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Sämtliche Werke 1-2 cover

Sämtliche Werke 1-2

Chapter 15: II.
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About This Book

A psychological novel follows a young man who commits a calculated murder and then endures escalating guilt, paranoia, and isolation. The plot interweaves tense episodes of investigation and social interaction with prolonged interior reflection, bringing into relief competing moral and philosophical viewpoints through secondary characters. Major concerns include conscience versus rationalization, the nature of justice, and the possibility of spiritual or moral redemption. The narrative culminates in confession and the beginning of a painful ethical reckoning, presenting a sustained study of culpability, empathy, and the human capacity for both cruelty and remorse.

II.

Wie, wenn die Haussuchung schon vorgenommen ist? Wie, wenn ich sie jetzt schon bei mir antreffe?“

Aber da ist er schon in seinem Zimmer. Nichts und niemand; niemand war dagewesen. Sogar Nastasja hat nichts angerührt. Aber, mein Gott! Wie konnte er nur vorhin alle diese Sachen in dem Loche liegen lassen?

Er stürzte zu dem Winkel, steckte die Hand unter die Tapeten und begann die Sachen hervorzuholen und in die Taschen zu stecken. Im ganzen waren es acht Stück, – zwei kleine Schachteln mit Ohrgehängen oder etwas ähnlichem, – er hatte es nicht genau angesehen; dann vier kleine Etuis aus Saffian. Eine kleine Kette war bloß in Zeitungspapier eingewickelt. Es war noch etwas in einem Zeitungspapier, wie es schien, ein Orden ... Er steckte alles in die verschiedenen Taschen, in den Paletot und in die übriggebliebene rechte Hosentasche und gab sich Mühe, daß nichts von außen zu merken war. Den Beutel nahm er gleichfalls mit. Dann verließ er das Zimmer und ließ diesmal die Tür weit offen stehen.

Er ging schnell und fest, und obgleich er fühlte, daß er vollkommen zerschlagen war, war doch sein Bewußtsein klar. Er fürchtete eine Verfolgung, fürchtete, daß nach einer halben Stunde, nach einer Viertelstunde schon vielleicht der Befehl gegeben würde, ihn zu beobachten, also mußte er um jeden Preis, ehe es zu spät war, alles beiseite schaffen. Er mußte fertig sein, solange ihm noch die geringste Kraft und klarer Verstand zur Seite standen ... Wohin aber gehen?

Das war längst entschieden: „Alles in den Kanal werfen, und das ist das Ende“. So hatte er noch in der Nacht, im Fieber, beschlossen, in den Augenblicken, wo er – er entsann sich dessen – ein paarmal versuchte aufzustehen und fortzugehen: „Schnell, schnell, alles fortwerfen“. Aber das erwies sich als sehr schwer.

Er wanderte den Jekaterinenkanal schon über eine halbe Stunde entlang, vielleicht auch länger, und schaute nach den Treppen, die zum Kanal hinabführten. Aber es war nicht mal daran zu denken, das Vorhaben auszuführen: entweder lagen an den Treppen Flöße, und Wäscherinnen wuschen dort, oder Kähne hatten angelegt, und überall wimmelte es von Menschen, außerdem aber konnte man von allen Seiten hersehen, es war schon verdächtig, wenn ein Mensch hinabging, stehen blieb und etwas ins Wasser warf. Und gar wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf schwammen? Ja, und so wird es auch kommen. Jeder wird es sehen. Schon jetzt sehen alle ihn an, als ob sie sich nur um ihn kümmerten.

„Woher kommt das, oder scheint es mir nur so?“ – dachte er.

Endlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, irgendwohin an die Newa zu gehen? Dort sind weniger Menschen, und es würde weniger bemerkbar und in jedem Falle bequemer sein, hauptsächlich aber wäre es weit von hier. Und er wunderte sich plötzlich, wie er eine volle halbe Stunde an den gefährlichen Stellen in Trübsal und Unruhe herumgewandert war, ohne früher auf diesen Gedanken zu kommen.

