IV.
In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und ins Zimmer trat, sich schüchtern umblickend, ein junges Mädchen herein. Alle wandten sich mit Erstaunen und Neugier zu ihr um. Raskolnikoff erkannte sie nicht gleich auf den ersten Blick. Es war Ssofja Ssemenowna Marmeladowa. Gestern hatte er sie zum ersten Male gesehen, aber in solch einem Augenblicke, in solcher Umgebung und solch einem Aufzuge, daß in seiner Erinnerung das Bild einer ganz anderen Person haften geblieben war. Jetzt war es ein einfach und sogar ärmlich angezogenes Mädchen, noch sehr jung, fast einem Kinde ähnlich, mit bescheidenem und anständigem Wesen, und mit einem klaren, aber anscheinend verängstigten Gesichte. Sie hatte ein sehr einfaches Hauskleid an und auf dem Kopfe einen alten Hut von früherer Mode; nur in den Händen trug sie den Sonnenschirm von gestern. Als sie plötzlich ein Zimmer voll Menschen erblickte, wurde sie nicht bloß verlegen, sondern verlor die Fassung und ward verzagt wie ein kleines Kind, und machte sogar eine Bewegung, als wollte sie wieder gehen.
„Ach ... Sie sind es? ...“ sagte Raskolnikoff außerordentlich verwundert, und wurde plötzlich selbst verlegen. Er dachte sofort daran, daß die Mutter und die Schwester aus dem Briefe Luschins schon etwas von einem gewissen Mädchen „von verrufenem Lebenswandel“ wußten. Soeben hatte er noch gegen die Verleumdung Luschins protestiert und erwähnt, daß er dieses Mädchen zum ersten Male gesehen habe, und plötzlich tritt sie selbst ein. Er erinnerte sich auch, daß er gar nicht gegen den Ausdruck – „von verrufenem Lebenswandel“ protestiert habe. Dies alles durchzog unklar und flüchtig seinen Kopf. Als er aber aufmerksamer hinblickte, sah er, wie gedrückt dieses erniedrigte Wesen war, und sie tat ihm plötzlich leid. Als sie aber im Schreck sich anschickte wegzulaufen, schlug seine Stimmung um.
„Ich habe Sie nicht erwartet,“ – sagte er hastig und hielt sie mit seinem Blicke zurück. – „Setzen Sie sich bitte. Sie kommen sicher im Auftrage Katerina Iwanownas. Erlauben Sie, setzen Sie sich nicht hierhin, sondern dorthin“ ... Bei Ssonjas Eintritt war Rasumichin, der auf einem der drei Stühle Raskolnikoffs gerade neben der Türe gesessen hatte, aufgestanden, um ihr zum Hereingehen Platz zu machen. Zuerst wollte ihr Raskolnikoff den Platz in der Ecke des Sofas anbieten, wo Sossimoff gesessen hatte, aber es fiel ihm ein, daß dieses Sofa ein zu familiärer Platz sei, ihm als Bett diene und beeilte sich, ihr den Stuhl Rasumichins anzubieten.
„Und du setzt dich hierher,“ – sagte er zu Rasumichin und wies ihn in die Ecke, wo Sossimoff gesessen hatte.
Ssonja setzte sich, fast zitternd vor Angst, und blickte schüchtern auf die beiden Damen. Man sah, daß sie selbst nicht begriff, wie sie sich neben sie hinsetzen konnte. Als es ihr bewußt wurde, erschrak sie so, daß sie wieder aufstand und sich in völliger Verwirrung an Rasumichin wandte.
„Ich ... ich ... bin nur auf einen Augenblick gekommen, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,“ – sagte sie stockend.
„Ich komme im Auftrage Katerina Iwanownas, sie hatte sonst niemanden zum Schicken ... Und Katerina Iwanowna läßt Sie sehr bitten, zu der Totenmesse morgen früh ... zu kommen. Nach dem Gottesdienst ... auf dem Mitrofaniewschen Friedhof und nachher bei uns ... bei ihr ... zu essen ... Ihr die Ehre zu erweisen ... Sie läßt Sie bitten.“
Sie stockte und verstummte.
