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Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom cover

Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Chapter 47: Den Ersten.
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About This Book

A collection of essays and short prose pieces that mix literary criticism, cultural reflection, travel sketches, and imaginative narratives. The pieces move between aesthetic meditations on sculpture, painting, and music; satirical character studies and psychological vignettes; historical and geographical reflections; and impressions of cities and travel. The tone shifts from playful irony to somber introspection, often blending personal voice with rhetorical digressions. Formal variety includes short sketches, mock memoirs, critical essays, and fictionlike fragments, unified by a conversational, observant narrator who examines art, society, memory, and national character.

„Da mein Lieb ein Stündchen nicht zu sehn ist —

’s muß ein Jahr schon her sein, dacht’ ich;

Weil mein Leben mir so arg verhaßt ist,

Kann ich da noch leben? — sagt’ ich.“

Wahrscheinlich ist es ein Gedicht von Puschkin. Abends wickelte ich mich fest in meinen Mantel und ging vor das Haustor Seiner Exzellenz, ich wartete ziemlich lange, ob sie nicht vielleicht heraustreten und in den Wagen steigen würde, ich hoffte, sie noch einmal zu sehn; aber sie kam nicht. —

Den 6. November.

Der Abteilungschef ist ganz aus dem Häuschen! Als ich in die Kanzlei kam, ließ er mich sofort rufen und sprach: „Sag’ mir bitte, was tust du eigentlich?“ „Wie? ich tue gar nichts,“ antwortete ich. „Höre mal, denk’ doch mal darüber nach, du bist doch schon über 40 Jahre alt — es wäre bald Zeit, daß du vernünftig wirst. Was bildest du dir eigentlich ein? Du glaubst wohl, ich sei nicht hinter all deine Schliche gekommen? Du läufst ja der Tochter unseres Direktors nach! Sieh dich doch nur mal an und mach’ dir mal klar, wer du eigentlich bist! Du bist doch eine Null — und weiter nichts. Du hast ja keinen Heller im Kasten. Wirf doch einen Blick in den Spiegel — wie kannst du nur an so etwas denken!“ Hol’ ihn der Teufel! weil sein Gesicht an eine Medizinflasche erinnert und weil er nur noch ein paar Haare auf dem Kopf hat, die er künstlich zu einem Schopf zusammendreht, den er mit allerhand duftenden Pomaden salbt, und weil er die Nase hoch trägt, bildet er sich ein, daß ihm allein alles erlaubt sei. Ich verstehe, ich verstehe sehr gut, warum er so wütend auf mich ist. Er beneidet mich, vielleicht weiß er, daß ich bevorzugt werde, vielleicht hat er die Zeichen des Wohlwollens bemerkt, die mir zuteil geworden sind. Ach was! Ich spucke auf ihn! Auch was Großes! Ein — Hofrat! trägt ’ne goldene Uhrkette und läßt sich Stiefel zu 30 Rubel das Paar machen. Ach! hol ihn doch der Teufel! Bin ich etwa aus niederem Stande? Bin ich etwa ein Schneider oder der Sohn eines Unteroffiziers! Ich bin ein Edelmann! Ich kann mich doch auch heraufdienen. Ich bin erst 42 Jahre alt —, und da beginnt doch eigentlich der Dienst erst richtig. Warte nur, Freundchen! wir werden auch noch einmal Oberst sein, ja, vielleicht, so Gott will, auch noch ein bissel mehr! Dann schaffe ich mir eine schöne Wohnung an, vielleicht noch eine bessere als deine. Du bildest dir wohl ein, daß es außer dir keine anständigen Menschen gibt? Dann schaffe ich mir einen Frack nach der neuesten Mode an und binde mir eine ebensolche Krawatte um wie du — dann reichst du überhaupt nicht an mich heran. Ich habe bloß kein Geld — das ist das Pech.

Den 8. November.

Heute war ich im Theater. Man gab „Filatka, den russischen Narren“. Ich habe sehr gelacht. Dann folgte noch eine Posse mit allerhand komischen Couplets, in denen es über die Gerichtsbeamten herging, besonders wurde ein Kollegienregistrator aufs Korn genommen; diese Couplets waren sehr kräftig, und ich habe mich gewundert, daß die Zensur sie nicht beanstandet hat. Von den Kaufleuten hieß es geradezu, daß sie das Volk betrügen, daß ihre Söhne verschwenderisch leben und nach dem Adelsstand streben. Dann gab’s auch ein sehr amüsantes Couplet über die Journalisten: der Autor bat das Publikum um Schutz vor ihnen, da sie immer alles herunterreißen. Die heutigen Schriftsteller schreiben sehr interessante Stücke. Ich gehe sehr gern ins Theater. Sobald ich nur ein paar Groschen in der Tasche habe, kann ich der Versuchung nicht widerstehn und geh’ hinein. Es gibt unter den Beamten solche Schweine, die durchaus nicht ins Theater gehen wollen — richtige Bauern — es sei denn, daß man ihnen ein Freibillett schenkt. Da war auch eine Sängerin. Sie sang wunderschön — sie erinnerte mich an jene .... ach! so ’ne Gemeinheit. Doch still, still ... kein Wort mehr davon.

Den 9. November.

Um 8 Uhr begab ich mich in die Kanzlei. Der Abteilungschef tat so, als bemerke er mein Eintreten gar nicht. Ich meinerseits tat auch so, als hätten wir nichts miteinander vorgehabt. Ich sah einige Akten durch und verglich sie miteinander. Um 4 Uhr ging ich wieder fort. Ich kam an der Wohnung des Direktors vorbei, aber es war niemand zu sehn. Nach Tisch lag ich meist wieder auf dem Bett.

Den 11. November.

Heute saß ich im Arbeitszimmer unseres Direktors, schnitt dreiundzwanzig Federn für ihn und für Ihre, oh, oh, oh, und für Ihre Exzellenz vier Federn. Er hat es gern, wenn recht viele Federn auf seinem Tisch bereit liegen. Oh, das muß ein Kopf sein! Er schweigt beständig, aber in diesem Kopf — glaub’ ich — erwägt er alles. Ich möchte gern wissen, worüber er am meisten nachdenkt, und was er für Pläne schmiedet. Ich möchte das Leben dieser Herrn gern so aus der Nähe beobachten, alle diese Equivoquen und Hofintrigen; wie sie sich bewegen, und was sie in ihrem Kreise tun und treiben: das würde ich gern erfahren! — Schon häufig hatte ich Lust, mich mit Seiner Exzellenz in ein Gespräch einzulassen, aber weiß der Teufel, die Zunge versagt mir ihren Dienst. Schließlich sagt man nur, daß es draußen kalt oder warm ist, und mehr bringt man bei dem besten Willen nicht heraus. Wie gern würde ich einen Blick ins Gastzimmer werfen, aber die Tür steht nur selten offen; von dem Gastzimmer aus sieht man in ein zweites Zimmer! Gott, was für eine noble Einrichtung! Was für Spiegel! Welch ein Porzellan! Ich würde auch gerne mal in den Teil des Hauses hineinblicken, wo Ihre Exz.... ja, da möchte ich gern einmal rein: in ihrem Boudoir, was stehen da wohl für Fläschchen und Büchsen, was für herrlich duftende Blumen, die man kaum anzuhauchen wagt, da liegt vielleicht auch ihr Kleid, das sie eben abgelegt hat, und das mehr einem Lufthauch als einem Kleidungsstück gleicht. Wie gern würde ich auch einen Blick ins Schlafzimmer werfen. Das muß ein Wunderland ... das muß ein Paradies sein, wie es, glaube ich, selbst im Himmel kein ähnliches gibt. Ich möchte das Bänkchen sehn, auf das sie des Morgens beim Aufstehn ihr Füßchen setzt, ich möchte sehn, wie sie sich die schneeweißen Strümpfe anzieht ... O Gott! o Gott! Doch still! still! Kein Wort mehr! Heute fiel’s mir plötzlich wie Schuppen von den Augen: ich erinnerte mich des Gesprächs der beiden Hunde, das ich auf dem Newsky-Prospekt belauscht hatte. „Gut,“ dachte ich bei mir, „ich werde jetzt alles erfahren! Ich müßte nur den Briefwechsel dieser beiden elenden Hunde auffangen. Daraus werde ich gewiß so manches erfahren.“ Ich muß hier anmerken: einmal habe ich Maggie sogar zu mir herangelockt und ihr gesagt: „Hör’ einmal, Maggie, wir sind jetzt allein, wenn du willst, werde ich sogar die Tür schließen, so daß uns niemand sehen kann — erzähle mir alles, was du von dem Fräulein weißt: was treibt sie und wie ist sie, ich schwöre dir, niemand soll etwas davon erfahren.“ Aber das listige Hündchen kniff nur den Schwanz ein, duckte sich ganz zusammen und schlich leise zur Tür hinaus, als hätte es nichts gehört. Ich vermute schon lange, daß die Hunde viel klüger sind als die Menschen; ich bin sogar überzeugt, daß sie sprechen können, nur sind sie sehr eigensinnig. Ein Hund ist ein großer Politiker: er bemerkt alles und beobachtet jeden Schritt, den der Mensch macht. Nein, es mag biegen oder brechen, morgen gehe ich zu Swerkow, frage Fidel aus und nehme, wenn es glückt, alle Briefe, die Maggie ihr geschrieben, an mich.

Den 12. November.

