Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht, Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht tun können, da die dortigen „Schpekins“ fremde Briefe öffnen, und zwar nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise. Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die russische Gesellschaft, um Rußland.
Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern.
Salzbrunn, den 15. Juli 1847.
IV.
Gogol an Bjelinski[8]
Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht mit Ihren eigenen Worten: „Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines Abgrundes!“ Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe, ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so sehe ich, daß sie Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den höchsten Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen. Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah, daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können. Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne, ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird. Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist. Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den wichtigsten Dingen zu reden?
Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe ihr Ziel verfehlen? — Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert werden, daß sein Beruf heilig ist. — Er sollte daran denken, welch strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen Gefühlen versinken. — Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher, weil jeder sein eigenes Steckenpferd hat? Der eine guckt nach England, ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht, daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen Zivilisation; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort? Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser Zivilisation angenommen ...
Wo haben Sie ferner die Meinung hergenommen, daß ich einen Hymnus auf unsere Geistlichkeit gedichtet habe? Ich habe gesagt, die Predigt des Priesters der morgenländischen Kirche solle in seinem Leben und in seinen Taten bestehen. Und woher kommt dieser Geist des Hasses bei Ihnen? Ich habe sehr viel schlimme Pfarrer gekannt und kann Ihnen sehr viele komische Anekdoten über sie erzählen, aber dafür bin ich auch solchen Priestern begegnet, über deren heiligen Lebenswandel und über deren hohe Taten ich staunen mußte, und ich sah, daß sie Produkte unserer morgenländischen und nicht solche der abendländischen Kirche waren. Es ist mir also gar nicht eingefallen, einen Hymnus auf unsere Geistlichkeit zu singen, die unsere Kirche schändet, wohl aber auf die Geistlichen, die dazu beitragen, sie zu erhöhen.
Wie merkwürdig ist doch meine Lage, daß ich mich gegen Angriffe verteidigen muß, die sich alle gar nicht gegen mich und gegen mein Buch richten! Sie sagen, Sie hätten mein Buch angeblich hundertmal gelesen, während Ihre eigenen Worte davon zeugen, daß Sie es nicht ein einziges Mal gelesen haben. Der Zorn hat Ihre Augen umnebelt und trägt die Schuld, daß Sie nichts in seinem wahren Lichte gesehen haben. Hie und da leuchtet ein Funke von Wahrheit inmitten eines ungeheuren Haufens von Sophismen und unüberlegter jugendlicher schwärmerischer Verirrungen auf. Aber welcher Mangel an Bildung! Wie kann man es wagen, bei so einem geringen Fond von Kenntnissen von so großen Erscheinungen zu sprechen? Sie scheiden die Kirche vom Christentum, dieselbe Kirche und dieselben Priester, die durch ihren Märtyrertod die Wahrheit jedes Wortes, das aus Christi Munde kam, besiegelt haben, von denen Tausende durch das Messer und das Schwert des Mörders umkamen, für den sie beteten, bis sie schließlich ihre Henker ermüdeten, so daß die Sieger den Besiegten zu Füßen fielen und die ganze Welt sich zu ihrer Lehre bekannte. Und diese selben Priester, diese Bischöfe und Märtyrer, die das Heiligtum der Kirche auf ihren Schultern durch alle Fährnisse hindurchgetragen und gerettet haben, wollen Sie von Christus scheiden, indem Sie sie falsche Ausleger der Lehre Christi nennen! Wer kann denn dann heute Ihrer Ansicht nach Christus besser und genauer auslegen? Etwa die heutigen Kommunisten und Sozialisten, die da behaupten, Christus habe geboten, den Menschen ihr Eigentum wegzunehmen und die auszuplündern, die sich ein Vermögen erworben haben? Kommen Sie doch zur Besinnung — wohin sind Sie geraten? Sie erklären, daß Voltaire dem Christentum einen Dienst geleistet habe, und sagen, das sei jedem Gymnasiasten bekannt. Als ich noch auf dem Gymnasium war, habe ich selbst damals nicht für Voltaire geschwärmt. Ich war schon damals klug genug, um zu sehen, daß Voltaire ein gewandter Witzling, aber keineswegs ein tiefer Mensch war. Für einen Voltaire konnte weder ein Puschkin, noch ein Ssuworow schwärmen, wie überhaupt kein mehr oder weniger umfassender Geist. Voltaire ist trotz aller seiner glänzenden Aperçus immer nur der Franzose geblieben, der davon überzeugt ist, daß man lachend und scherzend von allen hohen Gegenständen sprechen kann. Von ihm kann man sagen, was Puschkin von den Franzosen im allgemeinen gesagt hat:
Der Franzos ist ein Kind,
Er stürzt geschwind
Einen Thron über Nacht,
Schafft Gesetz und Macht,
Ist schnell — wie der Blitz
Und leer wie der Witz.
