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Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten cover

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Chapter 49: Epilog
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About This Book

The volume gathers correspondence, essays and fragments in which the author reflects on the reception of his work, explains his motives for publishing letters, and seeks candid observations about contemporaries to sharpen his portrait of society. He confesses personal embarrassment at earlier tone, describes plans to revise and moderate published passages, and urges friends to record character sketches and everyday details to inform his fiction. Complementary pieces include a poet's confession, meditations on liturgy, youthful writings and incomplete fragments, all united by an intense interest in human nature and a desire to refine a plain, truthful style.

Spät wird der helle Führer wach, —

Der Morgen ist nicht freundlich. Schwer

Wogt übers Feld ein Nebelmeer,

Und Regen rauscht und schlägt aufs Dach.

Des jungen Morgens Kühle fächelt

Die Schöne aus der Ruh’. Benommen

Vom Schlaf am Fenster und beklommen,

Streicht sie ihr Haar zurecht und lächelt.

Doch Ärger schleicht sich ein und feuchtet

Das Auge, daß es funkelnd leuchtet:

„Wann kommst du, Hans? Wie lang soll’s dauern?

Du schwurst: beim ersten Tageslicht!

Der Tag ist da. Ein Tag zum Trauern,

Ein trüber Tag. Die Nebel schauern,

Der Sturmwind heult. Was kommst du nicht?“

Geängstigt halb und halb verdrossen,

Blickt sie zum Fenster ihres Hans.

Geschlossen ist’s und bleibt geschlossen.

Er schläft gewiß, und Traumesglanz

Umgaukelt ihm sein Liebstes noch.

Lang hat’s getagt. Vom Regen sind

Durchfurcht die Täler, und vom Wind

Gewiegt der Wald. Ach, käm’ er doch!


Der Mittag naht. Unmerklich steigt

Der Nebel auf. Ganz matt, gezogen

Tönt Donner noch. Der Eichwald schweigt.

Auf flammt in siebenfarb’gem Bogen

Am Himmel paradiesisch Licht.

Mit Funken ist die Eiche übersprüht.

Froh klingt vom Dorfe Lied auf Lied.

Wo bist du, Hans, was kommst du nicht?


Warum? — Die arge Brust umflicht

Schwermut. Das Ohr wird müd der Qual,

Zu horchen auf die Stundenzahl.

Die Türe geht. — Er ist’s! — Nein, nicht:

Herein tritt Berta; wohlig fällt

Der rosa Morgenrock, der weiche,

Und farbenfroh die kantenreiche,

Gestickte Schürze. „Engelgleiche,

Was hat die Nachtruh’ dir vergällt?

Bist bleich und matt. Was ist geschehn?

Störte der Regen, der so schwer

Herabgerauscht, das wilde Meer,

Der Hahn, der wüste Lärmer, den

Kein Schlaf nachts ankommt, dich so sehr?

Hat dich der Böse überkommen,

Dir deinen reinen Schlaf genommen,

Ins Herz gesenkt trübselig Trauern?

Tust mich von ganzer Seele dauern.“


„Nein, nicht des Regens Rauschen, ach,

Das wilde Meer nicht, nicht der Hahn,

Der wüste Lärmer, hat’s getan.

Ach, was du nennst, hielt mich nicht wach.

Nicht solcher Traum hat mich benommen,

Bin solcher Trübsal nicht beklommen.

Der Traum, der mir zu Sinnen kam,

War anders, schwer und wundersam.“ —


„Mir träumte: Finstre Öde sei

Um meinen Weg. Rings Nebel nur

Vom Moor, und in der Wüstenei

Von trocknem Boden keine Spur.

Ein ekler Dunst! Die Erde weicht.

Bei jedem Schritt ein neuer Schlund,

Bei jedem Schritt ein neuer Grund

Zur Herzensangst. Und mich beschleicht

Unsäglich Wehe. Da erscheint

Urplötzlich Hans vor mir. Blut rinnt

Aus einer Wunde. Er beginnt

Zu schluchzen über mir und weint.

Doch statt der hellen Tränen floß

Ein trüber Strom. Ich wachte auf.

Und über Brust und Antlitz goß

Vom Blondhaar triefend wie der Lauf

Von tausend Bächen dummer Regen.

Mein Herze schlug in trüben Schlägen,

Und Traurigkeit befiel den Sinn.

Die Locken blieben feucht. In Sorgen

Sitz’ ich verhärmt seit frühem Morgen.