Um 2 Uhr machte ich mich auf, denn ich wollte Fidel durchaus sehen und aushorchen. Ich kann den Kohlgeruch, der aus allen Krämerläden in der Meschtschanskaja aufsteigt, auf den Tod nicht leiden, dazu dringt noch ein solcher Gestank aus allen Pforten, daß ich mir die Nase zuhielt und mich, so schnell ich nur konnte, aus dem Staub machte. Und dann verpesteten einem die gräßlichen Handwerker noch derartig die Luft mit dem Ruß und dem Rauch, der aus ihren Werkstätten aufsteigt, daß es für einen anständigen Menschen tatsächlich unmöglich ist, hier spazierenzugehen. Als ich zum sechsten Stock emporgestiegen war und die Glocke gezogen hatte, trat ein Mädchen heraus, das nicht übel aussah, und dessen Gesicht mit kleinen Sommersprossen bedeckt war. Ich erkannte sie. Es war dieselbe, die die alte Frau begleitet hatte. Sie errötete ein wenig, und ich begriff sie sogleich. — Die Kleine sehnte sich nach einem Schatz. „Was wünschen Sie?“ fragte sie. „Ich muß mit Ihrem Hündchen sprechen.“ Das Mädchen war offenbar sehr dumm! Ich merkte sofort, daß sie dumm war! In diesem Moment kam der Hund bellend herangesprungen: ich wollte ihn fassen, aber das Scheusal hätte mich mit seinen Zähnen beinahe an der Nase gepackt. Plötzlich erblickte ich in der Ecke sein Lager. Ach, das ist ja, was ich brauche! Ich trat näher, wühlte das Stroh im Holzkasten durcheinander und holte zu meiner großen Freude ein kleines Papierbündel hervor. Als das garstige Tier das sah, biß es mich erst in die Wade, dann aber merkte es, daß ich die Papiere eingesteckt hatte, und fing an zu winseln und zu schmeicheln, ich aber sagte: „Nein, mein Schatz, lebe wohl!“ und lief davon. Ich glaube, das Mädchen hielt mich für einen Wahnsinnigen, denn sie erschrak furchtbar. Als ich nach Hause kam, wollte ich mich sofort an die Arbeit machen und die Briefe entziffern — denn bei Licht sehe ich nicht gut. Aber Mawra war gerade dabei, den Fußboden zu waschen. Diese dummen Finnländerinnen sind besonders immer dann reinlich, wenn man es nicht brauchen kann. So ging ich denn hinaus, um einen Spaziergang zu machen und das Geschehene zu überdenken. Endlich werde ich alles erfahren! Alle ihre Pläne und Intrigen, alle geheimen Triebfedern und werde alles ergründen. Diese Briefe werden mir alles enthüllen. Die Hunde sind ein kluges Volk, sie kennen die politischen Verhältnisse, und daher werde ich dort alles Wissenswerte über unsern Chef finden, das Porträt und die Machinationen dieses Mannes. Sicherlich wird auch einiges über sie darin enthalten sein, das ... doch still, kein Wort mehr. Gegen Abend kam ich nach Hause und lag die meiste Zeit über auf dem Bett.

Den 13. November.

Nun wollen wir mal sehn! Der Brief ist ziemlich leserlich geschrieben. Doch aber liegt etwas Hündisches in der Handschrift. Wir wollen mal sehn:

„Liebe Fidel! Ich kann mich noch immer nicht recht an deinen plebejischen Namen gewöhnen. Konnte man dir wirklich keinen besseren geben? Fidel, Rose — wie vulgär das klingt! Aber lassen wir das jetzt beiseite, es freut mich sehr, daß wir beschlossen haben, einander zu schreiben.“

Der Brief ist recht orthographisch geschrieben. Die Interpunktionszeichen sind immer auf ihrem richtigen Platze, und die Buchstaben sind nirgends verwechselt. Ja, ich glaube, daß selbst unser Abteilungschef nicht so korrekt schreiben kann, obgleich er behauptet, daß er die Universität besucht habe. Sehen wir weiter!

„Mir scheint, eine der größten Freuden des Lebens ist, seine Gedanken, Gefühle und Eindrücke mit einem Freunde zu teilen.“

Hm ... diesen Gedanken hat sie aus einem deutschen Aufsatz, der in russischer Sprache erschienen ist. Ich kann mich nicht auf den Titel besinnen.

„Ich spreche aus Erfahrung, obgleich ich nicht weiter in der Welt herumgekommen bin, als bis vor unsere Haustür. Ist mein Leben nicht von Wohlstand umgeben? Mein Fräulein, das der Papa Sophie nennt, liebt mich grenzenlos.“

O Gott, o Gott! Doch still, still! Kein Wort mehr!

„Papa liebkost mich auch häufig. Ich trinke Tee und Kaffee mit Sahne. Ach, ma chère, ich muß Dir sagen, daß ich gar keine Freude an großen abgenagten Knochen habe, wie sie unser Polkan in der Küche zu fressen kriegt. Nur Wildpretknochen schmecken gut, und auch die nur, wenn das Mark noch darin ist. Es schmeckt auch sehr gut, wenn man mehrere verschiedene Saucen durcheinandermischt, nur dürfen keine Kapern und keine Gemüse darin sein; aber ich kenne nichts Schlimmeres, als die Gewohnheit, Hunden Brotkügelchen vorzusetzen. Da fängt irgendein Herr, der bei Tisch sitzt, und der schon allerhand Schund in seinen Händen gehalten hat, plötzlich an, mit diesen selben Händen Brot zu kneten, ruft Dich herbei und steckt Dir so eine Brotkugel zwischen die Zähne. Refüsieren darf man nicht — so frißt man es denn, obwohl es einen ekelt, aber man frißt es doch!“

Weiß der Teufel, was das ist! So ein Blödsinn! Als ob es kein besseres Thema gäbe, über das man schreiben könnte. Wir wollen mal sehn, ob wir auf der anderen Seite nichts Vernünftigeres finden.

„.... Ich bin gern bereit, Dich von allen Ereignissen zu unterrichten, die sich bei uns abspielen. Ich habe Dir schon einiges von der Hauptperson erzählt, die Sophie Papa nennt. Das ist ein sehr merkwürdiger Mensch ...“

Endlich! Ich wußte es ja, sie haben einen politischen Blick für alle Dinge. Laß uns ’n mal sehn — was der Papa tut:

„... merkwürdiger Mensch. Er schweigt fast immer und spricht nur selten; aber vor einer Woche sprach er in einem fort vor sich hin: ‚Werde ich ihn bekommen oder werde ich ihn nicht bekommen?‘ Einmal wandte er sich sogar mit der Frage an mich: ‚Wie denkst du, Maggie, werde ich ihn bekommen, oder werde ich ihn nicht bekommen?‘ Ich konnte rein gar nichts verstehen, beschnüffelte seine Stiefel und schlich mich fort. Dann aber — es ist jetzt eine Woche — erschien Papa plötzlich hocherfreut, ma chère. Den ganzen Morgen lang gingen bei ihm uniformierte Herren ein und aus, die ihm alle zu etwas gratulierten. Bei Tisch war er so vergnügt, wie ich ihn nie zuvor gesehn, und er erzählte in einem fort Anekdoten.

Nach dem Essen hob er mich zu sich empor, deutete auf seinen Hals und sagte: ‚Sieh mal, Maggie, was ist das?‘ Ich sah ein kleines Bändchen auf seiner Brust, roch daran, fand aber gar nicht, daß es gut duftete, schließlich leckte ich noch einmal daran: es schmeckte etwas salzig.“

Hm, dieses Hündchen erlaubt sich, wie mir scheint, ein bißchen viel. Es soll sich in acht nehmen, daß es keine Prügel kriegt! ... So, er ist also ehrgeizig, das muß man sich merken!

„Leb’ wohl, ma chère. Ich eile usw., usw. Morgen will ich meinen Brief beenden.“ —

„Guten Tag, jetzt bin ich wieder bei Dir. Heute war mein Fräulein Sophie ...“

Ah, nun wollen wir mal sehn, was mit Sophie los ist! Ach, so ’ne Gemeinheit ... Doch still, still! ... fahren wir fort.

„..... mein Fräulein Sophie in großer Aufregung. Sie rüstete sich zu einem Ball, und ich war sehr erfreut, daß ich Dir in ihrer Abwesenheit schreiben konnte. Meine Sophie ist immer sehr froh, wenn sie einen Ball besuchen kann, obgleich sie sich beim Ankleiden fast immer ärgert. Wozu sich die Menschen eigentlich anziehn und warum laufen sie nicht so herum wie wir zum Beispiel? Es ist doch viel bequemer und angenehmer. Ich kann auch nicht verstehen, was das für ein Vergnügen ist, einen Ball zu besuchen. Sophie kommt von den Bällen stets erst gegen 6 Uhr morgens nach Hause, und ich glaube immer aus ihrem bleichen, elenden Aussehen zu erkennen, daß die Ärmste nicht genug zu essen bekommen hat. Ich muß gestehn, ich könnte nicht so leben. Wenn ich keine Sauce mit Rebhuhn und keine gebratenen Hühnerflügel bekäme, so wüßte ich nicht, was mit mir geschähe. Auch Sauce mit Brei schmeckt sehr gut. Dagegen Karotten, Rüben oder Artischocken, die schmecken nie gut.“

Ein sehr ungleichmäßiger Stil. Man sieht doch gleich, daß dies kein Mensch geschrieben hat. Er fängt an, wie es sich gehört, und schließt wie ein Hund. Ich will mir doch noch einen weiteren Brief ansehen. Er ist zwar ein bißchen lang, und auch das Datum fehlt.

„Ach, meine Liebe, wie fühlbar macht sich doch das Herannahen des Frühlings! Mein Herz klopft, als erwarte es etwas! In meinen Ohren klingt es unaufhörlich, so daß ich häufig minutenlang mit erhobenem Bein lauschend an der Tür stehe! Ich will Dir gestehn, daß ich viele Verehrer habe. Häufig betrachte ich sie, während ich gemächlich am Fenster sitze. Ach, wenn Du wüßtest, was es für Mißgeburten unter ihnen gibt! Der eine, ein plumper Köter, ist furchtbar dumm, die Borniertheit spricht ihm aus dem Gesicht, er stolziert wichtig auf der Straße einher und bildet sich ein, eine höchst bedeutende Persönlichkeit zu sein; er denkt wohl, daß sich alle so ohne weiteres in ihn verlieben werden. Aber keine Spur davon. Ich habe ihn gar nicht beachtet und tat so, als hätte ich ihn nie gesehn. Und was für eine fürchterliche Dogge da zuweilen vor meinem Fenster stehnbleibt! Wenn sie sich auf die Hinterbeine stellte, was das plumpe Tier sicherlich gar nicht kann, würde sie Sophies Papa, der doch auch ziemlich groß und dick ist, um Kopfeslänge überragen. Dieser Affe ist sicherlich ein schrecklicher Frechling. Ich knurrte ihn an, aber er kümmerte sich absolut nicht drum und verzog keine Miene, streckte nur seine Zunge heraus, wackelte mit seinen mächtigen Ohren und schaute in mein Fenster hinein! — solch ein Bauer! Aber glaubst Du wirklich, ma chère, daß mein Herz unempfindlich ist für all dies Werben?! Ach, nein ..... Wenn Du nur den einen Kavalier gesehen hättest, der mitunter über den Zaun unseres Nachbars klettert — er heißt Tresor — oh, ma chère — was der für ein Schnäuzchen hat!! ....“

Pfui Teufel! .... Was für ein Blödsinn! .... Wie kann man nur ganze Seiten mit solchen Dummheiten anfüllen. Einen Menschen! Ich will einen Menschen sehn; mich verlangt nach geistiger Nahrung, die meine Seele speist und labt: und statt dessen diese Dummheiten ..... Doch ich will eine Seite überschlagen, vielleicht wird’s besser!

