WeRead Powered by ReaderPub
Sämtliche Werke 1-2 cover

Sämtliche Werke 1-2

Chapter 12: VII.
Open in WeRead

About This Book

A psychological novel follows a young man who commits a calculated murder and then endures escalating guilt, paranoia, and isolation. The plot interweaves tense episodes of investigation and social interaction with prolonged interior reflection, bringing into relief competing moral and philosophical viewpoints through secondary characters. Major concerns include conscience versus rationalization, the nature of justice, and the possibility of spiritual or moral redemption. The narrative culminates in confession and the beginning of a painful ethical reckoning, presenting a sustained study of culpability, empathy, and the human capacity for both cruelty and remorse.

VII.

Die Türe wurde, wie auch damals, um einen einzigen Spalt geöffnet, und wieder hafteten auf ihm zwei scharfe und mißtrauische Augen aus der Dunkelheit. Da verlor Raskolnikoff die Fassung und machte beinahe einen großen Fehler.

In der Befürchtung, daß die Alte erschrecken würde, weil sie allein sei, und da er nicht glauben konnte, daß sein Anblick sie beruhigen würde, griff er nach der Türe und zog sie zu sich, damit die Alte nicht auf den Gedanken komme, sich wieder einzuschließen. Als die Alte das sah, zog sie die Türe nicht zurück, ließ aber auch nicht die Türklinke los, so daß er sie beinahe mit der Türe auf die Treppe hinauszog. Da er aber sah, daß sie quer vor der Türe stand und ihn nicht durchlassen wollte, ging er direkt auf sie los. Die Alte sprang erschreckt zurück, wollte etwas sagen, aber schien es nicht zu können und sah ihn unverwandt an.

„Guten Tag, Aljona Iwanowna,“ begann er möglichst ungezwungen, aber die Stimme gehorchte nicht, sie brach ab und zitterte. „Ich habe Ihnen ... ein Versatzstück gebracht ... aber wir gehen besser hierher ... wo es hell ist ...“ Er ließ sie stehn und ging ohne Aufforderung in das Zimmer. Die Alte lief ihm nach, ihre Zunge hatte sich gelöst.

„Herrgott! Was wollen Sie? ... Wer sind Sie? Was wollen Sie?“

„Erlauben Sie, Aljona Iwanowna ... ich bin Ihnen bekannt ... Raskolnikoff ... da haben Sie, ich habe ein Versatzstück gebracht, wie ich vor ein paar Tagen versprach ...“

Und er reicht ihr das Versatzstück hin.

Die Alte warf einen leichten Blick auf das Versatzstück, aber richtete sofort ihre Augen direkt ins Gesicht des ungebetenen Gastes. Sie sah ihn aufmerksam, böse und mißtrauisch an. Es verging eine Minute; ihm schien sogar, in ihren Augen liege etwas wie Spott, als ob sie schon alles erraten hätte. Er fühlte, daß er die Fassung verlor, und daß ihn die Furcht packte, eine so starke Furcht, daß ihm schien, wenn sie ihn noch eine halbe Minute so weiter angesehen hätte, er ohne ein Wort zu sagen weggelaufen wäre.

„Warum sehen Sie mich so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennen?“ sagte er plötzlich ebenfalls böse. „Wenn Sie wollen, nehmen Sie es zum Versatz, wenn nicht, – gehe ich zu anderen, ich habe keine Zeit.“

Er wußte selbst nicht, wie er zu diesen Worten kam.

Die Alte kam zu sich, und der entschlossene Ton des Besuchers gab ihr anscheinend Mut.

„Warum sind Sie hergekommen, Väterchen, was ist das?“ fragte sie und blickte auf das Versatzstück.

„Ein silbernes Zigarettenetui; ich sprach vorigesmal davon!“

Sie streckte die Hand aus.

„Warum sind Sie so blaß? Auch Ihre Hände zittern! Haben Sie gebadet?“

„Fieber habe ich,“ antwortete er kurz. „Unwillkürlich wird man blaß ... wenn man nichts zu essen hat,“ fügte er, die Worte kaum aussprechend, hinzu. Die Kräfte verließen ihn wieder. Die Antwort aber erschien wahrheitsgetreu; denn die Alte nahm das Versatzstück.