„Ich will es unbedingt versuchen ... unbedingt,“ – antwortete Raskolnikoff, indem er sich auch erhob, ebenso stockte und nicht ausredete. – „Bitte, tun Sie mir den Gefallen, setzen Sie sich,“ – sagte er plötzlich, – „ich muß mit Ihnen sprechen. Bitte, – Sie haben es vielleicht eilig, – tun Sie mir aber den Gefallen und schenken Sie mir nur noch zwei Minuten ...“ und er schob ihr den Stuhl hin. Ssonja setzte sich wieder, und wieder warf sie schüchtern und verstört einen schnellen Blick auf die beiden Damen und senkte sogleich wieder die Augen.
Das bleiche Gesicht Raskolnikoffs errötete; er schien wie umgewandelt, seine Augen funkelten.
„Mama,“ – sagte er fest und eindringlich, – „das ist Ssofja Ssemenowna Marmeladowa, die Tochter des unglücklichen Herrn Marmeladoff, der gestern vor meinen Augen vom Pferde zu Boden getreten wurde, was ich Ihnen schon erzählt habe ...“
Pulcheria Alexandrowna blickte nach Ssonja und kniff ein wenig die Augen zusammen. Trotz ihrer Verlegenheit vor dem eindringlichen und herausfordernden Blicke Rodjas konnte sie sich dieses Vergnügen nicht versagen. Dunetschka sah ernst und unverwandt dem armen Mädchen ins Gesicht und betrachtete sie unschlüssig. Als Ssonja diese Vorstellung hörte, erhob sie die Augen auf einen Augenblick und wurde noch mehr verlegen.
„Ich wollte Sie fragen,“ – wandte sich Raskolnikoff schnell zu ihr, – „wie hat sich heute alles bei Ihnen gemacht? Hat man sie nicht belästigt? ... Zum Beispiel die Polizei.“
„Nein, alles ging glatt ... Es war doch deutlich zu sehen, woran er gestorben ist; man hat uns weiter nicht belästigt, nur die Mieter sind böse.“
„Warum?“
„Weil die Leiche so lange steht ... jetzt ist es doch heiß, es gibt einen Geruch ... so daß man die Leiche heute zur Abendmesse auf den Friedhof tragen wird, und läßt sie dort bis morgen in der Kapelle stehen. Katerina Iwanowna wollte es zuerst nicht, jetzt aber sieht sie selbst ein, daß es so besser ist ...“
„Also heute?“
„Sie bittet Sie, uns die Ehre zu erweisen, morgen bei der Totenmesse in der Kirche zu sein, und dann bei ihr zu essen.“
„Sie gibt zu seinem Andenken ein Essen?“
„Ja, einen Imbiß; sie läßt Ihnen sehr danken, daß Sie gestern uns geholfen haben ... ohne Sie wäre gar nichts da, womit man ihn hätte beerdigen können.“
Ihre Lippen und ihr Kinn bebten plötzlich, aber sie nahm sich zusammen, hielt an sich, und senkte wieder die Augen zu Boden.
Während des Gespräches schaute sie Raskolnikoff unverwandt an. Sie hatte ein zartes, ganz mageres und blasses Gesichtchen, ziemlich unregelmäßige Züge, mit einer spitzen kleinen Nase und ebensolchem Kinn. Man konnte sie nicht einmal hübsch nennen, aber ihre blauen Augen waren so klar, und, wenn sie sich belebten, wurde der Ausdruck ihres Gesichtes so gut und schlicht, daß sie einen unwillkürlich anzog. In ihrem Gesichte und auch in ihrer ganzen Gestalt lag außerdem etwas besonders Charakteristisches, – trotz ihrer achtzehn Jahre sah sie jünger aus als sie war, fast wie ein Kind, und dies zeigte sich zuweilen in gelungener Weise bei einigen ihrer Bewegungen.
„Aber wie konnte denn Katerina Iwanowna mit so wenig Mitteln auskommen, und hat dazu noch die Absicht, ein Essen zu geben?“ ... fragte Raskolnikoff, bestrebt, das Gespräch fortzuführen.