„... Sophie saß am Tisch und nähte etwas. Ich blickte zum Fenster hinaus, weil ich mir gern die Spaziergänger anschaue, als plötzlich der Diener hereintrat und Herrn Teplow meldete. ‚Ich lasse bitten!‘ rief Sophie und umarmte mich stürmisch. ‚Ach, Maggie, Maggie! wenn Du wüßtest, wer das ist: ein brünetter Kammerjunker! und Augen hat er! schwarz und klar wie Achat!‘ und Sophie lief in ihr Zimmer. Einen Augenblick später trat ein junger Kammerjunker mit einem schwarzen Backenbart herein; er näherte sich dem Spiegel, ordnete sein Haar und sah sich im Zimmer um. Ich knurrte und ging auf meinen Platz zurück. Sophie kam bald zurück und beantwortete seinen Kratzfuß mit einem fröhlichen Knicks; ich tat, als bemerke ich nichts und schaute ruhig aus dem Fenster, beugte aber meinen Kopf etwas zur Seite und versuchte zu hören, was sie sprachen. Ach, ma chère, was das für Banalitäten waren! Sie redeten davon, wie eine Dame beim Tanz anstatt des einen Pas einen anderen gemacht hätte, ferner, daß ein gewisser Robow mit seinem Jabot einem Storche außerordentlich ähnlich gesehen hätte und beinahe auf dem Parkett ausgeglitten und gefallen wäre. Schließlich erzählten sie noch, daß eine gewisse Lidina sich einbilde, sie habe blaue Augen, während sie in Wirklichkeit grün seien usw. Ich dachte mir, wie kann man nur diesen Kammerjunker mit Tresor vergleichen! Himmel! welch ein Unterschied! Erstens hat der Kammerjunker ein vollkommen glattes Gesicht, das von einem Backenbart eingerahmt ist, was so aussieht, als ob er sich ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hat. Wie anders Tresor! Er hat ein ganz feines Schnäuzchen und mitten auf der Stirn einen kleinen weißen Fleck. Auch Tresors Taille ist unvergleichlich, viel schöner als die des Kammerjunkers. Auch seine Augen, seine Manieren und seine Bewegungen sind ganz anders. Welch ein Unterschied! Ich verstehe nicht, meine Liebe, was sie an ihrem Teplow gefunden hat, und warum sie so entzückt von ihm ist?! ...“

Mir scheint auch, hier muß etwas nicht richtig sein. Es ist unmöglich, daß dieser Teplow sie so bezaubert hat. Ich will mal weiter sehn:

„Mir scheint, wenn ihr schon dieser Kammerjunker so gefällt, wird sie bald auch an jenem Beamten Gefallen finden, der in Papas Zimmer sitzt. Ach, ma chère, wenn Du wüßtest, was das für ein Scheusal ist. Die reine Schildkröte, die man in einen Sack gesteckt hat ...“

Was kann das wohl für ein Beamter sein?

„Sein Familienname ist höchst seltsam. Er sitzt immer da und schneidet Federn. Die Haare auf seinem Kopf erinnern stark an einen Büschel Heu. Papa benutzt ihn mitunter statt des Dieners zu Botendiensten ...“

Mir scheint, dieses garstige Hündchen spielt auf mich an! Habe ich denn Haare wie ein Heubüschel!

„Sophie kann sich nur mit Mühe des Lachens enthalten, wenn sie ihn ansieht.“

Du lügst, verfluchter Hund! Welche boshafte Zunge! Als ob ich nicht wüßte, daß dies alles vom Neid eingegeben ist, als ob ich nicht weiß, wer hier dahintersteckt. Das ist doch eine Intrige des Abteilungschefs! Dieser Mensch hat mir doch ewigen Haß geschworen — nun schadet er mir bei jedem Schritt, den ich tue. Übrigens will ich mir noch einen Brief ansehn. Vielleicht klärt sich dann die Sache von selbst auf.

Ma chère Fidel, verzeih’, daß ich so lange nicht geschrieben habe. Ich war in einem Wonnerausch! Der Dichter hat wirklich recht, der gesagt hat, daß die Liebe das zweite Leben ist. Außerdem gehen große Veränderungen in unserem Hause vor. Der Kammerjunker besucht uns jetzt täglich. Sophie ist wahnsinnig in ihn verliebt. Papa ist sehr vergnügt. Ich habe sogar von unserem Grigorij gehört, — der bei uns den Fußboden fegt und immer Selbstgespräche führt — daß die Hochzeit bald stattfinden wird, denn Papa will durchaus, daß Sophie einen General oder einen Kammerjunker oder einen Militäroberst heiratet ...“

Hol’s der Teufel! ich kann nicht mehr lesen ... Immer irgendein Kammerjunker oder General. Alles Schöne, was es auf der Welt gibt — fällt immer den Kammerjunkern oder Generälen zu. Du findest irgendein elendes Ding, das dich glücklich machen könnte, und willst schon mit der Hand darnach greifen, da wird es dir von einem Kammerjunker oder einem General entrissen. Hol’s der Teufel! ... Ich wünschte, ich würde selbst General; nicht um ihre Hand zu gewinnen usw. — nein, ich wünschte nur deshalb, ich wäre General, um zu sehn, wie sie vor mir scharwenzeln und alle diese höfischen Verbeugungen und Equivoquen machen würden, und um ihnen dann sagen zu können, daß ich auf sie beide speie. Hol’s der Teufel — es ist aber doch ärgerlich! Ich habe die Briefe dieses dummen Hündchens in Stücke gerissen.

Den 3. Dezember.

Es kann nicht sein. Das sind Lügengespinste, die Hochzeit wird niemals stattfinden! Was liegt denn daran, wenn er auch Kammerjunker ist! Das ist doch nichts weiter als ein Titel und kein sichtbarer Gegenstand, den man in die Hand nehmen könnte. Weil er Kammerjunker ist, bekommt er doch kein drittes Auge auf der Stirn. Seine Nase ist doch auch nicht von Gold, sondern aus demselben Stoff wie die meine und die anderer Menschen! Er riecht doch und ißt nicht etwa mit ihr, und er niest und hustet nicht mit ihr. Ich wollte schon immer ergründen, woher diese Unterschiede stammen. Warum bin ich z. B. Titularrat und wozu bin ich Titularrat? Vielleicht bin ich gar nicht Titularrat! Vielleicht bin ich ein Graf oder ein General und scheine nur Titularrat zu sein. Vielleicht weiß ich noch selbst nicht, wer ich bin. Es gibt doch in der Geschichte genug Beispiele dafür: irgendein ganz gewöhnlicher Mensch, der nicht einmal Edelmann, sondern ein simpler Bürger oder Bauer ist — entpuppt sich plötzlich als hoher Würdenträger, Baron oder ... na, wie sagt man doch gleich? Wenn also schon ein Bauer so emporsteigen kann, was kann dann nicht erst aus einem Edelmann werden? Wie wär’s z. B., wenn ich plötzlich in Generalsuniform erschiene: auf der rechten Schulter eine Epaulette und auf der linken Schulter eine Epaulette, und ein blaues Band über der Achsel — was wohl meine Schöne da für Augen machen würde? Und was würde wohl erst unser Papa, unser Direktor dazu sagen? Oh — er ist ein großer Streber! Er ist ein Freimaurer, unbedingt ein Freimaurer; wenn er sich auch verstellt, als sei er dieses und jenes, ich habe es doch gleich bemerkt, daß er Freimaurer ist. Wenn er einem die Hand reicht, streckt er einem nur zwei Finger entgegen. Ja — warum sollte ich denn nicht jeden Augenblick zum Generalgouverneur, zum Intendanten oder zu so etwas Ähnlichem ernannt werden! Ich möchte wirklich gern wissen, warum gerade ich Titularrat bin? Warum gerade Titularrat?

Den 5. Dezember.

Heute habe ich den ganzen Tag über Zeitungen gelesen. Was für merkwürdige Dinge doch in Spanien vorgehen! Es war mir nicht einmal leicht, zu verstehen, was da vorgeht! Man schreibt, daß der Thron erledigt sei, und daß sich die Stände wegen der Wahl des Nachfolgers in einer sehr schwierigen Lage befinden, und daß deswegen sogar Unruhen ausgebrochen seien! Das scheint mit doch sehr sonderbar! Wie ist es nur möglich, daß ein Thron erledigt wird! Man sagt: eine Donna solle den Thron besteigen. Aber eine Donna kann doch keinen Thron besteigen. Das geht doch nicht! Auf dem Throne muß doch ein König sitzen. Ja aber, wendet man ein, es ist doch kein König da! Das kann aber doch nicht sein, daß kein König da ist! Ein Land kann nicht ohne König existieren. Ein König ist sicherlich da, aber er hält sich irgendwo verborgen. Es ist sehr möglich, daß er im Lande weilt, aber irgendwelche Familienverhältnisse oder Befürchtungen seitens der benachbarten Mächte, wie Frankreich und anderer, veranlassen ihn, sich zu verbergen — oder gibt es vielleicht noch andere Gründe?

Den 8. Dezember.

Ich war schon im Begriff, in die Kanzlei zu gehn, aber verschiedene Gründe und Bedenken hielten mich zurück. Die spanischen Angelegenheiten wollen mir nicht aus dem Kopf. Wie ist es nur möglich, daß eine Donna König wird. Das wird man gar nicht zulassen! England wird zuerst dagegen Einspruch erheben! Auch die politische Lage Europas, der Kaiser von Österreich und unser Kaiser ... Ich muß sagen, diese Ereignisse haben mich dermaßen erschüttert und niedergeschmettert, daß ich den ganzen Tag zu nichts fähig war. Mawra machte mir gegenüber die Bemerkung, daß ich beim Essen sehr zerstreut gewesen sei. Sie hat ganz recht: ich habe in meiner Zerstreutheit sogar zwei Teller fallen lassen, daß sie zerbrachen. Nach Tisch ging ich spazieren, aber ich konnte nichts Interessantes entdecken. Ich lag meistens auf dem Bett und dachte über die spanischen Angelegenheiten nach.

Im Jahre 2000, den 43. April.