„Was ist es?“ fragte sie, indem sie Raskolnikoff noch einmal prüfend ansah und das Versatzstück in der Hand wog.

„Ein Ding ... ein Zigarettenetui ... aus Silber ... Sehen Sie nach.“

„Hm, mir scheint es nicht aus Silber ... Sieh, wie er es zugeschnürt hat ...“ Indem sie versuchte, den Bindfaden zu lösen und sich zum Fenster gegen das Licht wandte (alle Fenster waren trotz der schwülen Hitze geschlossen), ließ sie ihn auf ein paar Sekunden aus dem Auge und stellte sich mit dem Rücken gegen ihn. Er knöpfte seinen Mantel auf und zog das Beil aus der Schlinge, aber er holte es noch nicht hervor, sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Mantel. Seine Hände waren furchtbar schwach; er fühlte selbst, wie sie mit jedem Augenblick immer mehr erlahmten und erstarrten. Er fürchtete, daß er das Beil fallen lassen werde ... plötzlich schwindelte ihm der Kopf.

„Was hat er denn da umgewickelt!“ rief die Alte ärgerlich aus und machte eine Bewegung nach seiner Seite. Kein Moment länger durfte verloren gehen. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, kaum daß er sich dessen bewußt war, mit beiden Händen empor und ließ es fast ohne Anstrengung, fast mechanisch mit der breiten Seite auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte, wie es schien, dabei keine Kraft angewandt. Aber kaum hatte er das Beil zum ersten Male fallen lassen, da kamen auch die Kräfte.

Die Alte war wie immer barhäuptig. Ihre hellen, leicht ergrauten dünnen Haare, wie gewöhnlich fettig geölt, waren in rattenschwanzartige kleine Flechten geflochten und wurden von einem abgebrochenen Hornkamme, der auf ihrem Hinterkopfe saß, zusammengehalten. Der Schlag hatte sie bei ihrer Kleinheit direkt auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber sehr leise, ihre beiden Hände gegen den Kopf erhebend. In der einen Hand hielt sie das „Versatzstück“ fest. Da schlug er aus aller Kraft ein zweites und ein drittes Mal zu, immer mit der breiten Seite und immer gegen den Scheitel. Das Blut strömte hervor wie aus einem zersprungenen Glase, und der Körper fiel zu Boden mit dem Gesichte nach oben. Er trat einen Schritt zurück, ließ den Körper liegen und beugte sich über ihr Gesicht; sie war schon tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, und die Stirn und das ganze Gesicht waren verzogen und krampfhaft verzerrt.

Er legte das Beil auf die Diele neben die Tote, langte eilends in ihre Tasche, in dieselbe rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel hervorgeholt hatte, und suchte zu verhindern, daß er sich mit dem fließenden Blute beschmiere. Er war bei klarem Verstande, Verdüsterungen und Schwindel fühlte er nicht mehr, aber die Hände zitterten immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr aufmerksam und vorsichtig war und immer versuchte, sich nicht zu beschmutzen ... Die Schlüssel zog er sofort heraus; sie hingen alle wie damals an einem Schlüsselbunde, an einem Ringe von Stahl. Er lief sofort mit ihm in das Schlafzimmer. Das war ein sehr kleines Zimmer mit einer großen Sammlung Heiligenbilder. An der anderen Wand stand ein großes Bett, sehr reinlich, mit einer wattierten Decke, die mit bunten Seidenflicken besetzt war. An der dritten Wand stand eine Kommode. Wie seltsam, kaum begann er die Schlüssel an der Kommode zu probieren, kaum hörte er ihr Rascheln, da kam der Krampf über ihn. – Er bekam wieder Lust, alles liegenzulassen und fortzugehen. Aber das dauerte nur einen Augenblick; es war zu spät, fortzugehen. Er lächelte sogar über sich selbst, als plötzlich ein anderer beunruhigender Gedanke durch seinen Kopf fuhr. Ihm däuchte plötzlich, daß die Alte vielleicht noch lebe und zu sich kommen könne. Er ließ die Schlüssel fallen, lief zurück zu der Toten, ergriff das Beil und erhob es noch einmal über die Alte, ließ es aber nicht niedersausen. Es gab keinen Zweifel, sie war tot. Indem er sich über sie beugte und sie wieder in der Nähe betrachtete, sah er deutlich, daß der Schädel zerschmettert und sogar ein wenig nach der Seite verschoben war. Er wollte mit dem Finger es befühlen, aber er riß die Hand zurück; es war ja ohnedem zu sehen. Indessen war schon eine ganze Pfütze Blut zusammengelaufen. Plötzlich bemerkte er an ihrem Halse eine Schnur, er riß daran, aber die Schnur war stark und ließ sich nicht zerreißen, außerdem war sie mit Blut durchtränkt. Er versuchte sie so unter dem Busen hervorzuziehen, aber etwas hielt die Schnur fest. Ungeduldig wollte er wieder das Beil emporheben, um die Schnur von oben über den Körper durchzuschlagen, aber er wagte es nicht, und mit großer Mühe zerschnitt er nach einer Arbeit von zwei Minuten die Schnur, ohne mit dem Beile den Körper zu berühren, wobei er aber seine Hände und das Beil mit Blut besudelt hatte; er hatte sich nicht geirrt – an der Schnur hing ein Beutel. Außerdem hingen daran zwei Kreuze, eins von Zypressen und das andere von Kupfer, und ein Heiligenbildchen aus Emaille; es war ein kleiner beschmutzter Beutel aus Sämischleder mit einer stählernen Spanne und kleinem Ringe. Der Beutel war sehr voll gepackt. Raskolnikoff steckte ihn, ohne ihn näher zu betrachten, in die Tasche, die Kreuze warf er der Alten auf die Brust, nahm diesmal das Beil auch mit und stürzte in das Schlafzimmer zurück.