Er reizt und macht,
Daß man staunt und lacht
— — — — — — —
Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den Geist nur und konzentriert ihn nicht.
Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen Bauern sagen — Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken, daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, als Sie. Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute, von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken zugestanden haben. Was aber wollen Sie zum Beweise Ihrer Kenntnis des russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen, daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ... Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.
Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit erstaunt, mit der Sie erklären: „Ich kenne unsere Gesellschaft und den Geist, der sie beseelt.“ Wie kann man für dies sich jeden Augenblick verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden, während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ... ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben.
Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art, als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen Gemeinwesen keine Ordnung geben.
Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es 1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all ihren Torheiten beschert hat.
Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.
V.
Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle aufgefunden worden ist
Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre — wo das doch eine Frage ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie man erst die Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem Volke stehen, und dann erst das Volk selbst. Alle diese kleinen Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß — nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte ausdrücken: „Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich“ oder „Denke daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du“ — sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß das Recht wirklich eingehalten werde ...
VI.
Gogol an W. G. Bjelinski[9]
Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute, die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft, das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt, von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie, noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben. Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen, daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein: jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder. Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß, so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann.
N. Gogol.
Nachtrag
Band VII und VIII
Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte, unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte, einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das VII. Kapitel: Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee. An W. M. Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen Zeitschrift gesandt. — Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von Gogol aus Schwalbach: Die Vorrede (Band VII, Seite 1 ff.) und die ersten sechs Stücke des „Briefwechsels“ zugeschickt. Zwischen dem 13. und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14, Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils — gleichfalls aus Ostende — nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite 151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3. Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem Aufsatz: An einen hochgestellten Mann ein (Band VII, Nr. 28, Seite 323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10. Kapitel: Über das Lyrische bei unseren Poeten. An W. A. Schukowski (Band VII, Seite 85 ff.).
Die Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden erschien im Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18. August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung: der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28 (Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später in der „Gesamtausgabe“ von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von Tschischow veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.
Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846, „die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen“. Die neue veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: „Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...“ (Band VII, Seite 100, Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: „daher nehmen ihre Töne einen biblischen Charakter an“ (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): „Die souveräne Gewalt des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in Erscheinung treten läßt — jene höchsten kollektiven Attribute und Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze Million wie einen Menschen liebgewinnen — das ist weit schwerer, als nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf die Rettung der eigenen Familie hofft, — das kann nur der in vollem Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende Obergewalt dahinfiele — so würde der menschliche Geist verarmen. Diese souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt — ist eine Torheit, wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn, Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch deutlicher in der Geschichte des Volkes in Erscheinung treten, das Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk! Wie beeilte Er Sich Selbst dann noch nicht, als die Gottlosigkeit und die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach: ‚Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!‘ Und wer war es, der so sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es sehr schwer ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und, nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war, sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah, daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen, um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte — der geistlichen und weltlichen — verkörperten, und zwar in der Weise, daß nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen Charakter an.“
Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine Freunde, die in dem „Briefwechsel“ Aufnahme fanden und erst nach einer durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer, je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel:
1) Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen (Band VII, Nr. 5, Seite 43) und
2) Die drei ersten Briefe über die Toten Seelen (Band VII, Nr. 18, Seite 175).
Aus dem Jahre 1844 stammen folgende Aufsätze und Briefe:
1) Diskussionen. Aus einem Briefe an L***. (Band VII, Nr. 11, Seite 111.)
2) Liebt unser russisches Vaterland. Aus einem Briefe an den Grafen A. T. (Band VII, Nr. 19, Seite 203.) Dieses Stück stammt aus der zweiten Hälfte des Jahres 1844.
3) Etwas über die Bedeutung des Worts. (Band VII, Nr. 4, Seite 35.) Diese Betrachtung ist wahrscheinlich Ende Oktober des Jahres 1844 niedergeschrieben.
4) Wie man den Armen helfen soll. Aus einem Briefe an A. O. Sm—rn—wa. (Band VII, Nr. 6, Seite 49.) Ist gegen Ende des Jahres 1844 niedergeschrieben.
5) Über die Aufgaben der lyrischen Dichtung unserer Zeit. Zwei Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 15, Seite 151.) Der erste Brief ist vom 2. Dezember, der zweite vom 26. Dezember 1844 datiert.