Der heutige Tag ist ein großer Jubeltag! Spanien hat wieder einen König! Er ist gefunden! Dieser König bin ich! Erst heute habe ich es erfahren. Ich muß gestehn, es erleuchtete mich wie ein Blitzstrahl. Ich begreife nicht, wie ich denken, wie ich mir einbilden konnte, ich sei ein Titularrat! Wie konnte sich dieser wahnsinnige, dieser aberwitzige Gedanke in meinem Hirn festsetzen! Nur gut, daß es damals niemand eingefallen ist, mich ins Narrenhaus zu sperren. Jetzt ist mir alles klar. Es liegt alles vor mir wie auf der flachen Hand. Früher dagegen — ich versteh’ es nicht — früher lag alles wie im Nebel vor mir. Ich denke, dies alles kommt daher, weil die Menschen glauben, daß das Gehirn des Menschen sich im Kopf befinde; dies ist gar nicht der Fall; in Wirklichkeit trägt es der Wind vom Kaspischen Meer her. Zuerst eröffnete ich Mawra, wer ich bin. Als sie vernahm, daß der spanische König vor ihr steht, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen und starb fast vor Schreck. Die Dumme, sie hat noch nie einen spanischen König gesehn. Ich versuchte, sie zu beruhigen und ihr mit gnädigen Worten mein Wohlwollen auszudrücken, indem ich ihr erklärte, ich sei gar nicht böse auf sie, weil sie mir mitunter meine Stiefel so schlecht geputzt habe. Das sind doch einfache Leute. Mit ihnen kann man doch nicht über höhere Dinge reden. Sie war darum so erschrocken, weil sie in dem Glauben lebt, daß alle spanischen Könige Philipp II. ähnlich seien. Aber ich setzte ihr auseinander, daß Philipp und ich nichts Gemeinsames miteinander hätten, und daß ich keine Kapuziner bei mir habe. Ich ging heute nicht ins Departement. Hol’ es der Teufel! Nein, meine Herren, jetzt kriegt ihr mich nicht mehr dahinein; ich denke nicht mehr daran, eure garstigen Papiere abzuschreiben!

Den 86. Oktember zwischen Tag und Nacht.

Heute erschien unser Exekutor, um mich aufzufordern, in die Kanzlei zu kommen; es ist schon bald drei Wochen, daß ich nicht in der Kanzlei war.

Aber die Menschen sind ungerecht. Sie rechnen mit Wochen. Das haben die Juden eingeführt, weil sich ihr Rabbiner um diese Zeit wäscht! ... Ich ging aber zum Spaß ins Bureau. Der Abteilungschef dachte, ich würde ihn begrüßen und würde mich entschuldigen, aber ich sah ihn nur gleichgültig an, nicht zu böse, aber auch nicht zu freundlich, und ließ mich auf meinem Platz nieder, als bemerke ich niemand. Ich sah mir die ganze Kanzleisippe an und dachte bei mir: wie, wenn ihr wüßtet, wer mitten unter euch sitzt ... Gerechter Gott, was hätte sich da für ein Tumult erhoben! Ja, selbst der Abteilungschef würde sich dann so tief vor mir verbeugen, wie er es jetzt vor dem Direktor tut. Man legte ein paar Akten vor mich hin; ich sollte einen Exzerpt daraus machen. Doch ich rührte keinen Finger. Ein paar Augenblicke später entstand eine allgemeine Unruhe. Man rief: der Direktor kommt. Mehrere Beamten stürmten um die Wette hinaus, um sich ihm bemerkbar zu machen. Ich aber rührte mich nicht vom Flecke. Als er durch unsere Abteilung hindurchging, knöpften alle ihre Fräcke zu; aber ich tat nichts dergleichen. Was ist denn ein Direktor? Sollte ich etwa vor dem aufstehen? — niemals! Was ist er auch für ein Direktor! Ein Stöpsel ist er, aber kein Direktor. Ein ganz gewöhnlicher Stöpsel — ein simpler Stöpsel, und weiter nichts — so einer, mit dem man Flaschen zukorkt. Am meisten Spaß machte es mir, als man mir ein Papier zur Unterschrift vorlegte. Sie glaubten sicherlich, ich würde ganz unten in einem Eckchen eine Unterschrift hinsetzen — Tischvorsteher Soundso — fiel mir ja gar nicht ein! Statt dessen signierte ich in der Mitte des Blattes, wo gewöhnlich der Namenszug des Departementdirektors prangt, mit kräftigen Zügen: „Ferdinand VIII.“ Man hätte sehen müssen, was für ein ehrfürchtiges Schweigen entstand! Aber ich winkte nur mit der Hand und sagte: „Ich bedarf keiner Zeichen der Untertänigkeit“ und ging hinaus. Von dort ging ich sofort in die Wohnung des Direktors. Er war nicht zu Hause. Der Bediente wollte mich nicht einlassen, aber ich herrschte ihn derartig an, daß er die Hände sinken ließ. Von dort schritt ich geradaus in ihr Ankleidezimmer. Sie saß vor dem Spiegel, sprang auf und tat einen Schritt zurück. Ich sagte ihr aber nicht, daß ich der König von Spanien bin. Ich sagte ihr nur, daß ihr ein so großes Glück bevorstehe, wie sie es sich wohl nicht träumen lasse, und daß wir trotz aller Intrigen unserer Feinde vereinigt bleiben würden. Mehr wollte ich auch nicht sagen und daher ging ich hinaus. Oh! welch ein heimtückisches Geschöpf ist doch das Weib! Erst jetzt habe ich begriffen, was das Weib ist! Bisher wußte noch niemand, in wen sie verliebt ist: ich bin der erste, der es entdeckt hat. Das Weib ist in den Teufel verliebt. Jawohl, ich scherze nicht. Die Physiker reden lauter Dummheiten, wenn sie sagen, sie sei dies und jenes. Sie liebt nur den Teufel. Schaun Sie nur hin: da sitzt sie in einer Loge im ersten Rang und hält sich die Lorgnette vor die Augen. Sie glauben, sie betrachtet jenen dicken Herrn mit dem Stern. Keineswegs! sie schaut nach dem Teufel, der hinter seinem Rücken steht. So — jetzt hat er sich in seinen Frack verkrochen und winkt ihr von dort aus mit dem Finger. Sie wird ihn sicherlich heiraten — ganz sicher. Und all diese Beamten und hohen Herren, ihre Väter, die überall herumscharwenzeln, sich an den Hof drängen und laut erklären, sie seien Patrioten und dies und jenes: sie wollen eine Leibrente haben, diese Herren Patrioten! Ihre Mutter, ihren Vater, ja selbst ihren Gott werden sie verkaufen, diese Judasse und Streber! Das macht alles der Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz kommt nämlich daher, weil sich unter der Zunge ein kleines Bläschen befindet; in ihm sitzt ein kleines Würmchen, so groß wie ein Stecknadelkopf, und das alles rührt von einem Bader her, der in der Erbsenstraße wohnt. Sein Name ist mir entfallen; aber es steht völlig fest, daß er gemeinsam mit einer Hebamme in der ganzen Welt den Islam verbreiten will, und daher soll in Frankreich, wie man sagt, schon ein großer Teil der Bevölkerung den mohammedanischen Glauben bekennen.

Kein Datum, der Tag hatte kein Datum.

Ich ging inkognito auf dem Newsky spazieren, da kam der Kaiser vorbeigefahren. Alles zog den Hut und ich auch; ich ließ mir’s jedoch nicht merken, daß ich der König von Spanien bin. Ich hielt es nicht für angemessen, mich hier, vor dem Publikum, zu erkennen zu geben; vor allem muß ich mich bei Hofe vorstellen. Ich habe damit gezögert, weil ich bis jetzt noch kein spanisches Nationalkostüm habe. Ich müßte mir wenigstens einen spanischen Mantel verschaffen. Ich wollte mir schon beim Schneider einen bestellen — aber diese Kerls sind ja die reinen Esel, und dazu kommt noch, daß sie sich gar nicht für ihre Arbeit interessieren, sie wollen nur Geschäfte machen, ihre Haupttätigkeit ist, die Straßen zu pflastern. Ich habe beschlossen, mir den Mantel aus meinem neuen Uniformrock, den ich erst zweimal getragen habe, machen zu lassen. Aber damit ihn mir diese Lumpen nicht ruinieren, habe ich mich dahin entschieden, ihn mir selbst zu nähen, und zwar hinter verschlossenen Türen, damit es niemand sieht. Ich habe ihn ganz aufgetrennt und mit einer Schere zerschnitten — weil der Schnitt ja ganz anders sein muß.

Des Datums erinnere ich mich nicht,
der Monat war auch ausgeblieben,
weiß der Teufel, was da los war.

Der Mantel ist vollständig fertig. Mawra schrie auf, als ich ihn umlegte. Dennoch kann ich mich noch nicht entschließen, mich bei Hofe vorzustellen. Bis jetzt ist die Deputation aus Spanien noch nicht angekommen. Ohne Deputation aber geht es wohl nicht. Auch würde mein hoher Rang so nicht zur Geltung kommen. Ich erwarte die Deputation von Stunde zu Stunde.

Den Ersten.

Ich bin ob der Saumseligkeit der Deputierten aufs höchste erstaunt! Was für Gründe mögen sie aufgehalten haben! Doch nicht am Ende Frankreich? Ja, das ist die unfreundlichste unter allen Mächten. Ich ging auf die Post und fragte, ob die spanischen Deputierten noch nicht eingetroffen wären; aber der Postmeister ist furchtbar dumm — er weiß von nichts: „Nein,“ sagt er, „hier sind keine spanischen Deputierten; wenn Sie aber einen Brief absenden wollen, so werden wir ihn gern zu der festgesetzten Taxe befördern.“ Hol’ ihn der Teufel! Was soll ich mit einem Brief! Ein Brief! So ein Unsinn — Briefe schreiben nur Apotheker ..... Und auch das nur, nachdem sie ihre Zunge in Essig getunkt haben. Denn ohne dies wäre ihr ganzes Gesicht mit Flechten bedeckt.

Madrid, den 30. Februarius.

