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Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten cover

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Chapter 20: Fragmente
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About This Book

The volume gathers correspondence, essays and fragments in which the author reflects on the reception of his work, explains his motives for publishing letters, and seeks candid observations about contemporaries to sharpen his portrait of society. He confesses personal embarrassment at earlier tone, describes plans to revise and moderate published passages, and urges friends to record character sketches and everyday details to inform his fiction. Complementary pieces include a poet's confession, meditations on liturgy, youthful writings and incomplete fragments, all united by an intense interest in human nature and a desire to refine a plain, truthful style.

Nachdem der Priester die heiligen Brote verteilt hat, schließt er die Liturgie mit einem Gebet und segnet sodann das ganze Volk mit den Worten: „Christus, unser wahrhaftiger Gott, erbarme Sich unser auf die Fürbitte Seiner reinen Mutter, auf Fürbitte unseres Erzbischofs Johannes Chrysostomus (wenn an diesem ebenso wie am vergangenen Tage die Liturgie des Chrysostomus stattfindet), auf Fürbitte des Heiligen (hier nennt er den Heiligen, dem dieser Tag geweiht ist) sowie aller Heiligen; und errette uns, denn Er ist gütig und menschenfreundlich.“ Die Gemeinde bekreuzigt sich, fällt auf die Knie und geht auseinander, während der Chor einen lauten Gesang anstimmt und Gebete für das Leben des Kaisers emporrichtet.

Nunmehr legt der Priester im Inneren des Altarraumes seine Gewänder ab, indem er spricht: „Nun entläßt Du Deinen Knecht!“ und er begleitet diese Handlung mit Lobgesängen und Hymnen zu Ehren des Vaters und Bischofs der Kirche, dem zu Ehren die Liturgie zelebriert wurde, sowie zu Ehren der heiligen reinen Jungfrau, in der sich die Menschenwerdung Dessen vollzog, Dem die ganze Liturgie geweiht ist. Der Diakon verzehrt unterdessen alles, was noch im Kelche enthalten ist, gießt noch etwas Wein und Wasser hinein, spült die inneren Wände des Kelches ab, trinkt sodann den Inhalt des Kelches aus und trocknet ihn sorgfältig mit dem Schwamm ab, damit nichts mehr darin bleibe, dann räumt er die heiligen Gefäße zusammen, bedeckt sie mit Decken, bindet sie zusammen und spricht ebenso wie der Priester: „Nun entläßt Du Deinen Knecht!“ worauf er dieselben Gesänge und Gebete wiederholt. Und beide verlassen die Kirche mit frischen, strahlenden Gesichtern, mit einem von jauchzender Freudigkeit erfüllten Geist und Worten des Dankes für den Herrn auf den Lippen.

Schluß

Die Wirkung, die die heilige Liturgie auf den Geist ausübt, ist gewaltig: sie vollzieht sich sichtbar und vor den Augen der ganzen Welt und bleibt doch verborgen. Und wenn der Kirchenbesucher nur jeder Handlung andächtig und aufmerksam und den Ermahnungen des Diakons gehorsam gefolgt ist, — so wird seine Seele von einer gehobenen Stimmung ergriffen, Christi Gebote werden für ihn erfüllbar, das Joch Christi wird sanft, und Seine Last wird leicht. Wenn er dann den Tempel verlassen hat, woselbst er an dem göttlichen Liebesmahl teilgenommen hat, sieht er alle Menschen als seine Brüder an. Was er auch tut, ob er wieder an seine gewohnten Geschäfte geht, sich seinem Dienst oder seiner Familie widmet, wo und in welchem — — — es auch sei, stets schwebt ihm ganz unwillkürlich das hohe Ziel eines liebevollen Verhaltens gegen seine Mitmenschen vor der Seele, wie es uns der Gottmensch vom Himmel mitgebracht hat; ohne daß er es selbst merkt, wird er freundlicher und gütiger gegen seine Untergebenen. Wenn er selbst einen Vorgesetzten über sich hat, so ordnet er sich ihm liebevoller unter, als wäre es der Heiland selbst, dem er gehorcht. Wenn er einen Menschen sieht, der um Hilfe bittet, ist sein Herz mehr denn sonst zur Hilfe geneigt, er findet mehr [Freude] daran und schenkt dem Armen aus liebendem Herzen ein Almosen. Ist er dagegen selbst arm, so nimmt er jede kleine Gabe voller Dankbarkeit entgegen; sein Herz ist von Rührung ergriffen und will vor Dank vergehen, und niemals betet er so dankerfüllt für seinen Wohltäter. Und alle, die der göttlichen Liturgie aufmerksam gefolgt sind, verlassen die Kirche sanftmütiger, sind gütiger im Umgang mit dem Menschen und freundlicher und milder in allem, was sie tun.

Daher muß ein jeder, der innerlich fortschreiten und besser werden will, die göttliche Liturgie, so oft als nur möglich, besuchen und ihr aufmerksam folgen: sie stimmt den Menschen ganz unmerklich und richtet seine Seele empor. Und wenn sich unsere Gesellschaft noch nicht vollständig aufgelöst hat, wenn die Menschen noch nicht von einem tiefen unversöhnlichen Haß widereinander erfüllt sind, so liegt der letzte tiefste Grund in der göttlichen Liturgie, die den Menschen an das heilige himmlische Gebot der Liebe zu seinen Brüdern mahnt. Wer sich daher in der Liebe stärken will, der sollte dem heiligen Liebesmahl so oft als möglich, voller Furcht, voller Glauben und Liebe beiwohnen. Und wenn er das Gefühl hat, daß er dessen noch nicht würdig ist, mit seinem Munde den Gott in sich aufzunehmen, Der selbst ganz Liebe ist, so soll er wenigstens der Liturgie als Zuschauer beiwohnen, er mag zusehen, wie die anderen das heilige Abendmahl nehmen, um unmerklich und unwillkürlich mit jeder Woche besser und vollkommener zu werden.

Gewaltig und unermeßlich könnte die Wirkung der heiligen Liturgie sein, wenn der Mensch ihr beiwohnte, um das, was er gehört hat, in sein Leben aufzunehmen.

Indem alle in gleicher Weise aus der Liturgie Belehrung schöpfen und indem sie auf alle Glieder der Gesellschaft vom Zaren herab bis zum letzten Bettler gleichermaßen wirkt, spricht sie zu allen in gleicher Weise, wenngleich nicht in derselben Sprache, und unterweist alle in der Liebe, die da ist das Band der Gesellschaft, die innerste Triebfeder alles dessen, das sich harmonisch bewegt, und die Nahrung und das Leben von allem.

Wenn aber die heilige Liturgie schon, während sie zelebriert wird, so stark auf die Anwesenden wirkt, so ist ihre Wirkung auf den Zelebranten oder den Priester noch weit tiefer. Wenn er sie andächtig und mit Ehrfurcht, Glauben und Liebe zelebriert, so reinigt sich sein ganzes Wesen, gleich einem Gefäß, das später zu nichts mehr ...; und mag er nun den ganzen Tag erregt in der Erfüllung seiner zahlreichen seelsorgerischen Pflichten, inmitten seiner Familie, seiner Hausgenossen oder seiner Pfarrkinder zubringen, der Heiland selbst wird sich in ihm verkörpern. Christus wird in allen seinen Handlungen lebendig sein, und der Heiland wird durch seinen Mund zu uns sprechen. Ob er die Streitenden zu versöhnen oder den Starken oder den Zornigen zu bewegen sucht, Gnade gegenüber dem Schwachen zu üben; ob er den Trauernden tröstet und den Bedrückten zur Geduld ermahnt oder ... seine Worte werden von der heilenden Kraft des Balsams erfüllt sein und überall und allerorten zu Worten des Friedens und der Liebe werden.