Und er hatte nur darum eine halbe Stunde nutzlos verbraucht, weil er so im Traume, im Fieber beschlossen hatte. Er war sehr zerstreut und vergeßlich geworden und fühlte es. Entschieden mußte er sich beeilen.

Er ging zur Newa den W.schen Prospekt entlang und unterwegs kam ihm plötzlich der Gedanke: „Warum denn zur Newa? Warum ins Wasser werfen? Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit hinzugehen, vielleicht auf die Inseln, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle, im Walde, unter einem Busche alles zu verscharren und vielleicht sich den Baum zu merken?“

Und obgleich er fühlte, daß er nicht imstande sei, alles klar und vernünftig in diesem Augenblicke zu überlegen, schien ihm doch der Gedanke einwandfrei zu sein.

Aber auch das war ihm nicht bestimmt auszuführen, es geschah etwas anderes: – als er vom W.schen Prospekt auf den Platz kam, erblickte er plötzlich links das Tor zu einem von vollkommen fensterlosen Mauern umgebenen Hof. Rechts zog sich von dem Eingange tief in den Hof hinein die fensterlose, ungekalkte Mauer des vierstöckigen Nachbarhauses. Links vom Eingange, parallel der kahlen Mauer, lief ein hölzerner Zaun, der weiterhin, etwa zwanzig Schritte vom Eingange eine Biegung nach links machte. Es war ein leerer, umzäunter Platz, wo allerhand Baumaterialien lagen. Weiter, tief im Hofe, blickte hinter dem Zaune die Ecke einer niedrigen, verräucherten Scheune aus Stein hervor, wahrscheinlich der Teil einer Werkstatt. Hier war sicher eine Werkstatt für Wagenbauer oder eine Schlosserei oder etwas ähnliches, denn überall lag viel schwarzer Kohlenstaub. „Hier könnte man es wegwerfen und fortgehen!“ – durchzuckte es ihn plötzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte, durchschritt er das Tor und erblickte sofort am Eingange eine am Zaune angebrachte Rinne, wie man sie oft in solchen Häusern antrifft, in denen es viele Arbeiter, Kutscher usw. gibt, und über der Rinne war am Zaune mit Kreide die übliche witzige Bemerkung angeschrieben: „Hier ist es verboten, stehen zu bleiben!“ Dieser Umstand war also ausgezeichnet, es konnte keinen Verdacht erregen, daß er hineingegangen und hier stehn geblieben war. „Alles mit einem Ruck fortwerfen und fortgehen!“

Er blickte sich noch einmal um und wollte schon die Hand in die Tasche stecken, als er plötzlich an der äußeren Mauer, zwischen dem Tore und der Rinne, wo es höchstens einen Meter breit war, einen großen unbehauenen Stein bemerkte, der vielleicht einen halben Zentner schwer sein mochte und an die Straßenmauer angelehnt war. Hinter dieser Mauer war die Straße, der Fußsteg, man hörte, wie die Vorbeigehenden schlurften, aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht jemand von der Straße eintrat, was übrigens sehr leicht passieren konnte, und darum mußte er sich beeilen.

Er beugte sich zu dem Steine, packte die obere Spitze mit beiden Händen fest an, nahm alle seine Kräfte zusammen und wandte den Stein um. Unter dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; er begann sofort alles aus der Tasche hineinzuwerfen. Der Beutel kam obenauf zu liegen, und trotzdem war noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein von neuem an, drehte ihn mit einem Ruck um, und er kam genau auf die frühere Stelle zu liegen, nur schien er ein wenig hervorzuragen. Er scharrte Erde ringsum zusammen und trat sie fest. Es war nichts zu merken. Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder packte ihn auf einen Augenblick eine starke, überwältigende Freude, wie vorhin in dem Polizeibureau.