Da bin ich nun in Spanien! es ging so schnell, daß ich gar keine Zeit hatte, zu mir zu kommen. Heute früh erschienen die spanischen Deputierten bei mir, und wir stiegen alle zusammen in den Wagen. Ich wunderte mich sehr über die ungewöhnliche Geschwindigkeit. Wir fuhren so schnell, daß wir schon in einer halben Stunde die spanische Grenze erreicht hatten. Übrigens gibt es jetzt in ganz Europa Eisenschienen, und die Dampfer fahren sehr schnell. Spanien ist doch ein sonderbares Land. Als ich das erste Zimmer betrat, erblickte ich eine Menge Menschen, die alle rasierte Köpfe hatten. Ich erriet sofort, daß das Granden oder Soldaten waren, denn die pflegen dort ihre Köpfe zu rasieren. Das Benehmen des Reichskanzlers, der mich an der Hand führte, erschien mir jedoch sehr merkwürdig: er stieß mich in eine kleine Stube und sagte: „Bleib hier sitzen und wenn du noch einmal Lust verspüren solltest, dich König Ferdinand zu nennen, werde ich dir diese Späße schon ausprügeln.“ Aber da ich wußte, daß er mich nur auf die Probe stellen wollte, gab ich eine verneinende Antwort, worauf mich der Kanzler zweimal auf den Rücken schlug, daß ich vor Schmerz beinah laut aufgeschrien hätte, aber ich nahm mich zusammen, da ich mich erinnerte, daß dies der Ritterschlag war, den man bei der Übernahme einer hohen Würde erhält — in Spanien haben sich nämlich die alten Rittersitten noch erhalten. Als ich allein geblieben war, beschloß ich, an die Staatsgeschäfte zu gehen. Ich entdeckte, daß China und Spanien ein und dasselbe Land sind und nur aus Unwissenheit für zwei verschiedene Staaten gehalten werden. Ich rate daher jedem, Spanien auf ein Blatt Papier zu schreiben, wenn er China lesen will. Allein, das Ereignis, das morgen stattfinden soll, erfüllt mich mit Sorge. Morgen um 7 Uhr wird sich etwas Außerordentliches begeben: die Erde wird sich auf den Mond setzen. Auch der berühmte englische Chemiker Wellington schreibt hierüber. Ich muß gestehn, beim Gedanken an die außerordentliche Zartheit und Zerbrechlichkeit des Mondes fühlte ich eine große Unruhe in meinem Herzen. Der Mond wird doch gewöhnlich in Hamburg gemacht, und man muß sagen, er wird sehr schlecht gemacht. Ich wundre mich, daß sich England nicht darum kümmert. Er wird von einem lahmen Böttcher hergestellt, und man merkt gleich, daß der Kerl keine Ahnung vom Monde hat. Er benutzt dabei ein geteertes Seil und etwas Baumöl; daher auch dieser schreckliche Gestank, der sich überall auf der Erde verbreitet, daß man sich die Nase zuhalten möchte. Daher ist der Mond auch eine so zarte Kugel, daß keine Menschen auf ihm leben können und daß er nur noch von Nasen bewohnt wird. Darum können wir ja auch unsere Nasen nicht sehen, denn sie sind alle auf dem Monde. Als ich mir vorstellte, daß die Erde, diese schwere Masse, sich auf den Mond setzen und all unsere Nasen zu Mehl zermahlen könnte, ergriff mich solch eine Unruhe, daß ich schnell Schuhe und Strümpfe anzog und in den Saal des Reichsrats lief, um der Polizei Order zu geben, sie solle die Erde daran hindern, sich auf den Mond zu setzen. Die rasierten Granden, die ich in großer Zahl im Saale des Reichsrats versammelt fand, sind eine sehr intelligente Gesellschaft; als ich sagte: „Meine Herren! wir müssen den Mond retten, die Erde will sich auf ihn setzen!“ da erhoben sich alle und stürzten alle fort, um meinen königlichen Willen auszuführen, ja, viele kletterten auf die Wand, um den Mond zu holen; aber in diesem Augenblick trat der große Kanzler herein. Als sie ihn erblickten liefen alle davon. Ich, der König, blieb allein da. Aber zu meinem größten Erstaunen schlug mich der Kanzler mit seinem Stock über den Rücken und trieb mich in mein Zimmer. So groß ist die Macht der spanischen Volkssitten.

Im Januar desselben Jahres,
der auf den Februar folgte.

Ich kann noch immer nicht verstehn, was Spanien für ein merkwürdiges Land ist. Die Volkssitten und die Hofetikette sind hier ganz ungewöhnlich. Ich verstehe sie nicht, nein wirklich — ich verstehe nichts mehr! Heute hat man mir den Kopf geschoren, obgleich ich aus Leibeskräften schrie und rief, ich wolle kein Mönch werden. Aber was dann mit mir geschah, als sie mir kaltes Wasser auf den Kopf tropfen ließen, das weiß ich nicht mehr. Solch eine Höllenpein habe ich noch nie gefühlt. Ich wäre fast rasend geworden, so daß sie mich nur mit Mühe bändigen konnten. Ich kann den Sinn dieser sonderbaren Sitte gar nicht verstehen. Das ist eine ganz dumme und sinnlose Sitte. Die Unvernunft der Könige, die diese Sitte noch immer nicht abgeschafft haben, ist mir unbegreiflich. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich in die Hände der Inquisition gefallen, und ich fange an zu glauben, daß der, den ich für den Kanzler hielt, der Großinquisitor in eigener Person ist. Aber ich kann’s nicht begreifen, daß der König der Inquisition verfallen konnte. Es ist zwar möglich, daß Frankreich, und besonders Polignac dahinter steckt. Oh, dieser Hund, dieser Polignac! Er hat geschworen, mir bis zu meinem Tode zu schaden. Und nun hetzt und hetzt er mich; aber ich weiß wohl, Freundchen, du wirst von England aufgereizt. Die Engländer sind große Politiker. Sie machen immer Kniffe und Winkelzüge. Das ist doch weltbekannt, wenn England eine Prise nimmt — muß Frankreich niesen.

Den 25.

Heute kam der Großinquisitor wieder in mein Zimmer; aber als ich ihn aus der Ferne herankommen hörte, verkroch ich mich unter einen Stuhl. Wie er nun das Zimmer leer fand, fing er an zu schreien. Erst rief er: „Poprischtschin!“ Ich gab keinen Laut von mir; hierauf rief er: „Aksentij Iwanow! Herr Titularrat und Edelmann!“ Ich schwieg noch immer. „Ferdinand VIII., König von Spanien!“ Ich wollte meinen Kopf vorstecken, dachte mir aber: „Nein, mein Lieber, du betrügst mich nicht, ich kenne dich jetzt, du wirst mir wieder kaltes Wasser auf den Kopf gießen.“ Allein er erblickte mich und jagte mich mit dem Stock unter dem Stuhl hervor. Dieser verfluchte Stock tut doch verdammt weh! Übrigens hat mich eine Entdeckung, die ich heute gemacht habe, für alles entschädigt: ich habe nämlich bemerkt, daß es bei jedem Hahn ein Spanien gibt: es befindet sich unter den Federn, und zwar in der Nähe der Schwanzfedern. Der Großinquisitor verließ mich übrigens in sehr übler Laune und drohte mir irgendeine Strafe an. Aber ich achte nicht auf seinen ohnmächtigen Zorn, da ich weiß, daß er doch nur eine Maschine und zwar ein Instrument in Händen Englands ist.

D-34-en sten. Mon. des Jah. im Februar 349.

Nein, ich kann’s nicht länger ertragen! Mein Gott, was fangen sie mit mir an! Sie gießen mir kaltes Wasser auf den Kopf! Sie achten meiner nicht, sie sehen und hören nicht auf mich! Was habe ich ihnen getan? Warum quälen sie mich so? Was wollen sie von mir Armem? Was könnte ich ihnen geben? Ich habe ja selbst nichts! Ich habe keine Kraft mehr, ich kann diese Qualen nicht ertragen, mit denen sie mich quälen, mein Kopf brennt mir, und alles dreht sich vor meinen Augen! Oh! rettet mich! Bringt mich fort von hier! gebt mir ein Dreigespann schnellfüßiger Rosse, die dahinstürmen wie ein Wirbelwind! steig ein, mein Wagenlenker! läute, läute, mein Glöcklein, stürmt vorwärts, ihr meine Rosse, und tragt mich fort aus dieser Welt! Weiter, immer weiter, damit ich nichts von alledem, nichts, gar nichts mehr sehe. Sieh! da ballt der Himmel sich vor mir zusammen, ein Sternchen funkelt in der Ferne. Der Wald mit seinen dunkeln Bäumen zieht mondbestrahlt an mir vorüber. Grauer Nebel breitet sich zu meinen Füßen, und eine Saite tönt in ihm. Rechts das Meer und links Italien. Sieh, da tauchen Rußlands Hütten vor mir auf! Ist das mein Vaterhaus, dort in der blauen Ferne? Sitzt nicht dort mein Mütterchen am Fenster? O Mutter, Mutter, rette deinen armen Sohn! Lass eine Träne auf seinen kranken Kopf fallen! blick’ hin, wie sie ihn quälen! drück’ ihn ans Herz, den armen Verwaisten! es ist kein Platz für ihn auf dieser Welt! man hetzt, man verfolgt ihn. Mutter erbarme dich deines kranken Kindes ... Aber wissen Sie eigentlich schon, daß der Bei von Algier eine Warze unter der Nase hat?

Aufsätze aus Puschkins „Zeitgenossen“ („Sowremennik“)

I
Über die Strömungen in der Zeitschriftenliteratur
der Jahre 1834-1835

Die Zeitschriftenliteratur, diese lebendige, frische, geschwätzige, feinfühlige Literaturgattung, ist ebenso notwendig für die Wissenschaft und die Kunst, wie die Verkehrsmittel für einen Staat, und wie die Messen und die Börsen für den Handel und die Kaufmannschaft. Sie leitet und lenkt den Geschmack der Menge, setzt alles in Umlauf und bringt alles in Verkehr, was sich in der Bücherwelt ans Licht wagt und was ohne sie in der einen wie in der anderen Beziehung nur totes Kapital wäre. Sie stellt den schnellen, eigenwilligen Austausch aller Anschauungen, das lebendige Wechselgespräch alles dessen dar, was unter der Buchdruckerpresse hervorkommt; ihre Stimme ist die wahre Repräsentantin der Ansichten einer ganzen Epoche und eines Jahrhunderts, solcher Ansichten, die ohne sie ungehört verhallen würden. Sie ergreift und zieht mit Absicht oder selbst, ohne es zu wollen, neun Zehntel alles dessen in ihr Bereich, was Eigentum der Literatur wird. Wie viele Leute gibt es nicht, die nur deshalb reden, kritisieren und Urteile fällen, weil alle diese Urteile ihnen schon beinahe fertig zugetragen werden, und die von sich aus nie eine Ansicht geäußert, über etwas geredet oder etwas kritisiert hätten! Und daher hat die Zeitschriftenliteratur jedenfalls ein Recht auf unsere größte Aufmerksamkeit.