6) An einen kurzsichtigen Freund. (Band VII, Nr. 27, Seite 317.)
Aus dem Jahre 1845 stammt der erste Entwurf folgender Stücke:
1) Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee. An N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 7, Seite 55.) Ein Brief, der zu Beginn des Jahres geschrieben ist.
2) An einen hochgestellten Mann. (Band VII, Nr. 28, Seite 323.) Die Idee zu diesem Schreiben rührt vom Ende des Jahres 1844 her. Niedergeschrieben wurde es im Februar und März des Jahres 1845.
3) Vom Theater, von einer einseitigen Ansicht über das Theater und von der Einseitigkeit überhaupt. An den Grafen A. P. T... (Band VII, Nr. 14, Seite 129) — ist im März und April 1845 niedergeschrieben.
4) Lernt Rußland kennen. Aus einem Briefe an den Grafen P. T. (Band VII, Nr. 20, Seite 209) — stammt aus derselben Zeit (oder vom Ende des Jahres 1845?).
5) Mein Testament (Band VII, Nr. 1, Seite 9) stammt aus dem Juli(?) 1845.
6) Über ländliche Pflege und Gerichtsbarkeit (Band VII, Nr. 25, Seite 301).
7) Wessen Los auf Erden das beste ist. Aus einem Briefe an U. (Band VII, Nr. 29, Seite 359.)
Mehr als die Hälfte der Briefe, die in die „Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“ aufgenommen wurden, stammen aus dem Jahre 1846. In einem Brief aus diesem Jahre schreibt Gogol an Schewyrjow: „Während dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nie geführt habe. Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahestehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und Hilfe von mir“ (vgl. Band VII, Seite 163 ff.). „Während der letzten Zeit“, fährt Gogol fort, „kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können.“ Am meisten von Krankheit gequält war Gogol in den ersten zwei Monaten des Jahres 1846; dies war auch sonst eine sehr schwere Zeit für ihn. Gogol arbeitete während dieser Monate intensiv an der „Auswahl aus dem Briefwechsel“. „Gleichzeitig brauchte er eine Kur, machte er Reisen, war er von schweren Sorgen gequält und mußte sich um Dinge kümmern, von deren Schwierigkeit seine Freunde keine Ahnung hatten.“ Zugleich aber mußte er zahlreiche, sehr verschieden geartete Briefe erwidern, die nicht in leichtfertiger, sondern in wohlüberlegter Weise beantwortet sein wollten. Höchstwahrscheinlich erfolgte die Antwort auf einzelne Briefe vor der Öffentlichkeit, d. h. in der „Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“, und es wäre vergeblich, nach dem ursprünglichen Text der Briefe, die unmittelbar an die Fragesteller gerichtet waren, zu forschen. „Auf Ihren langen Brief“, schreibt Gogol im Jahre 1846 an die Gräfin ***, „... antworte ich ... nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern wie Sie sehen, in einem gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird“ (vgl. Band VII, Seite 309 ff.). Die an Schewyrjow gerichteten Briefe aus der „Auswahl“ waren unter den Papieren Schewyrjows nicht zu finden, wahrscheinlich hat er sie auch erst gelesen, als sie bereits gedruckt in Buchform vorlagen. Es ist daher heute noch für den größten Teil der Briefe vom Jahre 1846, die in der „Auswahl“ enthalten sind, kaum möglich, die chronologische Reihenfolge genau festzustellen, ebensowenig wie sich zurzeit die Frage beantworten läßt, ob schriftliche Antworten auf die an Gogol gerichteten Fragen vorliegen. In den Papieren Schewyrjows wurde nicht ein Brief Gogols aus dem Jahre 1846 gefunden, der in die Auswahl aus dem Briefwechsel usw. aufgenommen wurde.
Aus dem Jahre 1846 stammen folgende Briefe und Aufsätze der „Auswahl“:
1) Über das Lyrische bei unseren Poeten. An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 10, Seite 85.) Dieses Stück wurde 1845 niedergeschrieben und 1846 nochmals umgearbeitet.
2) Was die Frau ihrem Manne im häuslichen Leben des Alltags und bei den heutigen Zuständen in Rußland sein kann. (Band VII, Nr. 24, Seite 291.) Dieses Stück stammt etwa aus dem September dieses Jahres und scheint unmittelbar für den Druck bestimmt gewesen zu sein.
