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Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen cover

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen

Chapter 158: Dritter Brief. (S. 291.) Anfang.
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About This Book

A selection of miscellaneous philosophical and literary writings gathers polemical sketches, a programmatic proposal for reorganizing higher education, theoretical essays on language, aesthetics and pedagogy, sermons, reviews, and various poems and translations. The polemical pieces dissect opposing views with methodical irony, while the university plan advocates transforming the institution into a school for the free exercise of scientific reason through dialogical instruction and merit-based advancement. Theoretical essays consider the relation of idea and sensibility, the origin and function of language, and practical means of enlivening interest in truth. Shorter contributions offer critical assessments and metrical translations that reflect the author’s broader intellectual concerns.

Was regst du, mein Wein, in dem Fass dich?

„Es brachten die Lüfte mir Kunde

Von der Inbrunst meines Erzeugers,

Das regte das Inn’re mir auf!“

„Ich möchte die Bande zersprengen,

Die von ihm ferne mich halten,

Und zerfliessen und in den Düften

Zusammenströmen mit ihm!“

So bringen heimliche Stimmen

Der Geister Psychen die Kunde

Von der unendlichen Liebe

Im Unendlichen, ihrem Erzeuger;

Und es dehnet sich ihr das Herz aus

In unbeschreiblicher Wehmuth,

In unaussprechlicher Sehnsucht,

Bis die irdische Hülle zerreisst.

Sonette.

1.

Wenn dir das inn’re Götterwort wird spruchlos,

Verblasset auch die äussere Verspürung,

Was dich umgiebt, verlieret die Verzierung,

Was von dir ausgeht, wird nur schnöd’ und ruchlos.

Die Blüthe deines Lebens steht geruchlos,

Was andre leitet, das wird dir Verführung;

Denn du bist ausserhalb des Alls Berührung,

Darum wird dir der äuss’re Laut auch spruchlos.

Das innen Todte glänze noch so scheinsam,

Doch treibt dich fort zu ungemess’ner Wehmuth,

Die unaufhaltsam schon dich griff, die Brandung. —

Drum bleib’ ich in mir selber still und einsam

Und pflege fort mit kindergleicher Demuth

Das Unterpfand der einst’gen frohen Landung.

2.

Was meinem Auge diese Kraft gegeben,

Dass alle Misgestalt ihm ist zerronnen,

Dass ihm die Nächte werden heitre Sonnen,

Unordnung Ordnung, und Verwesung Leben?

Was durch der Zeit, des Raums verworr’nes Weben

Mich sicher leitet hin zum ew’gen Bronnen

Des Schönen, Wahren, Guten und der Wonnen,

Und drin vernichtend eintaucht all’ mein Streben? —

Das ist’s. Seit in Urania’s Aug’, die tiefe

Sich selber klare, blaue, stille, reine

Lichtflamm’, ich selber still hineingesehen;

Seitdem ruht dieses Aug’ mir in der Tiefe

Und ist in meinem Seyn, — das ewig Eine,

Lebt mir im Leben, sieht in meinem Sehen.

3.

Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben;

Du weissest, ich mit dir weiss im Verein;

Doch wie vermöchte Wissen dazuseyn,

Wenn es nicht Wissen wär’ von Gottes Leben!

„Wie gern’ ach! wollt’ ich diesem hin mich geben,

Allein wo find’ ich’s? Fliesst es irgend ein

In’s Wissen, so verwandelt’s sich in Schein,

Mit ihm vermischt, mit seiner Hüll’ umgeben.“

Gar klar die Hülle sich vor dir erhebet,

Dein Ich ist sie; es sterbe, was vernichtbar,

Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.

Durchschaue, was dies Streben überlebet,

So wird die Hülle dir als Hülle sichtbar,

Und unverschleiert siehst du göttlich’ Leben!

Vorbereitung zur gemeinschaftlichen Andacht.

Die Gemeine.

Müde von des Lebens Leiden,

Müder von des Lebens Freuden,

Flüchten wir in eure Stille,

Ob uns hier Erquickung quille.

Frohseyn ist uns nie gelungen,

Wie wir eifrig auch gerungen,

Und wir sind des Treibens müde,

Suchen Ruhe, wünschen Friede.

Die Pfleger.

Kommt Belad’ne zur Erquickung,

Kommt Erschöpfte zur Entzückung!

Neue Stärke soll die Matten

Ueberschwänglich überschatten;

Nur dass draussen ihr versenken

Wollet euer Thun und Denken,

Abthun euer altes Streben,

Sterben ab dem eig’nen Leben.

Die Gemeine.