„Alle Spuren sind verwischt! Und wem, wem könnte es in den Sinn kommen, unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt hier, vielleicht seitdem das Haus gebaut ist und wird vielleicht noch ebensolange liegen. Und wenn man es auch finden würde, wer würde an mich denken? Alles ist vorüber! Es gibt keine Beweise!“ und er lachte. Ja, er entsann sich später, daß ihn ein nervöses stilles Lachen überfallen und daß er solange gelacht hatte, als er über den Platz ging. Als er aber den K.schen Boulevard erreichte, wo er vorgestern dem jungen Mädchen begegnet war, verging ihm das Lachen. Andere Gedanken kamen ihm in den Kopf. Ein Abscheu ergriff ihn, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals nach dem Fortgehen des Mädchens gesessen und nachgedacht hatte, und er fürchtete sich, dem Polizisten wieder zu begegnen, dem er damals zwanzig Kopeken gegeben hatte. „Hol ihn der Teufel!“ Er ging und blickte sich zerstreut und ärgerlich um. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um einen einzigen, anscheinend um den Hauptpunkt, und er fühlte, daß dies wirklich der Hauptpunkt sei, und daß er jetzt, gerade jetzt, mit diesem Hauptpunkte unter vier Augen zu tun habe, – und daß es das erstemal seit diesen zwei Monaten sei.

„Ah, hol der Teufel all das!“ dachte er plötzlich in einem Anfalle von unermeßlicher Wut. „Na, wenn es mal begonnen hat, mag es auch dabei bleiben, hol der Teufel das neue Leben. Oh Gott, wie das dumm ist! ... Und wieviel habe ich heute zusammengelogen und wie gemein war ich! Wie gemein habe ich vorhin geschwänzelt und dem charakterlosen Ilja Petrowitsch geschmeichelt. Was war das für ein Blödsinn! Ich pfeife auf sie alle und auch auf das, daß ich geschwänzelt und geschmeichelt habe. Das ist es nicht, das ist es gar nicht!“

Plötzlich blieb er stehn; eine neue, völlig unerwartete und außerordentlich einfache Frage brachte ihn von diesem Gedanken ab und ließ ihn bitter erstaunen:

„Wenn das ganze in der Tat bewußt und nicht in alberner Weise vollführt wurde, wenn du tatsächlich ein bestimmtes und sicheres Ziel hattest, – wie kam es dann, daß du bis jetzt nicht einmal in den Beutel hineinblicktest und nicht weißt, was dir zugefallen ist, warum hast du alle Qualen auf dich genommen und solch eine gemeine, häßliche, niedrige Tat bewußt übernommen? Du wolltest doch soeben ihn ins Wasser werfen, den Beutel mit all den Sachen, die du auch noch nicht gesehen hast ... Wie ist denn das?“

Ja so ist es, es ist einmal so. Er hatte es vorher gewußt, und es war gar keine neue Frage für ihn. Auch als es in der Nacht beschlossen wurde, ohne jedes Schwanken und jeden Widerspruch, sondern so, als gehörte es sich so, als wäre es anders unmöglich ... Ja, er wußte dies alles und erinnerte sich daran; ja, schon gestern war es vielleicht so beschlossen in demselben Moment, als er über den Kasten gebückt dasaß und die Futterale hervorholte ... Es ist doch so! ...

„Das kommt daher, daß ich sehr krank bin,“ entschied er schließlich finster, „ich habe mich selbst gemartert und abgequält und weiß selbst nicht, was ich tue ... Auch gestern und vorgestern und die ganze Zeit habe ich mich gemartert ... Ich werde gesund werden und ... werde mich dann nicht mehr martern ... Aber wenn ich nun gar nicht gesund werde? Oh Gott! Wie ich all dessen überdrüssig bin ...“

Er ging weiter ohne stehn zu bleiben. Er wollte sehr gern sich irgendwie zerstreuen, aber er wußte nicht, was er tun und unternehmen sollte. Eine neue unbezwingbare Empfindung erfaßte ihn immer stärker und stärker mit jedem Augenblick, – es war ein grenzenloser, fast physischer Widerwille gegen alles, was ihm begegnete und was ihn umgab; es war ein hartnäckiges, böses und quälendes Gesicht. Alle Begegnenden waren ihm widerwärtig, – ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen waren ihm widerwärtig. Er hätte sie am liebsten angespien, ja, vielleicht gar gebissen, wenn man ihn angeredet hätte.