Jugendschriften

1834

Großer, feierlicher Augenblick! Gott, wie rauschen, wie drängen sich in ihm die Wogen der mannigfaltigsten Gefühle zusammen! Nein, das ist kein Traum. Das ist die verhängnisvolle unvermeidliche Grenzscheide zwischen Erinnerung und Hoffnung ... Es gibt schon kein Erinnern mehr, schon schwindet es dahin, schon wird es von der Hoffnung zurückgedrängt. Zu meinen Füßen braust meine Vergangenheit; über mir, durch Nebelschleier hindurch, schimmert geheimnisvoll die Zukunft. Ich flehe dich an, Leben meiner Seele (mein Schutzgeist, mein Engel), mein Genius! Verbirg dich nicht vor mir! Wache in diesem Augenblick über mir und weiche dieses ganze Jahr, das für mich so vielversprechend beginnt, nicht von meiner Seite. Wie wirst du aussehen, du, meine Zukunft? Liegst du glanzvoll, groß vor mir, gärt es in dir von gewaltigen Taten, oder ... O mögest du ruhmvoll, tatenreich und ganz der Arbeit und der Ruhe gewidmet sein! Warum stehst du so geheimnisvoll vor mir, du [Jahr] 1834? Sei auch du mein Schutzengel. Sollten sich Trägheit und Gefühllosigkeit auch nur einen Augenblick erdreisten, sich mir zu nahen, — oh, dann wecke mich aus dem Schlummer, gib es nicht zu, daß sie Macht über mich gewinnen! Laß deine so vielsagenden Zahlen wie eine nimmer ruhende Uhr, wie mein Gewissen vor mir stehen: laß jede deiner Ziffern lauter denn eine Sturmglocke an mein Ohr tönen, laß sie gleich einem galvanischen Stab meinen ganzen Körper in Zuckungen versetzen und erschüttern.

Geheimnisvolles, unbegreifliches Jahr 1834! Wo werde ich dich durch große Werke kennzeichnen? Inmitten dieses Haufens aufeinandergetürmter Häuser, dieser lärmenden Straßen, dieser siedenden Geschäftigkeit — dieser Menge, dieses Durcheinanders aller möglichen Moden, Paraden, Beamten, dieser seltsamen nordischen Nächte, dieses Glanzes und dieser gemeinen Farblosigkeit? In meinem herrlichen, alten, gelobten, mit fruchtreichen Gärten geschmückten Kiew, das mein prachtvoller, wundersamer, südlicher Himmel überwölbt und das wonneatmende Nächte einhüllen, wo die Berge mit ihren schönen — man möchte sagen harmonischen — Hängen, und wo mein klarer, wild dahinstürmender Dnjepr, der es umspült, im Schmuck grünen Buschwerks prangt? — Wird es dort sein? ... Oh! Ich weiß nicht, wie ich dich nennen soll, mein Genius! Du, der du schon seit meiner Wiege im Vorüberfliegen mein Ohr mit deinen harmonischen Liedern trafst, der du solch herrliche, mir bis heute noch unbegreifliche Gedanken in mir erwecktest und solch unendliche wonnevolle Träume in mir nährtest! Oh, blicke mich an! Herrlicher, blicke herab auf mich mit deinen himmlischen Augen! Ich knie vor dir. Ich liege zu deinen Füßen! Oh, verlasse mich nicht! Verweile bei mir auf der Erde, wenn auch nur zwei Stunden an jedem Tage, als mein herrlicher Bruder! Ich will es vollbringen. Ja, ich werde es vollbringen. In mir kocht es und siedet’s vor Lebenskraft. Meine Werke werden von Begeisterung erfüllt sein. Die erhabene Gottheit, die über dieser Erde thront, wird über ihnen schweben. Ich werde es vollbringen ... Oh, küsse und segne mich!

Über eine Geschichte der kleinrussischen Kosaken

Es gibt bisher noch keine vollständige und befriedigende Darstellung der Geschichte Kleinrußlands und des kleinrussischen Volkes. Die zahlreichen kompilatorischen Darstellungen, die meist ohne strenge kritische Gesichtspunkte plan- und ziellos aus verschiedenen Chroniken zusammengetragen, dazu noch meist ganz unvollständig sind und durch die bisher diesem Volke sein Platz in der Weltgeschichte noch nicht angewiesen ward, diese Darstellungen nenne ich (trotzdem sie als Material ganz wertvoll sein können) noch keine Geschichte. Ich habe mich entschlossen, diese Arbeit auf mich zu nehmen und möglichst ausführlich darzustellen, wie dieser Teil Rußlands sich loslöste (und selbständig wurde), was für eine politische Verfassung er unter der fremden Herrschaft erhielt, wie sich hier eine kriegerische Bevölkerung heranbildete, die sich durch eine große Originalität des Charakters und durch ihre Taten auszeichnete; wie sich dieses Volk drei Jahrhunderte lang mit der Waffe in der Hand seine Rechte erobern mußte und hartnäckig seine Religion verteidigte, und wie es sich schließlich für immer an Rußland anschloß; wie es seinen kriegerischen Charakter verlor und sich in ein Volk von Ackerbauern verwandelte; wie sich das ganze Land allmählich statt der alten neue Rechte eroberte und endlich mit Rußland völlig zu einem Ganzen verschmolz. Ungefähr fünf Jahre lang habe ich mit großem Eifer Materialien gesammelt, die sich auf die Geschichte dieses Landes beziehen. Die Hälfte meiner Geschichte ist bereits so gut wie fertig, aber ich zögere noch, die ersten Bände herauszugeben, da ich vermute, daß es noch viele Quellen gibt, die mir vielleicht noch nicht bekannt sind, und die sich ohne Zweifel in den Händen von Privatpersonen befinden. Daher wende ich mich an alle die, die irgendwelche Materialien: Chroniken, Memoiren, Lieder, Erzählungen von Bandurenspielern, Aktenstücke (besonders auch solche, die sich auf die ersten Epochen der kleinrussischen Geschichte beziehen), besitzen (es ist unmöglich, daß meine gebildeten und aufgeklärten Landsleute mir diese Bitte abschlagen könnten). Ich bitte sie inniglich, mir diese Materialien zuzuschicken: wenn nicht die Originale, so doch wenigstens Kopien.

Zwei Kapitel aus der kleinrussischen Erzählung
Der schreckliche Eber

I.
Der Lehrer

Die Ankunft einer neuen Person in dem gesegneten Lande Goltwjan machte mehr Aufsehen als das Gerücht, das vor zwei Jahren durch das Land ging, die Zahl der Rekruten solle vermehrt werden, oder als die plötzliche Erhöhung der Preise auf das Salz, das von den Steppenbewohnern der Ukraine aus der Krim eingeführt wurde. In den Schenken, auf den Straßen, in der Mühle, in der Branntweinbrennerei sprach man von nichts anderem als von dem neu hierher versetzten Lehrer. Die schlauen Politiker in ihren großen Kitteln und Kapuzen suchten, während sie mit höchst phlegmatischen Mienen dichte Rauchwolken unter ihrer Nase emporsteigen ließen, den Einfluß der Persönlichkeit festzustellen, der das Schicksal scheinbar schon bei der Geburt einen so hohen Platz über den Köpfen aller Bewohner der Welt angewiesen hatte, einer Person, die in den herrschaftlichen Gemächern wohnte und an einem Tisch mit der Besitzerin eines Gutes von fünfzig Seelen speiste. Man sprach davon, daß das Lehramt nicht seine ganze Befugnis ausmache, und daß sich sein Einfluß ohne allen Zweifel auch auf die wirtschaftliche Ordnung erstrecken werde; jedenfalls werde die Bemessung der Vorspanndienste, die Verteilung von Mehl, Speck usw. von keinem anderen abhängen als von ihm. Einzelne ließen mit bedeutsamer Miene durchblicken, daß nunmehr womöglich selbst der Verwalter zu einer bloßen Null herabsinken werde. Nur der Miroschnik, d. h. der Müller Ssolopi Tschubko, wagte die Behauptung aufzustellen, daß die Dorfältesten nichts von ihm zu befürchten hätten, er sei bereit, eine Wette einzugehen, und setze eine neue Mütze aus grauem reschetilowschem Lammfell zum Pfande —, daß der Lehrer keine Ahnung davon habe, wie man ein Fünfgespann zum Stehen und das stockende Mühlrad wieder in Schwung bringen müsse. Aber seine wichtige Haltung, sein glänzender Triumph über den Kirchensänger und die donnerähnliche Baßstimme, die alle Pfarrkinder in Rührung versetzt hatte, waren noch im Gedächtnis aller lebendig, und so blieb denn die vorteilhafte Meinung, die man von dem neuen Lehrer hatte, bestehen. Und wenn auch zu Ehren des Gastes kein einziges Turnier zwischen den angesehensten Bewohnern des Dorfes stattfand, so ließen sich dafür ihre liebenswürdigen Gattinnen nicht lumpen: begabt mit jener kräftigen Zunge, die so laute und durchdringende Töne hervorzubringen vermag und die sich bei den Weibern nach dem unerforschlichen Ratschluß der Vorsehung beinahe viermal so schnell bewegt wie bei den Männern, ließen sie ihr bei der Widerlegung der Angriffe und bei der Verteidigung der Vorzüge des Lehrers gewandt und behende freien Lauf.

