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Sämmtliche Werke 5: Dramatische Werke

Chapter 66: 3. Auftritt
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About This Book

The play satirizes provincial administration through a sequence of misunderstandings and escalating panic after local dignitaries mistake a passing junior official for a secret inspector. Efforts to conceal inefficiency and secure favor prompt theatrical flattery, bribes, and farcical attempts at impressing the supposed evaluator, while the supposed inspector and his servant exploit the error. Sharp comedic episodes expose vanity, petty corruption, and social pretensions as differing personalities react with fear, opportunism, and hypocrisy across the play's structured scenes.

Agathe Tichonowna, eine heiratslustige Kaufmannstochter.
Arina Panteleimonowna, ihre Tante.
Thekla Iwanowna, eine Heiratsvermittlerin.
Podkoliessin, Beamter — Hofrat.
Kotschkarjow, sein Freund.
Iwan Pawlowitsch Eierkuchen, Exekutor.
Anutschkin, Infanterie-Leutnant a. D.
Schewakin, Leutnant zur See.
Dunjaschka, das Dienstmädchen.
Starikow, ein Kaufmann.
Stepan, Podkoliessins Diener.

Erster Aufzug

(Zimmer eines Junggesellen.)

1. Auftritt

Podkoliessin.

Podkoliessin (liegt allein auf dem Sofa und raucht eine Pfeife). Ja, wenn man so allein auf dem Sofa liegt und nachdenkt, dann merkt man erst recht, daß es so nicht weiter geht ..... Man muß heiraten! ... Wirklich, da lebt man so dahin, bis einem schließlich die ganze Geschichte zum Halse raushängt. Nun habe ich auch wieder die Fastenzeit vorüberstreichen lassen, und doch ist alles fix und fertig! Es sind ja bald drei Monate, daß mir die Heiratsvermittlerin das Haus einläuft. Wahrhaftig, man muß sich bald vor sich selber schämen ... He, Stepan!

2. Auftritt

Podkoliessin und Stepan.

Podkoliessin. War die Heiratsvermittlerin nicht da?

Stepan. Nein.

Podkoliessin. Und bist du beim Schneider gewesen?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Wie ist’s, arbeitet er an meinem Frack?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Ist er bald fertig?

Stepan. Ja, nun wird’s wohl nicht mehr lange dauern. Er ist schon bei den Knopflöchern.

Podkoliessin. Was? ... Was hast du gesagt? ...

Stepan. Ich sage, er ist schon bei den Knopflöchern!

Podkoliessin. Sag mal, hat er denn gar nicht gefragt, wozu dein Herr den Frack braucht? ...

Stepan. Nein, danach hat er nicht gefragt.

Podkoliessin. Oder hat er vielleicht nur gesagt: „Dein Herr will wohl heiraten?“ ...

Stepan. Nein, darüber hat er auch nichts gesagt.

Podkoliessin. Aber du hast doch bei ihm auch andere Fräcke hängen sehen? Er arbeitet doch auch für andre Leute.

Stepan. Ja, es liegen viele Fräcke bei ihm herum.

Podkoliessin. Nun sag mal, mein Stoff ist wohl etwas besser als bei den übrigen, was? ...

Stepan. Ja, etwas feiner wird er schon sein.

Podkoliessin. Was sagst du? ...

Stepan. Ich sage, etwas feiner wird er schon sein.

Podkoliessin. Gut, ... schön! ... Aber hat er denn nicht gefragt, warum dein Herr so feinen Stoff zu seinem Frack nimmt?

Stepan. Nein!

Podkoliessin. Also vom Heiraten hat er nicht gesprochen?

Stepan. Nein, davon hat er nichts gesagt.

Podkoliessin. Aber hast du ihm auch meinen Rang und Titel genannt und gesagt, wo ich diene? ...

Stepan. Gewiß, gnädiger Herr!

Podkoliessin. Nun, und er? ...

Stepan. ... hat gesagt: „Schön, ich werde mir Mühe geben!“

Podkoliessin. Gut, du kannst gehen.

(Stepan geht ab.)

3. Auftritt

Podkoliessin (allein).

Podkoliessin. Ja, ich bin nun mal der Ansicht, ein schwarzer Frack ist doch solider. Die bunten, ... die passen mehr für Sekretäre, Titularräte und solch ein Volk. Das ist was für Grünschnäbel. Ein Mann von höherem Rang, muß eben das ... das ... ja, wie soll man gleich sagen ... eh, jetzt habe ich dies Wort vergessen ... es war ein so schönes Wort, und ich hab’s vergessen ... Ja, mein Bester, dreh und wende dich, wie du willst: ... ein Hofrat steht im Grunde genommen nicht hinter einem Oberst zurück; es sei grade, daß er keine Epauletten trägt ... He, Stepan!

4. Auftritt

Podkoliessin und Stepan.

Podkoliessin. Hast du die Stiefelwichse gekauft?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Wo? ... In dem Laden, von dem ich dir gesprochen habe? Auf dem Wosnissenski Prospekt?

Stepan. Ja, in dem Laden.

Podkoliessin. Und ist die Wichse gut?

Stepan. Ja, sehr gut.

Podkoliessin. Hast du schon probiert, die Stiefel damit zu putzen?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Nun, und glänzen sie schön?

Stepan. Ja, glänzen tun sie mächtig!

Podkoliessin. Und sag: wie du die Wichse bei ihm kauftest, hat er da nicht gefragt, wozu dein Herr so feine Stiefelwichse braucht?

Stepan. Nein.

Podkoliessin. Hat er nicht gefragt: dein Herr will am Ende gar heiraten?

Stepan. Nein, er hat nichts gesagt.

Podkoliessin. So? ... Na, es ist gut ... geh nur! (Stepan geht ab.)

5. Auftritt

Podkoliessin (allein).

Podkoliessin. Wenn man so denkt: was sind ein Paar Stiefel? Eine höchst gleichgültige Sache! Und doch, wenn sie schlecht genäht sind und die Wichse stumpf bleibt, so begegnet man dir in der vornehmen Welt schon nicht mehr mit der gleichen Achtung. Es fehlt was, es ist nicht mehr das Richtige. Und was noch sehr unangenehm ist, das sind Hühneraugen. Alles kann ich ertragen, bei Gott, nur keine Hühneraugen .... He, Stepan!

6. Auftritt

Podkoliessin und Stepan.

Stepan. Der Herr wünschen?

Podkoliessin. Hast du dem Schuster auch gesagt, er solle die Stiefel so machen, daß ich keine Hühneraugen bekomme?

Stepan. Jawohl.

Podkoliessin. Und was sagt er?

Stepan. Er hat gesagt: Gut! (Stepan geht ab.)

7. Auftritt

Podkoliessin allein, später Stepan.

Podkoliessin. ’s ist doch ’ne verdammte Plackerei, das Heiraten! Hol’s der Teufel! Erst dies und dann das und dann wieder jenes. Alles will überdacht und geordnet sein, Teufel nochmal! Das ist nicht so leicht, wie man zu sagen pflegt ... He, Stepan! (Stepan kommt herein.) Ich wollte dir noch sagen ...

Stepan. Die Alte ist da.

Podkoliessin. So, ist sie da? Sag ihr, sie soll mal reinkommen. (Stepan geht.)

Podkoliessin. Ja, das ist so ’ne Sache. Die ist gar nicht so ohne. Eine höchst komplizierte Geschichte das!

8. Auftritt

Podkoliessin und Thekla.

Podkoliessin. Ah, guten Tag! ... Guten Tag, Thekla Iwanowna! Nun was gibts, wie sieht’s aus ... Nehmen Sie einen Stuhl! Setzen Sie sich nur und erzählen Sie. Nun, also, wie steht’s? Wie heißt sie doch gleich? Melanie? ...

Thekla. Nicht doch, Agathe Tichonowna.

Podkoliessin. Richtig, Agathe Tichonowna. Wohl so ’ne vierzigjährige Jungfrau, was?

Thekla. Aber nicht doch, davon ist keine Rede. Das heißt, — heiraten Sie bloß. Jeden Tag werden Sie mich loben und mir danken.

