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Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten cover

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Chapter 32: 1.
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About This Book

The volume gathers correspondence, essays and fragments in which the author reflects on the reception of his work, explains his motives for publishing letters, and seeks candid observations about contemporaries to sharpen his portrait of society. He confesses personal embarrassment at earlier tone, describes plans to revise and moderate published passages, and urges friends to record character sketches and everyday details to inform his fiction. Complementary pieces include a poet's confession, meditations on liturgy, youthful writings and incomplete fragments, all united by an intense interest in human nature and a desire to refine a plain, truthful style.

Warum so trüb?“ — „Einst war ich heiter,“

Sag’ ich zu meiner Lust Genossen.

„Ich hab’ mein Herz dem Schmerz erschlossen;

Die Freude starb: ich lebe weiter.

Jung war ich, und mein heller Blick

hat Trauer nicht und Mißgeschick

Gekannt; jetzt welkt die Jugend hin,

Stirbt wie der Herbst, und ich verblute

Gleich ihm. Nie wird mir froh zumute.

Die Freude lockt nicht meinen Sinn.“

Die Freunde lachen: „Was du nur

Zu weinen hast! Das Wetter ist

So heiter klar, und die Natur

Nicht halb so trüb, wie du es bist.“

Und ich: „Mir gilt das alles nichts.

Ob Tag zu Tag und Jahr sich türmt,

Ob’s hell, ob’s dunkel ist, was ficht’s

Mich an, wenn mir’s im Herzen stürmt.“ —

Albumblatt

Das Licht verliert im Auge des Träumers schnell seine Wärme. Er findet die Hoffnungen, die ihn belebten, unerfüllt, seine Erwartungen unbefriedigt, und die Glut des Genießens verraucht in seinem Herzen ... Er befindet sich in einem Zustande der Starrheit und Leblosigkeit. Wie glücklich ist er, wenn er den Wert der Erinnerungen vergangener Tage erkennt: der Tage einer glücklichen Kindheit, da er die keimenden Zukunftsträume von sich warf und seine Freunde verließ, die ihm von ganzem Herzen ergeben waren.

Hans Küchelgarten

Eine Idylle
in ** Bildern
von
W. Alow
1827

Deutsch von Ulrich Steindorff

Das vorliegende Werk hätte nie das Licht der Welt erblickt, wenn nicht besondere Umstände, die nur für den Verfasser von Bedeutung sind, die Veranlassung dazu gegeben hätten. Dies Werk ist eine Frucht seiner achtzehnjährigen Jugend. Wir haben nicht die Absicht, hier ein Urteil über die Vorzüge oder Mängel dieser Dichtung abzugeben — das überlassen wir dem Publikum — wir wollen nur bemerken, daß viele von den Bildern dieser Idylle leider verloren gegangen sind; sie haben wahrscheinlich das Band zwischen den nun unverbunden dastehenden Teilen gebildet und die Zeichnung des im Mittelpunkt stehenden Charakters vollendet. Wir rechnen es uns indessen zum Verdienst an, daß wir dem Publikum, soweit dies möglich war, Gelegenheit gaben, das Werk eines jungen Talentes kennen zu lernen.

Erstes Bild

Es tagt. Das Dorf taucht aus dem Dämmerdunst

Mit seinen Häusern, seinen Gärten. Alles liegt

In hellem Licht. Der Glockenturm erglänzt

Wie lauter Gold, und auf dem alten Zaun

Tanzt froh ein Sonnenstrahl. Die Silberflut

Gleicht einem Zauberspiegel, der getreu

Das Konterfei von Zaun und Gärtchen gibt.

Und nichts hält Ruhe in dem Silberspiegel.

Blau wölbt der Himmel sich; die Wolken ziehn

Wie Wellen hin, und flüsternd rauscht der Wald.

Dort, wo das Ufer weit ins Meer sich wagt,

Da steht behaglich unter Lindenschatten

Ein Pfarrhaus, schon jahrzehntelang bewohnt

Von seinem greisen Herrn und arg verfallen.

Das Dach geworfen und der Schornstein schwarz,

Von blüh’ndem Moos bedeckt das Mauerwerk;

Die Fenster windschief. Aber immer ist

Das Häuschen traulich nett. Um keinen Preis

Der Welt wär’ es dem Alten feil. — Dort steht

Die Linde, sein geliebter Ruheplatz.

Auch sie ist alt. Doch Jugendfrische weht

Rings von den Rosenbäumen. Vögel nisten

In ihrem Dunkel und erfüllen Garten

Und Haus mit ihrer Lieder frohem Schall.

— Weil ihn der Schlaf die ganze Nacht gemieden,

Ging schon vorm Morgengraun der Pfarrer, hier

Ein wenig in der Frische noch zu schlummern.

Im alten Lehnstuhl unterm Lindendach

Schläft er. Der sanfte Wind kühlt sein Gesicht

Und spielt voll Keckheit mit den grauen Haaren.