Vielleicht hat sich der Mangel einer journalistischen Betätigung und einer lebendigen modernen Bewegung bei uns seit langem nicht so deutlich bemerkbar gemacht, wie in den zwei letzten Jahren. Der größte Teil unserer Zeitschriften zeichnete sich durch eine große Farblosigkeit aus. Viele von den alten Journalen waren eingegangen, andere vegetierten matt und langsam weiter, neue erschienen nicht, außer etwa der „Lesebibliothek“ und dem neueren „Moskauer Beobachter“, obgleich sich gerade um diese Zeit ein allgemeines Bedürfnis nach geistiger Nahrung fühlbar machte, und die Zahl der Leser um ein bedeutendes zugenommen hatte. So arm diese Epoche auch war, sie hat dasselbe Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit, wie vielleicht eine solche voller Leben und Bewegung, denn sie gehört in gleicher Weise unserer Literaturgeschichte an. Die Leser hatten völlig recht, wenn sie sich über die Dürftigkeit und Armut unserer Zeitschriften beklagten: „Der Telegraph“ hatte schon längst den scharfen Ton nicht mehr, der durch seine feindliche Stellung gegenüber den Petersburger Journalen bedingt war. „Das Teleskop“ war mit Aufsätzen angefüllt, denen es an jeder Frische und lebendigen Aktualität fehlte. Um diese Zeit entschloß sich der Buchhändler Smirdin, der sich schon längst durch seine Regsamkeit und Gewissenhaftigkeit bekannt gemacht hatte, all seine kurzsichtigen Kollegen durch seine Unternehmungslust beschämte und durch seine Wirksamkeit eine gewisse Bewegung in den Buchhandel gebracht hatte, zu der Herausgabe einer großen allumfassenden Zeitschrift; dazu wollte er sämtliche Literaten, die es in Rußland gab, gewinnen und sie veranlassen, sich an seinem Unternehmen zu beteiligen. Der Prospekt umfaßte nahezu alle Namen unserer russischen Schriftsteller. Der Professor der arabischen Literatur, Herr Ssenkowski, erklärte sich bereit, die Leitung der Zeitschrift zu übernehmen. Herr Gretsch, der bereits seit langem als Herausgeber zweier Journale, der „Nordischen Biene“ und des „Sohnes des Vaterlandes“ bekannt war, wurde ihm als Redakteur zur Seite gestellt. Wir wissen nicht, ob sie sich dieser Sache freiwillig annahmen, oder ob Herr Smirdin sie durch sein Bitten dazu bewogen hatte; wie dem auch sei, jedenfalls war man im allgemeinen darüber einig, daß der Buchhändler ein wenig unvorsichtig vorgegangen sei. Da er eine so große Anzahl von Literaten für seine Zeitschrift gewonnen hatte, hätte er die Wahl eines Redakteurs ihrem Gutachten überlassen müssen. Überdies ließen alle Beteiligten eine sehr wichtige Frage außer acht: sollte die Zeitschrift auf einen bestimmten Ton abgestimmt sein, sollte sie eine bestimmte, im voraus festgelegte Richtung vertreten oder sollte sie ein Sammelplatz aller möglichen Anschauungen und Meinungen werden? Die Antwort, die die Zeitschrift auf diese Frage gab, war sehr zweifelhaft; wie gewöhnlich erklärte sie, die Kritik werde sehr wohlwollend und unparteiisch sein und sich jeder persönlichen Invektiven und unvornehmer Allüren enthalten; ein Versprechen, das jeder Journalist abzugeben pflegt. Aber schon mit dem Erscheinen des ersten Heftes überzeugte sich das Publikum sofort, daß die Zeitschrift durch den Ton, die Meinung und die Gedanken „eines einzelnen“ beherrscht wurde, und daß die Namen der Schriftsteller, deren glänzende Reihen eine halbe Seite des Titelblatts einnahmen, nur leihweise ausgeborgt worden waren, um eine größere Zahl von Abonnenten anzulocken.

Der Buchhändler Smirdin tat seinerseits alles, was das Publikum von ihm zu erwarten berechtigt war. Die Ehrlichkeit, die ihn immer ausgezeichnet hatte, bewies er auch wieder bei der Herausgabe der Zeitschrift. Die Zeitschrift erschien mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit: am Ersten jedes Monats erhielten die Abonnenten einen so dicken Band zugesandt, wie ihn ehedem keine von unseren Druckereien in zwei Monaten hätte herstellen können. Statt der angekündigten achtzehn Bogen gab er manchen Monat doppelt so viele. Sehen wir nun aber zu, ob auch die Männer, denen er die innere Organisation der Zeitschrift anvertraut hatte, ihre Pflicht erfüllten. Die Hauptperson, der Spiritus rector der ganzen Zeitschrift war Herr Ssenkowski. Der Name des Herrn Gretsch war nur pro forma mit herangezogen; jedenfalls war nichts davon zu merken, daß er an der Sache beteiligt war. Herr Gretsch ist schon seit langem der unvermeidliche Ehrenredakteur jeder neubegründeten Zeitschrift: wie man gewöhnlich einen würdigen, älteren Herrn auffordert, bei allen Hochzeiten den Brautvater zu spielen. Aber was für ein Ziel hatte die Redaktion dieser Zeitschrift im Auge, welches Problem beabsichtigte sie zu lösen? Hier werden wir unwillkürlich nachdenklich, und ebenso wird es wohl auch dem Leser ergehen. Herr Ssenkowski hat im Programm nichts davon gesagt, was er sich für ein Ziel gesteckt habe und welche Richtung er einzuhalten gedenke; nur das eine war für alle klar ersichtlich, daß er sich sozusagen unbemerkt in die erste Nummer einschlich, um sich am Ende des Bandes ganz als Herr im Hause zu gebärden.

Übrigens darf man sich hierüber nicht beklagen: vielleicht ist ein gewisser scharfer Ton, und sogar eine gewisse Frechheit für den Journalisten unentbehrlich, was wir freilich keineswegs billigen, obgleich es uns bekannt ist, daß ein Journalist durch derartige Eigenschaften im Urteil der Menge immer nur gewinnt. Worauf aber richtete dieser neue Herr seine besondere Aufmerksamkeit? welch ein Gedanke beherrschte bei ihm alle anderen? wofür hatte er eine besondere Vorliebe? war etwas zu merken von jenen unverrückbaren Grundsätzen, ohne die ein Mensch charakterlos wird, die ihm eine gewisse Originalität verleihen und die seine Physiognomie bestimmen?

Wenn man alles, was er in dieser Zeitschrift veröffentlicht hat, durchliest, wenn man allen Worten, die er sagt, tiefer nachgeht, so kann man sich unwillkürlich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren: was hat das zu bedeuten? was veranlaßt diesen Mann zum Schreiben? Wir sehen einen Menschen vor uns, der sich sein Geld keineswegs ohne Gegenleistung erwirbt, der im Schweiße seines Angesichts arbeitet, der sich nicht nur um seine eigenen Aufsätze kümmert, sondern auch die fremden korrigiert und verbessert — mit einem Wort: einen Menschen, der unermüdlich tätig ist. Wozu dient nun diese ganze Tätigkeit? Sehen wir uns einmal den Leiter der Zeitschrift, wie er sich uns in den verschiedenen Gattungen seiner literarischen Werke darstellt, näher an, und sagen wir dann einige Worte über die Haupteigenschaften seiner Aufsätze, denn das ist durchaus und in jeder Beziehung eine Notwendigkeit.

Herr Ssenkowski tritt in seiner Zeitschrift auf als Kritiker, als Erzähler, als Gelehrter, als Satiriker, als Verkünder der neuesten Ereignisse usw. usw., und zwar unter den Namen Brambeus, Morosow, Tjutjundschu Oglu, A. Belkin und endlich in eigner Person. Als Gelehrter hat Herr Ssenkowski einen recht umfangreichen Aufsatz über die Sagen verfaßt — einen Aufsatz, der voller Hypothesen ist, und zwar nicht seiner eigenen, sondern solcher, die er auf gut Glück bei der flüchtigen Lektüre einiger Bücher aufgelesen hat; diese Hypothesen gehören nicht der russischen Geschichte an. Diese Sagen, die der scharfsinnige Schlözer, der bis jetzt in bezug auf die Strenge und die Tiefe seines kritischen Blicks nicht seinesgleichen gesunden, für Märchen erklärt hat, die keine Beachtung verdienen, diese Sagen macht Herr Ssenkowski zum Ecksteine der russischen Geschichte, ohne auch nur einen Beweis dafür anzuführen, der der Kritik standhält; es fällt ihm nicht ein, ihren einzigartigen, wahren Wert festzustellen. Die Sagen sind poetische Erzeugnisse eines Volkes, das eine große Rolle in der Geschichte gespielt hat. Dieser Aufsatz, der voll theoretischer Figuren ist, hat vielen braven, aber ein wenig beschränkten Leuten gefallen, und Herr Bulgarin hat sogar eine Rezension über ihn geschrieben, in der er Herrn Ssenkowski noch über Schlözer, Humboldt und alle Gelehrten stellt, die jemals existiert haben. Ein anderer Gegenstand, auf den Herr Ssenkowski sich sehr viel einbildet, und der sein eigentliches Steckenpferd ist, ist der Orient. Hier hat er schon von jeher seine Stimme erhoben, und sobald irgendein Artikel über den Orient erschien, oder dieser irgendwo erwähnt wurde, und sei es auch nur in einem Gedicht, wurde er zornig und behauptete, der Autor könne kein Urteil über den Orient haben, er dürfe nicht über ihn urteilen, denn er kenne den Orient gar nicht. Man verzeiht einem Menschen, der in seinen Gegenstand verliebt ist und der erkennt, wie wenig die anderen ihn verstehen, gern ein Wort der Empörung; aber dieser Mensch muß doch wenigstens eine anerkannte Autorität sein. Herr Ssenkowski hätte tatsächlich etwas über den Orient veröffentlichen sollen. Einem Menschen, der noch nichts geleistet hat, glaubt man nicht so leicht aufs Wort, besonders wenn seine Urteile so leichtfertig und vom Geist der Unduldsamkeit erfüllt sind; übrigens findet man in seinen kleinen Aufsätzen über den Orient dieselben Fehler, die er beständig bei anderen tadelt. In diesen Aufsätzen sagt er tatsächlich nichts Neues über den Orient — da findet man auch nicht einen kräftigen Zug, keinen großen Gedanken, ja nicht einmal eine geniale Vermutung! Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr Ssenkowski ein großes Wissen hat; im Gegenteil, man merkt sofort, daß er viel gelesen hat; aber man spürt nirgends etwas von jener bewegenden, alles beherrschenden Kraft, die ihn auf ein bestimmtes Ziel hin dirigiert. Dieses ganze Wissen ist in einer Art Gärung begriffen, eins widerspricht dem andern und verträgt sich nicht mit dem andern. Untersuchen wir einmal seine Ansicht über die moderne schöne Literatur. In seinen Kritiken läßt Herr Ssenkowski einen vollständigen Mangel an einer festen Anschauung erkennen, so daß keiner seiner Leser mit Bestimmtheit zu sagen vermöchte, was dem Rezensenten am besten gefällt, wovon seine Seele ergriffen ward, woran er Geschmack findet: er verrät in seinen Rezensionen weder einen positiven noch einen negativen Geschmack — sondern gar keinen. Das, was ihm heute gefällt, wird morgen zur Zielscheibe seines Spotts. Er war der erste, der Herrn Kukolnik neben Goethe gestellt hat, um dann zu erklären, er hätte dies nur aus einer gewissen Laune heraus getan. Folglich sind seine Rezensionen nicht die Frucht seiner Überzeugung oder seines Gefühls, sondern nur das Produkt von Stimmungen und Verhältnissen. Walter Scott, dieses große Genie, dessen unsterbliche Werke ein so umfassendes und vollendetes Bild des Lebens geben, Walter Scott wurde von ihm ein Charlatan genannt. Und das mußte Rußland lesen — das wurde zu Leuten gesagt, die bereits eine gewisse Bildung besaßen und die Walter Scott gelesen hatten. Man darf überzeugt sein, daß Herr Ssenkowski das unabsichtlich und nur aus Übereilung gesagt hat, denn er hat sich noch nie viel darum gekümmert, was er sagt, und er weiß im folgenden Artikel schon nicht mehr, was er im vorhergehenden geschrieben hat.