Er blieb stehn, als er an das Ufer der kleinen Newa, auf Wassiljew Ostroff bei der Brücke hinauskam.

„Da wohnt er ja, in diesem Hause,“ dachte er. „Was ist denn das, bin ich etwa zu Rasumichin mit Willen gegangen? Es ist dieselbe Geschichte wie damals ... Es ist mir nun doch sehr interessant, – bin ich mit Absicht hierhergekommen oder lenkte das Schicksal meine Schritte. Es ist mir übrigens gleichgültig. Ich sagte mir ... vorgestern ... daß ich am andren Tage nach dem hingehen werde; na, ich werde es tun, was ist denn dabei! Als ob ich jetzt nicht zu ihm gehen könnte ...“

Er ging hinauf zu Rasumichin in das fünfte Stockwerk.

Rasumichin war in seinem Zimmerchen und mit Schreiben beschäftigt; er öffnete ihm selbst. Seit vier Monaten etwa hatten sie sich nicht gesehen. Rasumichin stak in einem zerfetzten abgetragenen Schlafrock, hatte Pantoffeln an den bloßen Füßen und saß ungekämmt, unrasiert und ungewaschen da. Auf seinem Gesichte zeigte sich großes Erstaunen.

„Was ist mit dir?“ rief er aus und betrachtete den eingetretenen Kameraden vom Kopf bis zu den Füßen. Dann schwieg er und tat einen leisen Pfiff.

„Steht es mit dir wirklich so schlecht? Ja, du hast sogar unsereinen übertroffen,“ fügte er hinzu und blickte auf Raskolnikoffs Lumpen. „Aber so setz’ dich doch, du bist wahrscheinlich müde!“

Und als dieser auf das türkische Sofa von Wachstuch hinsank, sah Rasumichin plötzlich, daß sein Besucher krank sei.

„Du bist ja ernstlich krank, weißt du das?“

Er begann seinen Puls zu fühlen, Raskolnikoff aber riß die Hand weg.

„Ist nicht nötig,“ sagte er, „ich bin gekommen ... die Sache ist – ich habe keine Stunden zu geben ... ich wollte ... übrigens, ich brauche keine Stunden ...“

„Weißt du was? Du phantasierst ja!“ bemerkte Rasumichin, der ihn aufmerksam beobachtete.

„Nein, ich phantasiere nicht ...“

Raskolnikoff erhob sich vom Sofa. Indem er zu Rasumichin ging, dachte er nicht daran, daß er Auge in Auge ihm gegenüberstehen müsse. Jetzt aber, in einem Nu, wurde es ihm durch diese Erfahrung klar, daß er jetzt am allerwenigsten aufgelegt sei, irgend jemandem auf der ganzen Welt Auge in Auge gegenüberzutreten. Die Galle stieg in ihm auf. Er verlor fast den Atem vor Wut über sich selbst, darüber, daß er diese Schwelle überschritten hatte.

„Lebe wohl!“ sagte er plötzlich und ging zur Tür.

„Aber warte doch, warte, du komischer Kauz!“

„Nicht nötig! ...“ wiederholte der und stieß seine Hand zurück.