Podkoliessin. Ach was, du schwindelst ja, Thekla Iwanowna!

Thekla. Ich bin schon zu alt, um noch zu lügen, Väterchen. Das überlaß ich den Hundesöhnen.

Podkoliessin. Und wie steht’s mit der Mitgift? ... Erzähl mir’s doch noch einmal.

Thekla. Gott, sie bekommt ein steinernes Haus mit, ein zweistöckiges, im Moskauer Viertel. Das rentiert sich, sage ich Ihnen, na, Sie werden Ihre reinste Freude daran haben. Für den Laden allein zahlt ein Kaufmann siebenhundert Rubel ... Eine Schenke ist darin, die ist überhaupt immer voll. Dazu hat’s zwei hölzerne Seitenflügel; der eine, der ist ganz aus Holz, und der andere hat ein steinernes Fundament. Jeder für sich bringt jährlich vierhundert Rubel. Und dann gehört ihr noch ein Gemüsegarten auf der Wiborger Seite. Vorvoriges Jahr, da hat ihn ein Kaufmann gepachtet, um Kohl darin zu pflanzen, ich sage Ihnen, ein braver, nüchterner Mann, der nie einen Tropfen Schnaps in den Mund nimmt. Er ist Vater von drei Söhnen. Zwei davon hat er schon verheiratet. „Mein dritter aber“, sagte er, „ist noch zu jung. Der kann ruhig ein bißchen im Laden sitzen und für das Geschäft sorgen. Ich bin schon zu alt,“ sagt er, „jetzt mag mein Sohn für mich im Laden sitzen, damit das Geschäft besser geht.“

Podkoliessin. Schön, schön; aber wie sieht sie denn aus? Ist sie denn hübsch? ...

Thekla. Ach, der reinste Milchzucker! Weiße Haut, rote Backen, überhaupt: Milch und Blut. Oh, sie ist so reizend, ich kann’s gar nicht sagen, wie reizend. Also, Sie werden zufrieden sein. Bis dahinauf (zeigt auf den Hals). Das heißt, zu Freund und Feind werden Sie sagen: ... „Diese Thekla Iwanowna, bei der muß ich mich aber bedanken!“

Podkoliessin. Aber sie ist doch nicht einmal Hauptmannstochter.

Thekla. Ihr Vater war Kaufmann dritter Gilde. Ich sage Ihnen, ein General brauchte sich ihrer nicht zu schämen. Von einem Kaufmann will die gar nichts hören. „Mein Mann mag aussehen wie er will,“ sagt sie, „und wenn er äußerlich auch noch so unansehnlich ist; wenn er nur den Adel hat.“ Einfach ein Bonbon, sage ich Ihnen. Und wenn sie des Sonntags ihr seidenes Kleid anzieht, Jesus, wie sie dann einherrauscht .... gradezu ’ne Gräfin.

Podkoliessin. Aber Sie begreifen doch, warum ich danach frage. Ich bin doch Hofrat. Und da muß ich doch ein ... ein ... na, Sie verstehen mich schon.

Thekla. Natürlich, das ist doch klar. Was sollte dabei nicht zu verstehen sein? Es war auch schon ’n Hofrat da. Wir haben ihn aber abgewiesen, weil er uns nicht gefallen hat. Er hatte aber auch gar zu merkwürdige Manieren. Jedes Wort, das er sprach, war gelogen. Und dabei war es doch ein ganz stattlicher Mann. Ja, was ist da zu machen? ... Gott hat ihn nun mal so geschaffen! Er ärgerte sich selbst darüber. Aber es war ihm einfach unmöglich, das Lügen zu lassen. Es war halt Gottes Wille.

Podkoliessin. Nun, und außer dieser? Können Sie mir keine anderen Vorschläge machen? ...

Thekla. Was wollen Sie denn noch für welche? ... Eine Schönere können Sie sich ja gar nicht wünschen.

Podkoliessin. Als wenn’s überhaupt keine Schönere gäbe!

Thekla. Suchen Sie auf der ganzen Welt, Sie finden keine.

Podkoliessin. Na schön, ich will’s mir überlegen, Mütterchen! Also kommen Sie übermorgen wieder. Dann wollen wir die Sache noch einmal durchsprechen. Wissen Sie, so wie heute. Ich liege auf dem Sofa, und Sie erzählen mir.

Thekla. Ach, mein Gott, jetzt komme ich doch schon den dritten Monat Tag für Tag zu Ihnen hergelaufen und doch kommt nichts dabei heraus: immer sitzen Sie im Schlafrock da und rauchen.

Podkoliessin. Sie denken sich wohl, heiraten das ist so, als ob ich zu meinem Diener sage: „He Stepan, bring mir mal die Stiefel her! Zieh sie mir an und los!“ Das will doch überlegt, durchdacht sein.

Thekla. Na, wie Sie wollen! Wollen Sie sich die Sache erst ansehen, .... meinetwegen! Dies Recht steht Ihnen bei jeder Ware zu. Lassen Sie sich doch den Mantel bringen, ... es ist ja noch früh, ... und fahren Sie hin!

Podkoliessin. Wie jetzt? ... Sehen Sie doch, wie trübe es draußen ist. Wenn es nun anfängt, zu regnen, und ich bin gerade unterwegs ...

Thekla. Es ist ja nur Ihr eigener Schaden! Sie fangen ja schon an, graue Haare zu bekommen. Bald taugen Sie überhaupt nicht mehr zum Ehemann. Auch was Besonderes ... Hofrat! Wir haben noch ganz andere Freier wie Sie!

Podkoliessin. Was für dummes Zeug schwatzen Sie da! Was fällt Ihnen nur plötzlich ein, zu behaupten, ich hätt’ graue Haare? Wo sollen die denn sein? ... (Zupft an seinen Haaren.)

Thekla. Und warum sollen Sie keine grauen Haare haben? ... So ist es nun einmal im Leben. Sie sind mir auch einer! Die gefällt ihm nicht, und jene paßt ihm nicht. Ich habe einen Kapitän an der Hand, dem reichen Sie nicht an die Schulter. Der hat ’ne Stimme! ... Wie ’ne Trompete. Er dient in der Admiralität.

Podkoliessin. Nein, das lügst du! Ich will doch mal in den Spiegel sehen. Wo hast du nur ein graues Haar gefunden? ... He, Stepan, bring mir mal den Spiegel her! Oder nein, warte, ich werde ihn mir schon selber holen. Graue Haare! das fehlte mir gerade noch. Gott behüte! Das ist ja schlimmer als die Pocken. (Er geht in das nächste Zimmer.)

9. Auftritt

(Kotschkarjow kommt hereingelaufen.) Thekla und Kotschkarjow.

Kotschkarjow. Nun, Podkoliessin, wo steckst du denn? (Erblickt Thekla.) Nanu, wie kommst du hierher? ... Na, warte nur! Sag, bei allen Teufeln, wozu hast du mich bloß verheiratet? ..

Thekla. Nun, ist das denn so schlimm? Du hast eben deine Pflicht getan.

Kotschkarjow. Pflicht getan! Eine Frau genommen; auch was Besonderes. Als wenn ich nicht ohne Frau ausgekommen wäre.

Thekla. Du warst ja gar nicht loszuwerden. „Schaff mir ’ne Frau, Mütterchen, schaff mir ’ne Frau!“

Kotschkarjow. Ach, du alte Ratte du! Was aber suchst du bloß hier? Oder sollte gar der Podkoliessin?

Thekla. Warum denn nicht ... Mit Gottes Hilfe! ..

Kotschkarjow. Wirklich? Nein, solch ein Lump! Und erzählt mir kein Sterbenswörtchen davon. So ein Kerl! Macht’s ganz im geheimen. Wie? .. Was? ..

10. Auftritt

Die Vorigen und Podkoliessin mit einem Spiegel in der Hand, in dem er sich aufmerksam betrachtet.

Kotschkarjow (kommt herangeschlichen und erschreckt ihn). Puff!

Podkoliessin (schreit auf und läßt den Spiegel fallen, der zerbricht). Du? Du bist wohl verrückt geworden? .. Was für einen Sinn hat das nur? .. Wozu diese Dummheiten? .. Wahrhaftig, ich bin so erschrocken, daß ich gar nicht weiß, wo ich bin.