„Der Sarg ist einfach ... und alles ist einfach, so daß es nicht teuer kommt ... wir haben vorhin mit Katerina Iwanowna alles ausgerechnet, es bleibt noch so viel übrig, um sein Andenken zu ehren ... und Katerina Iwanowna möchte das so sehr gern. Man kann nichts dagegen sagen ... ihr ist es ein Trost ... so ist sie nun, Sie wissen doch ...“
„Ich verstehe, verstehe ... Selbstverständlich ... Warum betrachten Sie so mein Zimmer? Meine Mama sagt auch, daß es einem Sarge ähnelt.“
„Sie haben gestern uns alles gegeben!“ – sagte plötzlich Ssonjetschka leise und hastig, und schlug wieder die Augen nieder.
Ihre Lippen und ihr Kinn bebten wieder. Sie war längst schon von der ärmlichen Umgebung Raskolnikoffs überrascht, und jetzt waren ihr diese Worte entschlüpft. Es trat Schweigen ein. Dunetschkas Augen schienen zu leuchten, und Pulcheria Alexandrowna blickte Ssonja freundlich an.
„Rodja,“ – sagte sie, sich erhebend, – „wir essen selbstverständlich zusammen zu Mittag. Dunetschka, komm ... Rodja, du solltest ausgehen, etwas spazieren gehen, dann dich ausruhen, hinlegen, und dann kommst du zu uns ... Ich fürchte, wir haben dich ermüdet ...“
„Ja, ja, ich will kommen,“ – antwortete er eilig im Aufstehen, – „... ich habe übrigens noch zu tun ...“
„Ja, werdet ihr nicht mal zusammen zu Mittag essen?“ – rief Rasumichin und blickte erstaunt Raskolnikoff an. – „Was ist mit dir?“
„Ja, ja, ich komme selbstverständlich ... Bleibe noch einen Augenblick. Sie brauchen ihn doch jetzt nicht, Mama? Oder nehme ich ihn euch vielleicht weg?“
„Ach, nein, nein! Und Sie, Dmitri Prokofjitsch, kommen Sie zu Mittag, seien Sie so gut.“
„Bitte, kommen Sie,“ – bat auch Dunetschka.
Rasumichin verbeugte sich und strahlte förmlich. Auf einen Augenblick waren alle sonderbar verlegen.
„Lebwohl, Rodja, das heißt, auf Wiedersehen! Ich liebe nicht ‚lebwohl‘ zu sagen. Lebwohl, Nastasja, ... ach, wieder habe ich ‚lebwohl‘ gesagt! ...“
Pulcheria Alexandrowna wollte sich auch vor Ssonjetschka verbeugen, aber sie brachte es nicht fertig und ging eilig aus dem Zimmer.
Awdotja Romanowna wartete, bis die Reihe an sie kam, und als sie hinter der Mutter an Ssonja vorbeiging, verabschiedete sie sich von ihr mit einem aufmerksamen, höflichen und achtungsvollen Gruß. Ssonjetschka wurde verlegen, grüßte hastig und erschrocken, und ein schmerzliches Empfinden drückte sich in ihrem Gesichte aus, als ob die Höflichkeit und Aufmerksamkeit Awdotja Romanownas sie bedrückte und peinigte.
„Dunja, lebwohl!“ – rief Raskolnikoff ihr auf der Treppe nach, – „gib mir doch die Hand!“
„Ich habe sie dir doch gereicht, hast du es vergessen?“ antwortete Dunja innig und wandte sich zu ihm um.
„Nun, was tut es, gib sie mir noch einmal!“
Und er drückte stark ihre kleinen Finger. Dunetschka lächelte ihm zu, errötete, riß schnell ihre Hand aus der seinen und ging glücklich der Mutter nach.
„Nun, das ist prächtig!“ – sagte er zu Ssonja, indem er in sein Zimmer zurückkehrte und sie klar anblickte, – „gebe Gott den Toten die Ruhe und lasse die Lebenden leben! Nicht wahr? Nicht wahr? Es ist doch so?“
Ssonja sah verwundert in sein plötzlich erhelltes Gesicht; er blickte sie einige Augenblicke schweigend und unverwandt an, – was ihr verstorbener Vater von ihr erzählt hatte, lebte in dieser Minute in seiner Erinnerung auf ...