Wann kommt er heim? Wo ist er hin?“


Die Mutter steht gedankenvoll

Kopfschüttelnd vor ihr, ehe sie

Ihr Antwort gibt: „Ach, wüßt’ ich, wie

Ich deiner Not Herr werden soll,

Mein Töchterchen. Komm, laß uns sehn, —

Gott geb’ uns Kraft! — was ihm geschehn.“


Sie treten in sein Zimmer. Leer,

Ganz leer! Im Winkel liegt umher

Ein alter Platoband, gar arg

Verstaubt, Tieck, Aristophanes, Petrark

Und Schillers Werke, die vermeßnen,

Bei Winkelmanns, den halb vergeßnen.

Und Fetzen von Papier. Es blühn

Die Blumen auf der Etagere.

Die Feder blinkt, mit der er kühn

Entlastet sich der Träume Schwere.

Sein Tisch, so tot! Doch nein, was hebt

Sich jetzt? Ein Zettel flirrt. Was ist?

Luise nimmt ihn auf und bebt.

Von wem? An wen? Und als sie liest,

Fängt ihre Zunge wie noch nie

Zu lallen an. Sie stürzt aufs Knie.

Gram, sengend Wehe warf sie nieder.

Und Grabeskälte rann durch ihre Glieder.

Elftes Bild

Schau’ her, Grausamer! Sieh, Tyrann,

Wie sie verhärmt im Staube kauert;

Die einsam Welkende, sieh’ an,

Wie sie in trüber Öde trauert,

Vergessen, ach! Schau’ hin einmal

Auf dein Geschöpf, in dessen Brust

Du Lebensglück und Lebenslust

Mit Gram vertauscht und Höllenqual.

Durchwühlte Grüfte, siehst du sie?

Und wie sie dich geliebt, ja, wie!

Mit welch lebend’ger Innigkeit

Klang ihrer Rede Melodie,

Die schlichte. Wo, wo ist die Zeit,

Da du gelauscht? Wie war von Schuld,

Von Trübsal rein des Blickes Brand,

Der dich versengt. Wie oft entschwand

Zu langsam ihrer Ungeduld

Der böse Tag, zeigte sich nicht,

Der Träumerischen, dein Gesicht.

Und du konntst sie verlassen, du?

Hast dich von allem abgewandt

Und wanderst fremd in fremdem Land?

Wem tust du das? Für wen, wozu?

Doch schau’, Grausamer! Sieh, Tyrann!

Am Fenster harrt sie noch, verzehrt

Von Sehnsucht, daß er wiederkehrt

Zu ihr, er, der geliebte Mann. — —

Schon sinkt der Tag. Des Abends Helle

Liegt wundersam auf allen Dingen.

Ein kühler Wind regt seine Schwingen.

Kaum hörbar plätschert fern die Welle.

Die Nacht entbreitet ihre Schatten.

Leis tönt die Syrinx. Es ermatten

Im West die letzten Glutenschimmer.

Sie sitzt reglos und harrt noch immer. —

Nächtliche Gesichte

Allmählich dunkelt und vergeht

Des Abends Rot. Schon liegt die Welt

In süßem Schlaf, und überm Feld

Steigt auf des Mondes Majestät.

Das Meer erschimmert wie Kristall.

Durchsichtig scheint das ganze All.


Schatten wachsen auf und ziehen.

Wundersam gestaltet fliehen

Herrlich sie, weit, immer weiter,

Himmelwärts die Sternenleiter.


Heller wird’s: zwei Lichter blitzen.

Da: zwei Ritter, zottig, fahl.

Zweier schart’ger Schwerter Spitzen,

Zweier Panzer Schmiedestahl!

Halt! Sie suchen, treten an;

Tauschen Platz um Platz jetzt. Hei!

Kämpfen, glitzern Mann an Mann.

Suchen wieder ... Da, vorbei!

Dunkel schwillt und deckt sie schwer.

Nur der Mond steht überm Meer. —


Ein Lied der Kön’gin Nachtigall durchschallt

Den Forst; ein schmetternd Lied, das sacht verrauscht.

Die Erde atmet kaum, sie lauscht

Verträumt der Sängerin. Der Wald

Steht reglos. Alles schläft im Kreise.

Es tönt nur die verklärte Weise.


Luftgebaut ragt der Palast

Einer Märchenfee empor.

Vor dem Fenster dicht am Tor

Singt verklärt ein Minnegast.

Sieh, ein Silberteppich glänzt,

Ganz durchwebt mit Wolkenringen.

Drüber schwebt ein Geist, der grenzt

Nord und Süd mit seinen Schwingen.

Schlafen sieht der Gast, gebannt

Durch ein Gitter aus Koralle,

Seine Fee. Die Perlmuttwand

Bringt der Trän’ Kristall zu Falle. —

Dunkel eint und deckt sie schwer.