Kotschkarjow. Ach, reg dich nicht auf ... es war doch nur ein Spaß!

Podkoliessin. Ein schöner Spaß! Ich kann mich bis jetzt nicht vom Schreck erholen. Und der Spiegel ist zerbrochen. Das war doch kein billiges Stück. Den hab’ ich in einem englischen Laden gekauft.

Kotschkarjow. Nun, nun, sei friedlich! Ich werde dir einen andern Spiegel kaufen.

Podkoliessin. Ja, ja, ich weiß schon. Ich kenne diese andern Spiegel schon. In denen sieht man um zehn Jahre älter aus. Die ganze Fratze wird einem schief darin.

Kotschkarjow. Ich hätte viel mehr Grund, mich über dich zu ärgern. Ich bin doch dein Freund, und du verheimlichst mir alles. Du willst dich verheiraten!

Podkoliessin. Ach, Unsinn. Wer denkt denn daran.

Kotschkarjow. Bitte, hier steht der Beweis. (Zeigt auf Thekla.) Man weiß schon, was das für ein Vogel ist. Nun, nun, das schadet ja nichts. Das ist doch kein Verbrechen! Ein ganz christliches Werk, sogar ein patriotisches Werk! Doch, laß mich nur machen! Ich nehme alles auf mich. (Zu Thekla.) Also, nun los, erzähle. Wie, wo, was. Ist es ’ne Adlige, eine aus dem Beamten- oder Kaufmannsstande und, vor allem, — wie heißt sie?

Thekla. Agathe Tichonowna heißt sie.

Kotschkarjow. Aha, Agathe Tichonowna Brandachlistowa!

Thekla. Nein, Kuperdjagina.

Kotschkarjow. Na ja, und wohnt in der Schestilawotschnaja.

Thekla. Nicht doch, in der Nähe von Peßki wohnt sie. In der Müllnijgasse.

Kotschkarjow. Natürlich, in der Müllnijgasse, gleich hinter dem Kramladen. In dem hölzernen Haus.

Thekla. Nein, nicht hinter dem Kramladen; hinter der Schenke.

Kotschkarjow. Wieso hinter der Schenke? ... Das versteh ich nicht.

Thekla. Wenn du in die Gasse einbiegst, so kommst du gleich an einem Häuschen vorbei. Gleich hinter dem Häuschen mußt du nach links einbiegen. Dann siehst du das hölzerne Haus vor dir, in dem die Näherin wohnt, ... die, die früher mit dem Obersekretär des Senats zusammengelebt hat. An der Näherin also mußt du vorübergehen: du läßt sie hinter dir. Aber sofort danach, das steinerne Haus, das gehört ihr. Das heißt, da wohnt sie: Agathe Tichonowna, die Braut.

Kotschkarjow. Gut, gut. Ich werde schon Alles besorgen. Jetzt kannst du abziehen. Wir brauchen dich nicht mehr.

Thekla. Was, du willst doch nicht, .... du kriegst doch keine Heirat zustande!

Kotschkarjow. Selbstverständlich! Ich besorge das ganz allein. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern.

Thekla. Pfui, schäme dich. Das ist doch kein Beruf für Männer. Lassen Sie die Hand davon, Väterchen! Ich bitte Sie!

Kotschkarjow. Geh, geh nur. Was verstehst denn du davon? Schuster, bleib bei deinen Leisten. Los, Abfahrt!

Thekla. Was? Du willst den Leuten das Brot wegnehmen? Wart, du alter Sünder. Mischt sich in diese Angelegenheit. Wenn ich das gewußt hätte! Kein Wort wäre über meine Lippen gekommen! (Läuft wütend hinaus.)

11. Auftritt

Kotschkarjow und Podkoliessin.

Kotschkarjow. Hör mal, lieber Freund, eine solche Sache läßt durchaus keinen Aufschub zu. Also komm, fahren wir.

Podkoliessin. Was fällt dir ein? Ich bin ja noch garnicht ... Ich überlege es mir doch erst!

Kotschkarjow. Ach was, Torheiten. Sei doch nicht so schüchtern. Ich werde dich schon verheiraten ... Du sollst es selbst nicht merken. Also komm, wir fahren gleich zur Braut, und du siehst sofort, wie die Sache steht.

Podkoliessin. Was redest du da? ... Wir können doch nicht gleich hinfahren.

Kotschkarjow. Warum denn nicht? ... Ich bitte dich, woran fehlt’s denn noch? ... Sieh selbst an, jetzt bist du unverheiratet. Und wie lebst du? Guck dich doch nur mal im Zimmer um, ... wie sieht es denn hier aus? ... Dort liegt ein ungeputzter Stiefel, da steht das Waschbecken. Hier, auf dem Tisch treibt sich ein Haufen Tabak herum; und du selbst liegst beständig auf der Bärenhaut und faulenzt.

Podkoliessin. Das ist wahr. Wie unordentlich es bei mir zugeht, das weiß ich am allerbesten.

Kotschkarjow. Na, und nun denk mal, wenn du erst eine Frau haben wirst. Du wirst dich selbst nicht wiedererkennen. Dort wird ein Sofa stehen, dazu ein kleines Hündchen ... ein Zeisig oder sonst was im Käfig ... hier Häkeleien ... Und nun stell dir vor, du sitzt auf dem Sofa und plötzlich setzt sich dein Weibchen an deine Seite ... so ein reizendes Frauchen, und streichelt dich mit ihren Händchen.

Podkoliessin. Teufel, ja, wenn ich denke, was für reizende Händchen es in der Welt gibt. Weißt du, Freund, so weiß wie Milch ...

Kotschkarjow. Ach was, als ob sie bloß Händchen hätten. Die haben noch ganz was anderes! ... Doch wozu noch viele Worte machen; ... weiß der Teufel, was die nicht alles haben.

Podkoliessin. Ich muß sagen, wenn ich ehrlich sein soll, ich habe es ganz gern, wenn solch hübsches Mädel neben mir sitzt.

Kotschkarjow. Aha, siehst du, du bist also selbst auf den Geschmack gekommen! Jetzt laß mich nur machen. Du brauchst dich um nichts mehr zu kümmern. Das Verlobungs-Essen und alles, was drum und dran hängt das besorge ich ganz allein. Was den Champagner betrifft — unter einem Dutzend läßt sich gar nicht erst anfangen. Da magst du nun reden, was du willst. Dazu kommt dann noch ein halbes Dutzend Madeira, — unbedingt. Die Braut hat sicherlich einen ganzen Haufen von Tanten und Basen, die lieben nämlich nicht zu scherzen. Na, und den Rheinwein, ach was, hol’ ihn der Teufel, auf den verzichten wir, nicht? Und dann das Essen, — weißt du, — da habe ich einen Hoftraiteur, der Kerl liefert dir ein Diner, nach dem stehst du überhaupt nicht mehr auf.

Podkoliessin. Hör mal, du legst dich aber gleich ganz gehörig ins Zeug. Das ist ja beinahe, als ob schon heute abend die Hochzeit wäre.

Kotschkarjow. Gewiß! Warum denn nicht? ... Wozu sollen wir es denn aufschieben? Du bist doch mit allem einverstanden.

Podkoliessin. Ich? Nein, mein Bester, ich bin noch durchaus nicht einverstanden.

Kotschkarjow. Da haben wir’s. Soeben hast du doch erklärt, du wolltest gerne heiraten!

Podkoliessin. Ich meinte doch nur, es wäre nicht schlecht ...

Kotschkarjow. Wie, aber wir haben doch ... die ... ganze Sache schon vollständig ... Ja, wie? Gefällt dir denn das Eheleben nicht, was?

Podkoliessin. Gewiß gefällt es mir! ...

Kotschkarjow. Na also, woran fehlt’s denn noch?

Podkoliessin. An nichts; es ist alles nur so sonderbar.

Kotschkarjow. Was ist sonderbar?

Podkoliessin. Du wirst doch zugeben, daß es merkwürdig ist: da war man so lange unverheiratet, und dann soll man plötzlich Ehemann sein.