Wer ist die Schöne, die mit Blicken

Ihm naht, in denen alle Glut,

Des Morgens ganze Frische ruht,

Und vor ihn tritt? Welch ein Entzücken,

Wie sie mit lilienweißer Hand

Ihn sanft berührt, um ihn zu wecken,

Bemüht, ihn ja nicht zu erschrecken.

Doch eh’ er aus dem Schlaf sich fand

Zur Welt, sprach er, die Lider kaum

Geöffnet, leise wie im Traum:

„Du wunder-, wunderbarer Gast,

Der du mein Heim besuchet hast,

Warum füllt Kummer mich und schwillt

Durch meine Seele. Was bewegt

Mich Greisen denn dein Engelsbild

So tief, so seltsam tief, und regt

Den Sinn mir auf? Sieh mich und schilt,

Schilt nicht: mein Leib ist schwach und alt

Und allem, was da lebt, längst kalt.

Seit ich mich tot in mir verscharrte,

Ist’s Ruhe nur, auf die ich warte,

Die ich begehre immerfort.

Ihr gilt mein Denken, gilt mein Wort.

Und nun kommst du, du Junge, mir

Zu Gaste, lockst mich heiß zu dir?

Ach nein, aus deinem lichten Munde

Flammt einer neuen Hoffnung Kunde.

Rufst du zum Himmel mich? Zur Stunde

Bin ich bereit. Allein mir fehlt

Die Würde. Meine Sündenlast

Ist groß. Ich war in dieser Welt

Ein arger Streiter und gehaßt

Von Hirt und Herde. Grausamkeit

War mir nicht fremd. Allein ich schwor

Den Teufel ab, und ich verlor

Zur Buße keinen Tag, allzeit

Entsühnend die Vergangenheit.“

Voll schwerer Sorge und verwirrt

Fragt sie sich bang: „Soll ich’s ihm sagen, —

Wer weiß, wohin die Träume ihn verschlagen, —

Sag’ ich ihm, daß er phantasiert?“

Doch Nebel des Vergessens hängt

Um ihn, den neuer Schlaf umfängt.

Sie neigt sich über ihn, verstohlen.

Wie sanft er schläft, wie still er ruht!

Kaum merklich hebt beim Atemholen

Die Brust sich. Licht in Ätherflut

Hält ihn ein Engel in der Hut,

Und paradiesisch Lächeln flicht

Sich leuchtend um sein Angesicht.

Nun öffnet er die Augen: „Wer,

Wer ist’s? — Luise? — Seltsam, ach;

Mir träumte — —, du, wo kommst du her?

Bist, Wildfang, du so früh schon wach?

Noch liegt der Tau. — Es nebelt schwer.“ —

„Großvater, nein, ’s ist hell und klar.

Im Walde blitzt das Sonnenlicht.

Und schon am frühsten Morgen war

Es heiß wie jetzt. Es regt sich nicht

Ein Blatt. — Weißt du, warum ich kam?

Es gibt ein Fest. Wir feiern heut.

Der alte Geiger Lodelham

Und auch der Fritz sind längst bereit.

Erst kommt die Kahnfahrt bis zur Mittagszeit

Und dann — —; ach, wenn nur Hans — —!“ Den Greis

Umspielt ein weises Lächeln. Still

Hört er, was sie erzählen will,

Das sorglos junge Blut. „Ich weiß,

Großväterchen, nur du hast Macht,

Ein bitter großes Weh zu bannen.

Mein Hans ist krank. Bald in der Nacht

Und bald am Tag schleicht er von dannen

Zum dunklen Meer. Nichts ist ihm recht,

Nichts freut ihn mehr. Wenn man ihn fragt,

Dann hört er gar nicht, was man sagt.

Er spricht nur mit sich selbst. So schlecht,

So elend sieht er aus. Wenn ihn sein Schmerz

Noch lange quält, geht er zugrund.

‚Zugrund‘, wie zittert, wenn mein Mund

Das harte Wort gebraucht, mein Herz.

Meinst du, daß er vielleicht mit mir

Nicht mehr zufrieden ist, daß er

Mich nicht mehr liebt? Das träfe schwer

Und hart wie Stahl mein Herz. Sag’s mir,

Du Engelsguter!“ — Und sie schlang

Die Arme fest um ihn. Kaum ging

Ihr Atem, als sie an ihm hing

In ihrer Liebe so verwirrt und bang.

Als sich die Träne ihr ins Auge stahl,

Wie war sie schön in ihrer Qual.

„Gib Ruh’, mein Kind, nicht weinen, nein.

Schämst du dich nicht?“ Der Pfarrer mühte

Sich tröstend um sie. „Gottes Güte

Wird dir Geduld und Kraft verleihn.

Wenn du ihn innig bittest, wirst

Du auch bei ihm Erhörung finden.

Hans lebt ja nur für dich. Du irrst.

Du mußt die Zweifel überwinden.