Nur der Mond steht überm Meer. — —


Kaum schimmert durch den Dunst das Land.

Geheime Wünsche ohne Zahl

Weckt uns die See. — Ein Riesenwal,

Taucht aus dem Nebel. Übermannt

Hat Schlaf den Fischer längst. Er ruht;

Und unablässig rauscht die Flut. —


Strandwärts schwimmen Meerjungfrauen

Herrlich schön. Den leuchtend hellen,

Weißen Schaum der glühend blauen

Wogen teilen sie. Die Wellen

Spielen kosend wie im Traum

Um die Schöne mit der weißen

Lilienbrust. Sie atmet kaum.

Um die zarten Glieder gleißen

Tropfen wie ein Funkensaum.

Ach, sie lächelt, kichert leise

Und schwimmt sinnend hin im Licht.

Bald voll Lust, bald wieder nicht.

Träumerisch singt sie die Weise,

Den Sirenensang der Klagen

Des Verrats, den sie ertragen,

Sie, die Junge. — Reglos ruht

Mondbeglänzt die blaue Flut. —


Ein Friedhof fern in fremder Flur,

Von einem alten Zaun umhegt.

Rings Steine, Kreuze. Moosbelegt

Der stummen Toten Häuser. Nur

Der Flug der Eulen und das schrille

Schrein zerreißt die Grabesstille. —


Langsam steigt aus seinem Bette

Jetzt ein Leichnam. Weiß umwallt

Ihn sein Mantel. Vom Skelette

Klopft den Staub er würdig. Kalt

Weht vom Schädel Grabhauch. Feuer,

Gelbes Feuer glüht aus seinen

Augen. Mit den Knochenbeinen

Hält ein Roß, ein ungeheuer

Glänzend Roß er, einen Schimmel.

Und es wächst, wächst bis zum Himmel.

Leiche steht nach Leiche auf.

Zug des Grauns! Von seinem Lauf

Beben Erde, ach, und Lüfte. —

Endlich schließen sich die Grüfte. —


Ein Schrecken packt sie an. Sie schlägt

Das Fenster hastig zu. Ihr Blut

Von Eiseskälte, bald von Glut

Durchschauert, bebt gleichwie die Flut

Im Sturm. Ein schweres Wehe legt

Sich auf ihr Herz. Ihr Denken ruht. —

Wenn mitleidlos des Schicksals Faust

Ein kalter Kieselstein entsaust

Und trifft ein armes Herz, wer hält

Die Treue, sagt, in aller Welt

Noch dem Verstand? Wes Seele ficht

Kein Übel an? Und wer verfällt,

Sich ewig gleich, im Unglück nicht

Dem Aberglauben? Wer erblaßt

Nicht, wenn solch Spukbild ihn erfaßt

Im Traum? — Aufs Lager bang

Warf sie sich hin voll Schmerz und Kummer.

Vergeblich suchte sie den Schlummer.

Wenn ein Geräusch durchs Dunkel drang,

Ein Mäuslein strich, floh ihre Lider

Der Schlaf, der launenhafte, wieder. —

Dreizehntes Bild

Ein traurig Bild: Ruinen von Athen!

Die Säulenreih’n, die bildwerkreichen,

Sind morsch. In öden Tälern stehn

Sie traurig, müder Zeiten Zeichen.

Zertrümmert halb und halb verwittert

Das hehre Denkmal, und zersplittert

Selbst der Granit. — Ein karger Rest. —

Ein morscher Architrav nur prangt

Voll Majestät, und Efeu rankt

Und hält am Kapitäl sich fest.

In Gräben, die man längst verließ,

Herabgestürzt ein Giebelkranz;

Dort schimmert noch ein prächt’ger Fries

Und der Reliefmetopen Glanz.

Hier trauert eine reichgeschmückte

Korinthsche Säule noch. Und leise

Eidechsen schlüpfen scharenweise

Darüber hin. Voll Würde blickt

Er auf das Elend rings. Gerückt

In toter Zeiten dunkle Nacht,

Verdrängt, hat er für nichts mehr acht.

Athens Ruinen, ach! Trüb gleiten

Die Bilder von Vergangenheiten

Vorbei. An kaltem Marmor lehnt

Der Wanderer. Wie er sich auch sehnt,

Er weckt Erstorbnes nicht. Vergebens!