Kotschkarjow. Nein, hör mal, schämst du dich denn nicht? Nein, ich sehe wirklich, mit dir muß man ernst reden! Also, ich will ganz aufrichtig gegen dich sein, wie ein Vater zu seinem Sohne. Betrachte dich doch nur einmal genau, so wie du jetzt mich ansiehst; ... was stellst du eigentlich vor? Ein Klotz bist du, ohne alle tiefere Bedeutung. Na, und wozu lebst du eigentlich? Guck doch bloß mal in den Spiegel! Na, was siehst du da? ... Ein dummes Gesicht, und weiter nichts. Statt dessen, überlege dir doch nur, wie dann die kleinen Kinderchen um dich herumhüpfen werden. Nicht etwa zwei oder drei, nein, gleich ein halbes Dutzend. Und alle gleichen dem Vater, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Jetzt bist du allein, bist Hofrat, Expeditor, oder irgendein Direktor irgendeines Departements und weiß Gott, was sonst noch. Und nun stell dir erst mal vor, was dann sein wird. Alle die kleinen Expeditorchen um dich herum, diese kleinen Spitzbuben, und wenn dann solch ein kleiner Wildfang die Hände ausstreckt und dir im Bart zu krauen beginnt, und du dazwischen wie ein Hund bellen mußt: Wau, wau, wau ... na, nun sag selbst, kann es etwas Hübscheres geben? ...

Podkoliessin. Aber, wenn sie nur nicht solche Schelme wären. Sie werden mir nur alles zerreißen und meine Papiere durcheinanderbringen.

Kotschkarjow. Laß sie doch. Dafür werden sie dir alle ähnlich sehen; das ist eben der Witz.

Podkoliessin. Ja, es hat wirklich etwas Komisches, weiß der Teufel. So’n kleiner Windbeutel, so ein junger, täppischer Hund, und ist dir schon wie aus dem Gesicht geschnitten.

Kotschkarjow. Natürlich, gewiß ist es komisch. Na also, dann fahren wir.

Podkoliessin. Also ... gut, meinetwegen!

Kotschkarjow. He, Stepan, hilf deinem Herrn beim Anziehen.

Podkoliessin (kleidet sich vor dem Spiegel an). Ich denke, vielleicht sollte ich lieber eine weiße Weste nehmen?

Kotschkarjow. Ach was, Unsinn, es kommt ja nicht so genau drauf an.

Podkoliessin (legt sich den Kragen um). Die verdammte Wäscherin. Hat schon wieder den Kragen so schlecht gestärkt; er will absolut nicht stehen. Stepan, sag ihr, wenn sie die Wäsche noch einmal so schlecht plättet, dann schicke ich nach einer andern. So ein dummes Weib! Wahrscheinlich sitzt sie den ganzen Tag mit ihren Liebsten zusammen, anstatt zu plätten.

Kotschkarjow. Beeil dich ein bißchen, lieber Freund, was trödelst du denn so lange herum.

Podkoliessin. Gleich, gleich! (Zieht den Frack an und setzt sich.) Hör mal, Ilja Fomitsch, weißt du was: Fahr du doch lieber alleine!

Kotschkarjow. Was fällt dir ein! Hast du plötzlich den Verstand verloren? Ich soll fahren? .. Wer von uns will sich denn eigentlich verheiraten? .. Du oder ich? ...

Podkoliessin. Wirklich, ich habe keine rechte Lust. Fahren wir lieber morgen.

Kotschkarjow. Na, hast du bloß einen Funken Verstand? .. Bist du nicht ein Trottel? .. Ist schon ganz fertig und plötzlich will er nicht mehr. Nein, sag selbst, bist du nicht ein Schwein? .. Bist du nicht ein Lump, nach alledem? ...

Podkoliessin. Wozu schimpfst du? ... Was soll das? ... Habe ich dir denn was zuleide getan?

Kotschkarjow. Ein Esel bist du, ein altes Schaf, das wird dir jeder sagen. Dumm bist du, einfach dumm. Trotzdem du Expeditor bist! Für wen sorge ich mich denn eigentlich? Doch nur für dich. Zu deinem Vorteil! Sie werden dir noch den Bissen vor dem Munde wegschnappen. Liegt da auf seinem Faulbett, der verdammte Junggeselle. Nein, sag mal bitte, wonach siehst du eigentlich aus? Du Waschlappen du! Du alte Schlafmütze! Na, ich hätte beinahe etwas gesagt. Wenn’s nur nicht zu unanständig wäre. ... Ein altes Weib bist du; schlimmer als ein altes Weib!

Podkoliessin. Du benimmst dich sehr fein. Tatsächlich! (Halblaut.) Du bist wohl nicht ganz bei Troste? Da steht der Knecht, und du schimpfst drauf los und gebrauchst in seiner Gegenwart solche Worte. Du konntest dir dazu wohl keinen andern Ort auswählen? ...

Kotschkarjow. Ja, wie soll man dich denn nicht schimpfen. Kann denn ein Mensch dabei ruhig bleiben und nicht schimpfen? ... Wer hat denn soviel Selbstbeherrschung? .. Du hast dich als anständiger Mensch entschlossen, zu heiraten; ... bist der Stimme der Vernunft gefolgt, und nun, mit einemmal, aus einer bloßen Laune ... Du hast wohl Tollkirschen gefressen? .. Du Tölpel, du Holzklotz du!

Podkoliessin. Nun, nun, genug ... ich fahre! Was schreist du so?

Kotschkarjow. Du fährst? Selbstverständlich fährst du! Du kannst ja gar nichts anderes tun, als fahren. (Zu Stepan.) Bring Hut und Mantel! Schnell ...

Podkoliessin (in der Türe). Du bist ein seltsamer Mensch, Kotschkarjow! Wahrhaftig! Mit dir ist es doch wirklich nicht zum Aushalten. Schimpfst mit einem Mal los, ohne alle Ursache und ohne jeden Grund! Das ist doch kein Benehmen.

Kotschkarjow. Ach, das ist ja längst vorbei! Ich schimpfe ja gar nicht mehr ...

(Beide ab.)

12. Auftritt

Agathe Tichonowna legt Karten, Arina Panteleimonowna, ihre Tante, blickt ihr über die Achseln in die Karten.

Agathe Tichonowna. Tantchen, sieh, schon wieder ein Weg! Ein Karo-König interessiert sich für mich. ... Tränen! ... Ein Liebesbrief ... links der Treff-König zeigt große Teilnahme, aber hier liegt ein böses Weib dazwischen.

Arina Panteleimonowna. Und was denkst du, der Treff-König: wer mag das sein?

Agathe Tichonowna. Das kann ich doch nicht wissen.

Arina Panteleimonowna. Aber ich weiß es.

Agathe Tichonowna. Ja? ... Wer? ...

Arina Panteleimonowna. Nun, der nette Kaufmann vom Tuchmarkt, Alexei Dmitriewitsch Starikow.

Agathe Tichonowna. Ach, der doch auf keinen Fall. Ich gehe jede Wette ein, daß der es nicht ist.

Arina Panteleimonowna. Streite doch nicht, Agathe Tichonowna, sieh doch die blonden Haare hier; einen andern Treff-König gibt es ja gar nicht.

Agathe Tichonowna. Aber nicht doch, Tantchen, Treff-König ist immer ein Edelmann. Ein Kaufmann reicht noch lange nicht an den Treff-König heran.

Arina Panteleimonowna. Ach, Agathe Tichonowna, du würdest auch anders reden, wenn dein seliger Vater, Tichon Panteleimonowitsch, noch am Leben wäre. Der schlug manches liebe Mal mit der Faust auf den Tisch und schrie: „Ich spucke auf jeden, der sich schämt, ein Kaufmann zu sein. Ich gebe meine Tochter keinem Obersten,“ sagte er. „Mögen das doch andre Leute machen. Und mein Sohn, der soll mir auch nicht Beamter werden“, sagte er. „Dient nicht der Kaufmann seinem Zaren genau so gut wie jeder andere?“ sagte er. Und dabei schlug er so mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte. Und das war ’ne Hand, sag’ ich dir, so groß wie ein Eimer. Ja, solch ein leidenschaftlicher Mensch war er. Wenn ich offen sein soll, deiner seligen Mutter hat er das Leben auch gehörig versalzen. Sonst hätt’ sie wohl noch länger gelebt.

