WeRead Powered by ReaderPub
Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten cover

Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten / Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

Chapter 7: Vorrede
Open in WeRead

About This Book

The volume gathers correspondence, essays and fragments in which the author reflects on the reception of his work, explains his motives for publishing letters, and seeks candid observations about contemporaries to sharpen his portrait of society. He confesses personal embarrassment at earlier tone, describes plans to revise and moderate published passages, and urges friends to record character sketches and everyday details to inform his fiction. Complementary pieces include a poet's confession, meditations on liturgy, youthful writings and incomplete fragments, all united by an intense interest in human nature and a desire to refine a plain, truthful style.

An W. A. Schukowski

Neapel, den 10. Januar 1848./29. Dezember 1847.

Ich bin in deiner Schuld, lieber Freund! Jeden Tag nehme ich mir vor, zu schreiben — aber eine unbegreifliche Unlust hindert mich immer wieder daran. Wieder liegen Neapel, der Vesuv und das Meer vor mir! Die Tage fliehen in steter Beschäftigung dahin, die Zeit vergeht so schnell, daß man nicht weiß, wie man eine Stunde erübrigen soll. Ich lerne wie ein Schuljunge und hole alles nach, was ich in der Schule zu lernen unterlassen habe. Aber wozu soll ich davon erzählen! Ich möchte davon sprechen, wovon ich mit dir allein sprechen kann: nämlich von unserer lieben Kunst, für die ich lebe und um derentwillen ich jetzt arbeite und lerne wie ein Schulknabe. Da ich jetzt vor einer Reise nach Jerusalem stehe, möchte ich dir mein Herz ausschütten; wem gegenüber könnte ich das auch tun, wenn nicht dir gegenüber? Die Literatur hat ja doch fast mein ganzes Leben ausgefüllt, und hier liegen meine Hauptsünden.

Nun sind es bald zwanzig Jahre, daß ich, ein Jüngling, der kaum ins Leben getreten war, zum erstenmal zu dir kam, der bereits den halben Weg auf diesem Felde zurückgelegt hatte. Das war im Schlosse von Schepelejow. Das Zimmer, wo diese Begegnung stattfand, existiert bereits nicht mehr; aber ich sehe es noch deutlich und in allen Einzelheiten — bis auf das kleinste Möbelstück und die geringsten Sachen, die darin standen, vor mir, wie wenn es heute wäre. Du reichtest mir die Hand und warst ganz erfüllt vom Verlangen, dem künftigen Mitkämpfer zu helfen. Wie wohlwollend und liebevoll war dein Blick! ... Was war es, das uns, zwei Menschen von so verschiedenem Alter, zusammenführte? Es war die Kunst! Wir fühlten, daß zwischen uns eine Verwandtschaft bestand, die stärker war als die gewöhnliche Blutsverwandtschaft. Und woher kam das? Weil wir beide etwas von der Heiligkeit der Kunst verspürt hatten.