Und was habt ihr uns zu geben,

Zum Ersatz für unser Leben?

Die Pfleger.

Solch’ ein Leben, das gegründet

In sich selber, nimmer schwindet,

Nimmer wandelt, selbst sich gnüget.

Dieses hier euch offen lieget.

Aber nur von euch geschieden

Geht ihr ein in seinen Frieden!

Dem 15. März 1810.[41]

Du edler Keim, der aus der kalten Erde

Sich unaufhaltsam in das Lichtreich drängte,

Du sinn’ge Blume, die, die Sonne fühlend,

Mit allen Regungen nach ihr sich wandte:

Wir streben beide, doch in anderm Sinne

Jedwedes, liebend nach demselben Ziele,

Und mehr als andres, eint uns dieses Streben,

Und weiht mich dir mit inniger Ergebung.

Nimm diese Früchte, die dasselbe Streben,

Auf dir verschwistertem Stamme hat getrieben!

Vielleicht, dass auch aus uns’rer Lieb’ ein Zweig entsteht,

Der einstens zeug’ von unsrer höhern Liebe.

Philomele.

Meine Stimme von Staub spricht dich gefällig an?

Aber möchtest du erst hören der Sphären Klang!

Ich zwar sing’ in dem Chore gezwungen und gerne. Das Ganze

Fasset allein der sinnige Mensch.

Jenseit des Aethers ström’ eine Quelle

Des Tones, der Schönheit, — diese sind Eins, —

Also lehrete mich mein Meister,

Selber er tonlos, doch schlägt er den Tact!

Prolog zur „Vesta.“[42]

(Ungedruckt.)

Die Herausgeber, ein Pränumerant.

Die Herausgeber.

Euer Edlen sind, hören wir, ein braver Mann,

Nehmen sich auch der leidenden Menschheit an;

So kommen wir denn von gleichem Triebe

Beseelt und bitten Sie um die Liebe,

Dass Sie doch möchten pränumeriren

Ein Thaler quartaliter auf ein Journal:

Wir werden’s Vesta nennen zumal,

Womit wir nächstens die Welt wollen zieren.

Der Pränumerant.

Ihr Journal und die Menschheit in Leiden,

Wie hängen denn zusammen die beiden?

Die Herausgeber.

Die Armen sollen haben ohne Verdruss

Von unserm Gewinne den Ueberschuss!

Der Pränumerant.

Ich verstehe! — Doch nach welchem Plan oder Geist

Werden Sie denn schreiben allermeist?

Nach welchem wählen die Genossen?

Die Herausgeber.

Nach keinem: — „Keiner ist ausgeschlossen,

Und jeder Freund der Wahrheit, Anmuth und Kraft

Ist uns willkommen“ — sofern er uns was schafft!

Der Pränumerant.

Ich verstehe ganz: — ein Allerlei

Von Sauer und Süss mit Façon dabei!

Die Herren, so denk’ ich mir’s, jucket der Kitzel

Gedruckt zu sehen ihre Papierschnitzel.

Kein Verleger mag sie; für eigenes Geld

Sich drucken zu lassen ihnen auch nicht gefällt.

Da muss die Noth helfen aus der Noth:

Nun können sie eher, ohne zu werden roth,

Antragen auf Pränumeration,

Und den Willigen wünschen ein Gotteslohn!

Wer auch ihres Schreibsels nicht begehrt,

Denkt, es sey den Armen ein Almosen beschert.

Kann’s leiden, dass man das Heft mir bringt;

Niemand ist ja, der’s zu lesen zwingt.

Indess stehen die Herrn schon schwarz auf weiss,

Mehr wollten sie nicht und sie haben ihren Preis.

Drum genug, ihr Herrn! Hier ist mein Thaler,

Wünsch’ Ihnen recht viele und reichliche Zahler,

Damit Ihre geistige Armuth und Noth

Den leiblich Armen schaff’ ein Stück Brot!

Die Herausgeber.

So muss man es durchaus nicht anseh’n,

Obwohl wir selber, wie uns gescheh’n

Nicht recht zu wissen gern bekennen.

Wir wollen für hohe Zwecke entbrennen,

Eingreifen gewaltig in’s Rad der Zeit,

Dem Bedürfniss, dem Niemand Hülfe beut,

Auch keiner als wir es kennt, reichen die Hand!

Der Pränumerant.

Ei sieh, Ihr seyd wohl gar auch arrogant?

Die Herausgeber.

Das wollen wir hoffen; — dies gilt bei den Leuten,

Succurs und Beifall sich zu bereiten!

