifeltste; denn, wie dem auch sei, sich plötzlich betrogen zu sehen, noch dazu von dem dümmsten und albernsten Bürschchen, das weder Ansehen noch Gestalt hatte und kaum einem Zündhölzchen glich (Chlestakóff ist, wie erinnerlich, schmächtig, alle andern dick), — von dem sich betrogen zu sehen, ist wahrhaftig kein Spaß mehr. Und so plump betrogen zu werden, während man selber doch schlaue Köpfe und sogar die abgefeimtesten Gauner hinters Licht zu führen verstanden hatte! Die schließlich erfolgende Meldung von der Ankunft des echten Revisors wirkt auf ihn wie ein Donnerschlag. Versteinert steht er da. Mit ausgebreiteten Armen und hintenübergeworfenem Haupt verharrt er regungslos, und alle handelnden Personen um ihn her bilden eine momentan versteinerte Gruppe in den verschiedensten Stellungen.
Die ganze Szene ist ein stummes Bild und muß darum ebenso gestellt werden wie die lebenden Bilder. Jede Person muß eine Stellung angewiesen erhalten, die ihrem Charakter entspricht, nach dem Grade ihrer Furcht und der Stärke des Schreckens, den die Meldung von der Ankunft des echten Revisors ihr verursacht. Diese Stellungen dürfen nichts miteinander gemein haben, müssen vielmehr mannigfaltig und verschieden sein; auch muß darum jeder die seine genau im Kopfe haben, um sie sofort annehmen zu können, wenn die verhängnisvolle Kunde sein Ohr trifft. Anfangs wird das freilich gezwungen herauskommen und an Automaten erinnern; allmählich aber, nach einigen Wiederholungen, im Maße wie jeder Schauspieler seine Situation tiefer erfaßt haben wird, wird ihm die angewiesene Pose geläufiger werden und ein natürlicheres, seinem Wesen entsprechenderes Ansehen bekommen. Das Hölzerne und Ungelenke des Automaten wird verschwinden und es wird den Anschein haben, als sei dieses stumme Bild ganz von selbst entstanden.
Als Signal zur Veränderung der Stellung kann jener unterdrückte Schrei dienen, den Frauen bei einer unerwarteten Erscheinung auszustoßen pflegen. Die einen nehmen die ihnen im stummen Bilde angewiesene Pose allmählich an und beginnen damit bereits beim Eintritt des Boten mit der verhängnisvollen Meldung; das sind diejenigen, die minder betroffen sind. Die anderen nehmen sie momentan an, nämlich die, welche einen stärkeren Schlag erhalten. Der führende Schauspieler täte gut daran, seine eigene Pose vorübergehend aufzugeben und dies Bild einige Male selber wie ein Zuschauer zu betrachten, um zu prüfen, wo etwas abzuschwächen, stärker zu betonen oder zu mildern wäre, damit das Bild natürlicher wirkt.
Das Bild muß etwa folgendermaßen gestellt werden: in der Mitte der Polizeimeister, stumm und versteinert. Zu seiner Rechten seine Frau und Tochter, beide ihm schreckensbleich zugewandt. Hinter ihnen der Postmeister, in ein Fragezeichen verwandelt und den Zuschauern zugekehrt. Hinter diesem Luka Lukitsch, kreidebleich. Links vom Polizeimeister Semljanika mit hochgezogenen Augenbrauen und die Finger im Munde, wie einer, der sich böse verbrannt hat. Hinter ihm der Kreisrichter, fast auf die Erde gekauert und eine Grimasse schneidend, als wenn er sagen wollte: „Holla, Alte, jetzt hat’s eingeschlagen!“ Hinter diesen starren Bobtschinski und Dobtschinski einander mit offenem Munde an. Die Gäste verteilen sich in zwei Gruppen auf beiden Seiten; jede für sich nimmt eine eigne allgemeine Stellung an und heftet ihre Blicke auf den Polizeimeister. Fast eine Minute lang währt diese stumme Szene, bis endlich der Vorhang fällt. Damit sich die Gruppe geschickter und ungezwungener entwickele, überträgt man sie am besten einem tüchtigen Künstler, der Gruppen zu komponieren versteht, Skizzen entwerfen kann und .....
Wenn sämtliche Schauspieler auch nur einigermaßen im Laufe der Vorstellung allen Anforderungen ihrer Rollen genügt haben, dann werden sie auch in dieser stummen Szene die entscheidende Situation ihrer Rollen zum Ausdruck bringen und dadurch ihrem vollendeten Spiel die Krone aufsetzen. Erwiesen sie sich aber während der Vorstellung teilnahmslos und unbeholfen, dann werden sie auch hier so wirken, mit dem Unterschied, daß sich in dieser stummen Szene ihr Nichtkönnen noch deutlicher offenbaren wird.