Agathe Tichonowna. Nun, soll ich etwa eben solch einen bösen Mann kriegen? Nein, unter keinen Umständen nehme ich einen Kaufmann.

Arina Panteleimonowna. Aber Alexei Dmitriewitsch ist doch gar nicht solch einer.

Agathe Tichonowna. Nein, ich will ihn nicht. Ich mag ihn nicht. Und dann trägt er einen Vollbart. Beim Essen wird es ihm immer in den Bart heruntertropfen. Nein, nein, ich will ihn nicht!

Arina Panteleimonowna. Aber wo soll man nur einen anständigen Adligen hernehmen? Sie liegen doch nicht auf der Straße herum!

Agathe Tichonowna. Thekla Iwanowna wird schon einen auftreiben. Sie versprach mir’s, den Allerschönsten zu finden.

Arina Panteleimonowna. Ach, die schwindelt ja nur, Herzchen.

13. Auftritt

Die Vorigen und Thekla Iwanowna.

Thekla. Aber nein, Arina Panteleimonowna, schämen Sie sich doch, mir hinterm Rücken so was nachzureden.

Agathe Tichonowna. Ach, da sind Sie ja, Thekla Iwanowna! Nun, wie steht’s? Sprechen Sie doch! Erzählen Sie! Haben Sie einen?

Thekla. Ja doch, ja, lassen Sie mich nur erst verschnaufen. Wie bin ich in Ihrem Auftrag herumgelaufen! ... Ich bin in allen Häusern gewesen, in allen Kanzleien und Ministerien; hab’ sogar in die Kasernen geguckt! ... Wissen Sie, Mütterchen, beinah geschlagen hat man mich ... bei Gott! Die Alte, die ihre Hand in der Heirat der Affeirows im Spiel gehabt hat, die stürzte sich auf mich los und schrie: „Du bist mir auch so eine und so ’ne, nimmst bloß andern Leuten das Brot weg, bleib du doch gefälligst in deinem Revier!“ ... „Was soll ich tun,“ sagte ich ihr geradezu ins Gesicht, „verzeih, aber für mein Fräulein, da bin ich jederzeit zu allem bereit.“ Ja mein Herzchen, was ich Ihnen aber auch für Freier besorgt habe! Na, das heißt: solange die Welt steht, — und sie wird noch lange stehen — aber solche hat es denn doch noch nie gegeben. Ein paar werden noch heute ihre Aufwartung machen. Ich komme absichtlich hergelaufen, um Sie vorzubereiten.

Agathe Tichonowna. Wie? Heute noch? ... Liebste Thekla Iwanowna, ich bitte Sie ... ich fürchte mich ...

Thekla. Sie brauchen keine Angst zu haben, Mütterchen. ’s ist ja eine ganz gewöhnliche Sache! Sie werden eben kommen, sich umsehen, und — weiter nichts! Sie werden sie sich auch ansehen, und wenn sie Ihnen nicht gefallen, nun, dann fahren sie eben wieder fort.

Arina Panteleimonowna. Na, du wirst mir schon nette Kerle rausgesucht haben.

Agathe Tichonowna. Wie viele sind es denn? Sind’s viele?

Thekla. Nun, an die sechs Mann werden es wohl sein.

Agathe Tichonowna (aufschreiend). Ach Herrjeh! ...

Thekla. Nun, nun, springen Sie doch nicht gleich in die Höhe, Mütterchen! ... Um so leichter ist doch die Wahl. Gefällt dir der eine nicht, so tut’s vielleicht der andere.

Agathe Tichonowna. Und sind es Adlige? ..

Thekla. Aber natürlich! Alle! Wie ausgesucht! Solche Adlige wie die, finden Sie nirgends mehr.

Agathe Tichonowna. Und was sind es für Menschen? ...

Thekla. Ach, prächtige Menschen! Alles prachtvolle, propre, junge Leute. Da haben Sie erstens den Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein ganz vorzüglicher Mensch; er hat in der Flotte gedient. Der paßt ausgezeichnet zu Ihnen! „Denn“, sagt er, „was meine Braut betrifft, die muß voll sein.“ Die mageren, die mag er gar nicht leiden. Und dann ist da Iwan Pawlowitsch, der Ixikutor! Ein sehr würdiger, ein geradezu unnahbarer Mann. Wenn der einen anschreit: „Erzähl’ mir nur keine langen Geschichten von der Braut. Sag lieber, was hat sie an Mabilien und Immabilien, und damit basta!“ So und so viel, Väterchen, bei Gott! „Das lügst du, Luder!“ ... Und dann hat er mir noch ein Wort an den Kopf geworfen, ja, Mütterchen, das ist schon zu unanständig, um es hier zu wiederholen. Da hatt’ ich’s gleich raus: das muß aber ein vornehmer Mann gewesen sein.

Agathe Tichonowna. Nun, und wer noch? ..

Thekla. Dann ist da noch ein Herr, Nikolai Iwanowitsch Anutschkin. Eine majestätische Gestalt! Und was für Lippen er hat ... die reinsten Himbeeren. So ein feiner Herr! „Ich will,“ sagte er, „daß meine Frau hübsch und gut erzogen ist, und Französisch muß sie sprechen können.“ Ja, ein Herr von äußerst feinem Benehmen! Alles deutsche Finessen! Und dabei ist er so zart und hat so schmale, dünne Beinchen.

Agathe Tichonowna. Nein, grade diese Zarten, die wollen mir nicht so recht, ... ich weiß nicht, aber ich finde keinen Geschmack an ihnen.

Thekla. Ja, wenn Sie auf etwas Massiveres reflektieren, dann nehmen Sie doch Iwan Pawlowitsch! Einen passenderen können Sie ja gar nicht finden. Da ist nichts zu sagen. Das ist ein Herr! Der geht Ihnen hier nicht durch die Tür. So ein prächtiger Mensch!

Agathe Tichonowna. Und wie alt ist er?

Thekla. Ach, noch ein junger Mann! Vielleicht an die fünfzig. Oder noch nicht einmal fünfzig.

Agathe Tichonowna. Und wie ist sein Name?

Thekla. Er heißt Iwan Pawlowitsch Eierkuchen.

Agathe Tichonowna. Wie ... Eierkuchen ... das ist sein Familienname?

Thekla. Ja, das ist sein Name.

Agathe Tichonowna. Gott, welch ein Name! Denk doch nur, Theklachen, wie soll denn das werden, wenn ich den heirate? Dann heiße ich ja plötzlich Agathe Tichonowna Eierkuchen. Weiß Gott, das ist ja fürchterlich!

Thekla. I was, liebes Mütterchen, bei uns in Rußland gibt es nun mal solche Namen, da möchte man am liebsten gleich ausspucken und das Kreuz darüber schlagen, wenn man sie hört. Aber wenn er Ihnen nicht gefällt, so nehmen Sie doch Baltasar Baltasarowitsch Schewakin. Ein herrlicher Freier!

Agathe Tichonowna. Und was für ein Haar hat er?

Thekla. Sehr schönes Haar, mein Herzchen.

Agathe Tichonowna. Und die Nase?

Thekla. Eh, die Nase ist auch schön. Überhaupt, alles steht an seinem richtigen Fleck. Und er selbst ist ein prächtiger Mensch. Nur über eins dürfen Sie sich nicht ärgern: — in seiner ganzen Wohnung werden Sie nichts finden, als seine lange Pfeife. Nicht ein Möbelstück weiter!

Agathe Tichonowna. Und wen gibt’s noch?

Thekla. Akinthus Stepanowitsch Pantjelejew. — Ein Beamter und Titular-Rat. Er stottert zwar ein wenig, aber dafür ist er sehr zurückhaltend.

Arina Panteleimonowna. Du sagst immer ein Beamter, ein Beamter! Sag mir lieber, ob er nicht gerne einen über den Durst trinkt.

Thekla. Aha, das tut er! Dem kann ich nicht widersprechen. Das ist wahr. Was soll man machen? ... Dafür ist er auch Titular-Rat. Aber im übrigen ist er so ruhig und sanft wie Seide.

Agathe Tichonowna. Nein, ich danke schön. Einen Trinker will ich nicht zum Manne haben.

Thekla. Gut, Mütterchen, mach was du willst. Wollt Ihr nicht den einen, so nehmt einen andern. Aber, ... schließlich, was ist auch dabei, wenn er wirklich einen zuviel trinkt? Er braucht doch nicht gleich die ganze Woche betrunken zu sein. Er wird auch schon seinen nüchternen Tag haben.

Agathe Tichonowna. Nun, und wer weiter?

Thekla. Ja, es ist noch einer da. Aber das ist nur so einer, Gott mit ihm! Die andern sind schon besser!

Agathe Tichonowna. Nein, sag, wer ist er.

Thekla. Am liebsten hätte ich gar nicht von ihm gesprochen. Freilich ist er ja Hofrat, mit ’nem Band im Knopfloch. Aber so furchtbar schwerfällig; kaum aus dem Haus ist er herauszukriegen.

Agathe Tichonowna. Nun und wer noch? Das sind doch erst fünf! Und zuerst sprachst du doch von sechsen.

Thekla. Haben Sie denn wirklich noch nicht genug? Sehen Sie mal an, wie Sie plötzlich hinterher sind, und zuerst waren Sie doch ganz erschrocken.

Arina Panteleimonowna. I, geh du mir mit all deinen Adligen. Und wenn es auch ein halbes Dutzend sind; ein Kaufmann wiegt sie alle miteinander auf.

Thekla. Ach nein, Arina Panteleimonowna, ein Adliger, der ist doch was Vornehmeres.

Arina Panteleimonowna. Was mache ich mir aus der Vornehmheit. Sieh dir mal den Alexei Dmitriewitsch an, wenn der mit seiner Zobelmütze im Schlitten vorüberfährt ...

Thekla. Dafür kommt ihm ein Adliger mit seinen Epauletten entgegen und sagt: „Was fällt dir ein, du Koofmich du; mach mir mal Platz“. Oder „he, Herr Kaufmann, ein paar Meter Samt; aber vom allerbesten“. Worauf der Kaufmann erwidert: „Bitte sehr, Euer Gnaden!“ — „Nimm mal deine Mütze ab, du Flegel!“ So spricht ein Adliger.

Arina Panteleimonowna. Aber, wenn der Kaufmann keine Lust hat, braucht er ihm kein Tuch zu verkaufen. Dann kann dein Adliger nackt dasitzen und hat nichts anzuziehen.

Thekla. Dann wird ihm der Adlige eins über den Schädel schlagen.

Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zur Polizei laufen und ihn verklagen.

Thekla. Dann wird der Adlige den Kaufmann bei dem Senator verklagen.

Arina Panteleimonowna. Dann wird der Kaufmann zum Gouverneur gehen.

Thekla. Dann wird der Adlige ...

Arina Panteleimonowna. Ach was, nichts wie Schwindel mit deinen Adligen. Der Gouverneur ist mehr als dein Senator. Tut sich da mit ihren Adligen dicke. Auch so’n Adliger muß manches liebe Mal seine Bücklinge machen. (Es läutet an der Türe.) Ich glaube, es hat geläutet!

Thekla. Ach Gott, da sind sie schon.

Agathe Tichonowna. Wer ... sie?

Thekla. Nun ja, sie — einer von den Freiern.

Agathe Tichonowna (schreit auf). Ach herrjeh, ach herrjeh!

Arina Panteleimonowna. Heilige Mutter Gottes, vergib mir meine Sünden! Hier im Zimmer ist ja noch gar nicht aufgeräumt. (Sie nimmt alles, was auf dem Tische liegt, zusammen und läuft damit durch das Zimmer.) Herrgott, das Tischtuch ist ja ganz schwarz ... Dunjaschka ... Dunjaschka! (Dunjaschka kommt hereingelaufen.) Schnell ein reines Tischtuch! (Arina reißt das Tischtuch vom Tisch und läuft durchs Zimmer.)

Agathe Tichonowna. Ach, Tantchen, was soll ich nur machen? Ich hab’ ja fast nur ein Hemd an.

Arina Panteleimonowna. Ach Gott, Kind, lauf nur schnell und zieh dich um. (Sie rennt erregt durch das Zimmer. Dunjaschka bringt ein reines Tischtuch. Es läutet wieder.) Lauf doch nur hin und öffne. Sage, wir kommen gleich. (Dunjaschka geht. Man hört sie von draußen „gleich“ rufen.)

Agathe Tichonowna. Aber Tante, mein Kleid ist nicht geplättet.

Arina Panteleimonowna. Ach, du lieber Gott, erbarme dich unser; — zieh doch das andre an.

Thekla (kommt hereingelaufen). Warum kommen Sie denn nicht heraus? — Kommen Sie, Agathe Tichonowna — machen Sie doch schneller, Mütterchen! (Man hört es wieder läuten.) Ach, jetzt wartet er schon eine Ewigkeit.

Arina Panteleimonowna. Dunjaschka, laß ihn eintreten und bitte ihn, zu warten.

(Dunjaschka läuft in den Flur und öffnet die Tür; dann hört man Stimmen: „Zu Hause?“ ... „Ja, bitte, treten Sie ein.“ Die Frauen blicken angestrengt durch das Schlüsselloch.)

Agathe Tichonowna (aufschreiend). Herr Gott, wie dick er ist!

Thekla. Er kommt, er kommt! (Alle laufen eilig weg.)

14. Auftritt

Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Dunjaschka.

Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier gefälligst! (Geht ab.)

Eierkuchen. Meinetwegen ... Warten ... na dann warte ich eben ... Wenn’s mich nur nicht zu lange aufhält. Ich bin ja nur auf einen Sprung aus dem Bureau fortgegangen. Wie, wenn es nun dem General plötzlich einfiele, zu fragen: „Und wo ist der Exekutor?“ ... „Er ist auf die Brautschau gegangen.“ Wenn er mich nur nicht mitsamt der Braut abfahren läßt. Übrigens, ich will mir doch noch mal das Verzeichnis ansehen: (Er liest.) Also, ein zweistöckiges, steinernes Haus ... (Sieht empor und betrachtet das Zimmer) Stimmt, ist vorhanden! (Liest weiter.) Zwei Seitenflügel; einer auf einem Fundament von Stein und ein hölzerner Flügel. Na der hölzerne ist ziemlich schlecht. Weiter: eine Kutsche, ein doppelsitziger Schlitten mit Schnitzwerk und dazu eine große und eine kleine Decke. Na, den Schlitten wird man wohl in die Rumpelkammer stecken können. Die Alte behauptet zwar, er sei prima. Schön, meinetwegen auch prima. Zwei Dutzend silberne Löffel. Hm, ja, in der Wirtschaft werden freilich silberne Löffel gebraucht. Zwei Fuchspelze. Hm. Vier große Oberbetten und zwei kleine. (Er preßt die Lippen bedeutungsvoll zusammen.) Sechs Paar seidene und sechs Paar Kattunkleider. Zwei Nachtjacken ... Na, das sind Torheiten! Wäsche, Tischtücher; ach, das mag sie halten wie sie will. Übrigens, man muß das doch alles gut in Augenschein nehmen. Jetzt verspricht man dir Häuser und Equipagen, und wenn es zur Heirat kommt, findet man nichts als Oberbetten und Daunenkissen.

(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft atemlos durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“ ...)

15. Auftritt

Iwan Pawlowitsch Eierkuchen und Anutschkin.

Dunjaschka. Bitte, warten Sie hier, sie werden sogleich kommen. (Geht ab.)

(Anutschkin und Eierkuchen begrüßen sich.)

Eierkuchen. Ich habe die Ehre!

Anutschkin. Habe ich vielleicht das Vergnügen, den Vater der reizenden Tochter zu begrüßen?

Eierkuchen. Nein, keineswegs den Vater! Ich habe überhaupt noch keine Kinder.

Anutschkin. So, dann bitte ich Sie vielmals um Entschuldigung.