Lautes Geschrei und Geplapper, unterbrochen von plötzlichen Aufschreien und Gezänk, erfüllte die friedlichen Winkelgassen des Dorfes Mandrykow. Und da seine ehrenhaften Bewohnerinnen die löbliche Gewohnheit hatten, ihrer Zunge auch noch mit den Händen nachzuhelfen, konnte man in den Straßen fortwährend ein Paar kräftig ineinander verkrallter Gevatterinnen antreffen, die so eng aneinanderhingen, wie ein Schmeichler an einem Günstling des Glücks hängt oder wie ein Geizhals seine Tasche festhält, wenn die Straßen öde werden und eine einsame Laterne ihr erlöschendes Licht auf die gelben Mauern der schlafenden Stadt wirft. Am meisten hatten jedoch die Männer zu leiden, die es versuchten, sie zu trennen: Schnitzel und Scherben hagelten ihnen auf den Kopf herab, und häufig verprügelte eine erregte Gevatterin in der Hitze ihres Zornes statt eines fremden ihren eigenen Gatten.

Inzwischen hatte sich unser Pädagoge völlig im Hause Anna Iwanownas eingelebt. Er gehörte zu der Zahl jener Seminaristen, die einen Schreck vor der abgründigen Weisheit bekommen hatten, mit der das ***sche Seminar die nicht allzu wohlhabenden Herren von Kleinrußland gegen etwa hundert Rubel jährlich für ihren Beruf als Hauslehrer ausstattet. — Übrigens war Iwan Ossipowitsch sogar bis zur Theologie vorgedrungen, und er wäre wohl gar weiß Gott wie weit, ja wahrscheinlich sogar noch weiter gekommen, wenn seine lockeren Kameraden nicht gewesen wären, die sich beständig über seinen Schnurrbart und seinen stacheligen Backenbart lustig machten. Als von Jahr zu Jahr ein Teil die Schule verließ und immer jüngere und jüngere an ihre Stelle traten, ließen sie ihm überhaupt keine Ruhe mehr: bald warfen sie ihm klebrige Disteln in seinen Bart und Schnurrbart, bald hängten sie ihm hinten am Rock Schellen an, bald puderten sie ihm das Haar mit Sand oder schütteten ihm Nieswurz in die Tabaksdose, bis Iwan Ossipowitsch es überdrüssig wurde, der stumme Zeuge dieses ewigen Wechsels leichtsinniger Generationen und ihr Kinderspielzeug zu sein, bis er sich genötigt sah, dem Seminar Lebewohl zu sagen und sich in die „Vakanz“ schicken zu lassen, d. h. nach dem Sprachgebrauch der kleinrussischen Seminare: Hauslehrer zu werden.

Diese Veränderung bildete eine wichtige Epoche und einen Wendepunkt in seinem Leben. An die Stelle der ewigen Spöttereien und Streiche seiner mutwilligen Kameraden trat nun endlich etwas wie Achtung, Anhänglichkeit und Sympathie. Mußte man denn auch nicht unwillkürlich Achtung vor ihm empfinden, wenn er an Festtagen in seinem hellblauen Rock dahergeschritten kam — wohlgemerkt im hellblauen Rock — denn das ist von nicht geringer Bedeutung. Ich sehe es als meine Pflicht an, den Leser darüber aufzuklären, daß ein Rock im allgemeinen (gar nicht erst zu reden von einem blauen), wenn er bloß nicht aus grauem Stoff gefertigt ist, in den Dörfern an den gesegneten Ufern der Goltwa einen ganz wundersamen Eindruck macht: wo er sich auch zeigt, da fliegen selbst von den trägsten und unbeweglichsten Köpfen die Mützen herab und begeben sich in die Hände ihrer Besitzer; selbst die würdigen mit schwarzen und grauen Schnurrbärten gezierten, sonnengebräunten Häupter beugen sich tief bis zum Gürtel. Die Zahl aller Röcke im Dorfe betrug — wenn man auch den Mantel des Kirchensängers mitrechnet — drei; aber so wie ein majestätischer Kürbis sich stolz aufbläht und alle übrigen Bewohner eines reichbepflanzten Melonenfeldes in den Schatten stellt, also verdunkelte der Rock unseres Freundes seine sämtlichen Mitbrüder. Was ihm den größten Reiz verlieh, das waren die Knochenknöpfe, die von den in Haufen auf der Straße stehenden Straßenjungen mächtig angestaunt wurden. Nicht ohne Vergnügen hörte unser stutzerhafter Erzieher der Jugend, wie die Mütter ihre Säuglinge auf die Knöpfe aufmerksam machten, und wie die Kleinen ihre Händchen ausstreckten und Zga zga Zga zga (d. h. gut, gut) lallten. Beim Mittagessen war es ein Genuß, zuzusehen, wie würdig und mit welcher Rührung unser ehrenwerter Lehrer mit vorgebundener Serviette die allgemeine Verrichtung irdischer Sättigung besorgte. Da gab es kein überflüssiges Wort, keine unnötige Bewegung; er schien sich völlig in seinen Teller zu verfügen und ganz in ihm aufzugehen. Wenn er ihn so gründlich geleert hatte, daß kein gastronomisches Gerät, als da sind Gabel und Messer, noch etwas vorfand, dessen es sich bemächtigen konnte, schnitt er sich ein Stück Brot ab, spießte es auf die Gabel auf und fuhr mit diesem Gerät noch einmal über den Teller, wonach dieser so blank und rein war, als käme er eben aus der Fabrik. Aber dies alles, kann man wohl sagen, waren nur äußere Vorzüge, die seine Kenntnis der Sitten und Formen der feinen Welt bezeugten, und der Leser würde sehr fehlgehen, wenn er hieraus schließen wollte, daß damit alle seine Gaben und Fähigkeiten erschöpft gewesen wären. Der würdige Pädagoge besaß für einen einfachen Mann geradezu unermeßliche Kenntnisse, von denen er einige für sich behielt, wie z. B. die Zubereitung einer Arznei gegen den Biß von tollen Hunden und die Kunst, bloß aus Eichenrinde und Salpetersäure die schönste rote Farbe herzustellen. Außerdem konnte er eigenhändig die herrlichste Stiefelwichse und Tinte herstellen und für den kleinen Enkel Anna Iwanownas Figuren aus Papier ausschneiden; und an Winterabenden wickelte er Garn auf und spann er sogar.

Ist es da wohl verwunderlich, wenn er sich bei solchen Gaben im Hause bald unentbehrlich machte, und wenn alle Knechte und Mägde völlig in ihn vernarrt waren, trotzdem sein Gesicht sowohl nach seiner Form wie nach seiner Farbe völlig einer Flasche glich, obwohl sein gewaltiger Mund, dessen dreisten Ansprüchen die abstehenden Ohren nur mit Mühe eine Schranke zu setzen vermochten, sich fortwährend verzog und verzerrte, indem er sich zu einem Lächeln zu zwingen suchte, und obwohl seine Augen eine hellgrüne Farbe hatten — zwei Augen, wie sie, soviel mir bekannt ist, in den Annalen der Romane noch nie ein Held besessen hat. Aber vielleicht sehen die Frauen mehr als wir? Wer will sie enträtseln? Wie dem auch sein mag, genug, auch die alte Dame, die Frau des Hauses, war sehr befriedigt von den Kenntnissen des Lehrers in den Geheimnissen der Haushaltung und von seiner Kunst, aus Safran und Herba rhabarbarum Schnaps herzustellen, sowie von seiner Geschicklichkeit im Entwirren von Garn und seiner großen Lebenserfahrung. Der Haushälterin gefiel am meisten sein stutzerhafter Rock und seine Kunst, sich zu kleiden; übrigens hatte auch sie bemerkt, daß der Lehrer eine wundersame gerührte Miene machte, wenn er zu schweigen oder zu essen geruhte. Dem kleinen Enkel machten die papierenen Hähne und Männchen außerordentlich viel Spaß. Selbst der zottige Browko pflegte ihm, sobald er ihn auf die Treppe hinaustreten sah, sofort zärtlich mit dem Schweife wedelnd, entgegenzulaufen und ihn ohne alle Förmlichkeit auf die Lippen zu küssen, wenn der Lehrer, die Würde, die seinem Amte gebührte, vergessend, sich unter dem majestätischen Giebel niederzusetzen beliebte. Nur die beiden älteren Enkelkinder und die Jungen, die zum Hause gehörten, mit denen er das A — Affe, Apfel, BeBesen, Bild, Bär durchnahm, fürchteten sich vor der beredten, höchst ausdrucksvollen Rute des strengen Pädagogen.