Es ist nicht meine Sache, zu entscheiden, in welchem Maße ich Dichter bin; ich weiß nur das eine, daß ich, noch ehe ich die Bedeutung und das Ziel der Kunst verstehen lernte, schon wie durch einen geheimen Instinkt meiner ganzen Seele empfand, daß sie was Heiliges sein müsse. Und so wurde sie denn, wohl von dieser unserer ersten Begegnung ab, das Erste, die wichtigste Angelegenheit meines Lebens, während alles andere an die zweite Stelle rückte. Es schien mir so, als ob ich mich von nun ab durch keine anderen Bande mehr an die Erde fesseln lassen dürfte, weder durch die Familie, noch durch das amtliche Leben des Bürgers, und daß die literarische Laufbahn auch eine Art Dienst sei. Noch gab ich mir keine Rechenschaft (konnte ich sie mir denn damals auch geben?), was der Gegenstand meiner literarischen Tätigkeit sein müsse, aber schon regte sich die schöpferische Kraft in mir und ich wurde durch die näheren Lebensumstände selbst auf bestimmte Gegenstände hingewiesen. Dies alles spielte sich gleichsam unabhängig von meiner eigenen (freien) Willkür ab. So dachte ich zum Beispiel niemals daran, daß ich einmal ein satirischer Schriftsteller werden und meine Leser zum Lachen reizen würde. Allerdings hatte ich schon in der Schule bisweilen eine gewisse Neigung zur Lustigkeit und ich plagte meine Mitschüler mit unpassenden Scherzen. Aber das waren vorübergehende Anwandlungen; im allgemeinen hatte ich eher einen melancholischen Charakter und ein zum Nachdenken neigendes Wesen. Später kamen noch Krankheit und Hypochondrie dazu, und diese Krankheit und Hypochondrie waren die Ursache jener ausgelassenen Lustigkeit, die sich in meinen ersten Werken bemerkbar macht. Um mich selbst zu zerstreuen, pflegte ich mir ohne jede weitere Absicht und ganz planlos gewisse Charaktere auszudenken, die ich dann in komische Situationen versetzte — und das war der Ursprung meiner Erzählungen! Meine Leidenschaft für die Menschenbeobachtung, die mich schon seit den frühesten Tagen meiner Kindheit erfüllte, verlieh meinen Gestalten etwas Natürliches; man sagte sogar von ihnen, es seien getreue Porträts nach der Natur. Dazu kommt noch ein anderer Umstand: mein Lachen hatte anfänglich etwas Gutmütiges, ich dachte gar nicht daran, irgendein Ding in einer ganz bestimmten Absicht zu verspotten, und ich war aufs höchste erstaunt, wenn ich hörte, es fühle sich jemand gekränkt oder ganze Gesellschaftsklassen und -stände zürnten mir darob, so daß ich schließlich nachdenklich wurde. „Wenn die Macht des Gelächters so groß ist, daß man es fürchtet, so darf man es nicht mißbrauchen.“ Ich entschloß mich also, alles Schlechte, das mir bekannt war, zu sammeln, in einem Ganzen zusammenzufassen und dann dieses Ganze dem Gelächter preiszugeben — so entstand der „Revisor“. Das war mein erstes Werk, das aus der Absicht entsprang, einen heilsamen Einfluß auf die Gesellschaft auszuüben, was mir übrigens nicht gelungen ist: man hat aus der Komödie die Absicht herauserkennen wollen, die gesetzliche Ordnung und unsere Regierungsform zu verspotten, während ich nur die eigenmächtige Übertretung dieser rechtmäßigen und gesetzmäßig sanktionierten Ordnung durch einzelne Personen verspotten wollte. Ich zürnte sowohl meinen Zuschauern, die mich nicht verstanden hatten, als auch mir selbst, der die Schuld daran trug, daß ich nicht verstanden worden war. Ich wollte entfliehen und alles im Stiche lassen. Meine Seele dürstete nach der Einsamkeit, ich hatte das Bedürfnis, aufs ernsthafteste über meinen Beruf und meine Tätigkeit nachzudenken. Schon lange trug ich mich mit dem Gedanken an ein großes Werk, in dem alles Gute und Böse, das es im russischen Menschen gibt, dargestellt und in dem die Eigenart unseres russischen Wesens möglichst klar und deutlich sichtbar gemacht werden sollte. Ich sah und konnte wohl viele von den Teilen einzeln erfassen, aber der Plan des Ganzen wollte sich mir nicht zu voller Klarheit gestalten und so bestimmte Formen annehmen, daß ich ans Werk gehen und mit der Niederschrift beginnen konnte. Bei jedem Schritt fühlte ich, daß mir noch vieles fehlte, daß ich es noch nicht verstand, den Knoten der Vorgänge und Begebenheiten zu schürzen und ihn wieder zu lösen, und daß ich erst bei den großen Meistern in die Schule gehen und von ihnen lernen mußte, wie man ein großes Werk aufbauen und komponieren muß. Ich begann also die großen Meister zu studieren und machte zunächst den Anfang mit unserem lieben Homer. Schon kam es mir so vor, als ob ich etwas zu verstehen begann und sogar anfing, mir ihre Methoden und sogar ihre Kunstgriffe zu eigen zu machen, — allein die schöpferische Fähigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. Mein Kopf tat mir weh von all der Anstrengung. Nur unter Aufwendung großer Mühen gelang es mir, wenigstens den ersten Teil der „Toten Seelen“ herauszugeben, gleichsam um hierbei zu erkennen, wie weit ich noch von dem Ziele entfernt war, nach dem ich strebte. Danach aber wurde ich wieder von einer unfruchtbaren Stimmung erfaßt. Ich kaute an meiner Feder, meine Nerven und alle meine Kräfte waren in einem Zustande der Erregung — und es kam nichts zustande, ich glaubte schon, ich hätte die Fähigkeit zum literarischen Schaffen völlig verloren. Da ließen mich plötzlich Krankheit und schwere seelische Zustände dies alles, ja sogar jeden Gedanken an die Kunst vergessen und lenkten mich wieder auf das hin, wozu ich schon früher, noch ehe ich Schriftsteller geworden war, immer Lust verspürt hatte — nämlich auf die Beobachtung des inneren Menschen und der Menschenseele. Oh, um wieviel tiefer ist die Erkenntnis, die einem aufgeht, wenn man mit seiner eigenen Seele beginnt! Auf diesem Wege trifft man auch ganz unwillkürlich näher mit Ihm zusammen, Der allein unter allen Menschen, die bisher auf Erden wandelten, in Seiner Person eine volle Erkenntnis der Menschenseele an den Tag gelegt hat; selbst wenn die Welt Seine Göttlichkeit leugnen wollte, diese Eigenschaft könnte sie Ihm niemals abstreiten, es sei denn, daß sie nicht bloß blind, sondern ganz einfach dumm geworden wäre. Durch diese schroffe Wendung, die nicht mit meinem Willen geschah, wurde ich dazu veranlaßt, überhaupt tiefer in die Seele hinabzublicken, um zu erfahren, daß es höhere Grade und höhere Erscheinungsformen des Seelischen gibt. Von da ab begann die schöpferische Fähigkeit wieder in mir zu erwachen: wieder beginnen lebendige Gestalten in voller Klarheit vor mir aus dem Nebel emporzutauchen, ich fühle, daß die Arbeit mir glücken, ja, daß selbst meine Sprache korrekt und klangvoll werden und daß mein Stil erstarken wird. Vielleicht wird noch einmal ein künftiger Kreisschullehrer unmittelbar nach einer Seite aus einem Werke von dir seinen Schülern eine Seite aus meiner künftigen Prosa vorlesen und erklärend hinzufügen: „Beide Schriftsteller haben richtig geschrieben, obwohl sie einander nicht gleichen.“ Die Herausgabe meines Buches „Briefwechsel mit meinen Freunden“, mit der ich mich (aus lauter Freude, daß meine Feder wieder einmal in Schwung gekommen war) so beeilt habe, ohne zu überlegen, daß ich, bevor ich mit diesem Buche jemand zu nützen vermochte, mit ihm vielen Leuten den Kopf verwirren konnte, hat mir selbst manchen Vorteil gebracht. An diesem Buche ist es mir klar geworden, wo und in welchem Punkte ich ein Opfer jener Maßlosigkeit und des Überschwangs geworden bin, dem in dem Übergangszustande, in dem sich die Gesellschaft gegenwärtig befindet, fast jeder vorwärtsschreitende Mensch verfällt. Trotz der Parteilichkeit, mit der dieses Buch beurteilt wurde, und trotz der Widersprüche in der Beurteilung, kam doch schließlich die allgemeine Stimme zur Geltung, die mir meinen Platz anwies und mich auf die Grenzen aufmerksam machte, die ich als Schriftsteller nicht überschreiten durfte. In der Tat, es ist nicht meine Aufgabe, durch Predigen zu belehren. Die Kunst ist auch ohnedies schon eine Lehrmeisterin. Meine Aufgabe ist es, durch lebendige Bilder und nicht in der Form der Beweisführung zu den Menschen zu sprechen. Ich muß das Leben selbst und als solches darstellen und nicht Betrachtungen über das Leben anstellen. Das ist eine völlig evidente Wahrheit. Aber es ist die Frage: hätte ich auch ohne diesen großen Umweg ein würdiger Vertreter der Kunst und ein schöpferischer Künstler werden können? hätte ich das Leben so in seinen Tiefen darstellen können, daß es den Menschen wirklich zur Belehrung dienen konnte? Wie vermöchte man Menschen darzustellen, wenn man nicht vorher erkannt hat, was die Seele des Menschen ist? Ein Schriftsteller muß, wenn er bloß die schöpferische Gabe besitzt, eigene Gestalten und Bilder zu produzieren, erst einen Menschen und Bürger seines Landes aus sich machen; erst dann darf er zur Feder greifen! Sonst wird ihm alles mißlingen. Was hilft’s, die Verächtlichen und Lasterhaften zu treffen, indem man sie vor allen Menschen an den Pranger stellt, wenn das Ideal ihres Widerparts, das Ideal des schönen Menschen in uns selbst noch nicht zur Klarheit und Deutlichkeit gediehen ist? Wie soll man die Fehler und das Unwürdige im Menschen darstellen, wenn man sich selbst noch nicht die Frage vorgelegt hat: worin besteht denn eigentlich die Menschenwürde? und so lange man noch keine einigermaßen befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden hat? Wie soll man die Ausnahmen verspotten, wenn man sich noch nicht ganz über die Regeln klar ist, deren Ausnahmen die dargestellten Objekte bilden? Das hieße doch das alte Haus einreißen, ehe man die Möglichkeit hat, ein neues an seiner Stelle zu erbauen. Aber Kunst hat nichts gemein mit Zerstörung. In der Kunst liegt ein Keim des Schöpferischen, ein aufbauendes Element und nicht ein Element der Zerstörung. Das hat man stets empfunden, selbst in Zeiten der allgemeinen Finsternis und Unwissenheit. Bei den Klängen der orphischen Leier wurden Städte erbaut. Trotz des noch ungeklärten und ungeläuterten Begriffs, den unsere Gesellschaft von der Kunst hat, hört man doch schon allgemein sagen: „Die Kunst versöhnt mit dem Leben.“ Das ist wirklich wahr. Ein echtes Kunstwerk enthält etwas Beruhigendes, Versöhnendes in sich. Während wir es lesen, erfüllt sich unsere Seele mit einer ebenmäßigen Harmonie, und wenn man es zu Ende gelesen hat, fühlt sie sich befriedigt: man wünscht nichts mehr, man verlangt nach nichts, es regt sich kein Zorn und keine Entrüstung wider unseren Bruder in unseren Herzen, eher noch ergießt sich in ihm der Balsam einer alles vergebenden Liebe zu unseren Brüdern; überhaupt regt sich kein Tadel gegen die Handlungsweise der anderen in uns, sondern alles fordert uns zur Betrachtung unseres eigenen Ichs auf. Wenn vom Werk des Künstlers keine solche Wirkung ausgeht, so ist es nichts als die edle Regung einer glühenden Seele, die Frucht einer vorübergehenden Stimmung des Autors. Es wird wohl weiterleben, wie eine beachtenswerte Erscheinung, aber sich nicht den Namen eines Kunstwerks verdienen. Und das mit Recht. Die Kunst ist eine Macht, die mit dem Leben versöhnt.

Die Kunst soll unsere Seele mit Harmonie und Ordnung erfüllen und nicht Verwirrung und Verstimmung in sie hineintragen. Die Kunst soll uns die Menschen unserer Erde so darstellen, daß ein jeder das Gefühl hat: das sind lebendige Menschen, die demselben Leibe entstammen und aus demselben Stoffe geschaffen sind wie wir. Die Kunst soll uns alle edlen Züge und Eigenschaften unseres Volkscharakters vor Augen führen, selbst die nicht ausgenommen, denen es an einem Spielraum für ihre freie Entfaltung fehlte und die daher noch nicht von allen beachtet und in dem Maße gewürdigt sind, daß jeder sie in sich selbst entdeckt und von dem glühenden Wunsche ergriffen wird, das bisher von ihm Vernachlässigte und längst Vergessene zu pflegen und zur Entwicklung zu bringen.

Die Kunst muß uns auch alle schlechten Züge und Eigenschaften unseres Volkscharakters so vor Augen führen, daß jeder von uns ihre Keime vor allem in sich selbst wiederfindet und veranlaßt wird, darüber nachzudenken, wie er zunächst einmal in sich selbst alles, was die hohe Würde unseres Wesens verdunkelt, ausrotten könne. Erst dann und erst auf diese Weise wird die Kunst ihre Bestimmung erfüllen und Ordnung und Harmonie in die menschliche Gesellschaft hineintragen.