„Weshalb aber bist du denn gekommen, zum Teufel noch einmal! Bist du von Sinnen? Das ist doch ... fast beleidigend. Ich laß dich nicht so.“

„So hör nun, – ich bin zu dir gekommen, weil ich niemand außer dir kenne, der mir helfen würde ... anzufangen ... weil du besser, d. h. klüger als alle anderen bist und beurteilen kannst ... Jetzt aber sehe ich, daß ich nichts brauche, hörst du, gar nichts brauche ... keinen Dienst und Teilnahme ... Ich selbst ... allein ... Nun, genug davon! Laßt mich in Ruhe!“

„Aber warte doch einen Augenblick, du Schornsteinfeger! Bist ja ganz verrückt! Meinetwegen tue, wie du willst. Siehst du, Stunden habe ich nicht mal selber und pfeife auch darauf, aber auf dem Trödlermarkt gibt es einen Buchhändler Heruwimoff, der ist mir lieber als Stunden. Ich möchte ihn nicht gegen fünf Stunden bei Kaufleuten vertauschen. Er verlegt allerhand kleine Sachen und gibt naturwissenschaftliche Broschüren heraus, – und wie die gehen? Die Titel allein sind schon was wert! Siehst du, du hast immer behauptet, ich wäre dumm; bei Gott, es gibt noch Dümmere als ich, Bruder mein! Jetzt macht er sogar in der modernen Literatur; selbst versteht er rein gar nichts davon, ich aber unterstütze ihn selbstverständlich darin. Hier siehst du mehr als zwei Bogen deutschen Text, – meiner Ansicht nach, von der allerdümmsten Charlatanerie; mit einem Worte, es wird erörtert, ob die Frau ein Mensch ist oder nicht? Selbstredend wird mit Glanz bewiesen, daß sie ein Mensch ist. Heruwimoff bringt es, als zur Frauenfrage gehörend, heraus. Ich übersetze; er wird diese zwei und einen halben Bogen auf sechs ausdehnen, wir erfinden dann einen prachtvollen Titel; eine halbe Seite lang, und schlagen es zu fünfzig Kopeken los. Es wird sicher gehen! Für die Übersetzung bekomme ich sechs Rubel pro Bogen, also für das Ganze fünfzehn, und sechs Rubel habe ich Vorschuß. Wenn wir damit fertig sind, fangen wir an, über Walfische zu übersetzen, dann folgen einige langweilige Klatschgeschichten aus dem zweiten Teil der ‚Konfessions,‘ die schon vorgemerkt sind und übersetzt werden sollen. Jemand hat Heruwimoff gesagt, Rousseau wäre eine Art Radischtscheff.[9] Ich widerspreche selbstverständlich nicht, hol ihn der Teufel! Willst du nun den zweiten Bogen von ‚Ist die Frau ein Mensch?‘ übersetzen? Wenn du willst, nimm sofort den Text, Federn und Papier – dies alles wird gratis geliefert – und nimm drei Rubel. Da ich für die ganze Übersetzung, für den ersten und zweiten Bogen, vorausbekommen habe, so kommen gerade auf diesen Teil drei Rubel. Und wenn du mit dem Bogen fertig bist, – erhältst du noch drei Rubel. Ja, noch eins, – bitte, sieh’ es nicht als einen Dienst meinerseits an. Im Gegenteil, als du eintratest, dachte ich gleich, wie nützlich du mir sein könntest. Erstens bin ich in der Orthographie schlecht und zweitens bin ich im Deutschen öfters recht schwach, so daß ich meistens selbst hinzu dichte und mich bloß damit tröste, daß es dadurch noch besser wird. Aber wer weiß, vielleicht wird es nicht besser, sondern schlechter ... Tust du mit oder nicht?“ Raskolnikoff nahm schweigend die Blätter der deutschen Artikel, nahm die drei Rubel und ging ohne ein Wort zu sagen hinaus. Rasumichin blickte ihm erstaunt nach. Als Raskolnikoff aber schon ein Stück gegangen war, kehrte er plötzlich um, ging wieder zu Rasumichin hinauf, legte auf den Tisch die Blätter und die drei Rubel und ging wieder schweigend von dannen.