Drum darf auch die Zeitschrift sich nicht schämen,

Irgend ein Erhab’nes zum Vorwand zu nehmen.

„Wer für den Staat auch nicht die Waffen trägt,

Der ist durch heil’ge Bürgerpflicht bewegt,

Dass er ableite des Volkes Aufmerksamkeit

Von dem die Kriege begleitenden Leid,

Damit er dessen Blicke wende

Von dem unvermeidlichen Kriegselende.“

Der Pränumerant.

Elend nur sieht und er nur sieht das Elend,

Wer selber elend ist im Innersten;

Denn seiner Leere, seines tiefen Grams,

Seiner Zerrüttung Bild steigt aus dem Herzen

In’s Aug’ empor und lagert ihm sich hin

Ueber der Dinge breite Oberfläche;

Sie geben stets ihm nur ihn selbst zurück!

So auch wer in sich klar und mit sich Eins ist,

Er bleibt gewiss der ew’gen Harmonie

Im trüben, wildverschlungenen Gewirre

Ird’scher Erscheinung; und ihm leuchtet hell

Im Jammer selbst die immer nahe Hülfe! — —

Ein Herausgeber (ihm nachsehend).

Der Mensch ist ein seltsam Kunstproduct,

Vorweltlich, in alt ogygischem Stil!

Der andere.

Sey ruhig, Herr Bruder, wir sind ja gedruckt;

Das Andre bedeutet uns nicht so viel!

Und wo wär’ Etwas von eigenem Werth,

Wogegen sich nicht die Misgunst kehrt?

Beide.

Das ist der plausibelste Trost in der Welt,

Dass man stets sich selber am Besten gefällt!

Am 18. Januar 1812.[43]

Ehrwürd’ge deutsche christliche Gesellschaft,

Edle, biedere Tischgenossenschaft!

Indem ich, als bestellt zum Sprechen,

Zum erstenmale das Schweigen will brechen,

Bitt’ ich, dass man es günstig verspüre,

Wenn ich im Knittelvers haranguire;

Denn eingefasst von Rindfleisch und Braten

Dürfte die Prosa zu vornehm gerathen!

———

Zuvörderst sollt’ ich mit zierlichen Worten,

Wie es gebräuchlich aller Orten,

Mit Bezeugung schuldiger Devotion

Ihnen danken für die Decoration,

Die Sie durch dieses Amt mir verlieh’n.

Doch: danke durch Thaten, spricht deutscher Sinn!

Wie hoch ich es schätze im Herzensgrunde,

Mit Ihnen zu bleiben im freundlichen Bunde,

Und allen Ihren Wunsch und Willen

Auch meinerseits gern mag erfüllen:

Beweise, dass mit Herzlichkeit

Ich Ihrem Wunsche mich geweiht;

Beweise, wie ich die Geschäfte,

So lang’s verstatten meine Kräfte

Und meine sonst besetzte Zeit,

Werd’ immer führen mit Heiterkeit.

Was Sie an Gelde mir werden geben,

Das werd’ ich sorgfältig aufheben

Und treulich bewahren und verwalten.

Auch über die Gesetze will ich halten,

Ohn’ alles Anseh’n der Person.

Zeigt gute Laune sich oder Liederton,

Will ich, so gut ich kann, mitsingen.

Auch die Gesundheiten will ich ausbringen;

Und erscheint einst der festliche Pokal,

Geziert mit dem Juden Simson zumal,

So werd’ ich um weitere Vorschrift bitten,

Und diese sey nie überschritten.

———

Im Uebrigen kann ich von meinem Sprechen

In voraus eben nicht viel versprechen.

Zum Beispiel: Witzig zu seyn aus heiler Haut

Ist ein Talent, nicht Jedem anvertraut;

So selten fast als reine Vernunft, ist reiner Witz,

Und beide, denk’ ich, sind gleich viel nütz’.

Wer witzig ist, ist’s über Was und nebenbei,

Denn Witz ist ja nicht Gold, noch Silber, noch Zinn, noch Blei,

Sondern von Allem nur die Façon!

So Jemand den Witz recht wollte pflegen und nähren,

Der müsst’ ihm nur reichlichen Stoff gewähren

Durch tolle Streich’ und Narrheiten viel,

Und nur ihn treiben lassen sein Spiel,

Und ja sich hüten, was übel zu nehmen.

Zu dem Ersten wird die ehrbare Gesellschaft sich nie bequemen;

So muss sie denn eben ohne Witz vorlieb nehmen!

Zudem sind die bisherigen Stoffe verbraucht;

Nicht Jude, nicht Philister mehr taugt,

Um an ihnen zu finden ein Körn’chen Spass,

Das nicht schon einigemale dawas! —

Auch will es in der That was bedeuten,

Ueber dergleichen zu spotten vor Leuten,

Dass der Spott nicht auf uns selbst sitzen bleibe.

Den Juden schiebt man sich wohl noch vom Leibe,

Man ist nicht beschnitten; — ergo ist man keiner.

Mit dem Philister ist die Sache schon feiner.

Streng genommen, Keiner sich durchschaut,

So lang er steckt in der sündigen Haut,

In Unschuld Keiner soll waschen die Hände,

Wie Keiner selig ist vor seinem Ende!

Ob wir durchaus nicht Philister waren,

Werden wir im ewigen Leben erfahren.

Doch es giebt auch für sterbliche Augen

Kennzeichen, die zur Prüfung taugen,

Dass man sich orientiren kann.

Das Eine geb’ ich im Gleichniss an.

Es geschieht wohl, dass Einer träume, er wache,

Und sich’s versichre, und glaublich mache,

Und ist doch gerade dies sein Traum!

Wer wirklich wacht, kurzum der wacht,

Und ist nicht weiter auf’s Wachen bedacht.

So, wer in der That nicht Philister ist,

Der denket dessen zu keiner Frist;

Ohne seinen Dank und Willen, und schlechtweg er’s nicht ist.

Wer aber sich’s hin und her beweist

Und Gott am Morgen und Abend preist,

Dass er nicht ist, wie andre Leut,

Ist vom Philisterthum nicht weit;

Ja ihm sitzt die Philisterei

Gerade im Denken, dass er’s nicht sey!

Da dieses sich so weit erstreckt

Und bringen kann gar schlimmen Ruhm,

So bleibt vor mir wohl ungeneckt

So Juden- wie Philisterthum!

———

Doch reinige sich der Gedanke,

Der über Niedrem schwebte,

Um mit dem Höhern ganz sich auszufüllen!

Füllet die Gläser! —

Es lebe die Krone,

Sie steig’ auf in der alten Pracht,

Ausgerüstet mit der alten Kraft,

Umgeben von der alten Treue!

[41] Der Gattin zum Geburtstage, mit dem Geschenke von Klopstocks Werken, des Oheims derselben.

[42] Zeitschrift, erschienen zu Königsberg 1807.

[43] Ueber die Veranlassung zu dieser Rede in Versen hat ihr Einsender uns zugleich Folgendes mitgetheilt: „A. v. Arnim hatte in Berlin eine christlich deutsche Gesellschaft errichtet, deren Vorsitz Fichte an jenem Tage übernahm. Bei dieser Veranlassung hielt er einen Vortrag in Knittelversen, welcher damals ungemein ansprach und auch, wie ich bestimmt weiss, noch jetzt in Ehren gehalten wird. Da ich das Tagblatt besitze, worin dieser Vortrag aufgeschrieben ist, so macht es mir ein grosses Vergnügen, Ihnen denselben mittheilen zu können.“

C.
Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und Italiänischen.

Aus Camoens’ Lusiade.[44]

Gesang 3, Stanze 118.

Alfonso kehrt, nach dieses Sieges Glücke,

Hinwieder zu des Tajo schönem Becken;

Dass auch der Fried’ ihn mit den Kränzen schmücke,

Womit die Schlachten ihn so reich bedecken:

O welch erbarmungswürdiges Geschicke,

Das Todte könnt aus ihren Gräbern wecken,

Trifft da die arme, zarte Dulderin,

Die erst getödtet ward, dann Königin!

Allein durch dich, durch dein allmächtig Sehnen,

O reine Lieb’, erstarb der Zeiten Zierde,

Als dürftest du sie deine Feindin wähnen,

Die treue, der dein schönster Lohn gebührte.

Wohl sagt man, Amor, dass durch bittre Thränen

Gestillt nicht werde deine grimme Gierde;

Soll Menschenblut nun strömen vom Altare

Zur süssen Augenweide dir, Barbare?

Man sah dir hold der Jahre Lenz verfliessen,

In jene Seelenruh warst du versenket,

Ignes, und in den Wahn, den blinden, süssen,

Den keinem noch auf lang das Glück geschenket,

In des Mondego angenehmen Wiesen,

Den deiner schönen Augen Born getränket,

Den Bergen lehrend, und der Flur den lieben

Namen, der tief dir in die Brust geschrieben.