Er war in schrecklicher Hast, nahm die Schlüssel und versuchte sie von neuem. Aber es gelang ihm immer nicht, sie paßten nicht für die Schlösser. Nicht, weil seine Hände zitterten, aber er irrte sich immer; er sah zum Beispiel, daß es nicht der richtige Schlüssel war, daß er nicht paßte, trotzdem probierte er ihn immer wieder. Plötzlich dachte er daran und es leuchtete ihm ein, daß dieser große Schlüssel mit dem zackigen Barte, der an dem Ringe mit den anderen kleinen zusammenhing, gar nicht zu der Kommode gehörte (wie es ihm schon vorigesmal in den Sinn gekommen war), sondern unbedingt zu einer Truhe gehören mußte, und daß in dieser Truhe vielleicht alles aufbewahrt war. Er verließ die Kommode und kroch sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen gewöhnlich bei alten Frauen unter dem Bette stehen. Es stimmte, es stand darunter eine ziemlich große Truhe, ungefähr ein Meter lang, mit einem halbrunden Deckel, mit rotem Saffian beschlagen. Der zackige Schlüssel paßte und schloß die Truhe auf. Oben, unter einem weißen Laken, lag ein mit rotem Stoff bezogener Pelz aus Hasenfellen; unter ihm ein seidenes Kleid, ein Schal und in der Tiefe lagen, wie es schien, allerhand Kleidungsstücke. Zuerst begann er seine mit Blut besudelten Hände an dem roten Stoff abzuwischen. „Der Stoff ist rot und bei rot ist Blut nicht so auffallend,“ dachte er und plötzlich kam er zu sich. „Mein Gott! Verliere ich den Verstand?“ sagte er sich erschreckt.

Kaum aber hatte er die Lumpen angerührt, als plötzlich unter dem Pelze eine goldene Uhr hervorglitt. Er machte sich daran, alles in der Truhe umzuwerfen. Zwischen den Kleidungsstücken waren in der Tat goldene Sachen untergebracht – wahrscheinlich alles versetzte Sachen, gekaufte oder nicht ausgelöste Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen mehr. Manche Pfänder waren in Futteralen, andere wieder einfach in Zeitungspapier eingeschlagen, aber peinlich und sorgfältig in doppelte Bogen und mit Bindfaden zugeschnürt. Ohne einen Moment zu zögern, begann er seine Hosentaschen und die Taschen im Mantel mit den Sachen zu füllen; er untersuchte nicht und öffnete nicht die Pakete und die Futterale, aber er kam nicht dazu, viel einzustecken ...

Denn plötzlich hörte er in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er ließ das Kramen und verhielt sich still, wie ein Toter. Alles war aber ruhig, also hatte er nur geträumt. Aber da hörte er deutlich einen leisen Schrei, als wenn jemand leise und abgerissen stöhnte und darauf schwieg. Wieder trat eine Totenstille ein, eine Minute oder zwei Minuten lang. Er horchte neben der Truhe und wartete mit angehaltenem Atem, plötzlich aber sprang er auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.

Mitten im Zimmer stand Lisaweta mit einem großen Bündel in der Hand und sah erstarrt die ermordete Schwester an; sie war weiß wie Linnen und schien außerstande zu schreien. Als sie ihn hereinlaufen sah, erzitterte sie wie ein Blatt, und ihr ganzes Gesicht zuckte; sie erhob die eine Hand, öffnete den Mund, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen, ihm unverwandt ins Gesicht sehend, aber immer noch nicht schreiend, als ob es ihr an Luft mangele. Er stürzte sich auf sie mit dem Beile. Ihre Lippen verzogen sich so kläglich, wie es ganz kleine Kinder tun, wenn sie sich vor etwas fürchten, den Gegenstand ihrer Furcht unverwandt ansehen und sich anschicken zu schreien. Diese unglückliche Lisaweta war so einfältig und so völlig eingeschüchtert, daß sie nicht einmal ihre Hände erhob, um das Gesicht zu schützen, obwohl das doch die unwillkürlichste und natürlichste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, während das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie erhob nur ein wenig ihre freie linke Hand, aber bei weitem nicht bis zum Gesichte und streckte sie ihm langsam entgegen, als ob sie ihn zur Seite schieben wollte. Der Schlag traf direkt den Schädel mit der scharfen Seite des Beiles und durchschnitt mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zur Schläfe. Sie stürzte sofort hin. Raskolnikoff verlor beinahe die Fassung, er ergriff ihr Bündel, warf es wieder hin und lief in das Vorzimmer.

Die Angst packte ihn mehr und mehr nach diesem zweiten, vollkommen unerwarteten Morde. Er wollte schnell von hier fort. Und wenn er in diesem Augenblicke imstande gewesen wäre, klarer zu sehen und zu denken, wenn er sich alle Schwierigkeiten seiner Lage, die ganze Verzweiflung, den ganzen Ekel und den ganzen Wahnsinn der Situation hätte vorstellen können und dabei verstanden hätte, wieviel Hindernisse, vielleicht auch Verbrechen er noch überwinden und vollbringen mußte, um von hier loszukommen und nach Hause zu gelangen, dann hätte er wahrscheinlich alles im Stiche gelassen und wäre sofort hingegangen und hätte sich selbst gestellt; und er hätte es nicht aus Furcht getan für seine Person, sondern nur aus Schrecken und Widerwillen allein vor dem, was er vollbracht hatte. Besonders der Widerwillen stieg und wuchs in ihm mit jedem Augenblicke. Um keinen Preis in der Welt würde er jetzt zu der Truhe oder in das Zimmer zurückgegangen sein.

Aber eine Zerstreutheit, eine Nachdenklichkeit kam allmählich über ihn; einige Minuten blieb er wie verloren stehen oder besser, er verlor sich in Kleinigkeiten und vergaß die Hauptsache. Als er übrigens einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen Eimer sah, der zur Hälfte mit Wasser gefüllt war, kam er auf den Gedanken, seine Hände und das Beil abzuwaschen. Seine Hände waren blutig und klebten. Das Beil steckte er mit der Schneide einfach ins Wasser, ergriff ein Stück Seife, das auf dem Fensterbrette auf einer zerschlagenen Untertasse lag und begann im Eimer selbst seine Hände zu waschen. Nachdem er die Hände gereinigt hatte, zog er auch das Beil heraus, wusch das Eisen ab und wusch lange, gegen drei Minuten lang, die Blutflecken vom Holze ab und versuchte sogar das Blut mit Seife abzuwaschen. Dann trocknete er alles mit Wäschestücken ab, die hier an einem Stricke trockneten, und besah lange voll Aufmerksamkeit am Fenster das Beil. Spuren waren nicht da, nur das Holz war noch feucht. Er steckte sorgfältig das Beil in die Schlinge unter dem Mantel. Darauf besah er den Mantel, die Hosen und die Stiefel, soweit es ihm das Licht in der halbdunklen Küche erlaubte. Beim ersten Blick schien man außen nichts zu sehen; nur auf den Stiefeln waren Flecken. Er machte einen Lappen naß und wischte die Stiefel ab. Er wußte übrigens, daß er nicht gut sehen konnte, daß es vielleicht etwas in die Augen Fallendes gab, was er nicht bemerkte. In Nachdenken versunken, stand er mitten im Zimmer. Ein quälender dunkler Gedanke erstand in ihm – der Gedanke, daß er den Verstand verliere, und daß er in diesem Augenblicke weder denken noch sich verteidigen könne, daß vielleicht gar nicht das zu tun sei, was er jetzt tue ...

„Mein Gott! Ich muß fort, fort!“ murmelte er und stürzte in das Vorzimmer. Aber hier erwartete ihn ein Schrecken, wie er ihn sicher noch nie erlebt hatte.

Er stand, sah hin und traute seinen Augen nicht: die Türe, die Außentüre, die aus dem Vorzimmer auf die Treppe ging, dieselbe, an der er vor kurzem geschellt und durch die er hineingekommen war, stand offen, sogar eine Hand breit offen, weder das Schloß war zu, noch der Riegel vor – die ganze, die ganze, ganze Zeit! Die Alte hatte hinter ihm nicht abgeschlossen, vielleicht aus Vorsicht. Aber, mein Gott! Er hat aber doch später Lisaweta gesehen! Und wie konnte, wie konnte er nicht auf den Gedanken kommen, daß sie doch irgendwie hereingekommen war! Sie war nicht durch die Wand gekommen!

Er stürzte zur Türe und legte den Riegel vor.

„Aber nein, das war wieder nicht das richtige! Ich muß fort, fort! ...“

Er zog den Riegel zurück, öffnete die Türe und begann zur Treppe hin zu lauschen.

Er horchte lange. Irgendwo weit unten, wahrscheinlich unter dem Tore, schrien laut und kreischend zwei Stimmen, stritten sich und schimpften.

„Was haben die? ...“

Er wartete geduldig. Endlich wurde mit einem Male alles still, wie abgeschnitten; sie sind fortgegangen.

Er wollte schon hinaustreten, aber plötzlich öffnete sich geräuschvoll ein Stock tiefer eine Tür zur Treppe, jemand begann die Treppe hinabzusteigen und summte vor sich irgend etwas her.

„Wie sie alle lärmen!“ ging es durch seinen Kopf.

Er zog wieder die Türe zu und wartete. Endlich verstummte alles, keine Seele war zu hören. Er tat schon einen Schritt zur Treppe, als er plötzlich wieder neue Schritte vernahm.

Diese Schritte kamen von sehr weit her, ganz vom Anfange der Treppe, aber er erinnerte sich sehr gut und deutlich, daß er schon beim ersten Schritte damals aus irgendeinem Grunde den Verdacht faßte, daß man unbedingt hierher, in den vierten Stock, zu der Alten komme. Warum? Klangen die Schritte so sonderbar, so bedeutungsvoll? Es waren schwere gleichmäßige Schritte von einem Menschen, der keine Eile hat. Den ersten Stock hat er schon erreicht, nun steigt er weiter die Treppe hinauf, – deutlicher und deutlicher hört man es. Er vernahm das schwere Atmen des Kommenden. Nun ist er schon im dritten Stock. Er kommt hierher! Und plötzlich erschien es Raskolnikoff, als wäre er versteinert, als wäre er im Traume, wenn es einem träumt, daß man verfolgt wird, daß die Mörder ganz nahe hinter einem sind, man aber wie angewachsen dasteht und die Hände nicht rühren kann.

Endlich, als der Besucher schon den vierten Stock heraufstieg, fuhr er plötzlich zusammen und es gelang ihm doch schnell und geschmeidig, von dem Treppenabsatz in die Wohnung hineinzuschlüpfen und die Türe hinter sich zuzumachen. Dann nahm er den Haken und legte ihn leise, unhörbar vor. Der Instinkt half ihm. Als er das in Ordnung gebracht hatte, stellte er sich mit angehaltenem Atem direkt an die Türe. Der unbekannte Besucher war schon da. Sie standen jetzt einander gegenüber, wie er vor kurzem der Alten gegenüberstand, als die Türe sie voneinander trennte, und er lauschte.

Der Besucher atmete ein paarmal schwer.

„Er ist wahrscheinlich dick und groß,“ dachte Raskolnikoff und nahm das Beil fester in die Hand. Ihm war wieder alles wie im Traume. Der Besucher faßte die Klingel und läutete stark.

Als die Klingel blechern erklirrte, schien es ihm, als ob in dem Zimmer sich jemand rühre. Einige Sekunden lauschte er. Der Unbekannte schellte noch einmal, wartete ein wenig und begann plötzlich ungeduldig aus aller Kraft mit der Türklinke zu klappern. Mit Schrecken blickte Raskolnikoff auf den hüpfenden Haken und wartete mit stumpfer Angst, daß der Haken jeden Augenblick herausspringen werde. Es schien in der Tat möglich zu sein, – so stark riß jener an der Türe. Er wollte den Haken mit der Hand niederhalten, aber der andere konnte es merken. Es begann ihm wieder schwindlig zu werden.

„Ich breche noch zusammen!“ durchzuckte es ihn, aber der Unbekannte begann zu sprechen, da kam er zu sich. „Ja, schlafen die denn da oder sind sie tot? Verflucht noch einmal!“ wetterte er. „He, Aljona Iwanowna, alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du wundervolle Schönheit! Öffnet! Ach, verflucht, schlafen sie wirklich?“

Und er riß von neuem rasend gegen zehnmal nacheinander aus voller Kraft an der Klingel. Es war wohl ein Mann, der etwas galt und im Hause gut bekannt war.

In diesem Augenblick vernahm man unweit auf der Treppe kurze eilige Schritte. Es kam noch jemand. Raskolnikoff hatte es zuerst nicht gehört.

„Ist niemand da; unmöglich?“ rief laut der Angekommene und wandte sich freundlich an den ersten Besucher, der noch immer an der Klingel riß. „Guten Abend, Koch!“

„Nach der Stimme zu urteilen, muß es ein sehr junger Mann sein,“ dachte Raskolnikoff.

„Das weiß der Teufel, ich habe fast das Schloß abgerissen,“ antwortete Koch. „Aber woher kennen Sie mich denn?“

„Warum nicht! Vorgestern habe ich Ihnen drei Partien Billard im ‚Gambrinus‘ abgewonnen.“

„Ah ...“

„Also, sie sind nicht zu Hause. Merkwürdig. Das ist aber dumm. Wo mag nur die Alte hingegangen sein? Ich habe Geschäfte mit ihr.“

„Ich auch, mein Lieber.“

„Was ist da zu tun? Wohl oder übel müssen wir wieder gehen. Ach! Und ich hoffte Geld zu bekommen!“ rief der junge Mann aus.

„Selbstredend müssen wir gehen, aber wozu gibt man eine Zeit an? Die alte Hexe hat mir selbst die Stunde bestimmt. Für mich bedeutet das einen weiten Weg. Zum Teufel, ich verstehe nicht, wo sie sich herumtreiben kann. Das ganze Jahr sitzt sie im Hause, die Hexe, rührt sich nicht vom Fleck, die Füße tun ihr weh, und nun plötzlich macht sie Ausflüge!“

„Sollen wir nicht den Hausknecht fragen?“

„Wonach denn?“

„Wohin sie gegangen ist und wann sie wiederkommt?“

„Hm ... zum Teufel ... sollen wir fragen ... Ja, sie geht doch nie aus ...“ und er riß noch einmal an der Türklinke.

„Zum Teufel, es bleibt nichts übrig, wir müssen fortgehen.“

„Warten Sie!“ rief plötzlich der junge Mann. „Sehen Sie einmal, wie die Türe nachgibt, wenn man daran reißt!“

„Na, und?“

„Also ist sie nicht abgeschlossen, sondern nur eingehakt, auf den Haken! Hören Sie, wie der Haken klirrt?“

„Nun?“

„Verstehn Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn alle fortgegangen wären, hätten sie die Türe mit dem Schlüssel abgeschlossen, und nicht von innen mit dem Haken. Hören Sie nun, wie der Haken klirrt? Um aber von innen die Türe mit dem Haken abzuschließen, muß man zu Hause sein, verstehen Sie? Also, sitzen sie zu Hause und öffnen nicht!“

„Hm! Ja, das ist wahr!“ rief erstaunt Koch. „Was ist denn mit ihnen los?“ Und er begann voll Wucht an der Türe zu zerren.

„Warten Sie!“ rief von neuem der junge Mann. „Halten Sie ein! Hier ist etwas nicht in Ordnung ... Sie haben doch geklingelt, an der Türe gerüttelt, – und sie öffnen nicht, also, liegen sie entweder in Ohnmacht oder ...“

„Was?“

„Hören Sie mal, holen wir den Hausknecht, möge er sie aufwecken.“

„Gut.“

Sie gingen beide zur Treppe.

„Warten Sie! Bleiben Sie mal hier, ich aber laufe nach dem Hausknecht.“

„Warum soll ich bleiben?“

„Es ist so besser ...“

„Meinetwegen ...“

„Ich bereite mich zum Untersuchungsrichter vor! Hier stimmt offenbar, offen–bar ... nicht alles!“ rief voll Eifer der junge Mann und lief eilig die Treppe hinab.

Koch blieb, rührte noch einmal leise die Klingel und es klirrte ein einziges Mal; dann begann er sachte, als ob er es überlegte und prüfte, die Türklinke zu bewegen, er zog sie auf und ließ sie niedergleiten, um sich noch einmal zu vergewissern, daß die Türe bloß mit einem Haken geschlossen sei. Darauf bückte er sich schwer atmend und blickte durch das Schlüsselloch, aber darin stak von innen der Schlüssel, und er konnte nichts sehen.

Raskolnikoff stand und hielt krampfhaft das Beil, fieberhaft erregt. Er war bereit zu kämpfen, wenn sie hereinkommen sollten. Schon als sie klopften und sich besprachen, kam ihm einigemal der Gedanke, allem ein Ende zu machen und ihnen durch die Türe zuzurufen. Es wandelte ihn an, sie zu schimpfen, sie zu reizen, bevor sie die Türe aufmachten. „Möchte es doch schneller zu Ende gehen!“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Zum Teufel noch einmal ...“

Die Zeit verrann, eine Minute nach der andern ging vorüber, niemand kam. Koch begann unruhig zu werden.

„Zum Teufel noch einmal! ...“ rief er plötzlich aus, und voll Ungeduld verließ er seinen Posten, ging die Treppe eilig hinab, und stapfte fest auf.

„Mein Gott, was ist nun zu tun!“ Raskolnikoff hob den Haken ab, öffnete ein wenig die Türe, es war nichts zu hören, er trat plötzlich vollkommen gedankenlos heraus, zog die Türe hinter sich möglichst dicht zu und ging hinab. Er war schon drei Treppen hinabgestiegen, als plötzlich unten ein starker Lärm hörbar wurde, – wohin sich wenden? Er konnte sich nirgends verstecken und wollte schon zurück in die Wohnung laufen.

„He Teufel! Halt!“

Mit einem Schrei stürzte jemand unten aus einer Wohnung heraus und lief so schnell hinunter, daß er die Treppe beinahe hinunterzufallen schien.

„Mitjka, Mitjka! Mitjka! Mitjka! Mitjka! Hol dich der Kuckuck!“

Der Schrei endete mit Kreischen; die letzten Töne hörte man schon vom Hofe her; alles wurde still. Aber im selben Augenblick begannen ein paar Menschen, die laut und schnell sprachen, geräuschvoll die Treppe hinaufzusteigen, vielleicht drei oder vier. Raskolnikoff unterschied die helle Stimme des jungen Mannes.

„Das sind sie.“

In größter Verzweiflung ging er ihnen direkt entgegen, – mochte nun kommen, was wollte. Wenn sie ihn anhielten, war alles verloren, wenn sie ihn vorbeiließen, war auch alles verloren, – denn sie werden ihn wiedererkennen. Sie kamen bedenklich näher; zwischen ihnen war nur eine einzige Treppe – da kam die Rettung. Einige Stufen vor ihm rechts stand weit geöffnet eine leere Wohnung, dieselbe Wohnung im zweiten Stock, in der Arbeiter malten und jetzt wie mit Absicht fortgegangen waren. Das waren sicher die Leute gewesen, die soeben mit solch einem Geschrei hinabgelaufen waren. Die Dielen waren frisch gestrichen, mitten im Zimmer stand ein kleiner Eimer und eine Scherbe von einem Topfe mit Farbe und Pinsel. Im Nu schlüpfte er durch die offene Tür und verbarg sich hinter einer hohen Wand, es war hohe Zeit. Sie waren schon auf dem Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach oben und gingen laut sprechend nach dem vierten Stock. Er wartete eine Zeitlang, ging auf Fußspitzen hinaus und lief nach unten.

Auf der Treppe war niemand! Auch unten nicht. Er ging schnell durch das Tor und ging nach links die Straße hinunter. Er wußte es nur zu gut, daß sie in diesem Augenblicke schon in der Wohnung waren, daß sie erstaunt waren, die Türe offen zu sehen, die noch eben verschlossen war, daß sie schon die Leichen erblickten, und daß sie in weniger als einer Minute erraten würden, daß der Mörder hier soeben noch dagewesen war und Zeit gefunden hatte, sich irgendwo zu verbergen, an ihnen vorbeizuhuschen und zu fliehen; sie werden vielleicht auch auf den Gedanken gekommen sein, daß er in der leeren Wohnung stak, als sie nach oben gingen. Indessen aber durfte er um keinen Preis seinen Gang zu sehr beschleunigen, obgleich bis zur ersten Seitenstraße gegen hundert Schritte waren.

„Soll ich nicht in ein Tor hineinschlüpfen und irgendwo in einer unbekannten Straße abwarten? Nein, das ist gefährlich! Soll ich nicht das Beil fortwerfen? Soll ich nicht eine Droschke nehmen? Es ist zu gefährlich, zu gefährlich!“

Endlich kam die Seitenstraße, er bog in sie halbtot ein. Hier war er schon zur Hälfte gerettet, und ward es inne, – hier erregte er kaum Verdacht, zudem war diese Straße stark belebt, und er ging wie ein Sandkorn in der Menge verloren. Aber alle diese Qualen hatten ihn so erschöpft, daß er sich kaum mehr fortbewegen konnte. Der Schweiß rann ihm in Tropfen herunter, sein Hals war ganz naß.

„Sieh mal, wie der voll ist!“ rief ihm jemand zu, als er auf den Kanal hinauskam.

Er hatte fast keinen Gedanken mehr; je weiter er ging, um so schlimmer wurde es. Er erschrak plötzlich, als er an den Kanal hinauskam; denn dort gab es wenig Menschen, hier konnte er leichter auffallen, und er wollte wieder in die Seitengasse zurückkehren. Trotzdem er am Umfallen war, machte er doch einen Umweg und kam von einer anderen Seite nach Hause.

Noch fast besinnungslos schritt er durch das Tor seines Hauses; er war schon die Treppe hinaufgestiegen, da erst entsann er sich des Beiles. Eine überaus wichtige Aufgabe stand ihm noch bevor, das Beil zurückzulegen und es unbemerkt zu tun. Er hatte nicht mehr die Kraft, zu überlegen, ob es vielleicht nicht viel besser wäre, das Beil gar nicht mehr auf seinen früheren Platz zurückzubringen, sondern es irgendwo auf einen fremden Hof, wenn auch nicht sofort, zu werfen.

Doch es ging alles gut vonstatten. Die Türe zu der Wohnung des Hausknechts war zugemacht, aber nicht verschlossen, also war der Hausknecht sehr wahrscheinlich zu Hause. Und so weit hatte er schon die Fähigkeit zu überlegen verloren, daß er einfach auf die Wohnung losging und die Türe öffnete. Hätte der Hausknecht ihn in diesem Augenblick gefragt, was er wolle, er hätte ihm einfach das Beil in die Hand gegeben. Der Hausknecht war aber auch diesmal nicht da und er konnte das Beil auf seinen Platz unter die Bank legen; er bedeckte es sogar wieder mit einem Holzscheit. Keine Seele begegnete ihm bis zu seinem Zimmer; die Türe zur Wohnung der Wirtin war abgeschlossen. Nachdem er in sein Zimmer eingetreten war, warf er sich auf den Diwan, so wie er war. Er schlief nicht, verfiel aber in einen Halbschlummer. Wenn jemand jetzt in sein Zimmer getreten wäre, wäre er aufgesprungen und hätte geschrien. Abgerissene, verworrene Gedanken wirbelten in seinem Kopfe, aber er konnte keinen einzigen erfassen, keinen festhalten, trotz aller Anstrengung.