„Hast du etwa das Delirium?“ schrie Rasumichin, der schließlich wütend geworden war. „Warum führst du hier eine Komödie auf? Hast mich sogar konfus gemacht ... Warum bist du denn hergekommen, zum Teufel?“

„Ich brauche keine ... Übersetzungen ...“ murmelte Raskolnikoff, als er schon die Treppe hinabstieg.

„Ja, was brauchst du denn, zum Teufel?“ rief von oben Rasumichin.

Der ging jedoch schweigend hinunter.

„He, du! Wo wohnst du?“

Es erfolgte keine Antwort.

„Na, so hol dich der Teu–fel!“ ...

Raskolnikoff war schon auf der Straße angelangt.

Auf der Nikolaibrücke passierte es ihm, daß er infolge eines für ihn sehr unangenehmen Zwischenfalles wieder zur völligen Besinnung kam. Der Kutscher einer Privatequipage hatte ihm einen starken Peitschenhieb über den Rücken versetzt, weil er beinahe unter die Pferde geraten war, trotzdem er ihn einigemal angerufen hatte. Der Peitschenhieb verursachte eine solche Wut in ihm, daß er bis ans Geländer sprang – (es war unklar, warum er in der Mitte der Brücke, auf dem Fahrweg, ging) und mit den Zähnen knirschte. Ringsherum erklang lautes Lachen.

„Geschieht ihm recht!“

„Ist wahrscheinlich ein Spitzbube.“

„Selbstverständlich, stellt sich betrunken, kriecht absichtlich unter die Räder, und unsereiner muß es verantworten.“

„Davon leben sie, Verehrtester, damit verdienen sie ...“

In dem Augenblicke, als er am Geländer stand, den Rücken reibend und immer noch sinnlos vor Wut der davonfahrenden Equipage nachschaute, fühlte er, daß ihm jemand Geld in die Hand drückte. Er blickte auf, – es war eine ältliche Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche, und neben ihr ein junges Mädchen im Hute, mit einem grünen Sonnenschirme, wahrscheinlich die Tochter. „Nimm, mein Lieber, um Christi willen!“ Er nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es waren zwanzig Kopeken. Seiner Kleidung und dem Aussehen nach konnten sie ihn sehr leicht für einen Bettler, für einen echten Groschensammler von der Straße halten, daß sie ihm aber ganze zwanzig Kopeken gaben, hatte er sicher dem Peitschenhiebe zu danken, der sie mitfühlend gestimmt hatte.

Er drückte die Münze fest in die Hand, ging etwa zehn Schritte und wandte sich mit dem Gesichte zur Newa, in der Richtung des Winterpalais. Der Himmel war ohne die geringste Wolke und das Wasser fast blau, was so selten auf der Newa vorkommt. Die Kuppel des Domes, der von keinem Punkte sich besser hervorhebt, als von der Brücke aus, leuchtete förmlich, durch die reine Luft konnte man jede Verzierung deutlich wahrnehmen. Der Schmerz vom Peitschenhieb hatte nachgelassen, und Raskolnikoff hatte den Hieb vergessen; ein unruhiger und nicht ganz klarer Gedanke beschäftigte ihn jetzt ausschließlich. Er stand und schaute lange und unverwandt in die Ferne; diese Stelle kannte er besonders gut. Als er noch zur Universität ging, geschah es gewöhnlich, – meistens auf dem Rückwege nach Hause, – daß er gerade an dieser Stelle stehn blieb, um unverwandt dieses prachtvolle Panorama zu betrachten, und jedesmal mußte er über den Eindruck, den er sich nicht erklären konnte, staunen. Eine unerklärliche Kälte wehte ihm stets von diesem wundervollen Panorama entgegen; dieses prächtige Bild war für ihn von einem stillen und dumpfen Geiste erfüllt ... Er wunderte sich jedesmal über seinen düsteren und rätselhaften Eindruck und schob die Lösung, ohne zu wissen warum, in die Zukunft. Jetzt erinnerte er sich deutlich seiner früheren Fragen und Zweifel, und es schien ihm, als hätte er sich nicht rein zufällig ihrer erinnert. Schon der Umstand erschien ihm merkwürdig und wunderlich, daß er auf derselben Stelle, wie früher, stehengeblieben war, als bilde er sich wirklich ein, daß er jetzt über dasselbe, wie ehedem, nachsinnen und sich für ebensolche Themen und Bilder interessieren könne, wie er es früher ... noch unlängst getan. Ihm wurde fast lächerlich zumute und gleichzeitig schnürte es ihm die Brust zu. In der Tiefe, tief unten in einem ungeheuren Abgrunde versunken, erschien ihm jetzt die ganze Vergangenheit, die früheren Gedanken, die alten Ziele und Probleme, die damaligen Eindrücke und dieses ganze Panorama, und er selbst und alles ... Ihm schien, als fliege er irgendwo hinauf, und alles verschwinde aus seinen Augen ... Indem er eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand machte, fühlte er wieder in seiner geballten Faust die zwanzig Kopeken. Er öffnete die Hand, blickte aufmerksam das Geldstück an und schleuderte es ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Ihm schien es, als hätte er in diesem Augenblick seine ganze Vergangenheit mit einer Schere abgeschnitten.