Eierkuchen (beiseite). Die Physiognomie dieses Menschen kommt mir verdächtig vor. Sollte er etwa wegen derselben Sache hier sein wie ich? (Laut.) Sie kommen wohl des Fräuleins wegen?

Anutschkin. Ach nein ... Durchaus nicht ... Ich bin nur beim Spazierengehen so mit herangekommen.

Eierkuchen (beiseite). Der Kerl lügt! Sicher lügt er! Dies Spazierengehen kenn’ ich. Heiraten will er, der Lump!

(Man hört es läuten. Dunjaschka läuft durchs Zimmer und öffnet die Tür. Man hört Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“)

16. Auftritt

Dieselben und Schewakin begleitet von Dunjaschka.

Schewakin (zu Dunjaschka). Bitte schön, Kindchen, putz mich mal ab! Weißt du, auf der Straße ist mir so viel Staub angeflogen. Und nimm mir doch hier den Flocken ab. (Wendet den Kopf.) So, danke schön, mein Kind. Sieh doch mal nach: Kriecht mir da nicht ’ne Spinne über den Rock? Sind auch die Rockschöße hübsch rein? Danke, meine Liebste! Sieh mal, hier scheint noch was zu sitzen. (Streicht mit der Hand über den Ärmel und beobachtet Anutschkin und Iwan Pawlowitsch.) Es ist nämlich englischer Stoff. Und wie er sich trägt! Im Jahre 95, als unsere Flotte in Sizilien lag, — ich war damals allerdings noch Kadett — hab’ ich mir die Uniform daraus machen lassen. 1801 unter Zar Pawel Petrowitsch wurde ich Leutnant, und der Stoff war noch ganz wie neu. 1814 machte ich die Weltumseglung mit, da merkte ich zum erstenmal, daß er anfängt, sich an den Nähten abzuscheuern, und 1815 nahm ich meinen Abschied; da brauchte ich ihn blos wenden zu lassen. Nun trage ich ihn schon zehn Jahre, und er ist noch immer fast wie neu ... So ist’s gut, Herzchen, danke schön, meine Holde ... (Er wirft ihr eine Kußhand zu, geht an den Spiegel und fährt sich mit der Hand durch die Haare.)

Anutschkin. Gestatten Sie mir, Sizilien ... Sie geruhten vorhin ... Sizilien zu erwähnen. Ist das eigentlich ein schönes Land ... dieses Sizilien?

Schewakin. Äh, ich sage Ihnen, ein herrliches Land. Vierunddreißig Tage lagen wir dort vor Anker. Eine Gegend, sage ich Ihnen, einfach entzückend. Solche Berge, — zwischendurch mal ein Granatenbaum, und überall diese kleinen Italienerinnen, wie zarte Röschen, einfach zum Küssen!

Anutschkin. Und wie steht es mit der Bildung?

Schewakin. Oh, ganz ausgezeichnet! Sie sind so gebildet, wie bei uns etwa nur die Gräfinnen. Sehen Sie, zum Beispiel ... mitunter bummelt man durch die Straßen. Sie wissen ja, was ein russischer Leutnant ist. Natürlich Epauletts (er zeigt auf die Schulter), goldene Schnüre; — und herum alle die schwarzäugigen Schönen, ... dort hat ja jedes Haus einen Balkon und platte Dächer, platt wie dieser Fußboden ... Da sieht man denn mal so rauf, und oben sitzt dann solch ein Röschen. Natürlich will man sich doch auch nichts vergeben .... (Macht eine liebenswürdige Verbeugung und winkt mit der Hand.) Und auch sie macht bloß so .... (Macht eine entsprechende Geste.) Selbstverständlich alle brillant gekleidet. Hier, so ein Mieder, dann das Korsett, allerhand Damen-Ohrringe, mit einem Wort ... ein Leckerbissen.

Anutschkin. Und wenn ich Sie noch um eine Auskunft bitten dürfte ... Sagen Sie ... welche Sprache spricht man in Sizilien?

Schewakin. Natürlich spricht alles Französisch.

Anutschkin. Dann sprechen also auch alle jungen Damen Französisch?

Schewakin. Alle, ohne Ausnahme ... Sie werden mir vielleicht nicht glauben, was ich Ihnen jetzt sage: Wir haben vierunddreißig Tage vor Sizilien gelegen, und während dieser ganzen Zeit habe ich nicht ein einziges Wort Russisch von ihnen gehört.

Anutschkin. Nicht ein Wort?

Schewakin. Kein Wort. Dabei rede ich noch nicht einmal von den Adligen und den übrigen Signoren, d. h. von ihren Offizieren, — nein, nehmen Sie den gewöhnlichen Bauern oder Arbeiter, der jeden Dreck auf seinen Schultern schleppt, probieren Sie mal, ihm zu sagen: Bruder, gib mir ein Stück Brot! — Er wird Sie nicht verstehen, bei Gott; er versteht Sie nicht. Aber sagen Sie ihm dasselbe auf französisch: Dateci del pane oder Portate vino — dann versteht er Sie sofort. Im Augenblick läuft er hin und bringt, was Sie wünschen.

Iwan Pawlowitsch. Ein merkwürdiges Land muß doch dieses Sizilien sein, wie ich sehe. Sie sagten da: ein Bauer! Wie ist es denn mit diesem Bauern? Ist er ganz ebenso wie ein russischer Bauer? So ein breitschultriger Kerl, der den Acker pflügt, oder nicht?

Schewakin. Darüber kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Ob sie auch pflügen oder nicht, das hab’ ich gar nicht beobachtet. Aber was das Tabakschnupfen anbelangt, so kann ich Ihnen allerdings versichern, daß sie ihn nicht nur alle schnupfen, sondern daß sie ihn auch in die Backen stecken. Auch das Fahren ist dort sehr bequem. Nichts wie Wasser ringsherum, und dabei überall Gondeln. Und darinnen selbstverständlich solch eine kleine Italienerin, so ein Röschen, und angezogen, ... pikfein! So ein Lätzchen und Tüchlein, und so ... Sehen Sie, wir hatten auch zwei englische Offiziere mit uns. Ich sage Ihnen, das war eine Gesellschaft, ganz wie unsere Seeleute. Anfangs war es ja ein bißchen merkwürdig, wir verstanden uns nämlich nicht; aber als wir uns erst ordentlich kennen gelernt hatten, da verstanden wir uns vortrefflich. So zeigen Sie zum Beispiel auf die Flasche oder auf das Glas, und jeder weiß sofort — das bedeutet: einen nehmen. Oder man legt die Finger an den Mund und macht mit den Lippen nur: Paff! Paff! Das bedeutet dann einfach: Ich will eine Pfeife rauchen. Überhaupt kann ich Ihnen sagen: eine ganz leichte Sprache. Unsere Matrosen, die verstanden sich bereits nach zwei oder drei Tagen.

Iwan Pawlowitsch. Wie ich sehe ein höchst interessantes Leben in fremden Ländern. Es freut mich außerordentlich, die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der so weit herumgekommen ist. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?

Schewakin. Schewakin, Leutnant zur See a. D. Erlauben Sie, mich auch meinerseits zu erkundigen, mit wem ich das schätzbare Vergnügen habe ...

Eierkuchen. Exekutor, noch im Dienst, Iwan Pawlowitsch ... Eierkuchen!

Schewakin (ihn nicht verstehend). Ja, ich habe auch schon etwas gegessen. Sehen Sie, ich weiß, ich habe noch einen großen Weg vor mir, und es ist heute sehr kalt; da habe ich ein Stückchen Brot mit Hering zu mir genommen.

Eierkuchen. Nein, Sie scheinen mich nicht richtig verstanden zu haben; Eierkuchen — das ist mein Familienname.

Schewakin (sich verbeugend). Ah, das freut mich sehr! ... Verzeihen Sie, ich höre etwas schlecht. Ich verstand, Sie wollten sagen: Sie hätten Eierkuchen gegessen.

Eierkuchen. Ja, was soll man machen! — Ich wollte schon den General um die Erlaubnis bitten, mich Eierkuchler nennen zu dürfen. Aber meine Verwandten waren dagegen, sie meinten, das hätte wieder zu viel Ähnlichkeit mit „Ei Verfluchter“ ...