3) Einige Worte über unsere Kirche und unsere Geistlichkeit. Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 8, Seite 73) und
4) Über denselben Gegenstand. Aus einem Briefe an den Grafen A. P. T. (Band VII, Nr. 9, Seite 79.) 3 und 4 stammen aus der ersten Hälfte des Jahres 1846.
5) Der Historienmaler Iwanow. An M. Ju. Weligurski. (Band VII, Nr. 23, Seite 271.) Dieser Brief, der im Februar oder März dieses Jahres an den Grafen W. abgesandt wurde, wurde nachträglich, d. h. im August oder September, nochmals für den Druck umgearbeitet.
7) Karamsin. Aus einem Briefe an N. M. Jasykow. (Band VII, Nr. 13, Seite 123.) Der erste Entwurf dieses Briefes ist am 5. Mai 1846 niedergeschrieben.
8) Über die Aufklärung. An W. A. Schukowski. (Band VII, Nr. 17, Seite 167.) Stammt aus dem Juni und Juli dieses Jahres.
9) Was eine Gouverneursgattin ist. An Fr. A. O. S. (Band VII, Nr. 21, Seite 227.) Der erste Entwurf dieses Briefes stammt aus der zweiten Juli-Hälfte des Jahres 1845, er wurde am 4. Juli 1846 in neuer verbesserter Fassung an Frau A. O. Smirnowa gesandt und endlich im September 1846 und 1847 für die Drucklegung nochmals umgearbeitet.
10) Rußlands Schrecken und Grauen. An die Gräfin *** (Band VII, Nr. 26, Seite 307) ist zu Beginn des August 1846 niedergeschrieben.
11) Wesen und Eigenart der russischen Poesie. (Band VII, Nr. 31, Seite 369.) Dieser Aufsatz wurde „während dreier Epochen“ geschrieben, er ist 1836 oder 1843 (?) begonnen und im September 1846 für die Drucklegung vollendet.
12) Die Frau in der vornehmen Welt. An Frau ***. (Band VII, Nr. 2, Seite 21.)
13) Der Christ schreitet vorwärts. An Schtsch—w. (Band VII, Nr. 12, Seite 117.)
14) Ratschläge. An S. P. Schewyrew. (Band VII, Nr. 16, Seite 161.)
15) Der vierte Brief über die Toten Seelen. (Band VII, Nr. 18, IV, Seite 199.)
16) Der russische Gutsbesitzer. An B. N. B. (Band VII, Nr. 22, Seite 255.) Die Originalmanuskripte der letzten fünf Briefe sind unbekannt. Wahrscheinlich sind diese Stücke gleich für die „Auswahl“ geschrieben. Der erste Brief wurde am 30. Juli druckfertig abgesandt, der zweite am 13. (25.) August, der dritte und vierte am 12. September neuen Stils, der fünfte am 26. September.
Die Vorrede (Band VII, Seite 1 ff.) zur „Auswahl“ stammt aus dem August des Jahres 1846.
Der Aufsatz: Auferstehungstag (Band VII, Nr. 32, Seite 447) trägt kein Datum.
Der Brief an Arkadius Ossipowitsch Rosetti (Band VIII, Nr. 1, Seite 1) ist in Neapel geschrieben und wurde am 15. April 1847 abgesandt.
Über den „Zeitgenossen“; (Sowremennik); (Band VIII, Nr. 2, Seite 11), ein Brief an P. A. Pletnjew, ist vom 4. Dezember 1846 datiert.
Die Beichte des Dichters (Band VIII, Nr. 3, Seite 33) ist im Mai 1847 begonnen und noch in demselben Jahre vollendet.
Der Brief an W. A. Schukowski (Band VIII, Nr. 4, Seite 101) wurde am 10. Januar 1848 (den 29. Dezember 1847) aus Neapel an Schukowski gesandt.
Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie (Band VIII, Nr. 5, Seite 115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem (d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10].
Hans Küchelgarten. Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem Pseudonym W. Alow drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission. Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi offenkundig abgelehnt.
Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski. (Band VIII, Seite 369.)
Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der „Auswahl“, da er ein helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die „Auswahl aus dem Briefwechsel“ bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der „Toten Seelen“ setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte. Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den „Briefwechsel“ zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht unbeträchtliche Teile aus dem „Briefwechsel“ herausstrich, ebenso wie Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete, mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen.
Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte Bjelinski im zweiten Heft des „Sowremjennik“ (Zeitgenossen) eine außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht.
Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen Freiheitskampf Rußlands gespielt hat.
Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten. Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London erscheinenden „Polarstern“. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872 auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der russischen Revolution.
Chronologische Tabelle der Werke Gogols
Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl.