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Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen cover

Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze / Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt / Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische Uebersetzungen

Chapter 24: 2.
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About This Book

A selection of miscellaneous philosophical and literary writings gathers polemical sketches, a programmatic proposal for reorganizing higher education, theoretical essays on language, aesthetics and pedagogy, sermons, reviews, and various poems and translations. The polemical pieces dissect opposing views with methodical irony, while the university plan advocates transforming the institution into a school for the free exercise of scientific reason through dialogical instruction and merit-based advancement. Theoretical essays consider the relation of idea and sensibility, the origin and function of language, and practical means of enlivening interest in truth. Shorter contributions offer critical assessments and metrical translations that reflect the author’s broader intellectual concerns.

Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am deutlichsten vorzutragen behauptet, — etwa die ersten §§. der Grundlage der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? — Falsch gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. — Nun so wird er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? — Wiederum falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. — Oder hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers herausgerissen? — Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften, aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt; und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte’s eigene Worte, und die Seitenzahl angiebt.

Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? — Wir wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen; indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt, und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: — „Das Ich ist Subject und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute Beschreibung des Bewusstseyns.“ — So? wenn dies richtig ist, so richtig ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.

Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den eigentlichen Inhalt dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem Beweise eben jenes System bestand, für eine der Prämissen dieses Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:

der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch der ganze transscendentale Idealismus sich gründe“ —

schreibe: sich gründe. — Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: man (nemlich Nicolai) wende gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu, schreibe: gehört dazu.

Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende, durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz: Ich, oder Intelligenz, oder Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft sind durchaus identisch. — Diesem Satze stellt Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: Mein Ich ist freilich unter anderen auch Intelligenz (denn indem er sagt, dass es nicht blosse Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch mit sey); aber es gehören noch ausser der Intelligenz mit dazu, Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft. — Durch diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn cessante fundamento cessat fundatum.

Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten. Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und neben der Intelligenz, auch noch Vernunft, Denkkraft, Sinnlichkeit (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen) aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und Pfeifer.

Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai gar keinen philosophischen Freund — er selbst freilich konnte dies nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie aufwarf — der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke, empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, als Kraft, für Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?

Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems, dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen, und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen, indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging; aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich nehme, in Gestank, — oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle. Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur. Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch seine Bestimmung getrieben.

Zwölftes Capitel.
Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.

Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm gewesen, ausser der Sprache.

Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er, der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.

Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird, wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].

Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen können?

Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache, dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.

Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen der Sprache und Schrift beibringen könnte, und die Nicolaische Unverschämtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren könnte, mit demselben Erfolge arbeiten würde, als unser Held. Möchte man sich immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und schüchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermüdet schrie und schriebe, er habe doch recht, und alle Andern hätten unrecht; wenn er sich wohl gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brüstete, dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einsähe, wie Nicolai sich auch immer damit gebrüstet, dass er als ein unstudirter Bürgersmann alles dies wisse: so wäre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien würden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass sie von unserem Hunde herkämen; es würde eine Aesthetik entstehen, nach welcher jeder Spitz die Schönheit einer Emilia Galotti kunstmässig zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen könnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel würde endlich von allem noch übrigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt werden, wie ein aufgeklärter Pudel sie verständig finden, und wie er selbst sie geschrieben haben könnte.

Anmerkung.

[16] Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich für eine solche Nachweisung nehmen.

Erste Beilage.
(Zur Einleitung.)

Angriffe Nicolai’s auf die persönliche Ehre und den Charakter des Verfassers enthalten die folgenden Stellen:

1.

Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische Literaturzeitung zu bringen gesucht, fährt er (S. 159. der oben angeführten Anzeige) so fort: „Es ist der Schule der Ich-Philosophen schon länger“ (dem Zusammenhange nach früher, ehe die obengenannten gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu rechnen gewesen) „eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu beschaffen war“ (welch ekelhaftes Geschäft, dergleichen Schreiberei abschreiben zu müssen!), „für ihren transscendentalen Idealismus Anpreisung zu erschleichen suchte. Sie affectirten zwar bei aller Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, aber arbeiteten nicht wenig unter der Hand, sie sich geneigt zu machen (1). Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte’s Schule verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im philosophischen Fache arbeitete, unverlangt solche Recensionen einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wäre, aus Jena kamen. Die damalige Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen unartigen Schleifweg nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine solche heimlich eingeschwärzte Recension von Fichte’s Grundriss der gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt“ u. s. w.

Wer sind denn diese Sie aus der ichphilosophischen Schule (der verständige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im folgenden, um der Kürze willen, die Ausdrücke dieses Schulmeisters beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir diese Ausdrücke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die früher noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens öffentlich Theil nahm, früher, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses eingeschwärzt wurde, — der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen gelang, — offenbar um ein beträchtliches früher, denn durch die vorhergegangenen vereitelten Machinationen müssen sie doch auch Zeit verloren haben — welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese Sie von der Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten affectirten, — ohne Zweifel öffentlich, da ihre entgegengesetzten Bestrebungen unter der Hand geschahen, in öffentlichen Schriften also (wie könnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?), diese Sie also, die schon damals in öffentlichen Schriften sich als Ichphilosophen zeigten? Wer können sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich für das System der Wissenschaftslehre erklärt hätte, ausser mir selbst? Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen, ausser mir und meinen Zuhörern, deren keiner Schriftsteller war, und die wohl nur durch mich literarische Connexionen hätten erhalten können?

Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den früher genannten und angegriffenen Männern treffen sollen, und da sie die anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck nicht treffen soll, indem das Factum in eine frühere Zeit gesetzt wird, — sie muss den einzigen, welcher noch übrig bleibt, sie muss mich treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen; und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er beabsichtigen, dass es geschehen möchte. Oder, wollte er nicht, dass jene Beschuldigung auf mich bezogen würde, wollte er nur überhaupt in das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen würde, beschuldigen, so musste er ausdrücklich erklären, dass er mich nicht meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich für meine Person an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und dergleichen.

Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die Beschuldigung auf mich bezogen werde.

Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai’s eigenem guten Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet von Erschleichungen, unartigen Schleifwegen, heimlichem Einschwärzen, von Versuchen, unter der Hand sich geneigt zu machen, was man öffentlich zu verachten affectirt.

Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger, verächtlicher — und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene Urtheile etwas geben.

Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob sie in Bohns oder in Nicolai’s Verlage herauskomme, so affectire ich nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der Philosophie.[17]

Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu machen gesucht.

Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.

Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig, verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. — Da ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. —

Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.

Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben, Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.

Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine, wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden? Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische Thatsachen hinzustellen.

Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist, alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?

Wäre denn nicht auch etwa der Fall möglich, dass jene Anzeige von einem Gelehrten herkäme, der nicht zu Jena lebte, der mich nie persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt, der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst — Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht — an die N. D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai, sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; — der als möglich vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben, hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen. Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können, wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, — hätte er doch auch hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen, dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen abgewiesen hatte?

2.

Ich komme zu Nicolai’s zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, „der mir gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge,“ von Schurkerei und Büberei gesprochen.

Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere so ohngefähr gleich?

Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes erstere nicht gleich.

Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen Wahrheitsfeindes und Bösewichts.

Hätte der Gegner nur wirklich aus meinen Sätzen gefolgert, gesetzt auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken, aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er ehrlicherweise selbst glaube, was er behauptet.

Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798, Heft 8, S. 386.[19] —) Hier ist sie im Zusammenhange.

Ich sage S. 385 oben im Texte: „ich habe die lügenhaften Verdrehungen, die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch veranlasst;“ und setze in einer Note hinzu: „Ich sage (S. 10 meines Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; — habe diesen Satz zu analysiren, wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite verkürzt mit Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, heisst: u. s. w. — Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden Katheten. In einem Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse etc. heisst: u. s. w. — Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten Ausdruck des Satzes, als den directen, erklärt meine ganze Theorie aus diesem unbedingt gesetzten Muss, um mich eines Fatalismus zu bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die moralische Ordnung sich selbst mache, und wie ich mit meinem guten Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. — Im gemeinen Leben nennt jeder Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man es in der Literatur nennen?“ — Dies ists, was ich geschrieben hatte. Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen zu beantworten:

1) Heisst das, aus meinen Sätzen folgern, wie Nicolai es nennt, wenn man mir einen bedingten Satz in einen unbedingten verwandelt, um mir eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie erklärt habe? Es ist also nicht von Folgerungen, es ist von Verdrehungen und Erdichtungen die Rede.

2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum, sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus) als gegründet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn dieser Zweck nur durch dieses Mittel zu erreichen ist?

3) Wie würde man ein ähnliches Benehmen im bürgerlichen Leben nennen? Wenn ich z. B. im Gespräche gesagt hätte: wenn Nicolai nicht ein grundschiefer und zerrütteter Kopf ist, so ist er ein hämischer Bösewicht: und Nicolai hätte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge einer zu ihm, und erzählte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai, sey ein hämischer Bösewicht; und dieser Erzähler thäte es in der laut zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslöschliches Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die öffentliche Beistimmung zu verschaffen: würde man dieses Benehmen anders bezeichnen können, ausser durch die Benennung der Lüge, der Schurkerei und Büberei?

4) Ist die Anfrage: im bürgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei, Büberei, Lüge, wie soll man es in der Literatur nennen? — gleich dem Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand glaube, dass ich mich zurückziehen wolle, ich bin allerdings der Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es nur über literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und verbreitete allgemeine Meinung gäbe, wie über bürgerliche Ehre. Ich bin allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklären, dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswürdig gehandelt hat.

5) Nicolai’s Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedächtnisse ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen Journals gegenwärtig hat, die oben angeführte Stelle, welche er richtig citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fähig war niederzuschreiben: ich habe darüber, dass ein Gegner mir gezeigt, was aus meinen Sätzen folge, von Schurkerei und Büberei gesprochen, — dieses Betragen Nicolai’s zu beurtheilen und zu benennen, überlasse ich ganz allein dem ehrliebenden Leser.

Soviel über diese ehrenrührigen Angriffe Nicolai’s, die auf erdichtete Thatsachen sich gründen. Was er (S. 154 u. S. 177) über mein Benehmen bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universität Jena urtheilt, übergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verächtlich, als dass ich mich dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen Achtung mir liegen könnte, dieses Urtheil theilte. Es dürfte vielleicht, ausser dem, was über jene Sache bekannt worden, noch andere Umstände geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein anderes Licht stellen würden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai zweckmässig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai gerade ist der letzte, der über diese Dinge mich zur Rede bringen soll.

[17] Und wie könnte ich anders, als sie verachten, von der Seite ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe, der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen könnten; dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich seyn sollten, dass sie von Philosophen (sie sind wohl auch welche, diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich, von Philosophen verstanden werden könnten; die denn doch bei alle dem ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht bergen können, und zuletzt mit dem Troste für ihren Redacteur, ihre Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde; diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher über den sonderbaren Ausdruck verwundern. So lässt neulich einer aus Heydenreichs Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: „Das eheliche Verhältniss ist die von der Natur geforderte Masse (Weise steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174]) des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.“ Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrücken, ruft der Recensent in einer Parenthese aus.

Jeder, der in den neuesten Stücken der N. D. B. unter den philosophischen Recensionen herumblättern will, wird auf die oben angeführten Aeusserungen stossen.

Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederübernehmung der Herausgabe jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht (auch nimmermehr andere bekommen würde), versichern, dass jene Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehörten, wie er dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmüthig seyn, sich in meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schämen, dass ich von diesen Männern spreche, wie von einfältigen Schulknaben; wie ich denn auch allerdings thue.

[18] S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.

[19] Sämmtliche Werke Bd. V. S. 394. — Die im Folgenden erwähnte Note ist dort weggelassen worden, als längst vergessenen polemischen Beziehungen angehörig. (Anmerk. des Herausgebers.)

[20] In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische System des Herrn Prof. Fichte.

Zweite Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)

Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; — wenn nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die Zeit verlieren.

Dass Lessing — wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, — dass, sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist, ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht verbergende Verachtung gegen Nicolai’s Person, und ganzes Werk und Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd mit schonendem Stillschweigen trug.

Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit, Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S. 109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse unter den Freunden (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B. verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln (S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255), und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai’s) Volkslieder zu senden, „indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit dem Volke hinauslaufe“ (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid (29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die Augen hämisch (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai’s Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B. getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S. 286): „was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?“ Und auf der folgenden Seite: „Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaasst.“

Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig (29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, — ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung sich gründet, — um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an, zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich gefunden: „zu Verbreitung — solcher Ideen, die für ein gewisses Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter kommen solle, ihren Werth hätten, durch — so einen Roman.“

Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er — kein so seichter Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben? Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und Disputirsucht erklärt.

Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter deiner Nation!

Dritte Beilage.
(Zum zweiten Capitel.)

Ich nenne die deutsche Bibliothek ein an sich widersinniges Unternehmen. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel hat, und viel liest, der Strenge nach jedes allgemeine Recensionswerk.

Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu überlegen.

Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne. Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?

Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache — denn es ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde wachsen — etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? — Der Lebenslauf jedes wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht seinen Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.

Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt, dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen schreiben?

Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine Recension, und für die Recensionen bleiben in der Regel nur diejenigen übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter zurückgebliebene Invaliden, deren Bücher keinen Absatz, und also keinen Verleger finden, und Schüler, die zwar ein Aufsätzchen in Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden, die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. — In der Regel ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen, und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, da das leidige Vorurtheil für Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht auszurotten seyn dürfte, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft. Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.

Ein Invalid also, oder ein Schüler wird in den 8 oder 14 Tagen, da er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor erheben, der Jahre lang, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, sein ganzes Leben an diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.

Der Invalid — mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt — der Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es neu ist. Der Schüler wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]

Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen, welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten, was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse, woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen; und er hält Wort. — Welches Schauspiel würde das Publicum auch in dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!

Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn kennt, in Respect zu erhalten. „Ei, die verstehns; die wissen recht einem jeden eins zu versetzen,“ soll der Lesepöbel denken.

Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer Kritik, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der Begriff von einer Urtheilsfreiheit der Gelehrten: d. h. dass es jedem, der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse, über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein corpus delicti sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse; dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die — Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig unterwerfen und sich bessern. — Armes Publicum, dass du dir dergleichen Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein corpus delicti. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch ungeschrieben hätte bleiben können.

So mit den allgemeinen Recensionsanstalten, die auf Universalität der Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe, die ein Wort mitsprechen können. Unseres Erachtens ein sehr mislicher Beweis; es wäre dem Orte mehr Ehre, er hätte viele Gelehrte, die etwas besseres zu thun hätten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die gelehrten Mitbürger, denen durch alle Mühe, die man sich darum giebt, doch das Lesen auswärtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkümmern lässt, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden, als es in dieser eingeführten literarischen Contrebande geschieht; auch kräftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren. Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: „Rec. trug dies immer so vor;“ oder: „was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist;“ oder: „wie kann der Mann nur das rühmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es nichts tauge; so er etwas rühmen will, so rühme er unsere Apodiktik.“ Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen der Göttingischen Universität bleiben, deren Lehrer sehr oft mit auswärtigen Schriftstellern in Collision kommen mögen. Sie sind lediglich auf die gelehrten Mitbürger berechnet; und wer sie für mehr hält, auf dessen Kopf falle der Schade!

Aber es ist doch so bequem für das grössere Publicum, und selbst für die wirklichen Gelehrten, beim Durchblättern einer einzigen Zeitschrift zu erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren können. —

Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.

Wie man Petersilie, Pilze und Bücklinge auf den Strassen ausruft, ebenso sollen auch die Bücher ausgerufen werden; nicht durch die ersten Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkäufer, die Buchhändler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen Buchhändler, und übertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs überliessen, die Herausgabe eines ausführlichen Messkatalogs; — oder sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen verhältnissmässigen Auszug des Inhalts, — wo es hingehört, Proben der Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur einiger Commis, die da lesen können und schreiben, höchstens auf einer lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja überdies in einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er urtheilen könne, ob der Auszug richtig und zweckmässig ist. Es mag ihm auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu nennen. —

Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich gänzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben sie alle Bücher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie schreiben im Namen der sämmtlichen Verleger, und es ist sehr natürlich und sehr unschuldig, dass ein Verkäufer seine Waare lobt. Wer dadurch getäuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit zu. Mehrere Buchhändler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es könnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges an Mustern fehlen.