Auch deines Prinzen Regungen vergalten

Dein Sehnen wohl mit seelenvollem Danken;

Dein Bild sie fest vor seinen Augen halten,

Wenn er verbannt aus deiner Blicke Schranken:

Des Nachts ihn täuschen süsse Traumgestalten,

Des Tags entrücken ihn zu dir Gedanken,

Und was er sinnt, und was er sieht im Innern,

Ist alles nur Ein wonnevoll Erinnern.

So vieler Fürstentöchter, schöner Frauen

Bewerben hat bei ihm das Ziel verfehlet;

Wie denn auf andres pflegt herabzuschauen

Wess Herz die Eine, traute, hat erwählet.

Der alte Vater blickt mit stillem Grauen

Auf die Verirrung dieser Lieb’, ihn quälet

Des Volkes Murren und das Widerstreben

Des Sohns, sich in der Ehe Band zu geben.

Und so beschliesst er denn in argem Muthe

Ignes dem süssen Lichte zu entrücken.

Es könne nur in frech vergoss’nem Blute,

So meint er, solcher Liebe Brand ersticken.

War’s Wahnsinn, der ihn trieb, sein Schwert, das gute,

Das Schrecken sende nur der Feinde Blicken,

Vor dem der Mauren Wuth gemusst erbeben,

Gegen ein zartes Fräulein zu erheben?

Zu ihm, dess Herz wohl möchte sich versöhnen,

Wird sie geschleppt von wilden Ungeheuern,

Und es gelingt den mordbegier’gen Tönen

Des Pöbels, seinen Zorn neu anzufeuern.

Sie aber — flehend und mit bangem Stöhnen,

Erpresst von Mitleid bloss mit ihrem Theuern

Und mit den Kindern, die sie unterm Herzen

Ihm trug, die mehr denn eigner Tod sie schmerzen;

Die Augen hebend zu des Himmels Milde

Aus denen eine grosse Zähre rollte,

(Die Augen, denn die Hände hielt der wilde

Mordknecht, der sie in Fesseln schlagen wollte)

Dann nieder auf der Kinder zarte Bilde

Sie senkend, die sie jetzt verlassen sollte

Verwaiset, einsam, ohne Schutz und Rather —

Spricht also an den grausamen Grossvater:

Wenn wilde Thiere, deren Sinn zum Hassen

Natur bestimmt, und Eis um sie geschlagen,

Der Wüste Vögel, die, um Raub zu fassen

Und anders nicht, den Flug in Wolken wagen,

Mit kleinen Kindern, die sie seh’n verlassen,

Solch zärtlich Mitleid und Erbarmen tragen,

Wie man an Ninus Mutter hat geschauet,

Und an den Brüdern, welche Rom erbauet;

So trag auch du, dess Herz durchströmt vom warmen

Menschlichen Blute schlägt (falls es zu nennen

Menschlich, den Tod zu geben einer Armen,

Bloss weil ihr Herz in Liebe musst’ entbrennen),

Trage mit diesen Kleinen das Erbarmen,

Das man in meinem Urtheil muss verkennen.

Mög’ ihre Noth Mitleid in dir erregen,

Da meine Unschuld dich nicht kann bewegen!

Und wie du wusstest einst mit Schwert und Feuer

Den Tod zu senden in der Mauren Reihen,

Sey jetzt vom Tode gnädiglich Befreier

Der Schwachen, die du keiner Schuld kannst zeihen.

Falls aber Unschuld büssen soll so theuer,

Verweis auf ewig mich in Wüsteneien,

In Libyens Gluth, in Scythiens kalte Schauer,

Wo ich mein Leben enden mög’ in Trauer.

Lass mich, wo alle Schrecken sich erheben,

Hin in der Löwen und der Tiger Erbe,

Dass ich, was Menschenherz nicht mochte geben,

Erbarmen dort und Mitleid mir erwerbe.

Dort will ich pflegen, innig hingegeben

In’s Angedenken dess, für den ich sterbe,

Der nachgelass’nen Pfänder theure Gabe,

Zu der leidvollen Mutter einziger Labe.

Der König sinnt schon drauf, sie zu befreien,

Ob ihrer Worte, die ihn tief bewegen;

Das störr’ge Volk nur will ihr nicht verzeihen,

Noch ihre Sterne, die nicht brachten Segen.

Die, welche glauben, dass die That Gedeihen

Dem Reiche bringe, ziehen scharfe Degen,

Gegen ein Fräulein. Herz, schwarz und bitter,

Ihr zeiget euch als Henker, nicht als Ritter!

Wie gegen Priams Tochter, Polyxene,

Aus der der Mutter letzte Freuden quellen,

Damit Achilles Schatten sich versöhne,

Man Pyrrhus sahe sich gerüstet stellen;

Sie aber ihre jungfräuliche Schöne —

Die Augen, welche wohl die Trüb’ erhellen,

Hin auf die Mutter, die vor Schmerzen wüthet,

Gerichtet, — zum Sühnopfer willig bietet:

So gegen Sie, die Wüthenden; die Auen,

Aus denen Liebe sieht mit hellen Blicken,

In jedes Auge, das sie mag erschauen,

Sanftheit und Milde strahlend und Entzücken,

Und ihre süssen Blumen, die getrauen

Sie sich mit Blutesströmen zu ersticken,

Grimmig erbos’t die Schwerter drein versenkend,

Der Rache, die herannaht, nicht gedenkend.

O hohe Sonne, hat dein Strahl genommen

Von des Entsetzens That wohl Blick und Kunde?

Ist er nicht auch denselben Tag verglommen,

Wie in Thyestes Gastmahls Gräuelstunde?

Ihr hohlen Thäler, die ihr da vernommen

Das letzte Wort aus dem erblassten Munde,

Noch lange hallte fort in euerm Laute

Der Name Pedro, den sie euch vertraute.

Wie einer Blume, so in Zier getauchet,

Dass sie der Schmuck war auf den blüh’nden Heiden,

Wenn sie gebrochen und zum Kranz verbrauchet,

Der rohen Hand Betastung musst’ erleiden,

Der Schmelz vergeht, der süsse Duft verhauchet:

So ist das Fräulein nach dem bittern Scheiden;

Der Lippen Ros’ erblasset, es entschweben

Die lichten Farben mit dem süssen Leben.

Der That zum ewigen Andenken kehren

Mondego’s Töchter, die sie lange klagen,

In einen Quell die da geweinten Zähren,

Und geben ihm den Namen, den er tragen

Auf alle Zeiten soll: noch jetzo nähren

Wo Ignes lebt und liebt in ihren Tagen,

Von einem Quelle sich der Blumen Triebe,

Dess Wasser Zähren sind, der Name: Liebe.

Aus dem Spanischen.

Madrigal.

Ihr Augen, hell und reine,

Da eure süssen Blicke preist die Menge,

Warum, wenn ihr mich anschaut, blickt ihr strenge?

Wenn ihr, je mehr voll Hulden,

So mehr die Welt erfreut mit heitrem Scheine,

Warum blickt ihr mit Zorn auf mich alleine?

Ihr Augen, hell und reine,

Erscheint mir nur, sey’s auch mit solchem Scheine!

Aus Cervantes.

Amadis von Gallia an Don Quixote de la Mancha.

Du, der nachahmtest jenes Thränenleben,

Das auf des Armuthfelsens schroffer Kante

Ich führte, da Verschmähung mich verbannte

Von Freuden, mich der Busse zu ergeben;

Du, dem vom Auge Fluthen man sah beben,

Dass ihm der Salztrank schier das Herz abbrannte,

Dem, als ihn Silber, Kupfer, Zinn schon nannte,

Die Erd’ auf Erde dürft’ges Mahl gegeben:

Sey sicher, dass in alle Ewigkeiten,

Mindstens so lang’, als in der vierten Sphäre

Der feuerrothe Phöbus treibt die Pferde,

Den Preis der Tapfern keiner dir bestreiten,

Dein Vaterland vor allen seyn das hehre,

Dein weiser Meister einzig bleiben werde!

Don Belianis von Gräcia an denselben.

Mehr als ein Ritter auf dem Erdenrunde

Thät ich in Handeln, Sprechen, Stechen, Hauen,

Ob meiner Thatkraft all’ erfasst’ ein Grauen,

All’ Unbill rächend, die mir kam zur Kunde.

Ich gab Grossthaten Fama’s ew’gem Munde,

Ich war galant, ich war beliebt bei Frauen;

Wie Zwerglein thät ich alle Riesen schauen,

Zu Kampf und Streit bereit in jeder Stunde.

Fortuna lag zu meinem Fuss geschmieget,

Das Glück stand meiner Weisheit treu ergeben,

Wie eine gute Magd, stets zu Gebote.

Ob nun mein Ruhm des Monds Horn überflieget,

Ob auch noch nichts mir hat getrübt das Leben,

Neid’ ich doch dich, du grosser Held Quixote!

Petrarca’s Sonnet 36.