Es war am Abend, als er nach Hause kam, also mußte er im ganzen gegen sechs Stunden gewandert sein. Welchen Weg, und wie er zurückgekommen war, erinnerte er sich gar nicht. Er kleidete sich aus, und zitternd am ganzen Körper, wie ein abgehetztes Pferd, legte er sich auf das Sofa, zog seinen Mantel über sich und fiel sofort in Bewußtlosigkeit ...

Er wurde in völliger Dämmerung von einem furchtbaren Geschrei aufgestört. Oh, Gott, was ist das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen Töne, solch ein Geheul, Stöhnen, Knirschen, Weinen, Schläge und Schimpfen hatte er noch nie vernommen. Er konnte sich nicht mal solchen Greuel, solche Raserei vorstellen. Voll Schrecken erhob er sich und setzte sich in seinem Bette auf; schwer atmend litt er Qualen. Die Schläge, das Geschrei und die Schimpfwörter wurden immer stärker und stärker. Er vernahm zu seiner größten Verwunderung die Stimme seiner Wirtin. Sie heulte, kreischte und klagte, sie sprach die Worte in so eiliger Hast, daß man nicht verstehen konnte, um was sie flehte, – gewiß, daß man aufhören sollte, sie zu schlagen, denn man prügelte sie auf der Treppe unbarmherzig. Die Stimme des Schlagenden war so schauerlich vor Wut und Raserei, daß er bloß noch röchelte, und er sprach ebenso unverständlich, hastig und sich verschluckend. Plötzlich bebte Raskolnikoff am ganzen Körper; er hatte die Stimme von Ilja Petrowitsch erkannt. Er ist hier und schlägt die Wirtin! Er schlägt sie mit Fäusten, stößt ihren Kopf auf die Stufen, – das ist klar, man hörte es an dem Ton, am Geheul, an den Schlägen! Was ist denn geschehen, hat sich die Welt gewendet? Man hörte, wie aus allen Stockwerken, auf der ganzen Treppe sich Menschen ansammeln, Stimmen, Ausrufe erschallen, man läuft, trampelt, schlägt die Türen zu, rennt zusammen. „Aber weshalb denn, weshalb und wie ist es denn möglich?“ wiederholte er und glaubte in allem Ernste, er hätte den Verstand verloren. Aber nein, er hört es doch zu deutlich! ... Also wird man auch zu ihm gleich kommen, „denn ... das ist sicher wegen desselben ... wegen des gestrigen ... Oh, Gott!“ Er wollte die Tür zuhaken, konnte aber die Hand nicht erheben ... und es wäre ja nutzlos. Die Angst lag auf seiner Seele wie Eis, hatte ihn zermartert, ihn erstarrt ... Aber nach und nach hörte dieser Spektakel, der sicher gegen zehn Minuten gedauert hatte, auf. Die Wirtin stöhnte und ächzte, Ilja Petrowitsch drohte und schimpfte noch immer ... Endlich schien auch er ruhiger geworden zu sein; jetzt hörte man ihn nicht mehr. „Ist er fortgegangen? Oh, Gott!“ Ja, nun geht auch die Wirtin fort, sie stöhnt und weint noch immer ... nun schlug sie auch ihre Türe zu ... Jetzt gehen die Menschen die Treppe hinunter in ihre Wohnungen, – sie bedauern, streiten, rufen einander zu, bald erhebt sich ihr Gerede bis zum Geschrei, bald sinkt es zum Flüstertone. Wahrscheinlich waren es viele gewesen, fast das ganze Haus war zusammengelaufen. „Aber, mein Gott, ist denn das alles möglich! Und warum, warum kam er hierher!“