Du darfst dir nicht mit solchen leeren

Gedanken deine Ruhe stören.“ — —

Und als er noch der weinenden Luise

Zuspricht, die an die welke Brust sich lehnt,

Da bringt die alte Gertrud schon den Kaffee,

Den heißen, bernsteinklaren, den der Greis

So gern im Freien nahm. Er liebte es,

Die Weichselpfeife dann dabei zu rauchen.

So stieg denn bald der Rauch in klaren Ringen.

Luise fütterte gedankenschwer

Den Kater, der mit lautem Schnurren,

Vom süßen Duft gelockt, sie lang umstrichen.

Der Greis erhob sich vom geblümten Sessel

Aus Väterzeit, sprach sein Gebet und drückte

Der Enkelin die Hand. Dann zog er sich

Den sonntäglichen, taftnen Schlafrock an,

Den silberschimmernden, und nahm das Käppchen,

Das Hans ihm kürzlich aus der Stadt gebracht

Und ihm geschenkt. So ging er denn gemächlich,

Sich auf Luisens weiße Schulter stützend, —

Hell schlug der Sang der Lerchen himmelwärts —

Ins Feld hinaus. — Wie herrlich war der Tag!

Es ließ ein Wind das Gold der Felder wogen,

Das, überragt von dichten, früchteprangenden

Laubkronen, in der Sonne flimmerte.

Fern dunkelten die grünen Wälder.

Dem regenbogenfarbnen Sommerdunst

Entströmten Fluten wundersamster Düfte.

Die Bienen waren fleißig unterwegs

Und sogen Honig aus den jungen Blüten.

Die Grillen zirpten froh. Und aus der Weite

Klang laut und lauter kräft’ger Rudersang.

Und lichter ward der Wald. Das Tal erschien.

Das frohe Schrein der Herden scholl herauf.

Tief in der Ferne sah man schon das Dach

Vom Haus Luisens winken, sah das Rot

Der Ziegel schimmern, wenn die Sonnenstrahlen

In keckem Tanzspiel blitzend es umhuschten. — —

Zweites Bild

Noch ungeklärt sind die Gedanken,

Die Hans bewegen, und sein Blick

Sieht wirr die Welt des Lebens wanken

Und sucht sein künftiges Geschick. —

In stillem Frieden war die Zeit

Dem Tändelnden vorbeigeflossen;

Noch hatte keine Bitterkeit

Sich in der Seele Unschuld ihm gegossen.

Kind dieser Erdenwelt war er.

Doch ihrer Leidenschaften Brand

War seinem Herzen unbekannt.

Ganz sorglos war und leicht bisher

In Heiterkeit und Glück und Lust

Das Kind beim Spiel der Kinderschar.

Das Böse war noch seiner Brust

Ganz fremd. Ihm blühte wunderbar

Die Welt. — Schon in der frühsten Zeit

Der Kindheit war sein Kamerad

Luise, deren Heiterkeit

Und Milde seinen Lebenspfad

Erhellt. Wenn sie im grünen Kleid

Zu tanzen anfing oder sang,

Dann schoß durchs blonde Ringelhaar

Manch Blitz, der zündend weitersprang.

Ihr rosa Miedertüchlein glitt

Herab. Man sah bei jedem Schritt

Das feine, zarte Füßchenpaar.

Sie war ein Kind, und kindlich war

Ihr Tun. — Im Walde spielte sie

Mit ihm. Sie fingen sich. Dann lief

Sie fort, versteckte sich und schrie

Ihm plötzlich zu, daß er erschreckte.

Sie schwärzte heimlich, wenn er schlief,

Ihm sein Gesicht, und lachend weckte

Sie ihn dann aus dem süßen Schlafe.

Und er, er küßte sie zur Strafe. —

Und Lenz auf Lenz zog hin ins Land.

Die Spiele wollten nicht mehr taugen.

Die gegenseit’ge Keckheit schwand.

Es schwand das Feuer seiner Augen.

Und sie hält Traurigkeit gebannt

Und Schüchternheit. — Ihr, junger Herzen

Verliebte, erste Worte, wart

Gekommen, und es blieben nicht erspart

Die Tage voller süßer Schmerzen.

Was blieb ihm denn zu wünschen weiter,

Wo er Luise bis zur Nacht,

Gefesselt wie von Zaubermacht,

Nicht ließ, ihr treuester Begleiter,

Ihr Schatten, wo sie ging und stand.

Mit innig tiefer Freude sahen

Die Eltern, wie das Glück sich fand,

Und sahen sich nicht satt. Die nahen,

Leidvollen, zweifelvollen Zeiten

hielt noch ein Engel sanft verhüllt den beiden. —

Doch allzubald befiel ein Schmerz,

Ein tiefer, ihn. Matt ward vor Gram

Sein Blick; er starrte himmelwärts

Und war ganz unstet, ach, und wundersam.

Es schien, als suchte stets sein Geist,

Als hegte er geheimen Groll.

Die Seele sehnte sich zumeist

Gedankenschwer und kummervoll. —

Er sitzt und schaut hinab vom Strand

Hinaus aufs Meer wie festgebannt.

