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Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I cover

Sämmtliche Werke 7: Briefwechsel I

Chapter 18: I.
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About This Book

Die Sammlung versammelt späte Briefe, ein Vorwort, mehrere literarische Aufsätze und ein ausführliches Testament, in denen der Autor nach einer schweren Krankheit persönliche Abschiedsworte und Seelenbeichten formuliert. Er berichtet von Genesung und der geplanten Reise ins Heilige Land, bittet Leser um Verzeihung für frühere Fehler, fordert dazu auf, Exemplare an Bedürftige weiterzugeben und überschüssige Erlöse Pilgernden und Armen zukommen zu lassen. Das Testament enthält konkrete Bestattungswünsche, die Ablehnung von Denkmälern und die Bitte, statt Festlichkeiten mildtätig zu handeln. Ergänzt werden diese Texte durch Reflexionen über Eitelkeit, künstlerische Unvollkommenheit und die Pflicht zu Demut und Gebet.

Da traf dein Wort mich wundereigen

Mit überirdischer Gewalt,

Und meine Finger ließen schweigen

Die Saiten, die wie Hohn geschallt.

Mein Herz in seinem tiefsten Horte

Schlug reuekrank, gewissenswund;

Beim Chrysam deiner duft’gen Worte

Ward es zu neuem Sein gesund.

Aus deiner Geisteshöhe reichst du

Mir deine Hand zur Stütze nun;

Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du

Den Sturm — und meine Sinne ruhn.

Das ewig Wahre, ewig Schöne

Durchflammt das Herz mir im Gebet;

Stumm hört des Seraphs Harfentöne

Im heiligen Schauder der Poet.

(Fiedler.)

Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte, Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das Christentum negiert — einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in der Gesellschaft — kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein; er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater — das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre, heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind, und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten, sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken — selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tönten.

1845.

XV
Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit
Zwei Briefe an N. M. Jasykow

I.

Dein Gedicht „Das Erdbeben“ hat mich entzückt. Auch Schukowski war ganz davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische Gedicht. Welch eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter, der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von uns, was auch sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr, wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar machen sollte.

Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den Dichter gerichteten Worte:

Und bring den angsterfüllten Menschen

Gebete mit aus Bergeshöhn

sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt sich das Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige Zeit bietet gerade dem lyrischen Dichter die günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire kann man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen könnte, führe es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes getroffen ward; geißle die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir’s aus der Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der Tag wird’s dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott lag, und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr geschildert, daß die Gegenwart erbeben muß. Du besitzest alle Mittel und Fähigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen müssen erhoben werden, die andern bedürfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die müssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, die sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen ins Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des göttlichen Zornes und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben, sich wilden Ausschweifungen und einem schmählichen Jubel hinzugeben. Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die in die Luft geschriebenen Buchstaben, die während des Festmahls des Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe jemand ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch wünschest, daß dich alle noch besser verstehen, dann erfülle dich mit biblischem Geiste, laß dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und steige hinab bis in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff in ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe damit in uns das Gefühl für das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen läßt. Dein Vers wird nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen, er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit Begeisterung erfüllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns förmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch: „Empfang beim Zaren“ in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrücke und die Namen der fürstlichen Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und Edelsteine ein wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten unserer Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles groß, kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen Vers mit solchen Worten zu schmücken, — wirst du den Leser völlig in die vergangenen Zeiten zurückversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem Buche gelesen hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.

1844.

II.

Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten Gedichts: „Das Erdbeben“. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst. Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande, seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke wegzuwälzen. Blick’ um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder ermutigt und ermuntert sein will.

So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben hast.

Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest, was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den dritten Teil meiner „Toten Seelen“ zu schreiben!

Stell’ in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages, wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.

Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen Arbeiter, der — ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens — mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie, sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell’ ihre herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.

Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig’ uns, wie sich diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht, aber stell’ es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch er dasselbe vollbringen kann.

Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen Dichter — ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen, geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und Liebe — für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst, die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.

1844.

XVI
Ratschläge
An S. P. Schewyrew

Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf. Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können. Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch. Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf. Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal, ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte, wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen, weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen! Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern besser und reiner werden.

1846.

XVII
Über die Aufklärung
An W. A. Schukowski

Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen; rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst. Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen — ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen — unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen — von den Gläubigen wie von den Ungläubigen — zugegeben werden und wie unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot, keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten Vätern der Kirche eingeführt wurden — während Er die andere hieß, sich in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen, selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen, daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß, sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete, sie einen toten Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten — der guten sowohl wie der bösen — gelangt ist, jetzt kann die römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund, laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch siebenmal verwickelter wären — unsere Kirche wird sie alle entwirren und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere Rettung liegt, — der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen Kräften und Vermögen durchleuchten, nicht nur seinen Verstand; heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle mit ihnen und spricht: „Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret alle!“ Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden Ohr: „Das Licht der Aufklärung!“ ohne daß etwas anderes zu ihnen hinzugefügt würde.

1846.

XVIII
Vier Briefe an verschiedene Personen über die „Toten Seelen“

I.

Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem manche Angriffe gegen die „Toten Seelen“ geschrieben sind: das hat auch seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt.

Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat sich — abgesehen von den Literaten — wie zum Tort für mich auch nicht ein einziger geäußert. Und doch haben die „Toten Seelen“ viel von sich reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen; sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat, obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist, tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist, stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die „Toten Seelen“ könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel interessanteres Buch als die „Toten Seelen“ selbst geschrieben werden; ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung schöpfen können, weil wir ja alle — wozu sollen wir unsere Fehler verheimlichen! — weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen.

Ach wenn doch nur eine Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von „toten Seelen“ bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe, wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.

1843.

II.

Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen; ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld, daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat, nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen, man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles, jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter, und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf gegen sich selbst, jawohl, gegen sich selbst heraushört, der hat entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde, traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets die nüchterne trockene Antwort bereit hat: „Wir haben keine Pferde!“ Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen, Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt. Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein, sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die nur der richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom Begriff der göttlichen — nicht der menschlichen Gerechtigkeit erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende, überall sehe ich, daß der die Schuld trägt, der die Verordnungen durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel, worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein Sachverständiger und ist dann — gleichfalls nach gut russischer Art — schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht; oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen — seinem Vaterlande — und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen „Die toten Seelen“ trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, — einfache und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt, die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige freie Ausdehnung und Geräumigkeit — dies weite Feld für einen rastlosen Betätigungsdrang — in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: „Sollte nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,“ kam wirklich von Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig), daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist — daher entrang sich meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten hat!

1843.

III.

Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die Helden meiner letzten Werke, besonders die der „Toten Seelen“, trotzdem sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen, wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den „Toten Seelen“ offenbart. Die „Toten Seelen“ haben nicht darum in Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung, keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte — die Jämmerlichkeit und Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak, das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung? Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären. Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er über meine Helden lachte.

Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch, besser zu werden. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von Seinem unendlichen Mitleid besaß, — dann hätte ich mich sicherlich erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe, Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der „Toten Seelen“ vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte. Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme: „Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.“ Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte, hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die Finsternis und den furchtbaren Mangel an Licht darstellen kann. Seit dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden Eindruck mildern könnte, den die „Toten Seelen“ hervorrufen konnten. Ich sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist, es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts anderem handelt als von Elend, Armseligkeit und Gemeinheit und warum alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt, er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden, daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen, die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen, sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer Provinz vorgefallen sind — sei es nun, daß sie mein Buch in einem seiner Teile widerlegen oder bestätigen — zu jeder Seite könnte man ein ganzes Dutzend solcher Fälle anführen — dann würdest du ein wahrhaft gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen. Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn deine Worte auch ordentlich überlegt? „Es ist absolut notwendig, daß wir den zweiten Band erhalten.“ Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen? Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht? Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß, wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt. Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt, was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin, wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten, wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir, aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt, und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat — wird alles, was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese Schreckgespenster nicht erfunden — diese Schreckgespenster haben meine eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.

IV.

Ich habe den zweiten Teil der „Toten Seelen“ verbrannt, weil das eine Notwendigkeit war. „Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,“ — sagt der Apostel. Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen gekostet hat und worin vieles enthalten war, was mein höchstes Streben ausmachte und meine Seele ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte. Ich danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen. Sowie die Flamme die letzten Blätter meines Buches aufgezehrt hatte, erstand sein Inhalt plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor mir, gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male, wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits für ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er hätte eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genuß und die Befriedigung der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß, sondern die aller Leser, für die die „Toten Seelen“ geschrieben wurden. Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die für die vornehme Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, — das kann zu nichts führen. Das erregt bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit angenommen, die Vorzüge des russischen Charakters über alles Maß zu preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran, diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau zu stellen, als wollten sie Europa zurufen: „Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch besser als ihr!“ Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rühmt und sich was auf sie zugute tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt man schon, noch ehe man etwas geleistet hat — man prahlt mit dem, was erst kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig und man grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist und sich selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewußt und richtet seine Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; im zweiten Falle dagegen flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet, indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verführt. Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man überhaupt nicht vom Hohen und Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem jeden die Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so daß er sie taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande der „Toten Seelen“ nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck gekommen, und doch hätte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt. Urteilen Sie bitte nicht über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus; Sie werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten, das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzuführen. Meine Aufgabe ist weit einfacher und näherliegend; meine Aufgabe ist das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken sollte. Meine Aufgabe — ist die Seele und die große sichere ewige Aufgabe des Lebens. Darum muß auch mein Tun stark und dauerhaft sein und ich muß Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu beeilen; mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne, was verbrannt werden muß, und ich handle sicherlich richtig, denn ich unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre Befürchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so sind sie überflüssig. Meine Gesundheit ist sehr zart — das ist freilich wahr. Zuzeiten ist mir’s so schlecht zumute, daß ich es ohne Gottes Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem Verfall meiner Kräfte ist noch ein so intensives Frösteln hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß, wie und woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung machen, und doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr als eine Stunde für die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht. Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner Fähigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen wäre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir auch die Kraft verleihen, was noch übrig ist, zu vollenden und zu Papier zu bringen. Meine Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, nun denn, so wird wohl auch die Körperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben, daß, wenn die rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre lang mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen wird.

1846.