„Herrgott, Dunetschka!“ – sagte Pulcheria Alexandrowna, als sie kaum auf der Straße waren, – „ich freue mich, daß wir weggegangen sind; es wird mir leichter zumute. Wie hätte ich mir gestern im Eisenbahnwagen denken können, daß ich darüber froh sein könnte!“
„Ich sage Ihnen noch einmal, Mama, daß er noch sehr krank ist. Können Sie es denn nicht sehen? Vielleicht ist er so aufgeregt, weil er unseretwegen litt. Man muß nachsichtig sein, und man kann vieles, vieles verzeihen.“
„Du aber warst nicht nachsichtig!“ – unterbrach sie eifrig und eifersüchtig Pulcheria Alexandrowna. – „Weißt du, Dunja, ich sah euch beide an, du bist sein Ebenbild, und nicht so sehr äußerlich als seelisch, beide seid ihr schwerblütig, beide seid ihr düster und jähzornig, beide hochmütig und beide hochherzig ... Es kann doch nicht sein, daß er ein Egoist ist, Dunetschka, he? ... Und wenn ich daran denke, was uns heute abend bevorsteht, so steht mir das Herz still!“
„Regen Sie sich nicht auf, Mama, es wird geschehen, was geschehen muß.“
„Dunetschka! Denk doch nur, in welcher Lage wir jetzt sind! Was geschieht, wenn Peter Petrowitsch sich zurückzieht?“ – sagte unvorsichtigerweise die arme Pulcheria Alexandrowna.
„Ja, und was ist er dann wert?“ – antwortete Dunetschka scharf und verächtlich.
„Wir haben gut getan, daß wir jetzt weggingen,“ – beeilte sich Pulcheria Alexandrowna fortzufahren, – „er hatte etwas Eiliges vor; mag er ausgehen, er wird frische Luft amten ... es ist furchtbar dumpf bei ihm ... aber wo kann man hier frische Luft atmen? Auch auf den Straßen hier ist es wie in einem Zimmer ohne Ventilation – Herrgott, was ist das für eine Stadt! ... Warte doch, geh aus dem Wege, man wird dich noch umstoßen, sie tragen da etwas! Ein Klavier tragen sie, wirklich ... wie sie stoßen ... Dieses Mädchen fürchte ich auch sehr ...“
„Was für ein Mädchen, Mama?“
„Ja, diese dort, Ssofja Ssemenowna, die soeben da war ...“
„Warum denn?“
„Ich habe so eine Ahnung, Dunja. Nun, glaube mir oder nicht, aber als sie hereinkam, dachte ich im selben Augenblick, daß hier die Hauptsache sei ...“
„Nichts ist da!“ – rief Dunja ärgerlich aus. – „Was haben Sie auch für Ahnungen, Mama! Er kennt sie erst seit gestern, und jetzt, als sie hereintrat, erkannte er sie nicht einmal gleich.“
„Nun, du wirst sehen! ... Sie bringt mich in Verwirrung, du wirst sehen, wirst sehen! Und ich bin so erschrocken, – sie blickt mich an und blickt mich an, hat solche Augen, ich konnte kaum auf dem Stuhle sitzen bleiben, erinnerst du dich, als er sie vorstellte? Und sonderbar erscheint es mir, – Peter Petrowitsch schreibt über sie in solcher Weise, und er stellt sie uns vor und dir noch dazu! Sie muß ihm doch teuer sein!“
„Er schreibt über vieles! Über uns hat man auch gesprochen und geschrieben, haben Sie es vergessen? Und ich bin überzeugt, daß sie ... gut ist, und daß alles Unsinn ist!“
„Möge es Gott geben!“
„Und Peter Petrowitsch ist ein häßliches Klatschmaul,“ – schnitt plötzlich Dunetschka ab.
Pulcheria Alexandrowna fuhr zusammen. Das Gespräch war plötzlich abgebrochen. – –
„Höre, höre mal, ich habe etwas mit dir vor ...“ – sagte Raskolnikoff und führte Rasumichin zum Fenster hin.
„Also, ich will Katerina Iwanowna ausrichten, daß Sie kommen ...“ wollte sich Ssonjetschka verabschieden.
„Sofort, Ssofja Ssemenowna, wir haben keine Geheimnisse, Sie stören nicht ... Ich möchte Ihnen noch ein paar Worte sagen ... Höre mal,“ – wandte er sich wieder an Rasumichin. – „Du kennst doch diesen ... Wie heißt er? ... Porphyri Petrowitsch?“
„Und ob? Er ist doch verwandt mit mir. Weshalb?“ – fügte jener mit Neugier hinzu.