So laß uns denn, nachdem wir zu Gott gebetet und seinen Segen auf uns herabgefleht haben, kraftvoller als je wieder an unsere liebe Kunst gehen. Was mich anbetrifft, so will ich alles andere auf eine künftige Zeit verschieben (wenn ich je durch Gottes Gnade dessen im geringsten würdig werden sollte) und mich in intensivster Weise den „Toten Seelen“ widmen. Ich will nach Jerusalem reisen (dies muß ich um jeden Preis tun, denn ich müßte mich schämen, wenn ich es nicht täte). Ich will dort, so gut ich kann, Gott meinen Dank für alles Vergangene aussprechen; ich will dort beten, daß meine Seele gekräftigt werde und meine Fähigkeiten und Geisteskräfte sich sammeln und konzentrieren mögen, und dann mit Gott an die Arbeit gehen. Wie lebhaft und innig wünschte ich, daß Gott uns wieder einmal zusammenführen möge, und daß wir wieder einmal eine Zeitlang in Moskau nahe beieinander leben könnten. Jetzt wäre es noch notwendiger, uns das von uns Geschriebene noch einmal vorzulesen und übereinander zu Gericht zu sitzen. Sodann gratuliere ich dir zum neuen Jahr. Gebe Gott, daß es für uns beide ein recht fruchtbares Jahr werde, weit fruchtbarer als die verflossenen Jahre. Und nun leb’ wohl, mein Lieber! Ich küsse dich und umarme dich innig. Schreibe mir. Dein Brief wird mich noch in Neapel erreichen. Vor dem Februar gedenke ich nicht aufzubrechen.

Ich umarme deine ganze liebe Familie sowie die Reuterns.

Dein G.

Wenn du findest, daß dieser Brief einigen Wert hat, so hebe ihn auf. Man könnte ihn in der zweiten Auflage des „Briefwechsels“ an die Spitze des Buches, d. h. an die Stelle des „Testaments“ stellen, das fortgelassen werden soll, und ihm den Titel geben: „Die Kunst ist die Macht, die uns mit dem Leben versöhnt.

Ich will dich immer noch etwas fragen und vergesse es jedesmal: besitzt du nicht die lateinische Übersetzung der Odyssee mit untergelegtem Text, die neulich in Paris erschienen ist. Es ist eine sehr schöne Ausgabe. Der ganze Homer in einem Bande Groß-Oktav editore Ambrosio Firmin Didot Parisiis 1846. Ich hatte den Eindruck, daß die Übersetzung recht anständig sei, und sie könnte dir weit mehr nützen als alle anderen.

Meine Adresse lautet: Neapel, poste restante, oder noch besser, Hôtel de Rome; damit jedoch der Brief nicht nach der Stadt Rom gesandt wird, muß das Wort Neapel recht deutlich und in die Augen fallend geschrieben werden.

Betrachtungen
über die
Heilige Liturgie
1845-1852.

Vom Moskauer Geistlichen Zensur-Komitee zum Druck genehmigt.

Moskau, den 9. Februar 1889.

Der Zensor: Priester Grigori Djatschenko.

Vorrede

Der Zweck dieses Buches ist, jungen Leuten und Anfängern, die noch keinen rechten Begriff von der Bedeutung unserer Liturgie haben, zu zeigen, in welcher Vollständigkeit sie bei uns zelebriert wird und welch tiefer Zusammenhang in ihr herrscht. Aus allen den zahlreichen Erklärungen, die von den Kirchenvätern und -lehrern herrühren, sind hier nur die ausgewählt, die wegen ihrer Einfachheit und Verständlichkeit von jedermann begriffen werden können und die in erster Linie dazu dienen, die notwendige und richtige Ordnung, gemäß der eine Handlung aus der anderen hervorgeht, begreiflich zu machen[3]. Der Zweck, den der Autor mit der Herausgabe dieses Buches verfolgte, war der: dazu beizutragen, daß sich der Leser eine Vorstellung von der Ordnung und Reihenfolge des Ganzen bilde. Er ist überzeugt, daß sich jedem, der der Liturgie mit Aufmerksamkeit folgt und jedes Wort bei sich wiederholt, ihre tiefe innere Bedeutung von selbst erschließen wird.