In seinen Analysen und Kritiken sprach Herr Ssenkowski auch niemals von dem inneren Charakter des Werkes, das er gerade untersuchte; nie gab er eine genaue und präzise Bestimmung seines wahren Wertes: seine Kritik bestand entweder in einem bedingungslosen Lob, in dem der Rezensent sich von Herzen an seinen eigenen Phrasen berauschte, oder in einem Tadel, aus dem eine seltsame Bitterkeit sprach. Sie drehte sich um lauter Kleinigkeiten und beschränkte sich darauf, zwei oder drei Sätze zu zitieren und sie dem Spott und Hohn preiszugeben. Nie wurde etwas davon erwähnt, was sich der Schriftsteller in seinem Werke für eine Aufgabe gestellt, wie er sie ausgeführt, und wenn er sie nicht ausgeführt hatte, wie er sie hätte ausführen sollen. Vor allem aber beschäftigte sich Herr Ssenkowski mit allerhand literarischem Unrat und einer großen Menge aller möglichen seichten Bücher — über sie machte er sich lustig, ergoß er seinen Spott und ließ bei dieser Gelegenheit jenem Witz freien Lauf, der einigen Lesern so wohl gefällt. Schließlich erhob er sogar ein großes Geschrei wegen der zwei Fürwörter „dieser“ und „jener“, die ihm aus einem unbekannten Grunde mit dem Geiste der russischen Sprache unvereinbar schienen. — Über diese zwei Fürwörter schrieb er ganze Traktate, und alle Aufsätze, die er über irgendein Thema verfaßte, schlossen immer damit, daß die Fürwörter „dieser“ und „jener“ durchaus zu verwerfen wären. Dies erinnerte an den alten Prozeß Tredjakowskis gegen den Buchstaben y (is hiza) und das i (den zehnten Buchstaben des russischen Alphabets), eine Sache, die erst vor kurzem von einem Professor von neuem aufgenommen wurde. Ein Buch, in dem Herr Ssenkowski diesen beiden Wörtlein begegnete, wurde feierlich als schlecht geschrieben abgelehnt.

Seine eigenen Werke, seine Erzählungen und dergleichen erschienen unter der Firma Brambeus. Diese Erzählungen und Aufsätze in Form von Erzählungen fielen allgemein auf durch ihre sklavische und übertriebene Nachahmung moderner französischer Autoren, besonders weil Herr Ssenkowski die ganze zeitgenössische französische Literatur schlecht zu machen suchte. Es ist unbegreiflich, wie wenig Scharfsinn er in diesem Fall entwickelte und für wie einfältig er seine Leser hielt. Außerdem ist es ganz unverständlich, weshalb er einigen seiner Aufsätze das Prädikat „phantastisch“ verlieh. Ein absoluter Mangel an Wahrheit, Natur und Wahrscheinlichkeit genügt noch nicht, um das Prädikat „phantastisch“ zu rechtfertigen. Die phantastischen Werke des Barons Brambeus erinnern an jene Bücher, die einige Zeit lang in großer Menge erschienen, wie etwa das folgende: „Wenn’s dir nicht paßt, so hör’ nicht zu, doch stör’ mich nicht im Lügen“ und ähnliche. Hier finden wir dieselbe Leichtfertigkeit, ja, der Autor macht nicht einmal den Versuch, seine Gedanken zu rechtfertigen. Erfahrene Leser wollen oft eine ganze Reihe von Entlehnungen entdeckt haben, die sich der Autor in der Eile und in der Hast, mit der er weiterstürmte, gestattete; er kümmerte sich nur wenig um ihren Zusammenhang, und so verlor das, was im Original noch einen Sinn hatte, in der Kopie jegliche Bedeutung.

Dies waren die Tätigkeit und die Leistungen des Leiters der „Lesebibliothek“. Wir hielten es für nötig, etwas ausführlicher auf sie einzugehen, da er in der „Lesebibliothek“ Alleinherrscher war, und weil seine Ansichten sich mit großer Geschwindigkeit zugleich mit den viertausend Exemplaren des Journals über das ganze Rußland verbreiteten.

Eine Zeitschrift, die mit den vom Buchhändler Smirdin zur Verfügung gestellten Mitteln herausgegeben wurde, konnte unmöglich ganz schlecht sein. Sie hatte schon den großen Vorzug, daß jede Nummer einen großen Umfang hatte und als dicker Band erschien. Das war eine angenehme Neuerung für die Abonnenten, besonders für die Bewohner unserer Städte und die Gutsbesitzer auf dem Lande. Die „Bibliothek“ brachte mitunter interessante Aufsätze aus ausländischen Zeitschriften, und in dem lyrischen Teile begegnete man den Namen der Leuchten unseres russischen Parnasses. Am besten aber war stets die Rubrik „Vermischtes“, die eine bunte Menge der neuesten Neuigkeiten enthielt. Dieser Teil hatte etwas Lebendiges und echt Journalistisches. Die schöne Prosaliteratur, sowohl die Originale wie die Übersetzungen, die Erzählungen usw. ließen auf wenig Geschmack und wenig Verständnis bei der Auswahl schließen. In der „Lesebibliothek“ pflegte auch etwas vorzukommen, was bis dahin in Rußland unerhört war. Der Leiter korrigierte und arbeitete fast alle Aufsätze um, die in ihr zum Abdruck kamen, und merkwürdigerweise gestand er das ganz kühn und offen ein: „Bei uns in der ‚Lesebibliothek‘ herrscht ein anderes Prinzip als bei anderen Zeitschriften,“ erklärte er einmal, „wir behalten keine Erzählung in ihrer ursprünglichen Form bei, alle werden umgearbeitet, zuweilen ziehen wir zwei, zuweilen auch drei zu einer zusammen, und die Aufsätze gewinnen außerordentlich durch unsere Umarbeitungen.“ Solch eine seltsame Bevormundung war bisher in Rußland nicht üblich.

Viele Schriftsteller fingen an zu fürchten, das Publikum könne Aufsätze, die häufig ganz ohne Unterschrift erschienen, oder mit fingierten Namen gezeichnet waren, für Arbeiten von ihnen halten, und zogen sich deshalb von der Mitarbeit an dieser Zeitschrift zurück. Die Zahl der Teilnehmer schmolz so zusammen, daß die Herausgeber bereits im zweiten Jahre keine lange Liste von Namen aufstellen konnten, sondern nur dunkel andeuteten, daß sie die besten Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zählten, ohne sie jedoch zu nennen. Und obgleich die Zeitschrift weder ihr Format noch auch ihr Wesen änderte, wurden doch die Aufsätze merklich schlechter: ein gewisser Mangel an Sorgfalt machte sich fühlbar. Schon wurde die „Bibliothek“ in den Hauptstädten weniger gelesen, in der Provinz dagegen fand sie noch denselben Absatz, und die in ihr vertretenen Anschauungen verbreiteten sich ebenso rasch. Wenden wir uns jetzt zu den anderen Zeitschriften.

„Die Nordische Biene“ brachte alle offiziellen Nachrichten und erfüllte in dieser Beziehung ihre Aufgabe. Sie enthielt politische Mitteilungen und die neuesten Nachrichten des Aus- und Inlands. Ihr Redakteur, Herr Gretsch, erreichte bei ihrer Leitung eine hohe Stufe der Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit, sie erschien immer zur rechten Zeit; in literarischer Hinsicht aber fehlte es ihr an jeder festen und bestimmten Note und sie ließ keine starke Hand erkennen, die den in ihr vertretenen Anschauungen eine bestimmte Richtung gab. Das war eine Art Korb, in den ein jeder hineinwarf, was ihm gerade in den Sinn kam. Die Bücherrezensionen, die fast immer wohlwollend waren, wurden von den Freunden und mitunter von den Schriftstellern selbst geschrieben. In der „Nordischen Biene“ erprobten mancherlei anonyme Autoren, die sich hinter verschiedenen Buchstaben versteckten, die Schärfe ihrer Federn — ohne Zweifel noch recht junge Leute, denn in ihren Aufsätzen machte sich ein erhebliches Maß von Keckheit bemerkbar. Meist richteten sie ihre Angriffe auf Leute, die sich gar nicht verteidigen konnten, und auf arme hilflose Waisen. Auch las man da allerhand geistreiche Bosheiten, die sich übrigens alle ziemlich ähnlich sahen und gegen allerhand unsaubere Publikationen richteten. Das Wesen dieser Rezensionen bestand gewöhnlich darin, daß man das Buch nach allen Richtungen lobte und dann zum Schluß alle Verantwortung mit den Worten ablehnte: „Übrigens wäre es wünschenswert, daß der verehrte Herr Autor einige kleine stilistische und sprachliche Fehler verbessere“ oder „Ein gutes Buch verlangt auch eine gute Ausstattung“ und dergleichen, woraufhin sich der Verfasser des rezensierten Buches gewöhnlich gekränkt fühlte und sich über die Parteilichkeit des Kritikers beklagte. Die Bücher wurden häufig von denselben Rezensenten besprochen, die Berichte über die Eröffnung einer neuen Tabaksfabrik in der Hauptstadt, über Pomoden usw. schrieben; diese Berichte waren mitunter sehr geistreich, und die darin enthaltenen Witze ließen auf wohlerzogene Leute schließen, die ohne allen Zweifel gute Gründe hatten, mit den Fabrikbesitzern zufrieden zu sein. Übrigens konnte man von der „Nordischen Biene“ auch nicht mehr verlangen; dies war eine stets pünktlich erscheinende, alljährliche Affiche, ihre Aufgabe bestand darin, das Publikum einzuladen, das Urteil aber überließ sie dem Leser selbst.