Das Bündel des vergangnen Lebens

Knüpft er nicht auf. Ohnmächt’ge Qual,

Verlorne Müh’! — Allüberall

Liest nur Zerstörung, Schmach und Schande

Der trübe Blick. Im Sonnenbrande

Blinkt durch die Säulen dann und wann

Ein Turban wohl. Quer durch die Blöcke,

Durch Pfeiler, Gräber, Mauerstöcke

Treibt barsch sein Roß ein Muselmann. — —

Hufschlag stampft letzte Trümmer nieder. — —

Unsagbar tiefe Traurigkeit

Packt da den Fremden plötzlich wieder.

Wie stöhnt sein Herz so laut. Er kann

Den Schmerz nicht meistern. Bitter leid,

Daß er den weiten Weg gemessen,

Ist’s ihm. Hat er sein Dach, den stillen,

Friedlichen Platz daheim vergessen,

Verlassen um der Gräber willen?

Ach, wären doch die Traumgespinste,

Die schönen, seinem Sinn geblieben.

Der reinen Schönheit Spiegelkünste,

Ach, hätten sie ihn nicht getrieben!

Nun sind die Träume tot und kalt

Und abgestreift ihr Zauberflor. —

Mit unbarmherziger Gewalt

Habt ihr ihm schonungslos das Tor

Zur Glut der Traumeswelt verschlossen,

Ihr, öder Wirklichkeiten Sprossen!

Langsam verläßt und kummerschwer

Der Fremde nun den Trümmerort.

Er schwört, des blinden Einst nicht mehr

Zu denken, aber immerfort

Fliehn seine Opfer vor ihm her. — — —

Sechzehntes Bild

Zwei Jahre sind dahin. In Lünensdorf

Blüht alles noch und prankt wie ehedem.

Die gleichen Sorgen, gleichen Freuden stören

Den stillen Herzensfrieden der Bewohner.

Allein im Haus der Wilhelms hat sich viel

Verändert. Lange ist der Pfarrer tot.

Er hat den dornenvollen Weg beendet

Und schläft den letzten tiefen, tiefen Schlaf.

Wohl alle waren seinem Sarg gefolgt,

Und alle hatten Tränen in den Augen,

Gedenkend seines Lebens, seines Tuns.

Er war es, der für unser Seelenheil,

Für unser geistig Brot von je gesorgt.

Er war es, der so schön das Gute lehrte;

Er war der Trauervollen steter Trost,

Der feste Schild der Witwen und der Waisen.

Wie voller Güte stieg er doch an Feiertagen

Auf seine Kanzel, und wie rührend sprach

Er von dem reinen Martertum, vom Leiden

Des Herrn. Und wir, wie lauschten wir erschüttert

Und unter Tränen seinen tiefen Worten. —

Wer seines Wegs von Wismar kommt, der geht

Links von der Straße dicht an einem Friedhof

Vorbei. Die alten Kreuze stehn gebückt

In ihrem Kleid von Moos. Der harte Griffel

Der Zeit hat seine Runen eingegraben.

In ihrer Mitte leuchtet eine weiße Urne

Auf schwarzem Steine, von zwei grünen Erlen

Umrauscht und unter ihrem breiten Schatten.

Das ist die letzte Ruhestatt des Pfarrherrn.

Die braven Bauern waren gern bereit,

Auf eigne Kosten ihm als letzte Ehre

Dies Grabmal zu errichten. Alle Seiten

Verkündeten durch eine Inschrift, wie

Er lebte, wieviel stille Jahre er

Als Seelensorger zugebracht und endlich

Am Ziel des Wegs Gott seinen Geist vertraut. —

Und zu der Stunde, wo der Ost voll Scham

Errötend seine Flechten löst, und wo

Im Felde sich ein frischer Wind erhebt,

Der Tau die blitzend blanken Perlen streut,

Rotkehlchen in den dichten Büschen schlagen,

Und erst zur Hälfte noch der Sonnenball

Sich übers Land hebt, kommen Bäuerinnen

Mit Nelken, Rosen in der Hand zum Grab

Und schmücken es mit duft’ger Blumen Fülle

Und gehen ihres Wegs. — Nur eine bleibt,

Das Haupt in ihre Lilienhand gestützt,

Und sitzt gar lange Zeit in tiefem Sinnen,

Als wollte sie Unfaßliches begreifen.

Wer würde, ach, in dieser kummervollen

Gestalt Luise wohl erkennen? Wer?

Der frohe Glanz der Augen ist erloschen,

Ihr unschuldreines Lächeln ist nicht mehr

Auf ihrem Antlitz. Nie und nimmer huscht

Das Zeichen einer Freude drüber hin.

Und doch, wie schön ist sie in ihrem Harm!

Wie königlich ihr Blick trotz allen Wehs!