Raskolnikoff fiel kraftlos auf das Sofa hin, aber er konnte kein Auge schließen; er lag etwa eine halbe Stunde in solcher Qual, in dem unausstehlichen Gefühle eines grenzenlosen Schreckens, wie er ihn noch nie empfunden hatte. Plötzlich erhellte ein greller Schein sein Zimmer, – Nastasja kam mit einem Lichte und einem Teller Suppe herein. Sie sah ihn aufmerksam an und als sie bemerkte, daß er nicht schlafe, stellte sie das Licht auf den Tisch und begann das Mitgebrachte aufzustellen: Brot, Salz, einen Teller und Löffel ...

„Hast seit gestern wahrscheinlich nichts gegessen? Hast dich den ganzen Tag umhergetrieben, – im Fieber, wie du bist.“

„Nastasja ... warum schlug man die Wirtin?“

Sie sah ihn aufmerksam an.

„Wer hat die Wirtin geschlagen?“

„Soeben ... vor einer halben Stunde. Ilja Petrowitsch, der Gehilfe des Revieraufsehers, auf der Treppe ... Warum hat er sie so geschlagen. Und ... warum kam er her?“

Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit zusammengezogenen Augenbrauen, und sah ihn lange so an. Ihm wurde dieses Anstarren sehr unangenehm, beängstigend.

„Nastasja, warum schweigst du?“ sagte er schließlich zaghaft mit schwacher Stimme.

„Das ist das Blut,“ antwortete sie leise, als rede sie mit sich selbst.

„Blut! ... Was für ein Blut? ...“ murmelte er erbleichend und rückte zur Wand.

Nastasja fuhr fort ihn schweigend zu betrachten.

„Niemand hat die Wirtin geschlagen,“ sagte sie endlich in strengem und entschiedenem Tone.

Er sah sie an und atmete kaum.

„Ich habe selbst gehört ... ich habe nicht geschlafen ... ich saß,“ sagte er noch zaghafter. „Ich habe lange zugehört ... Der Gehilfe des Revieraufsehers war gekommen ... Alle waren auf der Treppe zusammengelaufen, aus allen Stockwerken ...“

„Niemand ist dagewesen. Es ist das Blut, das in dir spricht. Wenn es keinen Ausweg hat und sich in Klumpen zusammenballt, dann erscheinen einem allerhand Dinge ... Wirst du essen?“

Er antwortete nicht. Nastasja stand immer noch bei ihm, blickte ihn aufmerksam an und ging nicht weg.

„Gib mir zu trinken ... liebe Nastasja.“

Sie ging hinunter und nach ein paar Minuten kehrte sie mit Wasser in einer weißen Tasse zurück, weiter erinnerte er sich nichts mehr, nur noch, wie er einen Schluck kalten Wassers genommen und aus der Tasse auf die Brust verschüttet hatte. Dann hatte er das Bewußtsein verloren.