Zweitens habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey verderblich geworden — durch die Art ihrer Ausführung. Jene Bibliothek wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehört, zu finden anmuthen — sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der Popularität, des leeren Geschwätzes. Eine Philosophie, die hinüber und herüberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren Hauptzweck war, die Bibel so vernünftig zu machen, als diese seichten philosophischen Schwätzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener Raritäten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich geschadet; er lebt noch und fährt noch fort zu schaden. — Man irrt sich sehr über den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und Popularität möchten sie durch den Geist wahrer Gründlichkeit und Wissenschaftlichkeit verdrängen; — durch den Geist, der durch die Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herüber gerettet worden. Sodann mag auch über Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas ausgemacht werden.

Dass, wie ich drittens gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser Schrift zur Genüge erwiesen.

[21] Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher Redacteur kommen kann, und wie kläglich sich dieselben oftmals behelfen müssen!

Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genöthiget, noch ein Ergänzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark besetzten ordinären Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrücklich und namentlich angekündigt, dass dieses Ergänzungsblatt unter anderen auch einen Bericht über die durch die Fichteschen Religionslehren entstandenen Bewegungen enthalten würde. Jeder Leser musste glauben, dass dieser Bericht ein vorzügliches Meisterwerk, und ein wahres Bravourstück des Recensionswesens seyn würde, von dessen Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen könnte, da es ihm schon im voraus so bedeutend angekündigt wurde; und höchstwahrscheinlich hatte der Herr Hofrath Schütz wirklich auf ein solches Meisterstück Bestellung gemacht und erwartete täglich die Ankunft desselben. Und was hat er erhalten!

Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist, zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine Eigenthümlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz: was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch Fichte’s Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an seine Wissenschaftslehre anzuknüpfen suche. Nun thue ihm einer etwas! Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufsätzen, so ist die Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.

Dagegen aber fällt ihn sein Unglück da an, wo er keine Gefahr weiter ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen bestimmten Begriff aufgestellt. — Welcher Philosoph weiss nicht, dass seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklärung der Substanz vorhanden ist: die, dass sie sey der Träger der Accidenzen? Auch würde der Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknüpfen suche, eine, wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklärung der Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey die (allein im Denken geschiedenen) Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und als Eins aufgefasst, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals durchblättert hätte: und er hätte sodann den Lesern der A. L. Z. berichten können, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht vorkomme, das Prädicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem Ruhme gereicht haben würde. Von diesem allen hat er nichts gethan und nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach nicht.

Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?

Er fürchtet, Fichte möge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt ist, exercitia stili zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.

Und was für ein Sprachmeister! — Fichte hat gesagt, dass man Gott das Prädicat der Substanz nicht beilegen könne, und fährt darauf fort: „es ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwätz niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns sich erhebe.“ Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des Schreibens eines Vaters etc., welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst öffentlich des Atheismus bezüchtigt, — so ungefähr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister hat zugleich ein sehr gutes Gemüth gegen Fichte, und zeigt es in diesem einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat, durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres der Irreligiosität beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden müsse, ehe die wahre Religion stattfinde. Ihm sind sonach sich erheben (über Hindernisse und Zweifel) und entstehen Synonyme.

Forbergs Benehmen, das er höher oben als petulant, und der Wichtigkeit der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch auch seine Kenntniss des Französischen zu zeigen, niaiserie. Er mag wohl dieses Wort in seinem Dictionnäre durch läppisches Wesen übersetzt finden, und es seinen Schülern immer so übersetzt haben, ohne einen Unterschied zu bemerken zwischen einem unschicklichen Betragen aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und einem ungeschickten und täppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch durch das Wort niaiserie bezeichnet wird. (Niais, höchst wahrscheinlich von nidus, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher unbeholfen bleibt.)

Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich seinen Unterhalt zu erwerben sucht.

Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein so berühmter Philolog, als der Herr Hofrath Schütz, diese argen Verstösse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des Beiwagens war angekündigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.

[22] Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen, aber doch in einer ähnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen. Nachdem er ein — von ihm selbst schon damals dafür erkanntes — schlechtes Buch geschrieben hatte, dafür in einer berühmten Zeitung mächtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung eingeladen wurde — ei, dachte er, gehört dazu nichts weiter? und hatte einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst. Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu können glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht dafür stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwäche herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will für diesen Fall jener berühmten Zeitung, und ihrem berühmten Redacteur, welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im voraus zu gutem Andenken und zu brüderlicher Schonung empfohlen haben. —