So trauert wohl der strahlende Seraph

Dem Sturz des menschlichen Geschlechtes nach.

Voll Schönheit war die glückliche Luise,

Die trauernde war fast noch herrlicher.

Grad achtzehn Jahre war sie alt geworden

Im Monat, als der Pfarrer von ihr schied.

Mit ihrer ganzen kindlich reinen Seele

War sie dem Greise zugetan. Und nun

Denkt sie: Nein, deine Hoffnung hat sich nicht

Erfüllt. Wie innig hattest du gewünscht,

Am heiligen Altare uns zu trauen,

Für alle Zeiten unsern Bund zu schließen.

Wie hattest du den träumerischen Hans

Geliebt — — Und er? — — —

Ja, wenden wir den Blick zu Wilhelms Hütte.

Es ist schon herbstlich kalt. Er sitzt daheim

An seiner Drechselbank und schneidet Platten

Aus Buchenholz mit feiner Maserung,

Die er mit krausem Schnitzwerk dann verziert.

Zu seinen Füßen liegt vergnügt geduckt

Hektor, sein lieber, treuer Kamerad.

Wie immer sorgt die tüchtige Hausfrau Berta

Vom frühsten Morgen an schon für sein Wohl.

Dicht vor dem Fenster drängt sich eine Schar

Von Gänsen, und die Hühner gackern auch

Noch unaufhörlich. Ganz wie ehedem

Hört man das ew’ge Zwitschern frecher Spatzen,

Die Tag für Tag im Küchenabfall picken. —

Der Dompfaff kam, der Geck. Und auf den Feldern

Hing lange Zeit der reife Duft des Herbstes.

Die grünen Blätter wurden gelb und fielen,

Die Schwalben zogen über ferne Meere. —

In ihrer Sorglichkeit rief Hausfrau Berta:

„Luise darf nicht mehr so lang ausbleiben.

Es dunkelt, und der Sommer ist vorbei.

Jetzt wird’s früh feucht, und dichte Nebel fallen

Und schicken ihre Schauer über uns.

Warum irrt sie herum? Sie macht mir Not!

Ja, ja, sie kann den Hans mal nicht vergessen.

Gott weiß, ob er am Leben ist, ob nicht.“ —

Wie anders Fanny denkt als ihre Mutter!

Mit ihren sechzehn Jahren sitzt sie still

In ihrer Ecke vor dem Rocken, voll

Von Sehnsucht und vom Freunde träumend,

Und fast unhörbar sagt sie vor sich hin:

„Ich hätte ihn nicht minder stark geliebt!“

Siebzehntes Bild

Wie trüb auch sonst die Tage schleichen

Im Herbst, das Heute ist voll Licht.

Die Sonne zeigt ein hell Gesicht,

Und blanke Silberwellen streichen

Am Himmel hin. Den Weg herab

Mit Rucksack kommt und Wanderstab

Ein Fremder matt und scheu daher.

Voll Trauer, wie ein Greis gebeugt,

Geht er die Postchaussee. Nichts zeugt

Vom alten Hans, fast gar nichts mehr.

Sein halberloschner Blick umschweift

Das Meer der gelben Ährenwellen,

Der Berge bunten Kranz. Es greift

Der schöne Traum sein Herz; es schwellen

Des Allvergessens Seligkeiten

Die Brust. Doch die Gedanken schreiten,

Ach, einem andern Ziele zu.

Nichts wär’ ihm nötiger als Ruh’.

Er kommt, so scheint’s, von weit, weit her.

Sein Atem keucht und schmerzt, und schwer

Schmerzt seine Seele ihn und ächzt.

Er denkt, doch kein Gedanke lechzt

Nach Ruh’. — Wem gilt sein tiefes Grübeln?

Erstaunt, wie er mit allen Übeln

Von dem Geschick gemartert ward;

Des eitlen Tuns erstaunt, wie er genarrt,

Lacht bitter auf er, daß er trunken

Die Welt des Wahns, so hassenswert,

In seiner Unvernunft begehrt

Und ihrem leeren Glanz versunken;

Daß er sich in der Menschen Schoß,

Von ihrem eklen Tun wie toll

Berauscht, bezaubert, — schwankungslos

Geworfen kühn und glaubensvoll.

Ach, kalt wie Gräber waren sie,

Habgier und Ehrsucht galt allein,

Nichts sonst, — und wie verächtlich Vieh

So tierisch, ach, und so gemein.