Und wenn im Takt die Wellen rauschen,

Scheint einer Stimme er zu lauschen.

— — — — — — — — — — —

Bald geht er grübelnd durch das Tal,

Die Augen feierlich voll Glanz,

Wenn bei der Wolken Wirbeltanz

Der Donner grollt, ein Feuerstrahl

Durchs Dunkel zuckt und wilder Regen

Heiß prasselt und mit einemmal

In Strömen rauscht auf allen Wegen.

Bald sitzt er in der Mitternacht

Vor alten Sagen auf und wacht

Und hofft, daß sich die Lettern regen

In ihrer Stummheit, wenn die Seiten

Er wendet, die so tiefe Kunde

Ihm bringen von den grauen Zeiten.

Ins Buch versunken manche Stunde,

Sitzt er und wendet kaum das Haupt.

Wer ihn in dieser schweren Not

Gesehn, der hätte fest geglaubt,

Die Zeit, da er gelebt, sei tot.

Gedanken, wunderbare, hatten

Mit ihrem Zauber ihn gebannt.

Er suchte dunkler Eichen Schatten

Auf seinem Weg durchs Sommerland.

Aus diesen tiefen Schatten sprach

Manch Rätsel, das er nicht verstand,

Und träumend streckte er die Hand

Liebkosend aus und griff darnach. —

Luise ist die ganze Zeit

Allein in ihrem tiefen Kummer.

Ihr Herz ist einzig ihm geweiht.

Sie findet nächtens keinen Schlummer

Und bringt die gleiche Zärtlichkeit

Ihm dennoch stets entgegen, hält

Die zarten Arme um ihn, küßt

Ihn sanft, daß er den Schmerz vergißt,

Bis er der Schwermut neu verfällt.

Schön sind die Stunden, wunderbar,

Wenn ferne Träume ihn umschweben

Und der Gesichte lichte Schar

Ihn fortträgt in ein andres Leben.

Doch, wenn der Seele Land zerstört,

Der stille Erdenfleck vergessen,

Der Scholle nicht sein Herz gehört,

Die schlichten Menschen er vermessen

Nicht achtet, werden Traumgestalten

Auch dann noch froh im Herzen walten? — —

Indessen laßt sein unstet Wesen

Belauschen uns. Macht euch bereit,

Die Rätsel seines Geists zu lösen

In ihrer Mannigfaltigkeit. —

Drittes Bild

Du klassisch schöner Werke klassisch schönes Land!

Des Ruhmes und der Freiheit Land, Athen!

An dich, in wundersamer Gluten Wehn,

Ist meine Seele festgebannt.

Vom Tempel hoch bis hin zu des Piräus Mauern

Ergießen sich und wogen feierliche Massen.

Äschines’ Worte blitzen, donnern und durchschauern,

Der Iliß Wassern gleich, und fassen

Gebietrisch alle wie der laute Sturm der Welle.

Gewaltig ragt empor die Marmorherrlichkeit

Der Parthenon, wo Säule sich an Säule reiht;

Empor Minerva, von des Phidias Stahl geweiht.

Und Zeuxis’ wie Parrhasios’ Pinsel strahlen Helle.

Im Portikus steht göttergleich ein Greis

Und redet weise von der andern Welt;

Sagt, wer für Tugend einst Unsterblichkeit erhält,

Wen Schande trifft und wen der Preis.

Horch! Rohes Tosen mischt sich in das Springbrunnrauschen.

Der Tag ist wach, und dem Theater voll Verlangen

Zu strömt das Volk. Wie Persiens Farben prangen!

Sieh, wie die Tuniken sich bauschen!

Noch eh’ die Leidenschaft des Sophokles verklungen,

Schwirrt Kranz auf Kranz, von den Begeisterten geschwungen.

Von Epikurens Honigmund, dem liebgewohnten,

Enteilt sind Amors Diener, Krieger und Archonten,

Daß ihnen sich die hohe Wissenschaft enthülle,

Wie man Genüsse schlürft und trinkt des Lebens Fülle.

Aspasia kommt! Ihr Blick, vom Wimpernschwarz verbrämt,

Trifft einen Jüngling, und sein Atem stockt verschämt.

Wie heiß die Lippen sind! Wie loht der Rede Glut!

Die schwarzen, losen Locken fallen wie die Nacht

Auf ihrer Schultern Marmorpracht,

Auf ihre Brüste wie die Flut. —

Und jetzt? — Tympane tosen und die Becher klirren.

Bacchantinnen in wilder Raserei, geschmückt

Mit Efeu, stürmen durch den heil’gen Hain in wirren,

Gehetzten Haufen. — Wo? Wohin? — Entrückt, entrückt.

Allein! — Verschwunden ist der Chor.

Und Gram befällt mich neu und Wehe.

Stieg’ doch vom Tal ein Faun empor;

Dräng’ aus des Gartens dunkler Nähe

Mir einer Nymphe Sang ans Ohr!