Während seines kurzen Aufenthaltes am neuen Orte hatte Iwan Ossipowitsch schon selbst Zeit gefunden, seine Beobachtungen zu machen und sich in seinem Kopfe wie in einem Hohlspiegel ein kleines Abbild der ihn umgebenden Welt zu formen. Die erste Person, an der seine Beobachtungsgabe mit dem gebührenden Respekt haften blieb, war, wie der Leser sich wohl selbst denken wird, die Gutsherrin. In ihrem Gesicht, das der scharfe Pinsel, der das menschliche Geschlecht seit undenklichen Zeiten koloriert und den man, seit Gott weiß wie langer Zeit, mit dem Namen „Falte“ zu bezeichnen pflegt, nicht verschont hatte, in ihrer dunkelkaffeefarbenen Kapotte, in der Haube (deren Form in dem Gewirr der Ereignisse, die das achtzehnte Jahrhundert charakterisieren, verloren gegangen ist), in ihrem braunen Wams und den Schuhen ohne Hackenleder, erkannten seine Augen jene Lebensperiode wieder, die eine matte schwächliche Wiederholung der vergangenen, eine kalte farblose Übersetzung der Werke eines feurigen, von ewigen Leidenschaften glühenden Poeten ist, — jener Periode, wenn den Menschen nichts als die Erinnerung, diese Repräsentantin der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft übrigbleibt, wenn das verhängnisvolle siebente Jahrzehnt einem Kälte durch die einstmals von Feuer durchströmten Adern treibt und das Lebensthermometer unter den Gefrierpunkt sinkt. Übrigens belebten die ewigen Sorgen und die Passion, sich zu beschäftigen und sich zu schaffen zu machen, einigermaßen das schon erloschene Leben in ihren Zügen, und ihre Frische und Gesundheit waren ein sicheres Unterpfand, daß ihr noch weitere dreißig Jahre des Lebens bevorstanden. Die ganze Zeit von fünf Uhr morgens bis sechs Uhr abends, das heißt bis zur Stunde, wo man sich Ruhe zu gönnen pflegt, bildete eine ununterbrochene Kette der Tätigkeit. Bis sieben Uhr morgens hatte sie bereits alle Räume besucht und den ganzen Haushalt durchmustert: Küche, Keller und Vorratskammern; sie hatte Zeit gefunden, sich mit dem Verwalter zu zanken und die Hühner und Gänse eigener Zucht, für die sie eine große Vorliebe hatte, zu füttern. Vor dem Mittagessen, das nie später als um zwölf Uhr stattfand, blickte sie in die Backstube hinein und half selbst beim Backen von Brot und einer besonderen Art von Brezeln aus Honig und Eierteig, deren bloßer Geruch den Pädagogen in eine unerklärliche Aufregung versetzte; besaß er doch eine leidenschaftliche Sympathie für alles, was der geistigen und physischen Natur der Menschen zur Nahrung dient. In der Zeit zwischen Mittagessen und Abend gibt’s für eine Hausfrau genug zu tun. — Da gibt’s Wolle zu färben, Leinwand abzumessen, Gurken einzusalzen, Früchte einzumachen, Liköre zu süßen. Wieviel Methoden, Geheimnisse und Hausrezepte kommen während dieser Zeit zur Anwendung! Dem aufmerksamen Auge unseres Pädagogen konnte es nicht entgehen, daß auch Anna Iwanowna die Eitelkeit nicht ganz fremd war, und daher machte er es sich zur Regel, sich, freilich nur soweit ihm dies seine angeborene Schüchternheit erlaubte, in Lobeserhebungen über ihre außergewöhnlichen wirtschaftlichen Künste und Fähigkeiten zu ergehen, und dies wurde ihm, wie er später erfuhr, von großem Nutzen. Die würdige alte Dame verschloß die süßen Liköre und die Gläser mit Eingemachtem nicht eher, als bis Iwan Ossipowitsch davon gekostet und die außerordentliche Güte des einen wie des anderen gerühmt hatte. Alle übrigen Personen standen im Schatten, verglichen mit diesem leuchtenden Gestirn, so wie alle Gebäude im Hofe vor dem herrlichen Bau mit dem prachtvollen Portal in den Staub zu sinken schienen. Nur dem Auge eines scharfsinnigen Beobachters enthüllten sich ihre gegenseitigen Beziehungen und das besondere Kolorit, das jedem eigentümlich war, und dann erblickte er, fast wie in einem Ameisenhaufen, eine ewige Unruhe und Bewegung und er vernahm ein fortwährendes Geräusch, das keinen Augenblick verstummte. Unser Pädagoge verstand es, wie wir bereits gesehen haben, es jedem recht zu machen und sich gleich einem mächtigen Zauberer dauernd die allgemeine Achtung zu erwerben.

Gänzlich unbegreiflich waren allein die Gründe, die ihn veranlaßt hatten, sich dem Küchenmeister anzuschließen. War es die hohe Achtung, die Iwan Ossipowitsch unwillkürlich vor seiner Kunst empfand, oder war es irgendein anderer Umstand — das wagen wir nicht zu entscheiden. Genug, es vergingen keine zwei Tage, da erstanden Mandrykow zwei Dioskuren, der Orest und Pylades der neuen Welt. Aber noch unbegreiflicher war die Macht, die der Küchenmeister über unseren Pädagogen besaß, so daß der von Natur so bescheidene und schüchterne Lehrer, der nichts in den Mund nahm außer einem medizinischen Dekokt von Betonica und Herba rhabarbarum, ihm unwillkürlich in die Schenken und überallhin zu folgen begann, wo der verbummelte Küchenmeister seine Nase hineinsteckte. Iwan Ossipowitsch gefiel die romantische Lage der Gegend, in der er sich aufhielt. Bald hatte er die Küche, die Speicher, die Scheunen, die Ställe und Vorratskammern, die einen unregelmäßigen Kreis um den geräumigen Herrenhof bildeten, besichtigt; mit besonderem Vergnügen verweilte er bei dem Garten, der üppig in die Breite geschossen war und dessen gigantische Bewohner, in ihre dunkelgrünen Mäntel gehüllt und von wundersamen Traumgestalten umschwebt, dastanden und schlummerten oder, sich plötzlich ihren Träumen entreißend, die unbotmäßige Luft wie Windmühlenflügel durchschnitten, und dann ging es wie ein unverständliches Geflüster durch das Blattwerk, und die gemessene majestätische Bewegung ihres ganzen Körpers gemahnte an die alten Mimen, die die großen Schatten der Verstorbenen auf den Gerüsten Melpomenes heraufbeschworen. Aber die Augen unseres Lehrers suchten ihr Objekt und hafteten mehr an den weniger majestätischen Gartenbewohnern, die dafür von unten bis oben mit Birnen und Äpfeln behangen waren, von denen die üppige Ukraine förmlich strotzt. Von hier aus kämpften sie sich bis zur Küche durch, hinter der zogen sich Plantagen von Erbsen, Kohl, Kartoffeln, sowie aller Kräuter hin, die in die Apotheke der Dorfküche gehören. Nicht ohne besonderes Vergnügen betrat er das reine, sauber geweißte und aufgeräumte Zimmer, in dem er nun wohnen sollte, mit dem Fenster, durch das man auf den Teich und die in violette Nebel gehüllte Landschaft hinaussah.