„Er führt doch jetzt diese Sache ... nun, über den Mord ... worüber ihr gestern gesprochen habt ...?“
„Ja ... und?“ – Rasumichin sperrte die Augen auf.
„Er hat die Pfandgeber befragt, ich habe auch dort versetzt, Kleinigkeiten, jedoch auch einen Ring von der Schwester, den sie mir zum Andenken schenkte, als ich abreiste, und die silberne Uhr meines Vaters. Alles das kostet fünf oder sechs Rubel, mir aber sind sie zu teuer als Andenken. Was soll ich jetzt tun? Ich will nicht, daß die Sachen verloren gehen, besonders die Uhr. Ich bebte davor, daß die Mutter danach fragen würde, als wir über Dunetschkas Uhr sprachen. Es ist das einzige, was vom Vater herrührt. Sie wird krank werden, wenn die Uhr verloren geht! Frauen sind einmal so! Also, was soll ich tun, sage es mir! Ich weiß, daß ich im Polizeibureau es anmelden muß. Ist es aber nicht besser, sich an Porphyri selbst zu wenden?? Ah! He! Wie meinst du? Man müßte es schnell tun. Du wirst sehen, daß die Mutter mich vor dem Mittage danach noch fragt.“
„Keinesfalls im Polizeibureau, unbedingt sich an Porphyri wenden!“ rief Rasumichin in ungewöhnlicher Aufregung. – „Nun, wie ich froh bin! Ja, was ist da viel zu denken, gehen wir sofort hin, es sind bloß zwei Schritte, wir treffen ihn bestimmt an.“
„Meinetwegen ... gehen wir zu ihm ...“
„Und er wird sehr, sehr erfreut sein, dich kennenzulernen! Ich habe ihm viel von dir gesprochen, zu verschiedenen Malen ... Auch gestern wieder. Gehen wir! ... Also du hast die Alte gekannt? So so! ... Ausgezeichnet hat sich alles gemacht! ... Ach, ja ... Ssofja Iwanowna ...“
„Ssofja Ssemenowna,“ – korrigierte ihn Raskolnikoff. – „Ssofja Ssemenowna, das ist mein Freund Rasumichin, und ein guter Mensch ist er ...“
„Wenn Sie jetzt gehen müssen ...“ – begann Ssonja, wobei sie Rasumichin gar nicht angesehen hatte, was sie noch mehr verwirrt machte.
„Nun, gehen wir!“ – beschloß Raskolnikoff, – „ich komme zu Ihnen heute noch, Ssofja Ssemenowna, sagen Sie mir, wo Sie wohnen.“
Er war nicht verwirrt, aber er schien es eilig zu haben und vermied ihren Blick. Ssonja gab ihre Adresse und errötete dabei. Sie gingen gleichzeitig fort.
„Schließt du denn das Zimmer nicht ab?“ – sagte Rasumichin, hinter ihnen die Treppe hinabsteigend.
„Nie! ... ich will schon seit zwei Jahren ein Schloß kaufen,“ – fügte er nachlässig hinzu. – „Glücklich sind die Menschen, die nichts abzuschließen haben, nicht wahr?“ – wandte er sich lachend an Ssonja.
Auf der Straße blieben sie am Tore stehen.
„Sie müssen nach rechts, Ssofja Ssemenowna! Wie haben Sie mich denn gefunden?“ – fragte er sie, schien aber etwas ganz anderes sagen zu wollen.
Er wollte die ganze Zeit in ihre stillen klaren Augen blicken, und es gelang ihm immer nicht ...