Einleitung

Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht — sowohl die, die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine Gotteserkenntnis besaßen —, fühlten sie doch, daß hier auf Erden Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten — daß Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen, tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf. Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes. Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren Klarheit wie bei den Propheten.

Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die Menschen — selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten — nur nicht in der Weise, wie man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte — nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt, um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er erschien in der Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war, vorgebildet hatten.

Das Offertorium
(Proscomidia)

Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands, das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still für sich die Worte des Psalms sprechen. „Ich aber will in Dein Haus gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.“ Sodann treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt] dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien, damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten „Gott! reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!“ erfassen Priester [und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte: „Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott: denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.“

Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.

Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den rechten Überärmel anzieht, spricht er: „Herr, Deine rechte Hand tut große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.“ Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst, daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: „Deine Hand hat mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.“

In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen — das des Priesters und das des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: „Gelobt sei Gott, Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines Kleides.“ Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und kräftigt, und er spricht: „Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des Hirsches und stellt mich auf die Höhe,“ d. h. in das Haus des Herrn. Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem Menschen auf Erden bevorsteht — und kennzeichnet den Sieg über den Tod, den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: „Gürte dein Schwert an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.“ Endlich legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese Handlung mit den Worten: „Deine Priester laß sich kleiden mit Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.“

Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: „Ich wasche meine Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.“ Dann verbeugen sie sich dreimal, indem sie sprechen: „Gott, reinige mich Armen von meinen Sünden und erbarme Dich meiner!“ und erheben sich gereinigt und erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen gleichend.

Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er spricht: „Segne uns, o Herr!“, der Priester eröffnet die Feier mit den Worten: „Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!“ und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich sodann in ihn verwandeln sollen.

Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit die „Horen“[4] gelesen — eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte, d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab. Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit verlesen.

Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück, das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi vom Fleisch der Jungfrau — deutet er auf die Geburt des Immateriellen aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird, Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer, die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde: dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: „Wie ein Lamm wird Er zur Schlachtbank geführt,“ dann stößt er die Lanze in den Teil, der zur Linken liegt, und spricht: „Und wie ein unschuldiges Lamm sich stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,“ dann versenkt er die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: „Um Seiner Demut willen ward Er verdammt,“ stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des Opferlammes nachsinnt: „Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er stammt?“

Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der Lanze empor und spricht: „Denn Sein Leib ward von der Erde hinweggenommen,“ und schneidet hierauf kreuzweise — den Kreuzestod des Heilands symbolisierend — das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er: „Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und zum Heil der Welt.“ Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite — wodurch die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er: „Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.“

Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: „Lasset uns beten zu dem Herrn!“ vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.

Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm Davids spricht: „Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.“ Dann nimmt er das dritte Brot, das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers, ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird. Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter Menschen.

Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle — bis auf den letzten Christen — für den man sich bei ihm verwendet hat oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische. Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er Fleisch ward und ein Mensch wurde.

Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und auf daß alles erfüllet werde.

Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: „Wir bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen Geistes.“

Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe, darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: „Er kam, und der Stern stand oben über, da das Kindlein war“: er blickt auf das heilige Brot, das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein, als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: „Der Herr ist König und herrlich geschmückt,“ d. h. des Psalms, in dem die wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen Kelch mit ihr, indem er spricht: „O Herr Christus, Deine Güte bedeckt die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll“. Er nimmt die große Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.

Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: „Laßt uns beten zu dem Herrn“ begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll. „Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm darbringen.“ Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet folgendermaßen: „Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben, sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.“ Und nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen war, und er spricht bei sich selbst: „Du warst leibhaftig im Grabe, mit Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.“

Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden. Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst, Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat. Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen Hochaltar.

Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich, sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen, indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet unterweist. „Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,“ sagt der Apostel Paulus, „aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit unaussprechlichen Seufzern.“ Der Priester und der Diakon flehen den Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi begrüßten: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: „O Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.“ Der Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar, senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: „Es ist Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!“ und der Priester segnet ihn mit den Worten: „Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.“ Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: „Bete für mich, o Herr!“ „Gott lenke deine Schritte!“ antwortet ihm der Priester. „Gedenke meiner, heiliger Mann!“ „Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Der Diakon spricht leise, aber mit kräftiger Stimme: „Amen!“ und tritt aus der nördlichen Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: „Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!“ und indem er sich dem Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: „Segne mich, o Herr!“ Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen: „Gesegnet sei das Reich ...“, und die Liturgie beginnt.