Sie zogen in den Staub, was gut

Und hehr. Es schalten ihre Zungen

Verächtlich nur Begeisterungen

Und Geistestat. Falsch war die Glut;

Und wenn sie sich emporgeschwungen,

Verderben rings. Wer lauschte schon

Der Reden einschläferndem Ton

Und bebte nicht? Von Gift wie schwer

Ihr Atem, wie voll Lüge ist

Ihr Herzschlag und ihr Geist voll List;

Wie hohl die Worte und wie leer!


Ja, tausendfach war ihm die Wahrheit

Begegnet und von ihm erkannt.

Doch ward zu höherm Glück die Klarheit

Ihm in der Seele Träumerland?

Wie ferne Sternenhelle zog

Verlockend ihn der Ruhm. Allein

Sein blinkend Gift war scharf, es trog

Der dichte Qualm ihm vor den Schein.


Der Tag versinkt im West. Die Schatten

Des Abends wachsen, und die matten,

Hellweißen Wolkenränder glühen

In greller Röte auf. Die dunkeln

Vergilbten Blätter alle sprühen

Von goldnem Strahlenwerk und funkeln.

Der Wiesengrund der Heimat tut

Sich vor dem Wandrer auf. Es füllt

Den matten Blick urplötzlich Glut,

Und eine heiße Träne quillt.

Die Freuden aus vergangnen Jahren,

Harmloser Späße, alter Träume Scharen,

Sie engen ihm die Brust und rauben

Den Atem ihm. Er will’s nicht glauben

Und sinnt dem Grund nach und beginnt

Zu weinen wie ein schwaches Kind.


Meditationen

Der Augenblick, da wunderbar

Ein Auserkorner im Gefühl

Der höchsten Kraft und Selbsterkenntnis

Erfaßt des Daseins höchstes Ziel,

Der sei gesegnet immerdar.

Nicht leerer Träume Schattenpracht

Und nicht des Ruhmes Flitterglanz

Stört ihn und lockt bei Tag und Nacht

Ihn in den lauten Wirbeltanz

Der Welt. Sein Sinn hat junge Kraft,

Ist Ansporn ihm und einz’ger Rat,

Reizt ihn und treibt die Leidenschaft

Zu Edlem ihn und großer Tat.

Für sie setzt er sein Leben ein;

Mag auch der Torenpöbel schrein,

Er wird lebend’ger Trümmer wegen

Nicht wankend, denn er hört allein

Der Enkelzeit rauschenden Segen.


Wenn aber Trug und Traumgestalten

Mit Sucht nach Glanz ein Herz beseelen,

Dem Willenskraft und Härte fehlen,

Im Wirrwarr standhaft sich zu halten,

Dann ist es besser, ohne Fülle

Das Feld des Lebens zu durchmessen,

In der Familie, in der Stille

Des Weltenlärmes zu vergessen. — —

Achtzehntes Bild

Die Sterne gehen auf in Harmonie.

Mit mildem Blicke schweifen sie

Ob all der Schlafversunkenheit

Als Wächter leisen Menschenschlummers.

Sie senden Ruh’ der Guten Leid,

Und Bösen — des Gewissenskummers

Todbringend Gift. — Was schickt ihr nicht

Der Trübsal Frieden jetzt? Ihr seid

Des Menschen Freude, tröstend Licht. —

Wenn seine Blicke voller Leid

Und Kummer flehend an euch haften,

Hört er den Streit der Leidenschaften

Im Herzen; und er ruft euch laut,

Bis er die Schmerzen euch vertraut. —

Noch ist Luise traurig-müd;

Und noch entkleidet nicht; sie blickt

Verträumt, weil aller Schlaf sie flieht,

Noch in die Herbstnacht unverrückt.

Ihr Sinn beschwört das alte Bild.

Da füllt sie Heiterkeit und weitet

Das Herz ihr, dem ein Lied entquillt,

Das am Spinett sie froh begleitet.

Das Laub fällt raschelnd von den Bäumen,

Durch die der Hofzaun blinkt. — Hans steht

In des Vergessens süßen Träumen,

Vom Mantel eingehüllt, und späht

Und lauscht. — Soll er noch länger säumen? —

Wie wird es ihm jetzt bei dem Klange

Der Stimme, die ihm nicht geklungen

Seit seiner Trennung, die ihm lange,

So lange, lange nicht gesungen!

Das Lied, das heißer Leidenschaft,

Das, sangesfrohem Mut entquollen

Und all dem Übermaß der Kraft,

Begeistert einst und froh erschollen,

Sein Lied, es schwillt ihm durch den Regen

Der Blätter wonnesam entgegen:

Dich rufe ich! Ich rufe dich,

Des Lächeln mich bezaubert hat,

Mein Lieb! Viel Stunden setze ich

Mich zu dir, und es sehen sich

Die Augen doch an dir nicht satt.