„Sie gaben doch gestern Poletschka Ihre Adresse.“
„Polja? Ach ja ... Poletschka! Das ist ... die Kleine ... das ist Ihre Schwester? Also, ich gab ihr meine Adresse!“
„Haben Sie es denn vergessen?“
„Nein ... ich erinnere mich ...“
„Und ich habe von Ihnen noch durch den Verstorbenen gehört ... Ich kannte bloß damals Ihren Namen nicht, und auch er selbst wußte ihn nicht ... Jetzt aber kam ich ... und als ich gestern Ihren Namen hörte ... da fragte ich heute: wo wohnt hier Herr Raskolnikoff? ... Und ich wußte nicht, daß Sie auch ein Zimmer gemietet ... Leben Sie wohl ... Ich will Katerina Iwanowna ...“
Sie war sehr froh, daß sie endlich loskam; und ging mit gesenktem Kopfe eilig, um nur schneller aus ihren Augen zu verschwinden, um nur schneller diese zwanzig Schritte bis zur Biegung nach rechts in die Seitenstraße zu durcheilen und endlich allein zu sein; um im schnellen Gehen, ohne jemand anzublicken und unbeachtet, nachzudenken, sich zu erinnern und jedes Wort und jeden Umstand sich zurückzurufen. Nie, nie hatte sie Ähnliches empfunden. Eine ganz neue Welt war unbekannt und dunkel in ihre Seele gedrungen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß Raskolnikoff heute selbst zu ihr kommen wollte, vielleicht schon heute morgen, vielleicht gleich!
„Besser nicht heute, bitte, nicht heute!“ – murmelte sie mit stockendem Herzen, als flehe sie jemand an, wie ein erschrecktes Kind. – „Herrgott! Zu mir ... in dies Zimmer ... er wird sehen ... oh, Gott!“
Sie konnte sicher in diesem Augenblicke den fremden Herrn nicht bemerken, der eifrig sie beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er begleitete sie schon von dem Tore der Wohnung Raskolnikoffs an. In dem Augenblicke, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikoff und sie auf dem Fußsteige, um ein paar Worte zu wechseln, stehen blieben, schien dieser Vorübergehende plötzlich aufzufahren, als er an ihnen vorbeiging und zufällig die Worte Ssonjas auffing, – „da fragte ich, wo wohnt hier Herr Raskolnikoff?“ Er warf einen schnellen, aber aufmerksamen Blick allen dreien zu, besonders aber Raskolnikoff, an den sich Ssonja wandte, sah dann das Haus an und merkte es sich. Dies alles war in einem kurzen Augenblick, im Vorbeigehen geschehen und unauffällig, nun verminderte er seine Schritte, als wartete er. Er wartete auf Ssonja, denn er hatte gesehen, daß sie sich verabschiedete und wohl sofort nach Hause gehen würde.
„Aber wohin nach Hause? Ich habe dieses Gesicht irgendwo gesehen,“ – dachte er und forschte in seiner Erinnerung nach dem Gesicht Ssonjas, – „... ich muß es erfahren.“ Als er die Biegung erreichte, ging er auf die andere Seite der Straße hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja denselben Weg wie er eingeschlagen hatte und ihn nicht gewahrte. Sie bog in dieselbe Straße ein. Er verlor sie nicht aus den Augen und ging nach etwa fünfzig Schritten wieder auf dieselbe Seite hinüber, auf der Ssonja dahinschritt, holte sie ein und folgte ihr auf fünf Schritt Entfernung. – Es war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, etwas mehr als mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten und schrägen Schultern, was ihm ein etwas gebücktes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet und sah ansehnlich aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den er bei jedem Schritt auf das Trottoir aufstieß, und seine Hände staken in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, nicht von Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite dichte Bart, der wie eine Schaufel herabhing, war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, durchdringend und sinnend; die Lippen waren rot. Überhaupt war er ein ausgezeichnet konservierter Mann und schien bedeutend jünger zu sein, als er war.
Als Ssonja auf den Kanal hinauskam, waren sie beide allein auf dem Fußsteige. Während er sie beobachtete, hatte er schon ihre Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Als Ssonja ihr Haus erreichte, ging sie durch das Tor, er folgte ihr und schien überrascht zu sein. Im Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer Wohnung war. „Ah!“ – murmelte der Unbekannte und begann hinter ihr her die Stufen hinaufzusteigen. Hier erst bemerkte ihn Ssonja. Sie ging bis ins dritte Stockwerk, bog in den Korridor ein und klingelte an der Türe Nr. 9, wo mit Kreide – „Kapernaumoff, Schneider“ – angeschrieben war. „Ah!“ – wiederholte der Unbekannte, verwundert über dieses seltsame Zusammentreffen, und klingelte an der Türe Nr. 8. Beide Türen waren voneinander kaum sechs Schritte entfernt.