Sie tritt mir vor’s Gemüth — vielmehr ist drinne,

Dass Lethe nicht vermag sie wegzuheben, —

Wie sie von ihres Sterns Strahlen umgeben,

Im Lenz des Lebens trat mir vor die Sinne;

Dass ersten Blickes ich ein Bild gewinne

Von ihr, so sittig, still und gottergeben,

Dass ich, „sie ist’s,“ mir sage, „ist am Leben,“

Und Frag’ an sie und hold Gespräch beginne.

Bald giebt sie Antwort, schweigt auch wohl, dann siehe,

Wie man halb wacht im Traum, der Irrthum webte,

Sag ich meinem Gemüth: Du bist im Fehle;

Tausend, dreihundert, acht und vierzig, frühe

Ein Uhr, den sechsten des Aprils, entschwebte

Dem süssen Leibe ja die sel’ge Seele.

[44] Zuerst abgedruckt im „Pantheon, Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst, von Büsching und Kannegiesser. Berlin, 1810.“ I. Bd. 1. Heft. Seite 1-8.

Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.

 

Nachtrag zum ersten Bande.

S. 95 Zeile 5 von oben ist nach den Worten: „denn er ist gleich dem Satze X,“ als Note unter dem Texte aus der 2. Auflage der Wissenschaftslehre folgender Zusatz hinzuzufügen:

„D. h. ganz populär ausgedrückt: Ich, das in der Stelle des Prädicats A setzende, dem zufolge, dass es in der des Subjects gesetzt wurde, weiss nothwendig von meinem Subjectsetzen, also von mir selbst, schaue wiederum mich selbst an, bin mir dasselbe.“ (Anmerk. * * zur 2. Ausgabe.)

Zu bemerken ist noch, dass die S. 91, 95 und 98 hinzugefügten Zusätze der 2. Ausgabe nur in der zweiten „verbesserten“ Ausgabe, Jena und Leipzig bei Gabler 1802, nicht in der bei Cotta erschienenen „unveränderten,“ sich finden.

Druckfehler im siebenten Bande.

S. 520, Z. 2 v. u. statt jener Zeitalter l. jenes Zeitalters.
- 527, - 6 v. o. - erfolge l. erfolgte.

Nachtrag.

(Aus dem in Friedr. Schiller’s Nachlass nach bereits beendetem Abdrucke dieses Bandes aufgefundenen Originaltexte der Abhandlung.)

Zur Abhandlung: „Geist und Buchstab“ S. 284. Z. 7. nach dem Worte:
wollen.

[45] Durch diesen Wink soll nicht etwa dem intelligibeln Fatalismus das Wort geredet werden. Zwar wird der Wille allemal durch die für das Subject in seiner gegenwärtigen Stimmung überwiegenden Gründe bestimmt; aber dass diese Gründe überwiegen und nicht die entgegengesetzten, und dass das Subject gerade in dieser Stimmung ist und in keiner anderen, davon liegt der Grund in der absoluten Selbstthätigkeit. Diese ist es, welche das entscheidende Uebergewicht in die Wagschale legt durch freie Reflexion und Abstraction in dem absoluten Anfange eines jeden innern Lebensactes, der von da aus durch die mannigfaltigen Geschäfte des menschlichen Geistes hindurch nothwendigen Gesetzen folgt. Der Trieb treibt den Menschen nicht unwiderstehlich, wie etwa die Elasticität materieller Körper; denn es ist ein Trieb, gerichtet an ein selbstständiges Wesen. Es bedarf der Reflexion auf seine Richtung; diese Reflexion ist der Anfangspunct des fortgehenden steten Fadens, und von dem Grunde, ob überhaupt reflectirt wird oder nicht, und davon, wie reflectirt wird, ob auf die vollständige Anregung oder nur auf einen Theil derselben, hängt es ab, wie die Willensbestimmung ausfalle. Also: der Wille ist nicht frei, aber der Mensch ist frei. Alle seine Vermögen hängen innigst zusammen, und greifen bei dem Handeln gesetzmässig in einander ein; und nur daraus, dass man für wirklich zersplittert hielt, was nur willkürlich und zum Behufe der Speculation zertheilt wurde, entstanden Theorien, die entweder dem natürlichen Gefühle oder dem Räsonnement, oder richtiger beiden zugleich widersprechen. Nicht bloss — so hart diese Behauptung auch Manchem vorkommen mag — nicht bloss die Willensbestimmung des empirischen Individuums, sondern sein gesammter innerer Charakter, seine Vorstellungs- und Begehrungsweise, woran er Vergnügen oder Misvergnügen finde sogar, hängt von eines Jeden Selbstthätigkeit ab. Man übertrug die durch das Selbstgefühl angekündigte Freiheit zuerst auf den Willen, weil dieser jeden innern Lebensact abschliesst und vollendet, und weil derselbe von ihm aus sogleich in die Aussenwelt übergeht, mithin auf diesem Grenzpuncte zuerst die Verschiedenheit des freien Subjects und des gebundenen Objects bemerkt wurde. Aber gerade darum, weil er die angeführte Stelle in der Reihe der Geistesgeschäfte einnimmt, ist der Wille am wenigsten frei, denn er ist durch das mehrste Vorhergehende bestimmt. Mit dem Willen fängt der Mensch einen neuen Zustand in der Sinnenwelt an; man folgerte, dass er mit demselben Willen auch den nothwendig vorauszusetzenden neuen Zustand in sich selbst anfinge; aber diese Folgerung ist unrichtig, und sie war zugleich unwahrscheinlich. —

Dritter Brief. (S. 291.) Anfang.

[46] Dem Nachbar, dem Sie meinen vorigen Brief mitgetheilt haben, ist in dem ganzen Zusammenhange desselben nur dasjenige aufgefallen — melden Sie mir, — was ich über die Hindernisse sagte, welche der Mangel an äusserer Freiheit der ästhetischen Bildung in den Weg stellte; er hat geeilt, die Anwendung davon auf sein Zeitalter und sein Vaterland zu machen, und wer weiss welche gefährliche Einflössungen in meinen Worten gefunden. Ich will mich nun seiner Besorgnisse wegen noch deutlicher erklären.

In den von Germanen abstammenden Verfassungen Europens — in den slawischen weit weniger; aber bin ich denn verbunden, auch auf diese Rücksicht zu nehmen, oder wenn ich in Deutschland schreibe, zu sorgen, dass meine Ausdrücke nicht gegen den Kaiser von Marokko oder den Dei von Algier verstossen? — in den germanischen Verfassungen also hat es sich so gefügt, dass von Zeit zu Zeit Einzelne von den Unterdrückten unter der Last sich aufrichteten, Einzelne aus den unterdrückenden Ständen, durch Zufall oder durch freie Wahl, ihr Gewicht verloren oder aufgaben, und beide in einen glücklichen Mittelstand zusammenflossen; dadurch das Loos der Unterdrückten erleichterten, indem sie ihnen den Raum weiter machten, und auch die Sorgen der Unterdrücker mässigten, indem die Zahl derer, die sie zu bewachen hatten, sich verminderte. Hierdurch wurde denn auch die sonst unvermeidliche Progression der Sklaverei verhindert und die Sachen konnten vermittelst des entstandenen Spielraums mehr in der gleichen Lage bleiben, wie sie es denn auch, einzelne Zwischenzeiten abgerechnet, denen aber bald günstigere folgten, in der That geblieben sind. Aus jenem Mittelstande nun muss und wird sich alles Heil entwickeln, das noch über die Menschheit kommen soll. Jeder, den das Glück in diesen schönen Stand setzte, kehre daher nur sein Auge in sich selbst, ehe er es nach aussen wendet; er mache sich selbst frei, ehe er Andere befreien wolle; er erhebe sich zu der Denkart, die auf ihr selber ruhend, ihr selbst getreu und in sich ganz gerundet, über zeitliche Zwecke und irdische Befürchtungen sich erhebt, und nun lasse er den lebendigen Ausdruck dieser Denkart in Wort und Wandel auf seine Zeitgenossen wirken, wie er kann; und überlasse es der allmächtigen Natur, vor der Jahrtausende sind wie ein Tag, die Saat, die er streut, zu entwickeln und zu reifen. Wer diesen Geist nicht hat, der will weder sich, noch Andere befreien, sondern er will die Gewalthaber stürzen, um selbst an ihre Stelle zu treten, sey’s auch unter der Form der Freiheit; er will nur die Gestalt der Knechtschaft verändern, — er drohe nun offenbar den Tyrannen, oder er krieche an ihren Stufen, um einen Theil ihrer Gewalt zu erschmeicheln, die er zu ertrotzen nicht den Muth hat, und die er kühner durch den Erfolg ganz begehren wird. Ein solcher ist fern von der wahren Freiheit; denn er hat sich noch nicht von sich selbst befreit. Dies ist meine ganze Meinung, und ich mag wohl, dass sie der Nachbar wisse. —

In unserem Innern, in welchem wir, wie soeben gefordert wurde, einheimisch seyn müssen, wenn eine unserer Wirkungen nach aussen einen Werth haben soll, giebt der Sinn für das Aesthetische uns den ersten festen Standpunct. Das Genie kehrt darin ein, u. s. w.

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Fichte’s sämmtliche Werke.