Wir hatten bereits Gelegenheit, etwas über den Eindruck, den unser Lehrer auf die Schönen von Mandrykow gemacht hatte, zu bemerken: die gesenkten Augen, das Geflüster und die tiefen Verbeugungen ließen erkennen, daß seine Eroberung einer jeden von ihnen als keine geringe Angelegenheit erschien. Übrigens ist es hier wohl am Platze, den freundlichen Leser daran zu erinnern, daß Iwan Ossipowitsch einen Rock aus blauem Fabrikstoff mit schwarzen Knochenknöpfen von der Größe eines mächtigen Groschens anhatte; und so war es sehr verzeihlich, wenn er sich das Augenblinzeln der schwarzbrauigen Schelminnen zu seinen Gunsten auslegte. Zum Glück oder Unglück jedoch suchte das Gefühl, das der armen Menschheit so gut bekannt ist und ihr seit undenklichen Zeiten ein wahres Meer von unerträglichen Qualen beschert hat, unseren Pädagogen nicht heim. In diesem Punkte war Iwan Ossipowitsch ein echter Stoiker, und obwohl er noch nicht bis zur Philosophie vorgedrungen war, wußte er doch genau, daß keiner der Philosophen von Seneca und Sokrates bis herab zum Lektor des ***er Gymnasiums die wunderliche Hälfte des Menschengeschlechts für nichts achtete: ergo gab es keine Liebe. An solchen Prinzipien, die bei ihm schließlich die Festigkeit von Grundsätzen angenommen hatten, hielt er sehr fest, ja allzu fest ... Homo proponit, Deus disponit pflegte der Lektor des ***er Gymnasiums häufig zu sagen, indem er die Schläge zählte, die er seinen faulen Schülern mit dem Lineal verabreichte; daher werden wir auch im folgenden Kapitel einen kleinen Umstand kennen lernen, der die Philosophie unseres Lehrers heftig erschütterte und seinen Verstand mit einer ganzen Wolke von Mißverständnissen bestürmte, ihn, der bisher unbeugsam in den Fußstapfen seiner großen Lehrmeister gewandelt war und sich mit regelmäßigem Pulsschlag in seiner flaschenförmigen Sphäre bewegt hatte.

II.
Der Erfolg der Gesandtschaft

(Der Küchenmeister entschließt sich trotz der eigenen Herzenswunde, die er sich ganz plötzlich durch den Anblick der sich am Teiche waschenden Katerina zugezogen hat, das Versprechen, das er dem Lehrer gegeben hat, einzulösen und den Gesandten und Fürsprecher seiner Leidenschaft zu spielen. In dieser Absicht begibt er sich in die Hütte des Kosaken Charjka Potyliza.)

Nachdem Onißko seine Toilette beendigt hatte, überschritt er nicht ganz ohne Furcht und geheime Freude die Schwelle. Der Böse schien ihn necken zu wollen (er gab dies später selbst zu), indem er ihm fortwährend die schlanken Füßchen seiner Nachbarin vorzauberte: „Ach, wenn doch der Lehrer nicht wäre!“ wiederholte er mehrmals bei sich selbst; „was hätte es ihn gekostet, wenn er sich’s hätte einfallen lassen, sich nur ein klein wenig später zu verlieben?“ Und nachdenklich durchmaß er langsamen Schrittes die große Viehweide, durch die ihn sein Weg hindurchführte. Doch jetzt durchbrach ein vielstimmiges Gebell die nachdenkliche Stimmung, die ihn gleich einer Wolke umfing, und seine Gedanken stoben aufgescheucht wie eine Schar wilder Enten nach allen Richtungen auseinander. Er richtete die Augen empor und sah nun, daß er nicht mehr weiter konnte. Vor ihm erhob sich ein Tor, durch das wie durch ein Transparent der ganze unbewegliche Besitz des Kosaken hindurchschimmerte. Ein blauer Schlitzrock und ein feuerfarbenes Band leuchteten ihm entgegen ... Das Herz hüpfte ihm in dem Busen ... die blonde Schöne öffnete das Tor, trieb die lästigen Hunde mit einer langen Rute auseinander und stand nun vor ihm.

Der Hof Charjkas stellte ein großes Quadrat dar, das auf einer Böschung, die sich gegen den Teich hinabsenkte, lag und von allen Seiten mit einem geflochtenen Zaun umgeben war. Wenn das Tor geöffnet war, sah man unmittelbar vor sich eine sauber geweißte Hütte mit mächtigen Fenstern von ungleicher Größe und eine eichene Tür, die schon ganz schwarz vor Alter war; das Häuschen stand auf einem niedrigen Lehmfundament (einer sogenannten Prisba), das nach der in Kleinrußland herrschenden Sitte mit Wäsche, Suppenschüsseln und einem Topf, einem alten Invaliden aus Ton, bedeckt war, dem trotz seiner Wunden und Verletzungen noch kein Abschied bewilligt wird, und den man zum Dank für seine treuen Dienste mit Spülwasser zu füllen pflegt. Zu beiden Seiten der Hütte befanden sich Ställe und Speicher mit struppigen beschädigten Dächern. Hinter der Hütte ragte eine Tenne empor, die ihrerseits von einem Taubenschlag überragt wurde, über den man nur noch die vorüberziehenden Wolken und die in der Luft herumflatternden Tauben erblickte. Weiter unten streckte sich der Gemüsegarten gleich einem kostbaren türkischen Schal bis zum Teiche hinab. Auf dem ganzen Hofe erblickte man überall Strohhaufen, die unordentlich herumlagen.

Katerina schien ein wenig verwundert über Onißkos Besuch. Da sie annahm, daß ihn ohne Zweifel lediglich die Not zu ihrem Vater geführt haben konnte, öffnete sie das Tor nur zur Hälfte und sagte ein wenig verlegen: „Vater ist nicht zu Hause; er wird auch kaum bis zum Abend heimkommen.“

Mag es ihm so leicht aufstoßen, wie es aus seinem Innern aufsteigt! Was wär’ ich für ein Tölpel vor dem Herrn, wenn ich trockenen Brei fressen wollte, wo mir Quarkkuchen mit saurem Rahm vor der Nase stehen?“

Die blonde Schöne blieb überrascht und verblüfft stehen, denn sie wußte nicht, wie sie diese Worte verstehen sollte. Ein Lächeln, das durch sein seltsames Benehmen veranlaßt war, huschte über ihr Gesicht und schien anzudeuten, daß sie auf weitere Aufklärung warte.

Der Küchenmeister fühlte selbst, daß er sich nicht ganz deutlich ausgedrückt und dazu ihres Vaters mit etwas rauhen Worten gedacht hatte; er fuhr daher fort: „Da müßte mich doch schon der Böse selbst zum Alten führen, wenn dieser eine so hübsche Tochter hat.“

„Ah, ist es das!“ sagte Katerina lächelnd und leicht errötend. „Bitte, tretet ein!“ und sie schritt voraus und ging auf die Tür der Hütte zu.

In Kleinrußland haben die Mädchen viel mehr Freiheit als irgendwo anders, und daher darf es nicht seltsam erscheinen, daß unsere Schöne, ohne daß ihr Vater etwas davon wußte, einen Gast bei sich empfing. „Bist du zu Fuß hierher gekommen, Onißko?“ fragte sie ihn, indem sie sich auf der Schwelle an der Tür der Hütte niederließ und eine würdige und ehrbare Haltung anzunehmen suchte, obwohl ihr schelmisches Lächeln, bei dem sie eine lange Reihe schöner Zähne sehen ließ, sie deutlich verriet.

— Wieso zu Fuß? — Teufel auch! sollte sie über das, was gestern vorgefallen ist, unterrichtet sein? dachte der Küchenmeister. — „Gewiß doch zu Fuß, meine Schöne. Wahrhaftig, der Teufel müßte mich reiten, wenn ich absichtlich den Braunen meines Herrn angespannt hätte, bloß um von einem Hof zum anderen zu gelangen!“

„Aber von der Küche bis zur Vorratskammer ist es doch nicht so weit!“

Hier aber konnte sie sich doch nicht mehr halten und lachte laut auf.

— Nein, du Schelmin! Der Böse selbst ist nicht schlauer als dieses Mädel! wiederholte der Küchenmeister mehrmals bei sich selbst und wünschte den Lehrer laut zum Teufel, alle Sympathie und Freundschaft vergessend, die zwischen ihnen bestand.

„Übrigens wäre ich damit einverstanden, daß mir die Karauschen samt den frischgesalzenen Eierschwämmen auf der Pfanne anbrennen, wenn du nur noch einmal so lachen wolltest, schönes Mädchen!“

Bei diesen Worten konnte der Küchenmeister sich nicht mehr beherrschen und umarmte sie.