III.
Zwei Szenen, die schon bei der ersten Ausgabe als den Gang der Handlung störend ausgeschieden wurden.
Anna Andréjewna und Márja Antónowna.
Márja Antónowna. Wirklich, Mama, ich begreife nicht, wie du glauben kannst, deine Augen seien das Schönste ...
Anna Andréjewna. Papperlapapp, rede kein dummes Zeug! Als noch die Frau Oberst hier wohnte, die die größte Modedame war, die ich je gesehen, und sich alle Kostüme aus Moskau verschrieb — sagte sie mir bei jeder Gelegenheit: „Liebste Anna Andréjewna, verraten Sie mir doch bloß das Geheimnis, weshalb Ihre Augen einen so sprechenden Ausdruck haben!“ Überhaupt herrschte nur eine Stimme: „Mit Ihnen, Anna Andréjewna, braucht man nur eine Minute beisammen zu sein, um infolge Ihrer Liebenswürdigkeit alles um sich her zu vergessen.“ Und der Stabsrittmeister Starokopytoff, der sich damals, was weiß ich, wegen Remonte hier aufhielt? Der schöne Mann mit dem frischen, prächtig roten Gesicht, den pechschwarzen Augen, dem weißen Hemdkragen aus dem feinsten Batist, wie ihn unsre Kaufleute uns noch nie geliefert haben? Der sagte mir zu wiederholten Malen: „Ich schwöre Ihnen, Anna Andréjewna, noch nie habe ich solche Augen gesehen, nicht einmal in Romanen davon gelesen; ich weiß nicht wie mir geschieht, wenn ich Sie anschaue! ..“ Ich trug damals noch eine Tüllpelerine, mit Weinblättern und Ähren bestickt und mit zarten Spitzen eingefaßt, kaum einen Finger breit, einfach bezaubernd! Und dann sagte er jedesmal: „Ihr Anblick, Anna Andréjewna, bereitet mir solches Entzücken, daß mein Herz vollständig ...“ ach, ich weiß schon gar nicht mehr, was er alles geredet hat. Nachher hat er sogar noch Geschichtchen gemacht: er wollte sich partout erschießen, aber die Pistolen waren irgendwie abhanden gekommen; sonst wäre er längst nicht mehr am Leben.
Márja Antónowna. Ich weiß nicht, Mama, aber ich meine doch, deine untere Gesichtspartie sei weit hübscher als deine Augen.
Anna Andréjewna. Unsinn, davon kann gar keine Rede sein! Das ist alles dummes Zeug!
Márja Antónowna. Nein, wirklich, Mama, wenn man dich so sprechen oder im Profil sitzen sieht, dann ist besonders dein Mund ...
Anna Andréjewna. Hör auf mit dem dummen Geschwätz! Du bist wirklich unausstehlich! Immerfort muß sie herumstreiten ... Gott bewahr’ mich! Will gleich vor Neid vergehen, nur weil ihre Mama schöne Augen hat! — Und bei all dem Gezänk und dem Unsinn haben wir uns richtig ganz verplappert. Paß auf, er kommt und überrascht uns noch in dem unmöglichsten Aufzuge! (Eiligst ab, gefolgt von Márja Antónowna.)
Chlestakóff und Rastakówski (in Uniform der Zeit Katharinas II. mit Achselschnüren).
Rastakówski. Habe die Ehre mich vorzustellen: Einwohner und Hausbesitzer hiesiger Stadt, Sekond-Major a. D. Rastakówski.
Chlestakóff. Sehr erfreut; bitte nehmen Sie gefälligst Platz. Ich bin mit Ihrem Chef sehr gut bekannt.
Rastakówski (hat sich gesetzt). Ah, Sie kannten also Sadunaiski?
Chlestakóff. Welchen Sadunaiski?
Rastakówski. Nun, den Grafen Rumjanzoff-Sadunaiski, Pjotr Alexándrowitsch; der war ja mein früherer Chef.
Chlestakóff. Ach so, ja ... Sie haben also wohl lange gedient?
Rastakówski. Ich nahm bereits 1773 an der Belagerung von Silistria teil. Da ging es heiß zu. So dicht stand der Türke vor uns, gerade wie dieser Tisch. Ich war damals Sergeant, und Sekond-Major in unserem Regimente war — Sie kannten ihn gewiß — Pjotr Wassiljewitsch Gwosdjew.
Chlestakóff. Gwosdjew? was für ein Gwosdjew?
Rastakówski. Pjotr Wassiljewitsch. Er wurde später auf Allerhöchsten Befehl der verewigten Kaiserin zu den Dragonern versetzt.
Chlestakóff. Nein, mir unbekannt.