„Sie wohnen bei Kapernaumoff!“ sagte er, blickte Ssonja an und lachte. „Er hat mir gestern eine Weste umgeändert. Und ich wohne hier neben Ihnen bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!“ Ssonja schaute ihn aufmerksam an.
„Wir sind also Nachbarn,“ fuhr er besonders freundlich fort. „Ich bin erst seit drei Tagen in der Stadt. Nun, vorläufig auf Wiedersehen.“
Ssonja antwortete nicht; die Tür wurde geöffnet und sie schlüpfte hinein. Sie schämte sich und schien sich zu ängstigen ...
Rasumichin war auf dem Wege zu Porphyri in besonders aufgeregtem Zustande.
„Das ist prächtig, Bruder,“ wiederholte er ein paarmal, „und ich freue mich! Ich freue mich!“
„Ja, worüber freut er sich?“ dachte Raskolnikoff.
„Ich wußte gar nicht, daß du auch bei der Alten versetzt hast. Und ... und ... ist es lange her? Das heißt, warst du vor längerer Zeit bei ihr?“
„Wie naiv und dumm er ist!“
„Wann? ...“ Raskolnikoff blieb stehen und besann sich: „Ja, drei Tage vielleicht vor ihrem Tode war ich dort. Übrigens, ich gehe doch nicht jetzt hin, um die Sachen auszulösen,“ sagte er hastig und wie besorgt um seine Sachen, „ich habe ja wieder bloß einen einzigen Rubel in Silber ... infolge des gestrigen verfluchten Fieberanfalls ...“
Den Fieberanfall betonte er besonders.
„Nun, ja, ja, ja,“ bestätigte Rasumichin eilig, „also darum auch hat dich ... er damals überrascht ... und weißt du, du hast auch im Fieber von allerhand Ringen und Ketten immer phantasiert! ... Nun, ja, ja ... Das ist klar, alles ist jetzt klar.“
„Also doch! Wie dieser Gedanke bei ihnen sich festgesetzt hat! Dieser da, dieser Mensch ließe sich für mich ans Kreuz schlagen, und er ist doch froh, daß es sich geklärt hat, warum ich im Fieber von Ringen redete! Wie tief es bei ihnen allen wurzelt! ...“
„Werden wir ihn auch antreffen?“ fragte er laut.
„Wir treffen ihn bestimmt an,“ beeilte sich Rasumichin zu antworten. „Er ist ein prächtiger Bursche, du wirst sehen! Ein wenig plump, das heißt, er ist wohl Weltmann, aber ich meine in anderem Sinne ist er plump. Ein kluger Bursche. Er hat nur eine eigentümliche Denkweise. Mißtrauisch, skeptisch, ein Zyniker ... liebt er zu betrügen, das heißt nicht zu betrügen, sondern einen anzuführen ... Er hat die alte Mode auf Indizien ... versteht aber seine Sache, versteht sie gut ... Er hat im vorigen Jahre das Dunkel über einen Mord ausgetüftelt, wo fast alle Spuren schon verloren waren! Er wünscht sehr, dich kennenzulernen!“
„Ja, warum denn sehr?“
„Das heißt, nicht etwa so ... siehst du, in der letzten Zeit, als du krank wurdest, hatte ich viel und oft Gelegenheit, dich zu erwähnen ... Nun, er hörte zu ... und als er erfuhr, daß du Jura studiert hast und infolge allerhand Umstände den Kursus nicht beenden konntest, sagte er, wie schade! Ich folgerte daraus ... das heißt, dies alles zusammen, nicht nur dies eine ... gestern hat Sametoff ... Siehst du, Rodja, ich habe dir gestern in meiner Betrunkenheit, als wir nach Hause gingen, etwas erzählt ... und ich fürchte nun, Bruder, daß du es übertreiben könntest, siehst du ...“
„Was denn? Daß man mich für verrückt hält? Ja, vielleicht ist es auch wahr.“
Er lächelte gezwungen.