Die Zeitschrift, die den Titel der „Sohn des Vaterlandes“ und das „Nördliche Archiv“ trug, blühte die ganze Zeit über im Verborgenen. Niemand sprach von ihr, niemand berief sich auf sie, trotzdem aber erschien sie regelmäßig einmal die Woche und war auf ihrer Rückseite ein so ungeheures Programm abgedruckt, wie man es schwerlich noch irgendwoanders finden wird. Der „Sohn des Vaterlandes“ (so versprach das Programm) würde Aufsätze über Archäologie, Medizin, Jurisprudenz, Statistik, russische Geschichte, allgemeine Geschichte, russische Literatur, ausländische Literatur und endlich noch über Literatur überhaupt, über Geographie, Ethnographie usw., eine historische Galerie usw. bringen. Manch ein Leser wird die Hände zusammenschlagen, wenn er ein solch fürchterliches Programm liest, und meinen, dies wäre die gewaltigste Enzyklopädie gewesen, die es je in der Welt gegeben hat. Aber keine Spur davon: statt dessen erschien ein mageres, dünnes Büchlein im Umfang von drei Bogen, das meist mit einem Aufsatz über irgendeine Krankheit begann, der nicht einmal von Medizinern gelesen wurde. Kritische Aufsätze und gar solche von lebendigem aktuellem Inhalt gehörten keineswegs zu den gewöhnlichen Erscheinungen. Die politischen Nachrichten dieser Zeitschrift bestanden in denselben trockenen Fakten aus der „Nordischen Biene“ und waren infolgedessen schon alle bekannt. Dazwischen kamen auch recht merkwürdige Originalerzählungen zum Abdruck; sie waren ungeheuer kurz und völlig farblos. Und selbst wenn dann einmal etwas Bemerkenswertes darunter vorkam, so blieb es doch gänzlich unbeachtet. Die Namen der Redakteure, der Herren Bulgarin und Gretsch, prangten nur auf dem Titelblatt, und es gab nichts, was darauf hindeutete, daß sie wirklich an der Herausgabe mit beteiligt waren. Trotzdem aber existierte das Journal nun einmal, also mußte es doch Leser und Abonnenten haben. Diese Leser und Abonnenten bestanden aus allerhand ehrenwerten, alten Herren, die in der Provinz lebten und die ebensosehr das Bedürfnis hatten, etwas zu lesen, wie nach dem Mittagessen ein Stündchen zu schlafen und sich zweimal wöchentlich rasieren zu lassen.

Während dieser ganzen Zeit erschien in Petersburg noch eine rein literarische Zeitung, die sich gegen das Eindringen wissenschaftlicher Interessen und anderer ernster Beiträge zu schützen wußte; sie war weder politisch noch statistisch noch enzyklopädisch, sie trat für die alten Überlieferungen ein, hatte aber bei alledem einen besonderen Charakter. Diese Zeitung trug den Titel: „Literarische Beilage zum Invaliden“. In ihr erschienen kleine Erzählungen und Unterhaltungen ländlicher Gutsbesitzer über Literatur, diese waren häufig recht trivial, enthielten jedoch mitunter auch allerhand Bosheiten, die der Wahrheit sehr nahe kamen: der Leser bemerkte zu seiner Verwunderung, daß die Gutsbesitzer sich gegen Ende der Artikel in richtige Literaten verwandelten, die sich das Schicksal der modernen Literatur sehr zu Herzen nahmen und ihre Urteile mit ätzendem Spotte würzten. Diese Zeitschrift bekämpfte alle erfolgreichen Literaten, obwohl ihre ganze Taktik darin bestand, irgendeinen Passus zu zitieren, der auf eine gewisse Voreiligkeit, wie sie den Journalisten eigen ist, schließen läßt, und dann von sich aus eine recht boshafte Bemerkung hinzuzufügen, die nicht länger als eine Zeile und mit einem Ausrufungszeichen versehen war. Herr Wojeikow war ein eifriger Jäger; er saß wie ein Fischer mit seiner Angel am Ufer, ohne je die Geduld zu verlieren, obwohl meist nur kleine Fische auf seinen Köder anbissen, während sich die großen wieder losrissen und ins Wasser zurückschwammen. Man fühlte deutlich, daß der Redakteur eine wahrhafte literarische Ader besaß; sein Blick war stets mit nie erlahmender Aufmerksamkeit auf das journalistische Getriebe gerichtet. Ich weiß nicht, ob seine Zeitung viele Leser hatte, jedenfalls aber verdiente sie es, daß man hin und wieder einen Blick in sie warf.

In Moskau erschien nur eine Zeitschrift: „Das Teleskop“ mit einer kleinen Beilage von einigen Seiten, unter dem Namen „Fama“; diese Zeitschrift, die zu Anfang sehr lebhaft einsetzte, flaute jedoch sehr schnell ab und bildete ein buntes Gemisch von allerhand Artikeln ohne jede literarische Bedeutung. Es war augenfällig, daß die Herausgeber sich nicht die geringste Mühe gaben und die einzelnen Nummern auf gut Glück und ohne jede Sorgfalt erscheinen ließen.

Das Monopol, das die „Lesebibliothek“ an sich gerissen hatte, mußte alle übrigen Zeitschriften an ihrer empfindlichen Stelle treffen. Aber die „Nordische Biene“ wurde von demselben Herrn Gretsch herausgegeben, dessen Name eine Zeitlang auf dem Titelblatt der „Bibliothek“ stand, deren Chefredakteur er angeblich war, obgleich dies Amt, wie wir schon gesehen haben, nur ein Ehrentitel war; es war daher nur natürlich, daß die „Nordische Biene“ alles, was in der „Bibliothek“ erschien, loben und ihren wahren Spiritus rector, der unter einer Reihe von Decknamen schrieb, einen russischen Humboldt nennen konnte. Aber auch ohne dies wäre diese Zeitschrift wohl kaum als kräftige Gegnerin in Betracht gekommen, da sie von keinem einheitlichen Willen geleitet wurde; die verschiedenen Literaten blickten dort nur hin und wieder, wenn sie es gerade nötig hatten, hinein. Auch der „Sohn des Vaterlandes“ mußte nachsprechen, was die „Biene“ sagte. Und so konnten nur zwei Zeitschriften gegen seine Anschauungen Front machen. Herr Wojeikow nahm in der „Literarischen Beilage“ einen Anlauf zur Opposition; aber diese Opposition bestand lediglich in kleinen Bemerkungen über allerhand journalistische Schnitzer und in ein paar glücklichen Witzen, die sich in wenigen kurzen Worten und in einem Spott äußerten, der von einzelnen Literaten sehr gut verstanden, von den Uneingeweihten aber kaum bemerkt wurde. Niemals ließ er eine ausführliche und gründliche Kritik erscheinen, die die Richtung der neuen Zeitschrift in irgendeiner Weise kennzeichnete. „Das Teleskop“ arbeitete in Gemeinschaft mit der „Fama“, und zwar gegen die „Lesebibliothek“, aber es tat dies ohne jede Energie, Ausdauer und ohne die dazu notwendige Geduld und Kaltblütigkeit. Seine kritischen Aufsätze waren oft von Ärger über einen glücklichen Neuling erfüllt; es spottete über den Barontitel des Herrn Ssenkowski, machte einige richtige Bemerkungen über sein seltsames Kopieren der französischen Schriftsteller, traf aber nicht den Kern der Sache. In der „Fama“ wiederholten sich dieselben Anspielungen auf Herrn Brambeus, und zwar oft in der Analyse völlig belangloser Werke. Außerdem schadete sich „Das Teleskop“ außerordentlich durch das verspätete Erscheinen der Nummern und die mangelnde Sorgfalt, mit der es redigiert wurde; und so kam es, daß seine kritischen Artikel noch weniger verbreitet waren.

Es ist klar, daß die Kräfte und Mittel dieser Zeitschriften gegenüber der „Lesebibliothek“ kaum in Betracht kamen, die unter ihnen wie ein Elefant unter winzigen Vierfüßlern erschien. Der Kampf war zu ungleich, und, wie es scheint, zog man nicht in Erwägung, daß die „Lesebibliothek“ gegen fünftausend Abonnenten hatte, daß die von ihr vertretenen Anschauungen selbst in solche Gesellschaftskreise drangen, wo man noch nie etwas von der Existenz des „Teleskops“ und der „Literarischen Beilage“ gehört hatte, und daß die Ideen und die in der „Lesebibliothek“ erscheinenden Aufsätze von den Herausgebern derselben „Lesebibliothek“, die sich hinter verschiedenen Namen versteckten, aufs höchste gelobt und herausgestrichen wurden, und zwar mit einem Enthusiasmus, der seine Wirkung auf einen großen Teil des Publikums nie verfehlte; denn was dem Gebildeten lächerlich scheint, das nimmt der beschränkte Leser in all seiner Einfalt für bare Münze, und man konnte annehmen, daß bei der Abonnentenzahl der Bibliothek die Anzahl der letzteren weit größer war; dazu kommt, daß die meisten Abonnenten der „Lesebibliothek“ Neulinge waren, d. h. solche, die früher noch keine Journale gelesen hatten und infolgedessen alles für die lauterste Wahrheit hielten, und daß endlich die „Lesebibliothek“ eine starke Stütze in den viertausend Exemplaren der „Nordischen Biene“ fand.