Ihr Griechen, wunderbarlich habt

Die Welt mit Träumen ihr erfüllt,

In Zauber alles eingehüllt!

Heut ist sie ärmlich, grau, verschabt

Und wohl quadriert, mit Nichts begabt. — —


Doch neue Träume kommen und heben

Und ziehen ihn lockend himmelan

Empor aus der Sorgen Ozean,

hinweg von allem kleinlichen Leben. —

Viertes Bild

Im Land, wo des Lebens Wunderquellen

Entspringen und strahlend rings alles erhellen;

Wo schwer die Nächte vom Ambraduft,

Von Lotossüße geschwängert die Luft;

Wo Räucherwerkwolken die Bläue durchfluten

Und Mangostans Früchte golden gluten;

Wo Kandahars Wiesengrund samten sich breitet;

Wo kühn sich ob allem der Himmel weitet

Und Blüten regnet in üppigem Glanz;

Wo Schwärme von Faltern auffunkeln im Tanz:

Dort sieht mein Blick eine Peri: versunken,

Nichts sehend, nichts hörend; traumestrunken.

Gleich Sonnen leuchtet ihr Augenpaar,

Wie Hemasagara funkelt ihr Haar.

Ihr Atem gleicht dem, den die Lilie haucht,

Wenn die Nacht den Garten in Schlummer taucht

Und im Wind ihre Seufzer von dannen schwingen;

Ihre Stimme den nächtlichen Ton von Syringen,

Dem silbernen Tone, wenn Israfil

Die Flügel schlägt in mutwilligem Spiel;

Dem heimlichen Plätschern des Tschindara-Fluß.

Und ihr Lächeln erst! Und erst ihr Kuß!

Was ist? — Sie hebt sich, ein Hauch, und entschwindet

In Himmeln, wo sie Verwandte findet.

Bleib! Blicke dich um! Bleib! — Taub meinem Schrei,

Verrinnt sie im Regenbogen. — Vorbei!

Erinnrung an sie bleibt und hält

Sich fest; und Duft erfüllt die Welt. —


Bunt war sein Träumen überstrahlt;

Vom Drang der Jugend heiß durchflossen.

Die Hoheit, die sein Herz genossen,

Hat herrlich oft sich abgemalt

Auf seinem Angesicht. Allein,

Was ihn in seinen Träumerein,

Was die erregte Seele quälte,

Wonach er schrie, wonach er bangte,

In wilder Leidenschaft verlangte,

Als gält’ es, daß er sich vermählte

Der ganzen Welt mit ganzer Lust,

Verstand er nicht. — Voll Staub und Dust,

Von Dumpfheit voll und Schwere fand

Er diese Welt und wirr. Es flog

Sein Herz und schlug und schlug und zog

Ihn hin nach fernem, fernem Land.

Wer sah ihn so? Sein Atem ächzte.

Die Brust ging keuchend auf und nieder.

Stolz funkelte durch seine Lider.

Ach, wie die Seele darnach lechzte,

Am flücht’gen Traum sich festzusaugen.

Ach, welche Feuer in ihm brannten,

Wie ihn die Tränen übermannten,

Das Leben schürend in den heißen Augen. —

Sechstes Bild

Zwei Meilen nur von Wismar liegt das Dorf,

Wo unserer Geschichte Welt, die Welt,

Wo ihre Menschen leben, Grenzen findet.

Das heitre Lünensdorf, so hieß es einst;

Doch weiß ich nicht, ob es noch heut so ist. —

Weit schimmerte dem Wanderer entgegen

Das kleine, weiße Häuschen Wilhelm Bauchs,

Des Musikers, das er vor langer Zeit,

Als er des Pastors Kind zum Weibe nahm,

Erbaut. Es war ein liebes, heitres Haus;

Grün war’s gestrichen; rote Ziegelplatten

Erklirrten hell im Wind. Kastanienbäume

Umstanden es und drängten in die Fenster.

Durch ihre Stämme sah ein Weidenzaun,

Den Wilhelm selbst aus Ruten sich geflochten.

Jetzt rankte sich der Hopfen an ihm hoch.

Vom Fenster zu dem Zaun lief eine Stange,

Behangen mit der Wäsche, die im Glanz

Der heißen Mittagssonne lustig blinkte.

Durch eine Speicherluke drängte sich

Laut girrend eine Taubenschar; es schrien

Die Puter, und mit seinen Flügeln schlagend

Entbot der Hofhahn seinen Morgengruß

Dem Tag und pickte den behäbig bunten Hennen

Die Körner fort. Zwei fromme Ziegen rupften

Das junge Gras. Schon lange stieg der Rauch

In krausen Wolken aus dem Schornstein auf

Zum Himmel, um den Morgendunst zu mehren.