Schewakin. Ja, es passieren schon solche Geschichten. Sehen Sie z. B. unser ganzes drittes Geschwader: sämtliche Offiziere und Matrosen hatten so merkwürdige Familiennamen .... Herr von Spülicht, Herr von Süffel, Leutnant von Schweißlappen, und ein Kadett, übrigens sonst ein famoser Kerl, hieß ganz einfach: Loch, so daß man den Kapitän manchmal rufen hörte: Komm doch mal her, Löchlein. Auch die anderen machten sich oft über ihn lustig und riefen ihm zu: Ach du Loch, du Löchlein du! (Es schellt. Thekla läuft durch das Zimmer und öffnet.)

Eierkuchen. Eh, guten Tag, Mütterchen!

Schewakin. Guten Tag, wie geht’s, meine Seele?

Anutschkin. Guten Tag, Mütterchen Thekla Iwanowna.

Thekla (kommt atemlos gelaufen). Danke schön, danke schön, meine lieben Herren. Gut, gut.

(Sie öffnet die Tür, im Vorzimmer hört man Stimmen: „Zu Hause?“ „Jawohl!“ Dann hört man ein paar unverständliche Worte, worauf Thekla ärgerlich ausruft: „Du bist mir aber auch einer!“ ...)

17. Auftritt

Die Vorigen. Kotschkarjow, Podkoliessin und Thekla.

Kotschkarjow (zu Podkoliessin). Denk immer nur an eins: Courage und weiter nichts! (Er sieht sich um, macht erstaunt einige Verbeugungen, beiseite.) Teufel, was für ein Haufen Menschen! Was hat das zu bedeuten? Das sind doch nicht etwa lauter Freier? (Er gibt Thekla einen Rippenstoß und sagt leise zu ihr.) Woher nahmst du bloß all die Geier?

Thekla (leise). Was, Geier? ... Das sind lauter anständige Menschen.

Kotschkarjow (zu ihr). Nun, nun, viel Geschrei und wenig Wolle!

Thekla. Kehr du nur vor deiner Tür. Du hast auch nichts, womit du prahlen könntest ... ’ne Zobelmütze auf’m Kopf und ’ne Wassersuppe in dem Topf!

Kotschkarjow. Das sind wohl alles deine Kunden, was? Alle mit ’nem Loch im Beutel. (Laut.) Aber wo bleibt sie denn nur? Diese Tür geht wohl in ihr Schlafzimmer? (Geht zur Türe.)

Thekla. Schäme dich was, ich sagte dir doch, sie zieht sich noch um.

Kotschkarjow. Welch ein Malheur! Was ist denn dabei? ... Ich will ja nur mal reingucken ... und weiter nichts. (Sieht durch das Schlüsselloch.)

Schewakin. Ah, ich bitte sehr, erlauben Sie mir doch auch einmal, hineinzusehen.

Eierkuchen. Ach, lassen Sie mich nur ein Augenblickchen durchsehen.

Kotschkarjow (sieht noch immer durchs Schlüsselloch). Es ist nichts zu sehen, meine Herrschaften! Man kann absolut nichts erkennen. Man sieht nur was Weißes; aber es ist nicht herauszukriegen: ist’s eine Frau oder ein Kopfkissen.

(Alle drängen sich jedoch um die Tür und suchen sich gegenseitig fortzustoßen, um durchs Schlüsselloch zu sehen.)

Kotschkarjow. Sst. Es kommt jemand ... (Alle springen zurück.)

18. Auftritt

Die Vorigen, Arina Panteleimonowna und Agathe Tichonowna. Alle verbeugen sich.

Arina Panteleimonowna. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?

Eierkuchen. Wie ich aus den Zeitungen erfahre, wollen Sie Holz schlagen lassen. Ich bin staatlicher Exekutor, und so komme ich, zu hören, um was für einen Baumschlag es sich hier handelt, wieviel und bis wann Sie liefern können.

Arina Panteleimonowna. Holz — haben wir zwar nicht abzugeben, aber wir freuen uns über Ihren Besuch. Darf ich nach Ihrem Namen fragen?

Eierkuchen. Iwan Pawlowitsch Eierkuchen — Kollegienassessor.

Arina Panteleimonowna. Nehmen Sie gefälligst Platz. (Wendet sich an Schewakin und blickt ihn scharf an.) Und darf ich Sie fragen, was Sie ...

Schewakin. Oh, ich habe auch so eine Annonce gelesen und da hab’ ich mir gedacht: da mußt du doch mal hingehen. Sehen Sie, das Wetter war sehr schön, überall am Wege grünt und blüht es ...

Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?

Schewakin. Oh, Leutnant zur See a. D. ... Baltasar Baltasarowitsch Schewakin der Zweite. Wir hatten nämlich noch einen andern Schewakin, aber der nahm noch vor mir seinen Abschied. Er wurde nämlich am Bein verwundet, Mütterchen. Und dabei traf ihn die Kugel so eigentümlich; sie verletzte nur eine Sehne, ohne den Knochen in Mitleidenschaft zu ziehen. Das hing alles nur grade noch zusammen, und wenn man neben ihm stand, sah es genau so aus, als ob er einem von hinten eins mit dem Fuße auswischen wollte.

Arina Panteleimonowna. Bitte, nehmen Sie doch Platz. (Zu Anutschkin.) Und Sie, mein Herr, was führt Sie her?

Anutschkin. Ich habe die Ehre, Ihr Nachbar zu sein. Ich wohne ganz in Ihrer Nähe.

Arina Panteleimonowna. Etwa im Hause der Frau Kaufmann Tulubow? Hier gegenüber?

Anutschkin. Nein, das nicht. Einstweilen wohne ich noch in Peßki; aber ich habe die feste Absicht, mit der Zeit hierher in Ihren Bezirk zu ziehen.

Arina Panteleimonowna. Setzen Sie sich, bitte! (Zu Kotschkarjow.) Und darf ich wissen, was Sie veranlaßte ...

Kotschkarjow. Ja! Wie? Erkennen Sie mich denn nicht? (Wendet sich an Agathe Tichonowna.) Und auch Sie nicht, mein Fräulein?

Agathe Tichonowna. Mir scheint, ich habe Sie noch nie gesehen.

Kotschkarjow. Aber erinnern Sie sich doch. Sie haben mich sicher schon irgendwo gesehen.

Agathe Tichonowna. Ich weiß wirklich nicht. Doch nicht etwa bei Birjuschkins?

Kotschkarjow. Wo denn sonst? ... Natürlich bei Birjuschkins.

Agathe Tichonowna. Ach, dann wissen Sie wohl noch gar nicht, was für eine Geschichte da passiert ist?

Kotschkarjow. Gewiß; sie hat sich verheiratet.

Agathe Tichonowna. Nun, das wäre noch nicht so schlimm; nein, sie hat sich ein Bein gebrochen.

Arina Panteleimonowna. Ja, ein schwerer Bruch. Sie fuhr spät abends im Wagen nach Hause, der Kutscher war betrunken und warf den Wagen um.

Kotschkarjow. Richtig, jetzt erinnere ich mich! Irgend etwas mußte mit ihr passiert sein ... entweder sie hatte sich verheiratet oder sie hatte sich ein Bein gebrochen.

Arina Panteleimonowna. Und wie heißen Sie?

Kotschkarjow. Bitte sehr — Ilja Fomitsch Kotschkarjow. Wir sind doch Verwandte. Meine Frau spricht fortgesetzt davon. Erlauben Sie, erlauben Sie: (Er faßt Podkoliessin bei der Hand und zieht ihn herbei.) Mein Freund Iwan Kusmitsch Podkoliessin, Hofrat. Ist Expeditor, macht aber alles allein. Er hat sein Ressort famos in die Höhe gebracht.

Arina Panteleimonowna. Und wie ist Ihr Name?

Kotschkarjow. Podkoliessin. Iwan Kusmitsch Podkoliessin. Der Direktor, der ist überhaupt nur noch pro forma da. Er hat das ganze Departement in den Händen. Iwan Kusmitsch Podkoliessin.