Rastakówski. Ich dachte mir gleich, daß Sie ihn nicht kennen, weil er schon vor mehr als dreißig Jahren gestorben ist. Hier ganz in der Nähe, zwanzig Werst von der Stadt, lebt seine Enkelin, verheiratet mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka.
Chlestakóff. Mit Rogatka? Sehen Sie doch mal an! Das ist mir ganz neu.
Rastakówski. Freilich, mit Iwán Wassiljewitsch Rogatka. Der Türke also stand so dicht vor uns, wie dieser Tisch. Frost und Schneegestöber waren so stark, wie in dem Jahr, da die Franzosen auf Moskau losrückten. In unserem Regimente stand noch ein Sekond-Major namens Ficktel-Knabe, ein Deutscher. Er hieß Siegfried Iwánowitsch, aber der damalige General en chef taufte ihn einfach um: „Du bist kein Siegfried,“ sagte er, „sondern Suppe; darum sollst du Suppe Iwánowitsch heißen.“ Und seitdem wurde er nur noch Suppe Iwánowitsch genannt. Dieser Suppe Iwánowitsch also, nebst dem eben erwähnten Sekond-Major Gwosdjew sollten einmal eine Fouragierung vornehmen. Ihnen beigegeben waren ich und der Quartiermeister Trepakin, vielleicht haben Sie ihn gekannt, Awtonom Pawlowitsch; ich glaube, er ist auch schon bald fünfundzwanzig Jahre tot.
Chlestakóff. Trepakin? Nein, kenne ich nicht. Übrigens hätte ich eine Bitte an Sie ...
Rastakówski (ohne darauf zu hören). Eine schöne männliche Gestalt, blondes Haar, dazu goldne Achselschnüre. Wie der Mazurka tanzen konnte! Brauchte nur in die Hände zu klatschen, um selbst dem Oberst seine Tänzerin abspenstig zu machen. Na, und überhaupt die kleinen Mädchen, ha, ha, ha! ... Wir biwakierten damals unter Zelten; und wenn man bloß mal so in sein Zelt hineinguckte, ha, ha, ha, da saß auch richtig so eine Kleine drin; und wurde dann morgens vom Burschen hinausgeführt, als Dragoner vermummt, im Dreimaster, ha, ha, ha, ein Portepée an der Seite, ha, ha, ha ...
Chlestakóff. Eine ähnliche Geschichte passierte einem meiner Bekannten, einem Beamten in recht einträglicher Stellung. Wie der eines Tages im Schlafrock dasitzt und seine Pfeife raucht, kommt mit einemmal ein Offizier von der Chevaliergarde, auch ein Freund von mir, herein und sagt ... (unterbricht sich und schaut Rastakówski scharf ins Auge.) Hören Sie mal, könnten Sie mir nicht etwas Geld borgen? Ich habe mich unterwegs ganz verausgabt.
Rastakówski. Wer bat denn um Geld: der Beamte den Offizier oder der Offizier den Beamten?
Chlestakóff. Nicht doch, ich bitte Sie darum. Sehen Sie, ich tue es lieber gleich, ehe ich’s nachher noch vergesse.
Rastakówski. Also Sie brauchen Geld? Seltsam, und ich glaubte, der Offizier in der Anekdote bäte darum. Wie man sich doch im Gespräch oft täuschen kann! Sie also brauchen Geld? Und ich kam offen gestanden gerade mit der Absicht, Sie meinerseits mit einer äußerst dringlichen Bitte zu belästigen.
Rastakówski. Ich habe nämlich Anspruch auf eine Pensionszulage und hatte Sie höflichst darum bitten wollen, dort bei den Senatoren oder bei sonstigen Persönlichkeiten ein gutes Wort für mich einzulegen.
Chlestakóff. Aber gewiß, mit Vergnügen.
Rastakówski. Ich selber habe schon mal eine Bittschrift eingereicht, möglicherweise aber nicht an die zuständige Stelle.
Chlestakóff. Wie lange ist denn das her?
Rastakówski. Um die Wahrheit zu sagen, noch nicht gar so lange, im Jahre 1801; ich warte aber seit diesen dreißig Jahren noch immer auf Bescheid. Ich beförderte sie durch Iwán Pjetrówitsch Ssossulkin, der damals gerade nach Petersburg reiste; leider ist er kein sonderlich zuverlässiger Mensch. So kann es gekommen sein, daß sie nicht gehörigen Orts eingereicht wurde. Jetzt wird es aber gewiß nicht mehr lange dauern: dreißig Jahre sind um, und da wird die Entscheidung wohl bald erfolgen müssen.
Chlestakóff. Selbstverständlich, jetzt wird sie bald erfolgen müssen; übrigens bin ich gern bereit, mich auch meinerseits ... Keine Ursache, schon gut, schon gut.