Du singst: — geheimnisvolle Klänge,

Des Herzens reinste Töne hallen

Und zittern durch die Luft und schallen

Wie Schlag von tausend Nachtigallen,

Als ob ein Silberbach mir sänge.

Schnell zu mir! Lehn’ dich an mich, schnelle,

Durchbebt von Gluten, wundersamen.

Dein Herz brennt in der Stille helle,

Und deine Ruh’ strömt Well’ auf Welle

In mich die heißen Liebesflammen.

Bist du mir fern, dann quält mich Wehe.

Vergessen gibt es nicht für mich.

Wenn ich erwach’, zur Ruhe gehe,

Stets bete ich und stets erflehe

Ich Glück, mein Engel, nur für dich! —


War’s Täuschung, was sie sah? Es sprühten

Zwei Feuer auf; zwei Augen glühten

Dicht vor ihr, dicht. Und sie vernahm,

Wie jemand seufzend näher kam.

Angst packt sie, Zittern fällt sie an;

Sie wendet sich und ... Hans! ... wer kann

Solch wundersames Wiedersehen,

Kann der Gefühle eignen Bann,

Der Blicke Flammensprach’ verstehen?

Wer kann die Feuerworte finden,

Zu schildern recht, wie das Empfinden,

Aufwogend wild, die Brust durchspült

Und unser tiefstes Herz durchwühlt?

Man bebt, erblaßt, vor Freude schwach.

Gedanken, Worte fehlen; ach,

Voll Seligkeit entringt im Überschwang

Der Brust sich nur ein heller Klang.


Hans faßt allmählich sich. Er blickt

Durch Tränen ihr ins Angesicht

Und denkt: „In Traum bin ich entrückt;

Erwachte ich doch ewig nicht!

Sie ist noch die, die mich umfaßt

Mit kindlich innigem Verlangen.

Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last

Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt

Ist jetzt das frische Rot der Wangen.

Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen

Zu finden, floh von ihrem Herzen.“

Des Leidensschlafes Schwere sank

Von ihm; gesund und ruhig ward

Er wieder, er, den Stürme lang

Geschüttelt, wild durchtobt und hart. —

So strahlt die Welt stets sonnenblank

Aufs neu. — In Glut gehärtet Stahl

Glänzt stärker, heller tausendmal. —

Die Gäste zechen. Ihre Runde

Gehn Glas und Becher und erklingen.

Die Alten plaudern manche Stunde.

Derweil sich heiß im Tanze schwingen

Die Jünglinge, da lärmt und schallt

Die heiterste Musik. In Saus und Braus

Herrscht Freude über Alt und Jung;

Und gastlich ladend lacht das Haus.

Der Bäuerinnen junge Schar

Bringt blaue Veilchen für die Braut,

Dem Bräut’gam Flammenrosen dar.

Sie schmücken das verliebte Paar.

„Bleibt lang noch jung,“ so hallt es laut,

„Blüht, wie hier diese Veilchen blühn

Vom Felde, frisch und immer grün.

Mag euer Herz von Liebe, schaut,

Wie dieser Rosen Feuer glühn!“


Von Zärtlichkeit ganz hingerissen

harrt Hans erbebend schon. Sein Blick

Ist helle Freude, tiefes Glück.

Sein Herz will unverstellt genießen,

Nachdem des Zwanges Panzerkleid

Gefallen ist, die Seligkeit.

Euch, Träume voller Trug und List,

Wird nun nicht mehr vergöttern er,

Der ird’scher Schönheit Diener ist. —

Doch was umdüstert ihn so schwer?

(Unfaßlich ist des Menschen Art!)

Von seinen Träumen scheidend, starrt

Er ihnen trauernd nach, verloren,

Wie einem, dem er Treu’ geschworen. —

So harrt der Schüler vor dem Schlage

Der Glocke am ersehnten Tage

Des letzten Unterrichts. Ganz voll

Von Plänen und vor Freude toll,

Spinnt er sich Träume. Ohne Klage,

Zufrieden mit der Welt und sich in lang

Entbehrter Freiheit Überschwang.

Doch wenn die Abschiedsstunde naht

Von Haus und Freund und Kamerad,

Mit denen Arbeit er und Ruh’, die Zeit

Geteilt und Lust an tollen Streichen,

Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen

Ins Aug’ ihm, und er fühlt ein Leid. —

Epilog

Es heben in der Öde sich und steigen

In meines Tempels Einsamkeit,

Die unerkannt und unentweiht

Von eines Menschen Fuß, im Schweigen

Der Seele Träume auf. Wie weit

Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen?

Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht?

Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen,

Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit?

Voll ungewollter Rührung singe

Mein Lied ich, rätselhaft erregt,

Das stille Lied, das mich bewegt

Und das ich dir als Loblied bringe,

Mein Deutschland! Hoher Pläne Land,

Der Feen und Geister Königtum,

Mein Herz ist voll von deinem Ruhm!

Der große Goethe hält die Hand

Als Schutzgeist über dein Gedeihn.

Mit seinen hohen Liedern bannt

Er jede Not von dir und Pein. — —

Beilage
Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski

I.
Gogols Brief an Bjelinski

Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).

Ich habe Ihren Aufsatz über mich im „Sowremennik“ mit schmerzlichem Bedauern gelesen — nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt, gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe, daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen, sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist [wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen. Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.

Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde, schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden, enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken, die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte, daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen. Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten Herzens zu schonen — meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist bitter, sehr bitter für mich — dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig — zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle.

N. G.

II.
Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch

Frankfurt, den 20. Juni (1847).

Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können. Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich Bjelinskis Kritik im zweiten Heft des „Zeitgenossen“ (Sowremennik). Er scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen, herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst, Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose verliert. Wahrscheinlich hat er die „Leithämmel“[6] auf sich bezogen, und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen. Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte, die ich angeblich nicht zu ertragen vermag — du weißt doch, daß ich die härtesten Worte vertragen kann —, sondern weil dieser Mensch doch immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat, so mag er sie im „Zeitgenossen“ (Sowremennik) an mir auslassen und zwar in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte, so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen darfst.

Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...

III.
Bjelinskis Brief an Gogol

Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines verärgerten Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat. Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund. Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls, seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.

Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft geliebt, mit der ein Mensch — den die Bande des Blutes mit seinem Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm — einen seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube, meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen. Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre, selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, — so sind Sie allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich, erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das käme daher, weil Sie Rußland nur als Künstler so tief und gründlich kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben, Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in dieser schönen Ferne ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus, sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird, ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht, sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen, die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum mindesten der Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen Peitsche dokumentiert wird.

Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können, und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein! Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet, ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis sei.

Und dann der Ausdruck: „O du ungewaschenes Maul!“ Welchem Nosdrjow, welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht, wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank ... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute, Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten — was tuen Sie! Blicken Sie vor sich hin — Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein? Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so lange das Heil der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen — und das ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich möglich sein, daß Sie, der Verfasser des „Revisors“ und der „Toten Seelen“, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war, als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; — wie —? sollten Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht ... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut — so betet man zu ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen — so deckt man die Töpfe mit ihnen zu.

Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität. Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm: ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben, dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk: mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand, und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche, scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt.

Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet, die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist sehr bequem und daher sehr — einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer schönen Ferne; aus der Nähe gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. — Ich will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik, von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt: wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den Psychiatern unter dem Namen religiosa mania bekannt ist, ergriffen wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der Gesellschaft kompromittieren würde. — Wir sind halt dumme Kerle —, wir Russen.

Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was soll ich Ihnen darauf sagen?

Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem Sie ihn niederschrieben. — Aber vielleicht werden Sie entgegnen: „Es ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?“ Darauf antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden. Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese Folgerung bald wieder fallen gelassen — denn es ist doch ganz klar, daß dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde, oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist. Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet, dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber als Mensch geschadet hat.

Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn, Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund, weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung, selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten. Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im „Revisor“, in den „Toten Seelen“ mit geringerer Schärfe und weniger Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur Raserei, aber der „Revisor“ und die „Toten Seelen“ sind darum doch nicht vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein schlechtes Buch zu verzeihen, nie aber wird es ihm ein schädliches Buch vergeben. Das beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie sich über die Niederlage Ihres Buches.

Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem Preise verkaufen lassen — wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.

Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für unsere Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist, wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig fremd sind, bedrückt werden, — der trägt Christus in seiner Brust und der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei, zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt, sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie sprechen auch so von sich selbst — und das ist einfach häßlich; denn wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus Ihrem Buch.

Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: „Die Menschen sind heute allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.“ Glauben Sie wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch, daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre Wort- und Phrasenflitter — ein Werk des Verfassers der „Toten Seelen“ und des „Revisors“ sein könnte!

Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen. Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen, wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung lächerlich macht, aber auch das ist eine bittere Notwendigkeit, denn es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen — selbst für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe — mit Haß und Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben. Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich) veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen seines „matten an der Erde klebenden Verses“. Das alles ist nicht schön. Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht geworden waren) — das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs tiefste.