„Nein, das habe ich nicht gerne!“ rief Katerina errötend, wobei sie eine zornige Miene machte. „Bei Gott, Onißko, wenn du noch einmal so etwas tust, so werfe ich dir ohne viel Umstände diesen Topf an den Kopf.“

Bei diesen Worten hellte sich ihr zorniges Gesichtchen ein wenig auf, und das Lächeln, das hierbei über ihr Antlitz huschte, schien deutlich sagen zu wollen: „aber ich wäre dessen nicht fähig!“

„Nein, nicht doch, nicht doch! Ich habe dich doch nicht mit dem Lastwagen gestreift. Als ob das ein Grund ist, so böse zu werden! Als ob das weiß Gott was für ein Verbrechen wäre, — ein hübsches Mädchen zu umarmen!“

„Sieh, Onißko, ich bin ja gar nicht böse,“ sagte sie, indem sie ein wenig von ihm abrückte und wieder ein fröhliches Gesicht machte; „übrigens schien es mir so, als hättest du den Lehrer erwähnt.“

Da aber machte der Küchenmeister ein recht kümmerliches Gesicht, das mindestens um ein paar Zoll länger wurde als gewöhnlich. „Der Lehrer ... Iwan Ossipowitsch soll das heißen ... Pfui Teufel noch einmal! Ich verschlucke die Worte, noch ehe sie meinem Munde entschlüpfen können, ganz als ob ich Gewürzbranntwein getrunken hätte. Der Lehrer ... Sieh mal, was ich dir sagen will, mein Herz! Iwan Ossipowitsch hat sich so in dich verknallt, daß ... nun ... wie sich’s halt nicht wiedergeben läßt. Er grämt und härmt sich ab wie die selige braune Stute, die der Herr dem Juden abgekauft hat und die einen Herzschlag bekam und krepierte. Was soll man da machen? Der arme Mensch tat mir leid, und da bin ich halt aufs Geratewohl hergekommen, um mich für ihn zu verwenden.“

„Da hast du einen schönen Auftrag übernommen,“ unterbrach ihn Katerina ein wenig ärgerlich. „Bist du etwa sein Brautwerber oder sein Verwandter? Ich würde dir doch raten, alle Landstreicher aus dem Dorfe in die Küche zu laden und selbst betteln zu gehen und vor den Fenstern um Almosen für sie zu bitten.“

„Das ist schon ganz richtig; indes, ich weiß wohl, daß es dich freut, und sogar sehr freut, daß der Lehrer auf den Einfall gekommen ist, dir nachzulaufen.“

„Das sollte mich freuen? Hör’ mal, Onißko: wenn du das sagst, um dich über mich lustig zu machen, so wirst du wenig Nutzen davon haben. Du solltest dich schämen, ein armes Mädchen schlecht zu machen! Wenn du aber wirklich so denkst, so bist du wahrhaftig der dümmste Mensch im ganzen Dorfe. Gottlob, ich bin noch nicht blind, Gott sei Dank, bin ich noch bei Verstande ... Aber das hast du sicherlich nicht umsonst gesagt: ich weiß wohl, etwas anderes hat dich dazu veranlaßt. Du hast wohl geglaubt ... Nein, du bist ein schlechter Mensch.“

Bei diesen Worten wischte sie sich mit dem gestickten Hemdärmel eine Träne aus dem Gesicht, die plötzlich in ihrem Auge aufblitzte und ihr über die glühende Wange rollte, wie eine Sternschnuppe den warmen Abendhimmel hinunterschießt.

— Hol’ der Teufel alle Lehrer der Welt! dachte Onißko bei sich, indem er das glühende Gesicht Katerinas betrachtete, auf dem das Lächeln von vorhin lange Zeit mit dem Ärger kämpfte, um ihn schließlich gänzlich zu verscheuchen.

„Der Donner treffe mich hier auf der Stelle!“ rief er endlich aus, da er seine innere Erregung nicht mehr unterdrücken konnte, und umfaßte ihre rundliche Taille. „Der Donner treffe mich, wenn es mich nicht ebenso freut, daß du Iwan Ossipowitsch nicht liebst, wie den alten Browko, wenn ich ihm sein Spülwasser bringe.“

„Wirklich, auch ein Grund, sich zu freuen! Du wirst wohl noch mehr grinsen, wenn du erfährst, daß fast alle Mädchen im Dorf dasselbe sagen.“

„Nein, sag’ das nicht, Katerina. Die Mädchen haben ihn lieb. Neulich gingen wir beide zusammen durch das Dorf, da steckten sie fortwährend ihre Köpfe über den Zaun, wie Frösche aus dem Sumpfe. Wir guckten nach rechts — da waren sie schon wieder verschwunden, aber zur Linken, da streckte wieder eine andere ihr Köpfchen vor. Doch hol’ sie der Teufel alle mitsamt dem Lehrer! Ich gäbe ein Viertel vom besten Branntwein dritter Güte dafür, wenn ich von dir erfahren könnte, Katerina, ob du mich auch nur für einen Groschen liebhast?“

„Ich weiß nicht, ob ich dich liebe; ich weiß nur, daß ich um alles in der Welt keinen Trunkenbold heiraten möchte. Wer mag mit so einem zusammenleben? Wie traurig ist das Los einer Familie, aus der solch ein Mensch stammt; man mag gar nicht in die Hütte hineinschauen: da gibt’s nichts zu sehen als Armut und Elend, die Kinder hungern und weinen. Nein, nein, nein! Gott behüte! Mich schaudert’s schon beim bloßen Gedanken daran! ...“

Und Katerina warf ihm einen langen, tiefdringenden Blick zu. Gebeugten Hauptes und wie ein Verdammter saß der Küchenmeister in seine Vergangenheit versunken da. Schwere Gedanken, Ausgeburten geheimer Gewissensnöte, gruben tiefe Spuren in sein Gesicht und bewiesen deutlich, daß ihm nicht allzu heiter zumute war. Der durchbohrende Blick Katerinas schien sein ganzes Innere zu versengen und brachte alle ungestümen, wilden Streiche ans Licht, die in einer langen, nie endenden Reihe an ihm vorüberzogen.

„Wahrhaftig, was bin ich für ein Mensch? Wer mag mit mir leben? Ich liege bloß meinem Pan auf dem Halse. Habe ich bisher etwas getan, wofür mir ein guter Mensch gedankt hätte? Ich habe nur immer gebummelt und gebummelt! Und habe ich auch nur einmal so gebummelt, daß Herz und Seele sich dabei wohl fühlten? Man betrinkt sich wie ein Hund und wird wieder nüchtern wie ein Hund, wenn andere einem nicht in noch peinlicherer Weise den Rausch austreiben. Nein, hol’s der Teufel ... es ist ein Hundeleben, das ich führe!“

Die schöne Katerina schien seine philosophischen Betrachtungen, die er bei sich selbst anstellte, zu erraten; sie legte ihm ihr braunes Händchen auf die Schulter und murmelte halblaut: „Nicht wahr, Onißko, du wirst nie mehr trinken.“

„Nie wieder, mein Herzchen, nie wieder! Mag kommen, was da will! Für dich könnte ich alles tun.“

Das Mädchen sah ihn gerührt an, und der Küchenmeister schloß sie begeistert in seine Arme und bedachte sie mit einem wahren Hagelschauer von Küssen, wie ihn der ruhige und gemütliche Gemüsegarten schon lange nicht erlebt hatte.

Kaum aber hatte der Laut der verliebten Küsse die Luft erschüttert, als eine helle, durchdringende Stimme furchtbarer als das Grollen des Donners das Ohr des sich zärtlich liebkosenden Paares traf. Der Küchenmeister sah auf und erblickte zu seinem Entsetzen die auf dem Zaune stehende Ssimonicha.

„Herrlich, vortrefflich! Feine junge Leute das! Bei uns im Dorfe weiß man noch nicht, wie Burschen und Mädel sich küssen, wenn der Vater nicht zu Hause ist! Herrlich! Das ist mir ein nettes Mandrykowsches Lämmchen! Man sage nun noch, das Sprichwort: ‚Stille Wasser sind tief‘ lüge. So also treibt man’s. Solche Streiche macht ihr! ...“

Mit Tränen im Auge mußte sich das schöne Mädchen in die Hütte zurückbegeben, wußte sie doch, daß sie den giftigen Reden der Schenkenbesitzerin nicht anders entgehen konnte.