Dort auf der Seite, wo der Mauerputz

Ein wenig abgebröckelt von den grauen Ziegeln,

Dort, wo die alten Bäume Schatten geben,

Stand schon seit frühstem Morgen säuberlich

Gedeckt ein Eichentisch voll guter Dinge:

Radieschen, gelber Käse, eine Dose

In Entenform mit Butter; Wein und Bier,

Der süße Bischof, Zucker, Waffelkuchen

Und dann ein Korb mit leuchtend reifen Früchten:

Himbeeren voller Duft, glashelle Trauben

Und bernsteinfarbne Birnen, blaue Pflaumen

Und rote Pfirsiche in buntem Durcheinander. —

Es war so festlich, denn Herr Wilhelm wollte

Der lieben Frau Geburtstag in dem Kreise

Der Töchter und des alten Pfarrherrn feiern.

Luise kam, doch ihre Schwester Fanny,

Die Jüngere, war fortgeeilt, um Hans

Zu holen, und war noch nicht zurück.

Vermutlich irrte er verträumt umher.

Luise blickte unverwandt zum dunklen Fenster

Im Nachbarhaus empor; lag es doch nur

Zwei Schritt von ihr. — Sie war nicht selbst gegangen,

Damit er nicht den Gram von ihrer Stirn,

Aus ihren Augen keinen Vorwurf läse.

Da wandte Wilhelm sich, Luisens Vater,

Zu ihr und sprach: „Du mußt den Hans mal schelten,

Daß er so lange nicht mehr bei uns war.

Pass’ auf, du hast ihn dir zu sehr verwöhnt.“

Doch sie war um die Antwort nicht verlegen:

„Mir fehlt der Mut, den braven Hans zu tadeln.

Er ist schon ohnedies so bleich und elend.“

„Was, krank, sagst du?“ fiel Mutter Berta ein.

„Es ist nicht Krankheit, nur Melancholie,

Die ihn jetzt plagt, und die wird sehr bald weichen,

Seid ihr einmal vermählt. Ein junger Sproß,

Den halbverdorrt ein Sommerregen trifft,

Fängt plötzlich an zu blühn. — Ist denn die Frau

Nicht Lichtflut für den Mann?“ — „Ein kluges Wort,“

Warf da der Pfarrer ein. „Wenn Gott es will,

Glaubt mir, wird alles noch vorübergehn!“

Er klopfte wieder seine Pfeife aus.

Dann fing er an, mit Wilhelm sich zu streiten;

Sie sprachen von den Tagesneuigkeiten,

Von schlimmer Ernte, von den Griechen, Türken,

Von Missolunghi, von Kolokotroni,

Dem großen Führer, und vom argen Krieg,

Von Canning sprachen sie, vom Parlament,

Vom Elend und vom Aufruhr in Madrid,

Als Hans erschien und sich Luise plötzlich

Mit einem Aufschrei ihm entgegenstürzte.

Der Jüngling schlang den Arm um ihre Hüfte

Und küßte sie. Der Pfarrer sprach zu ihm:

„Nun schäm’ dich, Hans, daß du so ganz vergessen

Den alten Freund. Doch wenn du schon Luise

Vergißt, wie solltest du der Alten noch

Gedenken!“ — „Väterchen, laß sein, laß sein —

Was schiltst du Hans denn immer!“ sprach die Mutter.

„Laßt uns zu Tisch gehn, sonst wird alles kalt:

Der Brei, der Reis, die duft’gen Zuckererbsen,

Der Glühwein und nicht minder der Kapaun,

Den mit Rosinen ich und Butter briet.“ —

So setzten sie sich friedlich an den Tisch

Und waren alle bald vom Wein belebt,

Die Seelen voller Glück und Heiterkeit. —

Der alte Geiger spielte, Fritz blies Flöte.

Es gab ein Stück — der Feiernden zu Ehren.

Bald drehten allesamt im Walzer sich.

Selbst Wilhelm wurde lustig, und gerötet

Schwang er sich mit der Gattin wie ein Pfau

Im Kreise. Wie im Wirbelwinde flog

Hans mit Luise toll dahin. Die Welt

Flog mit im gleichen, wundervollen Takt.

Luise wagte kaum zu atmen, kaum

Sich umzuschaun, vom Tanz so ganz gefangen.

Der Pfarrer sagte: „Ach, ich sehe mich nicht satt

An ihnen, glaubt’s mir. Welch ein herrlich Paar.

Luise, dieses heitre, liebe Kind,

Und Hans so stattlich, klug und doch bescheiden.

Sie sind doch füreinander wie geschaffen.

Ja, glücklich wird ihr ganzes Leben sein.

Ich danke Dir, mein güt’ger Gott, daß Du

Im hohen Alter mir die Gnade schenktest

Und mir die morsche Lebenskraft erhieltst,

Damit ich solche Enkel schauen durfte.

Nun kann ich sagen, wenn ich Abschied nehme:

Auf Erden hab’ ich Herrliches gesehn.“

Siebentes Bild

Des Abends Kühle senkt sich still hernieder.

Die letzten, leisen Sonnenstrahlen küssen

Das finstre Meer. Von tausend Flimmerfunken

Durchsät, erglüht der Wald, und fern, fern her

Erschimmern durch den Meeresdunst die Felsen

In bunter Farbenpracht. Rings tiefe Stille.