„Ja, ja ... das heißt, pfui, nein! ... Nun, alles, was ich sprach ... und auch über anderes, ist Unsinn und in Betrunkenheit gesagt.“
„Ja, wozu entschuldigst du dich! Wie mir das alles zum Ekel ist!“ rief Raskolnikoff mit übertriebener, zum Teil gespielter Gereiztheit.
„Ich weiß, ich weiß, verstehe es. Sei überzeugt, daß ich es verstehe. Ich sollte mich schämen, davon nur zu sprechen ...“
„Wenn du dich schämst, was sprichst du darüber!“
Beide verstummten. Rasumichin war äußerst vergnügt und Raskolnikoff fühlte es voll Widerwillen. Ihn beunruhigte auch das, was Rasumichin soeben über Porphyri erzählt hatte.
„Vor dem muß man auch ein Klagelied anstimmen,“ dachte er erbleichend und mit Herzklopfen, „und es recht natürlich machen. Am besten wäre vielleicht, nichts vorzuklagen. Absichtlich nichts vorklagen! Nein, absichtlich wäre wieder nicht natürlich ... Nun, wie es sich macht ... wir werden ja sehen ... bald genug ... aber ist es gut oder nicht gut, daß ich hingehe? Der Schmetterling fliegt von selbst ins brennende Licht. Mein Herz klopft, das ist nicht gut! ...“
„In diesem grauen Hause wohnt er,“ sagte Rasumichin.
„Am wichtigsten ist es, ob Porphyri es weiß oder nicht, daß ich gestern in der Wohnung dieser Hexe war ... und von dem Blut sprach? Sogleich muß ich es erfahren, beim ersten Schritt, wenn ich hineinkomme, muß ich es ihm am Gesichte anmerken; sonst ... und wenn ich zugrunde gehe, ich muß es erfahren!“
„Weißt du auch?“ wandte er sich plötzlich an Rasumichin mit einem schelmischen Lächeln, „ich habe bemerkt, Bruder, daß du dich seit heute früh in einer ungewöhnlichen Aufregung befindest? Ist es so?“
„In was für einer Aufregung? In gar keiner Aufregung,“ fuhr Rasumichin auf.
„Nein, Bruder, es ist dir tatsächlich anzusehen. Auf dem Stuhl saßest du vorhin, wie du sonst nie sitzest, so nur auf einem Endchen und die ganze Zeit durchzuckte es dich, wie wenn du Krämpfe hättest. Du sprangst mir nichts dir nichts auf. Bald sahst du böse aus, bald verzog sich dein Gesicht plötzlich zu einem süßen Lächeln. Sogar rot wurdest du, besonders als man dich zu Mittag einlud.“
„Nichts von alledem ist wahr, du lügst! ... Was denkst du dir?“
„Ja, und jetzt drehst und wendest du dich wie ein Schulbube? Pfui! Teufel! Er ist schon wieder rot geworden!“
„Was du für ein Schwein bist!“
„Ja, warum wirst du so verlegen? Romeo! Warte, ich will es irgend jemanden heute noch erzählen, ha–ha–ha! Ich werde Mama zum Lachen bringen ... und noch jemand ...“
„Höre mal, höre, aber im Ernste, es ist doch ... Was soll das bedeuten, zum Teufel!“ Rasumichin wurde ganz verwirrt und starr vor Schrecken. „Was willst du ihnen erzählen? Ich bin, Bruder ... Pfui, welch ein Schwein du bist!“
„Du bist wie eine Frühlingsrose! Und wie es dir steht, wenn du es nur wüßtest. Romeo, ein neuer Romeo! Und wie du dich heute gewaschen hast, vielleicht auch die Nägel gereinigt? Ah? Wann war dies zuletzt der Fall? Und du hast dich, bei Gott, mit Pomade eingeschmiert! Beuge dich mal!“
„Schwein!“
Raskolnikoff lachte so stark, daß er sich nicht mehr halten konnte, mit Lachen traten sie auch in die Wohnung von Porphyri Petrowitsch ein. Das wollte eben Raskolnikoff bezwecken, – drinnen in den Zimmern konnte man es hören, daß sie lachend ins Vorzimmer eingetreten waren und dort immer noch lachten.
„Kein Wort hier, oder ich ... zerschmettere dich!“ flüsterte Rasumichin und packte wütend Raskolnikoff an der Schulter.