Die Liturgie der Katechumenen

Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi, Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war, Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten. Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster Linie einen verkündigenden Charakter trägt.

Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des Altarraumes ruft: „Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ...“ Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen, sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich der Heiligen Dreieinigkeit versetzen.

Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale Band — das Sinnbild des Engelsflügels — empor und ruft das ganze versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit dem Chor der Sänger aus: „Herr, erbarme Dich unser!“

Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser, den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: „Herr, erbarme Dich!“

Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir, die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst, einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor: „Dir, o Herr!“ Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen antwortet mit einem bestätigenden „Amen! Ja, so geschehe es!“ Der Diakon steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone.

Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese.

Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist, besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an die versammelten Andächtigen: „Laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!“ Die versammelten Andächtigen rufen: „Herr, erbarme Dich unser!“ Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu weihen. Die Gemeinde ruft aus: „Dir, o Gott!“ Der Diakon beschließt diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten Antiphons.

Während des zweiten Antiphons betet der Priester im Altarraum bei sich selbst. Der Diakon tritt wieder in betender Stellung vor das Heiligenbild des Erlösers, indem er die Gebetstola mit drei Fingern der Hand emporhält; nach Beendigung des Gesanges besteigt er abermals die Kanzel, blickt auf die Bilder der Heiligen und ruft die Gemeinde wie vorhin mit den Worten auf: „Laßt uns in Frieden zu dem Herrn beten!“ Die Gemeinde erwidert: „Herr Gott, [erbarme Dich.“ Der Diakon ruft aus]: „O Gott, hilf uns, sei uns gnädig, errette uns, behüte uns durch Deine Gnade!“ Die Gemeinde erwidert: „Herr Gott, erbarme Dich unser!“ Der Diakon blickt auf die Bilder der Heiligen [und ruft aus]: „Laßt uns unserer heiligen, unbefleckten, hochgelobten, herrlichen Gebieterin, der Jungfrau und aller Heiligen gedenken und uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gotte weihen!“ Die Gemeinde antwortet: „Dir, o Herr!“ Das Gebet endet mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze Kirche antwortet bestätigend: „Amen,“ und der Diakon steigt von der Kanzel herab. Der Priester betet im Inneren des Altarraumes bei sich selbst, indem er spricht: „Du, Der Du uns dies gemeinsame einträchtige Gebet schenktest, Du, Der Du verhießest, wenn zwei oder drei in Deinem Namen versammelt sind, zu gewähren, worum sie bitten! erfülle die Bitten Deiner Knechte zu ihrem eigenen Besten; schenke uns in diesem Leben die Erkenntnis Deiner Wahrheit und schenke uns im künftigen das ewige Leben.“

Jetzt werden vom Chor so laut, daß alle es hören können, die Seligpreisungen verkündet, die uns in diesem Leben die Erkenntnis der Wahrheit und im künftigen ein ewiges Leben verheißen. Die andächtige Gemeinde spricht die Worte des weiseren Übeltäters, der Christus am Kreuze anflehte: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst,“ und wiederholt nach dem Vorleser die Worte des Heilandes: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer“ — d. h. die, die sich nicht überheben und sich nicht mit ihrem Verstande brüsten.

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden“ — d. h. die, die da noch mehr über ihre eigenen Unvollkommenheiten und Verfehlungen, als über die Beleidigungen und Kränkungen trauern, die ihnen zugefügt werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen“ — d. h. die, die wider niemand Zorn in ihrem Herzen hegen, allen vergeben und von Liebe erfüllet sind, deren Waffe die alles besiegende Güte ist.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden“ — d. h. die, die nach der himmlischen Gerechtigkeit dürsten und sich vor allem danach sehnen, sie in sich selbst herzustellen.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ — d. h. die, die jeden ihrer Brüder bemitleiden und in jedem, der ihnen bittend naht, Christus selbst erkennen, der für ihn bittet.

Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“ — wie sich in dem reinen Spiegel eines ruhigen Gewässers, das weder durch Sand noch Schlamm getrübt wird, das reine Himmelsgewölbe spiegelt, so gibt es auch in dem Spiegel eines reinen Herzens, das von keinen Leidenschaften aufgewühlt wird, kaum noch etwas Menschliches mehr, und nur Gottes Bildnis spiegelt sich in ihm.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ — gleich dem Sohne Gottes selbst, der auf die Erde herabstieg, um unseren Seelen Frieden zu bringen, so sind auch die, die da Frieden und Versöhnung in unser Heim tragen, wahrhafte Söhne Gottes.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihrer“ — d. h. die, die verfolgt werden, weil sie die Gerechtigkeit nicht bloß mit dem Munde, sondern durch die Wohlgefälligkeit ihres ganzen Lebens verkündigen.

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um Meinetwillen schmähen und verfolgen, und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden“; — ihr Verdienst ist ein dreifaches; erstlich sind sie schon an und für sich rein und unschuldig, zweitens werden sie geschmäht, obwohl sie rein sind, und drittens freuen sie sich, daß sie um Christi willen leiden, obwohl sie unschuldig sind.

Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen Reiche teilhaben.

Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit schöpfen und die uns das ewige Leben verheißt. Der Priester und der Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde.

Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, „Er, Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten, mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten“. Der Diakon weist mit der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: „Segne, o Herr den heiligen Eingang!“ — „Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ erwidert der Priester. Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt es hoch mit den Händen empor und ruft: „Höchste Weisheit!“ wodurch er ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: „Verzeih!“ d. h.: „Erwachet, rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!“ Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem Chor: „Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten! Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir ‚Halleluja‘ singen!“ Das hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: „Der Herr kommt gegangen, lobet den Herrn!“ da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d. h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so begleitet dieses Wort Halleluja, das das ewige Wandeln Gottes ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt.

Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt, wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat, wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen.

Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes, der dreimal wiederholt wird: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!“ Mit dem Ruf: heiliger Gott verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker — Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf: heiliger Unsterblicher — Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. „Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist Seines Mundes,“ sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist, vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich — Indem dies jedem bewußt wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei wiederholt er dreimal bei sich selbst: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!“ Der Priester betet im Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt dreimal bei sich selbst: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher!“ Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar nieder.

Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen — eine Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat, als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu dem „Alten der Tage“ kam.

Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und spricht: „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Der Diakon fleht ihn an: „Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!“ und der Priester segnet ihn, indem er spricht: „Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar, jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Dann nimmt er auf dem erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel vorzubereiten — er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist.

Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des Tempels. Mit dem Ruf: „Laßt uns aufmerken!“ fordert der Diakon alle Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen sie nicht: „Friede sei mit dir!“ sondern „mit deinem Geiste“! Der Diakon ruft aus: „Höchste Weisheit!“ Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung; aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht, lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des Altarraumes zu: „Friede sei mit dir!“ Der Chor antwortet: „Und mit deinem Geiste!“ Der Diakon ruft aus: „Höchste Weisheit!“ Der Chor singt ein donnerndes „Halleluja!“, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen.

Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: „Gott verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!“ Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes zu: „Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!“ Der Chor antwortet: „Und mit deinem Geiste!“, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt.

Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich, die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; — nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht, auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den Vögeln — den bösen Gedanken und Absichten — aufgefressen zu werden; — auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; — auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht, der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen — den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten — sofort erstickt werden, — so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt — etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig —, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und, wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein, den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich einer auf einem Felsen erbauten Feste.

Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem Inneren des Tempels zu: „Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft verkündigst!“ Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: „Ehre sei Dir, unserem Gott, Ehre sei Dir!“ Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde — die Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie eintreten können, denn es heißt: „Ich bin die Tür.“

Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu stören, ans Ende gestellt.

Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: „Lasset uns beten aus ganzem Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,“ indem er die Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie aus: „Herr, erbarme Dich!“ Der Diakon aber unterstützt und verstärkt seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt, daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: „Herr, erbarme Dich!“ Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen Bitte.

Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: „Herr, erbarme Dich!“ indem er inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet. „Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!“ ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor: „Gewähre es uns, o Herr!“ Der Priester aber betet im Inneren des Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut: „Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.“ Der Chor ruft bestätigend: „Amen,“ worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen beginnt.