Und nur der Hirtenflöten melanchol’scher Ruf

Tönt dann und wann von fernen, heitren Ufern;

Und dann und wann ein leises Plätschern, wenn

Ein Fisch im spiegelblanken Wasser ruckt,

Wenn eine Schwalbe mit den Flügeln, ehe

Sie auf zum Himmel steigt, es flüchtig streift.

— Fern zeigt ein Kahn sich wie ein heller Punkt.

Wen trägt er wohl? Wer fährt wohl auf dem Meer?

Der Pfarrer ist’s, der Greis im Silberhaare,

Und mit ihm Wilhelm mit der teuren Gattin.

Die übermüt’ge Fanny läßt die Hand,

Die von der Angelschnur herabgezogen,

Im Wasser spielen. Hinten in dem Schiff

Sitzt Hans mit seiner Braut. — Sie sahen alle

In stummer Freude einer Welle zu,

Die breit dem Schiff gefolgt und unterm Schlag

Der Ruder feurig schäumend perlte.

Wie sich nun rasch die ros’ge Ferne klärte

Und voller Duft ein Hauch von Süden kam,

Da sprach der Pfarrer tief gerührt: „Wie schön

Ist dieser Abend Gottes doch! So still

Und herrlich wie das Leben des Gerechten.

Denn es vollendet ebenso voll Frieden

Den Weg, und auf den heil’gen Erdenrest

Ergießen sich die gleichen schönen Tränen.

Ja, auch für mich wird’s Zeit. Auch meine Tage

Sind bald gezählt. Ich kann nicht lang mehr bleiben.

Doch werd’ ich auch so herrlich schlafen gehen?“ —

Da weinten alle. Hans, der grad ein Lied

Auf der Oboe spielte, ließ das Instrument

Nachdenklich sinken. Es umspann ein Schlummer

Sein Haupt, und weithin schweiften seine Sinne.

Und Träume stürmten seltsam auf ihn ein.

Luise wandte sich ihm zu: „Sag’ mir, sag’, Hans,

Wenn du mich liebst, wenn ich in deiner Seele

Noch Mitleid, Mitgefühl wachrufen kann,

Was quälst du mich? Sag’ mir einmal, warum

Sitzt du bei Nacht einsam bei deinen Büchern?

Ich weiß es. Unsre beiden Fenster liegen

Doch nicht umsonst einander gegenüber.

Warum weichst du uns allen aus und trauerst?

Dein trüber Blick, ach, nimmt mir alle Ruh’,

Und deine Trauer macht mich selber trübe! —“

Das rührte Hans. Er wurde ganz verlegen.

Er drückte sie im Schmerz an seine Brust,

Und eine Träne stahl sich ihm ins Auge.

„Luise, frage nicht. Du mehrst doch nur

Durch deine Unruh’ meinen tiefen Kummer.

Denn in Gedanken ich versunken scheine,

Glaub’ mir, dann denk’ ich immer nur an dich

Und sinne, wie sich all die schweren Zweifel

Von deiner Seele nehmen, wie dein Herz

Mit Freude sich und Frieden füllen ließe,

Daß deiner Jugend reinen Schlaf nichts störe,

Daß Böses dir nicht nahe, nicht der Schatten

Von einem Kummer dich berühre, daß

Dein Glück in alle Ewigkeiten währe!“

Da lehnte sie an seine Brust sich an

Und konnte in der Fülle des Gefühls,

Des Dankes ihm kein einzig Wort erwidern. —

Still zog das Boot am Ufer hin. — Man landet

Und steigt schnell aus. „Hört,“ sprach der Vater Wilhelm,

„Hört, Kinder, nehmt euch recht in acht und seht,

Daß ihr euch nicht erkältet. Es ist feucht.

Der Nebel steigt.“ — Hans ging mit ihr und dachte:

Was wird, wenn sie erfährt, was sie doch nicht

Erfahren soll? Er sah ihr in die Augen.

In seinem Herzen ward ein Vorwurf laut.

Ihm war, als wenn er schlecht gehandelt hätte,

Als hätte er den ewigen Gott belogen. — —

Achtes Bild

Vom Turme schlägt es Mitternacht.

Hans sitzt wie immer auf und wacht.

Dem Einsamen gewohnte Zeit.

Das Flackerlicht der Lampe leiht

Nur spärlich Helligkeit. Es fällt

Wie Saat des Zweifels in die Welt

Des Schlafs. — Kein Blick träf’ in der Runde

Nur eines Menschen Spur. Fern, ferne

Rauscht wie Gespräch aus Menschenmunde

Die Welle in dem Glanz der Sterne.

Die Stille läßt den Atem hören

Der Nacht. — Jetzt wird ihn nicht mehr stören

Der laute Tag in seinem Denken,

Wo über seine Stirn sich senken

Friede und Ruh’. — Und sie? Sie setzt

Sich auf im Bett; im Fenster jetzt:

„Er kann’s nicht sehen, merkt’s ja nicht;

Ich seh’ mich satt an seinem Bild.

Er wacht, daß er mein Glück erfüllt.

Gott sei ihm gnädig, sei ihm mild.“ —


Die Welle rauscht im Mondeslicht.

Ein Traum sinkt nieder und umfängt

Ihr Haupt und beugt es leis, ganz leis.

Um Hans spielt der Gedankenkreis

Noch immer, dem er sich versenkt.

1.

Entschieden alles! Ist’s Gebot,

Tiefinnerst jetzt zugrund zu gehn?

Gibt’s andres Ziel nicht als den Tod?

Vermag ich Beßres nicht zu sehn?

Soll ich mich hin zum Opfer geben,

Tot für die Welt und ruhmlos leben?

2.

Soll denn ein Herz, das Ruhm geliebt,

Nur Nichtigkeiten lieben dürfen;

Kalt jedem Glück sein, das sich gibt,

Und niemals Seligkeiten schlürfen?

Der Erde Schönheit nie mehr finden,

Nie Wahres mehr in ihr ergründen?

3.

Was ruft, was lockt ihr mich so bang,

Ihr, dieser Erde schönste Lande.

Bei Tag und Nacht wie Vogelsang

Hör’ ich in meiner Träume Bande,

Bei Tag und Nacht die süßen Töne,

Und bin berückt von eurer Schöne.

4.

Euch, euch gehör’ ich. Bald, ach bald

Such’ ich die seligen Gefilde,

Ein Pilgrim, der zum Heil’gen wallt.

— — — — — — — — — — —

Hin fliegt umschäumt des Schiffes Bug.

Hoch strebt der Sehnsucht froher Flug.

5.

Ja, fallen wird der trübe Flor,

In den euch stets der Traum gehüllt.

Aufschließen wird die Welt das Tor

Zur Wunderherrlichkeit, gewillt,

Den Jüngling freundlich zu begrüßen

Mit unversieglichen Genüssen.

6.

Der Schönheit Meister! Meine Augen

Bereiten sich, was ihr geschaffen

Mit Stift und Meißel, einzusaugen.

Mein Herz will eure Glut erraffen.

Rausch’ hin, mein Meer, von Riff zu Riff!

Bring mich an Land, einsames Schiff!

7.

Du aber, enger Winkelfrieden,

Mein Wald, mein Feld, ihr müßt verzeihn.

Himmlischer Regen reich beschieden

Sei euch und Blüte und Gedeihn.

Das Herz, scheint’s, härmt sich, euch zu lassen,

Und dürstet, euch noch einmal zu umfassen.

8.

Auch du, mein engelstilles Herz,

Vergib und geiz’ mit deinen Tränen.

Gib dich nicht hin dem ersten Schmerz.

Verzeih dem armen Hans sein Sehnen.

Klag’ nicht. Der Weg ist bald gemessen,

Und ich zurück. Wie könnt’ ich dein vergessen! —

Neuntes Bild

Wer kommt noch zu so später Stunde

Behutsam durch die Nacht gewallt,

Den Wanderstab am Gürtelbunde,

Den Rucksack rüstig umgeschnallt?

Vor ihm ein Haus zur rechten Hand;

Zur linken führt ein Weg ins Weite.

Er will den weiten Weg ins Land,

Erfleht von Gott Kraft zum Geleite.

Allein er wendet, übermannt

Von stillem Weh, verzehrt von Gram,

Den Schritt zum Haus, woher er kam.


Vor einem offnen Fenster sitzt,

Den Kopf in seine Hand gestützt,

Und ruht ein wunderschönes Kind.

Mit seinem Flügel streicht sie mild

Und gibt ihr Träume ein — der Wind,

Von denen sie nun ganz erfüllt,

Ein Lächeln zeigt. Und ihm entquillt,

Wie er sich peinvoll naht der Schönen

Und bebend ihr ins Antlitz schaut

Und kummerschwer, sein Weh in Tränen.

Sein Auge schimmert glanzbetaut.

Er beugt sich nieder glühend heiß

Und küßt sie seufzend, leis, ganz leis.


Den weiten Weg eilt er dahin.

Sein Innerstes durchbebt ein Schauer.

Unrast umdüstert seinen Sinn,

Und seine Seele tiefe Trauer.

Noch einmal wendet er den Blick

Zum Abschiedsgruß. — Ein weißes Band,

Zieht schon der Nebel übers Land.

Sein stöhnend Herz weist ihn zurück.

Ein rauher Wind mit scharfem Tone

Stößt Eichenkron’ an Eichenkrone.

Und grau verschwimmt im fernen Raum

Das Haus. Ganz unklar wie im Traum

Hat Pförtner Gottlieb nur vernommen,

Daß wer durchs Gartentor gekommen

Und daß einmal, als wenn er schälte,

Der treue Hund im Hofe bellte.

Zehntes Bild