„Wenn dir doch jemand ein Schloß vor den Mund hängte, alte Hexe!“ sagte der Küchenmeister. „Was geht denn dich das an?“

„Was mich das angeht?“ fuhr die unermüdliche Schankwirtin fort. „Das ist noch schöner! Die Burschen machen sich einen Spaß draus, über den Zaun und in fremde Gärten zu klettern, die Mädchen locken die Burschen zu sich herein — und das sollte mich nichts angehen! Sie liebäugeln und küssen sich — und das sollte mich nichts kümmern! Hast du’s gehört, Karno?“ schrie sie plötzlich auf, indem sie sich schnell umdrehte und an einen vorübergehenden Bauern wandte, der, ohne auf etwas zu achten, mit einer langen Rute fuchtelnd, daherkam, gefolgt von einer ebenso langsam einherschreitenden Kuh. „Hast du’s gehört? Steh doch einen Augenblick still. Was das für eine Geschichte ist! Charjkas Tochter ...“

„Pfui Teufel!“ schrie der Küchenmeister, indem er zur Seite spuckte und völlig die Geduld verlor. „Der Teufel selbst hat sich vermummt und die Gestalt dieses Weibes angenommen. Warte nur, Hexe! Ich werde schon Gelegenheit finden, dir’s heimzuzahlen!“

Und der Küchenmeister setzte seinen Fuß auf den Zaun und war einen Augenblick später im Garten des Herrn.

Es war nicht mehr sehr früh, als er in die Küche zurückkehrte und sich an die Zubereitung des Abendessens machte. Allein die große Zerstreutheit, die er bei jeder Gelegenheit an den Tag legte, konnte Jewdocha nicht entgehen. Mehrfach goß der Küchenmeister Essig in den mit sauerem Rahm versetzten Brei oder er spießte mit wichtiger Miene die Mütze auf den Bratenwender und wollte sie an Stelle eines Huhns braten. Während des Abendessens konnte Anna Iwanowna durchaus nicht verstehen, warum der Brei so unglaublich sauer und die Sauce so versalzen war, daß man sie absolut nicht in den Mund nehmen konnte. Nur mit Rücksicht auf die Mühen, denen er sich an jenem Tage unterzogen hatte, ließ man den Küchenmeister in Ruhe; zu einer anderen Zeit wäre unser Held nicht so leichten Kaufes davongekommen.

„Nein, Herr Lehrer!“ murmelte er, indem er sich auf seine hölzerne Pritsche streckte und sich seinen Kittel unter den Kopf legte, „die Katerina bekommen Sie ebensowenig zu sehen wie Ihre Ohren!“ Und nachdem er seinen Kopf in den Kittel vergraben hatte, wie eine Gans eigener Zucht, versank er in Sinnen, um bald darauf einzuschlummern.

Das Weib

Ausgeburt der Hölle! Olympier Zeus! Oh, du bist unerbittlich in deinem Zorne. Du wolltest der Welt eine Geisel schicken, du nahmst alles Gift, das unmerklich die Adern deiner herrlichen Welt durchdringt, verdichtetest es zu einem einzigen Tropfen, schleudertest ihn mit deiner lichtspendenden Rechten zürnend hinunter und vergiftetest mit ihm deine wundersame Schöpfung: du schufst das Weib! Du beneidetest uns und unser armseliges Glück: du wolltest nicht, daß der Mensch ewige Segenswünsche aus den Gründen seines dankbaren Herzens zu dir emporsteigen ließ: lieber mochten Flüche aus seinem ruchlosen Munde hervorzucken ... Du schufst das Weib.“

So sprach Telekles, ein junger Schüler des Platon, indem er vor seinen Lehrer trat. Seine Augen sprühten Blitze; auf seinen Wangen wütete ein Feuer, und die zitternden Lippen kündeten von wilden Stürmen einer zerrissenen Seele. Seine Hand drängte zornig die purpurnen Wellen seines weichen Gewandes zurück, und die geöffnete Schnalle fiel nachlässig auf die jugendliche Brust des Jünglings herab.

„Wie, mein göttlicher Lehrer? Warst du es nicht, der es in einem göttergleichen himmlischen Gewande vor uns erstehen ließ? War es nicht dein Wohllaut ausströmender Mund, der so wunderbare Worte zum Preis ihrer milden Schönheit zu sagen wußte? Hast du uns nicht gelehrt, so glühend, so wesenlos zu verehren? Nein, mein Lehrer, deine göttliche Weisheit ist noch ein Kind, das nichts ahnt von den unendlichen Abgründen des arglistigen Herzens. Nein, nein, nicht einmal der Schatten einer bitteren Erfahrung hat deine heiteren Gedanken gestreift, du kennst das Weib nicht.“

Glühende Tränen entströmten seinen Augen; er verhüllte sein Haupt mit dem Mantel, verbarg sein Antlitz in den Händen und lehnte sich an die Marmorsäule mit dem herrlichen, reichverzierten korinthischen Kapitäl, das von flimmernden Strahlen besonnt wurde. Ein tiefer schwerer Seufzer entrang sich der Brust des Jünglings, wie wenn alle verborgenen Nerven seines Wesens, alle Gefühle und alles, was das Innere des Menschen ausfüllt, in schmerzlichen Klagelauten aufstöhnte, und diese Klagelaute gingen wie eine Erschütterung durch seinen ganzen Körper, und seine ganze körperliche Natur, soweit sie den Sinnen erfaßbar ist, verwandelte sich, unfähig die ewigen, nie endenden Qualen der Seele auszusprechen, in eine einzige schmerzliche Klage.

Der hohe Lehrer der Weisheit betrachtete ihn stumm, und sein Gesicht spiegelte alle seine erhabenen Gedanken, die er gedacht hatte und die ihre Spuren auf ihm hinterlassen hatten. So will die Erinnerung an ein herrliches Traumbild noch lange nicht weichen und mischt sich mit dem Aufleuchten neuer Gedanken, solange der Mensch noch nicht in die Welt der Wirklichkeit untergetaucht ist. Das Licht floß wie ein mächtiger, wundervoller Wasserfall durch eine kühne Öffnung in der Kuppel auf den Weisen hinab und überschüttete ihn mit seinem strahlenden Glanz, und jeder Zug seines beseelten Angesichts schien von hohen Gedanken und Gefühlen zu künden.

„Kannst du denn auch lieben, Telekles?“ fragte er ihn mit ruhiger Stimme.

„Ob ich lieben kann!“ fiel der Jüngling rasch ein, „frag’ doch den Zeus, ob er durch ein Runzeln seiner Augenbrauen die Erde zu erschüttern vermag. Frag’ Phidias, ob er Gefühle im kalten Marmor entzünden und dem toten Block Leben einhauchen kann. Wenn in meinen Adern kein Blut siedet, sondern eine heiße Flamme wütet, wenn alle meine Gefühle, alle meine Gedanken, wenn ich selbst mich ganz in Töne verwandle, wenn diese Töne in mir glühen und meine Seele nichts wie Liebe tönt, wenn meine Rede ein Sturm und mein Atem — Feuer ist! Nein, nein, ich verstehe es nicht, zu lieben! So sage mir doch, wo dieser Sterbliche, wo dieser wundersame Mensch zu finden ist, der dies Gefühl sein eigen nennt? Hat am Ende gar die weise Pythia dies Wunder unter den Menschen entdeckt?“

„Armer Jüngling! Das also nennen die Menschen Liebe! Das ist das Schicksal, das diesem sanften Geschöpf bereitet wird, in dem die Götter die Schönheit zum Ausdruck bringen, in dem sie der Welt das Gute zum Geschenk machen, durch das sie ihre Anwesenheit hier auf Erden beweisen wollten! Armer Jüngling! Du hättest dieses sanfte Wesen mit deinem glühenden Atem versengt, du hättest dieses reine Leuchten durch einen Sturm von Leidenschaft getrübt und in Aufruhr versetzt! Ich weiß, du willst mit vom Verrat der Alkinoe sprechen. Deine Augen waren selbst Zeugen ... aber waren sie auch Zeugen deiner eigenen wilden Regungen, die deine Seele zu jener Zeit in ihren Tiefen bewegten? Hast du dich auch im voraus geprüft? Glühte vielleicht der ganze wilde Aufruhr deiner Leidenschaften in deinem Auge? Und wann haben je die Leidenschaften die Wahrheit erkannt? Was wollen die Menschen? Sie dürsten nach ewiger Seligkeit, nach einem nie endenden Glück, und ein kurzer, flüchtiger Schmerz genügt schon, damit sie gleich Kindern das ganze, langsam errichtete Gebäude zerstören! Aber mag die Wahrheit selbst mit deinen Augen gesehen haben, mag es doch richtig sein, daß die schöne Alkinoe sich mit arglistigem Verrate befleckt hat. Frage deine Seele: was warst du, und was war sie zu jener Zeit, als du Leben, Glück und ein Meer von Seligkeiten in den Umarmungen Alkinoes fandest? Blättere die flammenden Seiten deines Lebens um, meinst du, du wirst auch nur eine Seite finden, die beredter, die göttlicher ist als jene? Wolltest du alle kostbaren Edelsteine der persischen Könige oder alles Gold Libyens für jene himmlischen Augenblicke eintauschen? Ja, was sind selbst die höchsten Ehren in Athen und die höchste Gewalt im Volke im Vergleich zu ihnen? Und ein Wesen, das wie Prometheus alles Schöne, das es den Göttern raubte, dir zum Geschenk darbrachte, den Himmel mit seinen heiteren Himmelsbewohnern in deine Seele senkte — willst du mit deinem verbrecherischen Fluche treffen, wo doch dein ganzes Leben ein einziges Gefühl der Dankbarkeit sein sollte, wo du Tränen der Rührung vergießen und dem Lebenspender Zeus zarte Hymnen singen solltest, auf daß er ihr ein langes Leben schenken und die Wolken des Kummers von ihrem heiteren Haupte verscheuchen möge.

„Betrachte dich mit prüfendem Auge: was warst du früher und was bist du jetzt, seit du die Ewigkeit in Alkinoes göttlichen Zügen entdeckt hast: wieviel neue Geheimnisse, wieviel neue Offenbarungen fandest und enträtseltest du mit deiner unendlichen Seele und um wieviel näher kamst du dem höchsten Gute! Wir reifen und werden vollkommener; aber wann? Wenn wir das Weib tiefer und gründlicher verstehen lernen. Denk an die üppigen Perser: sie haben ihre Frauen zu Sklavinnen gemacht, und was ist das Ergebnis? Sie haben kein Verständnis für das Gefühl des Schönen — dieses unendliche Meer geistiger Genüsse. Kein Funke schlägt aus ihrem Herzen empor beim Anblick der Göttin des Praxiteles; ihre Seele spricht nicht begeisterungsvoll mit der unsterblichen Seele des Marmors, und kein verständnisvoller Laut tönt ihr aus ihm entgegen. Was ist das Weib? — Die Sprache der Götter. Wir wundern uns über das milde heitere Haupt des Mannes; aber wir glauben nicht das Ebenbild der Götter in ihm zu sehen; das sehen wir im Weibe und bewundern es im Weibe, und in ihm erst bewundern wir die Götter. Sie ist die Poesie! sie ist der Gedanke, wir dagegen sind bloß seine Verkörperung in der Wirklichkeit. Der Eindruck von ihr glüht in unserer Seele, und je stärker und je umfassender und größer die Wirkung ist, die er auf uns ausübt, um so edler und schöner werden wir. Solange das Bild noch im Kopfe des Künstlers weilt, sich unkörperlich in ihm formt und gestaltet, ist es — ein Weib; sobald es sich materialisiert und greifbare Gestalt annimmt, wird es zum — Manne. Warum strebt aber dann der Künstler mit so unersättlicher Begierde danach, seine unsterbliche Idee in grobe Materie zu verwandeln und sie unseren gemeinen Sinneswerkzeugen zu unterwerfen? Weil er von den hohen Gefühlen geleitet wird — von dem Wunsche, die Gottheit der Materie einzuverleiben und den Menschen wenigstens einen Teil von der unendlichen Welt seines Inneren zugänglich zu machen, d. h. das Weib im Manne zu verkörpern. Und wenn das Auge eines Jünglings, dessen Herz glühend und verständnisvoll für die Kunst schlägt, zufällig auf das unsterbliche Bild des Künstlers fällt, — was sucht es, was ergreift es in ihm? Sieht es etwa die Materie in ihm? Nein, sie verschwindet, und er erblickt die grenzenlose, unendliche, unkörperliche Idee des Künstlers vor sich. Wie erklingen da die Saiten seiner Seele, welch lebendige Lieder ertönen in seinem Inneren! Wie deutlich und lebendig spricht, wie auf den Ruf der Heimat, das Vergangene, das unwiederbringlich dahin ist, und die unabwendliche Zukunft in ihm! Wie unkörperlich umarmt seine Seele die göttliche Seele des Künstlers! Wie verschmelzen ihre Geister in einem unaussprechlichen Kusse der Seelen! Was wären die hohen Tugenden des Mannes, wenn sie nicht geschmückt und nicht geformt würden durch die milden sanften Tugenden des Weibes? Sein Mut, seine Festigkeit, seine stolze Verachtung des Lasters würden sich in Barbarei verwandeln. Raube der Welt das Licht — und die bunte Vielfältigkeit der Farben fällt dahin; Himmel und Erde verschwimmen und gehen in der Finsternis unter, die noch dunkler ist als die Gestade des Hades. Was ist die Liebe? — Die Heimat der Seele, die hehre Sehnsucht des Menschen nach der Vergangenheit, in der der reine Ursprung seines Lebens verborgen liegt, wo alles noch den unaussprechlichen, unverwischbaren Stempel kindlicher Unschuld trägt und wo uns alles heimatlich berührt. Und wenn die Seele versinkt im ätherischen Schoße der weiblichen Seele, wenn sie in ihr ihren Vater — den ewigen Gott — und ihre Brüder, d. h. Gefühle und Erscheinungen, die keines irdischen Ausdruckes fähig sind, findet — was geschieht dann mit ihr? Dann tönen in ihr die alten Klänge wider, dann gedenkt sie des früheren paradiesischen Lebens am Busen Gottes, und sie setzt es fort bis in die Unendlichkeit.“

Das begeisterte Auge des Weisen blickte starr und unbeweglich vor sich hin: vor ihnen stand Alkinoe, die während ihres Gespräches unbemerkt eingetreten war. Auf ein Götterbild gestützt, schien sie völlig in stumme Aufmerksamkeit versunken, und ihr herrliches Gesicht belebte häufig ganz plötzlich der Ausdruck einer göttlichen Seele. Die marmorweiße Hand, durch die die blauen, von himmlischer Ambrosia durchfluteten Adern hindurchschienen, schwebte frei in der Luft; der schlanke, von den purpurroten Bändern des Beinharnischs umschlungene Fuß, den sie einen Schritt vorgesetzt hatte, hatte die neidische Hülle abgestreift und schien kaum die niedrige Erde zu berühren; der hohe göttliche Busen wogte, gespannt von unruhigen Seufzern, auf und ab, und das Gewand, das die beiden durchsichtigen Wolken des Busens nur halb verdeckte, bebte und fiel in herrlichen malerischen Linien auf den Fußboden herab. Es schien, als ob der dünne lichte Äther, in dem sich die Himmelsbewohner baden, durchflutet von einer rosigen und bläulichen Flamme, die sich in unendlichen, in tausend Farben spielenden Strahlen zerstreut, für die es auf Erden keine Namen gibt, und in denen ein duftenden Meer eines unbegreiflichen Wohllautes wogt — es schien, als ob dieser Äther sichtbare Form angenommen hätte und, indem er nun vor ihnen schwebte, die herrliche Gestalt des Menschen noch verklärte und vergöttlichte. Die nachlässig zurückgeworfenen Locken umdrängten schwarz wie die dunkle beseelte Nacht ihre lilienreine Stirn und fielen in dunklen Kaskaden auf die leuchtenden Schultern herab. Die Blitze, die ihren Augen entsprühten, schienen ihre ganze Seele zu offenbaren. Nein, selbst die Königin der Liebe war nie so schön, nicht einmal in dem Augenblick, als sie so wunderbar dem Schaum der jungfräulichen Wellen entstieg.

Erstaunt und in ehrfurchtsvoller Andacht warf sich der Jüngling der stolzen Schönen zu Füßen, und eine heiße Träne, die dem Auge der sich über ihn beugenden Halbgöttin entstieg, tropfte auf seine brennenden Wangen.

Fragmente

Gedichte und poetische Versuche

Sturm